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08.02.2010

Marek Edelman/Die zwei Warschauer Aufstände

von Helmut Höge

“Ich heiße Marek Edelman. Ich war der stellvertretende Kommandant der jüdischen Kampforganisation, einer der Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto…Wir waren allein in unserem Kampf, dennoch gelang es der mächtigen Armee des Feindes nicht, diese schlecht bewaffneten 200 jungen Männer und Frauen zu bezwingen. In Warschau kämpften wir über mehrere Wochen, später im Wald und beim Warschauer Aufstand. Dennoch ist noch keiner Stadtguerilla auf der Welt ein Sieg gelungen, und den gegen sie kämpfenden Armeen ebenso wenig. Auch dieser Krieg kann keine Lösung bringen. Es wird vergebens Blut fließen und Menschen werden auf beiden Seiten sterben. Wir selbst haben mit dem Leben nie leichtsinnig gespielt. Wir haben nie unsere Soldaten in den sicheren Tod geschickt. Denn es gibt nur ein Leben für alle Ewigkeit. Das darf niemandem leichtfertig genommen werden. Es ist an der Zeit, dass das jeder versteht.”

Diesen Appell richtete Marek Edelman im August 2002 “an alle Führer der palästinensischen Militär-, Paramilitär- und Untergrundorganisationen…”

Für Edelman gibt es “fortschrittliche und reaktionäre Partisanen”. Es sind jedoch beides Partisanen, “denn sie führen nun mal eine Art Partisanenkampf”. Seine eigene Guerillaorganisation kämpfte 1942/43 “um das Leben (ihr eigenes und das der damals noch etwa 60.000 Juden im Warschauer Ghetto, deren Deportation bevorstand). “Doch die palästinensischen Partisanen kämpfen nicht um ihr Leben, sie kämpfen um einen Staat. Um die Art des Lebens. Ich verstehe, dass das eine wichtige Sache ist,” sagt Edelman in einem Interview, “doch da muß man so kämpfen, dass dabei keine Menschen umkommen, denn es gibt keinen Grund dafür, dass Menschen umkommen.”

Seinen Interviewern, zumeist jungen  Journalisten, unterstellt er im übrigen, dass sie sowieso “nichts davon verstehen” - die Ghettos in Polen, die deutsche Judenvernichtung, den jüdischen Widerstand. “Eure Vorstellung vom Holocaust ist einerseits zu einfach und oberflächlich, andererseits zu pathetisch. Ihr werdet nie begreifen, warum die Menschen bereit waren, für drei Kilo Brot in den Tod zu gehen, oder dass ein junges Mädchen im Ghetto die schönste Zeit ihres Lebens durchlebte, weil sie dort vor ihrem Tod ihrer ersten Liebe begegnete.”

Auch der schließlich im Mai 1943 endgültig niedergeschlagene Aufstand motivierte die weiterhin in die Vernichtungslager transportierten Juden, sich zu wehren. Hinzu kam die etwa gleichzeitige deutsche Niederlage bei Stalingrad, die nahezu sämtliche Völker der Welt aufatmen ließ (am 19.November 1942 hatte dort die sowjetische Gegenoffensive begonnen). Den Deutschen andererseits, speziell den in Warschau zur Vernichtung des Ghettos eingesetzten, schwante nichts Gutes. Auch das half dem Widerstand. “Zum ersten Mal geriet der Mythos der unangreifbaren und allmächtigen Deutschen ins Wanken,” so sagt es Edelman. Er meint: “dies war der Wendepunkt”.

Marek Edelman wurde 1943 Waise - mit 15. Er begann, für seinen Unterhalt selbst zu sorgen. Ein mit seiner Mutter befreundetes Bundisten-Ehepaar nimmt ihn auf. Der rätekommunistische jüdische “Bund” blieb bis zuletzt (Edelman starb am 2. Oktober 2009 in Warschau) seine politische Heimat. Wiewohl seine Kampforganisation im Ghetto von der linken polnischen Untergrundarmee (wenn auch mäßig) unterstützt wurde, konnte er die Parteikommunisten, vor allem die russischen, nie leiden,  noch weniger die  Zionisten, deren Beitrag zum Widerstand gegen die Deutschen er geringschätzte - um so mehr, als deren “Kampfgeist” später von israelischen  Historikern besonders betont wurde.

In dem jüngst erschienenen Buch “Marek Edelman erzählt” von Witold Beres und Krzysztof Burnetko, um das es hier geht, findet man eine kurze Geschichte des jüdischen Arbeiter-Bund, der 1897 in Wilna gegründet wurde und später Ableger in den USA hatte, wo noch heute einige Bundisten leben. Von den Bolschewiki und den Sozialdemokraten wurden sie in Ost- und Mitteleuropa gleichermaßen schändlich behandelt. Nur für kurze Zeit waren sie Mitglied in der sogenannten “Zweieinhalbten Sozialistischen Internationale”. Im Gegensatz zur “Streitkultur” in den linken Parteien wurde im Bund laut Edelman “jeder schon von klein auf an geradezu dazu angespornt, die Führung des Bundes zu kritisieren.” Die Anführer Hersch Wolf Erlich und Wiktor Alter ließen die Sowjets 1941 im Ural, wo sich damals die polnische Botschaft befand, verhaften und wenig später erschießen.

Edelman arbeitete seit 1939 als Bote im Berson-Baumann-Kinderspital. Anfang 1942, während die Vorbereitungen zur Judenvernichtung “auf Hochtouren laufen”, entsteht im Wilnaer Ghetto die erste jüdische Kampforganisation - die “Farajnigte Partizaner Organizacje”. Nach der ersten “Großen Aktion”, dem Abtransport von etwa 6000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager, am 22.Juli 1942,  kommt es zu ersten Widerstandsversuchen. Nach mehreren Aktionen und blutigen Überfällen bleibt  im Oktober 1942 nur ein “Restghetto” übrig, in dem noch 20.000 illegale und 35.000 registrierte Juden leben, letztere sind in verschiedenen “Shops” beschäftigt. In der Umgebung Warschaus gab es 19 “Chaluz-Farmen”, in denen sich Juden auf das Leben in den Kibbuzim in Palästina vorbereiteten, sie boten den Aufständischen im Ghetto zunächst Unterstützung, wurden jedoch Ende 1942 aufgelöst. Unterdes hatte sich die Kampforganisation (ZOB) für die noch im Ghetto Verbliebenen “zum wichtigsten Bezugspunkt” entwickelt. Sie verwaltet das Ghetto, “baut die ersten Bunker, führt Expropriationen durch” - bei den “Kriegsemporkömmlingen” (Schmugglern, Zuhältern etc.), um mit dem Geld Waffen zu kaufen. Wer keins  rausrückt, wird erschossen, ebenso dann auch Ghettopolizisten, die allzu willig die Befehle der Deutschen und ihrer ukrainischen Hilfskräfte ausführten. Im März 1943 entführen die “ZOB-Kämpfer” sogar den Sohn von Marek Lichtenbaum - dem Vorsitzenden des Judenrats, weil der nicht zahlen will. Finanzielle Unterstützung bekamen sie außerdem von Aktivisten im “Arbeiterkomitee” der jüdischen Gewerkschaften in den USA, hauptsächlich Schneidergewerkschaften, deren Mitglieder zu 90% Bundisten waren.

Der Führungsstab der ZOB zog in einen Bunker in der Milastraße 18, den der “führende Zuhälter des Ghettos” angelegt hatte. Am 19. April 1943 begann der Aufstand, den einige als “den polnischsten aller polnischen Aufstände” bezeichnen, weil er “der hoffnungsloseste von allen Aufständen” war, ein Jahr später begann der “Warschauer Aufstand”, der laut Edelman “ganz anders war…Wichtig war, dass wir schießen konnten. Das mußte gezeigt werden. Nicht den Deutschen. Die konnten das selbst besser. Der anderen, der nicht-deutschen Welt mußten wir es zeigen. Schon immer haben die Menschen geglaubt, das Schießen sei die größte Heldentat. So haben wir eben geschossen…Schreibt noch dazu, dass ich zwei Revolver hatte. Zum damaligen Chic gehörten die Revolver - an diesen Gurten. Damals dachten wir, wenn man zwei Revolver hat, dann hätte man alles.”

Die  ZOB kommandierte 220 Kämpfer, “und dann gab es noch die Verbindungsfrauen: Vladka, Irka, ‘Marysia’, Inka und andere. Auch unter den Kämpfern gab es Frauen. Der einsatzleitende SS-General Jürgen Stroop erzählte nach dem Krieg im Gefängnis den ihn interviewenden Kazimierz Moczarski: “Ich glaubte, sie seien keine menschlichen Wesen, Teufelinnen vielleicht oder Göttinnen. Oft schossen sie aus zwei Pistolen gleichzeitig.” Stroop befahl, die Frauen nicht mehr festzunehmen oder nahe herankommen zu lassen, sondern sie sofort “mit Maschinenpistolen niederzuschießen”.

Von den Polen halfen vor allem die Kommunisten der PPR den Aufständischen: “Ein gewisser Jozwiak zum Beispiel”. Er war anders als etwa der antisemitische Parteiführer Gomulka: “Versteht ihr? Nein, Ihr versteht nicht. Aber genau auf diesen Unterschied kommt es an.” Erstere wollten wirklich helfen, “konnten aber nichts ausrichten. Sie wurden doch selbst von Russland allein gelassen, ohne einen Cent in der Tasche ‘abgeworfen’, in armseligen dünnen Mänteln, und dann haben sie sich noch gegenseitig umgebracht.” Nachdem die Deutschen das Ghetto Haus für Haus niedergebrannt und zuletzt die Große Synagoge in die Luft gesprengt haben - als “schönen offiziellen Schlußakzent”, flüchten die letzten noch etwa 80 Kämpfer durch die Kanalisation auf die “arische Seite”, wo sie mit Hilfe der Arbeiterpartei PPR  versuchen, unterzutauchen. Auch dort kümmert sich Edelman um seine Leute. Aber “hört bitte auf, aus mir einen Helden zu machen. Wen interessiert es schon, wie viele Karabiner es waren und wer wo geschossen hat. Ihr redet so ernst darüber, während wir damals nur junge Leute waren, Rotzlöffel…Na gut, wir waren tapfer. Mutig. Aber militärisch gesehen…Im Vergleich zu den Deutschen hat es uns gar nicht gegeben. Entscheidend war vielleicht, dass wir uns an bestimmten gemeinsamen Werten orientierten. Freundschaft war hier wichtig.”

Etwa 70.000 Menschen sind bei den Kämpfen dieses “ersten Warschauer Aufstands” im April und Mai 1943 ums Leben gekommen. Die durch die Kanalisation flüchten konnten, schlugen sich in die Wälder zu den Partisanen, Edelman kehrte - als “ZOB-Kommandant” - bald nach  Warschau zurück, hielt sich dort jedoch versteckt, schlief viel und trank “die ganze Zeit Wodka. Wann gab es in Polen mal keinen Wodka?” Außerdem verfaßte er einen Bericht über den Aufstand, der später nach London zur polnischen Exilregierung gelangte, der mittelbar auch seine Kampforganisation unterstand.

Am 1.Juli 1944 begann der Warschauer Aufstand, der mit der fast völligen Zerstörung der Stadt endete. Edelman schloß sich einer Abteilung der Volksarmee (AL) an, zuletzt gelang ihm noch einmal die Flucht durch die Kanalisation. Selbst nach dem Einmarsch der Roten Armee im Januar 1945 mußten die wenigen Juden, die in Polen überlebt hatten, noch um ihr Leben fürchten, denn die rechten “Nationalen Streitkräfte” (NSZ) machten Jagd auf sie.

In der “Kommune”, in der Edelman untergekommen war, “wurde beschlossen, das ich Medizin studiere…Die Studenten beschäftigten sich damals übrigens mit allem, nur nicht mit dem Studium; ein Teil war noch bei den Partisanen, ein anderer Teil war konspirativ tätig.”  Edelman wurde dennoch später einer der besten Herzchirurgen Polens, während die meisten Juden nach und nach nach Palästina auswanderten, 1967/68 kam es noch einmal zu einer Auswanderungswelle, als die Kommunisten das Land mit einer  antisemitischen Kampagne überzogen, um die Kritik der Studentenbewegung von sich abzulenken. Man verweigerte Edelman die Habilitation und in seiner Klinik mußte er  sich vom Pförtner sagen lassen: “Juden haben keinen Zutritt.” Er verliert vorübergehend seine Anstellung und wird kurzzeitig interniert. Als Journalisten ihn später fragen, wie er sich gefühlt habe, als man ihn wegen seiner Herkunf entließ, sagt er: “Das sind Bagatellen…”

Auch in dieser Situation weigerte Marek Edelman sich, im Gegensatz zu seiner zweiten Frau und seinen Kindern, ins Ausland zu gehen. Zwar hatte er ein paar Mal seine linkszionistischen Freunde in Israel besucht, aber gegenüber dem Zionismus blieb er auf Distanz: “Die Bundisten haben nicht um den Staat Israel gekämpft, sondern um einen würdigen Tod.” Wenn überhaupt, dann hätte man am Besten den jüdischen Staat in Bayern gründen sollen, aber die Entscheidung für Palästina war religiös motiviert und wurde von einer “Theologie des Holocaust” flankiert: “Israel lebt von diesem ganzen Blödsinn.” Zudem gaben die Amerikaner Geld, “weil sie einen Flugzeug-Landeplatz im Nahen Osten brauchten. Und der Nahe Osten, das bedeutet Öl.”

1973 lernt Edelman den Gründer des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) Jacek Kuron kennen. “Das KOR war genau dasselbe wie der Bund. Dieselben Ideale, dieselben Werte: Brüderlichkeit, soziale Gerechtigkeit, Kampf gegen die Diktatur. Für mich war das KOR die Fortsetzung des Bundes.” Und für Edelman bedeutete das auch,  wieder im Untergrund zu arbeiten. Die Bekanntschaft mit Kuron bezeichnet er  rückblickend als “eine der wichtigsten Begegnungen” in seinem Leben. 1979 trat er der von Kuron mitgegründeten “Solidarnosc” bei, nach dem Fall des Kommunismus saß er 1989 mit am “Runden Tisch” und zog danach sogar ins Parlament ein. Bis zu seinem Tod 2009 engagiert er sich für Zigeuner, Palästinenser, kubanische Oppositionelle, Tschetschenen, Albaner im Kosovo u.a. drangsalierte Minderheiten. Sein Credo lautet: “Immer auf der Seite der Schwächeren stehen!”

Auch gegen das 1999 in Berlin geplante “Zentrum gegen Vertreibungen” nimmt Edelman noch Stellung: “Ich will keine Rache. Ich will nichts von den Deutschen. Ich möchte aber nicht, dass man sie zu Opfern stilisiert. Der Bau eines Zentrums gegen Vertreibungen wäre antipolnisch, denn das würde bedeuten, dass es Polen waren, die ihnen durch die Vertreibung Unrecht getan haben.” In Lodz, wo er nach dem Krieg mit seiner zweiten Frau hingezogen war  und dann in wechselnden Klinken gearbeitet hatte, tauchten nach 2000 antisemitische Sprüche an den Häuserwänden auf, z.T. direkt gegen eine Lehrerin und ebenso Edelman gerichtet. Daraufhin engagiert er sich auch noch gegen Rechtsradikalismus sowie gegen den rechten katholischen Hetzsender “Radio Maryja”. Gegenüber den Interviewern Beres und Burnetko meint er 2007: “Das größte Unglück dieser angeblichen Vierten Republik ist, dass die Angst wieder da ist. Die Menschen haben sogar Angst zu sagen, was sie denken, weil sie ihre Arbeit verlieren könnten.” Als die “Regierung des Hasses und des Mißtrauens” der Kaczynski-Brüder gestürzt wird, ist er froh: “wenigstens ist jetzt eine andere Atmosphäre da.”

Witold Beres/Krzysztof Burnetko: “Marek Edelman erzählt”, parthas Verlag Berlin 2009, 688 Seiten.

Ähnlich wie die sowjetischen Kriegsschriftsteller Wassil Bykau und Wassili Grossman hat auch Marek Edelman Widerstand und Kampf der Wahrheit zuliebe extrem unpathetisch geschildert. Ersterer erklärte dazu 2002 der in Berlin erscheinenden Zeitung “Russki Berlin”:

“Bis noch vor kurzem durfte man die ganze Wahrheit über den Krieg nicht sagen. Das lag nicht an der Zensur oder am dogmatischen Sozialistischen Realismus, die natürlich auch die Literatur unterdrückten, sondern an dem besonderen Charakter des gesellschaftlichen Bewußtseins in der Sowjetunion, der nach dem Krieg eine fast süchtige Beziehung - nicht zur Wahrheit des Krieges, sondern zu den Mythen des Krieges hatte: das betraf die Helden, die Flieger, die Partisanen usw. Diese schönen Mythen waren auch für die Veteranen annehmbar, obwohl sie ihren eigenen Erfahrungen widersprachen. Die Wahrheit über den Krieg war nutzlos und sogar amoralisch. Schon die kleinste Annäherung an die Wahrheit wurde sofort als ein Attentat auf das Heiligste - den Kampf für die Freiheit und die Unabhängigkeit der Heimat - aufgefaßt. Die Autoren, die über den Zweiten Weltkrieg schrieben, waren jedoch begabte und durchaus zu Selbstopfern bereite Menschen, die der Wahrheit in ihren Büchern auf der Spur waren. Ihre Werke hatten deswegen auch oft ein schweres Schicksal (die russische Umschreibung für jahrelanges Druckverbot). Das ist jedoch nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, daß diese Wahrheit nicht nur in den Redaktionsstuben, sondern auch auf den Schlachtfeldern des Krieges selbst erobert werden mußte. Ernest Hemingway hat einmal gesagt: ‘Über den Krieg zu schreiben ist sehr gefährlich, noch gefährlicher ist es aber, die Wahrheit im Krieg selbst zu suchen’”.

Noch einmal zu den zwei Warschauer Aufständen 1943 und 1944:

“Das Lied ist geschrieben mit Blut und nicht mit Blei” - heißt ein kürzlich erschienenes Buch über Mordechaj Anielewicz: dem ersten Führer des Aufstands im Warschauer Ghetto - bis zu seinem gewaltsamen Tod. Danach übernahm Marek Edelman das Kommando über die jüdische Kampforganisation ZOB. Dieser sagte über seinen Vorgänger: “Anielewicz  wollte so gerne die Führung übernehmen, deswegen haben wir ihn gewählt”. Die Biographie über ihn schrieb Sabine Gebhardt-Herzberg. Sie hat sich die Arbeit nicht leicht gemacht. Es sollte ein würdiges “Andenken an Mordechaj Anielewicz” sein. Dazu interviewte sie Überlebende in Israel und Widerstandsforscher, besuchte in Warschau zusammen mit ihrem kleinen Sohn die Stätten der Kämpfe und suchte die Orte auf, an denen Anielewicz lebte. Nach einem “Schlüsseltraum” betete sie, “am richtigen Platz” zu sein. Schließlich brachte sie ihre Biographie im Selbstverlag heraus. Ihre Studie legt nahe, dass Anielewicz, dessen Stab sich am 8.Mai 1943 in einem Bunker verschanzt hatte, verraten wurde: durch jemand, der den Deutschen den Standort des ZOB-Verstecks “Mila 18″ im Ghetto gezeigt hatte. Der deutsche Kommandant Stroop notierte bereits am Tag zuvor: “Die Lage des Bunkers der sogen. ‘engeren Parteileitung’ ist nunmehr bekannt”. Seine Soldaten leiteten am 8.Mai Giftgas hinein. Die meisten “Terroristen” begingen, bevor sie erstickten, Selbstmord, “einige töteten zuerst ihre Angehörigen und dann sich selber”.  Edelman mißbilligte insbesondere den Selbstmord von Anielewicz: “Ein Kommandant muß bis zuletzt kämpfen.”

In diesem Jahr jährt sich zum Siebenundsechzigsten mal ihr Aufstand. Mitte Januar 1943 hatte Emilia Landau das Signal zum Widerstand gegeben, als sie eine Handgranate warf, die mehrere Deutsche tötete. Am 18. April ließ SS-Brigadeführer Jürgen Stroop das Ghetto durch polnische Polizei umstellen. Am 19. gipfelte der Widerstand der 22 jüdischen Kampfgruppen in einen allgemeinen Aufstand. Er  endete in der zweiten Julihälfte 1943 - mit der vollständigen Zerstörung des Ghettos und zigtausend Toten. Nur einigen wenigen Juden gelang die Flucht durch die Kanalisation - auf die “arische Seite” der Stadt oder in die Wälder zu den Partisanen.

Diesen gescheiterten Aufstand betrachtet die israelische Armee heute als ihren eigentlichen Gründungsakt, der somit das glückliche Ende des langen jüdischen Kampfes um eine eigene Nation einleitete. An seinem Anfang stand ebenfalls ein gescheiterter Aufstand: Der so genannte jüdische Krieg in den Jahren 66 bis 74, der mit der Eroberung der letzten Festung Massada durch römische Truppen endete. Der römische Historiker Flavius Josephus schilderte uns diesen achtjährigen verzweifelten Widerstand gegen einen technisch und zahlenmäßig hoch überlegenen Gegner, der mit dem Tod oder der Versklavung fast aller daran beteiligten Juden und auch vieler unbeteiligter in anderen Ländern endete - in seiner zweibändigen “Geschichte des jüdischen Krieges”. 1995 hat die Religionshistorikerin Mireille Hadas-Lebel neuere Forschungsergebnisse über die römische Rückeroberung der Festung “Massada” am Toten Meer veröffentlicht, bei der die Verteidiger zuletzt ihre Frauen und Kinder ermordeten, damit sie nicht in die Hände der Feinde fielen. Aus dem Warschauer Ghettoaufstand ist ähnliches überliefert. So erwähnt z.B. Alina Margolis-Edelman in ihrem Bericht “Als das Ghetto brannte” , daß ihre Mutter, die damals Ärztin war, ein ihr anvertrautes krankes Kind mit einer Dosis Morphium tötete, die sie eigentlich für sich aufbewahrt hatte - was jedem, der eine solche Ampulle, die “damals den Wert von Gold besaßen, ein wunderbares Gefühl der Sicherheit gab, eine Möglichkeit, jeden Augenblick zu gehen”.

Die Autorin ist die Ehefrau des einstigen Kommandanten der jüdischen Kampforganisation (ZOB) im Warschauer Ghetto: Marek Edelman. In einem 2002 erschienenen Interview-Band mit ihm - “Der Hüter” - wird er als “letzter Überlebender des Aufstands” bezeichnet. Desungeachtet gibt es immer noch weitere Berichte von Zeitzeugen. Die auf solche Literatur quasi spezialisierte Schweizer Agentin Eva Koralnik berichtete 1999, auf der Jerusalemer Buchmesse würden ihr jedesmal “Dutzende von Überlebenden” ihre Memoiren anbieten: “Jede einzelne Geschichte ist eine Tragödie…Es ist schwer, ihnen zu sagen: ‘Nein danke, der Markt ist voll’”.

1999 erschien auf Deutsch “Jossel Rakovers Wendung zu Gott”, der Verlag schrieb dazu: “Er ist einer der letzten Aufständischen im Warschauer Ghetto. In den Ruinen verfaßt er seine Abrechnung mit Gott und versteckt sie in einer Flasche Benzin, mit dessen Inhalt er seinem Leben ein Ende setzt”. Der Autor, Zvi Kolitz, schrieb den Text aber erst 1946 - in einem Hotel in Buenos Aires, dennoch wird seine Legende von der Entstehung im brennenden Ghetto weiterhin für wahr gehalten. Statt den Autor mit dem “Auschwitz-Schwindler” Wilkomirski zu vergleichen - einem Schweizer, der weder Jude noch jemals im KZ war - stellt man seine “Wendung zu Gott” eher in eine Reihe mit der letzten Rede des Anführers der Aufständischen von Massada, Eleazar ben Jair, die Flavius Josephus um das Jahr 76 schrieb, weil man damals, so Mireille Hadas-Lebel, “das Talent eines Historikers danach beurteilte, welche Kunstfertigkeit er für die Ausschmückung seines Berichts mit Reden anwandte”. Da nach jüdischer Auffassung von göttlicher Gerechtigkeit jedes Unglück als eine Strafe Gottes angesehen wird, geht es bei Eleazar in Massada ebenso wie bei Rakover in Warschau um eine Auseinandersetzung mit Gott - angesichts des furchtbaren Massakers.

“Das wesentliche Merkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto besteht darin”, schreibt der polnische Essayist Jan Josef Szczepanski, daß es hierbei nicht um eine “Vorahnung der unvermeidlichen Niederlage ging, sondern um eine bewusst angenommene Gewißheit”. Dies unterscheidet den Ghettoaufstand im April 1943 vom Warschauer Aufstand, der am 1. August 1944 begann - und ebenfalls nach etwa drei Monaten  scheiterte.

Mit dem Warschauer Aufstand entwickelt sich ein neues polnisches Selbstbewußtsein. Die Stadt wurde dabei von den Deutschen nahezu vollständig zerstört, zigtausende von Warschauer fanden den Tod und die Überlebenden wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Nur wenigen Kämpfern gelang die Flucht durch die Kanalisation - in die Wälder. Unter ihnen befand sich damals neben einigen hundert anderen Juden auch wieder Marek Edelman.

Einen ersten knappen “Kampf”-Bericht über den “Ghettoaufstand von 1941 - 43″ verfaßte er bereits gleich nach dem Krieg, der Text wurde 1993 von Ingrid Strobl auf Deutsch herausgegeben. Vorher war bereits ein Interview von Hanna Krall mit ihm erschienen: “Dem Herrgott zuvorkommen”. Edelman versucht darin das Heldentum (der bewaffneten Kämpfer) zu relativieren - im Vergleich zu dem Mut, mit dem viele Menschen im Ghetto nahezu klaglos ihrer Vernichtung entgegengingen: “Schießend stirbt es sich viel leichter”.

Den Philosophen Zvetan Todorov brachten diese Gedanken in seiner Studie “Angesichts des Äußersten” zu einem Vergleich des Warschauer Aufstands mit dem Ghettoaufstand, wobei er sich auf die Äußerungen von Marek Edelman und auf die des Aufstandsführers General Bor-Kormorowski und dessen  operativen Leiter Okulicki bezog, letzterer starb nach dem Krieg in sowjetischer Haft. Todorov schlug vor: “Man sollte in bezug auf Okulicki von heroischen Tugenden reden und bei den von Edelman überlieferten Fällen von Alltagstugenden…Dort wird der Tod zu einem Wert und einem Ziel, weil er das Absolute besser als das Leben verkörpert. Hier ist er das Mittel, nicht der Zweck. Er ist die letzte Zuflucht des Individuums, das seine Würde bewahren will”.

Wenn man seinerzeit (1961) dem “Standardwerk” über “Die Vernichtung der europäischen Juden” von Raul Hilberg gefolgt war, der sich bei seiner Darstellung des Ghettoaufstands vor allem auf deutsche Quellen sowie auf die Memoiren des Warschauer Aufstandsführers Bor-Kormorowski gestützt hatte, dann entschieden sich die meisten Menschen - vor die Alternative gestellt: zu kämpfen oder “wie die Schafe zur Schlachtbank” geführt zu werden - für letzteres. Hilberg führte das vor allem darauf zurück, daß die Juden seit etwa 1900 Jahren in der Diaspora dem Gebrauch der Waffen entfremdet und ohne kämpferische Traditionen waren. Seine Quellen waren allerdings fragwürdig: General Bor-Kormorowski hatte z.B. ein großes Interesse daran, seine antikommunistische und teilweise auch antisemitische Heimatarmee (AK) als aktive Unterstützer der leider schwachen Ghettokämpfer im Nachkriegspolen darzustellen. In Wahrheit kam den Aufständischen bis auf einige Gruppen aus der kommunistischen Volksarmee (AL) so gut wie niemand zu Hilfe. Die während der Kämpfe auf der “arischen Seite” untergetauchte Alina Margolin-Edelman schreibt, als sie an die Ghettomauer lief, hinter der geschossen wurde und Menschen über die Dächer liefen: “Passanten und Schaulustige standen in kleinen Gruppen, hoben den Kopf nach oben, zeigten mit dem Finger auf sie. Das, was sie sagten, wiederhole ich nicht, ich will es nicht wiederholen”.

Gegen Raul Hilbergs Darstellung der jüdischen Widerstandslosigkeit wurden eine Reihe von Ghettokämpfer-Memoiren veröffentlicht. Einige erschienen bereits 1963 auf Deutsch - unter dem Titel “Im Feuer vergangen”. Um die Veröffentlichung weiterer Erinnerungen jüdischer Partisanen bemühte sich dann hierzulande von linker Seite vor allem Ingrid Strobl und von konservativer Arno Lustiger. Berühmt wurde vor allem das umfangreiche Werk von Reuben Ainsztein: “Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs”. Es war explizit gegen die Thesen von Hilberg gerichtet, der den Ghettoaufstand als ein bloßes  “Gefecht” bezeichnete. Reuben Ainsztein zitiert einen vier Tage nach Beginn des Aufstands geschriebenen Brief von Mordechai Anielewicz an Marek Edelman: “Was wir erlebt haben, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wir hätten es in unseren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Zwei mal zwangen wie dir Deutschen, das Ghetto fluchtartig zu verlassen…Ich habe das Gefühl, große Dinge geschehen, daß das, was wir wagten, von großer Bedeutung ist”.  Der Widerstandsforscher Reuben Ainsztein ist der festen Überzeugung: “In rein militärischen Kategorien gesprochen, handelte es sich um die bedeutendste antideutsche Schlacht auf polnischem Boden seit 1939″.

Ihr folgte im Sommer des darauffolgenden Jahres der Warschauer Aufstand. Auch hierbei gab es eine Art von nahezu unbeteiligter Zuschauerschaft: das restliche Polen drumherum, von Deutschen besetzt - soweit sie die im Spätsommer 1944 bis an das rechtsseitige Weichselufer vorgerückte Rote Armee noch nicht vertrieben hatte. Diese Zuschauerschaft schildert der Dichter Miron Bialoszewski, der als junger Hilfsfreiwilliger am Aufstand beteiligt war. Er brauchte 20 Jahre, um “Nur das was war” zu beschreiben, seine “Erinnerungen aus dem Aufstand” erschienen 1994 auf Deutsch. Ihm ging es dabei vor allem um so etwas wie den “Alltag der Kämpfe”, der - zumal für einen jungen Zivilisten - erst einmal Warten, Warten, Warten - in Bunkern - war, sowie aus Essensbeschaffung und Schlafgelegenheiten suchen bestand, wobei es sogar hier durchaus Glücksmomente gab. Sein Freund Leszek Solinski schreibt im Nachwort: “Man warf Bialoszewski eine Banalisierung des Themas vor, eine Entdämonisierung des Krieges, seinen Mangel an persönlichem Engagement, die Position des Antihelden, das Fehlen von jeglichem Pathos und Patriotismus. Der Autor wurde als Feigling bezeichnet”. Nichtsdestotrotz wurde sein Buch in Polen mehrmals wieder neu aufgelegt. Inzwischen gibt es eine fast unüberschaubare Literatur sowohl über den Ghettoaufstand als auch über den Warschauer Aufstand.

Auf Deutsch erschien 2001 eine Studie über den Warschauer Aufstand von Wlodzimierz Borodziej. Der 1956 geborene Historiker zitierte im Vorwort das “Informationsbulletin” der Heimatarmee, das bereits einen Tag nach der Kapitulation “vor eiligen Schlüssen über die letzten 63 Tage” warnte: “‘die Rechnung’ sollte lieber der Geschichte überlassen bleiben”.

Zunächst wurde den Kämpfern und Opfern des Aufstands von der kommunistischen Regierung sogar ein Denkmal verweigert, im Gegensatz zum Ghettoaufstand, an den seit 1948 bereits das berühmte Monument von Nathan Rapoport erinnert, der dann in einem israelischen Kibbuz auch noch ein “Mordechaj Anieliwicz-Monument” errichtete. Sofern sie nicht ins Londoner Exil geflüchtet waren, wurden nach Kriegsende die Angehörigen der (bürgerlichen) Heimatarmee, die den Aufstand befehligten - und der auch und vor allem gegen die Rote Armee gerichtet war, wie Todorov meint - noch strafrechtlich verfolgt. Erst 1984 ließ die kommunistische Partei ein Denkmal für den Warschauer Aufstand zu, zuvor waren bereits etliche “Erinnerungen” erschienen und es hatte sich für den 1.August ein “Festtagsritual” entwickelt. 1994 - zum 50.Jahrestag des Aufstands - wurden erstmalig auch westliche Politiker dazu eingeladen. Dafür sagte jedoch der russische Staatspräsident ab. Für einen kleinen Skandal sorgte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog, als er im Vorfeld den Warschauer Aufstand 1944 mit dem Ghettoaufstand 1943 verwechselte. Der Gastgeber Lech Walesa sprach in seiner Rede davon: Polen, Warschau und die Aufständischen seien im Zweiten Weltkrieg zwei Totalitarismen zum Opfer gefallen.

Borodziej kommt am Ende seiner Studie auch auf Tzvetan Todorov zu sprechen, der den Warschauer Aufstand im Gegensatz zum Ghettoaufstand für eine “Entfesselung” hält, die niemandem geholfen hat: “weder damals noch später, weder vor Ort noch anderswo”. Todorov irrt hier eventuell, schreibt Borodziej, denn “es liegt schließlich im Bereich des Möglichen, daß ohne die Niederlage des - hoffentlich letzten - großen Aufstands die Polen weder 1980 eine legale antikommunistische Gewerkschaft…erfunden hätten, noch den ‘Runden Tisch’ neun Jahre später, mit dem die friedliche Entmachtung des Regimes eingeleitet und der Weg in die Freiheit beschritten wurde”. Als die wichtigste mediale Aufarbeitung des Warschauer Aufstands bezeichnet der Historiker den Spielfilm “Der Kanal” von Andrzej Wajda, der 1957 Premiere hatte und dem inzwischen “der Rang eines Klassikers” gebührt.

Dies wird man wohl kaum von dem erst kürzlich in Warschau vorgeführten Film “Der Pianist” von Roman Polanski sagen können, der auf den “Warschauer Erinnerungen” des Musikers Wladyslaw Szpilman basiert. Dieser überlebte sowohl den Ghettoaufstand als auch den Warschauer Aufstand. Polanskis Verfilmung wurde zwar artig gelobt, auch von Andrzej Wajda und Marek Edelman, aber sein Eurofilm geriet trotzdem bald in gnädige Vergessenheit. Allerdings ist auch bereits die Buch-Vorlage - von Szpilman - eher vom “Wegkucken” geprägt, vergleicht man sie mit den neueren “Erinnerungen” an den Ghettoaufstand z.B. von Simka Rotem und Vladka Meed.

Es werden bestimmt noch viele Berichte und historische Forschungen über den Ghettoaufstand, aber auch über den Warschauer Aufstand erscheinen, denn nur in solchen oder ähnlichen “Volkserhebungen” wird das greifbar, was man “Brüderlichkeit” (Freundschaft) nennt, dessen Reichweite und Begrenztheit dabei jedoch ebenfalls deutlich zutage tritt. Es ist sozusagen der Lackmustest für den Befreiungswillen einer Klasse, eines Volkes, einer Minderheit, einer Nation… Deswegen gehören die Berichte über Aufstände zu den Gründungsurkunden - in diesem Fall von Israel und dem neuen Polen. Auch diese Dokumente sind noch - ebenso wie der Aufstand selbst - kollektive Hervorbringungen. Nicht zuletzt aus diesem Grund wird z.B. der Bericht des Journalisten Zvi Kolitz “Jossel Rakovers Wendung zu Gott” in der Judenheit auch als ein “anonymer” rezipiert - spätestens seit der Philosoph des Judentums Emmanuel Levinas ihn als einen “wahren Text, so wahr wie allein die Fiktion es sein kann” bezeichnete (1955 - auf Deutsch in:  “Schwierige Freiheit” 1996). Indem die ursprünglich auf Jiddisch geschriebene “Wendung zu Gott” mit der unmittelbaren Erfahrung des Warschauer Ghettoaufstands verknüpft blieb - wider besseres Wissen, möchte man sagen - geriet der Text zum Volkseigentum und wurde dementsprechend auch immer wieder verändert, verbessert, erweitert (ohne dass sein Autor sich dagegen verwahrt hätte).

Bereits am 8. Dezember 1941, als Simon Dubnow - Verfasser der zehnbändigen “Geschichte des jüdischen Volkes” - in Riga von den Deutschen zur Hinrichtung geführt wurde, rief er den Umstehenden zu: “Juden, berichtet davon!” In der Folgezeit haben sehr viele Juden es unternommen, in den Ghettos und Lagern ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Leon Wulf, Mitglied in der “Zentralen Jüdischen Historischen Kommission” in Polen (von 1945 - 47) meint in seinem Bericht über das Warschauer Ghetto, der 1958 von der Bonner “Bundeszentrale für Heimatdienst” auf Deutsch herausgegeben wurde: “Es handelte sich dabei nicht etwa nur um Historiker, Schriftsteller oder Journalisten, sondern um ganz gewöhnliche Sterbliche, die nichts mit Schriftstellerei oder dergleichen zu tun hatten. Fast jeder, der im Ghetto oder Lager den Golgathaweg der Vernichtung ging und überlebte, traf diese Laien-Chronisten”. Ähnliches ließe sich auch wohl von den Berichterstattern des Warschauer Aufstands sagen, vor deren anschwellender Menge schon die Kommunisten irgendwann kapitulierten, die selber laut Borodziej “ein gerüttelt Maß an Verantwortung für die Katastrophe” trugen.

Die erste Aufstandschronistin Anna Borkiewicz wurde sogar noch in den Fünfzigerjahren wegen “Sammlung und Aufbewahrung von Material der (bürgerlichen) Heimatarmee, das diese glorifiziert und die (kommunistische) Volksarmee herabwürdigt”, zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Doch bereits 1964 durfte der ZK-Sekretär und frühere AL-Offizier Zenon Kliszko, der später selbst  ein dünnes Buch über den Warschauer Aufstand schrieb (es erschien 1969 auf Deutsch), über die einstigen “Verräter” und “Diversanten” der AK öffentlich sagen: “Uns, die wir unter den Fahnen verschiedener Gruppierungen auf den Barrikaden gekämpft haben - gegen den tödlichen Feind Polens - trennt heute nichts mehr”. Nichtsdestotrotz wurde jedoch in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre in polnischen Untergrundveröffentlichungen, auf Demonstrationen und in Diskussionen immer wieder “die volle Wahrheit über den Aufstand” eingefordert. Seit 1989 ist dabei die “zentrale politische Botschaft - der Verrat Moskaus”: Die Aufstandsplanung der AK wird seitdem als weise “hochstilisiert” - nur die angeblich unerwartete Reaktion Moskaus (nämlich den Vormarsch der Roten Armee an der Weichsel zu stoppen) habe ihren Plan zum Scheitern verurteilt. Heute sei jedoch “der Warschauer Aufstand als Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen wie vor 1989 schwer vorstellbar”, meint Wlodzimierz Borodziej. Auch der Heroismus der Warschauer Ghettokämpfer ist heute - außer bei Neonazis, deren Propaganda gegen den einstigen antideutschen partisanischen “Terror” allerdings zunimmt - unumstritten.

Zuletzt veranstaltete sogar das Deutsche Historische Museum Unter den Linden eine Ausstellung über den “Jüdischen Widerstand”. Immer öfter wird dafür der einstige aggressive polnische Antisemitismus als berechtigter Widerstand gegen die jüdischen Kollaborateure der Sowjetunion dargestellt. U.a. von dem Deutschpolen Bogdan Musial, der zuletzt, am 19.Juli in Berlin, zusammen mit Ralph Giordano auf einer Gedenkveranstaltung zum “60. Jahrestag des Warschauer Aufstands” und des Kampfes der antikommunistischen, teilweise auch antisemitischen Heimatarmee (Armia Krajowa)  auftrat. Dieses “Event” wurde ausgerechnet vom deutschen Bund der Vertriebenen mitorganisiert. Während Giordano dort über die deutschen Greueltaten bei der Niederschlagung der beiden Warschauer Aufstände sprach, konzentrierte Musial sich wie stets auf die Grausamkeiten der Kommunisten bei ihrer Machtübernahme nach der Niederschlagung der Deutschen. In Polen hält man die Abhaltung dieser Veranstaltung noch immer für eine grobe Unverschämtheit. Der Friedenspreisträger und frühere Außenminister Wladislaw Bartoszewski - einer der weniger noch lebenden Teilnehmer am Warschauer Aufstand -  hatte sich bereits vorab öffentlich gegen das “unerbetene  Mitleid” von seiten der Vertriebenen verwahrt, insgesamt hielt er die Teilnehmer insgesamt für in dieser Sache “völlig inkompetente Staatsbürger Deutschlands”.

Beim Lesen des Buches “Marek Edelman erzählt” hatte ich immer wieder das Gefühl, dass Edelmans Erlebnisse im Ghetto und im Aufstand das Material lieferten für Andrzej Wajdas Film “Der Kanal”. Dieser thematisiert jedoch wie erwähnt den zweiten Warschauer Aufstand und darin eine Kampfeinheit der Heimatarmee (AK):

In seinem Roman “Die Elenden” beschreibt Victor Hugo die Kanalisation von Paris - die “Kloake”: Zufluchtsort für politisch und religiös Verfolgte, ebenso wie für Verbrecher und Lebensraum von Ratten. Er thematisiert daneben jedoch auch die Ängste, Verdächte, Geschichten und Mythen, die über diese dunkle unterirdische Stadt oben im Hellen kursieren.  2005 veröffentlichte die Gazeta Wyborcza ein Interview mit einem ehemaligen deutschen Soldaten, dessen 46. Sturmbrigade bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands an der Seite der ersten mörderischen Partisanenvernichtungseinheiten - dem SS-Sonderregiment Dr. Dirlewanger und der Bandenbekämpfungsbrigade Kaminski - kämpfte. Unter anderem war der damals achtzehnjährige Soldat an mehreren Nahkämpfen mit dem Messer - in Kellern - beteiligt: “Die Keller waren das zweite Warschau. Wenn man in Kellern kämpft, ist es still, man sieht nichts”, erzählte er. Wegen der Flugzeugangriffe zogen sich die Aufständischen schon sehr bald in diese Keller zurück, wobei sie sie miteinander verbanden, indem sie die Wände zwischen den Häusern durchbrachen. Aber dann mußte ein Viertel nach dem anderen aufgegeben werden und die Aufständischen versuchten in die Innenstadt zu gelangen - durch die noch tiefere und dunklere Kanalisation der Stadt - unter den Straßen und Kellern.

