vonmanuelschubert 21.02.2018

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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Es ist eng, sehr eng, in dem Haus von Um Ghareeb irgendwo im Stadtteil Rod El Farag, einem der ärmsten Viertel Kairos. Die Enge im inneren setzt sich draußen mit schmalen Gassen und Treppen fort. Mittendurch führt eine vermüllte Eisenbahnstrecke die von hohen Mauern ebenfalls eng eingerahmt ist. Schäbig wirkt hier wirklich alles, doch Um Ghareeb sagt, es sei ein schöner Ort mit vielen Qualitäten, denn die Nachbarn helfen sich. In Reem Salehs dokumentarischem Film AL GAMI’YA (What Comes Around) lernen wir schnell, dass die resolute Um Ghareeb nicht nur von einfacher Nachbarschaftshilfe im Alltag spricht. Die Bewohner*innen des Viertels helfen sich auch finanziell, sie betreiben eine solidarische Kreditgemeinschaft. Jedes Mitglied dieser sogenannten „al Gami’ya“ zahlt regelmäßig einen kleinen Beitrag ein.

Wöchentlich trifft sich die Gemeinschaft und berät, wem aus dem gemeinsamen Topf ein größerer Geldbetrag zur Verfügung gestellt werden muss, sei es um Waren für ein Geschäft zu kaufen, für Medikamente, für Hochzeitsvorbereitungen, Möbel usw. Reem Saleh folgt verschieden Mitgliedern der „al Gami’ya“ durch ihre Leben und ihr Überleben. Deutlich wird, die Bewohner*innen von Rod El Farag mögen zwar materiell arm sein, doch dafür sind sie reich an Lebenskraft, Stolz, Glauben und solidarischem Miteinander.

Leicht ist dieses Leben trotz alledem keinesfalls und bleiben die Zumutungen des Alltags kaum auszuhalten wenn Ehen scheitern, der Ernährer der Familie nach einem Schlaganfall bettlägerig wird oder Töchter sich freiwillig und mit bestürzender Überzeugung einer Genitalbeschneidung unterziehen – gegen den Willen ihrer Väter. Und dann ist da noch der ewige Streit um die Grabplätze auf dem Friedhof, welcher eben noch solidarisch gestimmten Gemeinschaften mit einem Wimpernschlag in sich feindselig gegenüberstehende Gruppen verwandelt.

Reem Saleh und ihr Kameramann Tarek Hefny sind dabei immer präsent und im Wortsinne nah dran, doch nie dominant. Vielmehr tauchen sie behutsam ein diese Welt. Und wird das Filmteam zugleich von den Protagonist*innen mit bewundernswertem Vertrauen und viel Offenheit in ihre Leben eingebaut. Für berückende 72 Minuten dürfen auch wir als Publikum zu Gast in Rod El Farag sein, diesem gleichermaßen schönen wie schrecklichen Ort.

AL GAMI’YA (What Comes Around) | LIB/EGY/GRE/QAT/SLO 2018 | 79′ | Reem Saleh | Panorama Dok


Ein Mädchen sitzt auf einer Schaukel, im Hintergrund donnern Trucks vorbei. Die Schaukel quietscht vor sich hin, das Mädchen scheint keine Regung von sich zu geben. Schnitt. Der Einstieg von INTERCHANGE setzt den Ton für den weiteren Verlauf dieser dokumentarischen Erkundung der Umgebung eines Verkehrsknotenpunkts am Stadtrand von Montreal. Wir sehen heruntergekommene Häuser, in sich versunken scheinende Menschen, Bauarbeiten an den sich verschleißenden Verkehrswegen der kanadischen Metropole. Der Blinkwinkel geht immer vom Straßenland aus, die Perspektiven sind jene der Vorbeifahrenden und jener, die in diesem Mobilitätsmoloch leben. Die Tonspur, endloser Verkehrslärm, orchestriert die Bilder.

Wie zum Kontrast zum ewigen Strom der PKW, entwickeln Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky ihren Film mit ruhiger Geschwindigkeit. Einstellung für Einstellung verweilt die Kamera für längere Zeit auf ihrem Motiv, lädt uns ein, das Bild in aller Ausführlichkeit zu studieren. So interessant es auch sein mag diese Bilder anzusehen, erschöpft sich die visuelle Idee selbst für die nur 62 Minuten Laufzeit überraschend schnell. Tragischerweise fällt den Filmemacher*innen darüber hinaus kaum noch etwas ein, um uns an diesem Ort und in diesem Film zu halten. INTERCHANGE verfliegt und ist vergessen, genauso wie jene Nicht-Orte entlang der großen Verkehrswege unserer Städte.

INTERCHANGE | CAN 2018 | 62′ | Brian M. Cassidy, Melanie Shatzky | Forum


„Der kann dich nicht hören“, ruft Frau Komiyama in die Kamera. Sie steht an der Mole des kleinen Ortes Ushimado. Eine von vielen Kleinstädten in Japan, deren Bevölkerung allmählich überaltert und ausstirbt. Frau Komiyama meint den schwerhörigen Herrn Murata, ein alter, schon etwas gebrechlicher Mann, der gerade mit seinem Fischernetz beschäftigt ist. In Kazuhiro Sodas dokumentarischer Arbeit MINATOMACHI (Inland Sea) folgen wir Herrn Murata, Frau Komiyama und einigen anderen Bewohner*innen, die Ushimado – noch – mit Leben füllen. Herr Murata geht mit Ende 80 immer noch seiner Arbeit als Fischer nach. Frau Komiyama tingelt meistens durch den Ort und erzählt diese und jene Geschichten, ganz egal ob ihr Gegenüber das nun hören will oder nicht. Die neugierige Kamera von Kazuhiro Soda kommt ihr da gerade recht.

Zumal sich der Filmemacher bereitwillig von den Menschen in diesem Ort entführen lässt. Narrativ hat es mitunter etwas von einem Flipperautomat, bei dem Soda der Ball ist, der von den Bewohner*innen durch die Gegend getrieben wird. 122 Minuten dauert Kazuhiro Sodas Menschenbeobachtung und zu keinem Zeitpunkt verlieren wir das Interesse an den Leben und Schicksalen, welche der Film zutage fördert. Denn Soda gelingt es, faszinierende Persönlichkeiten zu entdecken und, mehr noch, uns auf anrührende Weise Teil ihres alltäglichen Daseins werden zu lassen. Dabei treten die strukturellen Veränderungen, die die Zukunft dieses Ortes bedrohen, besonders deutlich hervor. Wer soll die vielen streunenden Katzen füttern und Ushimado mit Leben füllen, wenn die Alten gestorben sind?

MINATOMACHI (Inland Sea) | JPN/USA 2018 | 122′ | s/w | Kazuhiro Soda | Forum

 

Titelbild: Reem Saleh/IFB 2018

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