vonandreas bull 02.05.2014

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Die Papierauflagen von Zeitungen sinken – die Verlage verschönen ihre Zahlen sehr. Bloß wie?

19,94 Millionen Tageszeitungen wurden nach den jüngst veröffentlichten Ergebnissen der Auflagenermittlungen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V. – kurz: IVW – im ersten Quartal 2014 insgesamt täglich in Deutschland verkauft. Auf den ersten Blick scheint das ziemlich viel zu sein. Ein ökonomisches Drama wird erst sichtbar, wenn man die Entwicklung der vergangenen Jahre betrachtet: Um rund 25 Prozent sind die Auflagen geschwunden, auf einer Linie, die, theoretisch fortgesetzt genauso ohne Schwankungen wie faktisch seit zehn Jahren, auf einen Nullpunkt zu Beginn des Jahres 2045 zusteuert.

Noch miserabler sähe es für unsere Branche aus, wenn die IVW nicht seit dem zweiten Quartal 2012 die ePaper-Auflagen unter bestimmten Bedingungen mitzählen würde. Als vollwertig gilt dabei jenes ePaper, für das mindestens die Hälfte des für das entsprechend gedruckte Papierprodukt berechnet wird und das die „vollständige inhaltliche und werbliche Identität“ mit dem Printtitel aufweist. Für sogenannte sonstige Verkäufe, die mit zur gemeldeten Verkaufsauflage zählen, aber gesondert rubriziert werden, gilt ein Mindestpreis von zehn Prozent der Papierausgaben.

Mittlerweile sind diese Print-Äquivalente ein wichtiger und künftig immer gewichtiger werdender Teil der Auflagen: bei der Süddeutschen sind es 6, bei der Frankfurter Allgemeinen 8, beim Handelsblatt 10 und bei der taz sogar 19 Prozent. Einzig der taz gelingt es dabei, die Gesamtverkaufszahlen mit + 0,5 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres stabil zu halten. Die anderen müssen in diesem Zeitraum deutliche Verluste von -5,7 (SZ), -12,2 (FAZ) und -11,1 Prozent (Handelsblatt) hinnehmen.

Die Meldungen der Verlage über ihre ePaper-Auflagen bergen etliche branchentypische Probleme. So werden unter sonstige Verkäufe auch jene Abonnements als zusätzliche Leserauflage gezählt, die bereits ein Print-Abo bezahlen und für einen geringen Aufpreis einen Account zum ePaper erwerben können. Darüber hinaus verführen sonstige Verkäufe, die den Verlagen keine Druck- und Vertriebskosten verursachen, noch mehr als ohnehin üblich zur Meldung substanzloser Scheinauflagen, um Bedeutsamkeit zu suggerieren und Anzeigenkunden eine hohe Verbreitung vorzugaukeln.

Dieser Prozess ist fatal für Presse und Journalismus. Er unterminiert die Glaubwürdigkeit der Zeitungen, erhöht deren Abhängigkeit von Anzeigenkunden und entwertet die Leistungen der JournalistInnen gegenüber ihren Lesenden.

Andreas Bull,59, taz-Geschäftsführer, analysiert regelmäßig die Lage der taz in der Medienkrise.

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