vonErnst Volland 14.02.2011

Vollands Blog

Normalerweise zeichnet, schneidet, klebt Ernst Volland, oder macht Bücher. Hier erzählt er Geschichten.

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Volland: Welche Rolle spielen Frauen auf Jamaica. Die Rasta- und Reggaemusik scheint ja nur von Männern geprägt zu sein.

Zahl: Die Nationaldichterin Lou Bennit sagte einmal: „Die Frau mag aus Adams Rippe gemacht worden sein, aber jetzt ist sie das Rückgrat der Gesellschaft.“ Jamaica ist eine matriarchale Gesellschaft. Großgezogen am Hof der Mutter, der Großmutter, der Tante. Die Einflüsse sind so groß, dass die Diskussion hier ganz andersherum geführt wird. Hier wird diskutiert, Männer zu quotieren. Siebzig % der Abiturienten sind Mädchen, achtzig % der Uni- Abgänger sind Frauen. Seit 1962 gelangen Frauen in Wissenschaft, Wirtschaft und Versicherungswesen in führende Positionen. Männer spielen kaum eine Rolle, was von diesen jedoch mit Aggressivität und Gewalt beantwortet wird. Die Jungen ernähren sich durch Hafenarbeiten, Hilfsarbeiterwerken, Seemannsarbeit, Farmen, Auswandern- die werden es irgendwie schaffen, heißt es. Und wenn man hier etwas länger lebt, dann merkt man, dass die Frauen sehr dominant sind, also wirklich das Sagen haben. In der Musik ist das etwas anderes, weil auch in Afrika die Musik eine Männerdomäne ist.
Eine Frau darf die Trommel nicht anfassen. Eine Trommel ist in Westafrika die Nachbildung des weiblichen Beckens; das erste Geräusch, das man in seinem Leben gehört hat, ist der Herzschlag der Mutter und deshalb tanzen die Frauen und die Männer trommeln. Es gibt natürlich auch sehr viele Reggae- Sängerinnen und weibliche Djs mit großem Erfolg. Eine Künstlerin dieser Insel heißt Lady Sow, weil sie dermaßen obszöne Texte singt, dass die Verse von Yellow Man wie Pfadfindertexte klingen. Und jetzt hat die Auftrittsverbot in Montego Bay wegen Obszönität. Ich habe gerade ihre letzte Platte gekauft, mit Video. Da ist nichts Obszönes, wie man vielleicht denkt. Obszön ist für mich, wenn Politiker Versprechen machen, die sie nicht halten, obszön ist der schlechte Service in den Krankenhäusern etc.

V.: Haben Frauen Schlüsselpositionen an entscheidenden wirtschaftlichen Stellen?

Z.: Es gibt eine Frau aus dem Getto von Kingston, die sich hochgearbeitet hat, beinhart; sie ist überall populär. Es ist das erste Mal, dass sechzig % der Jamaicaner sagen, sie sollte Premierministerin werden. Vorher haben die Männer auf diese starke Position ideologisch reagiert. Die Rasta in der Form, dass sie sagen, nach dem Alten Testament muss die Frau drei Schritte hinter dem Mann hergehen. Dass im 20. Jahrhundert die Emanzipation der Frau erst nötig wurde eben durch die Wirtschaft, dass sie die Frauen in der Kriegsindustrie brauchte, und als dann auch die Röcke und die Haare kürzer wurden- Emanzipation ist ja erst mal die wirtschaftliche Emanzipation der Frauen….

V.: Moment, ich wiederhole meine Frage. Haben die Frauen entscheidende Positionen inne?

Z.: Ich würde sagen im Gesundheitswesen sowieso. Im Versicherungswesen, im Bankenwesen, selbst die Präsidentin des Ingenieurverbandes ist eine Frau. Man kann jetzt natürlich nicht erwarten, dass in dreißig Jahren Unabhängigkeit alles so schnell vorangeht. Dafür, dass es ja erst dreißig Jahre her ist, sind die Errungenschaften der Frauen phänomenal.

V.: Das Land besitzt sehr viel Sonne, etliche Strände und Palmen. Seit wann gibt es Tourismus?

