vonWolfgang Koch 19.06.2016

Wolfgang Kochs Wienblog

Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt.

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Was ist literarischer Erfolg? Stipendien erhalten, werden Sie sagen, Preise einheimsen, Bücher verkaufen und dann gelassen die eigene Ferienmüdigkeit spazierentragen. – Ach, ja, und ach, nein! Es gab immer schon eine kleine Gruppe von Schriftstellern, die den Erniedrigungen auf den Podeste des Literaturbetriebs weiträumig aus dem Weg ging und ihre Erfolg anderswo einstrich.

Dass Peter Maria Schuster, der österreichische Naturwissenschafter, Japanologe und Präsident von Echophysics, dem europäischen Zentrum für Physikgeschichte, seit 1989 als freier Schriftsteller wirkt und glänzt, natürlich ohne von seinen Büchern leben zu können, verdankt er einer sehr klarsichtigen Analyse der Dinge.

Das war letzte Woche am Projektabend »Literatur und Naturwissenschaft« leicht zu überprüfen, zu dem der Österreichische Schriftsteller/innenverband (ÖSV) ins Wiener Literaturhaus geladen hatte.

Zunächst kam der Wissenschaftsreferent der Stadt Wien zu Wort. Hubert Christian Ehalt, seines Zeichens Ethnologe, langjähriger Subventionsbeamter dieser Stadt, Spiritus rector der Wiener Vorlesungen und überhaupt einer der wenigen Homme de lettres in diesem Land, enttäuschte mit seinem Referat, in welchem er auf Bedeutung einer fast vierzig Jahre zurückliegende Kontroverse zwischen Norbert Elias und Hans Peter Duerr über den »Zivilisationsprozess« pochte, und als »1. Hauptsatz einer Kultur der Kulturwissenschaften« die markerschütternde Botschaft verkündete: »Der Mensch und die Ergebnisse der Wissenschaften sind ambivalent«.

Nein, ambivalent sind die Ergebnisse der exakten Wissenschaften eben gerade nicht. Wenn wir zum Beispiel den einschlägigen Thesaurus von Michel Serres und Nayla Farouki aufschlagen, finden wir das Wort nicht einmal im Sachregister.

Es folgte der Zoologe und Evolutionsforscher Martin Lödl. Der Wirbeltierspezialist mit belletristischem Nebenerwerb bot ein launiges Referat zum Thema »Wie kam das Leid in die Welt. Die innere Struktur der belebten Natur«.

Es ist natürlich immer irgendwie beeindruckend zu hören, dass unser Hirn zwanzig Millionen Rechenoperationen pro Sekunde ausführt; da fühlt man sich als Normalmensch vor dem Rechner nicht mehr so winzig und verzeiht im Rückblick dem IBM-Computer Deep Blue, dass er er 1996 den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow geschlagen und die ganze Menschheit gedemütig hat.

Der Wirbeltierspezialist Lödl wirbelte alle möglichen Wissenschaftsergebnisse durch die Luft, jounglierte mit Metaphern wie ein TV-Quaksalber. Da regnete es »Blasen« und »Löcher« auf die Zuhörer herunter, der »nackte Allerwerteste« und ein »evolutionärer Minimalhorizont«, es gab Tiere, die etwas »erfunden haben«, das Nervensystem war natürlich ein »Schlüssel« und Schmerzleid nichts weiter als »eine negative Gefühlstönung«.

Kurz, wir hatten es, statt mit Einlassungen zum Thema, mit einem Kabarett zu tun, in dem alles Leben scheinbar von einem »parasitären Energie-Egoismus« abhing. Geschwätzigkeiten, Lästigkeiten, die mit Recht ungelesen bleiben. Zur Literatur aber hatte Lödl genauso wenig zu sagen wie Ehalt. Das ständig eingeforderte »kritische Reflexionsvermögen« bezog sich nie auf die eigene Rede, die da mit ihrem Pointengift alles erstickte, was sich an Gedanken hätte zu Wort melden können.

Lödl, der mit all seinen Lauen und Fachmanntum Schriftsteller ist, bot die abschreckende Beispiele für einen flachen Wissenschaftsdiskurs, der sich ausgerechnet an Simpl und Niedermair schult, um Quote zu machen. Ich muss gestehen, dass das leider bestens unter das Logo des Literaturhaus Wien passt, das von der Buchkultur und ihren Anstrengungen gar nichts mehr wissen will.

Das Logo des Wiener Literaturhauses in der Zieglergasse kombiniert optisch zwei Sprechblasen zu Schmetterlingsflügeln, welche zugleich als zwei Tablets lesbar sind. Dass das literatische Wort auch etwas mit Papier zu tun hat, und Literalität mit einer radikalen Verteidigung des Wortes gegenüber der Bildkultur, das haben die halbamtlichen Kulturfunktionäre Wiens schon vergessen.

