vonmaggie 30.01.2026

Widerhaken

Literaturkritiken. Oder: ein Versuch, nicht den Kopf zu verlieren, zwischen all den Worten die so herumirren in unserer wundervollen Welt.

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Inhalt

Johanna Wolfgang von Goethe triff Caspar David Friedich – zwei Menschen, die wohl unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Goethe ist die feste Instanz der Bewertung des guten Stils – Friedrich dagegen eher unbekannt, geht neue Wege in der Malerei. Goethe ist gesundheitlich am Ende seines Lebens angekommen und spürt dies umso deutlicher Friedrich gegenüber, der in bester Gesundheit Wanderungen unternimmt und schroffe Berge erklimmt. Während Goethe sich trotz seines fortgeschrittenen Alters nach der jungen Damenwelt sehnt und diese Neigung eine feste Instanz in seinem Leben ist, ist Friedrich von ernsthaftem Interesse und Neugier bei jungen Verehrerinnen – und schert sich kaum darum. Goethe ist unbestritten reich, wortgewandt, belesen, kosmopolitisch – und festgefahren in seinen Ansichten. Friedrich kommt aus armem Haus, ist ein unfreiwillig hungernder Künstler und fast Analphabet. Doch er ist frei – ohne Familie, Bekanntheit, Verpflichtungen.

Auch ihr Kunststil widerspricht sich grundlegend. Goethe steht für die Klassik mit allen ihren Idealen, aber auch mit ihrem Gesamtheitsanspruch. Friedrich dagegen malt Bilder, auf denen man wenig sieht, viel Nebel, viele Wolken, viel Gefühl – und verkörpert mit seinen Bildern (charakteristisch für die Romantik) eine tiefe, kompromisslose Betrübtheit. Gerade davon sieht sich der alternde Goethe, der alles versucht um sich Vergnügen und Jugend zu erhalten, geradezu persönlich angegriffen.

Sie begreifen jeweils das Genie der anderen Person – und auch wenn sie vielleicht voneinander profitieren könnten, sind sie doch zu gegensätzlich Pole. Schlussendlich entzündet sich nur bei der Erwähnung des Anderen die Luft.

 

Zum Autor

Lea Singer studierte Kunstgeschichte, Gesang, Musik- und Literaturwissenschaft und ist promovierte Kunsthistorikerin. Sie schreibt historische Romane sowie unter dem Namen Eva Gesine Baur Sachbücher, oft Biografien über Künstler. Sie wurde mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichnet und lebt in München.

 

Historische Romane als lebendige Geschichte

Ein historischer Roman unterliegt zwei Gruppen von Kritikern: einerseits den Belletrist*innen, die das Werk anhand von Spannung, Sprache, Unterhaltungswert usf. kritisieren, und anderseits, den Geschichtswissenschaftler*innen, die anhand von geschichtspolitischer Sorgfalt kritisieren. Er muss also vielem gerecht werden.

Dafür hat ein historischer Roman aber auch das Potenzial, geschichtliches Wissen besonders zu fördern – besonders Kontextwissen, die Fähigkeit verschiedene Perspektiven einzunehmen und kritisches Denken. Diese Idee von Kunst und Lebensführung, die im Unterricht nie so ganz verständlich geworden ist, wenn man über Goethes „Italienreise“ und sein „Streben nach der schönen Seele“ sprach, wird in Anatomie der Wolken greifbar. Man „liest“ Goethes Gedanken und ist hautnah an seinen Entscheidungen beteiligt – und das alte, abstrakte Genie Goethe, dass man immer nur in schwarz auf weiß gedruckt gekannt hat, wird plötzlich menschlich.

Außerdem ist ein historischer Roman zugänglicher, da er unabhängig von sprachlich schweren Originalquellen ist – aber dafür ist er aber auch immer nach einem bestimmten geschichtlichen Bild geprägt und sollte keinen allgemeinen Anspruch auf Richtigkeit oder Vollständigkeit enthalten. Bemerkenswert in Anatomie der Wolken ist deshalb auch die kurze historische Abhandlung zum Schluss, die die Geschichte wissenschaftlich ausführt und einordnet.


ISBN: 978-3-311-15096-1

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