vonandreas bull 12.06.2015

taz Hausblog

Wie tickt die denn? Der Blog aus und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Mehrfach drohte der taz das endgültige Aus, doch fanden sich immer Wege aus der Krise. Erfahrungen, die heute wertvoller denn je sind

Die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gehören zu den schwierigsten Dekaden in der Geschichte der taz: Das „Ende der Geschichte“ durch die Auflösung der Machtblöcke, das Ende der Berlinsubventionen, die den Mitarbeitenden mit der staatlichen Berlinzulage acht Prozent aufs Gehalt beschert hatte, die verkrustete Fortsetzung der „geistig-moralischen Wende“ der unendlich gewähnten Regierung Kohl, gepaart mit der unerträglichen Ellenbogenmentalität der Profiteure der entstehenden Blase des „Neuen Marktes“ – die taz drohte marginalisiert zu werden.

Viermal musste die taz in diesem Zeitraum mit ihren legendären Rettungskampagnen ihre LeserInnen auffordern, nicht nur gelegentlich bei akutem Bedarf die taz zu lesen, sondern sie täglich zu abonnieren, damit sie wirtschaftlich überlebte.

Die erfolgreichste dieser Kampagnen bescherte der taz im Herbst 1992 innerhalb weniger Wochen 11.000 neue Abonnements und katapultierte deren Bestand von 34.415 Ende August auf 45.676 am Jahresende. Ein beispielloser Akt der Solidarität der SympathisantInnen, die taz war gerettet. Vorerst. Denn die Abos drohten zu schwinden, so schnell wie sie kamen.

Praktizierte Solidarität

Eine eilends durchgeführte Analyse der frisch gewonnenen KundInnen ergab, dass überdurchschnittlich viele jüngere mit niedrigen Einkommen hinzugekommen waren. Der damalige Chefredakteur der taz (und jetzige aktive Kurator der taz Panter Stiftung), Michael Sontheimer, hatte den passenden Vorschlag: Der Bezugspreis für das taz.abo wurde forthin differenziert angeboten. Jene, die es sich leisten können, finanzieren mit der freiwilligen Wahl einer höheren Preisgruppe den ermäßigten Abo-Preis für LeserInnen mit geringerem Einkommen.

Dieses System der praktizierten Solidarität funktioniert seit seiner Einführung im Herbst 1993 bis heute. Ein Viertel der Abonnements werden zum erhöhten Preis berechnet, ein Viertel zum ermäßigten Preis, und die Hälfte zahlt den normalen „Markt“-Preis.

Dieses System hat sich sogar auf das Abo der digitalen Zwillingsschwester der gedruckten täglichen taz ausgedehnt, ohne dass wir dafür geworben hätten: 19 Prozent der 5.359 AbonnentInnen des taz.ePaper zahlen freiwillig 20 Euro und mehr monatlich statt der regulär berechneten 12,95 Euro.

Auf Grundlage dieser Erfahrung ist es schon beinahe nicht mehr verwunderlich, wie erfolgreich das jüngste Modell der taz zur Finanzierung des Journalismus im digitalen Zeitalter ist. Über 3.700 LeserInnen unterstützen mit einem regelmäßigen monatlichen Beitrag die für alle NutzerInnen von taz.de schranken- und kostenfreie digitale Publizistik des taz.Journalismus auf taz.de. Beteiligen Sie sich doch auch daran mit Ihrem frei gewählten Betrag für das taz.zahl-ich-Abo.

Andreas Bull, Geschäftsführer des taz-Verlags, analysiert hier regelmäßig die Lage der taz auf dem Zeitungsmarkt

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