Balkan-Korrespondent: Erich Rathfelder ausgezeichnet

Seit drei Jahrzehnten berichtet Erich Rathfelder für die taz vom Balkan, nun wurde er für seine Arbeit mit dem Medienpreis der Südosteuropa Gesellschaft ausgezeichnet.

Der Balkan-Korrespondent der taz, Erich Rathfelder, ist am Samstag, 25.02.2017, in Halle (Saale) mit dem diesjährigen Journalistenpreis der Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) ausgezeichnet worden. Rathfelder lebt und arbeitet seit 30 Jahren als Journalist auf dem Balkan. In dieser Zeit hat er keinen Kriegs- und Krisenherd ausgelassen. Indem er sich fortwährend um die Verständigung der Menschen bemühe, trage er dazu bei, das Interesse an dieser noch nicht befriedeten Region wachzuhalten, heißt es in der Laudatio der SOG. Herzlichen Glückwunsch!

Im folgenden bilden wir die Laudatio auf Erich Rathfelder in voller Länge ab.* Die Laudatio wurde von Dietrich Schlegel, Mitglied des SOG-Präsidiums, am 25. Februar 2017 in Halle (Saale) vorgetragen:

Sich nicht mit reinen Tatsachen zufrieden geben

Erich Rathfelder lebt und arbeitet seit dreißig Jahren als Journalist auf dem Balkan. Er hat für seine Berichte, Reportagen und Analysen viel Anerkennung, aber auch manchen Widerspruch erfahren. Als Kriegsreporter in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo hat er mehr als einmal sein Leben riskiert. Er musste über unzählige Verletzungen der Menschenrechte und monströse Massaker an der Zivilbevölkerung berichten. Und dennoch oder gerade deshalb hat er seinen Glauben an die Notwendigkeit von Versöhnung und friedlichem Miteinander der verschiedenen Ethnien im früheren Jugoslawien nie aufgegeben.

Im Gegenteil, nach eigenem Bekunden versucht er heute aufgrund seiner prägenden Erfahrungen in den Kriegsjahren „als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen“. Auf diese Weise trägt er dazu bei, in Übereinstimmung mit den Aufgaben und Zielen der SOG Südosteuropa Gesellschaft die Aufmerksamkeit und das Interesse an dieser noch längst nicht befriedeten Region wachzuhalten, auch in Zeiten, in denen sich die internationale und auch die deutsche Politik und die Medien auf andere Krisen- und Kriegsregionen konzentrieren. Für all dies und – wie es in der Verleihungsurkunde zusammenfassend heißt – seine Verdienste um die Erweiterung der Kenntnisse über Südosteuropa zeichnet ihn die Südosteuropa Gesellschaft heute mit ihrem Journalistenpreis aus.

Erich Rathfelder steht für einen bestimmten Typus des Auslandskorrespondenten und Krisen- und Kriegsberichterstatters. Bevor ich mich näher seiner journalistischen Tätigkeit zuwende, schauen wir kurz auf seine Biographie, aus der sich erklären mag, warum er Journalist wurde und für lange Jahre auch bewusst als Kriegsreporter arbeitete. Er wurde am 30. März 1947 in Bad Berneck im Fichtelgebirge geboren, wird also in Kürze seinen 70. Geburtstag feiern können. Über seine Jugend in der Provinz verrät er uns nicht viel, aber während seiner Studien der Geschichte, Politologie und Philosophie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und der Freien Universität Berlin tummelte er sich im linken Spektrum der Studentenbewegung.

Kein Beamtendasein bis ans Lebensende

Jedoch hegte er ein tiefes Misstrauen gegen jegliche dogmatische „-ismen“, wie sie sich in diversen K-Gruppen austobten. Mit dem real existierenden Sozialismus hatte er schon seit dem Einmarsch des Warschauer Paktes in die CSSR gebrochen. So schloss er – mit seinen Worten – „das durch politische Aktivitäten in der Spontiszene garnierte Studium“ ordentlich mit dem I. und II. Staatsexamen zum Gymnasiallehrer ab. Seine erste Schule in Berlin hätte ihn gern als Politik- und Geschichtslehrer übernommen, aber „als jemand, der schon als Teenager durch die Sahara getrampt war, konnte ich mir ein Beamtendasein bis ans Lebensende nicht vorstellen“.

