vonHans Cousto 06.09.2018

Drogerie

Aufklärung über Drogen – die legalen und illegalen Highs & Downs und die Politik, die damit gemacht wird.

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Im Rahmen des 18. Internationalen Literaturfestivals Berlin wird es am Montag, 10. September 2018, sowie am Dienstag, 11. September 2018, hochkarätige Vorträge zum Thema Drogenpolitik geben. Die Vortragsreihe wird im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße 23, 10719 Berlin, stattfinden.

Chemnitz, die Nazis und Methamphetamin

Chemnitz hat etwa eine Viertelmillion Einwohner und liegt im Südwesten des Freistaates Sachsen. Die Szene der Neonazis hat in Chemnitz starke Strukturen und eine lange Geschichte. Auch der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) profitierte von den hiesigen Netzwerken. Nach seinem Untertauchen zog das Terrortrio von Jena nach Chemnitz. In Chemnitz wurden auch die meisten Raubüberfälle seitens des NSU durchgeführt. In Postfilialien und Sparkassen wurden dabei in Chemnitz insgesamt mehrere Hunderttausend Euro erbeutet. Bei der letzten Bundestagswahl votierte etwa jeder vierte Wähler in Chemnitz für die AfD.

Chemnitz hat im Jahr 2017 zum ersten Mal bei einer europaweiten Abwasserkontrolle auf Drogenrückstände mitgemacht. Chemnitz hat laut der Studie des European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction beim Konsum der synthetischen Droge Crystal (Methamphetamin) eine führende Position in Europa. Im Vergleich von 60 Städten wurden demnach 2017 in Chemnitz die größten Rückstände von Methamphetamin im Abwasser gefunden.

Neonazis haben eine große Affinität zu Methamphetamin, nicht zuletzt, weil in den Medien immer wieder vor „Hitlers Wunderdroge auf dem Weg zur Disco“ gewarnt wurde – und bekanntlich finden Neonazis vieles gut, was die Nazis seinerzeit im Dritten Reich auch gut fanden; und dazu gehört eben auch Methamphetamin, das in den Apotheken unter dem Markennamen Pervitin erhältlich war. Michael Knodt schrieb am 10. Dezember 2014 im Vice unter dem Titel „Warum finden Neonazis Crystal Meth so geil?“ gleich die Antwort im Untertitel seines Beitrages: „Es ist billig, macht fit für Schlägereien und wurde von den Nazis an Soldaten verteilt — immer wieder werden Neonazis und Rechtsextreme im Osten beim Crystal-Dealen erwischt.

Die besten Experten zum Thema werden im Literaturhaus sprechen

Zum Thema Nazis und Drogen erschienen in den letzten Jahren mehrere Sachbücher, die alle von einer intensiven Recherche zeugen. Zwei Autoren dieser Bücher, Tilmann Holzer und Norman Ohler werden im Literaturhaus sprechen.

Titelbild Werner Pieper: "NAZIS ON SPEED – Drogen im 3. Reich", Edition Rauschkunde, Nachdruck 2016, 578 S., ISBN: 978-3-930442-39-3, € 29,80
Titelbild Werner Pieper: „NAZIS ON SPEED – Drogen im 3. Reich„, Edition Rauschkunde, Nachdruck 2016, 578 S., ISBN: 978-3-930442-39-3, € 29,80

Im Jahr 2002 gab Werner Pieper das zweibändige Werk „Nazis on speed: Drogen im 3. Reich“ in der Edition Rauschkunde heraus. 2016 erfolgte ein Nachdruck in einem Band der die ursprüngliche 2 Bände umfasst. 1945 gab es in der Geschichte einen heftigen Einschnitt, jedoch nicht in der deutschen Drogenpolitik: Gesetze sowie die negative Drogen-Terminologie (Rauschgift statt Genussmittel) wurden von den Nachkriegsdemokraten direkt von den Nazis übernommen und weitgehend bis heute beibehalten. Wir mögen mit der Vergangenheit abgeschlossen haben, aber die Vergangenheit noch lange nicht mit uns. Das Werk bemüht sich nicht um eine neue, monokausale Antwort auf den Faschismus als fiesen Drogentrip, sondern eröffnet einen ganz interessanten Blick auf die Politik und Kultur des Rausches in der Diktatur des III. Reiches im Besonderen und im westlichen Kulturkreis im Allgemeinen.

Titelbild Tilmann Holzer: "Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene. Deutsche Drogenpolitik von 1933 bis 1972", Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2007, 591 Seiten, ISBN 978-3-8334-9014-9, € 49,90.
Titelbild Tilmann Holzer: „Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene. Deutsche Drogenpolitik von 1933 bis 1972„, Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2007, 591 Seiten, ISBN 978-3-8334-9014-9, € 49,90.