Dieses dritte Warschau hat Andrzej Wajda mit seinem Film “Der Kanal” 1956 erhellt. In den Kanal trauten sich die Deutschen nicht rein, aber ihre nahe Anwesenheit und die Möglichkeit, dass sie von oben Gas einsetzten, bestimmte das Verhalten der mit einem “Passierschein” in den Kanal sich zurückziehenden Kompanie der Armia Krajowa (AK) - die zu dem Zeitpunkt noch aus einundvierzig Männern und einem jungen Melder sowie zwei weiblichen Meldegängerinnen bestand. Der Film zeigt die letzten Stunden ihres Lebens. Er handelt von den Existentialien Liebe, Mut, Feigheit, Verrat - und rührte äußerst wirkungsmächtig an ein Tabu der polnischen Kommunisten: Sofern sie nicht ins Londoner Exil geflüchtet waren, waren die Angehörigen der Heimatarmee (AK), die den Aufstand befehligt hatten, der auch gegen die Rote Armee gerichtet war, nach dem Krieg zunächst als “Verräter” und “Diversanten” diffamiert und sogar strafrechtlich verfolgt worden - so dass Wajdas “Kanal” auch einen anderen Umgang mit diesem  “dunklen Kapitel” der polnischen Geschichte, die er erhellte, einleitete.

2004 strahlte das deutsche Fernsehen ein Interview der ARD-Korrespondentin in Warschau Annette Dittert mit der ehemaligen Meldegängerin Wanda Stawska aus, die dabei auch auf “die schönen Momente des Warschauer Aufstands” zu sprechen kam: Alle Jungs seien in die Kämpferinnen verknallt gewesen - “Wir waren doch alle so jung. Und es entstand eine so unglaubliche Solidarität und Nähe in dieser ganzen Aussichtslosigkeit”. Ähnlich äußerten sich dann auch einige weibliche Verbindungssoldaten, die der Freiburger Regisseur Paul Meyer 2006 für seinen Film “Konspirantinnen” interviewte. Sie waren nach dem Aufstand gemäß des Kapitulationsabkommens als Kriegsgefangene in ein Moorlager bei Oberlangen im Emsland gebracht worden. Eine der Frauen sagt in dem Film: “Der Aufstand konnte nicht nicht losgehen.” Und “es war die schönste Zeit in meinem Leben.”

Auch Wajdas Film handelt davon: Der Leutnant Madry verliebt sich in die Melderin Halinka, wobei er ihr jedoch verschweigt, dass er verheiratet ist und Kinder hat. Sie sagt: “Mit Liebe ist es leichter zu sterben.” Die zweite Melderin - “Gänseblümchen” - hat eine Romanze mit dem jungen Jacek, der bei einer mutigen Aktion verwundet wird. Gänseblümchen muß ihn die ganze Zeit im Kanal fast tragen. Als erfahrener Verbindungssoldat kennt sie sich unten aber von allen am Besten aus. Als einige der dort unten zu Tausenden umgekommenen Flüchtenden an ihnen vorbeitreiben, meint sie nur: “Dumme Menschen, die nie im Kanal waren.” Die Kompanie zerfällt in kleine Gruppen und keine findet den Ausstieg Wilczastraße - bis auf Gänseblümchen, die mit ihrem verwundeten Geliebten jedoch den Anschluß verloren hat. Und Jacek schafft es dann nicht mehr, den Ausstiegsschacht hochzukommen: “Geh allein!” sagt er, “Du Idiot!” antwortet sie. Wenig später ermahnt sie ihn: “Hör auf zu heulen Jacek, komm. Wir gehen geradeaus - wo der Kanal in die Weichsel mündet.” Während sich die Hauptgruppe in einer Sackgasse verirrt und ein anderer Teil der Kompanie einen falschen Schacht hochsteigt, wo sie oben sofort von Deutschen gefangen genommen werden, schaffen Gänseblümchen und Jacek es tatsächlich bis zur Weichsel, aber dort ist der Kanal vergittert. Der Verwundete kann nicht mehr weiter, Gänseblümchen täuscht ihn über das traurige Ende ihrer Flucht: “Jetzt ruh dich erst mal aus. Öffne nicht die Augen, die Sonne scheint zu hell.” Auch die anderen durch den Kanal irrenden Teile der Kompanie enden derart traurig.

“Aber wer eine Tragödie überlebt hat, ist nicht ihr Held gewesen.” (J. St. Lec)  In diesem Fall sind es eindeutig die Frauen - was vielleicht auch einer List des Regisseurs gegenüber der Zensur geschuldet ist. An die Heldin “Gänseblümchen” und all die anderen “in Gefahr und größter Not” über sich selbst und die Männer hinausgewachsenen weiblichen Verbindungssoldaten erinnerten 2005 noch einmal die beiden Künstler Darek Foks (41)und Zbigniew Libera (48)mit einer Ausstellung in Katowice und Bytom sowie 2006 in Paris. Sie beschäftigten sich in ihrer Arbeit “Was tat die Meldegängerin?” mit dem (polnischen) Bildgedächtnis und ganz allgemein mit dem Begriff der Rekonstruktion historischer Ereignisse. Dabei gingen sie von dem Gemeinplatz aus, daß uns die Vergangenheit durch Fotos und Geschichten überliefert wird. (Der polnische Künstler Piotr Uklanski beschritt 1998 mit seiner Ausstellung “Nazis” einen ähnlichen Weg, indem er berühmte polnische Schauspieler in ihren Rollen mit Naziuniformen zeigte). Zbigniew Libera nahm die ikonisch gewordenen Zeitungsphotos vom Warschauer Aufstand und montierte anstelle der Gesichter echter Melderinnen Bilder von Anita Ekberg, Sophia Loren, Catherine Deneuve und anderen Filmstars hinein. Die Pin-up- und Spind-Ästhetik soll eine Verbindung zwischen Eros und Krieg herstellen. Darek Foks meinte dazu, es müsse in einer Kriegserzählung immer auch eine Liebesgeschichte geben. Wenn man attraktive Frauen hineinnehme, würden sich die Leser eher für die Geschichte des Warschauer Aufstands interessieren. Auch Wajda tat dies in gewisser Weise, indem er für seinen “Kanal” besonders “schöne Melderinnen” engagierte und eine sogar die Hauptrolle spielen ließ. Foks und Libera ging es darüberhinaus bei ihrer Ausstellung “Was tat die Melderin?” darum, die Aneignung des Mythos vom Warschauer Aufstand durch die offizielle polnische Geschichtspolitik der letzten Jahre zu unterlaufen. Da die Geschichte vom Warschauer Aufstand in der Volksrepublik Polen von offizieller Seite unterdrückt wurde, hatte sozusagen jeder die Möglichkeit, sich dazu Heldengeschichten zu erfinden und sie auszumalen.

Die erste Aufstandschronistin Anna Borkiewicz wurde noch in den Fünfzigerjahren wegen “Sammlung und Aufbewahrung von Material der (bürgerlichen) Heimatarmee, das diese glorifiziert und die (kommunistische) Volksarmee herabwürdigt”, zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Um so wichtiger war dann Wajdas wenig später gedrehte Film über eine Kompanie der AK. Man kann sich sogar fragen, ob er nicht auch noch die für den deutschen Film “Konspirantinnen” befragten Zeitzeugen in ihrer Erinnerung beeinflußt hat.  Nun gibt es aber heute ein regelrechtes Aufstands-Marketing, mit eigenem Museum und einer offiziell verbindlichen Darstellung der Ereignisse. Die beiden Künstler wollten sich jedoch “ihren Warschauer Aufstand” nicht nehmen lassen. Wajdas “Kanal” bildete dabei die Ausgangsbasis ihres Kunstprojekts. Am Anfang gibt es bei Wajda eine Szene, in der Izewska zu Janczar sagt, daß sie nur seinetwegen zurück in die Stadt gekommen sei. Warum, fragt er. Sie antwortet: “Weil ich deine Meldegängerin bin.” Daraufhin küssen sie sich.  Während die jungen Künstler Foks und Libera mit dem “Mythos” spielten, hat der Dichter Miron Bialoszewski, der als junger Hilfsfreiwilliger selbst am Aufstand beteiligt war, “Nur das was war” zu beschreiben versucht. Er brauchte für seine “Erinnerungen aus dem Aufstand” zwanzig Jahre. Es ging ihm dabei vor allem um so etwas wie eine Schilderung des “Alltags der Kämpfe”, der - zumal für einen jungen Zivilisten - erst einmal aus Warten, Warten, Warten - in Bunkern - bestand, sowie aus Essensbeschaffung und Schlafgelegenheiten suchen, wobei es sogar hier durchaus Glücksmomente gab. Sein Freund Leszek Solinski schrieb im Nachwort: “Man warf Bialoszewski eine Banalisierung des Themas vor, eine Entdämonisierung des Krieges, seinen Mangel an persönlichem Engagement, die Position des Antihelden, das Fehlen von jeglichem Pathos und Patriotismus. Der Autor wurde als Feigling bezeichnet”. Eher sollte der verwundete Oberkommandeur im Film “Kanal” Recht behalten - als er meinte: “Die kommenden Generationen werden uns verehren” - mindestens seine Meldegängerinnen.

Noch einmal zu den Partisanen:

Das Ziel der Flüchtenden während der zwei Warschauer Aufstände waren die Partisanen in den Wäldern, die inzwischen riesige befreite Zonen erkämpft - und sich ein Unterstützernetz in den umliegenden Dörfern geschaffen hatten. In seiner Studie über den Wald bezeichnete der US-Kulturhistoriker Simon Shama den polnischen Urwald von Bialowieza (Podlasien) als das letzte  Rückzugsgebiet der Wisente, aber auch aller echten Männer, sowie der polnischen Outlaws und Partisanen. Ferner Jagdgebiet der Könige, zuletzt das Revier von Göring - und Ausgangspunkt der polnischen Forstwirtschaft, die oft Beziehungen zu den Partisanen unterhielt.  So gehörte zum Beispiel zu den Partisanen, die sich nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands Ende 1830 und der Auflösung Polens in die Wälder von Podlasien - der Puszcza - zurückzogen, auch Emilie Plater, “eine Soldatin, aus deren Familie zu Beginn des Jahrhunderts Forstbeamte gekommen waren”. 100 Jahre später erklärte die Pilsudski-Regierung den Urwald zu einem der ersten drei polnischen “Nationalparks”. Im Wald finden die ersten Gefechte zwischen Nationalökonomie und -ökologie statt! Mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen flüchteten auch viele Juden als Partisanen in die Wälder - sie kamen “in eine neue Welt”, schreibt Simon Shama, “… die Veteranen, die sich als ,Wölfe’ bezeichneten, waren von allen Generationen der ,Puszcza’-Kämpfer die verzweifeltste”. Nach 1945 versteckten sich auch Deutsche in den Wäldern, wo sie sich zu antikommunistischen Partisanengruppen zusammenfanden. Erst in den Fünfzigerjahren gelang der Roten Armee die Liquidierung der letzten “Waldmenschen”, wie die Illegalen in Litauen hießen, ihre Jungen nannte man “Wolfskinder”.

Neuerdings gedenkt man auch immer öfter der antikommunistischen und antisemitischen polnischen Partisanen, die sich ebenfalls in den Wäldern versteckten.

Der Regisseur Kornel Miglus hatte einen Onkel, Pawel, der einer solchen Partisanengruppe angehörte. Zuletzt - nach dem Krieg - sprengten sie Denkmäler von kommunistischen Widerstandshelden in die Luft. Der Onkel wurde verhaftet und kam ein paar Jahre ins Gefängnis. Dabei verfestigte sich sein Partisanentum derart, dass er später immer wieder im Alltag in die Rolle eines Illegalen schlüpfte. Wenn er dann z.B. die Straße entlang ging und  sein Neffe Kornel ihn schon von weitem fröhlich mit “Guten Tag Onkel Pawel” begrüßte, erwiderte er: “Sie müssen mich verwechseln, junger Mann!” Und ging weiter. Als er starb, wollte seine Frau ob seines  lebenslangen Partisanentums eine Zusatzrente beantragen. In diesem Zusammenhang  gelang es ihrer Schwester, einen kommunistischen Veteranen zu überreden, die Leichenrede zu halten. Diese erboste dann jedoch einige alte Mitkämpfer von Onkel Pawel derart, dass sie dem Redner auf dem Weg zum Leichenschmaus ins Haus der Witwe auflauerten - und ihn wegen seiner Verunglimpfung des Verstorbenen zusammenschlugen. Der Redner kam ins Krankenhaus - und alle im Haus versammelten beschimpften die Schläger, weil sie mit ihrer unbedachten rohen Tat die arme Witwe um ihre Zusatzrente gebracht hatten. Dem war jedoch nicht so, denn der Zusammengeschlagene nahm auch später nichts von seinem Lob der kämpferischen Tugenden des verstorbenen antikommunistischen Onkels zurück.

1948 setzten die Kommunisten  durch, dass nur die Ghettoaufständischen, nicht jedoch die Opfer des Warschauer Aufstands mit einem Denkmal geehrt wurden. Sofern sie nicht ins Londoner Exil geflüchtet waren, wurden nach Kriegsende die Angehörigen der (bürgerlichen) Heimatarmee, die den Aufstand befehligten - und der auch gegen die Rote Armee gerichtet war - noch strafrechtlich verfolgt. Aber schon 1968 wurde dem deutschen  Publizisten Sebastian Haffner während seines Warschau-Besuchs vom damaligen Innenminister Moczar, einem ehemaligen “Partisanenführer”, versichert, dass sein Veteranenverband sich “den Überlebenden der Heimatarmee geöffnet” habe. Ein Denkmal für den Warschauer Aufstand ließ die kommunistische Partei jedoch erst 1984 zu, davor waren bereits etliche “Erinnerungen” erschienen und es hatte sich für den 1.August ein “Festtagsritual” entwickelt. 1994 - zum 50.Jahrestag des Aufstands - wurden erstmalig auch westliche Politiker dazu eingeladen. Dafür sagte jedoch der russische Staatspräsident ab. Für einen kleinen Skandal sorgte der deutsche Bundespräsident Roman Herzog, indem er den Warschauer Aufstand 1944 mit dem Ghettoaufstand 1943 verwechselte.

Der bulgarische Philosoph Zvetan Todorow hat in seinem Werk “Angesichts des Äußersten” diese beiden gescheiterten Aufstände verglichen, wobei er sich u.a. auf die Äußerungen ihrer Führer - Marek Edelman und General Bor-Komorowski sowie auf dessen operativen Leiter Okulicki  - bezog. Todorov schlug vor, in bezug auf Okulicki, der nach dem Krieg in sowjetischer Haft starb, “von heroischen Tugenden [zu] reden und bei den von Edelman überlieferten Fällen von Alltagstugenden…Dort wird der Tod zu einem Wert und einem Ziel, weil er das Absolute besser als das Leben verkörpert. Hier ist er das Mittel, nicht der Zweck. Er ist die letzte Zuflucht des Individuums, das seine Würde bewahren will”.

Mit dem Warschauer Aufstand hat sich zuletzt der Historiker Wlodzimierz Borodziej beschäftigt, er kommt am Ende seiner Studie auch auf Tzvetan Todorov zu sprechen, der den Warschauer Aufstand im Gegensatz zum Ghettoaufstand für eine “Entfesselung” hält, die niemandem geholfen hat: “weder damals noch später, weder vor Ort noch anderswo”. Todorov irrt hier eventuell, schreibt Borodziej, denn “es liegt schließlich im Bereich des Möglichen, daß ohne die Niederlage des - hoffentlich letzten - großen Aufstands die Polen weder 1980 eine legale antikommunistische Gewerkschaft…erfunden hätten, noch den ‘Runden Tisch’ neun Jahre später, mit dem die friedliche Entmachtung des Regimes eingeleitet und der Weg in die Freiheit beschritten wurde”.

Aber etwas unterscheidet die beiden Warschauer Aufstände doch: “Das wesentliche Merkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto besteht darin”, schreibt der polnische Essayist Jan Josef Szczepanski, daß es hierbei nicht um eine “Vorahnung der unvermeidlichen Niederlage ging, sondern um eine bewusst angenommene Gewißheit”. Nur wenigen Kämpfern gelang die Flucht durch die Kanalisation - in die Wälder. Unter ihnen befand sich damals neben einigen hundert anderen Juden auch wieder Marek Edelman.  Einen ersten knappen “Kampf”-Bericht über den “Ghettoaufstand von 1941 - 43″ verfaßte er bereits gleich nach dem Krieg. Weltweit bekannt wurde später ein Interview - “Dem Herrgott zuvorkommen”, das Hanna Krall mit ihm führte. Der letzte  Kommandeur der jüdischen Kampforganisation ZOB versuchte  darin das Heldentum (der bewaffneten Kämpfer) zu relativieren - im Vergleich zu dem Mut, mit dem viele Menschen im Ghetto nahezu klaglos ihrer Vernichtung entgegengingen: “Schießend stirbt es sich viel leichter”. Noch während des Aufstands schrieb der wenig später getötete erste Kommandeur Mordechai Anielewicz in einem Brief an Marek Edelman: ” Was wir erlebt haben, läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wir hätten es in unseren kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Zwei mal zwangen wie dir Deutschen, das Ghetto fluchtartig zu verlassen…Ich habe das Gefühl, große Dinge geschehen, daß das, was wir wagten, von großer Bedeutung ist”. Den gescheiterten Aufstand betrachtet die israelische Armee heute als ihren eigentlichen Gründungsakt. Der Partisan ist immer eine vorübergehende Erscheinung - als Verlierer wird er wieder Zivilist oder er wird hingerichtet, als Gewinner wird er Politiker oder Offizier. Edelman beteiligte sich an beiden Aufständen - und zwei mal gelang ihm die Flucht - durch die Warschauer Kanalisation.

Die Selbstverbrennung als Widerstand:

Die Selbstverbrennung als “Phänomen” begann spätestens  mit dem “ersten Medienkrieg” der Geschichte: Am 11.Juni 1963 verbrannte sich in Hué der buddhistische Mönch Thich Quang Duc - aus Protest gegen den “Vietnamkrieg” der Amerikaner. Seine Tat wurde von einem Fernsehteam gefilmt und  hernach weltweit ausgestrahlt. Danach überschütteten sich einige weitere vietnamesische Mönche mit Benzin und zündeten sich an.

In Warschau verbrannte sich am 8. September 1968 der ehemalige Partisan der Heimatarmee (AK)  Ryszard Siwiec während des nationalen “Erntedankfestesfestes” auf einer Tribüne im vollbesetzten Stadion von Praga. Ryszard Siwiec wollte damit gegen die antisemitische Kampagne der Regierung und den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei protestieren.  Seine Selbstverbrennung wurde vom staatlichen Fernsehen aufgenommen, jedoch nie gesendet. Erst 1991 fand sich ein Regisseur, Maciej Drygas, der das Material aufstöberte und daraus einen Film machte: “Uslyszcie moj Krzyk” (Höre meinen Schrei). Drygas suchte darin nach den Gründen für diese außergewöhnliche und extreme Tat. In den Archiven war der Vorfall als “Unfall” abgelegt worden - Siewiec galt als  “Psychopath aus Przemysl”. Den Feuerwehrleuten,  die man für ihren Einsatz  belohnte, sagte man, es handelte sich um die Tat eines “Unzufriedenen. Eine im Stadion passiv gebliebene Zuschauerin entschuldigt sich fast: “Ich habe erst später von all diesen Ungerechtigkeiten - Katyn und so - erfahren”. Im Film kommen außer Augenzeugen vor allem Leute zu Wort, die ihn näher kannten, u.a. seine Frau und seine  fünf Kinder. Sie bezeichnen ihn als schweigsam und bibliophil. “Als die Studenten 1968 von den so genannten Arbeitern verprügelt wurden, fühlte er sich selbst angegriffen. Er hasste das Regime und wollte für die polnische Sache kämpfen”. Einem seiner Söhne hinterließ er “Gegenstände aus dem Warschauer Aufstand”, die Selbstverbrennung seines Vaters nennt dieser “eine große Heldentat”.

Der 1909 geborene Siewiec hatte Philosophie studiert und arbeitete zuletzt als Buchhalter, nebenbei züchtete er Hühner und besaß einen Garten. Am Tag der Tat bat er seine Frau, seinen Anzug zu bügeln, er müsse auf eine Dienstreise. Sie sagt, er war ein Unbedingter, “so aufrecht, dass man es kaum ertragen konnte. Beim letzten gemeinsamen Weihnachtsfest saß er schon wie ein Fremdkörper in der Familie.” Im Zug nach Warschau schrieb er ihr einen Abschiedsbrief, u.a. hieß es darin: “Ich fühle mich stark”. In seiner Tasche hatte Siwiec Flugblätter dabei, in denen er erklärte, seine Selbstverbrennung geschehe aus Protest gegen die Sowjetunion und ihre verbrecherische Diktatur. Den Text hatte er zwei Tage zuvor auch auf ein  Tonband gesprochen, das er hinterließ, es endete mit den Worten: “Hört meinen Schrei!”. Als er brannte, schrie er mehrmals “Weg mit Gomulka!” Der Priester und Philosoph Jozef Tischner erklärte dazu im Film: “Indem er es den buddhistischen Mönchen nachtat, vollzog er einen Akt der Selbstvernichtung, der gleichzeitig ein schöpferischer Akt war.” Ein TV-Reporter, der damals das Erntedankfest im Stadion kommentierte und Siwiec brennen sah, meint dagegen im Film: “Das war für mich ein relativ wirkungsloser Protest” - denn das Fest  wurde nicht unterbrochen.  Hunderte von Jungen und Mädchen tanzten Krakowiak und Mazurka. Sie hörten auch nicht damit auf, als wenige Meter entfernt von ihnen Siewic brannte  und einige ihm nächst stehende Zuschauer versuchten, das Feuer mit ihren Jacken zu löschen. “Die Musik war zu laut, um seine Rufe zu verstehen”. Quälend lang werden diese nun von Drygas gezeigt -  mit einem gleichsam Edvard Munch nachempfundenen Schrei ohne Ton endet der Film. Siwiec lag noch vier Tage im Krankenhaus, bis er am 12.September starb. Erst im Mai 1969  verbreitete Radio Free Europa die Nachricht von seiner Selbstverbrennung.

Nachdem Maciej Drygas 1991 den Film darüber gezeigt hatte, dauerte es noch einmal 12 Jahre, bis der gewendete Kommunist Alexander Kwasniewski als Staatspräsident Riyszard Siwiec posthum einen Orden verlieh. Dieser wurde von der Familie des Toten jedoch zurückgewiesen. Inzwischen hat man aber im Stadion von Praga eine Gedenktafel angebracht und am 4.  September 2006 wurde Siwiec ein Orden von der Slowakei verliehen, den seine Kinder in Empfang nahmen. Sie bedankten sich außerdem bei Drygas für den Film über ihren Vater.

In Polen erschien 2006 ein Roman “Weder Fisch noch Fleisch” (Ni pies, ni wydra) von Viktoria Korb - über das Jahr 68. Die Autorin  war als aufmüpfige Studentin und Jüdin im “März 1968″ ein Opfer der antisemitischen Kampagne der polnischen Arbeiterpartei geworden - und daraufhin nach Westberlin  emigriert. An einer Stelle erwähnt die Autorin kurz, dass davon gesprochen wurde, im Stadion von Praga habe sich angeblich jemand aus Protest gegen die  Politik der Regierung und der Invasion in der CSSR verbrannt. Dazu erklärte sie mir jetzt: “Damals war dieses Hinausdrängen der Juden, die wir uns zuvor überhaupt keine Gedanken über unser Juden-Sein gemacht hatten, so erschütternd, dass wir diese Selbstverbrennung nur ganz am Rande als Gerücht oder Nachricht wahrnahmen, und deswegen habe ich es im Roman auch nur so kurz erwähnt.”

Ebenfalls aus Protest gegen den Einmarsch der Roten Armeen in der Tschechoslowakei verbrannte sich im Januar 1969 auf dem Wenzelsplatz in Prag der Philosophiestudent Jan Pallach. In seinem Abschiedsbrief schrieb er: “Meine Tat hat ihren Sinn erfüllt. Aber niemand sollte sie wiederholen.” Die Regierung versuchte danach - stets vergeblich - zu verhindern, dass man seiner alljährlich am 16.1. öffentlich gedachte und bemühte sich im übrigen, die Mär zu verbreiten, dass hinter seiner Tat eine ganze (konterrevolutionäre) Gruppe stecke, deren Opfer Pallach quasi geworden war. Inzwischen wurde der Platz vor der philosophischen Fakultät der Prager Universität nach ihm benannt und eine Tafel am Gebäude angebracht, dass an ihn und seine Tat erinnert.

Weniger bekannt als Jan Pallach ist der Student Jan Zajic, der sich - ebenfalls aus Protest gegen die sowjetische Besetzung  seines Landes - einen Monat später als “Fackel Nr. 2″ auf dem Wenzelsplatz mit Benzin übergoß und verbrannte. Heute erinnert eine Gedenkstätte vor dem Nationalmuseum an ihn. Wieder zwei Monate später, am 4.April 1969, verbrannte sich der Arbeiter Evzen Plocek auf dem Marktplatz von Jihlava - aus den selben Gründen, doch weil diese Tat in der Provinz geschah, blieb Plocek noch unbekannter als Zaciz.

1976 verbrannte sich in Zeitz der Pfarrer Oskar Brüsewitz - gleichfalls aus Protest gegen die kommunistische Staatspolitik. In seinem Abschiedsbrief deutete er an, dass für ihn der “Kampf” zwischen Christentum und Kommunismus einer zwischen “Licht und Finsternis” sei. Mit seiner Selbstverbrennung wollte er in dieser Auseinandersetzung Stellung beziehen.

Im März 1980 verbrannte sich in Krakau, an einen Brunnen des Hauptmarkts, gekettet ein älterer Mann namens Walenty Badylak. Mit seiner Tat wollte er gegen die Demoralisierung der Jugend, gegen die Vernichtung der ehrlichen  Handarbeit und gegen das Schweigen über “Katyn” protestieren. Er war in den osteuropäischen Ländern der letzte, der sich aus Protest gegen den Kommunismus das Leben nahm. Aber Mitte der Neunzigerjahre kommt es erneut und immer wieder zu Selbstverbrennungen von zumeist jungen Polen und Tschechen, die das Leben hier und heute nicht aushalten - und gleichzeitig darauf bestehen, nicht verückt zu sein. So zündete sich am 9. März 1995 der in die USA emigrierte ehemalige polnische Förster Zbigniew K. aus Augustow in Manhattan - in den Räumen des Roten Kreuzes - an. Viele Mitglieder seiner Gemeinde, die der Arbeit wegen nach Amerika auswanderten, kämen “in Metallsärgen zurück”, meinte der Pfarrer in Augustow. Diese Selbstverbrennungen in der kapitalistischen “Transformationsperiode” der Ostblockstaaten sind jedoch fortan gleichsam “privat”.

04.02.2010

Ernst Moritz Arndt

von Helmut Höge

Die vorpommersche Universität Greifswald, 1456 gegründet, wurde 1933 von den Nazis in  Ernst-Moritz-Arndt-Universität umbenannt. Arndt war ein Publizist und Historiker, der in Greifswald eine zeitlang lehrte. Die “Zeit” schreibt: “Die Nazis liebten Arndt über alles, denn er war ein fanatischer Nationalist und hatte eifrig gegen alles gehetzt, was nicht ‘deutsch’ war. Auch gegen die Juden, dieses ‘Ungeziefer’, dieses ‘entartete und verdorbene Volk’, und das gefiel den Nazis noch besser. So wurden im ‘Dritten Reich’ neben der Greifswalder Uni einige Traditionsgymnasien nach Arndt umbenannt, wie in Bonn, Krefeld oder Remscheid. In Berlin-Zehlendorf gibt es sogar heute noch eine evangelische Kirche, die in der Nazizeit nach Arndt benannt wurde.”

2009 gründete sich in Greifswald eine studentische Initiative, die sich “Uni ohne Arndt” nannte. Sie wollte den Namen loswerden.

Kürzlich gaben 23 Prozent der rund 12.300 Köpfe zählenden Greifswalder Studentenschaft in der ersten Urabstimmung der Greifswalder Uni-Geschichte ihr Votum ab. 1216 Studierende antworteten mit ja, 1398 mit nein. Die “Zeit” schreibt: “Damit ist die studentische Initiative gescheitert, die gegen das Patronat protestiert und die in den vergangenen Monaten intensiv für ein Ja zur Abschaffung des umstrittenen Namens geworben hatte. Vor allem nach der massiven Kritik, die von Wissenschaftlern in zahlreichen Diskussionen und Expertenrunden bisher schon an der Namensgebung geäußert wurde, darf man sicher sein, dass die Debatte munter weitergeht. Jetzt ist der Senat am Zug, denn sich so wegzuducken wie bisher – das geht nicht mehr.”

Ich möchte demgegenüber noch einmal einen anderen Ernst Moritz Arndt vorstellen:

In Deutschland hat sich über die Jahrhunderte eine eigene Dialektik von Nationalismus, Patriotismus und Befreiungsbewegung entwickelt. Als Preußen nach dem Sieg Napoleons und dem Frieden von Tilsit unterzugehen drohte, nahmen seine Reformer - Stein, Hardenberg, Scharnhorst, Gneisenau  und Clausewitz  - sich ein Beispiel an den antinapoleonischen Volksaufständen in Spanien und Tirol - und arbeiteten einen eigenen Guerilla- d.h. Kleinkriegs-Plan aus. Flankiert wurden ihre Überlegungen, die sie teilweise in russischen Diensten vollendeten, von patriotisch gesinnten Dichtern wie Kleist, Körner und Arndt. Aber auch von einer Reihe preussischer Offiziere, die zur Beförderung der teutschen Freiheitsbewegung Freiwillige um sich scharrten - und sozusagen autonom gegen den Feind im Inneren kämpften: u.a. das Schillsche Korps, Lützows Jäger und schließlich General York, der 1812 für seine den Franzosen unterstellten preußischen Truppen einen Separatfrieden mit Rußland abschloß - die Konvention von Tauroggen. Wenn auch erst nachdem Napoleon in Moskau sozusagen ins Leere gesiegt hatte und sich auf dem Rückzug befand.

Wiewohl all diese theoretischen und praktischen Anstrengungen auf die Organisierung eines Aufstands gegen die Fremdherrschaft hinausliefen, waren sie doch zugleich von einer merkwürdigen Volksangst oder Massenfeindlichkeit beseelt. Das gilt schon für das Schillsche Freikorps: Es nimmt zwar auf seinen rechtselbischen Streifzügen die Begeisterung und Unterstützung der Bevölkerung dankbar an - und ruft sogar zur allgemeinen Erhebung auf, sorgt aber in den von ihm eingenommen Städten zugleich für die Einhaltung der obrigkeitlichen Ordnung und peinlichste Ruhe. An diesem Paradox scheitern alle Freikorps-Expeditionen. Und noch die russischen Kosaken-Regimenter können sich bei ihrem Einzug in Berlin 1813 nicht genug darüber wundern, daß die Bürger ihnen zwar zujubeln und sie mit Branntwein traktieren, aber den verhaßten Franzosen nicht mehr als scheele Blicke zuwerfen. Der in russischen Diensten stehende Oberst Tettenborn schreibt an den ebenfalls für den Zaren tätigen Freiherrn von Stein: “Die Damen haben uns am Besten empfangen; denn als ich in die Stadt sprengte, flogen mir aus allen Fenstern Schnupftücher entgegen; aber die Männer wollten nicht zuschlagen, und das war das Wichtigste”. Auf die Rufe der Kosaken “Franzos kaputt!” antwortete das Volk nur mit Hurra. Selbst die Bürgergarde hatte bloß die Aufgabe, “darüber zu wachen, daß die Einwohner sich nicht in das Gefecht mischen”.

Gut hundert Jahre später, als das preußische, nunmehr deutsche Heer erneut unterzugehen droht - nach dem Versailler Friedensvertrag und das Volk, namentlich die Soldaten- und Arbeitermassen wirklich einen Aufstand wagen - wieder beflügelt vom russischen Freiheitskampf, stehen die Freikorps, die diesmal wie Pilze aus dem demilitarisierten Boden schießen, sogar vollständig auf der anderen Seite. Das heißt sie kümmern sich in der Hauptsache um die Niederschlagung der sozialistischen Arbeiterrevolten - in München, im Vogtland, im Mansfeldischen, im Ruhrgebiet, in Berlin und in den Hafenstädten an der Küste. Wobei sie sich als die letzten deutschen Bollwerke gegen den internationalen Bolschewismus begreifen. Ihr Aktionsradius dehnt sich bis ins Baltikum. Ihre Sänger zählen bald zu hunderten; berühmt wurde Edwin Erich Dwinger, der erst auf Seiten der Weißen gegen die russische Revolution kämpfte, dann im Freikorps Mannsfeld und schließlich als Ideologe im Ostministerium. Aber auch der Marineoffizier Ehrhardt, der eine nach ihm benannte Brigade anführte, schrieb später die Guerilla-Konzepte der preußischen Reformer weiter und um - zu reinen Partisanenbekämpfungs-Abhandlungen. Schon 1920 beim Kapp-Putsch sangen seine Kämpfer das “Hakenkreuz am Stahlhelm”-Lied, in dem es heißt: “Arbeiter, Arbeiter, wie wird es dir ergehen…Die Brigade Ehrhardt schlägt alles kurz und klein/ Wehe dir, wehe dir, du Arbeiterschwein!”

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Special Forces - die SS-Einheiten - übrigens genauso uniformiert waren wie einst Lützows freiwillige Jäger: “schwarz mit blinkendem Totenkopf am Tschako”, fanden einige ihrer Sänger zum partisanischen Widerstand zurück: Ernst Jünger, und Rolf Schroers z.B.. Jedoch wieder gegen die Massen, denen man diesmal keine Erhebung (gegen den American Way of Life) mehr zutraut, weswegen die deutsche Revolte nunmehr nur noch eine geistig-individuelle sein könne, bei der man totale Vereinsamung riskiere. Der vormals faschistische Staatstheoretiker Carl Schmitt, der mit dem Aufkommen der maoistischen Partisanen bereits das Ende der Nationalkriege ahnte, kritisierte an diesem neudeutschen Einzelkämpfertum das “Unpolitische”:  Dann könne sich ja jeder Partisan nennen! Tatsächlich bezeichnete neulich Alexander Kluge schon fast alle intellektuellen Tätigkeiten als partisanisch und der Heiner Müller-Schüler Thomas Martin entdeckte sogar in jedem “Berliner” einen klammheimlichen Partisanen.

Für Carl Schmitt, dessen idealer Partisan kein Revolutionär, sondern eher ein Restaurateur ist,  war Johann Gottlieb Fichte der erste Philosoph des modernen Partisanentums, dem freilich auch schon ob seines antinapoleonistischen Furors eine gewisse völkische Borniertheit eigen war. Nicht nur in seinen “Reden an die deutsche Nation” hat Fichte den Widerstand gepredigt, und in seinem Entwurf eines “geschlossenen Handelsstaates” diesem ein gesamtgesellschaftliches Ziel vorangestellt, als einfacher Gemeiner reihte er sich 1813 auch in das entstehende Volksheer - den Landsturm - persönlich ein: Die Professoren der Universität Berlin, deren erster Rektor Fichte war, bildeten einen eigenen Trupp und exerzierten gemeinsam. Ein Zeitzeuge, Friedrich Köppen, berichtet: “der ideologisch tapfere Fichte erschien bis an die Zähne bewaffnet, zwei Pistolen im breiten Gürtel, einen Pallasch hinter sich herschleppend, in der Vorhalle seiner Wohnung lehnten Ritterlanze und Schild für sich und seinen Sohn”. Fichte war bereit, für die Freiheit zu sterben. Friedrich Köppen merkt dazu an: Mit dem Landsturmgesetz habe man zwar “die Höhe des Prinzips” erreicht, aber vom Erhabenen zum Lächerlichen sei es mitunter nur ein kleiner Schritt.

Wirklich ernst machten mit dieser Utopie erst die kommunistischen Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg: Jene Führungsriege aus “Moskauern”, Spanienkämpfern und KZ-Häftlingen, die den neuen Staat DDR schufen. Wenn man dem Nürnberger Marxisten Robert Kurz folgt, dann haben sie dabei nahezu den gesamten Fichteschen Plan eines “geschlossenen Handelsstaats” realisiert. Das reicht vom Recht und der Pflicht zur Arbeit in verstaatlichten Betrieben, über die Rohstoff-Substituierung und die Erziehung in Institutionen, angefangen mit der Kita, bis hin zur flächendeckenden Versorgung aller Bürger mit dem Lebensnotwendigsten. Wegen eines allgemeinen Ausreiseverbots darf lediglich die Wissenschaft dazu beitragen, den inneren Zusammenhang der Menschheit herzustellen. ” Die Sorge, daß jeder einzelne zur Entfaltung seiner Kräfte und zu einem menschenwürdigen Dasein gelange, überwiegt bei Fichte augenscheinlich die um die Freiheit seiner Bewegung,” schreibt der Philosophiehistoriker Rudolf Eucken.

Während Franz-Josef Strauß zu Zeiten studentenbewegter Partisanenverherrlichungen noch zu bedenken gab:  “Was nützt uns der schönste Sozialstaat, wenn die Kosaken kommen?!” verlächerlichte Robert Kurz nach der Wende rückblickend dieses ganze bolschewistische “Projekt” einer preußisch-etatistisch “nachgeholten Modernisierung”, in Sonderheit den historischen Irrläufer “DDR”. Seine  objektivistischen Analysen lassen jedoch die individuelle Freiheit, die Fichte in seiner Revolutionslehre begründet und dann im “geschlossenen Handelsstaat” aufgehoben hatte, unberücksichtigt, obwohl sie ihm mit seinem historisch-materialistischen und dialektisch geschulten Blick eigentlich vor Augen liegt. Die DDR ist nicht an zu viel “Kasernen”-Unfreiheit zugrunde gegangen, sondern an zu viel Freiheit - im Produktionsprozeß nämlich! In ihrem “geschlossenen Handelsstaat” blieb das Konkurrenzprinzip außen vor - und mußte deswegen - ganz im Sinne der Fichteschen Volkspädagogik - in Form eines “sozialistischen Wettbewerbs” immer wieder der Wirtschaft injiziert werden.

Zurück zu Ernst Moritz Arndt und dem deutschen Widerstand gegen Napoleon:

“…Wir waren in der Stimmung, einen guten Widerstand zu tun,” schrieb Neidhardt von Gneisenau am 7.1.1811 an seine Freundin, die Ministerin von Trützschler - nach einer Belagerungs-Abwehrschlacht gegen Napoleon. Es gibt über diese “Stimmung” ganz unterschiedliche Bilder in Ost und West - je nachdem, ob man sich Frankreich oder Russland zuneigt. Das geht bis hin zur Einschätzung der preußischen Reformer, u.a. Gneisenaus, und des von ihnen forcierten Volkskriegs. Besonders gilt dies für den Freiherr vom Stein, der in der BRD-Geschichtsschreibung als ein Gescheiterter gilt. Im Osten folgte man jedoch trotz Tolstois Geringschätzung der Rolle der “Deutschen” und ihrer “Legion” im vaterländischen Krieg eher Lenins Einschätzung, daß Stein und sein “Häuflein” Geschichte machten, “während die Massen der Arbeiter und Bauern (in Preußen) einen tiefen Schlaf schliefen” (Band II, Ausgew.W. S. 319f). Lenin konnte sich dabei auf Engels berufen, der 1841 unter Pseudonym im Hamburger “Telegraph” geschrieben hatte: “…daß wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveränes Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre” (d.h. der Befreiungskriege).

Nach dem Großen Vaterländischen Krieg, d.h. nach 1945, bestand der ostdeutsche Gloire jener Jahre aus Tolstois “Krieg und Frieden” projiziert auf preußisches Kernland, während man im Westen zunächst eher den Abklatsch davon - Fontanes fast ebenso langen Roman “Vor dem Sturm” - durchblätterte - und gelangweilt beiseite legte. Die Rechte hatte bereits in den Zwanziger- und Dreißigerjahren das preußische Heldentum bis in die untersten Schichten durchpropagiert. Nun wurde es den deutschen Historikern quasi von den Kommunisten aufgezwungen. Höhepunkt dieser Auseinandersetzung, das waren die frühen Fünfzigerjahre bis nach Stalins Tod, d.h. bis der Wiedervereinigungswille im Osten langsam erlosch.

1952 ging es richtig los - Walter Ulbricht forderte auf der 2.Parteikonferenz: “daß solche geschichtlichen Persönlichkeiten, die große Verdienste im Kampf um die Einheit Deutschlands haben, wie Scharnhorst, Fichte, Gneisenau, Jahn, in ihrer historischen Bedeutung dargestellt werden müssen”. Alle Kulturschaffenden mußten ran: An den Unis wurde bald die zu geringe Zahl der Examensarbeiten, die sich mit dem Volkswiderstand gegen Napoleon befassten, kritisiert. Selbst Groschenheftschreiber mußten sich noch mit “Lützow’s wilde verwegene Jagd” befassen - und z.B. für die “Heimabendreihe” der FDJ geeignet aufbereiten. Für die Reihe “Geschichte in der Schule” holte Jürgen Kuczynski seinen Vortrag “Scharnhorst - ein General des Fortschritts”, den er 1943 in London vor deutschen Emigranten, darunter Alfred Sohn-Rethel und Erich Fried, gehalten hatte, aus der Schublade. Schon nach wenigen Wochen konnte man geradezu von einer konzertierten Aktion sprechen: Im Neuen Deutschland und in der Täglichen Rundschau erschienen zeitgleich lange Aufsätze von Fritz Lange über den “Patrioten Gneisenau”, über die preußische Untergrundzeitung “Das Neue Deutschland (enthaltend größtentheils freimüthige Berichte zur Geschichte der Bedrückung)” sowie über das “Russisch-Deutsche Volksblatt”. Als diese Artikel wenig später zu einem Buch zusammengestellt wurden, wußte der Autor darin bereits zu berichten, daß sie “unsere Feinde in ein wahres Wutgeheul ausbrechen” ließen. Mit dem Feind waren “die Bonner” gemeint, die damals gerade dem westlichen Verteidigungsbündnis beigetreten waren - und damit nach Meinung der Kommunisten “Landesverrat” begangen hatten - fast genauso wie die deutschen Fürsten damals, die ein Bündnis mit Napoleon eingingen bzw. beibehielten - statt mit den Russen gegen den Feind der Völker zu kämpfen, wobei jetzt an die Stelle von Napoleon die Amis getreten waren.