Ein willkommener Anlass, sich aus der linken Berliner Szene zurückzuziehen bot ihm ein Stipendium der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Untersuchung der Agrarstrukturen in Peru zwecks möglicher Entwicklungshilfe. Nach seiner Rückkehr gründete er 1980 mit sechs anderen jungen Wissenschaftlern das Berliner Institut für Vergleichende Sozialforschung, das kritische Schriften zur Entwicklungspolitik publizierte und entsprechende Symposien veranstaltete. Wegen zu unterschiedlicher Interessen ihrer Mitglieder blieb die Gruppe jedoch nicht lange beisammen. Und so kam es Rathfelder sehr gelegen, als er 1983 von der alternativen linken Berliner „Tageszeitung“, kurz taz genannt, gefragt wurde, ob er nicht vertretungsweise die Westeuropa-Redaktion für ein halbes Jahr übernehmen wolle. So begann Erich Rathfelder seine journalistische Laufbahn mit 36 Jahren eher ziemlich spät. Nach einem Jahr wechselte er in die Osteuropa-Redaktion.

Die oppositionellen Bewegungen für Demokratie hatte ihn seit dem Prager Frühling besonders interessiert. Er unternahm viele Reisen nach Ost- und Südosteuropa, interviewte die führenden Oppositionellen vor allem in Polen, Ungarn, der CSSR. Er traf Adam Michnik, Jacek Kuron, Jerzy Dienstbier und György Konrad. In der DDR kontaktierte Rathfelder Regimegegner Wolfgang Templin und arbeitete mit dem inzwischen im Westen lebenden Roland Jahn zusammen, um Artikel von DDR-Oppositionellen für die Ostberlinseite der taz zu organisieren.

Vom SED-Politbüro für die DDR-Einreise gesperrt

Aufgrund eines Kommentars zum XI. Parteitag der SED 1986, in dem er den Parteitag als Höhepunkt für Erich Honecker – ab jetzt kann es nur noch bergab gehen- wurde ihm persönlich ein Einreiseverbot erteilt. Dem schlossen sich sogleich die CSSR, Rumänien, Bulgarien und Albanien an. Da er und die taz mittlerweile in den so genannten Reformstaaten Polen, Ungarn und UdSSR ständige Korrespondenten platziert hatten, blieb für ihn selbst als Reiseziel unter den sozialistischen Ländern nur Jugoslawien übrig. Damals ahnte er noch nicht, dass dieses Land schicksalhaft zum Thema seiner gesamten journalistischen Karriere werden sollte.

Seit 1987 bereiste er regelmäßig alle Republiken und autonomen Gebiete Jugoslawiens. Bereits während seiner ersten ausgedehnte Reise spürte er aber dass es unter der Oberfläche von Titos „Brüderlichkeit und Einheit“ gärte: Auf der einen Seite das von prominenten Intellektuellen artikulierte, zunehmend auch von weiten Teilen der Bevölkerung gefühlte Verlangen nach Wirtschaftsreformen und Demokratie und dem gleichzeitigen Erstarken nationalistischer Kräfte. Nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens entluden sich diese sich widerstrebenden Kräfte in den von ethnischen Säuberungen, Menschenrechtsverletzungen und Massakern geprägten Kriegen.

Uns interessiert hier und heute, wie der Journalist Erich Rathfelder auf die neue Lage reagierte. Seit Juni 1991 berichtete er über die Kriege in Slowenien und Kroatien und seit 1992 drei Jahre lang vor allem über den Krieg in Bosnien und Herzegowina. Da ihn die taz nicht als Korrespondenten anstellen wollte, arbeitete er seit 1992 als freier Journalist für sein altes Blatt und daneben noch für die Hannoversche Allgemeine, die Nürnberger Nachrichten sowie für die Wiener Presse und den Züricher Tages-Anzeiger.

