vonmanuelschubert 08.02.2019

Filmanzeiger

Texte, Töne und Schnipsel aus dem kinematografischen Raum auf der Leinwand und davor. Kinoverliebt. Filmkritisch. Festivalaffin.

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„Ich kann dich nicht ausstehen, aber das hat nichts mit dir zu tun. Du bist einfach nicht mein Typ von Tochter. Du bist unliebbar.“

Österreich, Steiermark: Die mittelalte Karin und ihre alte Mutter sind zu Gast im Restaurant der Pension Alpenrose. Der Name ist stilprägend für das Interieur, spießig und trutschig geht es hier zu. Nebeneinander bei Tisch sitzend, fummelt Mutter an ihrem zähen Schnitzel herum, Karin trinkt eine „Limo“. Sie sprechen miteinander, genau genommen redet Mutter auf Karin ein.

Was Mutter sagt, erfahren wir aus den Zwischentiteln, welche die Sequenz strukturieren und ihr eine eigene Dramatik verleihen. Auf Super-8-Film ohne Ton gedreht, kommt DIE KINDER DER TOTEN komplett ohne gesprochenes Wort auf der Tonspur daher.

Karin und die Mutter sind von allerlei komische Gestalten umgeben, etwa von einem alten Ehepaar in sehr offenkundiger Wollust füreinander. Ein anderes, sehr junges Paar drückt die gegenseitige Zuneigung durch unablässiges Filmen mit einer kleinen Handkamera aus. Sie posiert verführerisch, er filmt begeistert.

Zuneigung und Begehren entwickeln sich in den 90 Minuten Spielzeit zu zentralen Motiven. Wobei die Objekte des Begehrens von höchst unterschiedlicher Natur sind und der Begriff „Natur“ in diesem Fall auch falsch ist, denn an Zombies ist nichts mehr natürlich. Trotzdem lassen sich die (Un-)Toten vortrefflich begehren beziehungsweise lässt sich nach der Wiederkehr der Verlorenen sehnen. So wandelt etwa ein alter Förster in somnambuler Lebensmüdigkeit mit seiner Flinte durch einen nebelverhangenen Wald und auf der Suche nach seinen beiden Söhnen, die sich in diesem Wald einst gemeinsam das Leben nahmen.

Der Geist jagt die Tote

Und Karins Mutter wird sich nach ihrer eigentlich unliebbaren Tochter sehnen, denn die stirbt plötzlich bei einem Autounfall. „Das kannst Du mir nicht antun“, fleht sie über Karins leblosem Körper.

Karin, in ihrem schlichten rot-blauen Jogginganzug, wiederum begehrt sich selbst. Oder begehrt sie ihre Doppelgängerin? Oder ihren wiedergängerischen Geist? Oder umgekehrt? Plötzlich scheinen Gegenwart, Vergangenheit und Jenseits auf Kollisionskurs, wenn der toten Karin eine anderen tote Karin hinterherstapft, was der Zwischentitel launig als wohl langsamste Verfolgungsjagd der Kinogeschichte bezeichnet.

Der Geist jagt die Tote – aber vielleicht auch: Die frisch Verstorbene rennt weg vor dem was sie einst war, die unliebbare Tocher, und dem, was sie zukünftig sein muss – tot. Karin und Karin werden vor dem „Wasserfall zum Toten Weib“ zueinanderfinden, mitten in der eindrucksvollen und menschenfeindlichen Naturkulisse des Steirischen Waldes.

Angelehnt an Motive aus Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ (Rowohlt, 1995) und realisiert an Orten der Kindheit von Elfride Jelinek, inszeniert das US-Performanceduo The Nature Theater of Oklahoma mit DIE KINDER DER TOTEN ihr Filmdebüt als ein albtraumhaft-zombieskes Anti-Märchen, produziert von der Produktionsfirma des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl.

Dabei sind sie die Filmemacher*innen bei ihrem Projekt ein interessantes Wagnis eingegangen, weniger ob des Stoffs, gelten Jelinek-Texte doch sowieso als unverfilmbar und kann ein Scheitern hieran trotzdem noch ein sehr sehenswertes Ergebnis bringen.

Vielmehr wirkt ihr Tun mutig ob der Tatsache, dass zu Jelineks Roman keine englische Übersetzung vorlag, wie die Filmemacher in der Hintergrundinfo zum Film berichten. Vom Inhalt des Textes wussten sie nur aus Erzählungen und Exzerpten. Elfriede Jelinkes Inspirationsquellen für ihre Arbeit an „Die Kinder der Toten“ waren leichter zugänglich, so etwa der Zombiefilm CARNIVAL OF SOULS (Herk Harvey, 1962), und werden von den Filmemacher*innen aufgegriffen.