Den westdeutschen Historikern war seit diesem Verratsvorwurf anscheinend daran gelegen, nicht nur die patriotisch-preußischen Reformer zu “relativieren”, sondern auch den russischen Befreiungsfeldzug so darzustellen, daß er einem Raubzug gegen die deutsche Zivilbevölkerung gleich kam, so daß diese es eher mit den gesitteteren Franzosen hielt - und deswegen ihre Fürsten bis hin zum preußischen König zu Recht zögerten, das Bündnis mit Napoleon aufzukündigen. Diese Position - der von Friedrich Engels diametral entgegengesetzt - kennzeichnet z.B. noch die Biographie “Freiherr vom Stein” von Franz Herre 1973. Hier wie dort wurde die Preußen-Rezeption direkt auf das Heute - des Kalten Krieges - hin ausgerichtet. Im Wintersemester 1952 hielt das SED-Politbüro-Mitglied Albert Norden einen Vortrag vor Studenten der Universität Leipzig, er endete mit den Worten: “Die jungen Deutschen von heute können entweder zu Landsknechten herabsinken und Deutschland den Dolch ins Herz stoßen oder sich am Willen und Handeln…(der preußischen Reformer)…begeistern und Deutschlands Einheit und Frieden erstreiten. Die Wahl dürfte nicht schwer sein….Beschwören wir die Schatten der Stein und Gneisenau, der Arndt und Fichte, der Scharnhorst und Clausewitz herauf.” Über letzteren hatte jedoch Stalin zuvor zu bedenken gegeben: “Man muß ihn heute natürlich einer kritischen Analyse unterziehen”. Dies galt z.B. auch für den Herausgeber des “Russisch-Deutschen Volksblattes” - Kotzebue, der sich später zu einem Metternich-Knecht wandelte, den man sich wohl so ähnlich wie einen neudeutschen Wendehals vorstellen muß, denn Fritz Lange schreibt: “Auch in Westberlin und Westdeutschland gibt es heute nicht wenige solcher Intellektueller wie Kotzebue, die vergessen lassen wollen, was sie früher einmal, als sie sich noch als Antifaschisten bezeichneten, gesagt und geschrieben haben…und nun zu…niederträchtigen, bestochenen Amiagenten degenerierten”.

Das ist sogar noch schlimmer als der traditionsbewußte Napoleonismus, denn - wie bereits Walter Ulbricht auf der 2.Parteikonferenz mit seiner Forderung nach einem wissenschaftlichen Studium der deutschen Geschichte (”für den Kampf um die nationale Einheit Deutschlands und für die Pflege aller großen Traditionen des deutschen Volkes”) angedeutet hatte: “die amerikanischen Okkupanten” sind besonders bestrebt, “die großen Leistungen unseres Volkes vergessen zu machen”. Im Vergleich mit dem durch und durch Weimarischen Curicculum des Reeducation-Programms der sowjetischen Kulturoffiziere in der SBZ mochte das durchaus angehen. 1977 sah man diese Befreiungs-Tradition im Westen bereits derart cool, daß der Westberliner Bürgermeister Stobbe, aber auch der SPD-Kanzler Schmidt eine große Preußen-Ausstellung als “Event” kurzerhand von der Festspiele GmbH durchführen lassen wollten. Eine Journalistin fragte daraufhin entsetzt, wie ein “Festspiel-Impressario” überhaupt dazu käme, sich der sensibelsten Gegenstände der deutschen Geschichte zu bemächtigen?! Das Ausstellungs-Team, das dann zustande kam, verkündete erst einmal - antiautoritär: Nicht Preußens “Glanz und Gloria”, sondern “Land und Leute” wolle man in den Mittelpunkt rücken.

Der Museologe Bodo-Michael Baumunk schrieb jüngst in der Berliner Zeitung über das Preußen-Event 1981: “Im Guten wie im Schlechten bestätigen die Ausstellungsautoren Goethes Diktum, produktiv könne mit einer Sache nur umgehen, wer nicht allzu viel von ihr verstehe”. Inzwischen hatte der Westberliner Nikolaus Sombart sich ausführlich über das Schwule als verbindendes Element im preußischen Militär ausgelassen, woraufhin die lokale Schwulenzeitung sich sofort in “Siegessäule” umbenannt hatte. Und ein anderer Westberliner Flaneur, Wolf-Jobst Siedler, unsere vermeintliche Trauer über den gänzlichen Verlust von Mitte mit einer hübschen Schwärmerei über das westliche Seengebiet zwischen Potsdam und Charlottenburg, wie man es von den Wannsee-Terrassen aus sieht, mehr als kompensiert: “Preußenes Arkadien”. Im Westen ließen daraufhin die Grünen die Havelchaussee für den Durchgangsverkehr sperren. Und im Osten ließ der Direktor des DDR-Parks auf der anderen - Potsdamer - Seite gerührt eine Lennésche Sichtschneise nach Westen hin wieder freilegen. Da diese jedoch mittlerweile durch Grenzgebiet ging, bekam er dafür einen schweren Rüffel von der Staatssicherheit.

Man sollte jedoch nicht denken, daß die Preußen-Ausstellung als Topevent 1981 gar keine aktuellen politischen Ambitionen mehr hatte. So mußte z.B. das Beirats-Mitglied Golo Mann ausscheiden, nachdem er sich öffentlich für “Geiselrepressalien an inhaftierten RAF-Gefangenen” ausgesprochen hatte - als angemessene Reaktion des westdeutschen Staates auf den Terrorismus. 1. Erinnerte das fatal an die Repressalien der Wehrmacht gegenüber der Zivilbevölkerung - wenn sie von Partisanen angegriffen wurde; 2. Erinnerte es an die Nazi-Sippenhaft bei den letzten (?) preußischen Terroristen, die am 20. Juli 1944 Adolf Hitler umbringen wollten und 3. War ja seinerzeit gerade der preußische Staat durch partisanischen Terrorismus, Freischärlertum und mutigen Volkswiderstand wiederauferstanden. Golo Mann hatte mit seinem Rache-Vorschlag also durchaus nicht das Thema aus dem Blick verloren. Die Ausstellungsmacher wollten jedoch eher das Gegenteil: “Als gelte es noch immer, die Gefahren des Militarismus zu bannen, verflüchtigte sich die preußische Armee, Rückrat des Staates bis 1918….im weiteren Fortgang der Ausstellung gleichsam zwischen den Zeilen,” schreibt Baumunk. Ihr Publikumserfolg veranlaßte die Verlage, sofort hunderte von Preußen-Titel aufzulegen. Erst mit der Wiedervereinigung war es damit vorbei - fast so wie es seinerzeit bereits auf der 2.Parteikonferenz der SED angedacht worden war. Nun haben wir aber stattdessen einige neue um Identität verlegene Bundesländer - und das Preußen-Jahr 2001. Dazu ein neues Historisches Museum in Potsdam, zu dessen Beirats-Mitgliedern diesmal Julius Schoeps zählte. Während er darin “vor allem einen Gedächtnisort für den 1947 verschwundenen Staat in seiner gesamten Erstreckung von Neuchatel bis Insterburg” sieht, drängte der Ministerpräsident des allerpreußischsten Kernlandes Stolpe darauf, aus dem Thema “eine pädagogische Aufgabe, ein Stärkungsmittel für sein identitätsschwaches Bundesland und daher eine brandenburgische Heimatkunde” zu machen. Zuvor hatten sich eine Reihe jüngerer westdeutscher Wissenschaftler, mehrheitlich wohl Wehrdienstverweigerer, erneut mit dem antinapoleonischen Volkswiderstand in Preußen beschäftigt, und waren dabei in Anlehnung an die Zivilisationstheorie von Norbert Elias zu dem Schluß gekommen, daß bei der Enthegung des Krieges durch Elemente von Partisanentum ein Prozeß der Dezivilisierung eingeleitet wurde und werde. Besonders an der “Hermannschlacht” des “Psychopathen” Heinrich von Kleist ließ sich das wieder Barbarisch-Werden des Volkes im Widerstand klar herausarbeiten. Und 1999 noch einmal auf einer Konferenz über “Die Wiedergeburt des Krieges aus dem Geist der Revolution”, deren Ergebnisse dann Kunisch und Münkler veröffentlichten. Inzwischen war weltweit die Unterscheidung der nicht mehr von Osten bzw. vom Westen unterstützten Guerilla in progressive und reaktionäre fragwürdig geworden, während in Mitteleuropa neue nationalistische Bewegungen aufgekommen waren.  Hierzulande könnte man über sie auch mit den Worten Walter Ulbrichts auf der 2.Parteikonferenz urteilen: “Das patriotische Bewußtsein, der Stolz auf die großen Traditionen unseres Volkes beginnen sich zu entwickeln”. Der auch von der SED geschätzte Historiker Franz Mehring nannte die Befreiungskriege bereits 1891 “zwiespältig”. So war auch immer das Verhältnis zu Rußland - seit damals. Weswegen alle Preußen-Bearbeitungen - wenigstens im Osten - das von Otto Grotewohl 1952 gewiesene Ziel verfolgen sollten, das die KPD schon in den Dreißigerjahren anstrebte, wenn auch laut Alfred Sohn-Rethel nicht mit der genügenden Überzeugungskraft: “Deutschland muß mit der Sowjetunion in unverbrüchlicher Freundschaft leben, damit das Blutvergießen in Europa …unmöglich gemacht wird”. Während man im Osten diese Freundschaft durch Rückgriff auf die einstige antinapoleonische Allianz historisch zu festigen suchte, wurde im Westen der Iwan jedoch eher als ewig unberechenbar angesehen, und nach Auflösung der DDR aus der UDSSR blitzschnell die Russenmafia: Wladimir Kaminer berichtet, daß bis jetzt noch jeder deutsche Journalist ihn als erstes danach gefragt habe. Der Angstgegner der napoleonischen Truppen lebte noch zu Zeiten von Franz-Josef-Strauß derart, daß er einigen linken Kritikern einmal entgegnete: “Was nützt uns der schönste Sozialstaat, wenn die Kosaken kommen?!” Dabei waren in Wahrheit stets die Deutschen in Rußland eingefallen. Der alte Erbe-Streit geht unterdes  munter weiter: in Potsdam sah sich nach Übernahme des Kulturministeriums durch den CDUler Hackel “der Kreis um Schoeps nach einer finalen Anhörungsfarce vor die Tür gesetzt,”  laut Baumunk. Und Preußen wurde doch “wieder chic”, wie Hans-Ulrich Wehler beizeiten bereits befürchtet hatte, d.h. nicht immer, aber immer öfter bezogen z.B. die nach Potsdam gezogenen Prominenten aus Mode und Moderation, aber auch die Bremer Hohenzollern selbst, bei ihren Party-Events die alten preußischen Arkaden und Teepavillons mit ein. Was für die klamme Stiftung Preußischer Kulturbesitz eine neue Art von Sponsoring bedeutet, signalisierte den drumherum wohnenden Ostlern jedoch bereits wieder alte Junker- und Adelsunverfrorenheit. Der ehemalige Potsdamer Pädagogik-Professor Kurt Finker zog gegen die Feiern am 20.Juli in Berlin zu Felde. Im Neuen Deutschland nannte er das Stauffenberg-Attentat einen “Widerstand nach Gutsherrenart”, der in seiner Borniertheit nichts mit dem “Aufstand des preußischen Geistes” zu tun habe. Die westdeutschen Historiker hatten wie gesagt meist auf die Borniertheit des alten preußischen Widerstands abgehoben - und dafür auch viele gute Belege gefunden.

Der DDR-Dramatiker Heiner Müller hatte später sogar noch einen drauf gesetzt, als er meinte, daß es noch “typisch preußisch” gewesen sei, ausgerechnet einen Einarmigen mit dem Attentat auf Hitler zu beauftragen. Die FAZ reagierte auf Finkers Stauffenberg-Herabsetzung nun jedoch noch fieser, indem sie 1. seine Stasi-Spitzeltätigkeit ausbreitete: Ausgerechnet unter dem Decknamen “Baron” schlich sich der ehemalige Hitlerjunge und nunmehrige DDR-20.Juli-Forscher in der Bundesrepublik bei den “Hinterbliebenen des Kreises um Stauffenberg” ein; 2. paßte er seine Stauffenberg-Thesen immer wieder “dem Wandel des politischen Zeitgeschehens” an - bis dahin daß er die Widerständler ab 1981 als “eine Art Koalition der Vernunft” bezeichnete; 3. Habe Finker 1985 in Passau die Verbrechen des Stalinismus “dreist verharmlost”; und 4. Müsse alles getan werden, damit die PDS nicht in das Berliner Rathaus einziehe - denn deren Politik würde das endgültige Aus für den preußischen Widerstandsgeist bedeuten - oder so ähnlich. Man merkt der FAZ an, daß sie in einem Anfall von postwiedervereinigter Euphorie ihren antikommunistischsten Historikern ein Schreibverbot verpaßt hatte: gegen Ende des Artikels wird alles unklar. Das war früher genau umgekehrt. Trotzdem noch einmal Gneisenau - am 17.10.1813 an seine Frau: “Gestern hatten wir ein sehr schönes Gefecht, mit unserer Kavallerie, wo wir dem Feinde Kanonen abnahmen und ihn in die Vorstädte von Leipzig zurückwarfen”. Der inzwischen verstorbene DDR-Dramatiker Heiner Müller war im Gegensatz zur FAZ, die auf ihren Berliner Seiten eher den Spaßjournalismus forcierte, davon überzeugt: “Erst mit der Vereinigung ist in Deutschland wieder Klassenkampf möglich”, einige preußische Reformer sahen das bereits ganz ähnlich, doch als es dann so weit war, machten sie ihren Frieden mit der Restauration. Und bekümmerten sich höchstens noch ein bißchen um “Beutekunst” (in Paris).

04.02.2010

“Schafft zwei, drei viele Vietnam!”/ Erich Wulff

von Helmut Höge

Am 31. Januar starb Erich Wulff. Der 1926 in Tallin geborene Psychiater wurde nach dem Krieg vom Existentialismus beeinflußt:

“Früh zog es ihn auch nach Paris, wo er in die Atmosphäre des linken, engagierten Existentialismus eintauchte, die sich um Sartre, André Gorz und die Zeitschrift ‘Les Temps Modernes’ gebildet hatte. Das hatte praktische Folgen für sein Leben. Er ging 1961 nach Vietnam, wo er einen Lehrauftrag an der Universität von Hué wahrnahm und Gründungsdirektor der dortigen psychiatrischen Klinik wurde,” schreibt die FAZ heute in ihrem Nachruf auf ihn.

Durch seine Kontakte mit dem Westberliner “Argument”-Arbeitskreis um das Ehepaar Haug kam es in deren Verlag zur Publikation seiner “Vietnamesischen Lehrjahre”, die unter dem Pseudonym Georg W. Alsheimer erscheinen. Das war noch während des Vietnahm-Krieges - seine “Lehrjahre” wurden eines der wichtigsten Bücher in der Auseinandersetzung um diesen Krieg. Erich Wulff engagierte sich auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland noch weiter für den gegen die Amis kämpfenden Vietkong.

Dazu hier ein Text, den ich vor einiger Zeit auf dem “Vietnam-Kongreß” der Ostberliner Volksbühne hielt:

“Schafft zwei, drei, viele Vietnam!”

Als ich gerade in meiner Funktion als taz-Hausmeister den Keller ausmistete und mich dabei ein Volontär ansprach, der etwas von mir wollte (eine Dienstleistung), lag es mir auf der Zunge zu sagen “Ich bin gerade im Stress”. Das Wort Stress kam mir jedoch nicht über die Lippen - aus moralischen Gründen. Es ist ein rechtes Scheißwort. Der Volontär half mir jedoch aus der Patsche, indem er abwinkte und sagte: “Ich seh schon, du bist gerade im Stress.” Wenn ich nicht irre, haben wir dieses Wort den Vietnam-Vetranen zu verdanken. Kann sich jemand vorstellen, dass ein Vietkong-Veteran, von denen es in Berlin nicht gerade wenige gibt, jemals sagen würde: “Die Amis haben uns gestresst!”?

Als die US-Soldaten nach dem Vietnamkrieg nach Hause kamen, wurden sie von der kriegsmüden und in der Haltung zum Krieg gespaltenen Bevölkerung nicht gerade freudig empfangen. Sie organisierten sich und gründeten die gewerkschaftsähnliche  Organisation der Vietnam Veterans. Mit ihrer Lobbyarbeit gelang ihnen 1980 die Anerkennung und damit Etablierung der PTSD “Post-Traumatic-Stress-Disorder”  (posttraumatischen Belastungsstörung) durch die “American Psychiatric Association”. “Die PTSD-Diagnose bedeutete eine Würdigung ihrer psychologischen Leiden,” schreibt die Soziologin Eva Illuoz. Von den Vietnam-Vets aus wurde “das PTSD dann auf immer mehr Vorkommnisse und Fälle ausgeweitet, etwa auf Vergewaltigung, terroristische Angriffe, Unfälle, Verbrechen etc..” Inzwischen sind wir mehr oder weniger und im Zweifelsfall alle gestresst. Der Stress der Vietnam-Vets ist ein Vorläufer der Kriegsneurose, genauer gesagt: ein Nachläufer. PTSD ist die Verlängerung der Kriegsneurose in den Frieden. Sie wird seit dem Ersten Weltkrieg systematisch erforscht und klassifiziert, vorher gab es nur Simulanten.

Dem gegenüber steht die Partisanenkrankheit, die aber auch erst im Frieden ausbricht. Schon gleich nach dem (gewonnenen) Partisanenkrieg in Jugoslawien wurden Spezialkliniken zur Erforschung und Therapie dieser neuen Krankheit, die alle jugoslawischen Partisanen bis auf die slowenischen befallen konnte, eingerichtet. Etliche  wissenschaftliche Symposien befaßten sich damit. Der erste, der im deutschen Sprachraum darüber publizierte, war 1948 der slowenische Psychoanayltiker Paul Parin, der zuvor selbst als Arzt bei den Titopartisanen gekämpft hatte. Mit dem heute in der Schweiz lebenden Parin kann man vielleicht sagen: Wenn die  Kriegsneurose ausdrückt, nicht mehr zu kämpfen zu wollen, dann bedeutet die Partisanenkrankheit, nicht mit dem Kämpfen aufhören zu können. (1) Beim PTSD wie auch bei der Partisanenkrankheit ging es in  Friedenszeiten nicht zuletzt auch um die Rente - insofern war ihre offizielle Anerkennung als Leiden notwendig. Anders gesagt: “Die Klassifizierung von Pathologien entsprang der Tatsache, dass die mentale Gesundheit aufs engste mit der Versicherungsdeckung verknüpft wurde.” (Eva Illouz)

Das ist noch nicht lange so. Partisanen hat es dagegen schon immer gegeben, so lange wie es Volkskriege und -aufstände gegen innere oder äußere Bedrückungen gab. Und meistens standen sie in einem Zusammenhang mit der Landbevölkerung. Es gibt inzwischen sogar Partisanentheoretiker, wie den BBC-Programmchef Steward Hood, die meinen, dass nunmehr, mit dem Verschwinden der Bauern auch kein Partisanenkampf mehr möglich ist.  Sogar Deutschland hat eine ruhmreiche Partisanentradition. Erinnert sei an die germanische  Guerilla unter der Führung von Hermann dem Cherusker gegen die römischen Okkupanten unter Varus - 9 nach Christus. Varus hatte zuvor den jüdischen Aufstand in Palästina niedergeschlagen. Nach ihrer dritten Niederlage versuchten die Römer nie wieder, Germanien zu erobern. Hier konnten dann die Friesen am Längsten ihre Unabhängigkeit bewahren, indem sie alle Adelsheere schlugen.

Unter partisanischen Gesichtspunkten sind daneben vor allem die Hussitenkriege, ausgehend von der tschechischen Stadt Tabor, wichtig - 1419-1436. Mehrmals schlugen diese Bauernhaufen ein Kreuzritterheer. Ihrem Anführer Jan Ziska errichtete man später in Prag das größte Reiterdenkmal der Welt. Die protestantischen Hussiten waren wiederum Vorläufer und Vorbild für den deutschen Bauernkrieg 100 Jahre später - unter der Führung von Thomas Müntzer und Martin Luther, die sich jedoch bald gegenseitig bekämpften. Die Niederlage der Bauern in der Schlacht bei Frankenhausen 1525 wirkt bis heute nach - was die politische Einstellung der deutschen Bauern betrifft - und wahrscheinlich überhaupt die relative Unfähigkeit der Deutschen zum Widerstand. Die DDR ließ in Frankenhausen in den Siebzigerjahren ein Bauernkriegsdenkmal errichten: ein Rundbau mit dem größten Panoramabild der Welt - von Werner Tübke. Obwohl es spätestens seit dem “Jüdischen Krieg” gegen die Truppen des Varus eine Stadtguerilla gibt, blieben die meisten Partisanenkämpfe mit dem Bauerntum verbunden.

Ab 1808 bildete sich ausgehend vom Widerstand gegen Napoleon in Spanien und in Tirol langsam eine Partisanentheorie heraus. Sie wurde von den preußischen Reformern in Angriff genommen, die damit den Partisanenkampf gegen Napoleon in Deutschland befördern wollten. Genannt seien der Freiherr vom Stein, sowie Hardenberg, Scharnhorst und die Militärs Gneisenau und Clausewitz. Weil der preußische König zögerte, den “Volkssturm” von oben zu entfesseln, traten einige dieser Adligen in russische Dienste. Von dort aus kam es dann ebenfalls zum Partisanenkrieg gegen Napoleon, nachdem dieser Moskau eingenommen hatte. Einer der herausragenden Partisanenführer war der Dichter Denis Dawydow, auch in Deutschland gab es solche Partisanendichter - Ernst Moritz Arndt und Theodor Körner z.B.. Berühmt wurde  Heinrich von Kleist - vor allem mit seinem Drama: “Die Hermannschlacht”, das er als Agitationsstück zur Aufnahme des  Guerillakampfs gegen die französische Besatzungsmacht verstand, wie Wolf Kittler es 1987 in seiner Kleiststudie “Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie” detailliert nachwies, der Hermannschlachtforscher Phil Hill würde dagegen umgekehrt bei Kleist von einer Geburt der Partisanenpoesie aus dem Geist des gemanischen Widerstands gegen Rom sprechen. Der partisanische Widerstand in Preußen litt, da er zunächst von Offizieren und Adligen begonnen wurde, unter deren eingefleischten Soldatentum, d.h. als Partisanen- oder Freischarführer tendierten sie dazu, sich den napoleonischen Truppen heldenhaft im offenen Kampf zu stellen, Attacken zu reiten und sich bei  Rückzügen zu verschanzen - anstatt sich in Sümpfen und Wäldern zu verstecken und von dort aus Überfälle zu wagen.

Dieses “Umdenken” fiel auch später noch den Militärs schwer - bis hin zu den Bolschewiki. In der Revolution von 1905 forderte Lenin, der die Schriften von Clausewitz und Gneisenau gründlich studiert hatte, zwar von seiner Partei, sich an die Spitze der Partisanen zu stellen, aber 1917, als überall in Russland quasi von selbst Partisanengruppen entstanden, um die Weißen und die ausländischen Interventen zu bekämpfen, drang er darauf, sich vom Partisanenkampf zu verabschieden und diese chaotischen Gruppen in die neue disziplinierte Rote Armee einzugliedern. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch einmal einige deutsche Partisanentheoretiker: den Schriftsteller Ernst Jünger, den Gründer der Künstlersozialversicherung Rolf Schroers und den faschistischen Staatstheoretiker Carl Schmitt. Letzterer meinte, dass die Bolschewiki das Partisanentum im Gegensatz zu den Chinesen noch relativ schwach entwickelt hätten. Bei Mao Tse Tung, der von einem “lang andauernden Krieg” ausging, gibt es fast eine Gleichgewichtung des partisanischen und des soldatischen Kampfes. Es kam 1949 tatsächlich auch zu einem “Sieg im Volkskrieg”, dieser dauerte alles in allem 22 Jahre. Anfänglich gab es noch, beeinflußt von den sowjetischen Beratern und deren marxistische Einschätzung des Proletariats als einzige revolutionäre Klasse, eine tragische Fixierung auf Städte und Fabrikarbeiter, deren Aufstände dann allesamt scheiterten. Die Sowjets tendierten sowieso dazu, die Bauern insgesamt gering zu schätzen und als verkleinbürgerlicht abzutun bzw. mit der Kollektivierung abzuschaffen, dieses Vorgehen stand insbesondere in Russland im Gegensatz zu Marx, der einst die Entwicklung des Bauerntums von den Germanen bis zur russischen Dorfgemeinschaft (Obschtschina) studiert hatte - und dabei zu dem Resultat gekommen war, dass die Obschtschina mit ihrem Gemeinschaftseigentum den Kapitalismus quasi überspringen könne…

Ausgehend von den Niederlagen in Shanghai und Kanton 1927, aber auch von den zuvor gescheiterten Aufständen in Reval und Hamburg, machte man sich in der Moskauer Komintern 1928 an die Zusammenstellung eines Lehrbuchs für den Aufstand (es wurde im Zusammenhang der Studentenbewegung 1971 auf Deutsch veröffentlicht). Neben einigen Altbolschewiki und dem General der Roten Armee Tuchatschewski arbeitete auch der deutsche Revolutionär Erich Wollenberg sowie Ho Chi Minh daran mit. Letzterer galt unter den Bolschewiki als ein “Bauernträumer”, sein Text in dem Aufstands-Handbuch, “Die Arbeit unter der Bauernschaft” betitelt, beginnt mit dem Satz: “Der Sieg der proletarischen Revolution in Agrar- und Halbagrarländern ist undenkbar ohne aktive Unterstützung durch die ausschlaggebenden Massen der Bauernschaft”. Auch das Scheitern der städtischen Aufstände in China führte Ho Chi Minh darauf zurück, dass es z.B. “in den an Kanton grenzenden Gebieten keine starke revolutionäre Bauernbewegung gab”. Und eine der “Hauptvoraussetzungen für einen dauernden Erfolg des Vorgehens bäuerlicher Partisanen” ist laut Ho Chi Minh “ihre unzertrennliche, lebendige Verbindung mit den breiten Bauernmassen”.

Für die Parteipropaganda bedeutet dies, das sie sofort die Forderungen der Bauern aufgreift: also  Landreform, d.h. Neuverteilung des Bodens an die Armen, Vertreibung oder Ermordung der wüstesten Handlanger der Regierung in den Dörfern und Enteignung der Großgrundbesitzer, zumindest der verhassten und derjenigen, die nicht an der Seite der Bauern kämpfen wollten.

Für die organistorische Arbeit auf dem Land geht es darum, eine “einfache und den breiten Massen ebenso verständliche wie geläufige Struktur” zu finden. Diese beginnt mit dem Aufbau eines “Selbstschutzes” - also einer  Bauernmiliz, die mit ihren Waffen (Sensen, Messer, selbstgebaute Granaten  usw.) versucht, das Dorf im gegebenen Falle gegen feindliche Überfälle und vor  Plünderungen zu schützen, wobei sie u.a. Fallen und Verstecke anlegt. Als nächstes gilt es, “Partisanenabteilungen nach dem Territorialprinzip” zu bilden, die im Untergrund arbeiten und Überfälle planen, um dem Gegner z.B. Waffen abzunehmen. Miliz und dörfliche bzw. territoriale Widerstandsgruppen sind während der Aussaat und zur Erntezeit noch Halbzeit- oder Mondscheinpartisanen, d.h. sie sind auch noch als Bauern tätig, je nach Stand der Auseinandersetzungen primär oder nebenbei. Mit der Verschärfung des Klassenkampfes und dem Umschlagen desselben in den offenen Bürgerkrieg müssen die Partisanenzellen laut Ho Chi Minh “zu Abteilungen verschiedener Stärke und nach Gebieten zusammengefaßt werden”. Gleichzeitig muß ihre politische Schulung forciert werden, damit sie ihrer Rolle als “Avantgarde” der Bauern gerecht werden können. Um eine reguläre Armee in offener Stellung angreifen zu können bedarf es schließlich der Zusammenfassung der Partisanenabteilungen zu einer “Bauernarmee”.

Dieses dreiteilige Entwicklungsschema der Bewegung, wiewohl es so oder so ähnlich für viele Partisanenkriege gilt (z.B. für die Titopartisanen im Zweiten Weltkrieg oder für Budjonnys Kosakenpartisanen im russischen Bürgerkrieg, aus denen dann die berühmte “Reiterarmee” hervorging), verbirgt ein Problem, das man als Umschlag von der Qualität in die Quantität bezeichnen könnte: Die widerständigen Bauern kompensieren ihre mangelnde Bewaffnung durch List und Tücke sowie durch  genaue Kenntnis ihres Territoriums, auf dem sie zu Hause sind - das sozusagen auf ihrer Seite ist und mitkämpft. Dazu gehören auch ihre Tiere, die wilden wie die zahmen, sowie die Pflanzen und Bäume.

Sobald die Partisanengruppen jedoch in die Befreiungsarmee eingereiht werden, unterstehen sie einem Oberkommando, das sie gemäß den Anforderungen der Front mal hier und mal dort einsetzt - auf unbekanntem Territorium. Und ihre Partisanenführer finden sich plötzlich im Hauptquartier bzw. in Stäben wieder, wo sie Entscheidungen nicht mehr aufgrund ihrer Ortskenntnis treffen, sondern auf der Basis eingehender Informationen und anhand von Landkarten, was ganz andere Fähigkeiten verlangt.

In der Sowjetunion gab es im Zweiten Weltkrieg die größten Partisaneneinheiten und von ihnen befreite Gebiete in Weissrussland. Dort entstand später dann auch eine Literatur, vor allem von Ales Adamowitsch und Wassil Bykau, die sich fast ausschließlich mit dem Partisanenkampf befaßte, weil der Einzelne dabei noch moralische Entscheidungen treffen kann und muß, während er in der Armee nur noch ein Rädchen im Getriebe einer gigantischen Militärmaschinerie ist, auch wenn er weiterhin Teilnehmer an einem “gerechten Krieg” bleibt. Diese daraus entstandene Literatur kann man als “sozialistischen Existentialismus” bezeichnen. In Frankreich entstand aus dem Partisanenkampf gegen die Deutschen zur selben Zeit explizit ein “Existentialismus”, er ist mit den Résistancekämpfern Sartre und Camus verknüpft. In Italien sprach man von Neoverismus oder Neorealismus, der dann vor allem durch Filme - u.a. von Rossellini - berühmt wurde. Das erste neorealistische Manifest wurde bereits 1943 in einer Partisanenzeitschrift veröffentlicht.

Dieser kulturelle Ausfluß des Partisanenkampfes wirkte noch bis in die westeuropäische Studentenbewegung hinein. Einen Monat nach der so genannten Tet-Offensive der südvietnamesischen Befreiungsbewegung fand in Westberlin im Februar 1968 der “internationale Vietnamkongreß” statt. Dabei wurde insbesondere eine Parole des vier Monate zuvor ermordeten Partisanenführers Ché Guevara diskutiert: “Schafft zwei, drei, viele Vietnam!”. Die laut Oskar Negt bloß “abstrakte Gegenwart der Dritten Welt in den Metropolen” geriet in einigen Redebeiträgen zu einer immer größeren Annäherung zwischen Saigon und Berlin: indem die Straßenkämpfe hier immer militanter wurden, indem man statt Geld für Medikamente nun “Waffen für Vietnam” sammelte und indem sich mit den Worten von Rudi Dutschke bei den Aktivisten langsam das Gefühl verdichtete: “In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase”.

In den Jahren davor litt man hier geradezu an der allzu “abstrakten Gegenwart” des vietnamesischen Widerstands: 1968 veröffentlichte der Psychiater Erich Wulff  das Buch “Vietnamesische Lehrjahre”, in dem er über seine Arbeit als Arzt in Hué von 1964 bis 1967 berichtete. Zwischendurch mußte er nach Deutschland zurück kehren und wieder in einer Freiburger Ambulanz arbeiten, wo ihn die Beschäftigung mit den psychischen Leiden der Mittelschicht jedoch bald anödete: “In Vietnam hatte ich Krankheit als gewaltsamen Einbruch ins Studium, ins Arbeits- und Privatleben kennengelernt; der Arzt reparierte sie, wenn er konnte…Die Lebensumstände, in die der Entlassene zurückkehrte, waren oft empörend; aber der Arzt konnte dennoch das Gefühl haben, etwas geschafft zu haben, etwas Wirkliches; auch hatte die Überlegung Sinn, wie die Verhältnisse, die ständig Krankheit verursachten, sich ändern ließen. Die Änderung war nicht bloß denkbar, sondern es wurde im Land um sie gekämpft. Ein vielfältiger Prozeß der Veränderung nahm einen auf, bot Möglichkeiten des Eingreifens. Auch in persönlichen Freundschaften war solche Wirklichkeit greifbar: was mich mit Tuan, Mien u.a. verbunden hatte, beruhte vorrangig auf gemeinsame Stellungnahme zu den Ereignissen, war in seinem Kern Politik, Engagement für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Unsere Freundschaften waren niemals in der Fadheit des bloß Privaten eingeschlossen. Sie waren sozusagen in einem pathetischen Sinne republikanisch. In Vietnam hatte mich gesellschaftliche Wirklichkeit bis in die sogenannte Intimsphäre hinein betroffen und herausgefordert.”

Diese gesellschaftliche Veränderung bis in die Beziehungen hinein vermißte Wulff im allzu friedlichen  Freiburg, so daß er bald wieder zurück nach Vietnam ging. Auf dem Vietnamkongreß in Westberlin resultierte daraus u.a. für den  Schriftsteller Peter Weiß die Forderung: “Unsere Ansichten müssen praktisch werden, unser Handeln wirksam. Dieses Handeln muß zur Sabotage führen, wo immer sie möglich ist. Dies fordert persönliche Entscheidungen. Dies verändert unser privates, individuelles Leben.” - Bis schließlich eine gemeinsame “Front” entsteht.

Die internationale Studentenbewegung mußte dabei einen ähnlichen Weg wie die südvietnamesischen Partisanen vollziehen. So erzählte z.B. Quyet Thang, ein Bauer, der erst Partisanenführer in der Provinz Tay Ninh wurde und dann Regimentskommandeur der regulären Truppen der Befreiungsarmee: “Bis Ende 1959 wurde unsere ‘Linie’ ausschließlich vom Gedanken eines legalen, politischen Kampfes ohne Gewalt bestimmt”. Aber die südvietnamesischen Truppen terrorisierten die Dörfler dermaßen, dass sie irgendwann vor der Entscheidung standen: “Aufstand oder Tod”. Anfang  1960 unternahmen sie ihre erste “Selbstverteidigungsaktion”: mit einem alten Gewehr,  mehreren selbstgebastelten Minen aus Bambusrohre, die sie mit Karbid und Wasser füllten, und einigen Megaphonen überfielen sie nachts einen kleinen Militärstützpunkt der Regierung, nachdem die Frauen auf dem Markt das Gerücht verbreitet hatten, starke Vietkong-Einheiten seien mit schweren Waffen in der Nähe ihres Dorfes gesehen worden. Das gezielt ausgestreute Gerücht im Dienste des Befreiungskampfes kennt man auch aus Weissrussland: Wenn dort ein Partisan durchs Dorf kam, erzählten  die Bäuerinnen den Deutschen, es seien tausende gewesen, und wenn es tausende waren, sagten sie, es wären nur zwei, drei gewesen.  Im Stützpunkt Phu My Hung funktionierte das Gerücht so gut, dass die Soldaten dort völlig eingeschüchtert waren und beim Angriff keinen einzigen Schuß abgaben. Zur Warnung an die anderen erschossen die Partisanen einen besonders brutalen Distriktchef. Das hatte laut Quyet Tang eine durchschlagende Wirkung: “In allen umliegenden Dörfern stellten sie ihr Treiben ein, und der schlimmste Terror hatte beinahe über Nacht ein Ende gefunden.” Damit war die Linie der Gewaltlosigkeit verlassen.

Als nächstes bereitete sich diese Partisanengruppe darauf vor, das Fort Tua Hai, in dem 2000 Soldaten stationiert waren, anzugreifen, vor allem um sich dort Waffen zu beschaffen. Für diese Aktion  bekamen sie bereits 260 vor allem junge Kämpfer zusammen, die mit insgesamt 170 alten  Gewehren und etlichen selbstgebauten Granaten ausgerüstet wurden. Zum Abtransport der Beute wurden 500 Bauern aus entfernt gelegenen Dörfern mobilisiert. Außerdem hatten sie Flugblätter vorbereitet, die mit “Die Selbstverteidigungskräfte des Volkes” unterschrieben waren. Der Überfall gelang und die Partisanen erbeuteten 1000 z.T. automatische Waffen, außerdem schlossen sich ihnen etliche Soldaten an, die beim Wegtragen der Beute halfen. Zehn Kämpfer fanden bei dieser Aktion den Tod, zwölf wurden verwundet. Auf ähnliche Weise wurden in der Folgezeit dann viele Aktionen durchgeführt. Aber Ende 1961 griffen die USA, unter anderem mit Hubschraubern, in die Kämpfe ein - und es mußten andere Taktiken entwickelt werden.

Den Bericht von Quyet Thang habe ich dem Buch “Partisanen contra Generale” von Wilfred G. Burchett entnommen, ein australischer Journalist, der ab 1964  Südvietnam bereiste, sein Buch erschien 1967 im Verlag Volk und Welt. Die DDR bildete mit der UDSSR und China eine immer stärkere “Anlehnungsmacht” für die Nordvietnamesen und die südvietnamesische Befreiungsbewegung - und unternahm enorme Anstrengungen, um sie zu unterstützen. Dazu erschien kürzlich ein Buch von zwei ADN- und N.D.-Korrespondenten in Hanoi zwischen  1967 bis 1970: “Sieg in Saigon”.  Die Autoren Irene und Gerhard Feldbauer reden dabei von einer geglückten sozialistischen Wiedervereinigung in Vietnam, die sie in gewisser Weise einer unglücklichen kapitalistischen in Deutschland gegenüberstellen. Dem sozialistischen Block als Anlehnungsmacht traten die USA und u.a. die BRD als Bündnispartner der südvietnamesischen  Regierung entgegen. Zuletzt kämpften die Amerikaner jedoch fast alleine gegen den Norden und den Vietkong. Die Guerilla wurde währenddessen mit dem südvietnamesischen Volk fast identisch. Anfänglich war es noch laut Mao Tse Tung darum gegangen, dass der Revolutionär  sich in den Volksmassen wie ein Fisch im Wasser bewegen müsse. Die amerikanischen Militärstrategen blieben in diesem Bild und versuchten, “den Teich auszutrocknen, um die Fische darin zu fangen”.

Dazu griffen sie u.a. auf die im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen in Russland erprobten  Maßnahmen zurück: auf Wehrdörfer, Tote Zonen, Verbrannte Erde-Aktionen und auf die Rekrutierung z.B. von partisanengeschulten Kosaken, die nun als Partisanenbekämpfungs-Truppen eingesetzt wurden (u.a. die Green Berets).  Bald war auch für sie jeder Vietnamese ein Vietkong, was in gewisser Weise sogar eine Erleichterung darstellte, weil es die quälende Unsicherheit der Soldaten im Einsatz beseitigte, wie der amerikanische  Autor Jonathan Neale in seinem 2004 veröffentlichten Buch über “Den amerikanischen Krieg in Vietnam” meint: Wen immer die Soldaten töteten - es war der richtige! Von der anderen Seite aus hat Erich Wulff diese Entwicklung beschrieben: Am Anfang war der “Vietkong” fast ein Phantom, aber nach und nach nahmen immer mehr Leute aus seiner Umgebung in Hué Kontakt mit der Befreiungsfront auf, die irgendwo “da draußen” auf dem Land bzw. im Dschungel war. Sie “beschafften Informationen oder transportierten Medikamente ins Maquis”. Die “befreite Zone” war bald nur noch 10 Kilometer von Hué entfernt. “Das Maquis war nicht mehr, wie 1964, ein Kuriosum, wo man seine Neugierde befriedigte. Es wurde immer mehr zum geistigen, politischen und organisatorischen Zentrum für die Orientierung der Menschen in der Stadt”.

In Vietnam gibt es eine Reihe von kleinen Bergvölkern, die u.a. von der Jagd leben. Sie verließen als erste die ‘Linie’ der Gewaltlosigkeit, woraufhin die Regierungstruppen sie mit Vernichtungsfeldzügen überzog. Die Dörfler wehrten sich mit alterprobten Mitteln: Bodenfallen, die mit Bambusspießen gespickt waren, Fallstricke, die Steinlawinen auslösten, an Seilen schwingende “Morgensterne” und vergiftete oder brennende Pfeile, die von einer Armbrust abgeschossen wurden. Auch Bienen kamen zum Einsatz: Dazu wurden einige Stöcke am Wegrand aufgestellt und die Ausflugslöcher mit Papierstückchen  zugeklebt, von denen Fäden über den Weg führten. Wurden diese von Soldaten zerrisen, kamen die Bienen frei und stürzten sich wütend auf sie. Daneben lernten die Kämpfer, die Pflanzen, Insekten und Großtiere des Waldes zu Heilzwecken zu nutzen. Zu den aufständischen Bergvölkern gesellten sich die Buddhisten, die ebenfalls von der Regierung verfolgt wurden sowie die Reste einiger Sekten, die untergetaucht waren und sich zu kriminellen Banden gewandelt hatten. Zusammen mit den Partisaneneinheiten bildeten sie bald eine “Nationale Front”, aus den bewaffneten Sekten entstand die Keimform einer “regulären Armee”, die Führung blieb jedoch bei den Bauern, die sich zu wahren Herren auf dem Land aufschwangen - immer mehr Dörfer schlossen sich zu “befreiten Gebieten” zusammen. Selbst Stützpunkte der Regierung zur Kontrolle bestimmter Abschnitte waren in Wirklichkeit umzingelt vom Vietkong, der darüber entschied, welche Versorgungsgüter zu den Soldaten gelangen durften und welche nicht. Bei den Soldaten handelte es sich zumeist um zum Wehrdienst gezwungene junge Bauern, die die Partisanen auf diese Weise langsam für sich gewinnen wollten, mindestens wollten sie Informationen über bevorstehende Angriffe, Truppenverlegungen usw. von ihnen  bekommen. Dies nannte man eine Politik des “Zukorkens” feindlicher Posten. Ähnlich war es bei den “strategischen Dörfern”, in die man die Bauern reinzwang, vorher wurden ihre alten Dörfer zerstört bzw. zerbombt, ihre Gärten und Reisfelder vergiftet. 16.000 solcher “Wehrdörfer” wollte die Diem-Regierung errichten, es wurden aber nur einige tausend - und selbst unter diesen befanden sich bald viele in Wahrheit ganz oder zumindestens nachts in den Händen des Vietkong. In den Städten, wo nicht demonstriert werden durfte, benutzten die Propagandatrupps der Nationalen Front Affen, denen sie Hemden überzogen, auf denen Parolen standen. Die so ausstaffierten Tiere, manchmal kamen auch Hunde zum Einsatz, wurden dann auf den Marktplätzen freigelassen.

