vonMario Zehe 16.02.2019

[ˈkɒmik_blɔg]

Der Comic – einst das Schreckgespenst des Bildungsbürgers, heute dagegen der (heimliche) Liebling des Föjetong.

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Jedem Ende wohnt bekanntlich ein neuer Anfang inne. Jedenfalls werden der Internet-Bezahlsender Netflix und der auf Superheldencomics und -verfilmungen spezialisierte Marvel-Verlag künftig getrennte Wege gehen. Damit Netflix-Abonnenten ab dato nicht auf Superheldenserien verzichten müssen, kooperiert man seit einiger Zeit mit kleineren amerikanischen Comicverlagshäusern wie Image und Dark Horse. Dort erschienene, gut verkäufliche oder als innovativ angesehene Heftserien werden nach und nach durch den Streamingdienst filmisch adaptiert und im eigenen Programm platziert.

In dieser Woche erscheint nun mit »The Umbrella Academy« eine der ersten eigenproduzierten Verfilmungen einer Independentcomic-Serie. Kurz gesagt geht es darin um ein Wiedersehen einer Gruppe von Superheld*innen, die einst im Kindesalter von einem ehrgeizigen Wissenschaftler und (vermeintlichen) Philanthropen gemäß ihrer jeweiligen Begabungen und Kräfte trainiert wurden, damit sie diese künftig zum Wohle der Menschheit einsetzen mögen. Nachdem sie lange Zeit in alle vier Himmelsrichtungen verstreut waren, kommen sie schließlich wieder zusammen, als sie vom Tod ihres einstigen Mentors und Ersatzvaters erfahren. Nach und nach entfaltet sich nun eine Rückschau auf verlorene Kindheiten, mangelnde Zuneigung, narzisstische Kränkungen und daraus resultierende psychische Beschädigungen. Nicht zufällig erwächst am Ende daher die allergrößte Gefahr – ohne die das Superheldengenre nun einmal nicht auskommt – aus den eigenen Reihen.

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Die Kritiken der Netflix-Produktion fielen bislang allerdings eher verhalten aus, so ganz großes (Serien-)Kino vermochte darin (noch) keiner zu erkennen. Zu langatmig, zu vorhersehbar sei die Serie geraten, zu wenig werde das parodistische Potential der gleichnamigen Comicvorlage ausgeschöpft, heißt es immer wieder. Vielleicht ist man daher besser damit bedient, gleich zum Original statt zur Kopie zu greifen. Bei Crosscult erscheint nämlich dieser Tage in Buchform eine Neuauflage der ersten sechs Hefte der von 2007 an erschienen Comicserie. Was den Comic neben der schrägen Story (erdacht und getextet von Gerard Way) so besonders macht, sind nämlich die expressiven Zeichnungen des brasilianischen Comickünstlers Gabriel Bá.

© 2008, 2019 Dark Horse Comics, Cross Cult
© 2008, 2019 Darke Horse Comics, Cross Cult

Großartig sind die zahlreichen visuellen Referenzen an die gängigen Hypertrophien des Superheldengenres, in verdichtester Form wohl im hybriden Körper »Spaceboys«, des mehr oder weniger offiziellen Anführers der Truppe. Möglicherweise ist es ja auch das Fehlen dieser anarchisch-gewaltigen Bildsprache Bás, welche die Realverfilmung nicht aus den Schatten ihrer literarischen Vorlage treten lässt. Buch sticht also Glotze. Und einen weiteren Vorteil hat das Comiclesen anstatt des Filmeschauens noch: Während Netflix die weiteren Staffeln erst noch produzieren muss, erscheinen die Folgebände Zwei und Drei wohl noch in der ersten Hälfte diesen Jahres.


Gerard Way/Gabriel Bá: The Umbrella Academy. Weltuntergangssuite, Cross Cult/Dark Horse 2019. Hardcover, 16×24, 219 S. 22 € ISBN: 978-3-95981-173-6

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