vonHans Cousto 09.08.2018

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

Mehr über diesen Blog

Wenn es auch nachts schön warm ist oder während des Tages die Sonne scheint gehen viele Leute gerne draußen im Freien feiern – dies gilt besonders am kommenden Wochenende, wenn in Zürich (ca. 400.000 Einwohner) mehr als doppelt so viele Menschen zur Street Parade kommen werden – erfahrungsgemäß kommen auch weit über 100.000 Menschen aus Deutschland. Dort, wie auch an vielen anderen Orten, wird es dann in der Nacht von Samstag auf Sonntag viele Partys unter freiem Himmel geben. Für viele Menschen ist dies ein geeignetes Setting, um psychotrop wirkende Substanzen einzunehmen.

Da die meisten pyschotrop wirkenden Substanzen, die auf Partys konsumiert werden, auf dem Schwarzmarkt erworben werden, wissen viele Leute nicht, wie rein oder wie stark die angebotene Ware ist. Um diesem Unwissen entgegen zu wirken, werden in verschiedenen Ländern Drug-Checking-Programme durchgeführt. In England wird dies von der gemeinnützigen Organisation The Loop bewerkstelligt, in Belgien von Eurotox, in den Niederlanden vom Trimbos Institut, in Spanien von Energy Control, in Österreich vom Projekt Checkit! in Wien und Drogenarbeit Z6 in Innsbruck, in der Schweiz vom Drogeninformationszentrum der Stadt Zürich (DIZ) und der Drogeninfo Bern Plus (DIB+) sowie mobil vor Ort von Safer Party in Zürich und rave it safe in Bern.

Alle Drug-Checking-Programme dokumentieren einen Trend: Die Ecstasytabletten enthalten immer mehr Wirkstoff. Das bestätigen auch die neuesten Ergebnisse der Analysen aus der Schweiz. Im Jahr 2017 enthielten die Ecstasytabletten durchschnittlich 159,2 Milligramm MDMA-HCL, im ersten Halbjahr 2018 waren es 173,4 Milligramm. Dies entspricht einer Zunahme um 8,9 Prozent. Vor zehn Jahren war der durchschnittliche MDMA-HCL-Gehalt nur etwa halb so groß, wie man der folgenden Grafik entnehmen kann.

Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Wirkstoffgehalt in Ecstasytabletten in der Schweiz als Zeitreihe von 2007 bis 2018. Datenquelle: Safer Party Zürich. * Erstes Halbjahr 2018
Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Wirkstoffgehalt in Ecstasytabletten in der Schweiz als Zeitreihe von 2007 bis 2018. Datenquelle: Safer Party Zürich. * Erstes Halbjahr 2018

Ecstasytabletten, die mehr als 120 Milligramm Wirkstoff enthalten, gelten als hochdosiert, Tabletten mit mehr als 200 Milligramm Wirkstoff als extrem hochdosiert. Im ersten Halbjahr 2018 enthielten 85,8 Prozent aller in der Schweiz getesteten Ecstasytabletten mehr als 120 Milligramm Wirkstoff – ein so hoher Anteil wie nie zuvor. Vor etwa zehn Jahren (anno 2009) enthielten gerade einmal 1,3 Prozent aller getesteten Pillen mehr als 120 Milligramm Wirkstoff. Und fast jede dritte getestete Pille (31,4 Prozent) enthielt 2018 mehr als 200 Milligramm Wirkstoff, war also extrem hoch dosiert. Vor zehn Jahren enthielt keine einzige Pille soviel Wirkstoff.

Die Grafik zeigt den Anteil der getesteten Ecstasytabletten mit mehr als 120 Milligramm Wirkstoff als Zeitreihe von 2007 bis 2018. Datenquelle: Safer Party Zürich. * Erstes Halbjahr 2018
Die Grafik zeigt den Anteil der getesteten Ecstasytabletten mit mehr als 120 Milligramm Wirkstoff als Zeitreihe von 2007 bis 2018. Datenquelle: Safer Party Zürich. * Erstes Halbjahr 2018

