vonMargarete Stokowski 23.03.2019

taz Buchmesseblog

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Für manche Autor_innen ist die Buchmesse das Event, wo sie die Früchte ihrer Arbeit ernten. Lob überall, Interviews, Signieren. Andere versuchen auf der Buchmesse erst mühsam etwas anzusäen, laufen mit Exposés in der Tasche rum und mit Hoffnung. Und bei manchen ist es weder noch. Das Traurigste, was ich auf der ganzen Buchmesse gesehen habe, vielleicht auf allen bisherigen Buchmessen zusammen, war eine Frau am Stand vom „R.G. Fischer Verlag“. (Das ist einer dieser Verlage, die so aussehen wollen wie die großen Publikumsverlage – zufällig ein ähnlicher Name wie der S. Fischer Verlag – und unbekannten Autor_innen versprechen, ihre Bücher zu publizieren. Das tun sie dann auch, aber eben ganz anders als die richtigen Verlage, die ihre Autor_innen auswählen, betreuen und bezahlen und die Bücher bewerben. Bei den sogenannten Zuschussverlagen oder Bezahlverlagen zahlen die Autor_innen selbst, teilweise irre Summen. Hier ein Text von Spiegel Online zu dem Phänomen, hier der Text einer Autorin, die bei R. G. Fischer ein Buch veröffentlichte und andere davor warnt.)

Am R.G. Fischer Verlag stand also eine Frau, etwas älter, kurze graue Haare, blauer Schal, an einem Stehpult, und las aus einem Buch. An dem Pult hing ein Zettel: „Autorenlesung 15.00 Uhr“. Vor dem Pult saß EINE andere Frau, ähnliches Alter, und hörte zu. Daneben saß ein Mann, der ein anderes Buch las.

Ich konnte nicht verstehen, was die Frau vorlas, auch wenn ich sehr nah ranging, denn sie hatte kein Mikro, sie hatte nur dieses Pult und las sehr ernst ihren Text vor und die andere Frau hörte sehr ernst zu und muss bessere Ohren gehabt haben als ich. Nicht falsch verstehen, ich finde nicht schlimm, wenn Autorinnen schlecht besuchte Lesungen haben und das trotzdem einfach durchziehen, aber wenn diese Lesungen so aussehen, bin ich kurz vorm Heulen. Die Frau, die aus ihrem Buch las, hatte womöglich eine vier- oder fünfstellige Summe dafür ausgegeben, dass dieses Buch veröffentlicht wird (statt diese Summe zu bekommen), und rein theoretisch kann der Verlag dann sagen, ja, aber es war ein großer Erfolg, es gab ja sogar eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse. Horror.

Außerdem war ich noch auf einer Veranstaltung: „Klappentexte schreiben leicht gemacht. Eine Spiegel-Bestseller-Autorin gibt Tipps“, hauptsächlich weil mich der Titel verwirrt hat. Weil man als Buchautorin die Klappentexte normalerweise nicht selbst schreibt, also auch keinen Workshop dazu braucht. (Wenn man einen netten Verlag hat oder sich rechtzeitig darum kümmert, dann kann bei den Klappentexten mitreden, aber üblicherweise macht das der Verlag.) Hab dann geschnallt, dass es bei dem Workshop um Leute geht, die ihre Bücher selbst veröffentlichen.

Für diese Leute gab es Tipps von Martina Rellin, die Bücher geschrieben hat mit Titel wie „Klar bin ich eine Ost-Frau!“, „Göttergatten“, „Ich habe einen Liebhaber“. Sie lässt die Leute im Publikum – vielleicht 50 Frauen, 10 Männer – eine Schreibübung machen und sagt dann: „Sie merken, es ist nicht so einfach… wer sich besonders gequält hat, einfach mal das Pfötchen haben.“ Sehr schüchternes Publikum, nächste Frage: „Ist jemand dabei, der ein gedrucktes Buch von sich in der Tasche hat?“ Eine Frau mit Faltzettel kommt nach vorne, sie hat ein Buch mit „Kalenderkrimis von der Küste“ geschrieben und ihr Klappentext beginnt mit den Worten: „Jeden Monat ereignet sich ein mörderischer, verstörender oder dramatischer Vorfall…“ –„Frau Martens, da wär ich schon ausgestiegen!“, sagt Frau Rellin, ein „mörderischer Vorfall“ sei ja wohl ein Mord, und so weiter. Dann meldet sich eine Frau, die ein Kinderbuch geschrieben hat (Autorin: „ein Kinderbuch mit malerischen Landschaftsbeschreibungen“ – Rellin: „das sieht man auf dem Cover“ – hmmm).

Am Ende erklärt Rellin, man solle sich Sätze sparen wie „In diesem Buch geht es um…“. Und man soll keine Wörter wie „spannend“ reinschreiben. „Wenn es SEHR spannend ist, schreiben Sie meinetwegen ‚spannend‘, aber ansonsten schreiben Sie: ‚prickelnd‘, oder ‚tabulos‘!“, wobei sie dann selbst ergänzt, dass „tabulos“ vielleicht etwas abgegriffen ist. „Prickelnd“ nicht? „Prickelnd“ hat schon mein Mathelehrer in den 90ern nur noch ironisch benutzt.