Nicht bloß Berichterstattung reiner Tatsachen

Er entschloss sich im Lande zu bleiben und als Kriegsreporter zu arbeiten. Seine Berufsauffassung speiste sich letztlich aus seinen „linken“ Wurzeln, Humanismus und Pazifismus. Auch die Verbrechen der Hitler-Diktatur sowie die Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit hatten ihn geprägt. Rathfelder lehnt bis heute strikt jeden Nationalismus im Allgemeinen und seine ethnischen Wucherungen im Besonderen ab. Das führte dazu, dass er sich sowohl im bosnischen Krieg als seit 1997 auch im Kosovo-Krieg nicht mit der Berichterstattung reiner Tatsachen zufrieden gab, sondern stets auch der inhumanen Kehrseite der Kriege ein aufklärerisches Gewicht verlieh. Das brachte ihm mitunter den Vorwurf ein, er verlasse den Standpunkt des objektiven Berichterstatters und sympathisiere zu stark mit den – tatsächlichen oder vermeintlichen – Opfern, im Klartext: mit den Bosniaken und den Kosovo-Albanern, was dann zu einer à priori antiserbischen Einstellung führe.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurden Unmengen von kommunikations- und medienwissenschaftlichen Untersuchungen über Kriegs- und Krisenjournalismus veröffentlicht. Nicht minder an Zahl sind die Bücher und Essays bekannter Kriegsreporter. Vor allem in ersteren, den wissenschaftlichen Studien, wird zumeist das Postulat einer vollkommenen Distanz zu den Kriegsparteien und möglichst den Opfern vertreten. So wie es der legendäre deutsche Reporter und Moderator Hanns Joachim Friedrich formulierte: Einen guten Journalisten erkenne man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung halte, sich nicht gemein mache mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, dass er immer dabei sei, aber nie dazu gehöre.

Auch ich habe dieses Zitat 2008 in meiner Laudatio auf Christiane Schlötzer angeführt, zugleich aber – wenn ich mich selbst zitieren darf – im Hinblick auf „die oft auch teilnahmsvolle Berichterstattung und Kommentierung“ unserer damaligen Preisträgerin festgestellt, dass Friedrichs Gebot an seine Grenzen stoße, „wenn damit Journalisten geraten werden sollte, sich jeglicher Anteilnahme an menschlichen Schicksalen zu enthalten“.

Der menschliche Faktor

Unzählige Reportagen seien nicht oder weniger beeindruckend und informativ geschrieben oder gesendet worden, wenn die Berichterstatter den menschlichen Faktor nicht berücksichtigt oder gar in den Mittelpunkt gestellt hätten. Dies trifft meines Erachtens auch auf Erich Rathfelders Arbeitsweise und Auffassung von Kriegsberichterstattung zu.

In einer vergleichenden Studie zur Berichterstattung über den Jugoslawienkonflikt 1993 bis 1995 in taz und FAZ werden als Antipoden die Arbeitsweisen von Erich Rathfelder und Matthias Rüb, Südosteuropa-Korrespondent der FAZ zwischen 1993 bis 2002, untersucht. Rathfelder steht für den ständig vor Ort bzw. überall in der Region präsenten, mit den Menschen dort in intensivem Informationsaustausch stehenden, sich den Opfern zuwendenden Reporter. Rüb (übrigens 2001 mit unserem Journalistenpreis ausgezeichnet) vertritt den bewusst nicht im Gebiet der Berichterstattung wohnenden, sondern von Fall zu Fall einreisenden, Distanz zu den Kriegsparteien, aber auch der Zivilbevölkerung haltenden Korrespondenten.

Die Arbeitsweisen und Berufsauffassungen der beiden Reporter, die von der Studien-Autorin auch interviewt werden, unterscheiden sich beträchtlich. Und dennoch kommt sie zu dem Ergebnis, dass gemessen an der wissenschaftlichen (sozusagen philosophisch-soziologisch-anthropologischen) Definition des Begriffs „Objektivität“ die Berichterstattung beider Korrespondenten „in jedem Falle als objektiv anzusehen“ sei. Daraus würde ich folgern, dass beide Berufsauffassungen legitim sind und der Vielfalt unserer Medienwelt dienen. Wie Matthias Rüb mit „Der letzte Diktator – Slobodan Milosevic, eine europäische Karriere“ ein Buch über seine Zeit in Ex-Jugoslawien schrieb, so hat auch Erich Rathfelder ergänzend zur flüchtigen Zeitungsarbeit Erlebnisse, Erkenntnisse und Analysen in Buchform gegossen.

