vonSchröder & Kalender 01.09.2014

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***

Es ist neblig, wir sehen nicht, wie der Bär flattert.

***

 

Soho-House Berlin, Foto: Barbara Kalender

 

Eines der größten Buchdruck-Unternehmen Europas, CPi books, hatte vergangenen Donnerstag zum Business Brunch ins Soho House in der Torstraße eingeladen. Das Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit wurde 1928/29 für das »Kredit-Warenhaus Jonass« errichtet. Vor allem prekäre Kunden aus dem Scheunenviertel kauften dort gegen Teilzahlung ein, eine Art Vorläufer von Neckermann. Nach 1933 nahmen die beiden jüdischen Teilhaber Golluber und Haller, um der Arisierung zu entgehen, zwei »deutschblütige« Geschäftsführer in ihr Unternehmen auf. Diese verdrängten die Inhaber, die 1939 in die USA flohen. Die neuen Besitzer vermieteten und verkauften anschließend das Jonass-Haus an die NSDAP. In dem Gebäude residierte fortan die Reichsjugendführung unter Arthur Axmann.

 

Nach 1945 diente das nunmehr »Haus der Einheit« benannte Gebäude als Sitz des Zentralkomitees der SED und wurde als Politbüro Residenz seines Ersten Sekretärs Walter Ulbricht. Am 17. Juni 1953 belagerten aufständige Arbeiter das Gebäude. Über dem ZK im zweiten Stock thronte im dritten Stock bis zu seinem Tode im Jahr 1960 Wilhelm Pieck, der erste und einzige Staatspräsident der DDR.

 

Hier, im denkmalgeschützten Büro des ehemaligen Staatspräsidenten sollte also der CPi-Brunch stattfinden. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen!

 

Balkon-ZK der SED, Jörg Schröder, Foto: Barbara Kalender

Jörg Schröder auf Ulbrichts Balkon, alle Fotos: Barbara Kalender

***

So machten wir uns um neun auf zum Frühstück zu Pieck sel., das fand dann aber leider einen Stock tiefer statt. CPi hatte nicht mit dem großen Andrang von ca. 100 Berliner Verlegern und Herstellern gerechnet, also wich man aus in den Saal des Politbüros im zweiten Stock. Auf Walter Ulbrichts großem Balkon tranken wir einen Kaffee und genossen den Ausblick auf die sonnige Torstraße und den Fernsehturm.

 

Eine kleinliche Bemerkung am Rande: Der Saal des denkmalgeschützten ZK hat einen Unterboden aus massiven Eichenbohlen, die sind schwarz wie auf einem Kohlefrachter und durchgängig mit talergroßen ausgefransten Löchern verunziert. Offenbar dienten diese der Verankerung für die herausgerissene Bestuhlung des Zentralkomitees der SED. Irgendwelche Vandalen hatten das defekte Parkett abgerissen und nicht einmal den Tischler bestellt, um die hässlichen Löcher zu verfüllen. Da hat der Denkmalschutz wieder mal nicht hingeguckt.

 

Politbüro - Soho House, Vortrag CPi, Foto: Barbara Kalender

 

 

Was uns natürlich ebenfalls interessierte, war die Veranstaltung selbst: »Quantum goes colour«. Zunächst stellte  Lars Bertenbreiter die neue thermische Inkjet-Technologie von Hewlett-Packard vor.

 

Damit können jetzt Bücher mit farbigen Illustrationen auch in kleinen Auflagen kostengünstig und umweltfreundlich gedruckt werden. Wir waren die ersten deutschen Autoren, die davon profitierten! Denn die traditionsreiche Druckerei Clausen & Bosse in Leck, sie gehört seit längerem zum CPi-Konzern, druckte als erstes Buch in dieser Technik ›Kriemhilds Lache – Neue Erzählungen aus dem Leben‹ mit farbigen Zeichnungen von F.W. Bernstein.

 

 

Kriemhilds Lache von Barbara Kalender und Jörg Schröder, Illustration F.W. Bernstein

 

Der pfiffige Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag hatte die innovative Sache eingeleitet. Apropos »gedruckt in Leck«, den Kalauer wollen wir uns nicht verkneifen: Die farbigen Illustrationen der neuen HP-Technologie sind nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch noch »leckfest«, was für farbige Kinderbücher einen großen Vorteil darstellt.

 

Und etwas anderes lässt aufhorchen: Sven Linke, Verkaufsleiter von CPi books, konstatierte, dass die Auflagen von Werken im 1. Druck durchschnittlich um 20 % gesunken seien und 70 % der Erstdrucke nie einen Nachdruck erfahren. Dies hat in der Vergangenheit zu hohen Herstellungskosten für Bücher mit kleinen Auflagen geführt und zu entsprechend hohen Ladenpreisen. Diese Entwicklung wird durch die niedrigeren Produktionskosten der neuen Technologie abgebremst. Eine schöne Nachricht für Verleger, Buchhändler und Leser.

 

***

(BK / JS)

 

 

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2014/09/01/auf-ulbrichts-balkon/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.