Immer wieder waren Partisanengruppen gezwungen, buchstäblich in den Untergrund auszuweichen oder sich zumindestens darauf vorzubereiten: Das war im hussitischen Tabor der Fall, aber auch im Zweiten Weltkrieg in Odessa sowie bei den Aufständen in Warschau und Paris. In Vietnam gruben sich die Bauern weitverzweigte “Tunnelsysteme”, mit denen Dörfer und ganze Bezirke verbunden wurden und die teilweise sogar bis unter die Stützpunkte der Regierungstruppen führten. Wie ein Sprecher der Nationalen Befreiungsfront meinte, “war das Land gleich einem an Masern Erkrankten mit Militärstützpunkten und Forts übersät, aber das Regime hatte keinen Stützpunkt im Herzen des Volkes - ganz im Gegensatz zur Befreiungsfront”. Es gibt dafür fast ein Partisanengesetz: “Der Unterschied in der Feuerkraft wird durch den Unterschied in der Moral aufgehoben”.

Die großenteils gepressten Soldaten reagierten darauf, auch in anderen, ähnlichen Volksaufständen war das so, mit  “Kriegsneurosen”, d.h. mit so schwerwiegenden Krankheitssymptomen, dass sie von weiteren Fronteinsätzen verschont blieben. Henry Kissinger schreibt in seinen Memoiren, die Antikriegsdemonstrationen und die  internationale Solidarität mit den Vietnamesen führten dazu, dass Washington mehr und mehr “den Charakter einer belagerten Stadt” annahm…”das gesamte Regierungsgefüge fiel auseinander. Die Exekutive litt unter einer Kriegsneurose.” Ähnliches kann man im übrigen auch von der deutschen Sozialdemokratie sagen: Während der Kanzler Willy Brandt sich weigerte, irgendetwas auch nur Nachdenkliches  über Vietnam zu Protokoll zu geben, demonstrierte Gerhard Schröder als Juso “Ho Ho Ho Chi Minh”-rufend auf der Göttinger Roten Straßer rauf und runter, wie einer der vietnamesischen “Boat-People” noch 2001 in Westberlin auf einer Veranstaltung bitter bemerkte.

Bereits Ende 1964 übte die Befreiungsfront faktisch die Regierungsgewalt in Südvietnam aus: Es gab Ausschüsse für das Gesundheitswesen, Volksbildung, Post- und Fernmeldewesen, für Wirtschafts-  und für Auswärtige Angelegenheiten - mit Vertretungen in Havanna, Kairo, Algier, Prag und Ostberlin, und eine eigene Nachrichtenagentur. Dazu kamen bald noch hunderte von Filmteams, die bei fast allen Aktionen dabei waren. Am Ende des Krieges hinterließen sie hunderte von Dokumentarfilme und mehrere Millionen Meter ungeschnittenes Material, das von dem zum vietnamesischen Militär gehörenden Film-Institut verwaltet wird. Neuerdings kooperiert es bei der Auswertung mit der deutschen DEFA-Stiftung.

Ende 1965 befand sich der Psychiater Erich Wulff in Saigon: “Die amerikanischen Beamten, die deutschen Soldaten, die meisten Journalisten, die ich kannte, schwammen während dieser Zeit auf einer Woge von rosigem Optimismus. Sie sahen täglich neue Hubschrauber und neue Soldaten ins Land strömen und waren vom schieren Gewicht und von der augenscheinlichen Perfektion der amerikanischen Militärmaschinerie geradezu hingerissen.” Sogar die Distrikt- und Provinzchef waren bald Amerikaner. Auch einer der Kommandeure der Befreiungsfront, Truong Ky, bemerkte um diese Zeit: “Jetzt geht die Tendenz dahin, dass die Operationen eine rein amerikanische Angelegenheit werden.” Er war jedoch ebenfalls optimistisch: “Auch das wird nicht klappen, denn die Amerikaner sind in dem Widerspruch zwischen ihren ‘Vernichtungs-’ und ‘Befriedigungs’-Projekten verstrickt, die die beiden Hauptlinien ihrer militärpolitischen Strategie ausmachen”. Hinzu käme noch, laut Truong Ky, dass sie sich sowohl in der Planung als auch im Kampf einem “Subjektivismus” hingäben, der sie dazu verleite, ihre eigene Stärke ständig zu überschätzen und die der Befreiungsfront zu unterschätzen. Das führte zu immer unwirklicheren Statistiken bzw. Zahlenspielen, “Body-Count” oder “Kill-Rate” genannt, und zu absurden Verlautbarungen: So erklärte z.B der diensthabende Offizier eines Einsatzes gegen Ben Tre im Mekongdelta der internationalen Presse: “Um die Stadt zu retten, mussten wir sie zerstören!”

Dann kam im Januar die Tet-Offensive - und es wurde allen klar, dass der amerikanische Krieg in Vietnam nicht mehr zu gewinnen war. Jonathan Neale schreibt: “Dennoch erlitten die Guerillos eine vernichtende Niederlage. Sie hatten erwartet, dass Saigon und Hue sich erhöben. Dazu kam es nicht.” Der für den kommunistischen Untergrund in Saigon verantwortliche Tran Bach Dong erklärte später, warum: Ihre Mitgliedergewinnung war “wunderbar erfolgreich” - bei den Intellektuellen, Studenten, Buddhisten, bei allen - nur bei den Arbeitern nicht, wo der Organisationsgrad “schlechter als schlecht” war. Das lag nicht nur an der Konzentration der Partei auf die Organisierung der Bauern, die die überwiegende Mehrheit in der Bevölkerung bildeten, sondern auch an der amerikanischen Militärstrategie, die mit ihren Bombardements und Entlaubungsaktionen eine wachsende Zahl von Flüchtlingen produzierte, die in die Städte drängten und dort bei den Amerikanern oder in ihren Vergnügungsbezirken Arbeit fanden. Das war auch gewollt: Man sprach in diesem Zusammenhang offziell von einem in Vietnam längst überfälligen “Urbanisierungs-Prozeß”  und hoffte, die Bauern auf diese Weise wenn schon nicht an sich zu binden, dann wenigstens “lumpenproletarisch” zu neutralisieren. Laut Jonathan Neale gelang dies aber auch deswegen z.T., weil die Befreiungsbewegung die städtischen Arbeiter nur halbherzig gegen ihre Chefs mobilisieren konnten, um nicht die “Unterstützung der Geschäftsleute und Manager dort zu verlieren”. Nichtsdestotrotz: “Während die Guerilleros nach Tet ausbluteten, wurde in Amerika die Entscheidung getroffen, den Krieg zu beenden.” Insofern war die Tet-Offensive Höhepunkt und damit der Anfang vom Ende des vietnamesischen Befreiungskampfes, der offiziell jedoch erst 1975 mit der Einnahme von Saigon endete. Kurz zuvor hatten die Nordvietnamesen zwei kleinere Offensiven bei Hué eingeleitet, woraufhin den Regierungstruppen befohlen wurde, sich zurückzuziehen. Auf diesem Rückzug brach die südvietnamesische Wehrpflichtigenarmee auseinander - “sie war moralisch am Ende”.

Nach dem Sieg konnten die Kommunisten daran gehen, das Land wieder aufzubauen und vor allem zu industrialisieren. Dies ging jedoch nur auf dem Rücken der Bauern sozusagen, die mit ihren Agrarprodukten eine “ursprüngliche sozialistische Akkumulation” ermöglichen sollten. Wenn man sie jedoch dafür höher besteuern wollte, reduzierten sie die Anbauflächen. Also versuchte man sie in Kooperativen bzw. Kolchosen zusammen zu fassen, aber sie weigerten sich. Im Dorf Binh My, schreibt Jonathan Neale, “übten die Parteikader unablässig Druck aus. Einige suchten sie 20 mal auf, erzählte ein Kader, so häufig, dass der Haushund sie inzwischen kannte und nicht mehr bellte.” Im Mekongdelta bei Ben Tre errichteten die Kommunisten eine Vorzeigekooperative, aber die Bauern brannten sie nieder. Im Jahr 1987 gab die Regierung ihre Niederlage zu, es war ihr nicht einmal gelungen, die Kontrolle über den Reishandel zu erlangen. Aufgrund ihres langen Befreiungskampfes, erst gegen die Franzosen, dann gegen die Japaner und schließlich gegen die Amerikaner, waren die vietnamesischen Bauern außerordentlich selbstbewußt geworden. Als dann noch China seine Wirtschaftshilfe einstellte, sowie 1989 auch noch die Sowjetunion, führte die Regierung offiziell den “Neuen Wandel” - Doi Moi - ein, d.h. die Martkwirtschaft unter ihrer Führung. Vietnam entwickelte sich dabei zum drittgrößten Reisexporteur der Welt. Dies hatte jedoch zur Folge, dass sich immer mehr Bauern verschuldeten, dass die ärmsten ihr Land verkauften. Aus ehemaligen Kooperativvorsitzenden wurden reiche Bauern, die anfingen, Landarbeiter zu beschäftigen. Es begann mithin das, was man in Mitteleuropa bis heute “Bauernlegen” nennt, also ein Konzentrationsprozeß in der Landwirtschaft, der nun erneut mit einer “Urbanisierung” einhergeht.

Die Linke hatte sich schon lange vorher, spätestens nach dem Sieg der Befreiungsbewegung in Saigon 1975 von den vietnamesischen Partisanen abgewendet - und diese waren danach ja auch - wenn sie nicht wieder Bauern wurden - Regierungsbeamte bzw. Funktionäre geworden. In Norwegen, wo ebenfalls ein erfolgreicher Partisanenkrieg (gegen die Deutschen) geführt wurde und die Solidarität mit Vietnam sehr verbreitet war, veröffentlichte der Schriftsteller Johan Harstadt 2004 eine Erzählung, die “Vietnam. Donnerstag” betitelt ist. Darin heißt es an einer Stelle: “Er” verbindet mit dem Wort Vietnam “Reisfelder, Dschungel, Hubschrauber”. Sie dagegen sagt: “Vietnam steht für alles, was schief gegangen ist”.

1967 wollte Thomas Brasch in der Ostberliner Volksbühne einen “Vietnamkongreß” veranstalten: “Seht auf dieses Land”, titelte er dafür. Der Kongreß wurde aber nicht erlaubt. 30 Jahre nach Beendigung des Krieges, hat die Volksbühne jedoch seine Idee wieder aufgegriffen - und veranstaltete am 16. Oktober 2005 einen “Vietnam Tag”, wobei sie sich u.a. für die vietnamesischen Opfer des militärischen Einsatzes von Entlaubungsgiften einsetzen will. In den letzten Jahren gab es mehrere Initiativen von Vietnamesen, die durch den Einsatz von Agent Orange bei der Bombardierung ihres Landes gesundheitlich geschädigt wurden. Im Februar 2004  z.B. eine Sammelklage von 100 “Agent Orange”-Opfern gegen 37 US-Firmen, die der Armee das Dioxin geliefert hatten, darunter “Monsanto” und die US-Tochter von Bayer “Mobay”. Zuvor hatte bereits der US-Anwalt Ed Fagon eine Klage gegen Bayer im Namen einiger südafrikanischer Dioxin-Opfer angestrengt, wobei es zu einem Vergleich gekommen war. Und der US-Anwalt Kenneth Feinberg hatte mehrere Klagen von US-Soldaten betreut, die dem Einsatz von Dioxin im Vietnamkrieg ausgesetzt gewesen waren. Im März 2005 verklagte der Bauingenieur Ngoc einige Dioxin-Hersteller vor dem US-Bundesgericht in Brooklyn: Seine Schwester war verkrüppelt zur Welt gekommen, nachdem ihr Vater mit Agent Orange in Kontakt gekommen war. In der Schweiz unterstützten 49 Parlamentarier diese Klagen, sie verlangten vom  Bundesrat, auf die US-Regierung einzuwirken, damit die vietnamesischen Agent-Orange-Opfer endlich entschädigt würden. Nun gibt es eine weitere flankierende Maßnahme dazu - im Internet und aus Vietnam selbst. Sie nennt sich “Justice for Victims of Agent Orange”. Verfaßt wurde sie von Len Aldis - im Namen der “Englisch-Vietnamesischen Freundschaftsgesellschaft”, aber unterschrieben haben bisher vor allem Vietnamesen - bis jetzt 690933. Dahinter steht die Anfang 2004 gegründete Hilfsorganisation VAVA: “Viet Nam’s Association for Victims of Agent Orange” - und ihr Vorsitzender Dang Vu Hiep. Die VAVA arbeitet mit den US-Veterans for Peace, dem amerikanischen Roten Kreuz und dem “Fund for Reconciliation and Development” zusammen, um die Lebensbedingungen für Dioxin-Opfer in Vietnam zu verbessern.  Die vietnamesische Botschaft in den USA erklärt dazu, dass etwa 3 Millionen Vietnamesen an den Spätfolgen des Agent-Orange-Einsatzes leiden. Zwischen 1961 und 1971 versprühten die Amerikaner 80 Millionen Liter giftige Chemikalien über Vietnam. Noch 1985 hatte der US-Wissenschaftler Alwin Young dazu auf einem “Dioxin-Kongreß” in Bayreuth erklärt: “Der Dioxin-Einsatz hat niemandem geschadet!”

Nach dem Besuch des “Vietnam-Kongresses” in der Volksbühne nahmen sich einige Freunde von mir vor: “Nächstes Jahr machen wir in Vietnam Urlaub.” So hatte man sich die mobilisierende Wirkung dieser Veranstaltung eigentlich nicht vorgestellt! Aber solche Privatinteressen haben jetzt Vorrang. Auf dem 1. Vietnam-Kongreß, der 1968, wenige Wochen nach der Tet-Offensive in Westberlin stattfand, war es noch darum gegangen, zwischen Saigon und Berlin eine Front zu bilden - durch In- und Extensivierung der Kämpfe hier. Dort siegten 1975 zwar die Kommunisten, hier übernahm jedoch 1990 die westdeutsche Treuhandanstalt das Regime, politisch flankiert ausgerechnet von West-”68ern”, die sich dazu allerdings zu Menschenrechtlern, Pluralismusverfechtern und geharnischten Antistalinisten gewendet hatten, und nun von “asymetrischen Kriegen”, “Terror auf beiden Seiten” und dem “Stalinisten Ho Chi Minh” sprachen: Auch auf dem Vietnam-Kongreß der Volksbühne. Dieser fand erstmalig unter großer Beteiligung der Vietnamesen selbst statt.

Man hätte also gut und gerne das Problem, dass jetzt statt harter Strategien und Klassenkämpfe eher weiche Diskurse und Kompromisse bevorzugt werden, auch miteinander besprechen können - mindestens im Hinblick darauf, was dies für die Einschätzung des vietnamesischen Befreiungskampfes und seiner Resultate bis heute bedeutet. Und das um so mehr, da es bereits im Vorfeld der Volksbühnenveranstaltung diesbezüglich zu Konflikten gekommen war: Zuerst  störten sich einige teilnehmende vietnamesische Initiativen am Blumenarrangement im Foyer, das die nord- und die südvietnamesische Fahne zeigen sollte. Die in West und Ost-Berlin lebenden Vietnamesen sind wahrscheinlich die einzige ausländische Minderheit, die sich 1989 nicht wiedervereinigte: im Westen lebten kurz gesagt die Boat-People (Flüchtlinge) und im Osten der Vietkong (Vertragsarbeiter). Diesen Umstand wollte die Volksbühne “thematisieren”  - natürlich von vietnamesischen Blumenkünstlern gestaltet. Die Gründerin des vietnamesischen Selbsthilfevereins “Reistrommel” in Marzahn, Tamara Hentschel, zog daraufhin ihre Teilnahme zurück: Das Arrangement sei so geschmacklos, als würde man neben eine BRD-Fahne eine Nazi-Flagge hängen. Die Tanzgruppe ihres Vereins wollte trotzdem mitmachen. Hier waren es dann aber zwei Eltern, die ihren Kindern das verwehrten - vor allem, weil die Volksbühne dann nicht nur die Menschenrechtlerin Kim Phuc einlud (sie war einmal von der Illustrierten stern “gerettet” worden, nach einem Napalm-Angriff der Amis auf ihr Dorf, bei dem sie schwer verwundet worden war - und ihr Schicksal hatte damals Millionen gerührt, wie man so sagt, nun war sie jedoch, in Kanada lebend, zu einer engagierten Antikommunistin geworden). Daneben wollte man auch noch mit Bui Tin diskutieren, den in Paris  lebenden und heute bekanntesten  vietnamesischen  Regimegegner. Damit machte die Volksbühne  der vietnamesischen Botschaft in Berlin keine Freude - und auch vielen in Ostberlin lebenden Vietnamesen nicht, die sogar von Radio Multikulti nichts hören wollen: “Das ist doch der Sender, der Ho Chi Minh so schlecht gemacht hat!”

Nach Bui Tins Auftritt kam es zu Beschimpfungen - zwischen seinen Fans und seinen Gegnern. Ähnliches geschah auch nach Jürgen Kuttners Rederunde, in der die prokommunistischen Ostler sich anschließend mit den antikommunistischen Westlern stritten. So war das auch von Kuttner “angedacht” worden, der den Dissenz sucht. Den eher nach Harmonie strebenden Vietnamesen stößt eine Inszenierung desselben jedoch eher ab. Vielleicht sollte man beim nächsten Vietnam-Kongreß darauf dringen, dass sie die Formen der Auseinandersetzung planen. Viele der jungen, hier aufgewachsenen Vietnamesen schienen mir jedoch großen Gefallen gerade an dieser “Culture of Clash” gefunden zu haben - und ihre eigenen Beiträge, z.B. ein Film von und mit einigen Schülerinnen, gehörten dann auch mit zu den besten Programmpunkten der 13stündigen Veranstaltung. Man kommt sich also doch von Mal zu Mal näher - aber nur gleichsam zwangsläufig - über die Generationenfolge. Wie nahe man sich jedoch damals im Kleinkrieg gekommen war, blieb unerörtert.

30.01.2010

Schwache und starke Moral

von Helmut Höge

(Photo: Peter Grosse)

In den Sozial- und Geisteswissenschaften redet man gerne von schwachen bzw. starken Thesen und Begriffen, in der (Latourschen) Wissenschaftssoziologie spricht man nun - ähnlich wie die Schimpansenforscher im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie - von einer “schwachen”  und einer “starken Moral”. Zuvor war bereits von Moral versus Zwang die Rede gewesen. Konkret herausgearbeitet hatten Bruno Latour und Michel Callon diese Begriffe am Beispiel von “Spead-Breakern” (- sogenannte “sleeping cops”, mit denen man Straßen verkehrsberuhigt) und Pollern (Straßenbegrenzungspfähle, auch “stumme Polizisten” genannt, die das Parken auf Gehsteigen verhindern).

Mit dieser  Technik aus Beton, Stahl und neuerdings Elektronik wird die zu “schwache Moral” der Autofahrer ersetzt durch eine “starke Moral” der Technik: Statt an ihren Altruismus (Nimm Rücksicht auf Fußgänger!) zu appellieren, verläßt man sich dabei umgekehrt auf ihren Egoismus - als Autobesitzer, die sich von den Pollern bzw. Speed-Breakern nicht die Karosserie ramponieren lassen wollen. Die Technik wirkt dabei laut Latour wie  eine Art “Klebstoff der Gesellschaft”.

Diese Sicht auf die Technik ist der des “Moralphilosophen” Günter Anders diametral entgegengesetzt. In seinem Hauptwerk “Die Antiquiertheit des Menschen” argumentiert er, dass der Mensch spätestens seit der Zweiten Industriellen Revolution der von ihm geschaffenen Technik nicht mehr gewachsen ist. Beim Übergang vom Gerät zur Maschine ist die Technik “überschwellig” geworden. Bei schweren Unfällen - z.B. des Transrapids - spricht man deswegen nach Abschluß der Ursachenforschung meist von “menschlichem Versagen”. Günter Anders erzählt dazu ein Beispiel aus dem Koreakrieg: 1952 votierte der US-Oberbefehlshaber General McArthur für den Einsatz von Atombomben, die “Pentagon-Computer” sagten  jedoch gemäß der ihnen eingegebenen Daten “Nein!” Die Rechnerlogik ersetzte dabei erstmalig laut Günther Anders die Moral,  - was bedeute, dass die Menschheit vor ihrer eigenen Technik kapituliert habe. Der General quittierte nach seiner Rechner-Niederlage den Dienst und wurde ironischerweise Aufsichtsratschef des Büromaschinenkonzerns “Burroughs”: Ein hilfloser Versuch, aus seiner “prometheischen Scham” (G.Anders) wieder heraus zu finden, also die der starken Moral der Technik unterlegene Moral eines Oberbefehlshabers durch eine neue Führerschaft - über diese Technik - wieder zu heben.

Es gibt daneben auch den Fall, dass man Führungskräften eine “schwache Moral” vorwirft - gerade wenn sie auf die “starke Moral” der Technik bauen. So erboste sich z.B. kürzlich die Opposition im Salzburger Rathaus über die Anschaffung von 14 elektronisch versenkbaren Siemens-Pollern, die alles in allem 600.000 Euro kosten: “Für mich ist das nicht nachvollziehbar: Da kracht es im Stadtbudget an allen Ecken und Enden, Sozialvereine und Einrichtungen für Kinder und Jugendliche werden gekürzt, aber für die Abriegelung der Altstadt ist plötzlich Geld da,” meint etwa  der dortige  ÖVP-Sprecher.

Die Kölnische Rundschau meldete: “Die Anwohner vom Dürscheider Kirchberg rütteln mit gemeinsamen Kräften an den beiden Pollern, die seit dem Sommer probeweise die Durchfahrt versperren. Nichts zu machen. Die Poller geben nicht nach. ‘Alle wollen, dass diese Dinger weg kommen. Warum macht die Verwaltung nicht, was die Bürger wollen?’, fragt die Anwohnerin Ute Trosdorff, die eine kleine Anti-Poller-BI zusammentrommelte”.

In Ostberlin war es nach der Wende umgekehrt so, dass die Bürger von den Tiefbauämtern der Bezirke die Aufstellung von Pollern geradezu wütend verlangten, wie sich der Treptower Amtsleiter erinnert. Im Vorort  Strausberg will man die Poller an der Großen Straße jetzt durch elektronisch versenkbare ersetzen. Inzwischen warnt jedoch z.B. der Tagesspiegel: “Berlin ist im Begriff, eingepollert zu werden”. Dabei kommen ebenfalls immer mehr elektronisch versenkbare Poller zum Einsatz - vor Banken, Botschaften, Ministerien und jüdischen Einrichtungen. Nach einer Warnung vor Terroranschlägen wurde z.B. das Jüdische Museum mit 30 schweren Betonblöcken abgepollert. Nach der Sperrung der gesamten Wilhelmstraße mit innenbeleuchteten Stahlpollern - um die englische Botschaft zu schützen, gründete sich 2008 eine BI von Gewerbetreibenden an der Friedrichstraße, die zusammen mit dem CDU-Politiker Uwe Lehmann-Brauns für eine Entpollerung der Wilhelmstraße kämpft - bis jetzt vergeblich: “Denn die weltpolitische Sicherheitslage hat sich nicht gebessert,” heißt es dazu aus der Innenverwaltung lapidar. Ähnliches gilt für die Poller um US-Einrichtungen:  “Wenn vor irgendeiner amerikanischen Botschaft in der Welt eine Autobombe explodiert, werden Ebert- und Behrenstraße sofort dichtgemacht,” so sagte es ein hochrangiger Polizeibeamter.

Mit jeder Abpollerung und jeder technischen Verbesserung der Poller weicht der europäische Humanismus der Aufklärung amerikanischem Sachzwang. Und dieser wird durch immer wieder neue Studien von US-Genetikern, -Anthropologen, -Wirtschaftswissenschaftlern, -Soziologen etc. gerechtfertigt, die alle glasklar beweisen: der Mensch, ja auch alle Affen, Vögel und Fische - sind egoistisch. Unser  Altruismus ist dünne Firnis nur über nackte Interessen. Deswegen darf man sich nicht auf die Menschen verlassen, sondern muß auf die “starke Moral” der Technik setzen. Der Mensch ist, technisch betrachtet, eine “Fehlkonstruktion”. Günther Anders zitierte dazu einen US-Offizier, der den Menschen als eben “faulty”, als nun mal fehlerhaft, bezeichnete. Er ist bestenfalls “bloß noch ‘Mit-Tuender’ in einem Betrieb, egal ob er Waschmaschinen oder Massenvernichtungsmittel herstellt.”

Bruno Latour spricht von  “Mitforschern”, die wir werden müssen, weil die Wissenschafts- und Technik-Experimente längst über das Labor hinausgewachsen sind und uns alle mit einbezogen haben. “Ein Gerät wird von uns gehandhabt, Maschinen haben uns in der Hand,” so sagt es Günther Anders. Und damit befindet sich nun laut Latour die stärkere Moral quasi automatisch auf ihrer Seite. Sein wissenschaftssoziologischer Mitstreiter Jim Johnson behauptet - besonders im Hinblick auf seinen eigenen neuen Personalcomputer: “Trotz des steten Unbehagens von Moralisten ist kein Mensch so unerbittlich moralisch wie eine Maschine.”

Im Gegensatz zu den Affen und anderen Tieren “benötigen wir” jedoch “leider” - wenn wir Günther Anders folgen - ebenfalls und jetzt erst recht “die Moral”. Das sieht Bruno Latour ganz anders - wobei er sich auf eigene Affenforschungen (zusammen mit der Anthropologin Shirley Strum) stützen kann: Wo wir Wissenschaft und Technik einsetzen, um das Soziale her zu stellen und zusammen zu halten, sind die Affen quasi auf sich allein gestellt, weswegen sie auch eine viel größere “Sozialkompetenz” als wir haben.

Der Moralphilosoph Anders hebt auf die “Diskrepanz” zu den sozialistischen Utopisten ab, wenn er uns als “invertierte Utopisten” bezeichnet: “Während die viel mehr vorstellen als herstellen konnten, können wir uns leider viel weniger vorstellen als herstellen…Vermutlich wird der letzte ‘Täter’ ein vom Computer gesteuerter Computer sein.”

Jeder Poller - eine zivile Massenvernichtungswaffe

Schon kommen Gehirnforscher zu dem Ergebnis, dass der Mensch für seine Taten sowieso nicht zur Verantwortung gezogen werden kann, denn ihre physikalisch-chemische Deutung unserer Gehirnvorgänge entlarvte die “Willensfreiheit” als bloße Fiktion.

Umgekehrt werden dagegen den Computern vor Gericht immer mehr “Personenrechte” zugestanden - seitdem wir bereit sind, z.B. mit Geld- und Fahrscheinautomaten sowie Computerprogrammen im Internet “faktische Verträge” abzuschließen. Demnächst werden sogar “Computer auf beiden Seiten des Vertragsverhältnisses agieren”, wie der Rechtssoziologe Gunther Teubner meint. Der Jurist Andreas Matthias ließ sich davon bereits zu einem grundsätzlichen “Plädoyer für die Rechtsverantwortung von autonomen Maschinen inspirieren” (”Automaten als Träger von Rechten”, heißt sein Buch dazu, das  im Verlag “Logos Berlin” erschien). Ein Rezensent schrieb: “Der Autor vertritt die Auffassung, dass Betreiber und Hersteller von Maschinen mit künstlicher Intelligenz  keine Kontrolle mehr über diese haben. Denn nur die Maschinen haben die vollständige Kontrolle über den von ihnen ausgeführten Vorgang und sollen somit auch die Verantwortung für etwaige Fehler bzw. Schäden tragen.”

Bereits in den frühen Sechzigerjahren erklärte der Peenemünder Steuerungsingenieur und spätere sowjetische Raketenbauer Helmut Gröttrup als Siemens-”Informatiker” (der dann den Geldautomaten miterfand) in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten: Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe. Diesen Informationsmangel könne man aber durch Computerisierung beheben. Die wirtschaftliche Entscheidung(-sfreiheit) geht dabei freilich auf den Rechner über.

Ähnliches sollte 1970 auch mit den politischen Entscheidungen passieren. Da eröffnete der im Zweiten Weltkrieg mit militärischen “Operations Research”-Aufgaben befaßte US- Kybernetiker Stafford Beer dem neuen chilenischen Präsidenten Salvatorn Allende einen “dritten - soften - (Aus-)Weg” - jenseits der Dogmen von Zentralisierung oder Dezentralisierung, jenseits der Doktrinen von freier Marktwirtschaft oder Planwirtschaft und jenseits der Expertisen von Bürokratie und Vetternwirtschaft. Er argumentierte, die Regierung treffe ihre Entscheidungen auf Basis von Monate wenn nicht Jahre alten Wirtschafts- und anderen -Daten. Beim Stand der Technik sei es jedoch möglich, nach Art der Echtzeit-Frühwarnsysteme Regelungen und Entscheidungen zu treffen auf der Basis eines Regierungswissens, das sich netzwerkhafter Frühinformationssysteme bediene. Das Zeitalter der Statistik müsse (endlich) beendet werden! so Stafford Beer, der daraufhin in den bereits von ihren Redakteuren verlassenen Büros der US-Zeitschrift “Reader’s Digest” in Santiago einen futuristischen “Operations Room” einrichtete, von dem aus er bis zum Sturz Allendes 1973 mit einer Reihe von Großrechnern das  “Projekt Cyberstride” (kybernetische Überschreitung) realisierte, “wenn auch nicht mit tatsächlicher real-time-control, sondern einer Verzögerung von 24 Stunden”, wie Claus Pias unlängst auf einem FU-Kongreß über die Anfänge der Kybernetik ausführte.

Wegen des von den Amerikanern inszenierten Putschs in Chile wissen wir nicht, ob Stafford Beers Zentralrechner bessere moralische Entscheidungen getroffen hätte als die Politiker mit Allende an der Spitze.  Bei den (elektronisch versenkbaren) Pollern läßt deren “starke Moral” jedoch noch immer zu wünschen übrig - das wissen wir, weil die Gerichte immer mal wieder Verbesserungen (Nachrüstungen) einfordern. So z.B. kürzlich das Oberlandesgericht Saarbrücken in einem Fall, den der MDR folgendermaßen schilderte: “Sabrina Saalbach ist mit ihrem Auto in der Innenstadt unterwegs. An einer Gasse der Altstadt kommt sie plötzlich nicht mehr weiter. Meterhohe Poller versperren ihr den Weg. Einige Augenblicke später beobachtet sie aber einen städtischen Bus. Der Fahrer versenkt per Funksignal einen der Poller im Boden, so dass der Bus durchfahren kann. Frau Saalbach versucht, möglichst schnell zu folgen. Doch der Bus muss wegen eines Fußgängers kurz halten und so bleibt Frau Saalbach direkt über dem eingefahrenen Poller stehen. Der bewegt sich dennoch nach oben und beschädigt ihr Auto erheblich. Von der Stadt fordert sie nun Schadenersatz. Dort allerdings lehnt man ab, die Frau habe keine Berechtigung zur Einfahrt gehabt. Auch hätten Schilder auf den versenkbaren Poller hingewiesen. Das  Oberlandesgericht entschied jedoch: Versenkbare Poller dürfen keine Gefahr im Straßenverkehr darstellen. Kommunen sind verpflichtet, sie technisch so auszurüsten, dass sie nicht zu einer Gefahrenquelle werden können. So muss verhindert werden, dass die Poller ausfahren, wenn ein Fahrzeug darüber hält. Das alleinige Aufstellen von Warnschildern genügt nicht. Die Kommune muss den Schaden von Frau Saalbach zur Hälfte übernehmen.”

In anderen Worten: Beide - Poller und Autofahrerin - haben “moralisch” versagt, deswegen müssen nun beide zahlen. In Leipzig sieht die technische Nachrüstung neuerdings so aus, dass man neben  den elektronisch versenkbaren Poller-Reihen in der Innenstadt noch jeweils eine Ampelanlage aufgestellt hat - “Pollersignal” genannt. Darauf muß man nun achten - nicht mehr auf die Poller selbst.

“Viel hilft”, teilt Peter Grosse zu diesem Photo mit.

Einige Zitate von Günther Anders (taz v. 13.7.1982):

“Während der Ahn, durch die Rücksichtslosigkeit seiner Fragen, warum Seiendes, wenn ungesollt, denn überhaupt sein solle; und warum und woraufhin er denn noch sollen solle; durch seine verzweifelte Gier, die ihm vernichtete Welt wirklich zu vernichten, und durch die Maßlosigkeit seiner Melancholie zur philosophischen Figur
ersten Ranges aufrückte - aber der Vernichtung, nach der er fieberte, nicht mächtig war, und dadurch direkt in die
Geschichte nicht einzugreifen schien - ist der Enkel ein philosophisch uninteressierter, des Zynismus so wenig wie
der Melancholie fähiger bonhomme, eine beschränkte, privat harmlose Figur, der die Totalvernichtung in den Schoß
fiel wie irgendeine andere technische Neuerung - aber gerade dadurch geschichtlich von der Enormität, die alles, was bisher als ‘geschichtlich’ gegolten hatte, in den Schatten stellt, da er der Vernichtung nicht nur mächtig ist; sondern vielleicht sogar unfähig, diese seine Macht nicht auszuüben.”

“Wenn ich behaupte, daß der Mensch weitgehend das Abbild seiner Instrumente sei, dann habe ich zum Beispiel folgendes im Sinn: Ich glaube,daß eine Arbeiterschaft, die Im Auto vor der Fabrik vorfährt, nicht mehr eine solidarische Arbeiterschaft bleiben kann. Leute die gewöhnt sind, täglich im eigenen Wagen hin und her zu fahren, werden nicht mehr wie eine von Käthe Kollwitz lithographierte Menschenmasse über die Champs Elysee oder die Place de la Bastille stürmen. Sie sind durch Maschinen total verändert, nämlich in Solisten verwandelt.”

“Alle bisherige Philosophie, bis hin zu Adorno geht von der Selbstverständlichkeit des Weiterbestandes der Welt aus. Zum ersten Mal wissen wir von der Welt, In der wir leben, nicht, ob sie weiterbleiben wird. Früher hatte der Tod innerhalb der Welt stattgefunden und Jede Epoche innerhalb der weitergehenden Geschichte. Diese Art von Tod ist nun tot. Denn nunmehr haben wir den Tod der Welt selbst oder der Geschichte selbst ins Auge zu fassen.”

Poller am Nordpol

Zur Erinnerung:

“Die Wasserstoffbombe” (ein JW-Text von Ronald Friedmann, veröffentlicht am 31.1.2010):

Die Mitarbeiter von US-Präsident Harry S. Truman hatten gründlich am Text der Erklärung gearbeitet, die ihr Chef am 31. Januar 1950 der Öffentlichkeit übergab. Schließlich sollte der Eindruck erweckt werden, daß die Entwicklung und der Bau einer Waffe, die von ihren Kritikern als »Völkermordwaffe« bezeichnet worden war, einem hehren Zweck diente – der Verteidigung des Friedens: »Es ist Teil meiner Verantwortung als Oberkommandierender der Streitkräfte, dafür Sorge zu tragen, daß unser Land jederzeit in der Lage ist, sich gegen jeden Angreifer zu verteidigen. In Übereinstimmung damit habe ich die Atomenergiekommission angewiesen, die Arbeit an allen Arten von Atomwaffen fortzusetzen, einschließlich der sogenannten Wasserstoff- oder Superbombe. Wie alle anderen Arbeiten auf dem Gebiet der Atomwaffen, wird auch diese Arbeit entsprechend unseren übergeordneten Prinzipien des Friedens und der Sicherheit erfolgen.«

Anfang 1943 war in den USA das Manhattan-Projekt ins Leben gerufen worden, das bis heute größte und umfassendste Wissenschafts- und Technologieprojekt der Geschichte. Niemals zuvor und niemals danach war eine so große Zahl der besten Wissenschaftler aus aller Welt an einem Ort – dem Forschungszentrum Los Alamos in der Wüste von New Mexico – zusammengeholt worden, um ohne Beschränkung der materiellen und finanziellen Ressourcen ein einziges Ziel zu verwirklichen – den Bau einer auf Kernspaltung basierenden Bombe. Nur zweieinhalb Jahre später war das Ziel erreicht: Am 17. Juli 1945 wurde auf dem Testgelände Alamogordo, ebenfalls in der Wüste von New Mexico, die erste Atombombe getestet. Drei Wochen später, am 6. und 8. August 1945, wurden die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki mit diesen Waffen angegriffen. Weit mehr als hunderttausend Menschen starben im nuklearen Feuer.

Auch die Entwicklung und der Bau einer (thermonuklearen) Wasserstoffbombe, also einer auf Kernfusion basierenden Waffe mit einer unvergleichbar höheren Sprengkraft als einer Kernspaltungsbombe, war ursprünglich ein Teil des Manhattan-Projekts gewesen. Doch es hatte sich sehr schnell herausgestellt, daß es nicht möglich sein würde, zwei so komplexe Vorhaben gleichzeitig zu betreiben. J. Robert Oppenheimer, der wissenschaftliche Leiter des Manhattan-Projekts, hatte deshalb entschieden, die Arbeiten an der Wasserstoffbombe auf die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu vertagen. Einzig der aus Ungarn stammende Physiker Edward Teller bestand darauf, mit seiner Gruppe weiter am Konzept einer Fusionsbombe zu arbeiten: Er hatte innerhalb kürzester Zeit eine nur noch als pathologisch zu bezeichnende Besessenheit entwickelt, eine Wasserstoffbombe zu entwickeln und zu bauen.

Doch in den folgenden rund fünf Jahren erfolgte die Arbeit an der US-amerikanischen Wasserstoffbombe ohne echte Höhepunkte und Fortschritte, der Schwerpunkt der Arbeiten lag weiterhin auf dem Gebiet der auf Kernspaltung basierenden »klassischen« Atombombe.

Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion ihre erste Atombombe, etliche Jahre früher, als es die Spezialisten in den USA für möglich gehalten hatten. In der US-Öffentlichkeit löste dieses Ereignis eine Reaktion aus, die in gewisser Weise eine Vorwegnahme des sprichwörtlichen »Sputnik-Schocks« war, der die westliche Welt acht Jahre später, nach dem Start des ersten sowjetischen Erdsatelliten, erschüttern sollte. Unter dem Eindruck des erfolgreichen sowjetischen Atombombentests sah Edward Teller nun seine große Chance, den Druck auf die politischen und militärischen Entscheidungsträger in der US-Regierung zu erhöhen, jetzt endlich ein umfassendes Programm zur Entwicklung und zum Bau der Wasserstoffbombe aufzulegen, dem höchste Priorität eingeräumt werden sollte und für das alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden sollten.

Ein Beraterkomitee der Atomenergiekommission unter Leitung von J. Robert Oppenheimer, dem u. a. die Nobelpreisträger Enrico Fermi und Isidor Isaac Rabi sowie weitere hochkarätige Wissenschaftler des Manhattan-Projekts angehörten, kam jedoch Anfang November 1949 zu einer gänzlich anderen Schlußfolgerung: Es wurde festgestellt, daß eine Wasserstoffbombe »keine Begrenzung der Explosivkraft hätte, mit Ausnahme der Beschränkungen, die sich aus der Notwendigkeit ergeben, daß sie transportabel sein muß«. Und weiter: Die Wasserstoffbombe ist »keine Waffe, die ausschließlich gegen militärische und halbmilitärische Einrichtungen eingesetzt werden kann. Ihr Einsatz würde in noch viel größerem Maße als der Einsatz der Atombombe Ausdruck einer Politik der Massenvernichtung der Zivilbevölkerung sein. (…) Aus diesem Grund kann die Superbombe zu einer Waffe des Völkermordes werden.« Die einstimmige Empfehlung des Beraterkomitees lautete daher, auf die Entwicklung und den Bau der Wasserstoffbombe aus grundsätzlichen Erwägungen zu verzichten und die Bemühungen zu einer internationalen Kontrolle und Begrenzung der nuklearen Rüstung zu intensivieren.

In den folgenden Wochen und Monaten gingen die Diskussionen auf der Ebene der Atomenergiekommission und des Beraterkomitees weiter, doch US-Präsident Truman hatte die Angelegenheit längst auf die höchste Regierungsebene gezogen: Ein Subkomitee des Nationalen Sicherheitsrates der USA, das auch die Meinung des Ausschusses für Atomenergie des Kongresses und die Meinung der Vereinten Stabschefs, des höchsten militärischen Führungsorgans, einholte, bereitete im Januar 1950 die verhängnisvolle Entscheidung vor, die Truman dann am 31. Januar 1950 verkündete.

Edward Teller verwandte nun seine gesamt Energie darauf, das im kleinsten Kreis beschlossene Vorhaben – insgesamt waren weniger als fünfzig Menschen in die Debatte einbezogen, bei der es de facto um die technische Möglichkeit der Selbstvernichtung der gesamten Menschheit ging – in die Praxis umzusetzen. In den folgenden Monaten und Jahren erwarb er sich so den zweifelhaften Ruf, der »Vater der US-amerikanischen Wasserstoffbombe« gewesen zu sein, auch wenn der entscheidende wissenschaftliche Beitrag nicht von ihm, sondern von dem aus Polen stammenden Physiker Stanislaw Ulam kam.

Am 1. November 1952 erfolgte die Zündung der ersten US-amerikanischen Wasserstoffbombe, wobei der Begriff »Bombe« im Grunde falsch war, denn es handelte sich um eine nichttransportable Versuchsanordnung in der Größe eines Wohnhauses, mit einer Masse von nicht weniger als 62 Tonnen. Immerhin entwickelte diese erste Wasserstoffbombe eine Sprengkraft von 10,4 Megatonnen TNT, etwa fünfhundertmal mehr als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki. Am 28. Februar 1954 schließlich konnten die USA die erste Wasserstoffbombe testen, die von einem Flugzeug hätte transportiert werden können und daher die Bezeichnung »Bombe« auch zu Recht trug.

Die Sowjetunion zündete ihre erste Wasserstoffbombe am 22. November 1955. Sechs Jahre später, am 30. Oktober 1961, wurde auf der Insel Nowaja Semlja, nördlich des Polarkreises, die größte Wasserstoffbombe aller Zeiten getestet. Sie hatte eine Sprengkraft von 58 Millionen Tonnen TNT, also etwa 3800 Hiroshima-Bomben.

Dem Irrsinn solcher Tests machte erst das Moskauer Atomteststoppabkommen vom 5. August 1963 ein Ende. Doch was in der Öffentlichkeit heutzutage kaum noch Beachtung findet: Wasserstoffbomben gehören noch immer zum Waffenarsenal der Atommächte. Ihr Einsatz ist jederzeit und überall möglich.

Quellentext: War die Wasserstoffbombe notwendig?