Es kommt vor, dass die Produzenten von Ecstasytabletten den Wirkstoffgehalt auf der Tablette einprägen. So testete Eve & Rave Berlin im Jahr 1995 eine Pille, auf der die Prägung „130 mg“ zu sehen war. Die Pille enthielt tatsächlich genau 130 Milligramm Wirkstoff. Und erst vor kurzer Zeit war eine gelb-grünliche Tablette mit dem Antlitz eines Pharaos auf der Vorderseite und der Prägung „Warning Pharaoh 240 mg“ auf der Rückseite im Umlauf. Die Tablette hatte eine Bruchrille und enthielt gemäß Analyse 242,2 Milligramm MDMA-HCL. Wenige Tage zuvor wurde eine sehr ähnlich geprägte Tablette, die bräunlich gesprenkelt war, getestet. Diese ebenfalls unter dem Namen Pharao kursierende Tablette enthielt dem gegenüber nur 143,3 Milligramm Wirkstoff. Man merke sich: Gleiches Logo heiß nicht gleicher Inhalt.

Die Grafik zeigt die Ecstasytablette mit dem Logo Pharao von vorne und von hinten. Foto: Safer Party Zürich

Die Spezialisten von Tox Info Suisse beraten regelmäßig die Notfallstationen der Spitäler bei Fällen, in denen Ecstasy eine Rolle spielt. Gemäß der Online-Zeitung 20 Minuten erklärte der Direktor von Tox Info Suisse, Dr. med. Hugo Kupferschmidt, dass mit der Tablettenstärke auch das Risiko einer Überdosierung steige. „Das ist problematisch, wenn ein Konsument die Bezugsquelle nicht kennt.“ Ihm seien aber nur wenige akute Vergiftungsfälle bekannt. „Alkoholvergiftungen stehen an der Street Parade klar im Vordergrund.

Bei Hitze ist besondere Vorsicht geboten

Bei Sonne und 30 Grad reagiert der Körper anders auf Ecstasy, Kokain, Alkohol und Gras. Deshalb warnt der VICE Staff am 2. August 2018 unter dem Titel „Wie die Hitze den Konsum von Drogen noch riskanter macht“ vor einem leichtsinnigen Konsum von psychotrop wirkenden Substanzen. Beispielsweise ergab schon 2011 eine Studie mit Kokainabhängigen in New York, dass das Risiko an einer Überdosis Kokain zu sterben bereits bei einer Durchschnittstemperatur von 24 Grad deutlich steige. Eine zweite Studie von 2017 untersuchte dieses Phänomen in Quebec, Kanada, und kam zu ähnlichen Ergebnissen: Je höher die Außentemperatur, desto höher sei das Risiko zu sterben. Bei über 30 Grad nehme das Sterberisiko um das Zweifache zu.

Vergleiche hierzu in diesem Blog

[04.05.2018] Immer mehr Wirkstoff in Ecstasypillen
[28.11.2014] Extrem hoch dosierte Ecstasy-Pillen im Umlauf

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/drogerie/2018/08/09/ecstasy-tabletten-werden-immer-hoeher-dosiert/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Leute Leute neee….

    Auch wenn es ein kleiner Fortschritt ist, über internationale Drugcheckingseiten zu informieren, wäre es einerseits ratsam, die verschiedenen Rechtslagen in den Ländern besser rauszustellen um zu zeigen wo wie intensiv über Haupt- und Nebenwirkstoffe zu geprüft werden darf. Hauptsächlich wäre es aber, und da hat der Autor durch weglassen wichtiger Infos versagt, angebracht über Nebenwirkungen durch die massive Glückshormonausschüttung zu berichten. Was ist dran am „Extacy-Kater“ und an langzeitfolgen durch Mehrfachen oder Mischkonsum? Wie wahrscheinlich sind Depressionen weil die Neurotransmitter weggebrutzelt werden? Oder ist alles harmlos bis auf zu optimistisch bewertete Konflikte oder Gesichtsmimiken?

    Fragen über Fragen – die eveandrave.ch im Ansatz beleuchten… Sich da nur auf den Kitsch vieler Tanzender zu berufen, wie human es doch ist ne Wasserflasche zu teil’n reicht, aber mit diesem „reicht mal wieder nicht“, kann man sich im Berliner Journalismus ja den Mund fusselich reden.

    Schön, dass das Image stimmt, passt ja zur Selbstoptimierung im Neoliberalismus. Bravo TAZ!

  • Die meisten Konsumenten werden ja auf Kosten der Allgemeinheit wieder aufgepäppelt oder ruhiggestellt, wenn sich mal Nebenwirkungen einstellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.