Z.: Ich bin ein bisschen beunruhigt über den Tourismus hier, weil der ja praktisch völlig chaotisch vor sich hin wächst, ohne irgendwie geplant oder überlegt zu sein. Ich habe positive Erlebnisse gehabt in Grenada, 1983, und 1984 auf den Seychellen, wo ein kluge Staatsführung gesagt hat, so und soviel Prozent Tourismus kann unser Land vertragen, mehr wollen wir nicht. Bei uns hier an der Nordküste oder in anderen Urlaubsländern ist es ja so, dass das meiste Geld ,das im Urlaub ausgegeben wird, automatisch wieder ins Ausland zurück fließt, weil sowohl die Fluggesellschaften als auch die Hotelketten alle den großen Multis gehören. Auf Jamaica ist die Sache ein wenig anders. Im letzten Jahr haben sehr viele hiesige Leute Hotels gekauft, auch von den Multis und sehr erfolgreich weiter geführt. Früher gab es in Jamaica einen Edeltourismus. Der kam fast gleichzeitig mit dem Bananenexport. Das ist erst Ende des 19. Jahrhunderts herausgefunden worden, dass man die Bananen mit der gelben Schale essen kann, die grünen wurden an die Schweine verfüttert. Ein amerikanischer Kapitän hat festgestellt, als die Bananen während der Überfahrt reiften, dass man sie pellen und essen kann. Er verkaufte sie für 1 Dollar pro Stück, ein Schandpreis! Darauf folgte der unglaubliche Bananenboom in Port Antonio, wo alle diese schönen Lieder von Harry Belafonte herkommen. Mit den Bananenfrachter tauchten dann die Edeltouristen aus den USA und England auf.

V.: Wann war das in etwa?

Z.: Von 1900-1930. 1930 ging auf Grund einer großen Finanzkrise der Tourismus zurück. 1938 gab es große Unruhen, die Gewerkschaften wurden gegründet, antikoloniale Bewegungen fingen an, auch gegen die Briten, bis die Insel 1962 selbstständig wurde. Der schönste Strand von hier ist Fairy Hill, dort sieht man am Sonntag eine schöne bunte Mischung, viele kommen aus der Hauptstadt Kingston hier her.

V.: Gibt es neben dem allgemeinen Tourismus auch so etwas wie Drogentourismus?

Z.: Unter einemist eine der Attraktionen die Insel Ganja Marihuana, zum zweiten kommen die ganzen Reggae Liebhaber her, selbstverständlich. Dann haben wir einen Sextourismus von Frauen in der Karibik. Die Männer fliegen nach Thailand, die Frauen kommen nach Jamiaca. „Rent a dreads“, „miet die eine Dreadlocke“. Hier fahren die Frauen auf einen bestimmten Männertypus ab. Und diese Männer selber gelten als Gespött für hiesige Frauen. Außerdem: Dies ist ein schwulenfeindliches Land. Schwule sollten lieber auf die Seychellen fliegen als nach Jamaica zu kommen. Erwachsene sind hier heterosexuell.

V.: Du vermietest ja auch. Wie funktioniert das?

Z.: Minimalst. Ich habe, als mein Geld langsam zu Ende ging, von meinem Schelmenroman offiziell eine Hütte gemietet. Eines Tages kam der Sergeant aus der nächsten wache und bat mich ziemlich grob zu sich rüber. Ich sagte: Du disrespektierst mich, ich hau die gleich die Zähne ein.“ Er antwortete: „Entschuldige, aber mein Superintendent möchte dich gerne sprechen.“ Und der stolzierte in dem Moment durch die Tür. Ein Herr in Khaki- Uniform mit Mütze und einem Offiziersstock unter dem Arm. Das ist der höchste Polizist im ganzen Bezirk. Er lud mich zu sich ein, bot mir etwas zu Trinke an und fing langsam ein Gespräch an.
„Ja, wir haben gehört, du warst im Gefängnis.“
„Ja.“
„Dürfen wir erfahren, wie lange?“
„Zehn Jahre.“
Nach einigem Zögern.
„Dürfen wir den Grund erfahren?“
„Schießerei mit Bullen.“
Da war er echt betroffen, wie man in Deutschland so schön sagt. „Bad boy“- Das ist hier ein stehender Begriff für die groben Typen aus der Unterstadt. Ich sage: „Ja das war ich.“
„Was bist du jetzt?“
„Ich bin noch badder!“
Da hat er mit der Faust aufs Knie geschlagen und gesagt:
„Respect.“
Das wäre bei deutschen Polizisten undenkbar.

1968 druckte Peter Paul Zahl in seiner Druckerei für die Edition „Galerie am Abend- Berlin, das Buch „Doppelfenster“, Gedichte Wolfgang Menzel, Zeichnungen Ernst Volland.

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