Der Vorschlag (des Beraterkomitees – RF) bestand darin, Verhandlungen mit Rußland mit dem Ziel aufzunehmen, daß beide Länder sich verpflichten, die Wasserstoffbombe nicht zu entwickeln. Wenn es möglich gewesen wäre, ein solches Abkommen zu erreichen und umzusetzen, dann wäre die Welt weit entfernt von der Gefahr, vor der sie heute steht. Weder wir noch vermutlich die Russen wußten, wie eine Wasserstoffbombe gemacht wird. In diesem gesegneten Zustand der Unwissenheit hätten wir bleiben sollen. … Viele Menschen werden behaupten, daß Rußland eine solches Abkommen akzeptiert und dann gebrochen hätte. Das glaube ich nicht. Thermonukleare Waffen sind so kompliziert und komplex, daß niemand sicher sein kann, daß er die richtige Lösung gefunden hat, bevor er ein solches Gerät getestet hat. Aber es ist allgemein bekannt, daß der Test einer Bombe von solchen Ausmaßen sofort festgestellt werden kann. Das heißt, auch ohne Inspektion vor Ort würde es jede Seite sofort erfahren, wenn die andere Seite das Abkommen gebrochen hat. Es ist schwer zu sagen, ob die Russen unabhängig von uns die Wasserstoffbombe entwickelt hätten. … Nach dem wir angekündigt hatten, daß wir die Sache betreiben würden, hatten die Russen keine andere Wahl mehr, als dasselbe zu tun. Auf dem Gebiet der Atomwaffen haben wir seit dem Ende des Krieges sowohl quantitativ als auch qualitativ die Vorgaben gemacht. Rußland mußte uns folgen oder zu einer untergeordneten Macht werden. Zusammenfassend muß ich feststellen, daß die Entwicklung der Wasserstoffbombe eine Katastrophe war. … Wir hätten einhalten und vor jedem neuen und unumkehrbaren Schritt sehr gründlich die Folgen bedenken müssen.

Der deutsch-US-amerikanische Atomphysiker Hans Bethe 1954 in seinem damals geheimen Essay »Kommentare zur Geschichte der Wasserstoffbombe«

26.01.2010

Lokal handeln/Global denken

von Helmut Höge

1. Das Netzwerk “Lokomotive Karlshof”

von Gabriele Goettle

“Warum Rosen besingen, Aristokrat! Besing die demokratische Kartoffel, die das Volk nährt!” (Heinrich Heine)

Peter Just, landwirtschaftlich engagierter Bibliothekswissenschaftler, wurde 1975 in einem Dorf bei Göttingen als Lehrerssohn geboren. Nach dem Abitur studierte er am Osteuropa-Institut der FU Berlin Politikwissenschaften, nach vier Semestern Wechsel zu den Bibliothekswissenschaften an die Humboldt-Universität (Schwerpunkt Elektronische Medien). Nach dem Magister Arbeit in einem Kreuzberger Verlag. 2006 Einstieg ins NKL-Projekt “Lokomotive Karlshof” (NKL steht für “nichtkommerzielle Landwirtschaft”). Zeitgleich Gründung des Internetbuchladens reiseliteratur-online.de (Belletristik und Sachbuch zum jeweiligen Reiseland) und des neuen Ablegers links-lesen.de (dessen Erträge dann wiederum in die NKL fließen, in ein linkes Hausprojekt in Potsdam und einen antisexistischen Frauen-Info-Laden in Neuköln).

Ein beliebter Che-Guevara-Spruch in der linken Szene war: Seid realistisch, fordert das Unmögliche!” Auf dem Karlshof wird das Unmögliche nicht nur gefordert, es wird von den Utopisten einer “nichtkommerziellen Landwirtschaft” (NKL), in die Praxis umgesetzt. Sie bauen Kartoffeln an und verschenken sie. Sie lehnen jede Bezahlung ab, ebenso Gutschriften und sogar den Tausch. Sie haben kein karitatives Motiv. Sie wollen mehr! Sie möchten durch den Aufbau einer kleinen, nichtkapitalistischen Nahrungsversorgung eine soziale Kettenreaktion auslösen, Leute anstiften, an einem nichtkommerziellen Netzwerk auf Gegenseitigkeit teilzunehmen. Die Mitglieder des Karlshofs sind keine Eigentümer. Er wurde ihnen zur Verfügung gestellt, von der Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit (PAG), einem Netzwerk von Gemeinschaftsprojekten und einzelnen Leuten in Berlin und Brandenburg, das, in Kooperation und mithilfe einer Stiftung, Liegenschaften kauft und leihweise an geeignete Projekte vergibt. Der Karlshof ist eines dieser Projekte.

Den Sinn dieser außergewöhnlichen Versuchsanordnung hat ein Mitglied der Gruppe “Lokomotive Karlshof” treffend so formuliert: “Die Perspektive kann nicht sein, individuell die Schafe ins Trockene zu bringen, sondern auf kollektive Autonomie ausgerichtete Strukturen zu entwerfen, um sich gegenseitig zu unterstützen.” In Zeiten sich verschärfender gesellschaftlicher Verhältnisse erregt das Experiment die Fantasie.

Der Karlshof liegt 90 Kilometer nördlich von Berlin, dreieinhalb Kilometer von der Stadt Templin entfernt. Es gibt eine einsame Bushaltestelle an der ehemaligen LPG. Weite Ebenen, abgeerntete steinige Felder, an den Rändern in der Ferne Wald und Buschwerk. Es sieht sehr nach Tristesse aus. Ein langer Sandweg, gesäumt von Peitschenlampen, führt an desolaten, grauen Stallungen und Wirtschaftsgebäuden vorbei zum Hof. Vor einem schmucklosen zweistöckigen Wohngebäude mit Satteldach, das unverkennbar aus LPG-Zeiten stammt, endet der Weg in einer ausgefahrenen Schleife.

Peter Just, einer der Aktivisten, erwartet Elisabeth und mich bereits und lädt zu einem Rundgang ein. Der 50-ha-Hof umfasst Äcker, Weideland, etwas Wald, Obst- und Gemüsegärten sowie die Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Auf den weiträumigen Feldern werden Kartoffeln und diverse Getreidesorten biologisch angebaut. Wir besichtigen ein abgeerntetes Feld, auf dem noch einige kleine Kartoffeln liegen, und ein benachbartes, schütteres Sonnenblumenfeld, das demnächst abgeerntet werden soll zur Ölgewinnung.

Der Karlshof bekam eine Ölmühle vom Biohof Ulenkrug zur Verwertung der Sonnenblumen. Peter erklärt: “Man muss sie nach dem ersten Frost ernten. Gefroren hat es aber erst am 10. Oktober, dann war Regen. Jetzt sind sie zu feucht zum Ernten, dann war was mit der Hydraulik …Also an mir lag es nicht, dass sie immer noch … so! Deswegen hat es mich auch geärgert, dass ich hier ein bisschen ausgelacht wurde … Irgendwann mal haben wir Öl!”

Elisabeth fragt: “Warum eigentlich ,Lokomotive Karlshof’, hieß die LPG mal so?” Peter verneint: “ ,Lokomotive’, da gibt’s einfach viele Assoziationen, zum Beispiel zur Arbeitersportbewegung, was in Verbindung mit der Landwirtschaft ja eine ironische Brechung ergibt, oder zu einer Politband aus dem Kreuzberg der 70er-Jahre und eben zur dynamischen Maschine, von der wir fasziniert sind, die ein Sinnbild für Produktivität war, für Güterverteilung und Kraft.”

Während wir, begleitet von zwei sehr jungen und zutraulichen getigerten Kätzchen, über schweren, feuchten Ackerboden stapfen, erzählt Peter, dass sich momentan zwölf Erwachsene unterschiedlichen Alters - teils aus den neuen, teils aus den alten Bundesländern stammend - mit fünf Kindern auf dem Hof befinden. Zwei sind studierte Agrarwissenschaftler, die anderen kommen aus verschiedensten Richtungen, bis hin zur Ethnologie, für die meisten waren die Arbeiten gewöhnungsbedürftig. “Gut”, sagt Peter, “wir können uns natürlich nicht komplett selber versorgen hier, es gibt finanzielle Nebenabhängigkeiten, logischerweise, und das macht manchmal Stress.” Aber man hat den Versuch gewagt. Die Beteiligten üben das Kunststück, mit einem Bein im Geldkreislauf festgebunden zu sein und mit dem anderen im Freien Fuß zu fassen.

Nicht alle leben hier ständig, nicht alle sind Mitglieder des Netzwerks. Aber alle kommen aus linken Zusammenhängen und beteiligen sich auf unterschiedliche Art und Weise. Männer und Frauen teilen sich die Hausarbeiten. Jeder muss im Turnus putzen, kochen, Wäsche waschen. Die Reparaturen, Garten- und Feldarbeiten werden je nach Schweregrad, Neigung oder Sachkenntnis übernommen. Mit dem Nachbarbauern hat man ein sehr gutes Verhältnis, man hilft sich gegenseitig, er leiht fehlende Gerätschaften aus. Eine Schar von Leuten leistet ab und an solidarische Hilfe bei diversen Arbeiten. Besonders zur Kartoffelernte im Herbst kommen für 14 Tage zahlreiche Netzwerkhelfer und Freunde angereist. Sogar die Kinder des benachbarten Waldkindergartens helfen, und auch Kinder aus der Freien Schule Templin, die auch Kartoffeln erhält. Man ist mit verschiedenen landwirtschaftlichen Kooperativen in gegenseitiger Hilfe und, wie es Peter formuliert, “bedürfnisorientiertem Austausch” verbunden. “Einsam und verlassen sind wir hier nicht”, sagt Peter und lacht.

Die Gebäude der ursprünglichen bäuerlichen Hofstelle bilden ein Ensemble, sind aus rotem Backstein und stehen ein wenig abseits vom Wohnhaus. Im lang gestreckten ehemaligen Stall mit durchgehendem Dachboden sind unten verschiedene Werkstätten eingerichtet. Oben unter dem alten Gebälk wurden zahlreiche Möglichkeiten zur Unterbringung der Helfer und Gäste geschaffen, zum Schlafen, Feiern und Spielen. “Im Sommer und Herbst waren eine Menge Leute da”, erklärt Peter, “die müssen natürlich ordentlich versorgt werden.” Er zeigt uns die Sommerküche mit Terrasse nebst Backofen. Auch ein ästhetisch sehr gelungenes solarbetriebenes Badehaus aus Ziegeln und Holz sowie zwei Komposttoiletten mit Rädern stehen zur Verfügung.

Das ehemalige Bauernhaus - in seinen Kellerräumen lagern die Kartoffelvorräte des Karlshofs bei idealen acht Grad und guter Lüftung - wird seit Längerem saniert. Es soll als Gemeinschafts-und Seminarhaus dienen. Momentan wird eine Heizung eingebaut. Zwei sichtbar gut gelaunte Leute, ein Schlosser und eine Schlosserin - beide haben Umwelttechnik studiert -, schneiden vor dem Haus die Rohre und Gewinde zurecht. Sie sind zur solidarischen Hilfe auf den Hof gekommen und stellen dem Netzwerk ihre handwerkliche Leistung gratis zur Verfügung. Wie auch die anderen reisenden Handwerkerinnen und Handwerker, die hier im Sommer umfangreiche Steinmetz-, Maurer- und Zimmermannsarbeiten gemacht haben, das originelle Badehaus errichteten und einen künstlerisch gestalteten steinernen Brunnen. Eine Schmiedin war da und hat Maueranker geschmiedet und eingezogen. Der Karlshof muss für all das nur die verbauten Materialien bezahlen.

Auch die Tiere scheinen sich wohlzufühlen. Es gibt ein paar Schafe, eine Schar Gänse, die aufrecht und aufgeregt dahinstrebt, und bedachtsam scharrende und pickende Hühner in Braun und Weiß, nebst Hahn. Zwei schmale Schweine mit dunklen Tupfen, Charles und Camilla, durchfurchen ihr Gehege und heben freundlich die Köpfe, als wir näher treten. “Sie bekommen gedämpfte Kartoffeln mit Gerste und Erbsen. Der Dämpfer war ein Geschenk aus dem Netzwerk”, erklärt Peter.

Im großen Garten werden Salat und Gemüse gehegt und geerntet, es wächst reichlich für alle Bewohner und auch für die Gäste. Und für den Winter werden Marmeladen, Sirupe, Gelees, Chutneys hergestellt und natürlich Sauerkraut. Unter dem übervollen Birnbaum liegen verschwenderisch hingebreitet große, gelbe Birnen im Gras. Es wirkt wie Hohn und Spott. Ohne diese Eigenschaft und Gunst der Natur, die ja erst die Möglichkeit des Mehrwerts bietet, wären nie die weltbeherrschenden Systeme entstanden.

Die beiden kleinen Katzen begleiten uns immer noch unverdrossen durch ihr zukünftiges Jagdrevier. Peter zeigt uns einen alten Belarus-Traktor aus Minsk und einen DDR-Traktor namens “Fortschritt”. Er erzählt: “Wie ich den angemeldet habe, meinte die Frau, die da im Kostüm hinter dem Tresen saß: ,Ach, der alte ,Fortschritt’, den durfte ich früher nie fahren. Das war der Männertraktor, und der ,Belarus’ war der Frauentraktor.’ ” Er lacht, zeigt auf Egge und Kultivator und führt uns dann in die teils desolaten LPG-Gebäude. Zeigt einbrechendes Dachgebälk und große Hallen, die als Remise dienen und als Lagerhalle für das Saatgut, für Getreide, Hülsenfrüchte und die Sonnenblumenkerne.

Es gibt teils museale Sortiermaschinen für Hülsenfrüchte und Getreide und den DDR- Mähdrescher namens “Hamster”. Sogar eine rustikale Holztheke mit Barhockern ist da, für die großen Sommerfeste. In hängenden weißen Gewebesilos lagert hier nun mäusesicher die Ernte. Ein defekter Traktor steht in der picobello geordneten Werkstatt. “Es gibt einen Maschinenbauer, der kommt regelmäßig vorbei, zum Glück”, sagt Peter.

Die Wahnwitzigkeit des Unternehmens wird angesichts der alten und reparaturbedürftigen Gebäude und Arbeitsgeräte, des Dieselpreises und der Materialkosten besonders deutlich. Spenden könnten hier gute Dienste leisten. Also für Anleger mit Prinzipien das ideale Objekt. Garantiert boni- und renditefrei!

Bei einem wohlgeratenen Spaghettiessen nebst hofeigenem Salat mit kandierten Walnüssen und kühlem, naturtrübem Apfelsaft lernen wir auch einige andere Hofbewohner flüchtig kennen. Sie sind wortkarg, scheinen aber freundlich. Danach bereitet unser Gastgeber Kaffee zu und bittet uns ins ruhige Wohn- und Spielzimmer. Es bietet Ausblick auf ein weites Feld und hat - wie alle Räume dieses Hauses - einen soliden Berliner Kachelofen.

“Ihr könnt gern auch noch Apfelsaft haben”, sagt Peter , “der ist übrigens ein Beispiel für das, was ich bedürfnisorientierten Austausch nenne: Von einer Kooperative bekommen wir Apfelsaft, wenn wir welchen brauchen, und die wiederum kommen, wenn sie Kartoffeln brauchen. Es wird unabhängig voneinander produziert, aber nichts gegengerechnet. Ein sehr angenehmes Verhältnis. Und jetzt erzähle ich einfach mal: Ich bin damals 2006 dazugestoßen über Freunde. Ich dachte, es ist Zeit, was anderes zu machen, es ist Zeit, mit den Gewohnheiten zu brechen, auf diesen Geldfluss da und auf den Äquivalententausch zu verzichten und nach Alternativen zu suchen. Zu schauen, wie wir anderweitig unsere Bedürfnisse befriedigen können, wie wir zu einer bedürfnisorientierten kollektiven Organisierung kommen, zu einer sozialen Vernetzung gegenseitiger Unterstützung … zu praktizierter Solidarität. Wir hatten uns alle kritisch mit der kapitalistischen Warenproduktion und dem Verwertungszusammenhang im Allgemeinen auseinandergesetzt, insbesondere mit den Bedingungen und Absurditäten der Nahrungsmittelproduktion im globalisierten Kapitalismus.”

Peter redet ernst, manchmal stockend, wenn er ein Wort auslässt, sagt er manchmal einfach nur “so”, oder er lächelt. “Und dann haben wir einfach angefangen und haben uns in die Praxis gestürzt. Es ist zwar oft hart, aber das Schöne für mich hier besteht darin, es ist einfach was Handfestes, was Praktisches, bei dem was Sinnvolles rauskommt. Kartoffeln sind toll! Wir erzeugen ein Grundnahrungsmittel, wir erzeugen es ökologisch. Ich kann es zusammen tun mit Menschen, die ich mag. Und man hat hier genug Zeit, Erfahrungen zu machen. Zu lernen, wie mache ich was, wann und warum. Also man setzt sich einfach Ziele und guckt, wie sie erreichbar sind. Wir machen jetzt das vierte Jahr Kartoffeln. Und wir wurden jedes Jahr besser.

2006 ist die NKL ja in Gang gekommen, als Versuch, eine alternative Wirtschaftsform zu praktizieren, jenseits vom Markt, mit dem Ziel, sich so weit wie möglich vom Geld zu lösen. Sich anders zu vergesellschaften, denn darum geht es. Es gab von Anfang an relativ viel Feedback von Berlin, auch einen größeren Interessentenkreis. Wir machten damals für diese Idee Propaganda. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe ,Die globalisierte Kartoffel’, im Café Morgenrot in Berlin, wurde das Konzept vorgestellt. Auch im Café der Agrarwissenschaftler in der Humboldt-Uni und später bei der Vorbereitung des G-8-Gipfels. Im Frühjahr 2006 jedenfalls schickten wir unseren ,Aufruf zur Selbstorganisierung’ an Hausprojekte, Landprojekte, WGs und politische Gruppen. An 150 bis 200 Menschen erst mal. Wir kamen auf einen Bedarf von etwa 4,15 Tonnen Kartoffeln, die wir auf 0,7 ha produzieren wollten. Bald schon gab es ein gemeinsames Kartoffelkäferablesen. Und dann, im September 2006, der große Augenblick, die Ernte! Es kamen überraschend viele Helfer. 4,5 Tonnen wurden geerntet.

2007 vergrößerten wir die Anbaufläche. 8,5 Tonnen war die Ernte. 2008 waren es schon 15 Tonnen auf 1,5 ha. Und zum ersten Mal hatten wir auch alle Saatkartoffeln aus eigener Produktion, die mussten wir ja anfangs kaufen. Also wir haben zwei Tonnen Saatkartoffeln rein getan und 15 Tonnen geerntet. Und 2009 haben wir auf 2 ha 18 Tonnen geerntet. Das ist doch eine recht gutes Ergebnis, dafür, dass wir keinen Dünger in den Boden geben?!

Aber es ist natürlich nicht das Ziel, immer mehr zu ernten. Wir erheben den Bedarf, und danach produzieren wir. Wir fragen im Netzwerk herum: Wer braucht wie viele und welche Kartoffeln? Der Bedarf pro Nase im Jahr liegt ja so bei 50 bis 55 kg.” [Um 1900 war es fünfmal so viel; Anm. G.G.] “Wir haben inzwischen verschiedene Kartoffelsorten, festkochende, mittelfeste und mehlige. Sogar rote. Und die werden dann mit dem Hänger nach Eberswalde, Potsdam und Berlin gebracht und eingelagert in Kartoffelkellern; das sind Orte, wo du hingehen und deine Kartoffeln abholen kannst. In Berlin ist es jetzt nicht mehr im Bethanien. Wir machen neuerdings das Kartoffelcafé in Kreuzberg, in der Admiralstraße 17, im Laden der KPD/RZ”. [Hierbei handelt es sich um die Spaßpartei "Kreuzberger patriotische Demokraten/realistisches Zentrum"; Anm. G.G.)

“Es gibt jetzt neben Kartoffeln auch noch Weizen, Buchweizen, Dinkel und Erbsen vom Karlshof. Und neuerdings sogar Brot. Das Café ist jeden zweiten Sonntag für NKL-Mitglieder geöffnet. Interessierte Menschen sind natürlich herzlich eingeladen und können sich ganz unverbindlich alles erst mal aus der Nähe angucken.”

Wir möchten wissen, was denn eigentlich genau von den Nutznießern der Kartoffeln erwartet wird. “Also der Beitrag, den wir erwarten, der wird nicht definiert, wir hoffen auf gute Einfälle. Das kann zum Beispiel Mithilfe sein im Kartoffelcafé. Es gibt eine Menge Möglichkeiten der Mitarbeit und Hilfe. Je nach Zeit und Fähigkeit kann die sporadisch sein oder auch regelmäßiger. Es gibt Leute, die sagen, okay, wir sind Mitglied im Netzwerk. Und es gibt Leute, die machen halt einfach nur so mit. Wir informieren im Internet über den Verteiler, was wir konkret brauchen. Also das kann praktische Hilfe sein, Marmelade kochen, was mauern, oder wenn’s ein Ingenieur ist zum Beispiel, der kann mit statischem Wissen helfen, mit einer einfachen Konstruktionsskizze für den Bau von einem Silo.

Wir brauchen vielfältige Sachen, auch gute Tipps oder Beratung von einem Netztechniker. Aber natürlich kann sich auch jemand an den Kosten beteiligen, wir brauchen ja Sprit für den Traktor, Material und Ersatzteile, müssten einige arbeitserleichternde Geräte anschaffen, das wird manchmal recht stressig. Vor anderthalb Jahren haben wir eine Spendenkampagne gemacht und Geld gesammelt für den Traktor. Davon haben wir den “Fortschritt” gekauft, den ihr vorhin gesehen habt. Aber wir möchten da eigentlich gar keinen Druck ausüben.

Und die Kartoffeln, die wir verschenken, sollen auch keine Verpflichtung sein, keine Vergütung für vergangene oder künftige Dienstleistungen. Wir wollen eben keinerlei Äquivalententausch, wir wollen nicht den Wert von Kartoffeln oder Leistungen taxieren und verrechnen müssen. Wozu? So müssen wir auch nicht immerzu gucken: Ist das jetzt gerecht oder ungerecht? Wurden wir übervorteilt? Das ist wahnsinnig erleichternd, wenn man das alles mal hinter sich hat!

Es gibt auch Leute, die sich Kartoffeln abholen, ohne direkt etwas für uns oder das Netzwerk zu tun. Es ist einfach so, es gehört mit zum Prinzip der Selbstorganisation, dass man umdenkt und sich überlegt: Was kann ich tun? Das und das wird vielleicht gebraucht, das und das wäre jetzt wichtig, die und die Bedürfnisse hat der andere. Anfangs hatten die Kartoffeln ja so eine Agitpropfunktion, inzwischen sind sie auch Symbol und Beweis dafür, dass es geht, und eine Aufforderung dazu, dass sich andere Produktionsbereiche gründen und selbstständig im Netzwerk engagieren. Das passiert auch. Jetzt hat sich gerade eine nichtkommerzielle Brotbackgruppe gegründet, die aus unserem Getreide Sauerteigbrote gebacken hat, sodass zum ersten Mal auch Brot verteilt werden konnte im Kartoffelcafé.”

Auf die Frage, ob er uns den theoretischen Ansatz noch mal genauer erläutern kann, sagt er abwehrend und entschieden: “Also ich bin jetzt keiner, der so beschlagen ist in Theorie, der diese Mehrwertsache vorträgt, da bin ich der Falsche. Aber eins weiß ich genau, ich halte eine Produktion um der Produktion willen, die nur produziert, um Geld zu machen, für unsinnig. Und ich halte das derzeitige Wirtschaftssystem für falsch, für ökologisch und sozial schädlich. Punkt! Das treibt mich schon um, dass jeder sechste Mensch hungert und jede Minute so und so viele Kinder sterben an Hunger. Es muss doch jedem klar sein, dass diese Art des Wirtschaftens mörderisch ist. Und da finde ich, dass unser wertkritischer Ansatz gut ist, dass wir in kleinem Maßstab aktiv werden, um einfach was zu versuchen, um die Dinge zu ändern.

Ich persönlich jedenfalls bin mit der Theorie nicht weitergekommen. Ich löse das für mich lieber praktisch, auf so einer solidarisch-menschlichen Ebene, und ich finde diese Versuche - auch von euch jetzt -, dem eine theoretische Grundlage abzuverlangen, echt nicht gut! Wir haben es ja immerhin innerhalb von vier Jahren geschafft, ein ziemlich autarkes kleines Wirtschaftssystem mit einem sich entwickelnden Netzwerk kollektiver Subsistenz aufzubauen. Und das ist nicht mehr theoretisch abgehoben, sondern eine ganz handfeste Geschichte.

Wir kommen zurecht. Sicher, wir haben auch die klassischen kollektiven Organisations- und Kommunikationsprobleme, wie andere auch. Wir haben einmal in der Woche eine Art Plenum, wo alles Wichtige besprochen wird. Es gibt natürlich auch Themen, wo keiner so richtig … unbeliebte Themen zum Beispiel Verantwortung für die Gebäude. Entweder wir übernehmen die … oder wir müssen eben sagen, gut, lasst diese Halle einstürzen. Bums! Aus! Dann haben wir es eben gemeinsam nicht geschafft. Und es gibt manchmal so Sachen, da fragst du dich: Warum mache ich mich hier zum Hampel? Aber wir kriegen es immer irgendwie halbwegs hin, würde ich mal sagen. Und ich will ja auch was anderes als nur Harmonie. Ich will auch was umsetzen.

Gut, während ich hier auf dem Acker herumfahre, haben andere an der Uni promoviert. Es ist schon ein sozialer Abstieg, wenig Geld, wenig Sicherheit, kein sozialer Status. Das ist vielleicht der Preis, den man in dem Sinne bezahlen muss. Aber das ist eine Sache der Perspektive. Denn wenn ich mir anschaue, wie es mir geht, dann würde ich sagen, ich fühle mich wesentlich besser hier. Es gefällt mir, draußen zu arbeiten, es gefällt mir, wofür ich arbeite. Und diese Freiheit, einfach etwas machen zu können, die habe ich in diesem Kontext mehr als anderswo. Zum ersten Mal bin ich nicht mehr so frustriert, nicht mehr so machtlos.”

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2. Der zweideutige Aufstieg Chinas

von Andreas Exner

“The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy”, so lautet der Titel von Minqi Li’s Erstlingswerk, das im November 2008 bei Pluto Press erschienen ist, übersetzt “Der Aufstieg Chinas und der Niedergang der kapitalistischen Welt-Ökonomie”. Li vereint darin zwei Qualitäten, die einzeln häufig, in Kombination jedoch selten sind: einen marxistischen Zugriff auf Gesellschaft und einen breiten ökologischen Horizont. Derart ausgestattet wagt er, was bis dato selten jemand tut: das Ende des Kapitalismus zu denken. Das Buch untersucht die Dynamik des kapitalistischen Welt-Systems und analysiert, welche Rolle der Aufstieg Chinas in diesem Kontext spielt. Minqi Li befasst sich mit dieser Frage schon geraume Zeit und resümiert seine Ergebnisse gleich zu Beginn: “Ich argumentierte, dass der ökonomische Aufstieg Chinas das kapitalistische Welt-System in der Tat auf verschiedene Weise stark destabilisieren und damit zu seinem endgültigen Niedergang beitragen würde.” Dies ist auch die Kernthese von “The Rise of China”.

Systemische Akkumulationszyklen

In den ersten beiden Kapiteln rollt Li im Schnellschritt die chinesische Geschichte auf, um Chinas industrielle Expansion in die Hegemonie- und Akkumulationszyklen einordnen zu können, die das Welt-System seit seinem Beginn vor rund 500 Jahren bestimmen. Die Theorie der systemischen Akkumulationszyklen wurde von der Weltsystemschule entwickelt; vor allem in den 1990er Jahren. Ihre Grundidee findet sich bei Karl Marx, der im ersten Band des “Kapital” schreibt: “Mit den Staatsschulden entstand ein internationales Kreditsystem, das häufig eine der Quellen der ursprünglichen Akkumulation bei diesem oder jenem Volk versteckt. So bilden die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems eine solche verborgne Grundlage des Kapitalreichtums von Holland, dem das verfallende Venedig große Geldsummen lieh. Ebenso verhält es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es aufgehört, herrschende Handels- und Industrienation zu sein. Eins seiner Hauptgeschäfte von 1701-1776 wird daher das Ausleihen ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen mächtigen Konkurrenten England. Ähnliches gilt heute zwischen England und den Vereinigten Staaten.”

Fernand Braudel hatte in den 1980ern mit Blick auf den Kulminationspunkt einer spezifischen kapitalistischen Epoche die allgemeine These präzisiert, dass “jede kapitalistische Entwicklung dieser Größenordnung, wenn sie die Phase der finanziellen Expansion erreicht, ihre eigene Reife angekündigt hat: es ist dies ein Zeichen des Herbstes”. Giovanni Arrighi schließlich ordnete die Ausdehnung der Finanzmärkte, die sich seit den 1980er Jahren entwickelte, in dieses langfristige Muster ein und analysierte sie als jüngste Phase “finanzieller Expansion” des kapitalistischen Welt-Systems. Arrighi zufolge verläuft die Akkumulation nicht nur auf der Ebene des Einzelkapitals, sondern auch im Weltmaßstab als ein Zyklus G-W-G’, also von Geld-Ware-Mehrgeld. Den ersten Teil des Zyklus, die materielle Expansion G-W, zeichne aus, dass Profite vorrangig in der Warenproduktion generiert werden. Die materielle Expansion führt zu Überakkumulation, verschärfter Konkurrenz und zunehmender politischer Instabilität. Sie geht daher über in eine finanzielle Expansion W-G’, in der die Kapitalisten Profite vor allem durch finanzielle Anlagen und Finanzspekulation lukrieren; in der Form G-G’. Die finanzielle Expansion ergibt sich zum einen aus bestimmten “Angebotsbedingungen” - die etablierten Handels- und Produktionskanäle können die Profite nicht mehr in vollem Umfang aufnehmen; zum anderen aus der zunehmenden Geldnachfrage und Konkurrenz um Geldkapital seitens der Staaten, die damit auf Finanzierungsschwierigkeiten aufgrund der nachlassenden Realakkumulation reagieren.

Die finanzielle Expansion ist in allen Akkumulationszyklen bisher Begleiterscheinung einer sich erschöpfenden hegemonialen Macht. Der absteigende Hegemon kann seine Vorrangstellung auf diesem Weg ein letztes Mal über die Runden retten, indem er seine finanzielle Macht ausbaut und sich damit noch eine Zeit lang trotz abnehmenden technologischen und produktiven Vorsprungs gegenüber der Konkurrenz behauptet. Die Phase der finanziellen Expansion bricht zusammen, sobald die Möglichkeiten der Realwirtschaft offenkundig überdehnt sind und der Abstieg des Hegemons aufgrund seiner nachlassenden Fähigkeit, das Welt-System zu seinen Gunsten zu regulieren, unabwendbar ist. Es folgt eine Phase, die Arrighi “systemisches Chaos” nennt, in deren gewalttätigem Verlauf der Aufstieg eines neuen, mächtigeren Hegemons ansetzt. Marx gegenüber betont Arrighi, dass die Reihe der Hegemonialmächte nicht eine schlichte Abfolge führender Staaten, also keine “Wiederkehr des Immergleichen” darstellt, sondern durch immer größere Ausdehnung, Ressourcenausstattung und Weltmacht des jeweiligen Hegemons charakterisiert ist.

China im Zyklus

Vor Beginn des kapitalistischen Welt-Systems war China die größte ökonomische Macht. Seit 1500 begann China im Bruttoinlandsprodukt pro Kopf gemessen hinter Westeuropa zurückzufallen; wie Li zeigt, stellte es allerdings noch bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts “die weltweit größte territoriale Ökonomie unter einer einzigen politischen Jurisdiktion, die für ein ganzes Drittel des globalen Bruttoprodukts aufkam”, dar. Im Verlauf desselben Jahrhunderts sank China aber in die Semiperipherie des kapitalistischen Welt-Systems ab. Die sozialistische Revolution in China kehrte diesen Abstieg um. Und die Akkumulation der 1950er, 1960er und 1970er Jahre machte schließlich das “Wachstumswunder” Chinas seit den 1980er Jahren möglich. Li betont die Erfolge der maoistischen Ära beim Kapitalaufbau und in der Entwicklung technischer Kompetenz. Die zusehends eigenzentrierte Entwicklung äußerte sich schon früh in sinkenden Importquoten maschineller Ausrüstungsgüter, aber auch in einem hohen Grad von wirtschaftlicher Diversifikation. Noch beachtlicher waren die Erfolge in den Bereichen Gesundheit und Bildung.

In den 1980er Jahren wurde China ein Stützpfeiler des Neoliberalismus. Seine riesige industrielle Reservearmee erlaubte es, Löhne durch Produktionsverlagerung zu senken und noch mehr wurde diese als eine Drohung gegen die ArbeiterInnen der Zentren eingesetzt. Chinas Niedriglohnsektoren versorgten das Zentrum mit billigen Industriegütern, was positiv auf die Profitraten der dort engagierten Kapitalien wirkte. Li begründet dies mit dem Theorem des “ungleichen Tauschs”: Durch diesen Mechanismus hätten sich die Zentren einen Teil des Mehrwerts, den die lebendige Arbeit in China produzierte, angeeignet. Der vierte für den Neoliberalismus positive Beitrag Chinas war sein rasches BIP-Wachstum, wodurch sich das globale Wirtschaftswachstum deutlich beschleunigte. Schließlich wäre ohne China auch das Zahlungsbilanzdefizit der USA nicht denkbar; und ohne dieses Defizit nicht die neoliberale globale Ökonomie.

Den Neoliberalismus bestimmten ein hohes Zinsniveau, finanzielle Krisen und eine teilweise Absenkung der Reallöhne. Dazu kam, dass viele Staaten ihre Ausgaben reduzierten, um für Geldkapital attraktiv zu bleiben. Damit wurden alle drei Komponenten der effektiven Nachfrage angegriffen: öffentliche Ausgaben, produktive Investitionen und der Massenkonsum. Die finanzielle Instabilität führte viele Staaten dazu, mittels Handelsbilanzüberschüssen ausländische Währungsreserven aufzubauen. Diese Strategie erforderte ebenso wie das Wachstum der Weltwirtschaft bei gleichzeitiger Stagnation der Nachfrage einen “Schuldner und Konsumenten letzter Ordnung” - und das waren die USA, die 2001 bis 2005 mehr als 90 Prozent der weltweiten Ersparnisse an sich zogen. 2006 stieg China zum weltweit größten Gläubiger auf und die Welt wurde im Ganzen gesehen sogar zu einem kleinen “Schuldner”, wie Li zeigt.

Schuldenberge und Überkapazitäten

Li hält in seinem Buch, das im November 2008 erschienen ist, deutlich fest: Die Instabilität dieses schuldenbasierten Regimes muss in den Abstieg der USA einmünden: “Wenn der Konsum einbricht, ist es äußerst wahrscheinlich, dass die US-Ökonomie in eine tiefe Rezession mit einer anschließenden dauerhaften Stagnation fällt, wenn man sich das überproportionale Gewicht des Konsums in der US-Ökonomie vor Augen hält.” Diese Prognose erhärtet sich inzwischen mit jedem Monat ein Stück mehr.

Die Möglichkeit einer neuen finanziellen Blase nach dem Muster von dot.com oder der vor 2008 expandierenden Immobilienspekulation verneint er. Dass der Dollar in Form eines Crashs abwertet, hält er für wahrscheinlich. Li ist deshalb überzeugt, dass die USA die hegemoniale Stellung verlieren werden. Die Frage freilich ist, ob China die niedergehenden USA nach dem Muster bisheriger hegemonialer Transitionen beerben können oder nicht. Li ist skeptisch. China hing nämlich bis zum Sommer 2008 vor allem vom US-Konsum ab. Dazu kam, dass sein exzessives Investitionsniveau die Rohstoff- und Energienachfrage massiv in die Höhe trieb - eine wesentliche Ursache der steigenden Rohstoff- und Energiepreise in den Jahren vor 2008. Hätte China seinen Investitionsgalopp aufrechterhalten - so muss man im Anschluss an Li, jedoch bereits im Konditional formulieren - wären massive Überkapazitäten die Folge gewesen (die jetzt aufgrund einbrechender Nachfrage wachsen). Dazu kommt, dass Chinas Pool ungenutzter Arbeitskräfte vor dem Sommer 2008 rapide abschmolz, was bereits zu rascher steigenden Löhnen geführt hatte. Festzuhalten bleibt, dass ein etwaiger Aufschwung - der unwahrscheinlich ist - diese Tendenzen erneut in Gang setzen würde.

Ein Dreischichten-Modell

Um die Frage zu klären, ob China der kommende Hegemon des kapitalistischen Welt-Systems werden könnte, orientiert sich Li an einem Dreischichten-Modell des internationalen Staatensystems: Zentrum, Peripherie und Semiperipherie: “Chinas innere soziale Transformation und sein Aufstieg im Welt-System drohen die Stabilität der Semi-Peripherie zu unterminieren und aus diesem Grund die ganze dreischichtige Struktur”, denn: das kapitalistische Welt-System kann Li folgend nur existieren, wenn eine mittlere Schicht das Zentrum von den sozialen Spannungen und Ansprüchen der Peripherie abschirmt. “Das mittlere Stratum ist zugleich Ausbeuter und ausgebeutet. Indem die herrschenden Eliten dem mittleren Stratum Zugang zu einem Teil des Surplusprodukts ermöglichen, kaufen sie sich die potenzielle politische Führung der ausgebeuteten Masse”.

Mit dem Wechsel Chinas in die Kategorie der “Wohlstands-Semiperipherie” würden, so Li, die globalen Machtverhältnisse massiv verändert - zum Nachteil des Zentrums, das nun einen immer größeren Teil des globalen Surplus mit der drastisch gewachsenen oberen Hälfte des mittleren Stratums teilen muss; und zu Ungunsten der Stabilität des Welt-Systems, da die addierten Ansprüche von Zentrum und erweiterter Semiperipherie immer schwerer auf der Peripherie lasten.

Auch in einem “Szenario der Angleichung nach unten”, wonach Chinas industrieller Aufstieg die “Wohlstands-Semiperipherie” unter Konkurrenzdruck und zum ökonomischen Abstieg bringt, wäre der Effekt destabilisierend, “nachdem die Staaten des Zentrums an der Spitze sich möglicherweise vereintem Widerstand und Rebellion der Peripherie und der Armuts-Semiperipherie gegenübersehen.” Li hält im Anschluss an Wallerstein deshalb fest, dass das Welt-System durch seine inneren Tendenzen über die Grenzen seiner Selbstregulationsfähigkeit hinausgetrieben wird, mit anderen Worten, “das existierende Welt-System sich seiner Endkrise nähert.” Das Welt-System hängt von billigen Löhnen, niedrigen Steuern und geringen Umweltkosten ab.

Alle drei Parameter zeigen jedoch eine steigende Tendenz, die sich durch den Aufstieg Chinas noch beschleunigt. Damit verringert sich der Profit, und die Akkumulation lässt nach. Bisher konnten Akkumulationskrisen durch den Übergang der Hegemonie auf eine jeweils mächtigere Herrschaftsstruktur, geeignet die wachsende Komplexität des Systems zu regulieren gelöst werden - vom genuesisch-spanischen Machtkomplex auf Holland, anschließend auf das englische Empire, und von dort auf die USA. “Allerdings hat im Verlauf des Niedergangs der US-Hegemonie keine der großen Mächte (inklusive China) eine glaubhafte Chance die USA zu ersetzen und die nächste Hegemonialmacht zu werden. In dem Ausmaß, worin das existierende Welt-System seine Fähigkeit, sich durch eine neue hegemoniale Macht zu erneuern und zu restrukturieren, erschöpft, hat es seine eigene historische Grenze erreicht”, meint Li.

Die ökologischen Grenzen der Akkumulation

Chinas hegemoniale Potenziale sieht Li in mehrfacher Hinsicht beschränkt: Erstens ist der technologische Abstand gegenüber den Zentren zu groß, zweitens verfügt China nicht über ausreichende militärische Kapazitäten, drittens weist China ein ungünstiges Verhältnis von natürlichen Ressourcen und Einwohnendenzahl auf. Sieht man sich den vor Ausbruch der Krise projektierten Energieverbrauch Chinas bis 2035 an, ist leicht zu erkennen, dass es China grundsätzlich nicht gelingen kann, mit den USA auf konsumtiver Ebene gleichzuziehen - “im Jahr 2035 wäre praktisch kaum noch Energie übrig für die Welt außerhalb von China, Indien, die USA und die Eurozone. Es ist sicherlich unmöglich, dass ein solches Szenario Wirklichkeit wird.”

Li widmet sich eingehend den verschiedenen Aspekten dieses unmöglichen Szenarios: die Verknappung fossiler Ressourcen, aber auch die begrenzten Vorräte an Uran sowie von technologisch wichtigen Metallen zeigen klar, dass die Kapitalakkumulation an innere Grenzen stößt. (Die Ökologie ist für das Kapital in seiner doppelten Eigenschaft, Stoff und Wert zu sein, keine äußere Beschränkung. Sie bildet vielmehr eine innere Grenze der Akkumulation - die Ware ist eben nicht nur Wert, sondern auch Gebrauchswert.) Windkraft und Solarenergie könnten Li zufolge physisch gesehen zwar rund 75 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs des Jahres 2005 (in Form von Elektrizität) decken, doch überfordert der dafür notwendige Ausbau und der Unterhalt dieser Technologien das System finanziell; jedenfalls solange man gleiches Konsumniveau wie vor der Krise unterstellt.

Würde der gesamte Endenergieverbrauch der Welt durch Erdöl gedeckt, so kalkuliert Minqi Li, beliefen sich die Kosten auf 4 Prozent des Weltbruttoprodukts. Schon die Produktion von Elektrizität erhöht die Kosten der Energiebereitstellung jedoch deutlich. Würde der gesamte Endenergieverbrauch durch Elektrizität gedeckt, stiegen die Kosten deshalb auf 12 Prozent des Weltbruttoprodukts. Die Kosten eines Umbaus des Energiesystems bei heutigem Konsumniveau sind freilich in Beziehung zur Weltersparnis zu setzen, das heißt zu jener Summe, die für Investitionen zur Verfügung steht. Die globale Bruttoersparnis beträgt rund 20 bis 25 Prozent des Weltbruttoprodukts, netto beläuft sie sich auf 10 bis 15 Prozent. Würde nun der weltweite Endenergiebedarf mittels Windenergie gedeckt, so betragen die Ausgaben für die Energiebereitstellung 26 Prozent des Weltbruttoprodukts.

Ein Viertel der weltweiten Wertschöpfung müsste also direkt oder indirekt der Energiebereitstellung gewidmet werden. Die hohen Kosten der Elektrizitätsspeicherung und der nötigen Back-up-Kapazitäten sind in diesem Anteil noch nicht eingerechnet. Ein Kostenanteil in Höhe von einem Viertel der globalen Wertschöpfung entspräche einem Rohölpreis von 180 US-Dollar pro Fass. Die gesamte Weltnettoersparnis wäre in diesem Fall aufgebraucht. Ein solcher Ausbau ist folglich nur denkbar, wenn andere Ausgaben, vor allem jene für den Konsum, eingestellt werden. Dieselbe Kalkulation für Solarthermie schließlich ergibt Summen, die nicht mehr aufzubringen sind, von anderen Solartechnologien gar nicht zu reden; die sind laut Li kostenmäßig und auf den heutigen Energiebedarf bezogen “ganz einfach keine Option”.