Motive des Zombiefilmgenres kollidieren hier allerdings mit denen des Heimatfilms. Zu verführerisch und idyllisch scheint die steirische Landschaft. Und (NS-)Vergangenheit, zumeist kraftvoll verdrängt, knallt mit der gleichermaßen verlogenen wie abstoßenden Gegenwart (Österreichs) zusammen. Todessehnsucht liefert sich ein Wettrennen mit Todesangst. Alles zusammen verpackt in einem wilden Stummfilm, dessen grobkörnige, analoge Filmbilder die schier wahnsinnig gewordene Geschichte mit beeindruckenden Naturaufnahmen untermalen und zugleich kontrastieren.

Bis zuletzt unkalkulierbar

DIE KINDER DER TOTEN ist ein Experiment, welches schief geht und gelingt. Schief geht es für jene, die als Zuschauer*innen aus der Kombination des Mediums Film mit Autor*innenpersönlichkeit und Romantitel kurzschließen, dies wäre so etwas wie eine Romanverfilmung. Die faktisch den Abgleich ihrer eigenen Vorstellungen von einer gelesenen Geschichte mit deren filmischer Adaption suchen. Sie werden das Kino binnen kürzester Zeit verlassen, was nicht die „Schuld“ dieses Films ist.

Gelingen wird das Experiment für jene, die von der prinzipiellen Unverfilmbarkeit der Jelinek-Texte überzeugt sind. Die ddennoch mit Neugierde und Begeisterungsfähigkeit verfolgen, wozu die Sprach- und Bilderwelen der Autorin Filmemacher*innen anstiften. Die bereit sind, sich einem cinephilen Wagnis und Abenteuer auszusetzen – mit ungewissem Ausgang. Und DIE KINDER DER TOTEN ist bis zur letzten Sekunde völlig unkalkulierbar.

Karin übrigens, die unentwegt durchs obersteirische Nirgendwo irrt, wird irgendwann auf eine trauernde Witwe treffen, die in einer alten Fabrik Kino-Seancen veranstaltet. In ihrem „Cinema 666“ zeigt sie Filme mit Verstorbenen, das Publikum, die Angehören, brechen beim Anblick ihrer Liebsten (und einer verlorenen Vergangenheit) lustvoll in hysterisches Geheule aus. Karin vergießt keine Tränen, sie bekommt von der Witwe stattdessen eine Aufgabe.

Sie, die auf wundersame Weise zwischen der Welt der Lebenden und der Toten zu wandeln scheint, möge der Wite doch ihren verstorbenen Mann zurückbringen. Der war ein Nazi und hat sich im Dachgebälk der Fabrik aufgehangen. Karin wird die Aufgabe meistern und zugleich die Büchse der Pandora öffnen. Denn wo sollen die Toten denn herkommen, wenn nicht von der Leinwand auf der sie eben noch tanzten?

„Der Tod ist Heimat“ verkündet der Zwischentitel, wenn der depressive Förster schließlich von seinen Zombie-Söhnen lebendig begraben wird. Heimat ist, gelesen mit diesem Film, nur als Folter vorstellbar. Und der Albtraum des Lebens in der Heimat, er nimmt kein Ende mit dem Ableben. Denn nirgendwo steht, dass Tote ein Recht darauf haben von ihren Hinterbliebenen in Ruhe gelassen zu werden. Ruhe in Frieden – nichtmehr als eine Lüge.

Im klassischen Zombiefilm wollen die Lebenden die Untoten normalerweise schnellsten wieder loswerden. Die Ultima Ratio gegen Zombies, so lehrt es das Genre, ist Feuer. In DIE KINDER DER TOTEN geht irgendwann die Pension Alpenrose, rappelvoll mit Untoten, in Rauch auf. Endlich Rettung? Mitnichten. Denn da waren ja auch noch rosa Flamingos. Flamingos, jene Vögel die mit einem Bein im Leben stehen und mit dem anderen Bein … ja, wo steht eigentlich das andere Bein der Flamingos? DIE KINDER DER TOTEN sind 90 Minuten cinephiler Wahnsinn, die in keinem Leben fehlen sollten. Im Nachleben ebensowenig.

DIE KINDER DER TOTEN | AT 2018 | 90′ | The Nature Theater of Oklahoma | Forum

 


Erstveröffentlichung des Textes auf filmanzeiger.de am 08.02.2019


 

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