vonMario Zehe 09.05.2018

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

Mehr über diesen Blog

Drei Namen, drei Schicksale, ein Konflikt: Anton, dessen Vater vor Jahrzehnten von der linksnationalistischen ETA erschossen wurde, wird sich erst nach langer Zeit des ganzen traumatischen Ausmaßes dieses Schicksalsschlages bewusst. Die Lücke, welche die Mordtat in sein Leben gerissen hat, ließ sich auch durch seine schnell – vielleicht vorschnell – ausgesprochene Vergebung gegenüber den Tätern nicht füllen. Der junge Seminarist von einst ist nun ein Priester mittleren Alters und sucht den Kontakt zu seinem alten Schulfreund Josu. Jenen führte die Idee eines unabhängigen Baskenlandes wiederum selbst in die baskische Untergrundorganisation. Schon seit vielen Jahren in einem französischen Gefängnis einsitzend befällt ihn zunehmend der Zweifel am Sinn seiner Taten sowie der Wunsch, sich mit Anton und somit vielleicht auch dem Rest der Welt versöhnen zu können. Im Knast lernt er Emmanuel kennen, der als Söldner der paramilitärischen GAL Jagd auf Aktive und Sympathisanten der ETA machte. Aus den ehemaligen Feinden werden zwar keine Freunde. Und doch ist Josu stark beeindruckt von Emmanuels schonungsloser Klarsicht auf die blutigen Kämpfe von damals und die je eigene Schuld, die ein jeder – egal auf welcher Seite – auf sich geladen hat.

© 2014/2017 Javier de Isusi/Edition Moderne

Bereits 2014 veröffentlichte Javier de Isusi (*1972), gelernter Architekt und passionierter Comiczeichner, seine Graphic Novel ICH HABE WALE GESEHEN über Freundschaft und Feindschaft im Zeichen des militanten Widerstands gegen die Zugehörigkeit des Baskenlandes zur spanischen Erbmonarchie. In deutscher Sprache ist sie schließlich im letzten Jahr beim Schweizer Indieverlag Edition Moderne herausgekommen. Angesichts der recht krassen und scheinbar plötzlichen Bewegungen, die in dem bisher stark feststeckend geglaubten Friedensprozess vonstatten gehen,  (http://taz.de/Aufloesung-der-baskischen-ETA/!5500547/) kann ein kurzer Blick auf und in das Buch lohnend sein.

Denn mit der Selbstauflösung der ETA und dem wohl endgültigen Ende der Gewalt ist ja noch lange kein Schlussstrich gezogen hinsichtlich der Frage der politischen Verantwortung für die Jahrzehnte andauernden Auseinandersetzungen, die schließlich mehr als 800 Menschen mit ihrem Leben bezahlen mussten. Vielleicht ist aber mit diesem Schritt der Weg eröffnet worden, eben eine solche Diskussion in Gang zu bringen. Im April, kurz vor ihrer Auflösung hat jedenfalls die selbsternannte Befreiungsbewegung ein Kommuniqué veröffentlicht, in welchem sie sich ausdrücklich bei den ›unschuldigen‹ Opfern des Konfliktes entschuldigte. Das kam in der spanischen Öffentlichkeit nicht überall gut an, denn die Wortwahl implizierte, dass es unter den Opfern der ETA auch solche gäbe, die aufgrund von Profession und/oder Loyalität eben nicht ›unschuldig‹ waren, insbesondere Polizisten, Juristen und schließlich auch Politiker.

Man kann solche Kritik nun, wie es Josus Mitinsassen – ebenfalls ehemalige ETA-Kämpen – tun würden, als Heuchelei zurückweisen. Hat doch der spanische Staat mit der Gründung der klandestinen GAL versucht, Terror mit Terror zu bekämpfen. Zwar wurden später hochrangige Vertreter der Administration für die Morde der prospanischen ›antiterroristischen Befreiungstruppen‹ verurteilt, auf eine offizielle Entschuldigung des Staates warten die Angehörigen der Opfer bis heute. Man kann es aber auch wie Emmanuel tun, der – wie gesagt – der GAL angehörte: Mit dem Wegschauen aufhören, stattdessen hinsehen und für das, was man angerichtet hat, die Verantwortung übernehmen. Selbst wenn für einen solchen ›Verrat‹ die nicht nur symbolische Exkommunikation droht. Schon längst hat sich auch auf der anderen Seite Josu die Sinnfrage gestellt: Ist im offiziellen Sprech der ETA immer vom Aufbau der (baskischen) Nation die Rede, wird ihm angesichts einer über die Jahre selbst gelegten Spur der Verwüstung und Zerstörung die Hohlheit eines solchen Politjargons deutlich. Es ist ein radikaler Schritt für einen lebenslänglich Verurteilten, die Gewissheit über die Wahl der richtigen Seite und des Märtyrertums aufzugeben und nicht anders zurückzubleiben als aufgelöst in einem Meer des Zweifels und der Reue.

© 2014/2017 Javier de Isusi/Edition Moderne

Auch auf der Seite der Opfer stellen sich nach Jahren noch Fragen, stellen sich wieder neu oder gar überhaupt erst dann. Der Priester Anton, der einst den Mördern seines Vaters öffentlichkeitswirksam die Absolution erteile, wird von Albträumen heimgesucht. Sein Alter Ego spielt darin einen äußerst gewalttätigen Vigilanten, der das Recht in die eigenen Hände nimmt. Diese Träume konfrontieren ihn, den Fachmann des Vergebens und Verzeihens, mit einer für ihn eigentlich unaussprechlichen Wahrheit: In seinem tiefen, unzugänglichen Inneren – wenn man so will: in Antons Unbewussten – rast und bebt der Zorn. Nun wird er den ersten Schritt, den er damals vor den zweiten zu machen vergaß, nachholen und sich seiner Trauer und seiner Wut stellen müssen.

© 2014/2017 Javier de Isusi/Edition Moderne

Der Komplex von Schuld und Sühne ist bekanntermaßen ein Stoff, mit bzw. aus dem schon ganz große Geschichten geschrieben wurden. Javier de Isusis ICH HABE WALE GESEHEN gehört nun zweifellos dazu. De Isusis expressiver, skizzenhafter Strich erinnert an den antinaturalistischen Zeichenstil des großartigen Comickünstlers Hervé Baruléa (Baru) und gibt insbesondere der Figurendarstellung eine transzendente Note. Das Innere der Protagonisten wird förmlich nach außen gekehrt. Anton, Josu und Emmanuel sind in dem Sinne des Wortes Typen, dass sie sich nicht in ihrer politischen Zugehörigkeit auflösen, sondern als gezeichnete Charakterköpfe jedem Schubladendenken gehörigen Widerstand entgegensetzen. Für die Aufarbeitung eines Konfliktes, in dem bis heute das Lagerdenken dominiert – so lautet an einer Stelle im Comic das zweifelhafte Motto: »Jeder wo er hingehört« – ist das alles andere als ohne jede Bedeutung.

Javier de Isusi: Ich habe Wale gesehen. Eine Freundschaft im Baskenland, Edition Moderne (Zürich) 2017. Broschur, 17 x 24 cm, farbig, 176 S. Aus dem Spanischen übersetzt von Lea Hübner. ISBN: 9783037311608

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/comicblog/2018/05/09/charakterkoepfe-fuer-den-frieden/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.