Später gucke ich auf Rellins Webseite, was sie sonst so treibt. Sie veranstaltet Schreibkurse und schreibt dazu in ihrer Vita: „Seit Jahren beliebt und von vielen fröhlichen Schreiberlingen besucht: Martina Rellins Schreibwerkstatt.“

Ich habe eine extreme Mischung von Gefühlen bezüglich solcher Angebote für Hobby-Autor_innen. Erstens: „Schreiberlinge“, „prickelnd“, „Göttergatten“ – alles extreme Katastrophen. Zweitens: potentielle Abzocke von Leuten, die es nicht besser wissen können (eher bei den Bezahlverlagen, die oben genannte Schreibwerkstatt ist nicht teuer). Drittens: Aber wenn irgendjemand von den Autor_innen dadurch glücklich wird  – ok, go.

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https://blogs.taz.de/buchmesse/2019/03/23/wenn-man-schreiberling-werden-will/

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kommentare

  • Gegendarstellung zum Blog von Margarete Stokowski vom 23.3.2019:
    „Wenn man Schreiberling werden will“

    Sehr geehrte Frau Stokowski

    Die „Frau, etwas älter, kurze graue Haare, blauer Schal“, die Sie in Ihrem Blog von der Leipziger Buchmesse (23.3.) beschreiben, bin ich, Sylvia Eichenwald, Autorin des beim R.G. Fischer Verlag soeben erschienen Romans „Paminas Traum vom Leben“.

    Schon, dass sich dort unsere Wege fast gekreuzt hätten, hat meinen Auftritt gelohnt. Statt mich im Vorbeigehen zu bedauern, wäre es allerdings ergiebiger gewesen, wenn Sie mich angesprochen und/oder mein Buch in die Hand genommen hätten, dann hätte ich Sie sofort beruhigen können: die Lesung war kein Horror für mich, und die Zusammenarbeit mit dem R.G. Fischer Verlag ist für mich eine grosse Freude.

    Zu dem Verlag bin ich gekommen, weil ich mit meinem ersten Roman „Sextus“ vor vier Jahren eine echte Odyssee durch die Publikumsverlage gemacht habe. Wie üblich (und mir auch vorher bewusst), kam von nirgends auch nur eine Reaktion, bis zwei Literaturprofis, die eine Autorin eines bekannten Verlags, die andere Verlegerin von spoken words-Büchern, sich eingeschaltet haben. Nun bekamen wir zwar weiterhin keine Zusage, aber immerhin eine Erklärung für das durchgehende Desinteresse von seiten der Verlage: mein Geburtsjahr, 1947. Von allen diesen Verlagen wurde meinem Roman Spannung attestiert und mir ein souveräner Umgang mit der Sprache, aber: „Wir sind auf der Suche nach jungen Autoren“, hiess es da durchwegs, und „die wenigen Plätze in unserem Verlagsprogramm sind unseren Hausautoren vorbehalten.“ Keine Chance also.

    Beim zweiten Roman, dem aktuellen, ersparte ich mir Umwege und meldete mich sofort beim R.G. Fischer Verlag, der schon den „Sextus“ hatte herausbringen wollen, aber da war mein Misstrauen noch zu gross, das Misstrauen gegenüber diesem „Autorenverlag“ und den anderen, das Sie in ihrem Blog so total unreflektiert nachbeten.

    Ja, ich habe eine fünfstellige Summe dafür bezahlen müssen, was mir nur dank dem Zuschuss einer Gönnerin möglich war. Wenn Sie sich im Buchgeschäft auskennen, wissen Sie, dass es zum Beispiel im Sachbuchbereich längst üblich ist (wie auch im Bereich von CD-Produktionen), dass die Autoren für die Herstellungskosten Geld aufbringen müssen, sei es ihr eigenes oder auch durch Stiftungen o.ä., vom viel besungenen verlegerischen Risiko also keine Spur.

    Was ist falsch an dem Geschäftsmodell? Dass Frau Fischer (die sich Ihrer Meinung nach offenbar anständigerweise umbenennen müsste, um nicht mit S. Fischer verwechselt zu werden und daraus Kapital zu schlagen) damit gut verdient? Wen wollen Sie mit Ihrer Gegnerschaft schützen? Die Autoren der Publikumsverlage haben damit nichts zu tun, und ich als Autorin des R.G. Fischer Verlags muss nicht geschützt werden. Ich wusste ja im voraus, dass es ein teurer Spass würde. Natürlich wusste ich nicht im voraus, ob dieser Spass sich lohnen würde, aber das weiss ich jetzt. Meine Erfahrungen mit dem Verlag sind nur positiv, wir haben gemeinsam alles dran gesetzt, ein gutes und auch schönes Buch zu machen. Wenn Sie auf der Leipziger Messe die Hand danach ausgestreckt und einen Blick hinein geworfen hätten, hätten Sie sich leicht einen Eindruck verschaffen können, ob es Mist ist oder nicht, Sie hätten mich auch auf mein angebliches Martyrium beim R.G. Fischer Verlag im allgemeinen und dieser Lesung im besonderen ansprechen können, aber Sie haben es bedauerlicherweise vorgezogen, die stereotypen negativen Argumente unbesehen zu wiederholen, inklusive die beiden auch schon in die Jahre gekommenen Links. Für weitere wahrheitsgemässe Auskünfte stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung, und vielleicht möchten Sie nun mein Buch doch näher kennenlernen: Sylvia Eichenwald, „Paminas Traum vom Leben“, erschienen bei edition fischer (2019).

    Sylvia Eichenwald Bodenheimer, Basel
    Autorin im R.G. Fischer Verlag

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