Von Hoffnung getrieben

Das 2010 bei Suhrkamp erschienene „Kosovo – Geschichte eines Konflikts“ wurde vom Kollegen Michael Martens in der FAZ als profunde Geschichte des Kosovo-Krieges gelobt. Zu dem 1998 erschienenen Buch „Sarajevo und danach: sechs Jahre Reporter im ehemaligen Jugoslawien“ hat der leider im letzten Jahr verstorbene Hans Koschnick, 1994 bis 1996 EU-Administrator in Mostar, ein Nachwort geschrieben, aus dem ich hier einige Sätze über unseren Preisträger und zu unserem Thema zitieren möchte. Koschnik schreibt: „Erich Rathfelder gehörte zu dem kleinen Kreis balkanerfahrener Journalisten, die nicht wegen einiger, ganz unbestreitbar zu verurteilender Exzesse im Konfliktgebiet ihrer Aufgabe nachgingen, sondern um Hintergründe und Gefahren, Verhalten und Absichten der für den Konflikt Verantwortlichen aufzuzeigen und zugleich die Öffentlichkeit über die unfassbaren Übergriffe gegen Zivilisten – gleich welchen Alters und welchen Geschlechts – zu informieren, alles in der Hoffnung, dem barbarischen Treiben ein möglichst schnelles Ende zu setzen.

Objektive Berichterstattung war das Mittel, doch nur beim Aufzeigen und Mitteilen sollte es nicht bleiben, die Berichte und Informationen sollten die Leser auch betroffen machen und die Politiker zum Handeln veranlassen. Dass man bei letzterem nicht mit einer Erfolgsbilanz aufwarten kann, ist leider bittere Realität… Wann immer Erich Rathfelder kam, um nachzufassen und sich mit uns auszutauschen, wenn es um eine für ihn wahrheitsgemäß recherchierte gerechte (oder ungerechte) Sache ging, unangemeldet plötzlich auftauchend und wieder verschwindend, war er für mich ein geschätzter, keinen Streit auslassender Gesprächspartner.“ Auch Christian Schwarz-Schilling, von 1995 bis 2004 Internationaler Streitschlichter in Bosnien und 2006/07 Hoher Repräsentant und EU-Sonderbeauftragter in Bosnien, kennt Erich Rathfelder aus gemeinsamen Jahren in Bosnien.

Er schrieb mir für diese Laudatio: „Erich Rathfelder ist ein ganz besonderer Mensch, ein Vollblutjournalist mit spürbar pochendem Herzen für die Menschen, denen er begegnet, mit der bohrenden Suche nach Fakten und Wahrheit und scharfsinniger Analyse der Zusammenhänge. Und trotz dieser Eindrucksfülle schafft er es, jeden Bericht mit einer klaren und mutigen Aufforderung an die handelnden Personen auf den Punkt zu bringen. Wir prallten durch die furchtbaren Ereignisse auf dem Balkan plötzlich aufeinander – er, der eher links-revolutionär stehende taz-Journalist und ich, der eher konservativ-liberal denkende Ordnungspolitiker aus dem Kabinett Kohl. Das leidvolle Schicksal der Menschen in Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo hat uns zu einer einzigartigen Freundschaft zusammen geführt. Mein Dank und meine Freude darüber, dass uns diese Begegnung weiter beflügeln möge, wird, so möchte ich hoffen, auch noch kommende Lebensphasen überdauern.“

*Zur besseren Lesbarkeit wurde der Laudatio-Text leicht bearbeitet und mit Zwischenüberschriften versehen.

Titelbild: Erich Rathfelder beim taz.lab 2016; Foto: Wolfgang Borrs

1 Kommentar

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  1. Gratulation für Erich Rathfelder, den ausgezeichneten Journalisten(im doppelten Sinn), der uns Leser/innen unermüdlich über viele Jahre hinweg über die komplizierte Situation der Balkanländer sachkundig informiert. Hvala

    Th.Kniep