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vonMargarete Stokowski 14.10.2012

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"Bambi stand und gaffte." (S.32)

Am letzten Tag möchte ich noch was über meine Neuentdeckung des Jahres schreiben: Bambi. Ja, Bambi! Aber nicht der Film von Disney, so kindisch dann doch nicht, sondern die Vorlage für den Film, der Roman von Felix Salten, einem Österreicher, von 1923. Neu aufgelegt in einer sehr schönen Ausgabe im Unionsverlag.

So wunderbar, so hübsch geschrieben, märchenhaft. Die Tiere haben richtige Charaktere und sind nicht nur süße rumhopsende Viecher wie im Film. Sie haben Konflikte untereinander und Beziehungen. Es ist schön. Auch kitschig-pathetisch.

„Das Kleine [Bambi, der gerade geboren ist, M.S.] verstand keinen einzigen von den vielen Gesängen und Zurufen, kein Wort von den Gesprächen. Es hörte noch gar nicht darauf. Es nahm auch noch keinen einzigen von all den Gerüchen wahr, die der Wald atmete. Es hörte nur das leise Knistern, das über sein Röckchen hinlief, während es gewaschen, gewärmt und geküsst wurde, und es roch nichts als den nahen Leib der Mutter. Eng schmiegte es sich in diese wohlig dunstende Nähe, suchte hungrig daran herum und fand den Quell des Lebens.“

Es gibt mehr Todesfälle als im Film. Ein Iltis tötet eine Maus, noch bevor Bambis Mutter stirbt. Aber bald darauf ist es wieder gut, und Bambi spielt mit der Mutter auf der Wiese.

„Da kam die Mutter plötzlich angaloppiert; in einem wunderbaren Rauschen fuhr sie daher, ruckte zwei Schritte vor ihm zusammen, duckte sich wie das erste Mal, lachte ihn an und rief: ‚Fang mich doch!‘ Und im Hui stob sie davon. Bambi war verblüfft.“

Sehr charmant auch, dass die Tiere einander siezen:

„Entschuldigen Sie, bitte“, sage Bambi bescheiden. „Wir haben Sie gestört.“ „Das macht nichts“, rasselte das Heupferdchen. „Weil Sie es sind, macht es nichts. Aber man weiß ja nie, wer kommt, und man muss sich in Acht nehmen.“

Es geht um Eigentum und Rechte, um die Frage, wem der Wald gehört. Dazu Fragen der Klassengesellschaft, Armut und Reichtum, Liebe, Freundschaft und Verwandtschaft, Autorität und Bewunderung, Konkurrenz und Misshandlung. Es geht um den Wechsel der Jahreszeiten und der Generationen, Alter und Abschied, die ewige Wiederkehr. Es gibt inszenierte Männlichkeit par excellence (die Väter!), unbeholfenes Flirten und Mackertum – und tief melancholische Dialoge der letzten Herbstblätter. Und immer wieder Sätze, die man sich ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen kann.

„…und die Holztauben hörten nicht auf, ihre enthusiastischen Zärtlichkeiten zu deklamieren.“

Viele Stellen aus dem Buch – als der Winter kommt und mit ihm die Armut und die Menschen, die Jäger – lassen sich als Metapher auf den ersten Weltkrieg lesen: die anfängliche Euphorie und Aufregung, Abenteuerlust, dann aber Verletzung und Tod, das Zurücklassen Verwundeter, Mord – und viele offene, blutende Wunden. Über den Autor steht am Ende des Buches:

„Während des Weltkriegs war Salten Blattmacher beim Fremdenblatt, der propagandistischen Zeitung des Außenministeriums. Auf seine patriotische Begeisterung folgte bald die Ernüchterung, 1917 beschrieb er den Krieg als ‚Katastrophe‘.“

Fragen von Ideologie und Verblendung, Religion und Sinnsuche finden sich. Der Mensch wird von den Tieren generell nur „Er“ genannt, sie verstehen ihn nicht und blicken ehrfürchtig und ängstlich, bisweilen auch voller Hass und Verachtung, auf ihn. Angesichts des verbluteten Jägers im Schnee erklärt der alte Hirsch seinem Sohn Bambi:

„Höre Bambi, Er ist nicht allmächtig, wie sie sagen. Er ist es nicht, von dem alles kommt, was da wächst und lebt. Er ist nicht über uns!“

Nein, er liegt da, vor ihnen:

„Der entblößte Hals des Wildschützen war von einer Wunde durchbohrt, die wie ein kleiner roter Mund offen stand. Blut sickerte noch leise hervor, Blut starrte in den Haaren, unter der Nase und lag in einer breiten Lache im Schnee, der von seiner Wärme zerschmolz.“

Keine Ahnung, wer darauf gekommen ist, dass dies ein Kinderbuch sein könnte.

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