Dabei betont Minqi Li, dass “zusätzlich zu diesen Problemen herauszustellen ist, dass die Produktion erneuerbarer Energien gegenwärtig auf fossile Brennstoffe angewiesen ist sowie auf nicht erneuerbare Mineralien als materielle Inputs. Das bedeutet, dass die Expansion erneuerbarer Energien durch das limitierte Angebot nicht erneuerbarer Ressourcen behindert werden könnte.” Diesen Hinweis bekräftigt Li, indem er die Grenzen von Effizienzsteigerungen und der Biomasseproduktion analysiert.

Die Folgerung, die Li daraus zieht, ist eindeutig: “Nach 2050, während die fossilen Ressourcen weiter abnehmen, überalterte Nuklear- und Wasserkraftanlagen nicht mehr vollständig ersetzt werden können und das Potenzial der Ausweitung erneuerbarer Energien sich erschöpft hat, wird die kapitalistische Welt-Ökonomie (falls sie dann noch existiert) in einen permanenten Niedergang einmünden.”

Resümee

So zeichnet Li das Bild eines gesellschaftlichen Systems, das aufgrund begrenzter natürlicher Produktionsgrundlagen und einer Überdehnung seiner hegemonialen Struktur in die Endkrise eingetreten ist. Für Li ist das freilich weder ein Grund zur Resignation noch dafür, schlicht abzuwarten, sondern ganz im Gegenteil das Argument, den Kapitalismus mit größter Geschwindigkeit in bewusster Aktion aus der Welt zu schaffen: “Allem voran muss sich die Menschheit dafür einsetzen, das globale kapitalistische System so rasch wie möglich abzuschaffen. Um die totale Selbstzerstörung der Menschheit zu vermeiden, wäre - von diesem Standpunkt aus gesehen - sogar der Feudalismus besser als der Kapitalismus; klarerweise wäre irgendeine Art von Sozialismus zu bevorzugen.

Wenn dieser Versuch scheitert, so wird die kapitalistische Welt-Ökonomie aufgrund ihrer eigenen Bewegungsgesetze auseinander fallen, wie ich im Buch argumentiere; und zwar nicht später als in der Mitte des 21. Jahrhunderts. Allerdings wäre zu diesem Zeitpunkt schon zu viel Zeit verloren, um globale Katastrophen zu verhindern. Es wird Mitte des 21. Jahrhunderts auf der ganzen Welt wahrscheinlich sozialistische Regierungen geben. Aber die Aufgabe zukünftiger sozialistischer Regierungen bestünde nicht mehr länger darin, Katastrophen zu verhindern, sondern im Versuch, diese zu überleben, während sie stattfinden.” Problematisch ist, dass Li ein Weiterbestehen des Staates voraussetzt. Auch bleibt sein Bild der sozialistischen Alternative vage. Ein nachgerade gefährliches Terrain ist schließlich die Bevölkerungsdebatte, auf die Li peripher Bezug nimmt.

Zwar wäre es offenkundiger Unsinn zu behaupten, die Anzahl der Erdbewohnenden spiele für die Möglichkeit ihres auskömmlichen Lebens keine Rolle, doch scheint mir die Annahme, eine drastische Reduktion der Bevölkerungszahl sei vonnöten, ebenso problematisch. Li jedenfalls stützt sich unkritisch, wie mir scheint, auf Quellen, die davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung dramatisch sinken muss, um unter veränderten natürlichen Bedingungen einen annehmbaren Lebensstandard für alle gewährleisten zu können. Die Generallinie der Argumentation von Li beeinträchtigen diese Einwände freilich nicht. Und so ist ihm - mit Ausnahme der Hoffnung auf eine “Welt-Regierung” - darin beizupflichten:

“Wenn die katastrophischen Folgen des Klimawandels nicht verhindert werden können, so wird die ganze Menschheit um das Überleben kämpfen müssen. Sofern der Überlebenskampf allerdings unsere besten intellektuellen und moralischen Potenziale mobilisiert, dann könnte die Menschheit unter einer sozialistischen Weltregierung die Krise in einer relativ geordneten Weise überleben, während sie die wichtigsten Errungenschaften der kapitalistischen Zivilisation, nicht zuletzt jene der modernen Wissenschaft und Technologie, bewahrt.”
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Minqi Li: Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy, Pluto Press 2008, 192 Seiten, ca. 12 Euro (Taschenbuchausgabe 2009 bei Monthly Review Pr, ca. 15 Euro) http://www.bookzilla.de/shop/action/productDetails/8173503/m
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Kürzere, persönlichere Version dieser Rezension, mit Originalzitaten: http://www.social-innovation.org/?p=1030
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Greenhouse Infopool Berlin greenhouse@jpberlin.de www.jpberlin.de/greenhouse www.freie-radios.net www.coforum.de
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Wikipedia braucht mehr alternatives, ökologisches, emanzipatorisches Wissen! Wikipedia braucht dich! Tipps zum Einstieg: http://de.indymedia.org/2009/11/265808

25.01.2010

ANT-Anklänge

von Helmut Höge

Power to the Bauer

Das könnte das Motto der Grünen Woche sein, wobei die “Power” durchaus amerikanisch mittels neuer Technik, Anbauverfahren, Versammlungen  (bis hin zu Blasmusik von Trachtenkapellen) und kollektiven Belehrungen durch Weißkittel aller Art kommen soll. Heuer gab es eine ganze Biowaren-Halle von “Fair Trade” (in der es genauso gut roch wie in einem Bioladen), aber daneben hatten sich auch Nestlé, Coca-Cola und Mc-Donald’s ins Zeug gelegt - und lockten die Jugend mit Fitnessgeräten. In der Halle des Deutschen Bauernverbandes, der dort 2009 noch mit Lidl kooperierte, lagerte nun eine komplette Kuhherde in einem modernen Stall. Ab und an stand eine auf und ließ sich vom Melkroboter “Lely Astronaut” (der natürlich “Agronaut” hätte heißen müssen) 10 Liter Milch abzapfen.

Noch intellektueller ging es in der “Halle der Landwirtschaftsministerin” zu. Dort begeisterte mich am Stand des staatlichen Julius-Kühn-Instituts für Pflanzenanalytik in Klein-Machnow ein Lehrfilm aus einem Kieler Schädlingsforschungsinstitut über Parasiten von Pflanzenparasiten (entofilm.com). Diese, Schwebfliegen und Schlupfwespen zumeist, konnte man dort auch lebend bewundern.

Langsam dreht sich das Stadt-Land-Verhältnis um: die tumben Toren leben mehr und mehr in der Stadt. Nicht nur sind die meisten Bauern heute hoch- und breitgebildet, es gibt ganze “Bücherdorfer”. Das sind laut Wikipedia “Orte mit einer besonders hohen Anzahl an Antiquariaten”. Ihr Netzwerk warb heuer mit einem Stand in der Halle der Landwirtschaftsministerin - vis à vis vom Messeauftritt des “B.U.N.D., der seinerseits für regionale, ökologisch angebaute Lebensmittel warb - mit einem etwas einfältigen Mitmachspiel.

Die Grüne Woche hatte das Problem, dass viele ländliche Regionen immer weniger auf Landwirtschaft setzen und stattdessen auf Tourismus - damit wären sie jedoch bei der ITB besser aufgehoben. Und dann ist die Grüne Woche schon lange keine Freßmesse mehr: In der Halle der Ukraine kostet ein winziges Canapee mit Lachskaviar zwei Euro. Also kommen auch immer weniger arme Berliner, um sich kostenlos mit seltenen Genüssen  vollzustopfen. Nach der Wende hörte die Bundesregierung auf - die Stände von Marokko bis Chile zu subventionieren. Stattdessen wurde die Messe  verwissenschaftlicht - und dazu die Ökos, die bis dahin vor der Tür gegen die “Giftgrüne Woche” demonstriert hatten, mit reingeholt.

Aber während die Partei der Grünen die Ökologie dann für ihre Politik instrumentalisierte, geht es auf der Grünen Woche bzw. bei immer mehr Ausstellern umgekehrt darum, die Ökologie zu politisieren. Es geht ihnen also nicht mehr darum, die Welt zu modernisieren, sondern, sie zu ökologisieren - im Kleinen, vor Ort. Denn nur Minderheiten sind produktiv, d.h. es wird keine Mehrheit angestrebt, sondern eine Differenz eröffnet.

Auf ihre Weise tun das auch all die Züchter, die Zebus, Wasserbüffel und Alpakas ausstellen - und sich dazu ähnlich organisieren wie die “Deutsche Guppy-Förderation”, der Berliner Vogelspinnen-Verein und die Schrebergärtner - mit einer eigenen Halle und einem riesigen Goethedenkmal in der Mitte. Oder indem man  “die besten fünf Süßwasser-Aquarien” auf der Grünen Woche zum “Finale” antreten ließ, um sie  “für die Weltmeisterschaft im August zu qualifizieren”. Wo führt das hin? Der Aquariumspfleger im Bremerhavener Zoo Dieter Marwedel spricht von seinen “Mitschwimmern”; die “Akteur-Netzwerk-Theoretiker” um Bruno Latour bezeichnen uns, Bürger, als “Mitforscher” und eine “ganzheitliche” Tierärztin aus Süddeutschland benutzte in einer “Talkshow” auf der Grünen Woche das Wort “Mitkühe”.

An einem märkischen Imkerstand erwarb ich für 2 Euro Erwin Strittmatters Jugendbuch “Tinko”. Darin geht es um den Kampf der Neuerer und Kollektivierer gegen die durch die Enteignung des Junkerlandes zu “Egomisten” gewordenen “freien, echten Bauern” - Landarme gegen Kulaken, sowjetische Technikbegeisterung gegen bildungsfeindliche Traditionalisten (Pferdebauern). Ein Gedicht, dass die jungen Pioniere  dazu vortragen, lautet: “Beim Furchen durch das Buchgezeil/verschwinden Furcht und Vorurteil”.

Gekämpft wird auf dem Land auch heute noch und wieder - aber ganz anders. Um die manchmal wirren Frontverläufe nachvollziehen zu können - dafür ist die Grüne Woche gut. Die LPG “Florian Geyer” in Saarmund, in der ich arbeitete, war übrigens die erste auf dieser Messe  - schon im Dezember 1989 begannen die Vorbereitungen dafür, u.a. mit einem Flugblatt von Kaderleiterin Elke über kommende Agrar-Probleme. Dazu gehört heute die Forderung: “Ölkonzern-Land in Bauernhand” und die Wiederansiedlung  der einst in die Stadt Vertriebenen, die nun als “Bio-Bauern” zurück aufs Land wollen. Auch das ist inzwischen in einigen EU-Ländern schon eine kleine Bewegung. Umgekehrt warb der Landjugend-Bund bis vor einigen Jahren noch mit einem ländlichen Buswartehäuschen als Stand.

Vom Sachzwang zur Objektbefreiung

Es geht hier nicht um den subjektiven Rest, sondern um Empirie versus Objektivismus. “Im ‘Kapital’ liegt die historische Initiative immer wieder bei den Kapitalisten,” heißt es im Reader “Über Marx hinaus” von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden, der am 22.Januar im Kreuzberger Buchladen “Schwarze Risse” vorgestellt wurde.

Marx’ quasi naturgesetzliche “Ableitung aller gegebenen ökonomischen Erscheinungen” rein aus der Kapitallogik, kritisierte bereits Karl Korsch, der sie 1929 als eine quasi Verstaatlichung (Verdinglichung) der in der revolutionären Periode vor 1850 aus der  “subjektiven Aktion der revolutionären Klasse” hervorgegangenen “materialistischen Geschichtsauffassung” begriff. Ähnlich bezeichnete Michael A.  Lebowitz 2009 es als eine “teleologische Absurdität”, wenn Marx annimmt [in den "Grundrissen"], “der Wert der Arbeitskraft enthalte Ausgaben für die Erhaltung  von Kindern, weil das Kapital 20 Jahre später ‘neue Arbeitskräfte zu rekrutieren wünsche’, statt dass die Arbeiter für die Durchsetzung dieser Erfordernisse gekämpft haben. Aber das ist ein logisches Ergebnis des Verschwindens der für sich selbst vorhandenen Lohnarbeit im ‘Kapital’.”

Mit diesem Objektivismus brüstet sich noch der Nürnberger Marxist Robert Kurz - z.B. in seinen Analysen der DDR, wobei er  großzügig darüber hinwegsieht, dass die DDR nicht an zu viel “Kasernen”- und “Konsum”-Unfreiheit zugrunde gegangen ist, sondern an zu viel Freiheit - im Produktionsbereich nämlich.

Dieser Objektivismus obwaltet aber auch noch im  post-kominternen Denken der Wendehälse-Verächter im Osten, deren Hauptsorge der abschmelzende  Staatenblock gegen den US-Imperialismus gilt, und die deswegen geneigt sind, alle  Proteste, Aufstände und autonomistischen Bewegungen in diesem Block als objektiv CIA/Mossad-gesteuert einzuschätzen.

Als neulich ein JW-Vertreter dieses “Marxismus’” zu einer Iran-Veranstaltung der taz-Genossenschaft eingeladen wurde, protestierten sofort etliche taz-Redakteure, die tatsächlich ein Oval-Office-Weltbild kultivieren, insofern  ihnen die “Menschenrechte” wesentlich sind.

Auch dies ein Objektivismus, über den bereits der Philosoph und taz-Mitinitiator Gilles Deleuze 1988 in seinem “Abecedaire” urteilte: “Die Menschenrechte sind nur was für Vollidioten!” Das sagte er als Empiriker. Die andere Seite ist jedoch auch nicht vor “teleologischen Absurditäten” gefeit. So erklärte z.B. der Peenemünder Steuerungsingenieur und spätere sowjetische Raketenbauer Helmut Gröttrup 1960 als Siemens-”Informatiker” (der den Geldautomaten miterfand) in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten: Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe. Quasi durchexerziert wurde das dann, wenn man dem Philosophen Günter Anders folgt, im Vietnamkrieg - als General McArthur den Atombombeneinsatz wünschte, die “Pentagon-Computer” jedoch gemäß ökonomischem Kalkül  “Nein!” sagten. Die Rechnerlogik ersetzte dabei erstmalig laut Anders die Moral - was bedeute, dass die Menschheit vor ihrer eigenen Technik kapituliert habe. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass General McArthur nach seiner Computer-Niederlage den Dienst quittierte und Aufsichtsratschef des Büromaschinenkonzerns “Burroughs”  wurde - also den Objektivismus im Nachhinein zu subjektivieren trachtete, um doch noch zu obsiegen.

In der heutigen Wissenschaftssoziologie möchte man diesen modernen Dualismus überwinden, u.a. indem man auch den Dingen Moral attestiert - da wo sie bisher nur als Sachzwang begriffen wurden: Bruno Latour spricht z.B. bei dem Autofahrer-Gebot, langsam zu fahren, von einer “schwachen Moral”,  während  “Fahrbahnschwellen” (Speed-Breaker) für ihn eine “starke Moral” beinhalten. Das selbe gilt für Metallpoller am Straßenrand, die  “menschliche” Polizisten ersetzen. Im Falle der “Unruhen” im Iran würde er wohl den Rat geben: “Follow the Actors!”

Der Hauptakteur ist unterdes verschwunden (auf dem Parkplatz der Berliner Messe). Photos: Poller-Archiv und Peter Grosse

21.01.2010

Kambodscha - Same Same But Different

von Helmut Höge

Hier ein kleiner Hintergrund-Text zu Detlef Bucks neuem Film, der wahrscheinlich und leider wieder eine Schmonzette ist. Wikipedia faßt den Filmfilm folgendermaßen zusammen:

“‘Same Same But Different’ spielt in Kambodscha. Benjamin, ein deutscher Abiturient, befindet sich als Rucksacktourist auf seiner ersten großen Reise. In einer Diskothek in Pnom Penh lernt er die junge Einheimische Sreykeo kennen, in die er sich verliebt. Obgleich sich herausstellt, dass Sreykeo als Prostituierte arbeitet und HIV-positiv ist, entscheidet sich Ben für diese Liebe.”

In der taz schreibt Tilman Baumgärtel heute - live aus Pnom Penh sozusagen, wo der Film Premiere hatte:

Einige der kambodschanischen Statisten, mit denen Detlev Buck “Same Same But Different” gedreht hat, sind Studenten am Department of Media and Communication an der Königlichen Universität von Phnom Penh, wo ich zurzeit unterrichte. Eine Woche nach der Premiere im Cine Lux sitzen wir im Seminarraum und diskutieren über den Film. Besonders begeistert ist keiner der Studenten. Vor allem die Tatsache, dass die weibliche Hauptrolle - ein Bargirl, in das sich ein deutscher Rucksacktourist verliebt - von der Thailänderin Apinya Sakuljaroensuk gespielt wird, hat alle geärgert. Viele Kambodschaner pflegen eine tiefsitzende Abneigung gegen das weitaus höher entwickelte Nachbarland.

Eine Studentin sagt: “Sie sieht überhaupt nicht aus wie eine Kambodschanerin. Für Deutschland mag das gut genug sein, aber in Kambodscha glaubt ihr keiner die Rolle.” Und in den wenigen Szenen im Film, in denen sie nicht Pidgin-English, sondern Khmer spricht, das sie beim Dreh von großen Zetteln hinter der Kamera ablas, “versteht man sie überhaupt nicht”. Dazu passt dann auch, dass der Titel des Films eine Redensart aus dem Tinglish oder Thai-Englisch ist.

Anders als in anderen Ländern Asiens hält man sich in Kambodscha nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. Meinungsäußerungen haben hier den Vorteil der Klarheit. “Ich verstehe nicht, warum die Ausländer immer nur die negativen Sachen von Kambodscha zeigen”, sagt ein Student. “Es gibt doch hier auch schöne Sachen.”

Dass die Szenen, die in den Straßen Phnom Penhs voller Gewimmel, Verkehrschaos und Kindern in Pyjamas gedreht wurden, authentisch wirken, bestreitet keiner. Auch das Apartmentgebäude, das im Lokaljargon La Building heißt und in dem Sreykeo mit ihrer Familie lebte, “sieht wirklich so aus”, sagt ein Student. Anerkannt wird, dass Buck an Originalschauplätzen gedreht hat und kleinere Rollen mit lokalen Schauspielern und Laien besetzt hat. Aber trotzdem: “Es gibt in Kambodscha auch noch andere Geschichten als die über Armut und Prostitution.”

Und dann ist da noch Detlev Bucks lakonischer Stil, der einem Bedürfnis nach Drama widerspricht: “Das ist so wie in diesen französischen Filmen”, sagt ein Student. “Es wird viel geredet, aber es passiert nicht so besonders viel.”

Chivoin Peou, der an der Universität Medientheorie unterrichtet, findet den Film “für Kambodschaner desorientierend. Da kommen so viele Sache zusammen, einige aus der Gegenwart, andere, die schon lange Vergangenheit sind.” Besonders missfällt ihm eine Szene, in der die deutschen Touristen mit Panzerfäusten aus der Bürgerkriegszeit herumschießen: “Diese Wildnis mit Landminen und Herumballern ist für mich ein imaginärer Abenteuerspielplatz für den weißen Mann.”

Beim Stichwort “Kambodscha” fällt den meisten westlichen Journalisten und auch Filmrezensenten sofort “Pol Pot” ein sowie die von den Amis so genannten “Killing Fields”. Man muß jedoch “Den Dschungel als Ganzes” sehen. Dazu Näheres:

1.Ist Pol Pots maoistisch-geführte Guerilla gescheitert oder nur gescheit geworden?

Pol Pots Grab bei Anlong Veng ist inzwischen zu einer Pilgerstätte für glückspielende Kambodschaner geworden: Sie erbeten sich dort von seiner Seele die Gewinnzahlen für Lotto und Roulette, die er ihnen dann später im Traum durchsagt. Während der ehemalige buddhistische Mönch und Lehrer, der am Königshof von Pnom Penh aufwuchs und dann in Paris studierte, noch heute von vielen Kambodschanern als sanft und weise und somit als herausragender Lehrmeister geschildert wird, rangiert der selbe Pol Pot im Westen als halbgebildeter Massenmörder gleich hinter Adolf Hitler und Josef Stalin, weil er, nachdem 1975 seine Partisanen Pnom Phen eingenommen hatten, mit einem brutalen “Steinzeitkommunismus” fast ein Drittel des eigenen Volkes in “Killing Fields” vernichtete bzw. vernutzte. - Bis vietnamesische Interventionstruppen 1978/79 zusammen mit kambodschanischen Überläufern seine Roten Khmer-Truppen wieder in den Untergrund, d.h. in den Dschungel zurücktrieben… Kamboscha und die Killing Fields - das ist inzwischen fast zu einem Synonym geworden.

Die UNO, die mit einer eigenen Organisation, der Untac (Transitional Authority in Cambodia), und mehreren Milliarden Dollar das Land seit dem Rückzug der vietnamesischen Interventionstruppen 1992/93 “demokratisiert”, möchte die noch lebenden Kampfgefährten Pol Pots vor ein internationales Gericht bringen. Die demokratisch gewählte kambodschanische Regierung, die zur Hälfte selbst aus abtrünnigen Roten Khmer besteht und 1994 Pol Pots Partei für illegal erklärte, will jedoch vor ihren eigenen Gerichten nur einige wenige anklagen: “Um den Frieden im Land nicht zu gefährden”, wie der anscheinend unsterbliche König Sihanouk erklärte, der schon mit allen Machthabern bzw. -fraktionen innerhalb und außerhalb Kambodschas paktierte: mit den Franzosen, den Amerikanern, den Vietnamesen, den Chinesen, den Roten, Weißen, Blauen und Hellroten Khmer…

Unterdes wurden die “Killing Fields” von Exhuminierungs-Teams aus aller Welt besucht und hunderte von NGOs überzogen das Land, die wiederum einheimische Partner-Organisationen sponserten, so daß es in Kambodscha heute überall englischnamige Menschenrechts-Gruppen und Genozid-Forschungseinrichtungen gibt, nicht zu vergessen die vielen archäologischen Ausgrabungsteams und politisch korrekten Ökologie-Initiativen, besonders in der Mekong-Region und in Pnom Penh. Ein Leipziger namens Krishers gibt dort zusammen mit einigen Amerikanern sogar eine Zeitung für die “neue Meinungselite”, den “Cambodia Daily” heraus.

In der “Guerillahochburg” Phnom Malai und in der Stadt Pailin, für das sie eine begrenzte Autonomie aushandeln konnten, sind die Roten Khmer dagegen noch fast ungebrochen an der Macht. Dort an der Nordwestgrenze zu Thailand errichteten sie seit 1989 ein Spielcasino nach dem anderen - für reiche Ausländer, vornehmlich Thais. Die einheimische Bevölkerung lobt sie als nicht-korrupte Verwaltungs- und Ordnungshüter. Die Transformation einer Disziplinar- in eine Kontrollgesellschaft bedeutete hier mithin die Umwandlung eines auf Zwangsarbeit beruhenden Bauernkommunismus zum Dienstleistungs-Gewerbepark einer Freizeitgesellschaft, so daß der US-Khmerforscher David P.Chandler bereits mutmaßte: “Die Roten Khmer sterben nie aus. Sie machen immer weiter - nur in einer anderen Art und Weise”. Um so mehr stellt sich heute jedem “Cambodia-Watcher” die Frage: Wie konnte das geschehen?

Während z.B. der Korrespondent von Le Monde Diplomatique in Pnom Phen, Marc Jennar, das buddhistische Prinzip des “Karma” bemüht, welches in Kambodscha das Prinzip der Verantwortung überlagere, wobei niemand über einen anderen richten dürfe, “denn für jeden vollzieht sich nur ein Schicksal, das durch sein früheres Leben vorbestimmt ist”, meint Nayan Chanda, Chefredakteur der Far Eastern Economic Review, bloß lapidar: “Wir werden es nie begreifen!” Als langjähriger Indochinakorrespondent hatte er aber noch 1979, kurz nach dem vietnamesischen Einmarsch in Kambodscha und dem darauffolgenden chinesischen Einmarsch in Vietnam (Erziehungsfeldzug genannt) die “Gesichtsverluste” von Chinas Parteichef Deng, Prinz Sihanouk, Pol Pot und den von Moskau unterstützten Vietnamesen peinlich genau gegeneinander abgewogen. Das bewog wiederum die maoistische Westberliner KPD-Zeitschrift “Befreiung”, seinen Text nachzudrucken, um sich damit größere Klarheit über die ineinander verknäulten Befreiungskämpfe in Südostasien zu verschaffen. Die KPD(AO) war ein Jahr zuvor ebenso wie der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW) und der schwedische Fernsehjournalist Jan Myrdal von den Roten Khmer nach Pnom Phen eingeladen worden. Auf Rat chinesischer Genossen blieben sie jedoch zu Hause, während der KBW eine Delegation schickte, wofür die inzwischen längst aufgelöste Organisation sich dann immer wieder rechtfertigen mußte. Noch Anfang Juli 2001 warf ihnen die taz “Glorifizierung eines Terrorregimes” vor. Einige leitende Kader sowohl aus dem KBW als auch aus der KPD arbeiten heute im Planungsstab des deutschen Außenministeriums.

Jan Myrdal durfte seinerzeit während seines Kambodscha-Besuchs Pol Pot persönlich interviewen. Der “Brother Nomber One”, wie Pol Pot auch genannt wurde, hob ihm gegenüber besonders die Siege der Roten Khmer “über sämtliche Formen und Aktionen von Einmischung, Sabotage, Putschversuchen und Aggressionen unserer Feinde aller Couleur” hervor. Ähnlich umzingelt - nicht von sozialen Problemen, sondern von asozialen Gegnern - fühlte sich auch der Pariser Studienkollege und Schwager von Pol Pot - Brother Nomber Two: Ieng Sary, als er damals in sein Tagebuch notierte: “Die Feinde sind in unserem Körper, im Militär, unter den Arbeitern, in den Genossenschaften und selbst in unseren Reihen”. In den Gefängnissen und Verhörzentren des Landes starben denn auch bald vornehmlich Parteimitglieder und Armeeangehörige. 1996 will Ieng Sary jedoch, als er mit seiner Fraktion der Roten Khmer aus dem Untergrund hervorkommt, um sich an den Wahlen zu beteiligen und deswegen der internationalen Presse Interviews gibt, von der Existenz - insbesondere des Vernichtungslagers Tuol Sleng - nichts gewußt haben: der Sicherheitsdienst hielt es selbst vor dem Zentralkomittee geheim. Außerdem will er Pol Pot stets widersprochen haben: “Ich habe mich z.B. gegen die Abschaffung des Geldes gewandt. Ohne Geld kann man doch keine Wirtschaft entwickeln.” Aber Pol Pot habe ja nicht auf ihn gehört. Dann habe er auch noch die Schwester seiner Frau sehr schlecht behandelt: “Er verstieß sie 1970. Sie lebt jetzt bei uns in Phnom Malai. Sie hat den Verstand verloren”. Und sowieso kämpfe Pol Pot mit den ihm verbliebenen 3000 Soldaten weiterhin für den Kommunismus, während er, Ieng Sary, “immer nur Kommunist um der Nation willen war”. Auf den Vorwurf, daß seine Partisanen heute vom Schmuggel mit Edelholz und Edelsteinen leben, entgegnete er: “Damit haben meine Frau und ich nichts zu tun. Diese Einnahmen gingen alle an Pol Pot. Seine Fraktion verfügt über 10 Mio Dollar. Wir in Pnom Malai sind sehr arm. Wir sind sauber. Die einzige Hilfe, die wir vom Hauptquartier erhalten haben, war das Geld für meine Herzoperation in Bangkok”.

Angeblich sollen Ieng Sarys 8000 Kämpfer sich auf dem internationalen Markt als Söldner verdingen - u.a. bei der Sicherheitsfirma des ehemaligen belgischen Söldnerführers Christian Tavernier, der - vornehmlich für afrikanische Staatspräsidenten - ein ganzes “Khmer-Bataillon” im Angebot hat. Außerdem sollen sie noch ihnen von China einst gelieferte Waffen an die Tamilen-Rebellen verkauft haben. Nachdem König Sihanouk Ende 1996 Ieng Sary amnestiert hatte, wurde die Hälfte seiner Truppe - 4000 Soldaten - in die kambodschanische Regierungsarmee übernommen. Als man dem Ministerpräsidenten Hun Sen, ebenfalls ein ehemaliger Kämpfer der Roten Khmer, der dann zu den Vietnamesen übergelaufen war, daraufhin vorwarf, “Moral und Gerechtigkeit” beiseite gewischt zu haben, entgegnete er: “Sary durfte dreimal vor der UNO-Vollversammlung sprechen…Mit der politischen Situation scheint sich auch die Wahrnehmung der Realität zu verändern”. Tatsächlich hatten China und die USA in ihrer antivietnamesischen Politik die Vertreter der Roten Khmer in der UNO lange Zeit gegenüber den Vorwürfen der neuen provietnamesischen Regierung von Hun Sen in Schutz genommen.

Nach der Amnestie ließen weitere führende Rote Khmer-Kader verlauten, sie würden ebenfalls überlaufen, wenn man ihnen Straffreiheit garantiere. Mitte 1997 putschte Hun Sen in Pnom Phen gegen seinen Ko-Premier, den Sohn des Königs Sihanouk, weil dieser angeblich Reste der Roten Khmer in die Stadt geschmuggelt habe. Zuvor hatten sich Untergrundkämpfer der Roten Khmer sowohl den Hun Sen gegenüber loyalen Regierungstruppen angeschlossen gehabt als auch denen, die sich dem Königssohn verpflichtet fühlten - und bei Kämpfen zwischen ihnen hatte es daraufhin - u.a. in der Provinz Battambang - über hundert Tote gegeben.

Einen Monat nach dem Putsch von Hun Sen wurde Pol Pot in einem “Schauprozeß” im Hauptquartier Anlong Veng von seinen eigenen Partisanen-Generälen und im Beisein des amerikanischen Korrespondenten der “Far Eastern Economic Review” Nate Thayer angeklagt, die “nationale Aussöhnung” sabotiert zu haben. Sie verurteilten ihn zu lebenslänglichem “Hausarrest”. Damit sollte erreicht werden: “daß die internationale Gemeinschaft uns mit neuen Augen sieht und hilft, gegen Hun Sen und die Vietnamesen zu kämpfen”. Hun Sens Regierungspartei hatte inzwischen gegen die ihn als Verräter beschimpfenden antivietnamesischen Roten Khmer-Fraktionen, aber auch gegen seine anderen Gegner eine eigene “Schutztruppe” in der Hauptstadt aufgestellt, die vermeintliche Oppositionelle verfolgte. Im Westen sah man bereits einen neuen Bürgerkrieg in Kambodscha heraufziehen.

Am 16.April 1998 starb Pol Pot - kurz bevor kambodschanische Regierungstruppen sein Hauptquartier Anlong Veng an der thailändischen Grenze einnahmen. Einige Monate später lief sein General Khem Nguon, der ihn verurteilt hatte, mit 1000 Soldaten zu den Regierungstruppen von Hun Sen über, den er bis dahin immer als “vietnamesische Marionette” beschimpft hatte: “Wir sind die letzten Kämpfer, der Krieg ist vorbei!” verkündete der General. “Nomber One” ist nun eine Kondommarke, mit der die Regierung ihre Anti-Aidskampagne bestreitet (wegen der vielen ausländischen Berater und der zunehmenden Armut im Land hat die Prostitution enorme Ausmaße angenommen). Nomber Two, Ieng Sary, ist Befehlshaber der zollfreien Zone von Pailin, wo ihm ein Hotel gehört, seine Töchter betreiben eine Privatklinik und eine Eisfabrik dort. Außerdem haben sich auch noch der ehemalige Minister unter der Roten Khmer Regierung Kieu Samphan und der Parteiveteran Nuon Chea in dem Luftkurort angesiedelt - der Zeitung “Cambodge Soir” erklärten sie: “Die Roten Khmer gibt es nicht mehr”. Die Le Monde Diplomatique spricht dagegen von einer “legalisierten Roten Khmer-Zone”, mit der Hun Sen verhindert, “daß die Gefahr einer Rückkehr der Roten Khmer endgültig gebannt wird”.

Nur der ehemalige Militärchef Ta Mok und Duch, der Leiter des Folterzentrums Tuol Sleng (S-21) in Pnom Penh, wurden inhaftiert. Anfang des Jahres 2000 fragte der Spiegel Premierminister Hun Sen, ob und wann die beiden vor ein internationales Gericht kämen. Hun Sen sagte: “Ich mißtraue der UNO zutiefst”. Und China sowie Henry Kissinger, die Pol Pot jahrelang unterstützt haben, bekäme man sowieso vor kein Gericht der Welt, höchstens König Sihanouk, der mit den roten Khmer verbündet war: “Er würde vor einem Tribunal Rede und Antwort stehen. Davor habe ich allerdings Angst. Man muß auf den Dschungel als Ganzes schauen und nicht auf einzelne Bäume, sonst gibt es wieder Krieg”. Von sich selbst sagte der ehemalige Rote Khmer-Kommandeur Hun Sen: “Heute bin ich Pragmatiker und kein Ideologe mehr. Ich habe Kambodscha vom Krieg zum Frieden geführt, von der Diktatur zur Demokratie, von der Plan- zur Marktwirtschaft. Deng Xiaoping meinte einmal: ‘Egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache, sie fängt Mäuse’. Das finde ich gut”.

2.Kann die Ursachenforschung bis zur Wahrheitsfindung kumulieren?

Auf dem Höhepunkt der Macht der Roten Khmer 1978 filmte ein schwedisches Fernsehteam, angeführt von den Vorstandsmitgliedern der schwedisch-kambodschanischen Freundschaftsgesellschaft, Jan Myrdal und Marita Wikander, in Kambodscha. Anfang 1979 - kurz nach dem vietnamesischen Einmarsch in Kambodscha - besuchte ein weiteres schwedisches Fernsehteam, mit den Journalisten Erik Eriksson und Bo Bjelvenstam, das Land. Anschließend kam es - organisiert von der schwedischen Zeitung “Folket i Blad” - zu einem Streitgespräch zwischen den “Cambodia Watchern”. Eriksson/Bjelvenstam hatten Myrdal/Wikander zuvor öffentlich vorgeworfen, “den Völkermord der Roten Khmer erklärt und wegerklärt” zu haben, Letztere entgegneten nun darauf: “Im großen Ganzen haben damals alle Fernsehteams die selben Eindrücke von Kambodscha gewonnen - sie unterschieden sich höchstens in der Bewertung. So z.B. wie man die Kinderarbeit betrachtet, aber sowohl Jugoslawien wie Schweden, Japaner und Amerikaner hatten im Ganzen gesehen den gleichen Eindruck - etwa in bezug auf die friedliche Atmosphäre und die fehlende Bewachung. Das ist demnach das Bild von Kampuchea vom Frühjahr 1978 bis Dezember 1978. Dieses Bild ist im großen und ganzen eindeutig”. Wobei Myrdal/Wikander jedoch gar nicht bestreiten wollten, daß es - insbesondere gegenüber der Stadtvölkerung - zu “Übergriffen”, mit bis zu einer Million Toten, gekommen sei, aber dies wäre bei Bauernkriegen noch stets der Fall gewesen - und somit quasi “normal”. Hier und da entstand aber doch darüberhinaus auch etwas, “das eine bessere Zukunft versprach. Sie waren daran, das in Kampuchea aufzubauen. Und jetzt ist das verschwunden. Ob sie überhaupt überleben, weiß ich nicht”. In Summa: “Wir haben auf unserer Reise (jedenfalls) keinen Terror gesehen”.

Für Myrdal/Wikander war stattdessen die Bombardierung Kambodschas in den frühen Siebzigerjahren durch die Amerikaner Völkermord gewesen und der Terror begann eher mit der Vertreibung der Roten Khmer durch die vietnamesische Armee. Während für Eriksson/Bjelvenstam der Terror erst mit dem Einmarsch der Vietnamesen langsam ein Ende fand. Er bestand also im wesentlichen aus dem Gewaltakt, mit dem die Roten Khmer das Land in einen autarken Bauernkommunismus transformieren wollten.

Etwa zur selben Zeit wie Myrdal und Wikander hatte auch ein amerikanisches Fernsehteam den öffentlichkeitsscheuen Pol Pot interviewt. Ihnen sagte er, daß es die Vietnamesen wären, die in Wahrheit ein Genozid verüben würden - am kambodschanischen Volk. Sie seien sogar noch schlimmer als Hitler, weil sie selbst unschuldige Menschen umbrächten. Spätestens mit dem in Thailand 1984 gedrehten amerikanischen Film von Roland Joffe “The Killing Fields“ waren aber doch die Roten Khmer für die Weltöffentlichkeit die schlimmsten aller schlimmen Kommunisten. Noch später gab umgekehrt der amerikanische Sprachforscher Noam Chomsky vor allem den USA die Schuld: “1969 kümmerten sich die westlichen Medien nicht um den Appell Sihanouks, die Bombardierung ‘friedlicher kambodschanischer Bauern` bekannt zu machen. Die Bombardements blieben ‘geheim`…Journalisten weigerten sich, selbst Flüchtlinge darüber zu interviewen, die zu Hunderttausenden nach Pnom Phen strömten. Erst nachdem die Roten Khmer die ‘Killing Fields` übernommen hatten, gab es eine scharfe Wende in der Berichterstattung”. 1989 verfilmte Ariane Mnouchkine ihr “Königsdrama” über Prinz Sihanouk, dessen Pariser Bemühungen, die Roten Khmer mit in die Verhandlungen einzubeziehen, gerade wieder unterbrochen worden waren. Die engagierte Theatermacherin erklärte dazu: “Wenn wir die Roten Khmer nicht am Verhandlungstisch haben und China sie weiter unterstützt, dann haben wir sie in den Wäldern. Und wenn die Verhandlungen scheitern, dann ist alles aus, dann wird das Land zwischen Thailand und Vietnam aufgeteilt werden”. Neuerdings versucht der Konfliktforscher Christopher Hitchens, Henry Kissinger unter anderem wegen dessen Kambodscha-Politik als “Kriegsverbrecher” vor ein Gericht zu bringen. Diesem wird inzwischen geraten, nicht mehr ins Ausland zu reisen.

Nach Auflösung der Sowjetunion wurde 1990 die schwedische Kontroverse über das Kambodscha Pol Pots, das aufgrund der plötzlichen Wirrnisse im Ostblock inzwischen fast in Vergessenheit geraten war, noch einmal in Berlin ausgetragen - und zwar mit einer Ausstellung. “Die Revolution in Kambodscha hat es verdient, etwas genauer betrachtet zu werden”, hieß es dazu im Katalog, wobei die Autoren sich namentlich auf den “ex-linken” taz-Mitarbeiter Michael Sontheimer bezogen, der zuvor mehrere Reportagen über das Land geschrieben hatte, die allesamt das bezeugten, was auch die taz-Südostasien-Korrespondentin Jutta Lietsch seitdem immer wieder über die “Killing Fields” äußert: “Unter den Verbrechen, die in diesem Jahrhundert von Kommunisten begangen wurden, ist der Massenmord der kambodschanischen Roten Khmer an ihrem eigenen Volk wohl das mysteriöseste und monströseste” (Sontheimer).

Die Berliner Ausstellungsmacher setzten dagegen 1990 u.a. Photos von lachenden kambodschanischen Bauern und ihren Kindern in den kommunistischen Kolchosen. Darüberhinaus boten sie einen gründlichen Überblick über die Gesamtgeschichte Indochinas und insbesondere Kamboschas - an der Nahtstelle von indischem Buddhismus und chinesischem Konfuzianismus, eingekeilt zwischen Vietnam und Thailand. Wobei natürlich ihre Darstellung der kambodschanischen Befreiungsbewegung unter Pol Pot am meisten interessierte, denn die Ausstellung machte sich anheischig, die Wahrheit darüber als bereits allseits unterdrückte Nachricht zu zeigen. Die taz berichtete dann übrigens mit keiner einzigen Zeile darüber, obwohl sie ansonsten hunderte von Artikel über Kambodscha veröffentlichte - bis heute!

Um die kambodschanische Gesellschaft von unten neu nach oben aufzubauen, nahmen die Roten Khmer seinerzeit eine neue Klasseneinteilung vor, wobei sie sich primär auf die erste, die armen Bauern, stützten. Daneben gab es noch die Mittelbauern. Erstere wurden “Vollmitglieder” in den Kolchosen, die zweiten “Kandidaten” - sie bildeten zusammengenommen das “Basisvolk”. Alle anderen - Intelligenzler, Händler, Feudalisten, Imperialisten, Offiziere der besiegten Long Nol-Armee usw. - wurden ebenso wie die Städter in der Landwirtschaft und beim Kanalbau umerzogen bzw. liquidiert. Die Stadtbewohner insgesamt wurden als “Neuvolk” bezeichnet, da sie sich erst nach dem Sieg der Roten Khmer am 17.April 1975 der Widerstandsbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden sogleich aufs Land getrieben - auf diesen Trecks starben viele Alte und Kinder. Die Ausstellungsmacher sprechen von einer Not-”Evakuierung”, da die neuen Machthaber die Versorgung der Menschen in den Städten, die noch dazu mit Kriegsflüchtlingen vollgestopft waren, nicht sofort organisieren konnten. Dazu betonen sie, daß es nicht zu Plünderungen kam und die Bibliotheken sowie Pagoden “im Gegensatz zu Behauptungen im Westen weitgehend unbehelligt blieben…Die Kranken wurden z.T. in andere Krankenhäuser gebracht, die in besserem Zustand waren”.

Insgesamt kommen die Autoren jedoch zu der Einschätzung: “So plausibel die Evakuierung Pnom Phens an sich war, so chaotisch und fehlerhaft verlief sie…” Über die in aller Schnelle gebildeten Reisanbau-Kooperativen für das in Landwirtschaft wenig geübte Neuvolk urteilen sie: “Hier dürfte stellenweise die Grenze zur ‘Vernichtung durch Arbeit` überschritten worden sein…Es gab viel Hunger und viele Tote und harte Arbeit, und es gab Flügelkämpfe und bewaffnete Konflikte und Chaos, und es gab auch Korruption und Willkür…Es herrschte praktisch ein dauernder Ausnahmezustand”. Dennoch ist das “Jahr Null” - insofern es zu keiner großen Hungerkatastrophe kam und sich auch keine bedeutende Konterrevolution formieren konnte - “erfolgreich” zu nennen. Die parteiinternen “Säuberungen” und die Tätigkeit des Folterzentrums S-21 begannen im wesentlichen erst 1976. Im Jahr darauf “verschlechterte sich die Versorgungslage der Bevölkerung”. Und 1978 eskalierten bereits die Grenzkonflikte mit Vietnam. Etwa gleichzeitig änderten die Roten Khmer ihre Einstellung zum Neuvolk - sie “sollten besser behandelt werden, teilweise mit den Bauern sogar gleichgestellt werden”. Damit sollte diese Schicht in den nationalen Widerstand eingebunden werden, aber der “Kurswechsel” der Kommunisten hatte bei ihnen keinen “positiven Effekt”, während er zugleich beim Basisvolk auf Ablehnung stieß. “Insgesamt dürfte die kambodschanische Revolution auch den Frauen nicht viel gebracht haben,” fügen die Ausstellungsmacher überraschend hinzu.

