vonMario Zehe 21.09.2018

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Eine wirklich feine Sache sind die äußerst preiswerten Theoriebändchen, welche die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) als Lizenzausgaben anderer Verlage in ihrer ›Schriftenreihe‹ herausgibt. Dauerprekäre Student*innen und Nachwuchsakademiker*innen können dank dessen auch mal lecker essen gehen, anstatt BaföG, Stipendium oder den schmalen Nebenjobberlohn großenteils in Literaturanschaffungen umsetzen zu müssen. Noch schöner ist aber, dass neben den vielen theoretischen Bänden mittlerweile auch Comics zum Standardrepertoire der Schriftenreihe gehören.

Werke von namhaften Sozial- bzw. Kulturwissenschaftler*innen wie Didier Eribon, Zygmunt Baumann, Chantal Mouffe oder Achille Mbembe stehen dort ganz unvermittelt neben Comics über Vertragsarbeiter in der DDR (Birgit Weyhe: Madgermanes), Mitläufertum zur Zeit des Nationalsozialismus (Barbara Yelin: Irmina), Bürgerkrieg in Syrien (Hamid Sulaiman: Freedom Hospital), deutsche Nachkriegsgeschichte (Isabel Kreitz: Deutschland. Ein Bilderbuch) oder die Zeit der Reformation (Alexander Hogh/Lukas Kummer: Gotteskrieger). Die Autor*innen und Zeichner*innen haben sich dabei auf ganz unterschiedliche formale Comic-Genres (Reportage, Graphic Novel, Kurzgeschichte, One-Pager etc.) eingelassen, samt den der jeweiligen Erzählweise zugrunde liegenden Möglichkeiten und Einschränkungen.

Auch der in diesem Jahr bei der bpb erschienene Comicband Illustrated (Hi)stories. Kolonialsoldaten im Ersten Weltkrieg gehört dazu. Er unterscheidet sich von den oben genannten Werken etwas, da die darin versammelten Comics ausnahmsweise in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale entstanden sind und dort exklusiv erscheinen. Der Veröffentlichung des Buches ging vor vier Jahren eine Ausstellung der Geschichtsagentur Zeitläufer voraus, die 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges ein kaum bekanntes Kapitel europäischer Kolonial- und Weltkriegsgeschichte beleuchten wollte. Elf europäische Comicmacher*innen haben sich im Rahmen des Ausstellungsprojekts mit Geschichte, Historisierung und Mythisierung der so genannten Askaris – afrikanische Soldaten im Dienste der europäischen Kolonialtruppen – auseinandergesetzt und ihre Reflexionen in kurze grafische Erzählungen überführt. Neun dieser damals entstandenen Exponate haben es schließlich in den vorliegenden Band geschafft, gerahmt von einer thematischen Einführung durch die damaligen Projektmitarbeiter*innen Kathleen Rahn und Christian Schmidt sowie einem Nachwort des Comicforschers Ole Frahm.

Die Autor*innen haben zwar hinsichtlich Zeichenstil und inhaltlicher Fokus sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema gewählt, doch die Erzählweise betreffend dominiert die Ich-Perspektive deutlich. Mittels sparsam aquarellierter Zeichnungen widmet sich in Unsere treuen Askaris Alice Socal – aus imaginierter Sicht eines jungen Askari – der Problematik fotografischer Selbstinszenierung kolonialer Herrschaft. Das mit Klischees behaftete und alles andere als unbefangene Verhältnis von kolonialem Blick und kolonisiertem Angeblickt-Werden sowie die Frage nach der Erwiderung (bzw. Umkehrung) dieses Blickes (bzw. Verhältnisses) stehen dabei im Zentrum ihrer ästhetischen Reflexion. In Bram Algoeds Die große Nacht begegnet in blaugrau getönter Szenerie ein französischer Bauernsohn einem in Europa stationierten, vermutlich desertierten Tirailleur sénégalais. Leitmotivisch deuten Zäune und insbesondere der nächtlich schwarze Horizont die ganze Begrenztheit dieser wortlos, aber nicht unbedingt sprachlos bleibenden Begegnung an.

