vonSchröder & Kalender 26.12.2020

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

Mehr über diesen Blog

***
Der Bär flattert in nördlicher Richtung.
***

Diese Geschichte erschien zuerst in ›Schröder erzählt‹: Am späten Vormittag erreichten wir Tafraout. Es war wie im Paradies, keine bettelnden Kinder, keine aufdringlichen Händler störten uns. In dem etwas höher gelegenen Souk schlossen die Handwerker ihre Werkstattzellen vor der Mittagshitze, und die hübschen Berbermädchen in ihren schwarzen Dschellabas mit den goldenen und silbernen Schmuckgehängen kokettierten im Vorbeigehen mit uns. »Endlich mal keine verschleierten Frauen«, seufzte Barbara zufrieden, »hier sollten wir einen Tag bleiben.« So wurde es beschlossen, denn auf der Anhöhe über der Stadt lag einladend das Hotel ›Les Amandiers‹, das im ›Guide bleu‹ vier Sterne hat, was ›très bon hôtel‹ bedeutet.

Blick über Tafraoute zum ›Napoleonskopf. Foto: Julian Nyca – Wikipedia

***

Wir fuhren die Serpentinen hoch, auf dem Plateau vor dem Hotel lag eine bizarre Felsformation, von dort hatten wir eine schöne Aussicht über das Dorf und das Tal. Nach dem Einchecken erkundeten wir diesen Fleck, inspizierten das Felsenmeer, die Flechten, Moose und Sukkulenten, wunderten uns, daß es von Trampelpfaden durchzogen war wie ein Labyrinth. Offenbar hatten alle Touristen vor uns ihre ersten Schritte hierhergelenkt. Als ein Hotelangestellter an uns vorbeiflitzte, sahen wir, daß ein ziemlich steiler Weg geradewegs ins Dorf hinunterführte. Dann bemerkten wir, daß viele Menschen heraufkamen und hinter den Felsen verschwanden. Und erst jetzt erblickten wir in einer Nische an einem dieser Steineier einen hockenden Knaben. Er drehte uns halb den Rücken zu, hatte uns offenbar noch nicht entdeckt. Seine beigefarbene Dschellaba machte ihn auf dem Felsen zum Chamäleon, nur der dunkle Haarschopf hob sich von der Umgebung ab. Doch trotz aller Mimikry blieb uns nicht verborgen, daß die Dschellaba des Jungen heftige Wellen schlug – schlicht gesagt: Der Kerl schüttelte sich einen von der Palme. Schlagartig war uns nun auch klar, was die zahlreichen Kothaufen bedeuteten, die uns auf unserer Exkursion durch dieses Felsparadies aufgefallen waren. Wir hatten sie wegen der dünnen Würstchen für Fuchslosung gehalten. Aber wie du frißt, so scheißt du – die erste Welt dick, die dritte Welt dünn. Und keine Frage, woran der Spanner sich aufgegeilt hatte: am blanken Hintern eines hockenden Menschen uns unbekannten Geschlechts. Ekelhaft! Wir besichtigten die öffentliche Toilette des Dorfes Tafraout! Und ziemlich panisch flohen wir diesen Ort, strebten dem Eingang des Luxushotels zu und lachten uns danach halb tot über unsere eigene Begriffsstutzigkeit, aber auch über die selbstverständliche Lässigkeit, mit der hier Mittelalter und zwanzigstes Jahrhundert nebeneinander lebten. Das sollte an diesem Tag nicht die letzte Lektion in dieser Richtung bleiben.

Natürlich hatte ich, bevor wir eincheckten, den Rezeptionisten ausdrücklich gefragt, ob das Hotel heute nacht geheizt sei. Und er hatte entrüstet geantwortet: »Aber mein Herr, selbstverständlich!« Davon merkten wir nichts, als wir uns abends im Speisesaal niederließen, wir froren jämmerlich trotz Pullover. »Mir reicht’s!« meinte Barbara, »schließlich sind wir in Marokko, wir holen uns jetzt die zwei Tagesdecken aus unserem Zimmer.« Gesagt, getan, wir hängten uns die grobgewebten schweren Dinger über, sie schleiften über den Boden und sahen nicht viel anders aus als die gestreiften Handiras der Berber. Da machten die Kellner im Speisesaal Stielaugen. Die kleine Schar von Touristen, die inzwischen eingetroffen war, saß mit klappernden Zähnen an den Tischen und stocherte mit bläulichen Fingern auf ihren Tellern herum. Sie waren baff und neidisch, trauten sich aber nicht, sich ebenso zu kostümieren wie wir. Und die Nacht in dem ungeheizten Berghotel war dann noch viel kälter als in Agadir, obwohl wir sämtliche Klamotten übereinander angezogen hatten.

(Fortsetzung folgt)
***
Diese Geschichte erschien in ›Schröder erzählt: Pingpong‹ im März Desktop Verlag. Jörg Schröder und Barbara Kalender erzählten, die Transkription der Tonaufnahmen wurde von beiden Autoren redigiert.
***

(BK / JS)

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/schroederkalender/2020/12/26/zwischen-den-jahren-in-tafraout/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.