Und es wäre auch an diessem »Projektabend« vergessen geblieben, wenn nicht Peter Maria Schuster den ersten Teil seine Ludwig Boltzmann-Romans präsentiert hätte, und bei dieser Gelegenheit klug und kritisch auf das Thema zu sprechen gekommen wäre.

»Nein«, sagte Schuster mit lädierter Stimme, der schließlich ein Schauspieler lesend unter die Arme griff, »nein, ich beschäftige mich literarisch nicht mit der der Geschichte der Physik, ich beschäftige mich mit dem Leben einzelner Physiker.«

Der Unterschied ist ein Unterschied ums Ganze. Denn die Naturwissenschaften selbst haben gar keine Geschichte. Ein unmittelbarer Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf die Theoriebildung in der Physik lässt sich bisher nicht feststellen; die Irrwege auf dem Weg zur Form, in die die physikalische Theorie nach ihrer Fertigstellung gebracht wird, sind für die Wissenschaft irrelevant.

Die Geschichte einer physikalischen Naturwissenschaft gibt es nicht, und wozu auch? Allein die Ergebnisse zählen. Aus diesem Grund ist das Interesse der Disziplinen an ihrer eigenen Entstehungsgeschichte kaum vorhanden.

Was Schuster in seiner Literatur beschreibt, ist etwas anderes. Er versucht die wissenschaftliche Erfahrung unabhängig von der strukturellen Besonderheit der Disziplin zum Sprechen zu bringen.

Auch er, sagt Schuster, sei als junger Mann mit Hölderlin in die Welt hinaus und mit Friedrich Hasenöhrl zurückgekehrt. Der Physik könne man sich eben nicht poetisch näheren, dem Physiker als Person aber, dem lässt sich anders gar nicht beikommen.

Jeder Forscher kennt eine doppelte Einsamkeit: erstens die Einsamkeit des Resultats, da sich eigentlich niemand für die Abirrungen und geistigen Nöte interessiert, die seine Arbeit genommen hat. Quantenphysiker sind darüber hinaus noch mit dem Problem geschlagen, dass ihre Gegenstände zu einer solchen Komplexität anwachsen, dass man sie selbst Kollegen kaum anschaulich machen kann.

Für die Physik ist die Forderung der Konsistenz von Syntax und Semantik unerlässlich. Das bloß noch mathematisch Darstellbare entzieht sich der Erzählbarkeit. Der Physiker steht gewissermaßen sprachlos vor seiner Arbeit.

Vor diesem Hintergrund wirkt Literatur wie ein hoffnungsvolles Gegengift, und Philosophie als ein Fluch der Sprache. Alle Formen, zu denen Schuster greift – Lyrik, Drehbuch und Roman – sind immer Zeugnisse, werden als solche aufgenommen und haben keine andere Beglaubigung als ihre fortgesetzte Lebendigkeit. Alles in diesem Werk dreht sich um die Frage: Wie bringt der Text sprechend das Unendliche und das Flüchtige zusammen? Wie erfahren wir eins durchs andere? Und wie widerstehen wir der Versuchung, den ekastsischen Vorgriff des Dichters als eine endgültige Versöhnung zu deuten?

Es stimmt schon, die Literatur führt notwenigerweise den Horizont des Sagbaren im Gepäck. Unaufhörlich schreitet der Text durch wechselnde Zustände der Personen, alles dreht sich um das Übergängliche, die unmerklichen Verwandlungen, Überschreitungen – in der Literatur läge Ehalt mit seinem Hauptsatz durchaus richtig.

Physik, so Schuster, ist nur mit äußerster Präzision zu erreichen. Boltzmann sei kein Preis zu hoch gewesen, auch das eigene Leben nicht, um mit der Entropie die Richtung der Zeit zu zeigen. Boltzmann sei mit letzter Konsequenz zum Philosophen geworden.

Schusters illusionsloser Ansatz, sein schizophrener Beitrag zur Literatur auf der einen Seite und zur Geschichtsschreibung der österreichischen Physik im 19. Jahrhundert auf der anderen Seite, ist Lichtjahre entfernt von dem Gestammel der Science-Busters, die uns auf den Bildungskanälen mit ihren verkrampften »Erkenntnissen« bis zum Herzstillstand zuschütten.

Schuster ist seit Jahren der einzige Autor auf dem Feld, der in seiner Prosa vom Strand als einem »wahren Ort des Strandens« reden kann, ohne peinlich zu sein.

© Wolfgang Koch 2016

Foto: echophysics

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