
Das Versorgungsschiff
Als Schüler fuhr ich vier Jahre lang mit dem Zug von Wilhelmshaven nach Varel, einen kleinen Stadt, in der Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.
Die Schule und etliche Lehrer motivierten mich nicht, besonders fleißig zu sein,
da auch an der Schule selbst ein rauher Ton herrschte, den einige Lehrer mit brauner Vergangenheit noch nicht abgelegt hatten. Ich besuchte die Schule pflichtgemäß und regelmäßig, doch eines Tages entdeckte ich ein Angebot einer kleinen Versorgungsfirma, die große Tanker belieferte, die vor der Wilhelmhavener Ölbrücke parkten, um gelöscht zu werden. Die Tanker nutzten diese Zeit, um Lebensmittel, Werkzeug und diverse Materialien wie Farben und Taue zu ergänzen oder zu erneuern.
Ich hatte den Job schon ein paar Mal gemacht, allerdings nur an einem Tag. Jetzt liegt ein Angebot vor, eine ganze Woche täglich morgens rauszufahren und am späten Nachmittag wieder im Hafen zu sein. Einen Tag die Schule zu schwänzen war kein Problem, aber eine ganze Woche? Natürlich lockte die „Heuer“, wie die Seeleute zum Sold oder Gehalt sagen, sie ist für einen Schüler sogar exorbitant hoch, so viel hatte ich in fünf Tagen noch nie auf einen Schlag verdient.
Es war Sommer und kurz vor den Sommerferien und man merkte bereits, wie sich alle Schüler nach einer langen Auszeit von der Schule sehnten und auch die Lehrer die Zügel etwas lockerer ließen. Die Zeit schien günstig, um eine Woche von der Schule fernzubleiben. Ich sagte der Versorgungsfirma also zu.
Zwischen Wilhelmshaven und Varel liegen 30 km, die Großstadt verschluckt vieles und bietet Schutz, auch vor Lehrern. Niemand wird mich besuchen und nach mir fragen.
Meinen Eltern erzähle ich nicht von dieser Arbeit, weit draußen auf der Nordsee. Sie hätten mir diese Extraarbeit für eine Woche nie erlaubt.
Morgens wird das Versorgungsboot mit der Fracht für den Tanker beladen, dann tuckert das Schiff eine Stunde ganz nah ran an den Bauch des riesen Tankers. Dort endlich angekommen, ich werde regelmäßig sehkrank, legen wir seitwärts an, eine Strickleiter fällt herunter und wir gehen an Bord. Ein Kran hievt die Fracht auf das Deck. Wir verteilen die Waren zu den jeweiligen Standorten, machen eine Pause und werden nach einigen Stunden Arbeit vom Koch in die Kombüse gebeten. Seeleute essen gut und reichlich und so langen alle zu.
Dann wird noch einmal angepackt und nach einem langen Tag geht es jetzt zurück zum kleinen Hafen. Vorher bekommen wir, die drei Arbeiter vom Versorgungsschiff je eine zollfreie Stange Chesterfield Zigaretten und das ist wie Weihnachten.
Die Seeluft macht müde und so bin ich zum Erstaunen meiner Eltern schon früh im Bett.
Der dritte Tag ist vorbei und ich merke, wie mich die ungewohnte körperliche Arbeit immer müder werden läßt. Noch zwei Tage, sage ich mir und stehe am nächsten Morgen früh auf, um mit dem Fahrrad zum Versorgungsschiff zu fahren. Wieder muss ein neuer Tanker versorgt werden. Die Ware wird am Kai kontrolliert und geht dann in einzelnen Paketen, großen Dosen oder Meter hohen bauchigen Flaschen aufs Schiff. Ich stehe auf der Ladefläche des Schiffes, als eine dieser großen Flaschen in einem dicken Netz aus Tauen
plötzlich ausschwenkt, gegen die obere Kante der Reling scheppert, dort wo ich stehe, und vor meinen Füßen zerplatzt. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, bin benommen und merke, wie ich an der rechten Hand blute.
Schreie hinter mir. „Haut ab, da ist Schwefelsäure drin, haut ab.“ Ich sehe, wie die beiden anderen Arbeiter von Bord springen und bleibe weiterhin wie angewurzelt stehen. Ich schaue auf meine Füße. Irgendetwas zersetzt meine alten Lederschuhe, beide Socken sind verschwunden und von den Hosenbeinen ist bis zum Knie kein Stoff mehr zu sehen. „Was ist das, denke ich, was ist das“. Schwefelsäure, wie gerufen wurde, sagt mir nichts.
Ich stehe ich auf der Kaimauer und warte. Irgendetwas muss passieren in diesem Durcheinander.
Am Kai tauchen mehrere Zuschauer auf. Ein hellblauer VW steht nicht weit vom Schiff entfernt. Der Fahrer schaut aus dem Fenster und steckt sich gerade
eine Zigarette an.
„Der Mann braucht Hilfe, schnell. Fahren Sie ihn bitte ins Krankenhaus.“
„Nee der blutet ja, und versaut mir meinen neuen Sitze. Tschüss. „
Irgendjemand ruft einen Krankenwagen. Ich setze mich auf einen Poller und warte ab. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig, denn niemand kann erste schnelle Hilfe leisten. Inzwischen hat die Säure das Schuhleder angefressen, die Schuhe hängen wie Lappen an meinen Füßen. Erst jetzt bemerke ich den Schmerz. Endlich kommt der Krankenwagen. Wie es das Schicksal so will, 50 Meter vor mir bleibt er stehen. Motorschaden. Doch da fährt ein großer Mercedes in hohem Tempo auf die Pier, direkt vor zu mir. Der Besitzer der Versorgungsfirma und ein Mitarbeiter tragen mich auf den Rücksitz des Mercedes und fahren mich in ein Krankenhaus.
Am nächsten Morgen kommt ein Arzt zu mir ans Bett. Er hält Röntgenaufnahmen in der Hand, die von meinen Füßen noch am Tag zuvor gemacht worden sind. Ohne diese mir zu zeigen sagt er.
„Wir können noch nichts genaueres sagen, Sie haben schwere Verbrennungen an ihren Füßen, besonders am rechten. Wir hoffen, wir können Ihren Fuß erhalten und er wird nicht amputiert. Morgen wissen wir mehr. Ekelhaftes Zeug diese Schwefelsäure.“
Die Tür geht auf. Meine Eltern betreten das Krankenzimmer, in dem noch vier weitere Patienten mit Knochenbrüchen liegen.
„Mein Junge, was ist passiert, mein Junge.“ meine Mutter weint. Mein Vater trägt eine ernst Miene.
„Warum hast du uns nichts gesagt,“ meine Mutter schluchst leise.
Ich bleibe stumm.
„Sag doch was Junge. Wir sprechen jetzt mit den Ärzten.“ Sie gehen beide aus dem Krankenzimmer.
Am nächsten Tag erscheint der gleiche Arzt und verkündet freudestrahlend, dass der Fuß gerettet werden kann. Er wird nicht amputiert.
„Das ist die positive Seite“, sagt er. „Die negative Seite besteht darin, dass Sie sechs Wochen im Krankenhaus bleiben müssen, so lange dauert der Heilungsprozess.“
„Sechs Wochen, antworte ich, ,das sind ja die ganzen Sommerferien.“
„Jede Sache hat zwei Seiten,“ aber nach sechs Wochen können Sie wieder ganz normal laufen.“
In den sechs Wochen lerne ich nette Ärzte, freundliches Personal und einige echte Kumpels in den Betten neben mir kennen. Ein Highlight ist die Fußballweltmeisterschaft in England, die wir gemeinsam an einem schwarz/weiß Fernseher im Krankenraum sehen können.
In der Schule wurde kolportiert, ich hätte mich beim ätzen einer Kupfertiefdruckplatte schwer verletzt.
Der Chef der Versorgungsfirma verdoppelt zum Trost für die Schmerzen meine Heuer, so daß ich sicher bald wieder auf dem Schiff bin, um die Tanker zu versorgen.