vonWolfgang Koch 17.09.2013

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

Mehr über diesen Blog

Würde? Der Mitbegründer, Miteigentümer, Herausgeber und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter versteht unter diesem Begriff ein Humanum – jene Haltung, die ich gegenüber meinem eigenen Menschsein einnehme. Diese besondere Fähigkeit, sich an sich selbst aufzurichten und Rückgrad zu zeigen, spricht Thurnher allerdings wandernden indischen Saddhus gleich wieder ab; der Hinduismus, sagt er, verfüge über kein Konzept der Würde.

 

Die These vom massiven Gewicht dieses Wertes in der Globalgesellschaft funktioniert nur vor dem Hintergrund einer idealisierten attischen Demokratie. In Anlehnung an Panajotis Kondylis versteht Thurnher Würde als einen natürlichen Ausfluss der Polis – sie verlangt Anmut, Haltung, Selbstdisziplin und den bezwingenden Stil der Vortrefflichen.

 

Wir landen hier in einem weiten, aber gedanklich kaum ausreichend fundierten Assoziationsfeld. Sehr schöne schriftstellerische Vorstellungen wechseln sich ab mit billigen Pointen, wie man sie in Wiener Kabaretthäusern schätzt. Einen  derben Beigeschmack hinterlässt etwa Thurnhers Behauptung, dass schon »das bloße Dasein« von Konkurrenzmedien zu seinem eigenen Unternehmen die Menschenwürde verletzte (Seite 11). Das macht die Debatte unbehaglich.

 

Als ein besonders gelungenes Staatsschauspiel würdigt Thurnher den norwegigen Ministerpräsidenten Jens Stoltenberg, der zwei Tage nach dem Breivikschen Massenmord 2011 unter Tränen sagte, Norwegen bleibe eine offene Gesellschaft.

 

Was war daran würdig? Der Ort, an dem es geschah: eine Kirche? Die Wörter? Die hoheitlichen Tränen angesichts der  Opfer?

 

Nach Thurnhers Logik müsste die von Stoltenberg gerettete Würde in der demnächst zu erwartenden Promotionfeier des Täters als frischgebackener Staatswissenschafter in der Haftanstalt Skien ihren Gipfel erreichen.

 

Wer, bitte, möchte da dem Massenmörder in seiner Studierzelle zuprosten? So tölpelhaft wie ihren norwegischen Ableger hat sich das Ideal einer offenen Gesellschaft bisher wohl kaum jemand vorgestellt.

 

An anderer Stelle kritisiert Thurnher vehement die Idee einer »wehrhaften Demokratie«; sie habe im Kalten Krieg einen Generalvorbehalt gegen Volkssouveränität in Westeuropa eingeführt. Diesem Konzept mangle es an demokratischer Legitmität, sagt er.

 

Das passt leider nur zu gut zum pastoralen Pathos einer mehr um die Gleichheitsrechte ihrer Feinde als um die Sicherheit ihrer Jugend besorgten Demokratie.

 

Müsste es einen guten Essayisten nicht misstrauisch stimmen, wie leicht der Inhalt von Würde durch Begriffe wie Credibility, Majestät, Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Sexiness oder Stolz substituiert werden kann? Kinder entwickeln nicht zufällig ein Unwohlsein hinsichtlich ihrer Selbstwürde – sondern weil Erwachsene ein großes Misstrauen gegen ihre Bereitschaft zu kooperieren hegen.

 

Dass das begriffliche Gegenüber von Würde, nämlich Verachtung, absichtvolle Herabwürdigung, eine durchaus wertvolle Alternative zu Hass und Ekel sein könnte, das kommt Thurnher gar nicht erst in den Sinn.

 

Der Band Republik ohne Würde bleibt damit ein hübscher Partywirbel aus intellektuellen Spezialeffekten. Ein ganzes Arsenal an Krachern wird abgefeuert. Doch rückt dieses Feuerwerk der alltäglichen Physik des österreichischen Unglücks irgendwo wirklich zuleibe?

 

Thurnher spricht nie über Gesetzeswerke, die allesamt komplex sind, sondern über Portiere und das Mobilar in Regierungsstuben. Dass Österreichs Politik spart, wo sie dringend regulieren müsste, stimmt natürlich. Aber das Verhältnis von Politik und Medien ist auch in Österreich ein zutiefst symbiotisches, wobei Medienleute ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung notorisch überschätzen.

 

Das tun PolitikerInnen selten. Die Volksvertreter der Alpenrepublik vertraut seit eh und je auf der Kraft ihrer persönlicher Präsenz: auf Händeschütteln und Schulterklopfen, auf des unverzichtbare Begrüssungsschnapserls und die unsichtbar lenkende Hand bei der Wohnungsvergabe, bei der Umwidmung von Acker- in Bauland, bei der Job- und bei der Schulplatzsuche.

 

Österreich wird in den stabilen Strukturen dieser korruptionistischen »Bürgernähe« gelebt, gelenkt von einer stets kooperativen Cliquenwirtschaft, organisiert in Seilschaften der Machthaber innerhalb und außerhalb der Parteien, innerhalb und außerhalb der Verwaltung.

 

Hier liegt der austriakische Hund begraben, und nicht im Klüngel der Regierungspitze mit dem Boulevard, den Thurnher unablässig im Auge hat und so beschreibt: »Medien fürchten, dass die Politiker nicht zahlen, Politiker fürchten, dass die Medien nicht stillhalten«.

 

Der Journalist Samo Kobenter hat 1997 von Österreich als einer »Republik der Sekretäre« gesprochen; das traf den Sachverhalt durchaus präziser als die »Republik ohne Würde«.

 

– Wird fortgesetzt –

 

© Wolfgang Koch 2013

 

Armin Thurnher: Republik ohne Würde. 292 Seiten, Wien: Paul Zolnay Verlag 2013, ISBN 978-3-552-05603-9, TB 17,90 EUR

 

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/wienblog/2013/09/17/armin-thurnhers-intellektueller-partywirbel-zum-thema-wurde-ii/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert