vonAndreas Herteux 09.01.2022

Objektive Subjektivität

Ein Blog von Andreas Herteux, der sich mit Zeitfragen beschäftigt. Und das immer objektiv-subjektiv. Headerfoto: Berny Steiner / Unsplash

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Der Mensch wird stetig von seiner Umwelt beeinflusst. Eine Erkenntnis, die keinen großen Neuigkeitswert beinhaltet, denn es dürfte allgemeiner Konsens sein, dass externe Stimuli zur Kompetenzbildung, Fähigkeits-, Verhaltungsmuster- und auch Persönlichkeitsentwicklung zumindest beitragen und in manchen Fällen sogar eine zentrale Rolle übernehmen.

Aus dieser Sicht ist die Folgerung, dass sich mit einer Veränderung des Reizrahmens auch der Mensch verändert, wohl eine legitime. In der Vergangenheit gestaltete sich das Ganze oft langsam, fast schon gemütlich. Ein Mensch, der von den 60ern in die 90er versetzt worden wäre, wäre wohl irritiert, ob der Steigerung der Reize, die primär durch wirtschaftliche Kaufimpulse über Werbung oder aus dem Unterhaltungsbereich an ihn herangetragen werden, aber nicht erschüttert, da die Grundlagen des herrschenden Reizrahmens bereits zu seiner Zeit existierten und nur konsequent weiter ausgebaut wurden.  Ja, es mag die Nerven mehr strapazieren und doch ist alles noch abschaltbar. Das Leben wird kaum tangiert, das innerste nicht erreicht.

Der Mensch, der aber aus dem Jahr 2006 in das Jahr 2016 versetzt werden würde, trifft auf eine neuen Welt mit einem völlig anderen Reizrahmen. Die Reize sind überall, werden im Smartphone, dessen Durchbruch erst im Jahr 2007 eingeleitet wurde, herumgetragen, angefordert, dominieren den Alltag und sind für viele unverzichtbar. Abschalten ist nicht vorgesehen und diese Stimuli dringen in die Tiefe des Menschen vor. Sie sind nicht so leicht als Kaufimpuls, politische Manipulation oder Unterhaltung zu identifizieren. Nichts ist mehr klar, alles ist vernetzt und verschwommen.  Nicht das Smartphone ist die Neuerung, das wird in den nächsten Jahren an Bedeutung verlieren, sondern die Allpräsenz der Stimuli und der Wunsch nach Interaktion nach ihnen. Das Innerste hat, zumindest in vielen Fällen, seine Tore nun bereitwillig geöffnet. Eine Konditionierung auf Reize; erfolgt in so wenigen Jahren. Der Homo stimulus ist geboren und inzwischen die dominierende Variante des Homo sapiens.

Das hat Konsequenzen, denn dieser neue Reizrahmen, der intensivste der bisherigen Geschichte, hat auch den Menschen verändert. Hierfür gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen, die sich einerseits darum bemühen, diesen neuen Reizrahmen des kollektiven Individualismus zu erfassen, andererseits aber auch die Folgen aufzuzeigen.

Springen wir, um ein signifikantes Beispiel zu wären, zu einem Bereich, der, dank der Corona-Pandemie in aller Munde ist, der Pflege. Die Pflegeuntersuchung der Erich von Werner Gesellschaft sowie deren Einbettung in den aktuellen Stand der Forschung legen beispielsweise nahe, dass die verhaltenskapitalistischen Reizrahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts zu Veränderungen von Kompetenzen, Fähigkeiten und Verhaltensmustern der aktuellen und künftigen Pflegeauszubildenden geführt haben. Diese würden zu einer erschwerten Rekrutierung des Pflegenachwuchses sowie zu hohen Abbruchquoten beitragen, aber bislang nicht in einem angemessenen Umfang berücksichtigt werden. Folgendes wird dabei benannt:

  • Eine operante Konditionierung auf schnelle, künstliche und hochfrequentierte Reize durch die Etablierung von verhaltenskapitalistische Belohnungssystemen
  • Veränderte Kompetenzen
    • Multitasking
    • Non-lineares Denken
    • Mobile Mediennutzung
    • Multimodale Verarbeitung (Sprache, Ton, Bild)
    • Kollaborative Zusammenarbeit
    • Komplementäre Entwicklungen
  • Neuprägung der Identität durch Identifikationsdissonanz zwischen gesellschaftlicher und individualisierter Rolle
  • Neue soziokulturelle Vielfalt durch Milieukämpfe- und Erosionen
  • Mögliche Veränderungen von Hirnstrukturen; hier ist eine langfristige Beobachtung anzuraten

In der Summe ist eine Tendenz zum Homo stimulus erkennbar. Der neue Auszubildende ist „anders“ und dies erfordert angepasste und neue Strategien für die Gewinnung, Ausbildung, Motivation und das dauerhafte Halten von Auszubildenden in der Pflege.
Die Erich von Werner Gesellschaft empfiehlt daher ergänzend dem Auszubildenden- und Fachkräftemangel auf folgende Art und Weise zu begegnen:

  • Einführung eines Pflegeausbildungsbelohnungssystems (PABS)
  • Entwicklung eines Reizrahmenorientiertes Pflegeausbildungsmarketing (RoPam)
  • Einführung einer Reizrahmenorientierte Pflegeausbildungsevaluierung (RoPav)
  • Einbau des kollektiven Individualismus in den Unterricht
  • Anpassung der Ausbildung an den Homo stimulus

Die vollständige Untersuchung wird am 15.01.2022 in Buchform erscheinen. Eine Kurzpräsentation der Inhalte findet sich unter der DOI 10.5281/zenodo.5771019.

Zweifellos sollten sich die Untersuchungen in diesem Bereich noch intensivieren, was aber für Auszubildende in der Pflege gilt, kann auf diese Art und Weise auch auf anderen Auszubildenden, Studenten oder Mitmenschen übertragen werden:

Der Homo stimulus hat weiter Verbreitung und es ist sogar anzunehmen, dass die teilweise soziale Isolation während der Corona-Pandemie, dessen Etablierung noch weiter dynamisiert hat. Das Reizumfeld hat sich verändert und auch der Mensch.

Es braucht daher in Zukunft völlig neue Strategien der Anpassung. Nicht allein für die Ausbildung, nicht nur für das Studium, sondern für das Zusammenleben, für die Selbstverständlichkeit, für die Gesellschaft an sich.

 

Literaturempfehlung:

Neue Herausforderungen in der Krankenpflegeausbildung im 21. Jahrhundert
Ausbildungsergänzungen für das Zeitalter des kollektiven Individualismus

1. Auflage

Erich von Werner Verlag

Andreas Herteux
230 Seiten
ISBN: 9783948621476
E-Book-ISBN: 9783948621483
EUR 49,99 (D)
EUR 29,99 (Ebook)

ET 15.01.2022

Neue_Herausforderungen_in_der_Krankenpflegeausbildung_im_21. Jahrhundert_Herteux
Ausbildungsergänzungen für das Zeitalter des kollektiven Individualismus

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