Unsere treuen Askaris © Alice Socal, avant-verlag 2018

 

Die große Nacht © Bram Algoed, avant-verlag 2018

Von einer anderen Art von Verfehlung des Anderen handelt Liisas Kruusmägis Das lange Warten, wo eine junge Deutsche im französisch besetzten Ruhrgebiet die von ihr sehnsüchtig erwartete Ankunft einer Einheit französisch-westafrikanischer Kolonialsoldaten verpasst. Im Vordergrund steht hier die phantasmatisch aufgeladene Sexuierung des ›Negers‹ in einem Spannungsverhältnis von Exotisierung und Dämonisierung. Die darauffolgende, von Vuk Palibrk erzählte und illustrierte Geschichte schöpft aus dem schriftlichen Nachlass eines ehemaligen Kolonialsoldaten namens Demba Mboup (so auch der Titel der Erzählung). Solch schriftliche Quellen von Betroffenen der europäischen Kolonialpolitik in Afrika sind übrigens äußerst selten und ein Grund dafür, dass die Sicht der Kolonisierten in der europäischen Geschichtsschreibung lange Zeit zu kurz gekommen ist. Mittels Mboups Worten und Palibrks streng schwarz-weiß gehaltenen Illustrationen werden wir mit verschiedenen Formen rassistischer Diskriminierung ebenso konfrontiert wie mit dem erfolgreichen Kampf eines jungen Mannes um Überleben und Anerkennung. In Der Treue Askari überführt Zosia Dzierzawska die (wahre) Lebensgeschichte von Mohamed Bayume Husen in ein Bühnenstück, in dem die rassistischen Reaktionen des deutschen Publikums selbst zum Gegenstand der Aufführung geraten. Auch in Husens Geschichte mit tragischem Ausgang spielt die Frage der (Nicht-)Anerkennung eine entscheidende Rolle.

Langes Warten © Liisa Kruusmägie, avant-verlag 2018
Demba Mboup © Vuk Palibrk, avant-verlag 2018

Von den übrigen Comics sei hier noch der von Julia Kluge erwähnt, weil es der Zeichnerin in besonders eindrucksvoller Weise gelungen ist, das ganze Konfliktpotential zwischen schriftlichen und bildlichen Anteilen des Comic abzurufen. Dabei mag man die von ihr verfasste Kurzgeschichte Reiseerzählungen aufgrund des allzu kindlich-naiven Zeichenstils auf den ersten Blick gar nicht ernst nehmen wollen. Doch die scheinbare Naivität erweist sich als trügerisch, denn die anfänglich reinen Illustrierungen von Passagen aus Karl Mays Erzählungen Im Lande des Mahdi und Die Sklavenkarawane weisen bald über den zitierten Text hinaus und entwickeln ein explosives Eigenleben. An einer Stelle des wiedergegebenen Originaltextes beschreibt Karl May bzw. sein autodiegetisches Erzähler-Alter-Ego Kara Ben Nemsi in bekannt rassistischer Manier, wie er und ›seine‹ Askari eine Gruppe feindlich gesinnter Einheimischer überwältigen und die Überlebenden des Gemetzels gefangen nehmen. Kluges Zeichnungen lösen sich hier vom schriftlichen Text bzw. treten sogar dazu in einen (produktiven) Widerspruch, indem sie stattdessen eine zuvor angekündigte Flusspferdjagd illustrieren.

Reiseerzählungen © Julia Kluge, avant-verlag 2018
Reiseerzählungen © Julia Kluge, avant-verlag 2018

Aufgerissene Tierkadaver, verwundete Askaris, vom Bildrand herabhängende Eingeweide verweisen auf die von Gier und Abenteuersehnsucht weißer Europäer vorangetriebene grauenvolle Verstümmelung eines ganzen Kontinents und seiner Einwohner. An genau diesem Punkt treffen sich die Jagden nach tierischem und menschlichem Fleisch. So wie Kluge den feisten ›Effendi‹ schließlich selbstzufrieden an einer Hinterkeule kauend ins Bild setzt, kommt man auf die Idee, sie zitiere hier längst nicht mehr Karl May, sondern einen der bedeutendsten Vertreter der aktuellen postkolonialen Theorie: den kamerunischen Politikwissenschaftler Achille Mbembe, der den Kolonialismus unlängst als ein »kannibalisches System« bezeichnete und so ein besonders übles, lang wirksames rassistisches Klischee in erhellender Weise gegen ihre Urheber wendete.

Illustrated (Hi)stories

 

Elisabeth Desta (Hrsg.): Illustrated (Hi)stories. Kolonialsoldaten im Ersten Weltkrieg, Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2018; 207 S., farbig und s/w. Preis: 7 €.

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