vonHans Cousto 16.03.2018

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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MDMA, der Wirkstoff von Ecstasy, wirkt entaktogen, das heißt, er verstärkt die innere Empfindung und Wahrnehmung. Das Wort „entaktogen“ ist eine Zusammensetzung aus zwei griechischen Silben und einem lateinischen Ausdruck. Die griechische Silbe en bedeutetet „innen“ und gen heißt soviel wie „generieren, erzeugen, schaffen„. Der mittlere Teil des Wortes takto ist dem lateinischen tactus entlehnt, was „die Fähigkeit zu empfinden, spüren und fühlen“ bedeutet. Der von dem Chemiker David E. Nichols geprägte Begriff „entaktogen“ bedeutet somit das Ermöglichen und Erzeugen einer Berührung des eigenen Innern.

MDMA verstärkt überdies die Empathie. Empathisch wirkende Drogen (Empathogene) steigern vor allem die Wahrnehmungsfähigkeit und das Einfühlungsvermögens in die emotionelle Situation anderer Personen. Dadurch wird die Sympathie zu anderen Menschen gefördert und die Kommunikationsbereitschaft gestaltet sich offener und herzlicher. Dies kommt vor allem bei gemeinsam zelebrierten Ritualen, wie zum Beispiel beim ekstatischen Tanzen, zur Geltung, sodass das Gemeinschaftsgefühl gefördert wird. Den empathischen Drogen wird auch eine magische Wirkung nachgesagt, da das verbindende Gefühl rational gar nicht erfasst werden kann, sondern vor allem seelisch erlebt wird.

Intimer Körperkontakt und zärtliche Berührungen werden auf MDMA oft viel stärker empfunden als im nüchternen Zustand. Deshalb wird MDMA auch im Rotlichtmilieu und in Massagesalons eingenommen.

Regionale Unterschiede der präferierten Drogen

An der im Vorfeld der Street Parade online durchgeführten großen Partydrogen-Umfrage 2004 des Verlages „20 Minuten“ in Zürich beteiligten sich etwas mehr als 3.000 Personen, 964 Frauen (31,7%) und 2.074 Männer (68,3%). An der analogen Partydrogen-Umfrage 2006 beteiligten sich 2.633 Personen, 740 Frauen (28,1%) und 1.893 Männer (71,9%). In beiden Umfrage zeigte es sich, dass Cannabis die am häufigsten konsumierte illegalisierte Droge war, gefolgt von Ecstasy und Kokain.

In den Jahren 2000 bis 2002 befragte Joachim Eul Drogenkonsumenten im Rahmen einer Studie zu Prävalenzen und Konsumbewertungen von Formen des Drogenmischkonsums. Die Erhebung erfolgte vorwiegend an Parties und anderen Veranstaltungen unter freiem Himmel wie die Loveparade in Berlin mittels eines standardisierten Fragebogens. Befragt wurden 1.289 Personen. In beiden Umfrage zeigte es sich, dass Cannabis die am häufigsten konsumierte illegalisierte Droge war, gefolgt von Zauberpilzen, Ecstasy folgte erst auf Platz drei. Die Umfrageergebnisse der Befragungen in der Schweiz und Norddeutschland sind in dem Bericht „Drogenmischkonsum – Konsumhäufigkeiten und Konsumbewertungen“ dargestellt.

Wenn eine Stadt in dem folgenden Ranking nicht auf den vorderen Plätzen erscheint, heiß das nicht, dass in dieser Stadt weniger Drogen konsumiert werden als in Städten, die im Ranking ganz vorne liegen – vermutlich werden in den Städten weiter hinten im Ranking nur vorwiegend andere Drogen konsumiert als die hier untersuchte Substanz Ecstasy. Die hier in der Folge wiedergegebenen Werte wurden auf Basis von Abwasserproben, die auf Spuren von Drogen analysiert wurden, ermittelt. Aufgrund der im Abwasser gefundenen Stoffwechselprodukte von Medikamenten und anderen psychotrop wirkenden Substanzen lassen sich Rückschlüsse auf konsumierte Mengen schließen. Datenquelle: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht in Lissabon: „Wastewater analysis and drugs – a European multi-city study„.

Hochburgen der Ecstasygenießer

In den Niederlanden wird mehr Ecstasy konsumiert als in anderen Ländern in Europa, gefolgt von Belgien und der Schweiz. Bemerkenswert ist hierbei, dass der Konsum in einigen Städten in den letzten Jahren zugenommen hat, in anderen Städten jedoch abgenommen hat. In den Niederlanden beispielsweise hat der Konsum von MDMA in Amsterdam und Eindhoven zu- in Utrecht hingegen abgenommen.

Grafik 1 zeigt den durchschnittlichen MDMA-Konsum pro Tag in Milligramm (mg) pro 1000 Einwohner in ausgewählten Städten in Europa an. Datenquelle EMCDDA.
Grafik 1 zeigt den durchschnittlichen MDMA-Konsum pro Tag in Milligramm (mg) pro 1000 Einwohner in ausgewählten Städten in Europa an. Datenquelle EMCDDA.

