taz arbeitet Keylogger-Affäre auf: Eine Nachbetrachtung

In der taz.am wochenende vom 04. Juni 2016 arbeiteten zwei Redakteure die sogenannte Keylogger-Affäre umfangreich journalistisch auf. Wie kam es dazu, und was ist seither geschehen?

„Großen Respekt dafür, wie drei taz-Kollegen hier schonungslos, aber sorgfältig die Keylogger-Affäre aufarbeiten.“ Der Tweet des Medienjournalisten Stefan Niggemeier am Freitagabend war eine der ersten Reaktionen auf den Text „Dateiname LOG.TXT“. Gerade war das ePaper der taz.am wochenende erschienen.

Im Laufe des Wochenendes folgten viele weitere Tweets. Immer wieder fielen darin die Worte „spannend“, „stark“ und „mutig“. Viele lobten den offenen Umgang der taz mit der eigenen Geschichte als „vorbildlich selbstkritisch“. Manche fragten aber auch: Warum gerade jetzt einen Text zu der Affäre veröffentlichen?

Im Februar 2015 wurde ein Kollege dabei erwischt, wie er einen Keylogger, also ein Spähwerkzeug, von einem Computer in der taz-Redaktion entfernte. Anderthalb Tage später verschwand der Redakteur, wurde nicht mehr gesehen und hinterließ viele Fragen. Ganz oben auf der Liste: Warum späht jemand Kolleg_innen aus? Was war das Motiv? Was sagen die Betroffenen heute? Und was ist aus dem beschuldigten Redakteur Sebastian Heiser geworden?

Ein Jahr später, im Februar 2016, waren diese Fragen immer noch offen und die Keylogger-Affäre ein nicht aufgearbeitetes Stück taz-Geschichte. Der taz-Redakteur Martin Kaul hatte vorgeschlagen, die Sache journalistisch aufzuarbeiten. Der Fall und sein Umgang damit wurden in der Runde der Ressortleiter_innen thematisiert, unmittelbar danach beauftragte die Chefredaktion Martin Kaul und Sebastian Erb mit der Recherche. Jörn Kabisch, Redakteur der taz.am wochenende, war der unmittelbare Ansprechpartner der beiden Reporter.

Ein Schwerpunkt der Recherche lag auf den Betroffenen. Zwei der Ausgespähten wurden erst im Zuge der Recherche identfiziert, darunter eine erst in der letzten Woche. So erfuhren sie, dass sie direkt betroffen sind. Schon allein dafür haben sich die Recherchen gelohnt. Die Betroffenen waren die Ersten, die die fertige Geschichte am Freitag lesen konnten. Daraufhin haben einige von ihnen das Angebot der taz angenommen, Einsicht in die abgeschöpften Daten zu erhalten. So können sie sich selbst ein Bild machen.

Um den beschuldigten ehemaligen Kollegen selbst zu befragen, sind die beiden Redakteure um die halbe Welt gereist. Sebastian Heiser, der – um mehr Transparenz in die taz zu bringen – diesen Hausblog einst selbst mitbegründete, lebt jetzt in einem südostasiatischen Land und arbeitet bei einem Internetkonzern. Er will nichts zur Sache sagen.

Dabei ist gerade die Motivfrage eine der wichtigsten. Der Kreis der direkt Betroffenen deutet auf ein persönliches Motiv hin – unter den 23 Ausgespähten waren vier Männer und 19 Frauen, davon viele Praktikantinnen. Eine Handvoll Betroffener sind Sebastian Heisers direkte Vorgesetzte und Kollegen, mit denen er in der Vergangenheit Konflikte hatte.

Die Recherchen sind vorerst abgeschlossen, der Bericht erschienen. Abgehakt ist das Thema deshalb in der taz noch nicht. Wir stellen uns im Haus viele Fragen. Haben wir auf unseren Kollegen zu wenig Acht gegeben? Wie kontinuierlich überprüfen wir die Sicherheitsstandards im Haus? Letztlich ist jedes System von innen heraus verletzlich und angreifbar. Auf diesem Fakt werden wir uns aber nicht ausruhen.

KATRIN GOTTSCHALK, stv. Chefredakteurin


Pressestimmen zu „Dateiname LOG.TXT“:

# taz Chefredakteur Georg Löwisch live im radioeins Medienmagazin am 04. Juni 2016:

„Ich habe gespürt, als ich (in der taz) angefangen habe, dass das immer noch ein bisschen schwelt. Dass, wenn man mit tazzlerInnen über diese Keyloggeraffäre spricht, dass da immer noch wahnsinnig viel ist – zwischen Wut und Traurigkeit, zwischen Bitternis und Beklommenheit. Es waren einfach viele Fragen offen.“

# Georg Löwisch im Interview beim Mediendienst Kress.de am 07. Juni 2016:

„Ich fände es nach wie vor gut, wenn er sich äußert.“

# In der F.A.Z. schrieb Michael Hanfeld am 04. Juni 2016 über die Angelegenheit:

„Sie nennen den Namen des Beschuldigten wegen der Schwere der Vorwürfe, der Dichte der von ihnen gesammelten Indizien, der offenen Fragen, auf die er den Kollegen eine Antwort schuldig bleibe und der (entkräfteten) Spekulation, es könne einen geheimdienstlichen Hintergrund geben.“

# Im IT-Fachportal golem.de widmete sich Hauke Gierow am 06. Juni 2016 der Geschichte:

„Die Recherche der beiden taz-Journalisten zeigt, dass der Verdächtige die Überwachung aller Wahrscheinlichkeit nach aus eigenem Antrieb durchgeführt hat und nicht im Auftrag Dritter handelte.“

# Meldungen zu „Dateiname LOG.TXT“ bringen Spiegel Online, Meedia, Telepolis, Heise online, Netzpolitik.org, BILDblog und Perlentaucher.

Sammlung der Pressestimmen: MSC

Kommentare (2)

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  1. Neuer Versuch: gestern scheiterte mein Kommentarversuch an dieser Stelle warum auch immer. Bis dato (12:55 Uhr) ist er nicht freigeschaltet. Egal, dann halt neu:

    Schönen Dank für die ausführliche Recherche zum Thema Keylogger in der taz. In meiner Nachbetrachtung der ganzen Geschichte sind einige Fragen offengeblieben. Der Vollständigkeit halber führe ich die im Artikel nicht aufgegriffenen Aspekte in Form von vier Fragen auf.

    1. Martin Kaul und Sebastian Erb, haben Sie bei Ihrer Recherche die Frage mitberücksichtigt, dass der Beschuldigte möglicherweise dem Thema „Ausbeutung von PraktikantInnen“ in der taz nachging?

    2. Wie ist das Verhältnis in der taz zwischen weiblichen und männlichen PraktikantInnen, Queers etc. ungefähr?

    3. Messen Sie dem Relevanz bei, dass der ehemalige Redakteur wenige Tage nach der Diskussion „Redakteure sind Teil des Systems“ der taz mit dem SZ-Leaks-Blog seine Karriere über Bord warf, also seinen Teil des Systems aufgab?
    http://blogs.taz.de/hausblog/2015/02/06/redakteure-sind-teil-des-systems/#comment-28186

    4. Die Debatte um die Ausbeutung von PraktikantInnen in der taz war zu dem Zeitpunkt seines Leak-Blogs mehrere Jahre alt. Hatte der Beschuldigte möglicherweise die Sichtweise, dass die taz nicht mehr wirklich links handelt und versuchte er, genau das zu veröffentlichen?

    Vielleicht bin ich ja blöd und merke es nur nicht. Help!