Am Schluß fassen sie noch einmal ihre Kritik an den Roten Khmer zusammen: 1. Von einer angestrebten Vernichtung des Neuvolks und überhaupt von “Völkermord” zu sprechen “ist abwegig” - die “Repressionen waren überwiegend Ausuferungen der Revolution”; 2. der “Zwang zur Arbeit” für Mönche und Nonnen war eine “mißverständliche Maßnahme”; 3. Es gab “rassistische Momente in der Revolution”, die z.B. 1975 zur Vertreibung aller Vietnamesen führten; 4. Die Evakuierung der Städte war “brutal”, hierbei von einem “Todesmarsch” zu sprechen ist jedoch eine “reine Propagandabehauptung”; 5. “Die Wirtschaft wurde nicht ‘zerschlagen`, das hatte der Krieg schon vorher besorgt”. Dabei starben zwischen 1970 und 1975 700.000 Kambodschaner, “Opfer der Gewalt” wurden dann bis 1978 noch einmal 200.000 Menschen, wobei alleine 20.000 durch partei- und armeeinterne Säuberungen der Roten Khmer ums Leben kamen, 1979 starben erneut etwa 600.000 Menschen - an Hunger.

Es kam auf jeden Fall zu keinem Aufstand mehr gegen die vorrückende vietnamesische Okkupationsarmee, so daß die Roten Khmer sich schließlich 1979 als Ganzes wieder in den Dschungel zurückziehen bzw. auf thailändisches Gebiet ausweichen mußten. “Als Fazit bleibt”, so die Ausstellungsmacher, “daß es notwendig ist, die Roten Khmer zu entmystifizieren”. Das Gegenteil habe seitdem die internationale Presse, u.a. der Spiegel, der hierbei aus naheliegenden Gründen gerne von “Holocaust” spricht, getan.

In gewisser Weise stellten die Ausstellungsmacher damit eine “Wo gehobelt wird, da fallen Späne”- Maxime- der “Ganzbrand-Opfer”-Erklärung entgegen, sofern man diesen Begriff - Holocaust auf hebräisch - bereits als Erklärung akzeptieren will.

Von einer “Topographie des Terrors” sprachen im Jahr 2000 die zwei Autoren eines kambodschanischen Reportagebuches: “Der Traum von Angkor”: Heinz Kotte war früher “humanitärer Helfer in Vietnam”, sein Koautor Rüdiger Siebert ist “Redaktionsleiter der Deutschen Welle”. Für sie erklärt sich “die Brutalität der Roten Khmer aus der Auflösung der Familie und aus der Zerstörung aller emotionalen Bindungen der Menschen”. Die “wahre Landkarte Kambodschas ist die von Massengräbern…Mit Hilfe von Satellitenaufklärung sind bisher 9139 Massengräber in 81 Distrikten gefunden worden, vermutet werden 20.000″. Auf die Frage, “wie konnte das geschehen?” antwortete ihnen der Direktor des unabhängigen “Institutes for Democracy” in Pnom Phen, Dr.Lao Mong Hay: “Macht und Politik, Ignoranz, Fanatismus und Extremismus, aber auch die Verhältnisse…Marxismus und Leninismus in extremster Form…Die Armen hatten sich den Kämpfern der Roten Khmer angeschlossen. Als diese die Macht errungen hatten, nahmen sie Rache, ließen ihrer Wut freien Lauf und mißhandelten ihre kambodschanischen Mitbürger…Ich kann es selbst auch nicht begreifen”.

Der amerikanische Genozidforscher Alexander L.Hinton sah dagegen vor Ort die “Ursache der Greuel” ganz allgemein “im radikalen Umbau der Gesellschaft unter Anwendung einer ‘gewaltsamen Ideologie’”.

Die Autoren selbst suchten die Ursache dann in der großen Geschichte Kambodschas, die ihren Höhepunkt im Reich von Angkor - 800 bis 1430 - hatte. Die davon noch übrig gebliebene Klosteranlage Angkor Wat wird heute als Weltkulturerbe von den reichen Industrienationen im Teamwork restauriert. Anschließend wollen sie die zweite antike Stadt Angkor Thom in Angriff nehmen. Diese wird von einem Tempelgebirge mit 54 Türmen überragt, von denen 216 Steinfiguren herablächeln. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um Avalokiteshvara, einem der Bodhisattvas. “Diesem Lächeln ist alles zuzutrauen,” schreiben Kotte und Siebert in ihrem Reisebericht, und fragen sich, ob “Henker oder Heiler? ‘Der Besucher verspürt eine bedrückende Ahnung des Bösen`, erkannte bereits der französische Gelehrte Henri Parmentier” - einer der ersten Angkor-Besucher aus dem Westen. Später gestand sein Landsmann Pierre Loti: “Das Blut gerann mir in den Adern!” Steckt in diesem vielhundertfachen Lächeln etwa das brutale Geheimnis von Pol Pot? - Die Autoren lassen die Frage offen und kommen stattdessen abschließend auf das weniger quälerische Lächeln der jungen Tempeltänzerinnen von Angkor zu sprechen, die heute dort wieder live auftreten dürfen, vornehmlich vor Touristen.

Für den mehrmaligen Angkor-Wat-Besucher Michael Sontheimer liegt die Ursache für die Grausamkeiten weniger im kambodschanischen Buddhismus als in der vormodernen “hydraulischen Despotie” von “Brother Number One - Pol Pot”. Der ehemalige taz-Reporter ist sich mit Karl August Wittfogel, dem Sinologen der Frankfurter Schule, einig, daß die großen Reisbauern-Reiche aufgrund ihrer subtilen Bewässerungs-Technologie auch eine besonders unbarmherzige Verwaltungs-Kultur entwickelten. “Der Reis braucht Wasser, und der Krieg braucht Reis”, dieses alte kambodschanische Sprichwort hatten sich laut Sontheimer die Khmer Rouge “wieder zu eigen” gemacht. Und “ein kommunistisches Angkor - das war es, wovon ihre Führer träumten, als sie die Macht errungen hatten…Immer wieder verkündete Radio Pnom Phen: ‘Der 17.April 1975 hat eine Ära eingeleitet, die noch bemerkenswerter sein wird als das Zeitalter Angkors`. An Grausamkeit haben die Khmer Rouge sogar den ‘Totalen Terror` der Hydraulischen Despotien noch übertroffen”.

Die Folterzentrale Tuol Sleng, genannt S-21, war hierbei wohl der Gipfel der Grausamkeit. Sie ist heute ein Genozid-Museum. Michael Sontheimer schreibt: “Zum Abschluß des Besuchs werde ich in einen Saal geführt, an dessen Stirnseite ein farbenprächtiges Wandbild prangt. Grimmige Khmer Rouge-Schergen zerschmettern dort Babys an Bäumen…” Bisher kannte ich dieses “Bild” vor allem aus den Biographien jüdischer Überlebender des Holocaust. Immer wieder wird dort bezeugt, daß deutsche Soldaten bzw. Polizisten jüdische und russische Kinder an Bäumen zerschmetterten bzw. in den Städten an Hausmauern. Aber auch in den holländischen Schilderungen der spanischen Greueltaten gegen die Niederlande kommt dieses Bild vor, ebenso im 30jährigen Krieg und bei den Spaniern in den Schilderungen der Kolonialisation Südamerikas durch ihre eigenen Landleute. Später dann noch einmal in den Darstellungen der Kämpfe zwischen den nordamerikanischen Indianern und den weißen Siedlern. Hier werfen sich schließlich die Gegner gegenseitig vor, selbst vor diesem Gipfel an Grausamkeit nicht zurückgeschreckt zu sein. Ähnlich sehen das heute auch viele Kambodschaner, ihr Premierminister Hun Sen führt deswegen die Ursache für die ganzen Grausamkeiten, einschließlich der seiner eigenen Truppen, auf die letzten 400 Jahren Kambodschas zurück, in denen sich das kleine Land fast ständig im Krieg befand. Auch der amerikanische Khmer-Forscher David P. Chandler meint, daß Kambodschas Hauptproblem - seit dem 17.Jahrhundert bereits - die Beziehungen zu seinem mächtigen Nachbarn Vietnam waren und sind. Man könnte hierbei auch von einer Hydraulik der Gewalt sprechen.

Im heutigen Kambodscha scheint das Bild von kindermordenden Soldaten rücklickend die bäuerliche Sichtweise auf den Agrarkommunismus Pol Pots wieder zu geben. Schon die Vietnamesen bezeichneten ihn vor ihrem Einmarsch ins Land als eine “ebenso reaktionäre wie brutale und infantile bäuerliche Gleichmacherei” - und kritisierten die Pol-Pot-Clique als unmoralische “Söldner der chinesischen Machthaber”. Westliche Beobachter nannten später die Politik der Roten Khmer gerne “primitiv” - und verglichen sie mit den Grausamkeiten des industriellen Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Dort waren jedoch statt Spitzhacken und Messer - mit denen die Volksfeinde laut des derzeit in Pnom Phen inhaftierten Leiters der Folterzentrale S-21, Duch, “wie die Hühner” getötet wurden - eher Giftgas, Maschinengewehre und Kohlenmonoxyd zum Mordeinsatz gekommen, wobei die Deutschen diese “Arbeit” zudem auch noch wie “am Fließband” organisiert hatten. Das, was die westliche Presse - die taz mitunter in einer Nachricht über Kambodscha gleich mehrmals - “Steinzeitkommunismus” nennt, ist mithin nur der Verweis auf das bäuerliche Bewußtsein und die entsprechende Disziplinartechnologie einer primär agrarischen Gesellschaft, die nun neu - diesmal nach Tätern und Opfern - unterschieden wird, wobei man sich auf die Regierungszeit der Roten Khmer konzentriert. Auf den bäuerlichen Hintergrund heben letztlich alle westlichen Konfliktforscher und Cambodia-Watcher ab, wenn sie bei ihrer Forschung nach den Ursachen der Khmer-Grausamkeiten bis zu den Machttechniken der frühen Agrarreiche Asiens, namentlich bis Angkor Wat, zurückgehen. Gemessen an den Deutschen, die in den Vierzigerjahren an manchen Tagen mehr Menschen umbrachten als die kambodschanischen Kommunisten insgesamt, könnte man die kurze Periode ihrer Machtübernahme von 1975 bis 1979 durchaus als rustikal oder gar bukolisch bezeichnen, wie es u.a. Myrdal und Wikander nahelegten. Marita Wikander war nebenbeibemerkt mit dem Botschafter der Roten Khmer in der DDR verheiratet. Ihm rieten später seine maoistischen Gesprächspartner in Westberlin, Semler und Horlemann von der KPD, in sein Land zurückzukehren. Was er dann auch tat, nicht zuletzt wegen der idyllischen Kambodscha-Bilder, die seine Frau kurz zuvor heimgebracht hatte. Als er in Pnom Phen ankam, wurde er sofort verhaftet und ermordet. Jürgen Horlemann ist inzwischen ebenfalls gestorben, aber in seinem Verlag “Horlemann” erschien im vergangenen Jahr “Der Traum von Angkor”, dessen Autoren - Kotte und Siebert - ich diesen Hinweis auf Marita Wikanders quasi familiale Solidarität mit Kambodscha verdanke.

“Was ist Solidarität heute?“ - fragte der Gewerkschaftssoziologe Rainer Zoll aus Bremen sich kürzlich - in einer gleichnamigen Suhrkamp-Studie, und kam dabei zu dem Schluß: Die alte proletarische internationale Solidarität sei immer ein “Schwachpunkt” gewesen, heute gäbe es jedoch einige hervorragende Beispiele von “gewissermaßen individueller, oft auch kollektiver internationaler Solidarität”, u.a. von jungen Menschen, “die sich in Entwicklungsländern engagieren”. Zu diesen neuen nicht mehr Proletariern, sondern eher Projektemachern gehören die Autoren Kotte und Siebert. Im Spiegel fand ich dann ein weiteres Beispiel quasi familialer Solidarität mit Kambodscha - in einem Artikel über die Psychotherapeutin Laurence Picq: Sie lernte einst an der Sorbonne den Kambodschaner Sikoeun kennen, der zum Kreis um Pol Pot gehörte. 1967 heirateten die beiden. Im Auftrag der Partei gingen sie erst nach Peking, dann 1975 nach Pnom Phen. Inzwischen waren sie Eltern von zwei Töchtern geworden. Ihr Mann arbeitete zusammen mit Ieng Sary im Außenministerium, das “B-1″ hieß. Laurence Picq legte dort zusammen mit anderen Frauen Gemüsegärten an - damit das Ministerium “autonom” wurde. Als das Gerücht entstand, es habe sich eine CIA-Agentin in das Objekt eingeschlossen, wurde sie isoliert: Man zog sogar eine Mauer durch den Hof, hinter der sie fortan alleine Gemüse zog. Gelegentlich übersetzte sie noch Texte von Ieng Sary ins Französische. Man kritisierte sie oft, ihr Mann schämte sich seiner ausländischen Frau und begann, ihr aus dem Weg zu gehen. Ihren Töchtern wurde das Spielen mit Puppen untersagt. Um sie völlig ihrem bourgeoisen Einfluß zu entziehen, nahm man ihr schließlich die Kinder weg. Ständig wurden Bekannte von ihr aus Funktionärskreisen verhaftet - ganze Sippen verschwanden. Laurence Picq zwang sich, keine Gefühle zu zeigen. Jede Äußerung wurde interpretiert. Hatte sie Schmerzen, wurde es von “Angkar”, den Parteileuten, als Unzufriedenheit gedeutet: “Als Hinweis, das ich etwas zu verbergen hätte. Bauchschmerzen genügten, um als Verschwörer enttarnt zu werden…Es war eine barbarische Form von Psychoanalyse”. Als die Vietnamesen einmarschieren, gelingt ihrer Familie die Flucht nach Thailand. Von dort aus gehen sie später nach Phnom Malai, das von einem Teil der Roten Khmer um Ieng Sary gehalten wird. Auf einem Kurierflug nach Zaire im Auftrag Ieng Sarys wagt Laurence Picq mit ihren Kindern die Flucht - nach Frankreich zurück. Dort läßt sie sich scheiden und beginnt ein Psychologiestudium, heute lebt sie in Dijon. Lange Zeit wußte sie nicht, “ob Sikoeum nicht doch recht hatte, zu bleiben. Ich glaubte an ihn. Ich wollte nicht schlecht über Kambodscha reden”. Der Spiegelreporter spricht später auch noch mit ihrem Mann Sikoeun - in Phnom Malais. Auch er hat heute noch Alpträume. Er erzählt, daß er damals Angst um Ieng Sary hatte, der seine Frau zwar gerne mochte, “aber er durfte keine Solidarität mit einer Europäerin zeigen. Denn die große Angst war, das Vertrauen der Partei zu verlieren…Man zeigte damals keine Schwäche. Ich war 100 Prozent auf Parteilinie. Wenn ‘Angkar` gesagt hätte: Töte deine Frau, töte deine Kinder, hätte ich es getan”. Jetzt habe er jedoch sein inneres Gleichgewicht wiedergefunden - ohne dabei seine Ideale verraten zu haben: “Ich weiß aber, daß sie utopisch sind. Das einzig wichtige sind die Kinder. Das ist die Zukunft”. Die für ihn schönste Zeit war die mit seiner jungen Frau in Paris: “Damals war Kommunismus noch Frieden und Internationalismus”.

3. Was für einen Hintergrund hat der heutige Wunsch nach “Frieden statt Gerechtigkeit” in Kambodscha?

Das kleine, bevölkerungsarme Land wurde seit dem 17. Jhd. zunehmend von Thailand und Vietnam bedrängt, die auch den König einsetzten, so daß sich ähnlich wie in Polen eher ein ethnisch als staatlich geprägtes Nationalgefühl bei den Khmer herausbildete. Um 1840 verschwand Kambodscha völlig von der Landkarte. Die französischen Kolonialisatoren wurden deswegen anfangs vom kambodschanischen Hof als Retter gegen die vietnamesischen Okkupanten begrüßt. Aber zum einen klassifizierten die Franzosen die Kambodschaner als Menschen zweiter Klasse in einem “Ausnahmestaat”, wie kein geringerer als Alexis de Tocqueville seinen kolonialisierenden Militärs schon 1841 empfohlen hatte, und zum anderen beutete Frankreich sein “Protektorat” bald mehr aus als seine anderen Kolonien in Indochina. Zudem räumten sie den Chinesen praktisch das Handelsmonopol ein und für die in Kambodscha neugeschaffenen Kautschuk-Plantagen wurden häufig Vietnamesen eingestellt. Während die meisten Kambodschaner entweder am Hof bzw. in Klöstern lebten oder Bauern waren, entstanden mit den vietnamesischen Kautschukzapfern die Anfänge einer Arbeiterklasse in Kambodscha.

Mit der französischen Kolonialmacht begann zugleich die Erforschung des Angkor-Reiches und der Khmer-Geschichte sowie des -Buddhismus. Später entstanden außerdem westliche Bildungsanstalten, wovon Pol Pot ab 1937 als einer der ersten profitieren sollte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Franzosen in Indochina von den Japanern angegriffen. 1941 setzten sie gemeinsam Prinz Sihanouk als vermeintliche Marionette auf den Königsthron. Die Amerikaner bombardierten zum ersten Mal Pnom Phen. Nach dem Sieg der Japaner leiteten diese die Unabhängigkeit des Landes ein, indem sie sich jedoch nicht auf Sihanouk, sondern auf eine neue bürgerliche Schicht Gebildeter in Pnom Phen stützten. Nachdem französische und englische Truppen die Japaner vertrieben hatten, wurde Sihanouk wieder Alleinherrscher. Gleichzeitig hatte sich unter vietnamesischer Führung die Kommunistische Partei Indochinas gegründet, die einen Guerillakrieg gegen die Franzosen führte. 1951 wurden nationale KPs gebildet, immer noch unter der Führung vietnamesischer Kommunisten. Bereits 1954 existierten in Kambodscha “befreite Gebiete”. Mitte der Fünfzigerjahre kehrten die ersten kommunistisch geschulten Kader aus Frankreich zurück, unter ihnen Pol Pot. 1960 wurde auf dem konspirativen Parteikongreß eine neue KP gegründet, die drei Jahre später Pol Pot zum Generalsekretär ernannte. Die Kontakte zu den vietnamesischen Genossen waren nach wie vor sowohl eng als auch problematisch: China und Vietnam verweigerten den von Sihanouk so genannten Roten Khmer Waffenlieferungen, stattdessen rieten sie ihnen, den König zu tolerieren. Nachdem dessen Truppen jedoch 1967 den Bauern-Aufstand von Samlaut in der Region Battambang niedergeschlagen hatten, erklärten die Roten Khmer den Kampf gegen Sihanouk sogar zur “Hauptaufgabe”. Dieser betrieb dagegen eine Schaukelpolitik gegenüber den USA und dem kommunistischen Vietnam, deren Kämpfe immer mehr auch den östlichen Teil Kambodschas einbezogen, während die Roten Khmer im Südwesten des Landes einige Gebiete eroberten. Mit Hilfe der CIA putschte 1970 der von Sihanouk zuvor abgesetzte Premierminister Lon Nol gegen den König. Während die USA dem neuen antikommunistischen Regime Hilfe zukommen ließen, verbündete sich Sihanouk in Peking mit den Chinesen - und den Roten Khmer. Letztere gingen sodann mit Unterstützung der vietnamesischen Kommunisten in die Offensive gegen die Armee Lon Nols, die sich nur durch den Einmarsch südvietnamesischer und amerikanischer Truppen halten konnte. Nachdem die Pariser Friedensverhandlungen einen Bombenstop erreicht und die US Air Force deswegen Kapazitäten frei hatte, ließen Nixon und Kissinger Kambodscha bombardieren. Desungeachtet wurde die Hauptstadt Pnom Phen 1974 von starken Guerillaverbänden eingeschlossen. Diese waren jedoch nicht vereinheitlicht, es gab ein breites Widerstandsbündnis mit Sihanouk an der Spitze, ferner eine eher provietnamesische Rote Khmer-Fraktion im Osten und eine autonome Fraktion um Pol Pot im Südwesten - insgesamt 70.000 Bewaffnete. Ihre Koordinierungsprobleme und die US-Militärunterstützung der Lon Nol-Truppen zögerten die Einahme der Hauptstadt bis zum 17.April 1975 hinaus. Nach dem Sieg der Nationalen Front wurde Sihanouk Staatspräsident. Mit dem Tod von Tschu Enlai im Januar 1976 verlor er jedoch seinen chinesischen Rückhalt - und trat zurück. Die Roten Khmer verurteilten ihn sogleich in Pnom Phen zu Hausarrest. Nach dem Einmarsch der Vietnamesen im Januar 1979 bildeten seine Truppen jedoch wieder zusammen mit den Roten Khmer und einer rechtsnationalistischen Gruppe um Son Sann eine neue Widerstandskoalition - für die Sihanouk, der sich erneut nach Peking geflüchtet hatte, dann als Sprecher vor der UNO auftrat. Während China, Thailand und die USA die antivietnamesische Koalititon unterstützten, halfen die UDSSR und Vietnam der neuen kambodschanischen kommunistischen Regierung politisch und militärisch. Zwar überfielen dafür die Chinesen im Februar 1974 Vietnam, aber 1984/85 kamen die vietnamesischen Truppen der kambodschanischen Revolutionsregierung von Heng Samrin noch einmal mit einer neuen Großoffensive gegen die Guerilla zu Hilfe. Während dieser ganzen Kämpfe bildeten sich entlang der Grenze immer mehr Flüchtlingslager, die von UNO-Organisationen betreut wurden. Und nach dem “Erziehungsfeldzug” der Chinesen flüchteten zigtausende von chinesisch-stämmigen Vietnamesen aus dem Land - die sogenannten “Boat-People”.

1986 verkündete die Sowjetunion im Zusammenhang ihrer “Perestroika” eine Änderung der Außenpolitik und eine Normalisierung ihrer Beziehungen zu China. Im September 1989 wurden die letzten vietnamesischen Truppen aus Kambodscha abgezogen, nachdem zuvor eine neue provietnamesische kommunistische Regierung mit Hun Sen an der Spitze gebildet worden war, die sofort den Schutz des Privateigentums in einer neuen Verfassung verankerte. 1993 wurden von der UNO-Übergangsverwaltung UNTAC die ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung durchgeführt. Diese ergaben eine unsichere Koalitionsregierung aus Kommunisten und Royalisten um den Sihanouk-Sohn Prinz Ranariddh.

Unterdes hatte die ständige Dollarflut der über 20.000 UNO-Mitarbeiter in dem zerstörten Land aus Pnom Phen “ein einziges Bordell” gemacht, wie Michael Sontheimer berichtete, und “fast täglich kam es zu Raubmorden”. Ein Rikschafahrer erzählte ihm außerdem, daß neben den “feigen UN-Invasoren, die sich zurückziehen, sobald die Roten Khmer schießen”, vor allem die korrupte eigene Regierung gehaßt wird: “Sie sind Banditen. Wenn die Roten Khmer nicht so viele umgebracht hätten, würde ich sie wählen. Sie tun etwas für das Volk”. Die Wahlen hatte die Guerilla boykottiert, dafür gelang es ihnen, daß Mitte 1993 sechs Provinzen ihre “Autonomie” erklärten. Über Rundfunk riefen die Roten Khmer die Bevölkerung auf, Vertreter der Regierung von Hun Sen zu töten. Sie würden sich nur an einer Regierung von König Sihanouk und der Partei seines zweiten Sohnes Norodom Chakrapong beteiligen. Auch immer mehr Regierungsoldaten, die nur noch unregelmäßig Gehalt bekamen, kämpften bald “autonom”, indem sie Dörfer plünderten und auf den Straßen Schutzgelder erpressten.

Nach einem gescheiterten Putsch von 200 Soldaten, die Prinz Norodom Chakrapong unterstützten, wurde dieser von Premierminister Hun Sen des Landes verwiesen. 1997 putschte umgekehrt Hun Sens “Leibgarde” gegen seinen Ko-Premier Prinz Ranariddh. Wegen “Waffenschmuggels und illegalen Kontakten zu den Roten Khmer” wurde dieser anschließend in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seinem Vater König Sihanouk gelang es jedoch, von seinem Exil in Peking aus, ihn zu amnestieren. Dazu mußten aber erst Japan und die USA Premierminister Hun Sen damit drohen, ihre Finanzhilfe für Kambodscha einzustellen. Als Prinz Ranariddh im März 1998 nach Pnom Phen zurückkehrte, waren die Roten Khmer bereits so gut wie geschlagen und auch mindestens 90 seiner eigenen Anhänger -wahrscheinlich von Regierungstruppen - ermordet worden. Seit 1999 ist Kambodscha Mitglied im Verband der südostasiatischen Staaten ASEAN - eine prowestliche Organisation, die einmal als Front gegen das “rote Indochina” gegründet worden war. Seit Mitte 2000 taucht Kambodscha auch wieder als “Reisetip” in den westlichen Medien auf. Unter dem Stichwort “Cambodia” findet man bereits 1,5 Mio Eintragungen im Internet - bald kommt auf fast jeden computerlosen Kambodschaner eine Weppage. In diesem Jahr werden bereits 270.000 Touristen erwartet, sie sind derzeit die wichtigste Einnahmequelle des Landes. “Der Provinzflughafen Siem Reap, nahe Angkor Wat, wird inzwischen von einem Dutzend Fluggesellschaften angeflogen,” berichtete gerade der ehemalige Kambodscha-Korrespondent der taz, Alexander Smoltzyk, der nunmehr für den Spiegel unterwegs ist. In Siem Reap entdeckte er an einer Wand der “Ivy Bar” den grünen Klodeckel von Pol Pot, den der Barbesitzer Karl Balch sogar eigenhändig im letzten Hauptquartier von Brother Number One, in Anlong Veng, abgeschraubt haben will: “Von dem Klositz konnte er direkt ins Tal hinunterschauen”, berichtete Balch dem Korrespondenten. Anschließend sprachen sie über ihre Heimat.
4. Porträt des Partisanen als junger Mann

Die Eltern von Saloth Sar, der später den Kampfnamen Pol Pot annahm, waren Mittelbauern in Prek Sbauv, sie besaßen 9 Hektar Reisfelder und mehrere Wasserbüffel. Sar wurde 1925 als achtes von neun Kindern geboren. Mit neun Jahren schickten ihn seine Eltern an den Königshof von Pnom Phen - zu seiner Cousine Meak und seiner Schwester Suong, die dort Tempeltänzerinnen waren. Bevor er sich bei ihnen einleben konnte, wurde er erst einmal Novize im nahen Kloster Vat Botum Vaddei, wo er in den Buddhismus eingewiesen wurde und Khmer lernte. Seine Schwester Suong, bei der er dann aufwuchs, bezeichnete ihn später als “liebes Kind”.

Pnom Phen wurde im 16. Jahrhundert gegründet, die Franzosen gaben der Hauptstadt später das Gepräge einer kleinen französischen Provinzstadt. In Vietnam kam es Anfang der Dreißigerjahre zu mehreren Bauernaufständen, bei denen französische Kolonialbeamte getötet wurden. Kurz zuvor hatte sich dort die Kommunistische Partei Indochinas gegründet. Saloth Sar besuchte von 1936 bis 1942 die nahe des Königspalastes gelegene katholische Schule “Ecole Miche”. Die meisten seiner Klassenkameraden waren Kinder von französischen Kolonialbeamten und katholische Vietnamesen, einer erinnerte sich später, daß Sar ein “sehr charmanter Junge” war. 1940 brach der französisch-thailändische Krieg aus, die Deutschen eroberten Frankreich und die Japaner bedrohten die französische Herrschaft in Indochina. 1941 starb der kambodschanische König Monivong, der französische Gouverneur Admiral Decoux inthronisierte dessen neunzehnjährigen Enkel Norodom Sihanouk, den er aus dem Lyzeum in Saigon herbeischaffen ließ. Weil die Thais die zweitgrößte kambodschanische Stadt Battambang eingenommen hatten, wo sich ein französisches Collège befand, gründete die Kolonialverwaltung in der drittgrößten Stadt Kompong Cham, wo sich viele französische Kautschukplantagen befanden, eine neue Schule, die nach Norodam Sihanouk benannt wurde. Zwanzig Jungen aus verschiedenen Provinzen wurden 1942 ausgewählt und dorthin zum Unterricht geschickt, darunter Saloth Sar. Zur selben Zeit fand in Pnom Phen die erste größere antifranzösische Demonstration statt. Auf dem Collège Sihanouk durften die Schüler nur französisch sprechen, Saloth Sar lernte dort Geige spielen. 1945 wurde ein neuer Lehrer, Khvan Siphan, angestellt, der Mathematik, Physik und Philosophie unterrichtete. Einige seiner ehemaligen Schüler, von denen etliche später Kommunisten wurden, berichten, daß sich Siphan äußerst wohltuend von den strengen französischen Lehrern, die kurz zuvor von den Japanern interniert worden waren, unterschied - alle Schüler mochten ihn. Der amerikanische Khmer-Historiker David P. Chandler vermutet in seiner 1999 erschienenen Pol-Pot-Biographie “Brother Nomber One”, daß Siphan das erste Vorbild für Saloth Sar war, der später ja ebenfalls ein sehr beliebter und erfolgreicher Lehrer wurde. Einige seiner Klassenkameraden erinnern sich noch, daß Saloth Sar “viel nachdachte, aber wenig sagte” und daß er gerne Fußball spielte, jedoch kein herausragender Spieler war. Sein bester Freund auf dem Collège war der Bruder von Lon Nol. Dieser kämpfte als kambodschanischer Päsident ab 1970 vor allem gegen die Roten Khmer, sein Bruder - Saloth Sars Klassenkamerad - wurde 1975 von den Roten Khmer hingerichtet. 1948 begann Saloth Sar eine Tischlerausbildung an der Ecole Technique in Pnom Phen, nachdem er durch die Aufnahmeprüfung am vornehmen Lyzeum Sisowath gefallen war, wo u.a. Ieng Sary studierte. Beide bekamen dann ein Stipendium, mit dem sie nach Paris an die Sorbonne gingen - Sar bereits 1949, Sary zwei Jahre später. Dort wurden sie - wahrscheinlich 1952 - Mitglied der französischen kommunistischen Partei und heirateten zwei Schwestern, Khieu Ponnary und Khieu Thirith, die 1951 ebenfalls zum Studium nach Paris gekommen waren. Später gingen alle vier zurück nach Pnom Phen, von wo aus sie 1963 als Illegale und Mitglieder der Kommunistischen Partei Indochinas, in den Dschungel gingen. Pol Pots Biograph Chandler fragt sich, warum man ausgerechnet Saloth Sar ein Paris-Stipendium gab - und vermutet, daß Ieng Sarys Kontakte zum damaligen Premierminister Chheam Van dafür ausschlaggebend waren. Dessen demokratische Partei drängte junge Kamboschaner, Elektrotechnik, Tischlerei, Schneiderei und Photographie zu studieren - alles Wirtschaftsbereiche, die bisher von der vietnamesischen Minderheit dominiert wurden. In Paris, wo Saloth Sar ein Zimmer im Indochina-Pavillon der Cité Universitaire bezog, schrieb er sich dann auch im Fach Elektrotechnik ein. Paris war in jenen Jahren das Zentrum von Existentialismus und westlichem Kommunismus und Saloth Sar war mehr an den Diskussionen und öffentlichen Manifestationen als am Studium interessiert, daneben kaufte er bei den Antiquariaten an der Seine alles, was er an Büchern kriegen konnte. Wie er 1997 Nate Thayer in einem Interview erzählte, hatte er nur 20 bis 25 Franc im Monat übrig, und las beispielsweise “La Grande Revolution Francaise”: “Ich begann als Nationalist, dann wurde ich Patriot und schließlich verschlang ich die progressiven Bücher”. Dazu gehörten dann auch die großen französischen Dichter - Hugo, Rimbaud, Verlaine, die er teilweise auswendig lernte. Sein Lieblingsautor wurde jedoch Rousseau. Im Sommer 1950 reihte er sich erst einmal in eine freiwillige Arbeits-Brigade ein, die sich am Aufbau Jugoslawiens beteiligte: “Für uns war es aber vor allem eine Vergnügungstour”. 1951 lernte Saloth Sar über Ieng Sary dessen Förderer Keng Vannsak kennen, der ihm ein möbliertes Zimmer in der Rue Letellier besorgte, wo Sar dann bis zu seiner Rückkehr nach Kambodscha wohnte. Statt zur Uni zu gehen, beteiligte er sich an einem marxistischen Schulungszirkel, der sich regelmäßig in der Wohnung von Vannsak traf. Laut Vannsak tat er sich dabei jedoch nicht besonders hervor. Seine eher schüchterne oder rezeptive Zurückhaltung scheint überhaupt kennzeichnend für ihn gewesen zu sein: “Ich sprach nie über mich selbst, ich war verschwiegen,” erzählte er Nate Thayer.

Im Sommer 1951 fuhr ein großer Teil des Schulungszirkels nach Ost-Berlin, wo ein internationales Jugendfestival stattfand, von dem die kambodschanischen Teilnehmer völlig enthusiasmiert zurückkehrten. Anschließend widmeten sie sich engagiert den Vorgängen in ihrem Heimatland, wo gerade die Demokraten die Wahl gewonnen hatten, außerdem hatten die Franzosen auf Sihanouks Drängen hin den in Poitiers zwangsexilierten Son Ngoc Thanh die Rückkehr nach Kambodscha erlaubt, wo er die Zeitung “Khmer Erwacht!” gründete, und der französische Hochkommissar in Pnom Phen war von seinem vietnamesischen Diener ermordet worden. 1952 riß Sihanouk die Regierungsgewalt an sich. Dies inspirierte Saloth Sar in Paris zu seinem ersten Artikel - mit dem Titel “Monarchie oder Demokratie?”. Dieser erschien in einer Khmer-Studentenzeitung, deren Druck Vannsak besorgte, um gegen Sihanouks “coup d’état” zu protestieren. Der Autor definiert darin die Monarchie als Herrschaft einer kleinen Gruppe, die von der Ausbeutung der Mehrheit des Volkes lebt - und die deswegen eliminert werden muß. Außerdem ist sie gegen den Buddhismus, insofern sie sich über die Religion stellt. Die Demokratie macht Schluß mit dieser Herrschaftsform, installiert wird sie von Revolutionären wie Robespierre, Lenin und Sun Yat Sen… Als Saloth Sar dies schrieb, war sein Stipendium bereits storniert worden, weil er nicht mehr ordentlich studierte. Vannsak erzählte einem Interviewer 1997: “Um mehr Informationen über Kambodscha zu bekommen, wurde beschlossen, daß einige aus unserem Arbeitskreis ins Land zurückkehren sollten, auch Saloth Sar gehörte dazu. Es kam daraufhin zu einer Diskussion, ob wir bereit wären, unser Leben der Revolution hinzugeben, Saloth Sar war einer von denen, die das wollten”.

Ende 1952 fuhr er mit dem Schiff -von Marseille aus - nach Hause. Bereits einen Monat nach seiner Ankunft schloß er sich der Widerstandsbewegung an, der geheim operierenden Kommunistischen Partei Indochinas, die von Vietnamesen dominiert wurde. Zunächst wurde er in Ostkambodscha in einer Propaganda-Abteilung eingesetzt, dann kommandierte man ihn zur Kaderschulung ab. Saloth Sar fand dort in dem ehemaligen kambodschanischen Mönch Tou Samouth ein neues Vorbild. Von ihm wird gesagt, “an Höflichkeit und Freundlichkeit im Umgang mit anderen kam er Ho Chi Minh gleich”. 1954 zog Saloth Sar mit seiner Frau zurück nach Pnom Phen. Mehrmals traf er dort mit Keng Vannsak zusammen, der beeindruckt war von seinem “kontrollierten, intelligenten Verhalten” und seiner politischen Ernsthaftigkeit, die er in Paris noch nicht an ihm bemerkt hatte. 1955 fanden wieder einmal Wahlen statt: Sihanouk übergab seinem Vater die Königswürde und kandidierte als “normaler Bürger”. Dazu formierte er die “volkssozialistische Gemeinschaft” - alle Regierungsbeamte, die sich ihr nicht anschlossen, wurden entlassen, radikale Zeitungen wurden verboten und ihre Herausgeber inhaftiert. Auch Vannsak wurde für mehrere Monate ins Gefängnis gesteckt. 1977 urteilte Pol Pot über diese Zeit: “Die Volksmassen unterstützten die revolutionären Kräfte gegen den US-Imperialismus, aber gegen die herrschende Klasse und ihre Waffen, Gerichte, Gesetze und Gefängnisse konnten sie sich nicht durchsetzen”. Nach den Wahlen folgte Saloth Sar seiner Frau, die schon seit längerem als Lehrerin für kambodschanische Literatur am Lyzeum Sisowath arbeitete. Er nahm eine Stelle als Lehrer für Französisch, Geschichte und Geographie an einem neuen privaten Collége, Chamraon Vichea (Fortschrittliches Wissen), an. Sein Biograph Chandler bemerkt dazu: “Im kamboschanischen Schulsystem lehrt selbst ein Mathematiklehrer Ethik, und jeder Lehrer ist eine Respektsperson”. Saloth Sar war ein schon fast begnadeter Lehrer. Bei ihm zu Hause trafen sich außerdem junge Offiziere, Lehrer und Studenten, um über die Zukunft Kambodschas zu diskutieren. 1959 gehörte der Schriftsteller Soth Polin zu seinen Schülern, er meinte später: “Ich kann mich noch immer an seinen Stil erinnern, in dem er uns Französisch beibrachte: einfühlsam und musikalisch”. Ein anderer Schüler, der kambodschanische Geschichte bei Saloth Sar studierte, sagte: “Er war beliebt bei seinen Studenten, ein guter Lehrer und sehr korrekt”. Jeder wußte, daß Saloth Sar ein Kommunist war, aber er agitierte seine Schüler nie. Es war außerdem bekannt, daß die Kommunisten die Korruption hassten und daß sie die einzigen waren, die sich um die Armen kümmerten. 1959 bezogen Saloth Sar und seine Frau zusammen mit Ieng Sary und seiner Frau sowie ihrer kleiner Tochter Vanny ein Haus in der Nähe des Königspalastes. Sary nahm ebenfalls eine Stelle als Lehrer an und beteiligte sich an der klandestinen politischen Arbeit Saloth Sars. Ihre Nachbarn nahmen erstaunt zur Kenntnis, daß sie aus ideologischen Gründen keine Hausdiener beschäftigten.

Parteiarbeit, das bedeutete in den Fünfzigerjahren, heimlich ein Netzwerk von Militanten und Kadern aufzubauen und diese zu schulen. Die meisten, und das waren nur wenige, kamen nicht vom Land und sie waren auch keine armen Bauern, sondern Studenten, Lehrer und junge Arbeiter. Aufgrund von Sihanouks wachsendem Antiamerikanismus kam es langsam zu einer Aktionseinheit mit ihm. Auch die vietnamesischen Genossen drängten die revolutionäre Khmer Volkspartei dazu. Saloth Sar wurde 1960 Mitglied des Zentralkomitees. 1962 änderte Sihanouk seine Politik gegenüber den Kommunisten - u.a. wurde deren Generalsekretär Tou Samouth - wahrscheinlich von Polizisten - “beseitigt”. An seiner Stelle wurde Saloth Sar zum Generalsekretär der Partei ernannt. An seinen klandestinen Seminaren über Bürgerrechte, Justiz und Korruption nahmen inzwischen auch Mönche und Verwaltungsbeamte teil. Ein ehemaliger Mönch, Sok Chuon, erinnerte sich später: “Saloth Sar konnte mit seinen Vorträgen alle überzeugen, seine Beispiele waren sorgfältig ausgewählt und er gab sich äußerst liebenswürdig”. Ab 1962 wuchs der Unmut über Sihanouks Politik - die Kommunisten erhielten Zulauf und auch andere führende Parteimitglieder veranstalteten nun Schulungsseminare.

Unter den Studenten kam es zu Unruhen. Als Sihanouk sich diesem Problem zuwandte, übergab Lon Nol ihm eine Liste mit Rädelsführern, in der erstmalig auch Saloth Sar und Ieng Sary auftauchten. Wenig später ging Saloth Sar in den Untergrund - “er war nun ein Berufsrevolutionär”, wie Chandler schreibt, und nahm eine Reihe neuer Identitäten an: “Onkel Sekretär, Brother Nomber One, Großvater Nomber 82″…Von 1963 an hielt er sich in Guerillalagern im Osten und Nordosten Kambodschas auf, gegen Ende 1965 verbrachte er mehrere Monate in Vietnam und China. Die Verbindung mit Pnom Phen wurde mit Kurieren und Kurzwellensendern aufrecht erhalten. Sie übertrieben jedoch ihre Isolation, wie der sowjetische Partisanenführer Fjodorow gesagt hätte. Einen großen Einfluß auf ihre Politik hatte dann die chinesische Kulturrevolution, die 1966 begann - und natürlich der eskalierende “Vietnam-Konflikt”, der Sihanouk bewog, die US-Militärhilfe für seine Regime zurückzuweisen und sich stattdessen den vietnamesischen Kommunisten anzunähern, denen er Operationen auf kambodschanischem Territorium erlaubte. Diese wurden daraufhin auch von den kambodschanischen Kommunisten aktiv unterstützt, deren Hauptquartier - das “Büro 100″ - sich nahe der vietnamesischen Grenze befand. Bedrängt von Sihanouk wandten sich immer mehr Studenten dort hin. Einer, Chhim Samauk, wurde später in der Folterzentrale “S-21″ der Roten Khmer inhaftiert, wo er zu Protokoll gab: “Im Büro 100 traf ich Bruder Ieng Sary und Bruder Nummer Eins. Ich war sehr aufgeregt und glücklich…Sie verfaßten Texte und ließen sie drucken. Ich strengte mich sehr an, von ihnen zu lernen. Nach einer Weile konnte ich ihnen bereits helfen. Im Büro 100 verbrachte ich von 1964 bis 1965 eine sehr angenehme Zeit”.