Im Jahr 2007 erschien das Buch „Die Geburt der Drogenpolitik aus dem Geist der Rassenhygiene. Deutsche Drogenpolitik von 1933 bis 1972“ von Tilmann Holzer. In dem Buch werden die Anfänge der Drogenpolitik in Deutschland bis 1933, die Drogenpolitik in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945, das drogenpolitische Zwischenspiel der Besatzungsmächte von 1945 bis 1949 und die Kontinuität respektive (zum kleineren Teil) Diskontinuität in der Drogenpolitik der Bundesrepublik Deutschland (Wessiland) nachgezeichnet. Dabei wird der Substanz Methamphetamin, die unter dem Markennamen „Pervitin“ bis zum 7. November 1939 rezeptfrei erhältlich war und am 12. Juni 1942 dem Opiumgesetz unterstellt wurde, besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da diese Substanz im Rahmen der Kriegsführung eine große Rolle spielte.

Anhand der biographischen Daten zu einzelnen Personen kann die Kontinuität in der drogenpolitischen Karriere derselben aufgrund der Informationen, die Tilmann Holzer zusammengetragen hat, äußerst detailliert nachgezeichnet werden. In der Pressemitteilung vom 28. Februar 2007 zur Drogenpolitik der Redaktion Webteam www.eve-rave.net Berlin sind ab Seite 7 einige kommentierte Textpassagen aus diesem Buch veröffentlicht worden. Tilmann Holzer wird am Dienstag, 11. September 2018, um 18:00 Uhr im Literaturhaus sprechen.

Titelbild Norman Ohler: "Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich", Kiepenheuer & Witsch 2015, 368 Seiten, ISBN: 978-3-462-04733-2, € 19,99.
Titelbild Norman Ohler: „Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich„, Kiepenheuer & Witsch 2015, 368 Seiten, ISBN: 978-3-462-04733-2, € 19,99.

Am 10. September 2015 erschien das Buch „Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich“ von Norman Ohler. Nach fünfjähriger Recherche erschien Ohlers erstes Sachbuch „Der totale Rausch“ über die bisher eher selten (Ausnahme: die zwei zuvor beschriebenen Werke) aufgearbeitete Rolle von Drogen im Dritten Reich. Für „Der totale Rausch“ recherchierte Norman Ohler fünf Jahre lang in Archiven in Deutschland und den USA und wertete zahlreiche Originalmaterialien aus, die der Forschung entgangen waren. Das Buch „Der totale Rausch – Drogen im Dritten Reich“ wurde von Presse und Wissenschaft gefeiert, in mehr als 25 Sprachen übersetzt und stand auf der New York Times-Bestsellerliste. Norman Ohler wird am Montag, 10. September 2018, um 18:00 Uhr im Literaturhaus sprechen. Am 11. September wird es nach dem Vortrag von Heino Stöver – verantwortlicher Redakteur des Alternativen Drogen- und Suchtberichtes – eine Diskussionsrunde mit allen hier genannten Referenten geben.

Programm der Vortragsserie The Politics of Drugs

Montag, 10. September 2018, Literaturhaus Berlin

18:00 Uhr: KEYNOTE LECTURE NORMAN OHLER [D] – DROGEN UND ENTSCHEIDUNGEN. EINE NEUE WELTGESCHICHTE

19:30 Uhr: THOMAS MACHO [A] – ZUR KULTURGESCHICHTE DER DROGEN

21:00 Uhr: CHRISTOPH STEIN [D] – DIE MEDIKAMENTE VON HEUTE SIND DIE DROGEN VON MORGEN

Dienstag, 11. September 2018, Literaturhaus Berlin

18:00 Uhr: TILMANN HOLZER [D] – WIE DER RAUSCH NACH DEUTSCHLAND KAM – GEHEIMDIENSTE, LSD UND DER WEG IN DIE MITTE DER GESELLSCHAFT

19:15 Uhr: FEDERICO VARESE [I/ GB] – ORGANISIERTES VERBRECHEN UND INTERNATIONALER DROGENHANDEL

20:30 Uhr: HEINO STÖVER [D] – DIE ZUKUNFT DER DROGENPOLITIK. ANSCHLIESSEND DISKUSSION MIT TILMANN HOLZER [D], ŁUKASZ KAMIEŃSKI [PL], THOMAS MACHO [A], NORMAN OHLER [D]

Eintrittspreise

Einzelticket: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Schüler*innen 4 Euro
Tagesticket: 18 Euro, ermäßigt 14 Euro, Schüler*innen 8 Euro

Ticketvorverkauf:

Kasse im Haus der Berliner Festspiele (Montag bis Freitag: 14.00–18.00 Uhr)
Schaperstr. 24, 10719 Berlin
Tel +49 (0)30 254 89-100
Fax +49 (0)30 254 89-230
E-Mail ticketinfo@berlinerfestspiele.de
http://literaturfestival.com/festival/tickets

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