Wir erleben in letzter Zeit immer öfter literarisch-musikalische Gesamtkunstwerke, die eigentlich auf die Bühnen aller Opernhäuser gehören. Ich denke an ›Hirngespinste/Pipe Dreams‹ des kürzlich verstorbenen Frankfurter Komponisten und Posaunisten Uwe Dierksens, aber auch an den österreichischen Avantgardedichter, Dramatiker und Hörspielautor Gert Jonke, der Anfang des Monats seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte und der zu diesem Ablass mit einem wunderbaren Teppichflug im Wiener Jazzklub Porgy & Bess geehrt wurde.
Vita efímera! Vergängliches Leben! Schon in seinen frühesten Gedichten, publiziert in Hans Lebs kraftvoller Villacher Literaturzeitschrift Der Bogen, spielte das Hörorgan für den in Kärnten-Koroška gebornenen Dichter die Hauptrolle im Schaffen. Das lyrische Ich kann in diesen zarten, ersten Zeilen etwa die leise Stimme eines lichtbringenden Gegenübers »im Uferschilf der Fische« hören; es kann im »gesättigten Alleinsein aus Staub und Bitternis« die Nacht an die alten Wände pochen hören, und:
Herr, du hast der Nacht gesagt,
Sie soll mir ihre Sprache geben,
Worte sterbender Flammenblüten,
Die auslöschen.
(Der Bogen Nr. 12, 1963)
Vierzehn Jahre später, in seinem Erzählband ›Schule der Geläufigkeit‹ (1977), überschlug sich Gert Jonkes Leidenschaft für die Musik in immer komischer werdenden Kapriolen. Wir erfuhren in diesem Buch von Pianisten – ja, solche gibt es –, die mit zartesten Glacéhandschuhen spielen, und von anderen, die das mit winterfesten Pelzfäustlingen tun. Wir zerkugelten uns vor Lachen über einen Virtuosen, der vor dem erwartungsvollen Publikum auf der Bühne bemerkt, dass sein Instrument verschlossen ist und ihm der Klavierschüssel zum Aufschliessen und Drauflosspielen fehlt.
Jonke unterrichtete uns in seinen Texten über schier unglaubliche Vorgänge in der Welt! Wir hörten von der abwegigen Ansicht eines Kritikers, »der Musiker habe so zu spielen, wie der Umblätterer oder die Umblätterin umblättert«. Bereits in der Mitte seiner Jahre schien Jonke vollkommen in seinem eigenen Gehörgang zu hausen. Und was sollte danach nicht noch alles an stilgeschichtlicher Leidenschaft und literarischem Ruhm kommen!

Ein Beispiel für Jonkes Erzählkunst: Einmal verändern sich die Konzertbesucher·innen seiner Prosa während einer dargebotenen Performance dergestalt – »die einen wuchsen über sich hinaus, wurden immer grösser, so dass sich der Salon zeitweise als viel zu klein erwies, um dann im nächsten Moment wieder ganz klein zu werden«. Wir erfahren von einem musikalischen Genie das »klarinettierte, ohne eine Klarinette zu benötigen«, – Instrumente wie Gitarre, Klavier und Trompete werden von einem imaginären Kritiker zum »unhandlichen, unpraktischen Anhängsel« einer »ernsthaften Musikausübung« erklärt: »Alle Arten von hörbaren Tönen und Klängen stören die reine Empfindung von Musik«, und im Schlusskapitel dieser fiktiven Künstlerautobiographie explodiert dann mit einem furchtbaren Knall ein Klavier unter der Spannung seiner Saiten mitten auf dem Marktplatz. Die wegspritzenden Klaviersplittern erschlagen die Leute.

Gert Jonkes lebenslange Passionen für Musik und seine ebenso starke Passion für die Stille (leere Stiegenhäuser, spätnächtliche Stunden) manifestieren sich im Sprachrhythmus und der Schönheit seiner Sätze genauso prägnant wie in seinen Themensetzungen. Jonkes Literatur katapultiert uns hinein in den Kopf von Komponisten und Ohrenmaschinisten, sie begradigt die jahrtausendealte Musikgeschichte und nähert uns dem fernen Klang, der Figur des Dritten, der Intelligenz der Blumen. Bei Jonke singen die Wellen und es singen die Steine. In seinen Wiener Jahren trug dieser Mann immer brandneue CDs mit den neuesten Einspielungen ernster Musik bei sich, die sich dann in seiner Schreibkammer zu einem kulturellen Gerümpelhaufen auftürmten.
Radiolose Kindheit in der Provinz
Gert Jonkes Besessenheit vom musikalischen Ausdruck war familiär gewachsen. Seine Halbschwester, die Künstlerin Isabella-Ban-Rogy, hat sich selbst einmal unter einem Klavier sitzend portraitiert – das Instrument der Mutter, Hedy Jonke, einer ausgebildeten Pianistin, war nach übereinstimmenden Quellen der einzige Klangkörper im elterlichen Haushalt.

Porgy & Bess in der Riemergasse ist nicht nur Wiens führender Jazzclub, weil sich dort internationale Musikergrössen die Klinke in die Hand drücken. Im eindrucksvollen Ambiente aus Plüsch und Samt halten Jazzfans und Aficionados zeitgenössischer Musik auch jene besondere Tradition oder Gegenproduktion hoch, in der literarische und musikalische Avantgarde einander begegnen.