Wochenendkonsum versus Werktagskonsum

In Städten mit einem großen Partyangebot an den Wochenenden ist der Konsum von Ecstasy im Allgemeinen an den Wochenenden größer als an gewöhnlichen Werktagen. Auffällige Ausnahmen sind hier die niederländischen Städte Amsterdam und Eindhoven. Hier wird an Werktagen deutlich mehr konsumiert als an den Tagen am Wochenende. Über die Gründe dafür gibt es verschiedene Mutmaßungen: Die Einheimischen gehen lieber in der Woche Feiern, weil an den Wochenenden zu viele Touristen in den Clubs sind und weil im Rotlichtmilieu in der Woche die zahlungskräftigeren Kunden kommen als an den Wochenendtagen. Auch in Frankfurt am Main ist der Werktagskonsum etwas größer als der Wochenendkonsum, vermutlich auch, weil Frankfurt über ein recht großes und viel frequentiertes Rotlichmilieu verfügt. In Berlin, wo die Angabe zum Werktagskonsum auch leicht über dem Wochenendkonsum liegt, scheint eher die Größe der Stadt und das langsame Fließen der Abwässer für das Ergebnis verantwortlich zu sein. Die Abwässer vom Sonntag kommen erst am Montag oder Dienstag in den Kläranlagen an. Die folgende Grafik zeigt die Mengen des konsumierten MDMA pro 1000 Einwohner an Wochenendtagen und an Werktagen in ausgewählten Städten in Europa.

Grafik 2 zeigt den MDMA-Konsum an Wochenendtagen und an Werktagen in Milligramm (mg) pro 1000 Einwohner in ausgewählten Städten in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Datenquelle EMCDDA.
Grafik 2 zeigt den MDMA-Konsum an Wochenendtagen und an Werktagen in Milligramm (mg) pro 1000 Einwohner in ausgewählten Städten in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Datenquelle EMCDDA.

 

Grafik 3 zeigt den Unterschied (Zu- oder Abnahme) des MDMA-Konsums an Wochenendtagen im Vergleich zu den Werktagen in Prozent in ausgewählten Städten in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Datenquelle EMCDDA.
Grafik 3 zeigt den Unterschied (Zu- oder Abnahme) des MDMA-Konsums an Wochenendtagen im Vergleich zu den Werktagen in Prozent in ausgewählten Städten in den Niederlanden, Belgien, Deutschland, Österreich und der Schweiz an. Datenquelle EMCDDA.

In St. Gallen wird an den Wochenendtagen mehr als viermal so viel MDMA konsumiert wie an Werktagen. Die Konsumenten kommen an den Wochenenden von außerhalb in die Stadt um zu Feiern. Stark ausgeprägt ist dieses Phänomen auch in Basel, Bern und Genf wie auch in Nürnberg, München und Stuttgart, wo an Wochenendtagen mehr als dreimal so viel MDMA konsumiert wird wie an Werktagen. In Innsbruck, Dresden, Hamburg, Zürich und Dortmund wird an Wochenendtagen nur etwas mehr als doppelt so viel MDMA konsumiert wie an Werktagen. Und wie oben schon erwähnt, tanzen die Städte Amsterdam, Eindhoven, Frankfurt am Main und Berlin hier aus der Reihe mit einem höheren Werktagskonsum.

Vorsicht Fake News

Am 14. Dezember 2017 wurde der jährlich erscheinende „Bericht zur Drogensituation in Deutschland“ mit den Daten für das Jahr 2016 veröffentlicht. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), gab am selben Tag zu diesem Anlass eine Pressemitteilung heraus, die unter dem Titel „Drogenpolitik bleibt zentrale Aufgabe für Bund und Länder – Vorstellung des Jahresberichts zur Situation illegaler Drogen in Deutschland 2017„. In dieser Pressemitteilung geht die Drogenbeauftragte auch auf die Reinheits- respektive Wirkstoffgehalte ein. So heißt es wörtlich in dieser Pressemitteilung: „Der markanteste Anstieg von Wirkstoffgehalten ist in diesem Jahr aber bei den Amphetaminen zu verzeichnen: von 2015 auf 2016 hat er sich vervierfacht. Für MDMA lässt sich eine Verdopplung des Wirkstoffgehaltes verzeichnen.

Die Behauptung, dass der markanteste Anstieg von Wirkstoffgehalten in diesem Jahr bei den Amphetaminen aufgetreten sei und dass dieser sich von 2015 auf 2016 vervierfacht habe, ist nicht richtig. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Wirkstoffgehalt von Amphetamin (Straßenhandelsqualität) gesunken, von 14,6 % auf 13,8 %. Die hier zitierten Angaben aus der Pressemitteilung der Drogenbeauftragten sind sachlich falsch und irreführend. Solche Falschmeldungen nennt man heute Fake News.

Auch die Behauptung, dass sich der Wirkstoffgehalt in Ecstasytabletten von 2015 auf 2016 verdoppelt habe, muss als Fake News klassifiziert werden. Der durchschnittliche Wirkstoffgehalt von Ecstasytabletten ist zwar gestiegen, jedoch nur um 23,4 % und nicht um 100 %, wie die Drogenbeauftragte in der Pressemitteilung ihren Leserinnen und Lesern suggeriert. Im Jahr 2016 enthielten Ecstasytabletten in Deutschland durchschnittlich 137 Milligramm MDMA-Hydrochlorid, im Jahr davor waren es nur 111 Milligramm. In beiden Jahren enthielten nebenbei bemerkt 99,4 % aller analysierten Ecstasytabletten und Kapseln ausschließlich den Wirkstoff MDMA. Nie zuvor war der Anteil von Ecstasytabletten und Kapseln, die ausschließlich den Wirkstoff MDMA enthalten, so hoch wie in diesen zwei Jahren.

Trotz des Verbreitens solcher Fake News wurde Marlene Mortler für eine weitere Legislaturperiode als Drogenbeauftragte berufen. Seriosität ist bei diesem Amt wohl keine Voraussetzung.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

[09.03.2018] Hochburgen der Koksnasen
[25.05.2017] Drogen: Mehr Stoff für weniger Geld

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