vonSchröder & Kalender 29.10.2013

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in südlicher Richtung.

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Als wir im Jahr 2006 in unsere neue Wohnung im alten Westen einzogen, beauftragte unser Vermieter Herrn Schulz, sich um alles zu kümmern, was noch repariert werden musste. Also setzten wir uns mit dem ›Handwerker für Alles‹ an den Tisch, um die Einzelheiten zu besprechen. Er trank eine Tasse Kaffee, steckte sich genüsslich eine Zigarette an und sagte: »Es ist warm hier drinnen«, dann öffnete er einen Knopf am Holzfällerhemd. Jetzt wollte er wissen: »Wie haben Sie die Steckdosen sauber gekriegt? Ich habe es auch versucht, der Teer war aber zu tief eingezogen.« Barbara erklärte ihm unsere  Methode und nutzte die Gelegenheit: »Was waren diese Kettenraucher eigentlich für Leute?«  Herr Schulz ließ sich nicht lange bitten, trank noch einen Kaffee, zündete sich noch eine Zigarette an, lehnte sich zurück und erzählte: »Hier wohnte ein Paar ohne Kinder. Sie war Amerikanerin mit italienischen Vorfahren und er, glaube ich, Deutscher. Der Mann saß immer zuhause an seinem Computer. Sie arbeitete in der amerikanischen Botschaft. Wissen Sie«, seine Stimme wurde ehrerbietig, »überall hingen Fotos, da war auch Bill Clinton drauf. Was sie genau machte bei der Botschaft, weiß ich nicht. Aber die beiden sind ganz überstürzt ausgezogen …«

 

Später erklärten wir uns das so: »Das waren bestimmt Agenten, neunzig Prozent des Botschaftspersonals gehört doch ohnehin zum Geheimdienst. Wozu braucht man sonst Botschaften?« Interessant ist nämlich, dass die beiden Kettenraucher genau zu dem Zeitpunkt ausgezogen waren, als die illegalen CIA-Missionen in Europa aufflog. Das lief unter dem Mäntelchen ›Operation Enduring Freedom‹. Die deutschen Dienste unterstützten die CIA unter Umgehung des Parlaments, genehmigten auch die Überflüge der US-Militärflugzeuge Marke Gulfstream über Deutschland zu den CIA-Foltergefängnissen im polnischen Masuren. Auch die Militärstützpunkte auf deutschem Gebiet wurden wie im Vietnam-Krieg als Basen für alle möglichen Schweinereien benutzt. Natürlich hatte dabei die US-Botschaft die Hände mit im Spiel.

 

Wie auch immer, diese zwei Botschaftsmitarbeiter wurden plötzlich abgezogen. Unsere begründete Vermutung war nicht ganz unberechtigt, denn unsere Wohnungstür hat ein schusssicheres Stahlblatt und wird mit zwei Riegelstangen gesichert wie in den New Yorker Railroad Flats. Außerdem gibt es noch einen Hinterausgang, da die Wohnung in den Seitenflügel übergeht. Man könnte jederzeit die Vordertür blockieren und durch die Hintertür verschwinden. Und noch etwas wissen wir genau: Die Agenten hinterließen eine versiffte Küche, bündelweise schwarze Haare im Ausguss und verteerte Steckdosen. Warum ich so auf den Steckdosen herumreite? Na ja, sie waren nicht nur brüniert, sondern bargen noch ein anderes Geheimnis.

 

Das entdeckten wir erst, als wir eingezogen waren und unseren neuen Elektriker zum Anbringen der Lampen bestellten. In der vier Meter hohen Halle konnten wir das nicht selbst machen, denn die Verlegung der Kabel über der abgehängten Rigipsdecke war schwierig. In der Berliner Wohnung hängen zum ersten Mal alle fünf Art-Déco-Lampen wieder als Ensemble wie im Kurhaus von Bad Soden. 1969 hatte ich dort diese Art-Déco-Lampen für ein paar Mark ersteigert und eigenhändig abgeschraubt, bevor das alte Kurhaus abgerissen wurde. Es sind vier Sterne und ein Kronleuchter von einem Meter Durchmesser. Wann immer wir umgezogen waren und dieser Kronleuchter auf dem Boden lag, musste ich an Baudelaires Gedicht vom Albatros auf dem Schiffsdeck denken: »Die großen weißen Flügel traurig hängen / Und an der Seite schleifen wie geknickt …« Auch unser Kronleuchter ist eben nur elegant, wenn er über dem Esstisch schwebt.

 

Die Installation war Schulzes Meisterstück. Toll, was diese Handwerker manchmal leisten, ich hätte geschworen, dass er es nicht fertig bringt, diese schweren Dinger an der Rigipsdecke zu fixieren. Noch heute ist der Elektriker selbst stolz auf sein Werk, und immer, wenn es bei uns irgend etwas zu reparieren gibt, richtet er zuerst den Blick zur Decke und sagt: »Ja, die Lampen!« Nicht nur er, jeder, der uns besucht und vom Flur ins Studio tritt, hebt den Kopf und sagt: »Imposant!« oder einfach »oh!«.

 

Ich greife vor, noch hängen sie ja nicht. Herr Schulz kam mit einer extra hohen Leiter und legte die Kabel für die Art-Déco-Sterne. Als er dabei einen Steckdosendeckel an der Wand abnahm, rief er überrascht: »Was ist das denn?!« Du kannst dir denken, was drin war? Genau, eine Wanze! Und er fand dann noch mehr von diesen Dingern.  Da war unser Elektriker, der sonst für jedes technische Teil das korrekte Wort parat hatte, schockiert. So was hatten natürlich nicht die italo-amerikanischen Botschaftsangestellten eingebaut, sie werden sich ja nicht selbst abgehört haben. Sicher wurden die Wanzen von Diensten anderer Nationen installiert. Agenten bespitzeln sich ja ständig gegenseitig, das kennt man aus der Literatur und aus Filmen. Jedenfalls können wir nun dank den Installationskünsten von Herrn Schulzes, wenn wir Gäste haben, den Witz reißen: »Wir wohnen in der idealen Agentenwohnung, aber lieber elektronisches Ungeziefer als Kakerlaken!« Und es ist deshalb auch kein Wunder, dass wir uns in dieser Bude wohlfühlen, schließlich sind wir selbst Agenten, wenn auch nur der Subkultur.

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(BK / JS)

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