Ob Gerhard Rühms ›Selten gehörte Musik‹, Ernst Jandls Jazz-Oper, Andreas Okupenko in Kooperation mit Karlheinz Essl oder Christian Ide Hintze mit Wolfgang Mitterer – die Vielfalt und Buntheit der literarisch-musikalischen Grenzgänge ist ein essentielles Kennzeichen der modernen österreichischen Kultur. Die »Kollaborationsmöglichkeiten« von Wort und Klang reichen bis zu den Zwölf- und Neutönern am Beginn des 20. Jahrhunderts und bis zum Wiener Kabarett (Peter Hammerschlag, Georg Kreisler) zurück, als man im Varietétheater noch nicht, wie heute, unter seinem Niveau zu lachen gezwungen war.
Der sterbliche Gert Jonke wird seit 2009 am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrabmal mit einem Hinkelstein geehrt. Die Unsterblichkeit seiner Texte verdankt er neben seinen Verlegern vor allem der Komponistin und Vokalistin Susanna Ridler, die sich in einem laufend luzide erweiteren Projekt das Ziel gesetzt hat, mit Kompositionen, Stimmen, Loops & Sounds Jonkes »Sprachintensität aus der Musik aufsteigen zu lassen«.

Dabei kombiniert Ridler ästhetische Verfahren aus den Arsenalen der Avantgarde, der Montage und der Improvisation mit Wort, Ereignis und Kommentar, rekombiniert die getrennten Elemente und macht sie anhand eleganter Abweichungen wieder fruchtbar. Ihr instinktsicheres Faible für Kollisionen wird vom Live-Elektronik-Bastler Wolfgang Seierl an der E-Gitarre und von Österreichs erfahrensten Spurenlesern Wolfgang Puschnig (Altsaxophon, Flöte) zum eindringlichen Bühnenereignis hochgeschraubt. Hingesagte Worte, minutenlange Litaneien und die aus Audiokassetten-Mitschnitten von Lesungen, Gesprächen und Interviews herbei gerufene Originalstimme Jonkes akkumulieren zu einem poëtischen Vergnügen.
Konjugation zwischen Klangrede und Sprachkunst
Das Klangkunstwerk verharrt fast zwei Stunden lang in einer Art Schwebezustand, beschränkt die Wahrnehmung auf geflüsterte, geraunte oder gesprochene Rezitation, auf Vokalstimmen, auf Jazzbar-Klänge und bizarre Avantgarde-Gespinste. Auf diese Weise gebührt dem Verstorbenen die verdiente Anerkennung. Der Abend gehört unbedingt zur Hochliteratur, der Jonke so viele Seiten widmete, aber er gehört sich jener Provinz der Töne, die Jonke und seine Halbschwester schon als Kinder in den Ohren hatten. Man kann sagen: Jonkes Dichtung wird von Susanna Ridler weniger inszeniert als mobilisiert. Sie verschmilzt ihr Jonke-Projekt mit dem von Wolfgang Seierl (›Jonkipel‹). Gemeinsam mit den beiden entfalten die fünf weiteren Musikerinnen und Musiker ein wahres Netz aus aussergewöhnlichen Attitüden, komplexen Wort-Klang-Kompositionen und melodiösem Ensemble-Jazz.

Gerade weil die Hommage nicht die grosse Trauer-Romanze behaupten muss, stellt sich ein gewisser Funkenschlag und eine stimmige Chemie ein. Im ersten Set des Abends ist unter anderem Jonkes präzise Beschreibung der Lendkanal-Landschaft zu vernehmen. Im zweiten Set wird der Satz ›Pflanzenmusik‹, aus dem Melodram ›Chlorophyllklangpulverstaub oder Die Erforschung des botanischen Tongewebes‹ in erweiterter Fassung gegeben. Darin erzählt Ridler die Geschichte eines im Wissenschaftsministerium beamteten »Musikbotanikers«, der den Auftrag erhält, musizierende Pflanzen zu erforschen.
Einmal baut Wolfgang Puschnig eine suggestive Melodielinie in tonaler Jazz-Diktion auf, ein spürbares Aufatmen geht durch den Saal … Jazz im Naturzustand der Kellergewölbe … Jonke im Wunderland, das die beiden Streicherinnen anschliessend jedoch grandios dekonstruierten. Lena Fankhauser und Asja Valcic, so heissen die Damen, huldigen auch einem Jonke-Text, in dem einem Geigenlehrer penetrant das Arbeitsvermögen eines Geigenbogens erklärt wird. Es macht in diesem gelungenen Moment, komponiert von Wolfgang Seierl, überhaupt nichts, dass das auf Viola und Cello und nicht auf einer Geige geschieht – im Gegenteil: gerade durch solche feinen Verschiebungen am Dialogrand von Literatur und musikalischer Instrumentierung erhält der Abend seinen besonderen Glanz.

Susanna Ridler pflegt ihre meisterliche Liebe zur Assoziationsmontage; immer wieder lässt sie Jonkes deliranten Frequenzen, den eindringlichen Blick und sein aufsässiges Lachen im Raum aufleuchten. Diese Geometrikerin der Seele teilt bedingungslos Jonkes modulatorische Verständnis von der prinzipiellen Veränderbarkeit jedweder bestehender Lautäusserung. Dazu braucht es weder sensationslüsterne Beats noch eine elaborierte Klangsprache der Soundeffekte.
Raketen können keine Raketen zeugen. Literatur jedoch kann Musik, und Musik kann Literatur zeugen. Mehr muss heute nicht gesagt werden, um nützlich zu sein. – Die fulminante Wiener Hommage an den unvergessenen österreichischen Dichter Gert Jonke ist jedem Kulturzentrum, jedem Konzertveranstalter und jedem Literaturhaus im deutschen Sprachraum wärmstens zu empfehlen.
© Wolfgang Koch 2026

Ich habe den Abend im Porgy and Bess sehr genossen. Schade, dass der Autor die ausgezeichnete Gina Mattiello in seiner sehr langen Rezension nicht erwähnt hat.