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von 18.04.2009

taz Hausblog

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(c) Volkmar Gorke / Fotoklasse der Reportagefotografie im Photozentrum am Wassertor mder vhs Kreuzberg

11 Uhr, heute Vormittag. Vor wenigen (na gut: ungefähr acht) Stunden tobte noch die große taz-Gala-Geburtstagsparty, und trotz der dafür verhältnismäßig frühen Stunde ist es hier im Café Global pickepackevoll. Zwischen taz-Kulturredakteur Dirk Knipphals und taz-Meinungsredakteurin Ines Kappert sitzt Maria Sveland aus Schweden auf dem Podium, die Autorin des Bestsellers „Bitterfotze“, der neuen Version des feministischen Entwicklungsromans aus den Siebzigern.

„Bitterfotze.“ Klar, dass so ein Titel die Assoziationsmaschine anwirft: sofort denkt man an Vagina-Journalismus, an Charlotte Roche und ihren ach so enttabuisierenden Roman „Freuchtgebiete“. An dessen Protagonistin Helen, die allerlei eklige Geschichten erzählt, von beschmutzten Klobrillen, dem Geschmack eigener Popel, Masturbation mit dem Duschkopf und Sperma in allen Körperritzen. Mit all dem hat Bitterfotze so gar nichts zu tun. Die Hauptperson Sara hat unrasierte Achseln und macht sich ziemlich feministische Gedanken.

Die Veranstaltung funktioniert so: Dirk Knipphals liest auf deutsch Teile des Romans vor, zwischendurch stellt Ines Kappert Fragen, die 34jährige Maria Sveland sitzt in der Mitte, charmant lächelnd. Das Publikum (viele stehen oder sitzen auf dem Boden, so voll ist es) hört aufmerksam zu und lacht an den richtigen Stellen. Maria Sveland sagt Sachen wie: „Liebe ist kein Gefühl und kein Zustand, Liebe ist etwas, was man tut“ und „Liebe drückt sich bei verschiedenen Individuen nun mal unterschiedlich aus.“

Darum geht es: um Liebe. Um Beziehungen. Um die Ungerechtigkeit in Liebesbeziehungen, in die man (als Frau) sehr schnell hineingerät und aus der man sich so leicht nicht wieder befreien kann, weil sie sich im Alltag eingenistet hat. Eine Gefangenschaft in der Ungerechtigkeit der eigenen Beziehung verbittert: man wird bitterfotzig.

Den Besuchern des Kongresses liest Dirk Knipphals vor, wie die Protagonistin Sara eine Woche Urlaub auf Teneriffa macht, um sich von all der täglichen Bitterfotzigkeit zu erholen. „Hinter einem erfolgreiche Mann steht immer eine Frau mit müden Beinen und Migräne. Hinter einer erfolgreichen Frau liegt immer eine Scheidung“, denkt sie dort zum Beispiel. Sie fragt sich, wie das Patriarchat ihre Seele okkupieren konnte. Und überlegt, ob sie zu ihrem Mann zurück gehen soll oder nicht. Immer im Gepäck der Protagonistin: „Angst vorm Fliegen“ von Erica Jong, der feministische Bestsellerroman von 1973.

Wenn der Roman des 19. Jahrhunderts vom Heiraten handelt und der des 20. von Scheidungen, so ist der Roman des 21. Jahrhunderts ein heteronormativer, mutmaßt Ines Kappert. Und in der Tat: Am Schluss sitzt Sara in der Badewanne, kneift sich in die Brustwarze, ihr Mann setzt sich schweigend zu ihr und – das Ende ist offen. Kapituliert sie vor der Ungerechtigkeit in ihrer Beziehung, ändert sich was, Trennung, Happy End?

Es sei ihr schwer gefallen, sagt Maria Sveland, das Ende zu schreiben, doch lässt es Raum dafür, dass die Beziehung der Protagonistin den Weg einschlägt, den die Autorin fordert: „Wir müssen darüber reden, was Liebe genau ist, dass man nicht einfach ‚Ich liebe dich‘ sagen kann, ohne das nicht auch wirklich zu tun. Wir müssen uns gleichberechtigt lieben.“ Und man müsse auch einmal einfach eine Woche nach Teneriffa fahren können, um sich darüber Gedanken zu machen. So klischeebeladen und naiv das alles klingt – als Ines Kappert die Lesung nach einer knappen Stunde beschließt, klatschen die Menschen auf den Stühlen, dem Boden, der Treppe begeistert.

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