Barbershop
Am S-Bahnhof Feuerbachstrasse schließt der Zeitungsladen für immer.
Es finden Umbauten statt und wenig später eröffnet ein Barbershop mit einem Lockangebot von 10 Euro für jeden Herrenschnitt.
Ich lasse meine Haare von Frauen aus dem Bekannten und Freundeskreis schneiden, mit dem einen Problem, diese Frauen stehen nicht immer zur Verfügung. Es sind zwei Frauen, die meine Haare gut schneiden, aber sie haben oft dann keine Zeit, wenn ich das schneiden für dringlich halte, oder keine Lust, was sie durch verschleiernde Redewendungen ummänteln. „Deine Haare sehen noch ganz passabel aus“, oder „Ich finde gerade meine Spezialschere nicht.“
Nach einem Reha Aufenthalt erscheinen mir die Haare wieder einmal zu lang und beide Frauen stehen für einen Haarschnitt in dieser Woche nicht zur Verfügung.
Haare sind ein sensibles Thema. Sie dürfen nicht zu kurz geschnitten werden und nicht zu lang. Das ist der Auftrag vor jedem Schnitt. Meine Frisur, mit einem Mittelscheitel und lang über die Ohren, gilt als eine Art Markenzeichen meines Profiles, besonders wenn ich mit beiden Händen die Haare mit Schwung auf dem Kopf nach hinten schiebe.
Kurz steht mir nicht und seit Jahrzehnten gehe ich kein Risiko ein. Also eher lang als kurz.
Ich komme wenig später am Barbershop vorbei und gehe, ohne lange zu überlegen, in den kleinen Friseursalon. Vor zwei Spiegeln stehen 2 Sessel für das Schneiden der Haare.
Ein Mann steht im Raum und spricht mit dem Friseur in türkischer Sprache, die ich nicht verstehe. Der Friseur hat gerade einen Kunden in Arbeit, die Schere in den Händen des Friseurs klackert, der Kunde sitzt in einem gemusterten Umhang im Sessel vor dem Spiegel.
„Muss ich bei Ihnen türkisch sprechen?“, frage ich. „Nein, nein, kommt die spontane Antwort von allen dreien, wobei sich der sitzende Kunde neugierig umdreht, um zu sehen, wer der neue Kunde ist, der gerade hereingekommen ist.
„Dauert es lange bei Ihnen,“ frage ich. „Nein, nur 15 Minuten, dann sind Sie dran.“ In diesem Augenblick steht der Kunde aus seinem Sessel auf, stellt sich vor mich in seinem gemusterten Umhang und sagt
„Sie können vor mir dran kommen, ich kann warten.“ Die beiden anderen wiedersprechen nicht. Der Friseur bestätigt mit den Worten „Bitte setzen Sie sich,“ das freundliche Angebot des gerade behandelten Kunden. „Bitte setzen Sie sich“.
Ich setze mich in den Sessel. Der Kunde im Unhang macht es sich im zweiten Sessel bequem und verfolgt von dort die Aktionen des Friseurs. Dieser fragt nicht nach meinen Wünschen, er fängt sofort an zu schneiden. Ich lasse es geschehen. Nach 15 Minuten sind die Haare kurz, wie seit 50 Jahren nicht mehr. Ich sehe eine fremde Person im Spiegel. Der Kunde, immer noch im gemusterten Umhang, sagt „Sie sehen jetzt aus wie 18.“
Ich erinnere mich an ein Foto, auf dem ich 11 Jahre bin und auf dem ich eine ähnliche Frisur hatte. Man nannte die Frisur damals „Pisspottschnitt“. Damit war gemeint, einen Topf auf den Kopf stülpen und einfach ringsherum die Haare abschneiden.
Am ersten Tag verberge ich die neue Frisur unter einer Mütze. Am nächsten Tag gehe ich in ein Cafe, dort treffe ich eine Freundin. Ich überlege, die Mütze beim Besuch aufgesetzt zu lassen, kein ungewöhnlicher Vorgang, oft tragen Männer ihre Mützen auch drinnen. Doch dann entscheide ich mich, sie abzunehmen und betrete mutig das Cafe.
„Was für eine Überraschung“, sagt meine Freundin, „du warst beim Friseur.“
Ich setze mich. „Frisch, fast jugendlich, steht die gut, sieht echt gut aus.“ In diesem Moment erscheint eine zweite Freundin.
„Ich hätte dich fast nicht erkannt“, sagt sie, „eine neue Frisur. Klasse, sieht gut aus, so frisch.“
Haare sind sensibel, sie sie sollten nicht zu lang sein und nicht zu kurz. Das war einmal der Auftrag vor jedem Schnitt.

Zeichnung: Ernst Volland