Saloth Sar fuhr wenig später nach Hanoi, wo man ihn höflich empfing, in einer Reihe von Diskussionen wurde die zukünftige Zusammenarbeit abgesteckt. Darüberhinaus informierte Bruder Nummer eins seine dort im Exil lebenden Landsleute auf Versammlungen über die Situation in Kambodscha und erklärte ihnen den seit 1960 neuen Namen der Partei: “Arbeiterpartei von Kampuchea”. Anschließend fuhr er weiter nach Peking. Unterdes war es im Bezirk Battambang, in der Nähe des Dorfe Samlaut, zu Bauernunruhen gekommen, die Anfang 1967 in einen Aufstand gipfelten. Die Bauern hatten heimlich Reis an die Vietkong-Truppen entlang der Grenze verkauft, Sihanouks Premierminister Lon Nol schickte deswegen eine Strafexpedition aus. Gleichzeitig machte Sihanouk die Kommunisten dafür verantwortlich und ging massiv gegen sie vor. Am Ende gab es über tausend Tote. Saloth Sar reagierte Ende 1967 darauf, indem er ein Kadertreffen im Nordosten organisierte, auf dem die Frage der ,,Organisation des Widerstands gegen unsere Feinde“ diskutiert wurde. Man entschied sich für eine Verbindung von bewaffnetem und politischem Kampf. Als erstes galt es, Waffen aufzutreiben. Anfang 1968, kurz vor der Tet-Offensive der Vietnamesen, kam es bereits zu mehreren Zusammenstößen zwischen Sihanouks Soldaten, Polizisten und Milizen auf der einen und bewaffneten Roten Khmer auf der anderen Seite. Einer - in Bay Damran am 17. Januar - wurde später zur Geburtsstunde der Revolutionsarmee erklärt. Von da an bis Ende 1969 war Saloth Sar vor allem mit dem Aufbau eines Netzwerks von Widerstandzellen beschäftigt. 1972 schilderte er rückblickend die damalige Situation: “Wir hatten nicht genug Leute und keine Ökonomie, außerdem fehlte es uns an Verstecken und an militärischer Stärke. Der Feind kannte die Wälder. Wo immer wir auftauchten, war er sofort über uns informiert. Zwar besaßen wir einige Gewehre, aber wir hatten kein Land und niemanden auf unserer Seite”. Mitte 1968 teilten ihnen die vietnamesischen Genossen zudem mit, die Zeit sei noch nicht reif für eine kambodschanische Revolution, zuerst einmal müßte Südvietnam befreit werden. Doch die wirtschaftliche Lage Kambodschas verschlechterte sich und immer mehr Kambodschaner schlossen sich dem Widerstand gegen Sihanouk und Lon Nol an. Im März 1969 begannen die Amerikaner, das Land zu bombardieren “ob Sihanouk es ihnen erlaubte oder ob er es hinnahm, ist bis heute unklar”, schreibt David P.Chandler.

Ende 1969 fuhr eine Delegation der Roten Khmer mit Saloth Sar an der Spitze erneut zu Gesprächen nach Hanoi. Es scheint, daß die Vietnamesen damals die Unterstützung der Kambodschaner nötiger hatten als umgekehrt. Anfang 1970 fuhr Sihanouk in die Ferien nach Frankreich, während seiner Abwesenheit putschte Lon Nol - den vietnamesischen Streitkräften wurden 48 Stunden gegeben, um das Land zu verlassen. Sowohl Saloth Sar als auch Sihanouk begaben sich daraufhin nach Peking, der eine von Hanoi, der andere von Paris aus. Auf Vermittlung der Chinesen wurde zwischen den beiden eine “anti-amerikanische Einheitsfront” unter der Schirmherrschaft von Sihanouk entworfen. Für Saloth Sar bedeutete dies, das er plötzlich der Macht ein großes Stück näher gekommen war. Mit 45 Jahren war er jetzt militärischer Führer des kommunistischen Teils einer Volks-Allianz, die zudem massive militärische Hilfe von den Vietnamesen bekam. Außerdem wurde er persönlich vom chinesischen Premierminister Tschou En Lai unterstützt. Die CIA schätzten damals, daß die Roten Khmer selbst nur etwa 3000 Männer und Frauen unter Waffen hatten. Stellenweise gingen die Vietnamesen unabhängig von den Roten Khmer daran, kambodschanische Bauern zu bewaffnen, damit sie für Sihanouk kämpften. Als Saloth Sar und seine Delegation von Peking kommend erneut in Hanoi Station machte, wurden sie auf mehreren offiziellen Empfängen ,,gelobt und geehrt“, wie es später in offiziellen Dokumenten hieß. Im Land selbst kam es zu mehreren Pro-Sihanouk-Aufständen, die von Lon Nols Armee und Polizei blutig niedergeschlagen wurden. Die Amerikaner und die Südvietnamesen kamen ihnen dabei zu Hilfe. Während die nordvietnamesische Armee und die Vietkong ihre Militärhilfe intensivierten, gingen die Roten Khmer jedoch - ab Mitte 1971 etwa - langsam auf Distanz zu ihnen. Auf einem Instruktionstreffen aller Kader im Hauptquartier der Partei, im Dschungel der nördlichen Zone Kambodschas, das Saloth Sar leitete, wurde festgestellt, daß die kommunistische Partei in eine neue Phase des Kampfes eingetreten sei - in eine national-demokratische Revolution, die Feudalismus und Imperialismus beseitigen werde.

Lon Nols Armee geriet langsam in die Defensive, im Januar 1972 schrieb Pol Pot: “Wir haben den Willen zu siegen. Aber das ist nicht genug. Wir brauchen eine fundierte Politik, politischen Weitblick und fundierte politische Methoden. Ohne diese taumelt die Revolution wie ein Blinder von Ort zu Ort”. Im Laufe des Jahres flüchteten immer mehr Lehrer, Studenten und Techniker in die “befreiten Zonen”, wo sie sich den Roten Khmer anschlossen. In den Parteidokumenten wurde daraufhin der Klassenanalyse größere Aufmerksamkeit gewidmet - und betont, daß man mehr Kader aus der Klasse der armen und der Mittel-Bauern rekrutieren müsse. Nachdem die Vietnamesen 1973 in Paris einen Waffenstillstand mit den Amerikanern vereinbart hatten, befürchteten die Roten Khmer, daß ihnen ihre Gebietsgewinne wieder verloren gehen könnten. “Fast fühlten sie sich von den Vietnamesen verraten”, meint David P.Chandler. Als die Vietnamesen ihre Truppen samt Waffen aus Kambodscha zurückzogen, kam es hier und da sogar zu blutigen Auseinandersetzungen mit einigen Einheiten der Roten Khmer. Im März 1973 begannen die Amerikaner ihr Bombardement Kambodschas. Statt die Kommunisten auszuradieren, bewirkte dieser massive Waffeneinsatz jedoch nur den völligen Kollaps des bäuerlichen Lebens - was den Kommunisten die politische Machtübernahme erleichtern sollte. Ihre Einkreisung Pnom Phnes konnte durch die Bombardierung jedoch vorerst gestoppt werden - der Krieg wurde dadurch auf zwei weitere Jahre verlängerte. Währenddessen reiste Sihanouk von Peking nach Kambodscha, im Hauptquartier der Roten Khmer traf er sich mit den Parteiführern, darunter Saloth Sar. Gemeinsam schaute man sich ein lustiges Theaterstück an und schoß Erinnerungsphotos.

Im September 1974 feierte die Kommunistische Partei Kampucheas ihren 23. Jahrestag bei Amleang in der Provinz Kandal. Saloth Sar hielt diesmal keine Rede. Kurz darauf hatte er einen heftigen Malaria-Anfall und mußte medizinische Hilfe annehmen. Gegen Ende des Jahres war er aber schon wieder unterwegs, um Kampfgruppen zu inspizieren - und Vorbereitungen für die Offensive im kommenden Jahr während der Trockenzeit zu treffen, mit der endgültig die Hauptstadt eingenommen werden sollte. Der Ring der Roten Khmer zog sich bald erneut um Pnom Phen zusammen, Anfang April floh Lon Nol ins Ausland, ein paar Tage später taten es ihm die Amerikaner nach. Zwei Wochen später geschah dann Ähnliches in Saigon. Am 17.April marschierten die Roten Khmer in Pnom Phen ein, viele ihrer Kämpfer waren noch halbe Kinder.

Saloth Sar kam erst am 23.April in die Stadt - da waren nahezu sämtliche Bewohner schon “evakuiert”. Stattdessen wimmelte es überall von Fliegen. Und die Sieger erstickten bald in “Papierkram”. Alles mußte auf einmal organisiert und alles “Private” dabei eliminiert werden. Bereits einen Monat später konnte Saloth Sar nicht mehr arbeiten: Er hatte permanent Migräne, klagte über Ohrenschmerzen, sein Arme und Beine taten ihm weh und er mochte nichts mehr essen. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, mußte er nach Hanoi fliegen, um die zukünftige Zusammenarbeit und den Abzug der letzten vietnamesischen Truppen zu regeln. Anschließend flog er nach Peking, wo er sich mit Mao Tse Tung traf - und photographieren ließ. Die Chinesen verpflichteten sich zu einer wirtschaftlichen und militärischen Hilfe in Höhe von 1 Milliarde Dollar für Kambodscha, außerdem schickten sie Aufbauhelfer ins Land.

Im August 1975 besuchte Saloth Sar eine Waffenfabrik in Pnom Phen. Einer der Beschäftigten erzählte 1989: “Er kam und bat uns, alle zusammen zu kommen. Dann fragte er, ob wir Ideen hätten, wie man neue Maschinen konstruieren könne…Er war höflich und freundlich. Er sprach langsam und geradeaus. In der Hand hielt er einen kleinen Fächer, den er von Zeit zu Zeit öffnete und wieder schloß, wie jemand in der chinesischen Oper. Während er sprach ging er hin und her…Er trug einen gewöhnlichen schwarzen Pyjama”. - Wie ihn dann bald das ganze Volk trug.

Saloth Sar war damals gerade 50 Jahre alt geworden. Jetzt war er kein Partisan mehr, sondern ein Staatsmann: Im April 1976 verkündete Radio Pnom Phen, daß der neue Premierminister des demokratischen Kampuchea ein ehemaliger ,,Kautschuk-Plantagenarbeiter“ sei - mit dem Namen Pol Pot.

Bleibt noch nachzutragen, daß er 1979, nachdem die vietnamesische Armee die Hauptstadt eingenommen hat, erneut als Partisan untertauchen mußte. Sein Hauptquartier errichtete er zunächst auf thailändischem Gebiet. Gelegentlich flog er nach Peking, um sich dort medizinisch behandeln zu lassen. 1985 - nach seinem 60. Geburtstag - legte er alle Parteiämter nieder. Und heiratete erneut, seine zweite Frau bekam eine Tochter. 1997 veranlaßte er angeblich die Ermordung seines alten Mitstreiters aus Pariser Tagen, Son Sen. Wenig später wurde er auf einem Tribunal seiner Genossen zu lebenslänglichem Hausarrest verurteilt. Am 16.April 1998 starb er an einer Herzattacke.

5. Die derzeitigen Prozesse gegen einige führende Kader der Roten Khmer

Anfang 2009 wurde zunächst einmal der Direktor des Gefängnisses S-21, Kaing Guek Eav - “Genosse Duch”, angeklagt. Der frühere Mathematiklehrer und bekehrte Christ Duch befindet sich bereits seit 1999 in Haft. Sein Anwalt erklärte dem Gericht, das von der Presse als “Tribunal” bezeichnet wird: Duch erkenne die Anklage an. “Er möchte die Opfer um Vergebung bitten, aber auch das kambodschanische Volk. Er wird dies öffentlich tun. Das ist das mindeste, was er den Opfern schuldig ist”.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet: “Angeklagt und inhaftiert sind ferner Nuon Chea (hinter dem 1998 verstorbenen Pol Pot die Nummer 2 des Regimes), Khieu Samphan (der damalige Staatspräsident), Ieng Sary (der Außenminister der Roten Khmer) und dessen Frau Ieng Thirith (damals Sozialministerin).

Alle vier sind deutlich älter als Duch und gesundheitlich angeschlagen. Und alle vier behaupten, sie hätten nichts gewusst von den Gräueltaten. Bis vor kurzem lebten sie unbehelligt, was der kambodschanischen Regierung, in deren Reihen noch heute etliche Leute aus dem Dunstkreis des alten Regimes sitzen, viel Kritik eintrug.

Zudem besteht der Verdacht, die Regierung mische sich über die kambodschanischen Richter ein in die Arbeit des halb nationalen und halb internationalen Tribunals. Für ein Urteil ist aber laut Abmachung eine sogenannte ‘Super-Mehrheit’ nötig: Mindestens ein Richter der Vereinten Nationen muss das Urteil unterzeichnen, damit es gültig ist.”

Die Wiener Zeitung interviewte Mitte Januar 2010 Claudia Fenz, Richterin beim Rote-Khmer-Tribunal in Kambodscha:

Im Prozess gegen Duch, den Leiter des Gefängnisses von Tuol Sleng, steht ja ein Urteil bevor. Warum dauert aber das zweite Verfahren gegen die politischen Führungskader wie Ex-Außenminister Ieng Sary oder Nuon Chea, den früheren Chefideologen der Roten Khmer, so lange?

Erstens einmal sind das sehr schwierige Materien. Der Fall von Duch war vergleichsweise noch einfacher. Da ging es darum, die strafrechtliche Verantwortlichkeit des Leiters eines Vernichtungslagers zu überprüfen. Das ist überschaubar. Im zweiten Fall geht es u.a. auch um politische Verantwortlichkeit, das ist eine wesentlich schwierigere Materie. Wir arbeiten auch logistisch unter nicht einfachen Bedingungen: mit drei Sprachen, in die jedes Dokument übersetzt werden muss, Englisch, Französisch und Khmer. Dabei haben wir viel zu wenige Dolmetscher. Die Sache wird auch nicht einfacher dadurch, dass das Hybridsystem das Tandem vorsieht, d.h. wesentliche Positionen sind jeweils mit einem kambodschanischen und einem internationalen Vertreter besetzt, wir haben jeweils einen nationalen und internationalen Staatsanwalt, Untersuchungsrichter etc. Diese müssen in der Regel Entscheidungen gemeinsam fällen, es gibt dann ein Procedere, wenn man sich nicht einigen kann. Allein diese technischen Dinge ziehen jedes Verfahren in die Länge. Dazu kommt, dass die Beschuldigten alt sind, das macht das zweite Verfahren nicht einfacher. Überlegen Sie einmal, wie lange ein 85-Jähriger – sollte er angeklagt werden – sitzen kann während eines Verhandlungstages. Zu all dem gibt es aber wenig Alternativen.

Frau Fenz, Sie waren zuvor beim Aufbau der Justiz im Kosovo und im Westjordanland beteiligt. Dort haben Richter durchaus auch Gefahr für Leib und Leben zu gewärtigen. Ist es im Vergleich dazu in Kambodscha ruhiger?

Ich würde sagen, das Gefährlichste in Kambodscha ist es, um 18 Uhr den Sihanouk-Boulevard ( eine Hauptverkehrsader in Phnom Penh, Anm. ) zu überqueren. Sonst ist es sicher von der persönlichen Gefährdungslage die einfachste Mission.

Wie ist die Akzeptanz des Tribunals im Land?

Ich glaube, dass es in einem Land, wo der Großteil der Bevölkerung in Armut lebt, für den Einzelnen drängendere Probleme gibt, als das, was sich vor 30 Jahren getan hat. Es gibt ein großes Interesse in der Diaspora und bei Intellektuellen. Wie weit es für den Rest der Bevölkerung wichtig ist, überlasse ich den Autoren der spezifischen Studien zum Thema, von denen es seit kurzem einige gibt.

Hoffentlich meint die Richterin über kambodschanische Verbrechen damit nicht das von amazon  angepriesene Buch “Abschied von den ‘Killing Fields’” oder das Spiegel-Buch: “Die Kinder der Killing Fields”. Merke: Überall wo “Killing Fields” drauf steht ist bloß Idiotismus drin! Das Wort kommt von dem auch schon völlig bescheuerten Angloamerikafilm “The Killing Fields” (1984).

20.01.2010

Bauer sein/Bauer werden

von Helmut Höge

“Wer Countrymusic spielen will, muß eine Menge Mist gerochen haben.” (Hank Williams)

- “Als Portugal Mitglied der Europäischen Union wurde, konnten die Bauern nicht mehr mithalten - auch weil durch das Erbrecht ihr Land immer kleiner wurde. Viele junge Menschen verließen die Höfe und suchten in den Städten Arbeit und Auskommen. Seit einiger Zeit besinnen sich viele Portugiesen ihrer ländlichen Wurzeln und kehren als Biobauern aufs Land zurück.” (Deutschlandradio Kultur)

- Ähnliches gilt für Polen, wo man beim Aushandeln der Agrarsubventionen der EU große Agrarbetriebe - von denen nicht wenige inzwischen in ausländischer Hand sind - bevorzugte, um sie wettbewerbsfähig zu machen, gleichzeitig sollte damit bewirkt werden, dass von 4 Millionen polnischen Kleinbauern etwa die Hälfte aufgibt - und als Arbeiter sein Auskommen sucht.

Das geschah auch bereits, wobei viele Polen als Erntehelfer bzw. Saisonarbeiter in englischen, irischen, deutschen und holländischen Agrarbetrieben Arbeit fanden. Damit war es jedoch wegen der Finanzkrise 2008/09 vorbei - tausende von Polen kehrten nach Hause zurück.

Auch in Frankreich ist der eigentlich zum Aussterben verurteilte Bauernstand wieder am Erstarken: José Bové, der französische Bauer und Vorkämpfer gegen den Agrar-”Produktionismus” und für die Montréal-Idee “Lokal denken - global handeln” fordert: “Forscher, kommt raus aus euren Labors!” Nur verrückte Menschen machen die Rinder wahnsinnig.” Es geht ihm vor allem um eine Neudefinition des Bauernberufs. Außerdem muß der Zugang zu Land vom Eigentum abgekoppelt werden - z.B. so wie auf dem Larzac. Immer mehr Jugendliche aus der Stadt besuchen Landwirtschaftsschulen: “Die Klassen sind voll! Der wichtigste Beweggrund, warum sich heute Menschen auf dem Land niederlassen und Bauer werden, ist das Bedürfnis nach anderen sozialen und zwischenmenschlichen Beziehungen.”

In Deutschland erfreut sich das freiwillige ökologische Jahr, das vor allem Mädchen gerne auf dem Land ableisten, immer noch großer Beliebtheit. Und was in Frankreich José Bové ist in Deutschland Onno Poppinga, der sich ebenfalls für ein Stärkung des Kleinbauerntums einsetzt - u.a. im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und dessen Zeitung “unabhängige Bauernstimme”. Letztere interviewte ihn kürzlich:

BAUERNSTIMME: Herr Poppinga, warum Professor und nicht Bauer?

ONNO POPPINGA: Ich komme aus einer Familie, die einen Pachthof in Ostfriesland hatte. Den Pachthof hat mein älterer Bruder übernommen. Da war klar, ich habe keinen Hof zu erwarten, weshalb ich Landwirtschaft studiert habe. Nachdem ich die Professorenstelle in Kassel bekommen hatte, habe ich gemeinsam mit meiner Familie einen kleinen Nebenerwerbsbetrieb in Holzhausen aufgebaut.

BAUERNSTIMME: Die Verknüpfung von Wissenschaft und dem Beruf des Bauern ist ein großer Spagat.

ONNO POPPINGA: Es ist ein Spagat, ja. Aber meine Güte, wenn du ein bisschen trainiert bist, ist Spagat keine schwierige Aufgabe. Das hat ja jeder Bauer in seinem Betrieb auch drin, wenn er nicht nur auf eine einzige Tätigkeit spezialisiert ist. Er muss immer Dinge miteinander verknüpfen, wenn er sie begreifen will. Also wie soll ich denn als Jemand, der Agrarpolitik unterrichtet, zu sinnvollen Fragen kommen, wenn ich keinen praktischen Bezug zur Landwirtschaft habe?

BAUERNSTIMME: Sie sind einer der Gründerväter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Werden Sie sich im Ruhestand wieder mehr bei der AbL engagieren?

ONNO POPPINGA: Die Verbindung mit der AbL ist mir immer unheimlich wichtig gewesen. Es gab und gibt immer eine enge Verbindung. Auch zwischen dem, was ich an Fragestellungen hier an der Uni bearbeitet habe und den Themen der AbL. Wir haben viele gemeinsame Projekte entwickelt und publiziert. Es gab eine Zeit, wo ich eher Distanz entwickelt habe. Das war, als die AbL sich viel zu sehr auf die Politik von Frau Künast und die Grünen eingelassen hat. Jetzt sehe ich aber bei der AbL eine gewisse Besinnung zurück zu den Wurzeln. Es wird wieder eher unabhängig von parteipolitischen Bindungen geschaut und Stellung genommen. Ich fühle ich mich jetzt wieder näher bei der AbL als in der Zeit, in der Frau Künast Ministerin war.

BAUERNSTIMME: Was bedeutet es für die Universität, wenn Ihr Arbeitsschwerpunkt jetzt wegfällt?

ONNO POPPINGA: Wir haben immer gehofft, dass der Fachbereich ökologische Landwirtschaft selbst ein Interesse daran entwickelt, dass diese Arbeit weitergeführt wird. Der Fachbereich hat diesbezüglich aber nie etwas unternommen. Gleichwohl ist es für mich jetzt ein ausgesprochen großes Vergnügen zu sehen, dass jetzt eine Gruppe von Studierenden diese Frage an den Fachbereich heranträgt, weil die ökologische Landwirtschaft in besonderer Weise von agrarpolitischen Entscheidungen abhängig ist. Zumindest in Teilen haben die Professoren des Fachbereichs positiv reagiert. Und ich hoffe, dass dann wieder eine Stelle entsteht, die sich mit kritischer Agrarpolitik beschäftigt.

BAUERNSTIMME: Was war das Besondere an Ihrer Lehre?

ONNO POPPINGA: Unsere Absicht war es immer, die Frage aufzuwerfen, wie selbstkritisch ist eigentlich Wissenschaft? Das ist sie nämlich äußerst wenig. Eine ganz zentrale Arbeitsweise war es deshalb immer, und das versuche ich auch immer den Studenten bei zu bringen: Glaubt nicht alles, was im Lehrbuch steht! Überlegt, ob das sein kann. Und wenn ihr Widersprüche seht, meint nicht immer nur, ihr habt was Falsches gesehen. Es kann auch sein, dass der Andere was Dummes erzählt hat. Dafür gibt es auch einen bewährten, guten wissenschaftlichen Ausdruck: Quellenkritik. Arbeite quellenkritisch! Prüfe!

…….

Während es also in Portugal und anderswo darum geht: “Ich war Bauer und möchte es wieder werden”, wird in der Städtischen Galerie Nordhorn noch bis zum 7. Februar 2009 eine Ausstellung von Antje Schiffers und Thomas Sprenger gezeigt, die den Titel hat: “Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben”.

Im taz-Café findet morgen eine Veranstaltung statt, die sich mit einem ähnlichen Thema befaßt. In der Ankündigung heißt es: “Als flankierende Maßnahme zur Grünen Woche 2010 liest der Biobauer Matthias Stührwoldt “Hofgeschichten” aus seinen Büchern vor und die Funktionsband Pop Metzger kommt uns mit Liedern aus ihrem Agrar-Repertoire: im taz-café, Rudi-Dutschke-Straße 23-25, am Do., 21.Januar um 20 Uhr.

Über die diesjährige Grüne Woche ist bisher nur so viel zu sagen - zitiert aus der bbv kreiszeitung  warendorf/sassenberg:

Auf Einladung der Landwirtschaftlichen Ortsverbände Sassenberg, Füchtorf und Velsen fand eine dreitägige Fahrt zur Grünen Woche nach Berlin statt. Die Reiseleitung hatten Hubert Schulze Roberg und Ludwig Heseker übernommen, sie konnten 54 Berlinfahrer begrüßen. Der Besuch der Grünen Woche war für alle ein kurzweiliges und abwechslungsreiches Erlebnis.
19.01.2010

Kreuzberg S.O. 36 (nosing around)

von Helmut Höge

Geschichte der O.

Bis in die Siebzigerjahre gab es in Kreuzberg 36 nur zwei Restaurants: die “Stiege” und das “Samira” - jeweils am einen und am anderen Ende des Amüsierabschnitts der Oranienstraße gelegen. Die Oranienstraße wird oft nur kurz “O” genannt, vor allem von den mit Becksflaschen in der Hand Rumlaufenden, weswegen ein amerikanischer Amüsierkonzern seine neue Vergnügungshalle auf der anderen Spreeseite jetzt auch “O2″ (”-World”) nannte. Die “Stiege” und das “Samira” gehörten und gehören den palästinensischen Brüdern Seoud.  Nachdem wir jahrzehntelang dort eingekehrt waren, baten wir Mahmoud Seoud um ein Interview.

Claudia Basrawi/Helmut Höge: Was hat sich verändert in all den Jahren in Kreuzberg?

Mahmoud Seoud: Viel, aber der Kiez ist noch da. “S.O. 36 bleibt!” wie es heißt. Dass sich McDonald’s hierher gewagt hat, finden wir allerdings unglaublich. In unseren Lokalen haben wir eine Menge Stammgäste seit der Wende verloren, dafür kommen nun vor allem spanische Touristen, aber auch Schweden und Dänen. Einer unserer Kellner, der aus dem selben palästinensischen Dorf stammt wie wir, aber dann in Dänemark gelebt hat, freut sich immer, wenn er mal wieder dänisch sprechen kann. Den wahren Unterschied zu früher hat neulich Leila, eine halbe Palästinenserin, auf den Punkt gebracht. Ihr gehört der “Jodelkeller” in der Adalbertstraße. In der Kneipe trafen sich früher immer die Hells Angels. Die Rocker  sind jetzt 60 oder 70 - und kommen, wenn überhaupt noch, nicht mehr mit ihren Motorrädern, sondern mit Fahrrädern vorgefahren. Da stehen manchmal 20 Fahrräder vor dem “Jodelkeller”. Um mit der Zeit zu gehen, hat Leila ihre Kneipe nun radikal umgestaltet. Das machen wir natürlich nicht. Unsere Einrichtung der “Stiege” hat fast Denkmalschutz. Das war früher ein Schokoladen-Laden mit eigener Herstellung im Keller. Ich habe dann bei Trödlern noch viele alte Sachen und auch Bilder dazugekauft.

Wo kommt eure Familie eigentlich her?

Meine Eltern lebten in Deir Al-Kassi, einem Dorf nahe Akka [heute Akkor im Norden Israels], wo sie Oliven- und Feigenbäume besaßen. 1948, im Ersten Arabisch-israelischen Krieg, flohen sie in den Südlibanon - in ein Dorf bei Sur, wo libanesische Bekannte lebten. Dort wurde ich 1951 als ihr viertes Kind geboren. Meine Eltern hofften zunächst, irgendwann wieder nach Deir Al-Kassi zurückkehren zu können, aber die Angst vor den Israelis blieb. Als dann auch noch 1953 mein ältester Bruder beim Spielen von einem anderen Kind mit einem selbstgebastelten Gewehr tödlich verletzt wurde,  zogen meine Eltern noch weiter weg von ihrem Heimatdorf - nach Beirut: in das Flüchtlingslager Tel Zater, das die UN-Organisation für palästinensische Flüchtlinge (UNWRA) zur Verfügung gestellt hatte. Mein Vater fand zunächst Arbeit als Lastenträger im Hafen und machte sich später mit einem Kleidergeschäft selbständig.

Wie habt ihr im Lager gelebt?

In Tel Zater bin ich groß geworden. Wir haben da in Blechcontainern gewohnt, die auseinandergeschnitten wurden. Man  durfte keine festen Gebäude aus Stein dort errichten, das hat die libanesische Regierung nicht erlaubt, die war damals noch sehr selbstbewußt. Als Palästinenser machten einem die Libanesen das Leben schwer, man durfte dies nicht und das nicht - als Staatenloser. Mit 16 bin ich abgehauen in ein Ausbildungslager der PLO bei Damaskus.

Und wie bist du nach Berlin gekommen?

Mein zweitältester  Bruder, Ahmed, ging nach Belgien, von dort zog er weiter nach Westberlin, wo sich damals - nach dem Mauerbau - die Einheimischen noch scharenweise nach Westdeutschland absetzten. Kreuzberg war bereits halb entvölkert. 1969 fand Ahmed Arbeit als Kellner in der ersten Pizzeria Kreuzbergs  - im “Samira”. Das Restaurant gehörte Hamsi, einem Libanesen. Dem ersten Libanesen in Berlin, der ein italienisches Restaurant eröffnete. Als Ahmed Fuß gefaßt hatte, holte er mich und meinen Bruder Hamude nach. Er verschaffte uns ein Einreisevisum in die DDR. Vom Bahnhof Friedrichstraße sind wir dann unkontrolliert nach Westberlin gelangt, wo wir Asyl beantragten. 1975 holten wir auch meinen  jüngsten  Bruder, Mustaffa, nach Berlin. Er war in Tel Zater in die Nähe eines Schußwechsels gekommen und hatte dabei einen Streifschuß am Kopf abbekommen, der ihn zum Teil gelähmt hatte. Vom Beiruter Krankenhaus schafften wir ihn in ein Ostberliner Krankenhaus, dort mußte er alles neu lernen, als es ihm etwas besser ging, kam er nach Westberlin.

Wie wurdet ihr hier Kneipenwirte?

Ahmed kaufte dem Libanesen 1976 das “Samira” ab. Der hatte die Nase voll von Kreuzberg und wollte sich ins ruhige Marienfelde zurückziehen. Hamude hat dann eine andere Pizzeria - “Jasmin” - in der Wilhelmstraße übernommen, und später, für seinen Sohn, auch noch das dortige Steakhaus “Asador”. Für mich und Mustaffa wurde das Lokal “Stiege” in der Oranienstraße am Moritzplatz erworben, wo bis heute auch noch Nazeh, der aus unserem Dorf stammt, kellnert. Das trifft auch auf Suhr zu, ein Mitarbeiter von Ahmed, der sich später mit der Pizzeria “Romantica” in der Schlesischen Straße selbständig machte. 1985 kaufte Ahmed von der Stadt noch den kleinen Park gegenüber vom “Samira” und gleich neben dem Lokal pachtete er ein Trümmergrundstück, das einem Israeli gehört. Ahmed machte daraus vor drei Jahren einen Biergarten. Im Park eröffnete er einen “Hähnchengrill”. 1990 erwarb er noch ein spanisches Lokal - das “La Paloma” in der Skalitzerstraße 54. Die Arbeit in der “Stiege” teilen Mustaffa und ich uns - er macht die Tages- und ich die Nachtschicht.

Wie seid ihr zur Stiege gekommen?

Ahmet hat sie damals gefunden. Ursprünglich wie gesagt ein Schokoladen-Geschäft, hatte die Kneipe zuletzt einem Deutschen gehört und war geschlossen worden, nachdem eine Rockerbande sie gestürmt hatte, weil linke Studenten in dem Lokal verkehrten. Die Rocker hatten ihr Clubheim im stillgelegten und heute zugemauerten U-Bahnhof Dresdner Straße - unter dem jetzigen Alfred-Döblin-Platz, also ganz in der Nähe der ‘Stiege’. Später sind sie dann in die Waldemarstraße umgezogen. Auch zu uns kamen sie dann. Wir haben damals 1974 richtig gegen die Rocker gekämpft. Dabei haben wir uns mit anderen Kneipenbesitzern, die sich auch bedroht fühlten, zusammen getan. Auch unsere Gäste, Linke, Künstler und Studenten, hielten zu uns. Die Polizei hat dagegen nie geholfen, sie hat uns nur ermutigt: ‘Weiter so!’

Die linke Scene, die sich nach dem Mauerbau 1961 vornehmlich in den vom Bürgertum überstürzt verlassenen Großwohnungen links und rechts des Kudamms angesiedelt hatte, wurde ab Mitte der Siebzigerjahre von den Hausbesitzern langsam wieder von dort verdrängt, und verlagerte sich nach Schöneberg und Kreuzberg, wo zur gleichen Zeit auch die türkischen Arbeiter, die bis dahin in den Wohnheimen ihrer Großbetriebe untergekommen waren, in leerstehende Wohnungen und ganze Mietshäuser zogen. Sie ließen dann nach und nach ihre Familien nachkommen. Die linken Studenten begriffen die Türken als “fünfte Kolonne” der Hausbesitzer zum Herunterwohnen der Altbausubstanz, um anschließend Hochhäuser dort zu errichten. Das Sceneblatt “Zitty” schrieb 1980: “In einem Türkenghetto entscheiden nur noch Justiz und PolizeiOETürken raus? Warum nicht. Zumindest einige. Es sei denn, man will den Stadtteil sterben lassen.” Der Bezirk Kreuzberg verhängte daraufhin “Zuzugssperren” gegen sie…

Solche Probleme hatten wir nicht: die Türken waren fast alle Arbeiter in Industriebetrieben, wir waren dagegen Selbständige. Dafür ging der Ärger mit den Rockerbanden weiter. Die einen nannten sich ‘Kettenhunde Berlin’ und die anderen ‘Phönix’. Wir haben uns aber nicht einschüchtern lassen. Außerdem haben wir Verstärkung organisiert. Umgekehrt  haben wir auch anderen geholfen - z.B. rief mal die Kneipe ‘Tankstelle’ in der Adalbertstraße bei uns an und bat um Unterstützung, ebenso die Wirtin, der damals die  ‘Rote Harfe’ am Heinrichplatz gehörte. Als Ahmeds Truppe da  anrückte, haben sie sich ergeben. Auch das von linken Jugendlichen 1973 besetzte “Tommy-Weisbecker-Haus” in der Wilhelmstraße haben wir, die Palästinenser, geschützt - als die Rechten es angreifen wollten.

Einmal kamen sie in die ‘Stiege’, man hörte sie schon von weitem: mit ihren Motorrädern - und verbreiteten gleich Angst. Ahmed war gerade im Lokal: Er gab ihnen fünf Minuten, um wieder zu verschwinden. Sie wollten nur was trinken. Nein, ihr müßt raus, sagte Ahmed und hat sich geweigert, sie zu bedienen. Schließlich gingen sie wieder. Später durften sie dann reinkommen - aber ohne ihre Jacken.

Es gab damals unter den zurückgebliebenen Kreuzbergern, die also nicht den Betrieben nach Westdeutschland gefolgt waren, noch eine Menge Rechte - einige Kioskbesitzer z.B. oder hier - gleich in der Luckauerstraße die Kneipe, da hat der Wirt seine Musikbox nach draußen gestellt, die ganze Zeit laut ‘Kreuzberger Nächte sind lang’ gespielt, seine Gäste haben mitgegröhlt und uns den Hitlergruß gezeigt.

Aber dann kamen immer mehr Hausbesetzer - zu denen wir gute Beziehungen hatten, ebenso zu den Kommunisten vom KBW, die das Haus gegenüber in der Oranienstraße kauften, auch das ‘Max & Moritz’ gleich daneben war ein linker Laden. Nach einem Konflikt in der Sylvesternacht haben wir alle zusammen Dabke durch den Kiez getanzt.

Ab den späten Siebzigerjahren  kam auch immer mehr Promis in die “Stiege”…

Ja, z.B. der Dichter Johannes Schenk und die Malerin Natascha Ungeheuer vom “Kreuzberger Straßentheater”. Später wurde die “Stiege” Manfred Krugs Stammkneipe - und dann auch Drehort für die Serie “Liebling Kreuzberg”, Didi Hallervorden verkehrte bei uns, weil es die Stammkneipe seiner Frau war, ebenso der Moderator Ulrich Meyer, der seine Produktionsfirma in der Nähe hatte. Gleiches galt für die Mitarbeiter von “Gute Zeiten - Schlechte Zeiten” und für Wolfgang Jürgen, der den Verlag “Berliner Handpresse” betrieb. Bis zu seinem Tod 2009 saß er fast täglich bei uns. Wir waren immer ein beliebtes Altberliner Lokal, nach dem Mauerfall sind jedoch viele Gäste in den Prenzlauer Berg abgewandert. Das gilt ebenso für das ‘Samira’, das jetzt  auch noch unter dem Rauchverbot in Speisegaststätten leidet. Mein Bruder will da demnächst eine durchsichtige Trennwand einziehen, also eine Art Raucher-Abteil einrichten.

Und wo sind die Linken geblieben?

Am 1.Mai ist hier in der Oranienstraße immer noch Randale, aber nie sind im ‘Samira’ und in der ‘Stiege’ die Scheiben eingeworfen worden. Nur einmal, 1987, da habe ich aus unserem Wohnzimmerfenster in der Oranienstraße gekuckt - und dabei ist mir ein Gummigeschoß an die Stirn geflogen. Die Wunde mußte im Krankenhaus genäht werden.

Noch mal zurück zum Libanon. Wurde das Lager Tel Zater nicht zerstört?

Als die Falangisten mit Unterstützung der Syrer 1976 unser Lager stürmten, habe ich noch einen Bruder und meinen Vater verloren. Die Leiche meines Vaters wurde nie gefunden. Unser Lager lag von den anderen großen Flüchtlingslagern wie Sabra und Shatila, wo die Falangisten dann 1982 mit israelischer Unterstützung ein noch größeres Massaker anrichteten, entfernt, jedoch inmitten christlicher Wohngebiete. Wir wußten, dass das prekär war, aber mein Vater hat immer gesagt: “Ich bin einmal weg - aus Palästina, nach Deutschland gehe ich nun nicht auch noch”. Die Zerstörung unseres Lagers begann mit dem Überfall auf einen Beerdigungszug: Ein Palästinenser war im Kampf gegen Israel gefallen und sollte in Syrien beerdigt werden. Als der Bus mit den Trauergästen zurück nach Beirut fuhr, wurde er von Falangisten angehalten und die Insassen erschossen. Daraufhin wurden in den Palästinenserlagern Waffen ausgegeben - und sehr schnell wurde Tel Zater dann auch angegriffen. Das war ein Bürgerkrieg -  immer arm gegen reich. Wobei die Christen im Libanon aufgrund des Proporzsystems stets bemüht waren und sind, die Mehrheit zu behalten. So gab es z.B. ein anderes Lager - von Palästinensern, die christlich waren, das ebenfalls geräumt wurde, den Vertriebenen ermöglichte man jedoch die Einbürgerung. In Tel Zater wurden die Unsrigen drei Monate lang belagert, d.h. beschossen -  das Lager sollte weg. Der UNO-Schutztruppe gelang es schließlich, die Frauen und Kinder zu evakuieren. Sie mußten alle ihre Wertsachen da lassen. Meine Mutter, die 25 Jahre später immer noch Angst vor christlichen Libanesen hatte, ging damals mit meinen vier Geschwistern, dazu gehörte auch meine älteste Schwester mit ihrem Mann und sieben Kindern, nach Daimur, etwas außerhalb von Beirut. Unsere Verwandten kamen in anderen Lagern im Libanon unter.

Zater heißt doch Thymian auf Arabisch…

Ja, wir hatten in der Stiege mal eine “Pizza Tel Zater”, aber nur kurz, weil viele Vertriebene, die nach Berlin gezogen waren, nicht immer daran erinnert werden wollten. Dafür gab es hier bald einen “Tel Zater-Verein”, und nach 1982 noch einen “Shatila-Verein”.

Ich wollte und will auch weiterhin hier bleiben. Ich wohne in Kreuzberg - und lebe in Kreuzberg. Wenn ich auch gerne Urlaub in Marokko mache und die libanesische Küche sehr schätze. Inzwischen habe ich auch die deutsche Staatsangehörigkeit. Ich hatte 15 Jahre eine Aufenthaltserlaubnis, war in dieser Zeit also nur geduldet - und durfte Berlin nicht verlassen. Nach Feierabend habe ich mich oft in der Yorkstraßengegend herumgetrieben. Auch in Ostberlin war ich öfter, da kamen damals viele verletzte Plästinenser hin, und nicht wenige haben dort auch studiert. Einer ist heute Kinderarzt gegenüber von der “Stiege”. Wegen meines Flüchtlingsstatus durfte ich eigentlich Westberlin nicht verlassen, aber nach Osten hin wurde das nicht kontrolliert, deswegen habe ich dann Urlaub in Polen und Bulgarien z.B. gemacht.

Was geschah mit dem Rest deiner Familie?

Wir haben unsere drei Geschwister und unsere Mutter 1977 nach Berlin geholt. Im selben Jahr habe ich geheiratet, meine Frau ist vor drei Jahren gestorben, ein Jahr nach meiner Mutter. Ich habe aber noch eine Tochter, sie ist jetzt 33. Und außer meiner ältesten Schwester, die in Berlin lebt, habe ich noch drei weitere Schwestern: eine lebt in Schweden, in Helsingborg und zwei in  Dänemark - in der Hamletstadt Helsingör. Die Orte liegen zehn Minuten auseinander - mit der Fähre. Früher haben wir abgesehen von unseren Familienmitgliedern die PLO finanziell unterstützt, jetzt helfe ich Kindern von gefallenen Palästinensern, auch mein Bruder Ahmed hilft anderen Familien. Wir haben einen Verein gegründet - zur direkten Unterstützung. Die Kinder, denen er hilft, sind jetzt 12 und 13, einer lebt in Gaza, eine bei Ramallah.

Hast du mal das Dorf besucht, aus dem deine Eltern stammen?

Ja, als ich die deutsche  Staatsangehörigkeit hatte, konnte ich das. 2004 habe ich mit meiner ältesten Schwester, die noch in Deir Al-Kassi aufwuchs - bis sie vier war, und mit meiner Frau - die auch von dort stammt und im Libanon auf die alte Art noch für mich ausgesucht wurde, unser Dorf besucht. Ich war furchtbar aufgeregt. Wir mußten drei Stunden vor Abflug schon am israelischen Abfertigungsschalter in Schönefeld sein. Ich hatte ein Auto und Zimmer für uns in einem Hotel in Natanja gemietet, das einem Araber gehört. Er hat uns dann noch über eine arabische Hotelkette eine Rundreise durch Israel vermittelt. Im Nachbardorf von Deir Al-Kassi leben Drusen, die 1948 da geblieben sind. Einige haben meine Eltern noch gekannt, sie haben uns das Elternhaus, den Garten und alles gezeigt und ich habe Photos gemacht. Sie wollten, das ich bei ihnen wohne, beim Abschied haben sie geweint. Ich habe im Dorf meiner Eltern immer gekuckt ‘Wer ist was’, aber vom Gesicht her kann man Juden und Araber nicht unterscheiden, und arabische Frauen höchstens, wenn sie einen Schleier tragen. 2006 bin ich mit meiner dänischen Nichte noch einmal in unser Dorf gefahren. Etwas später  bin ich auch noch nach Damaskus geflogen. Jetzt, wo ich älter geworden bin, werde ich sentimental, und gehe viel in arabische Lokale - zum ‘Ägypter’ auf dem Kudamm, um mir Bauchtanz anzukucken oder zu einem Palästinenser aus Nablus - am Kollwitzplatz. Ich bin ein Nachtmensch. Bis vor drei Jahren habe ich noch regelmäßig gefastet und währenddessen keinen Alkohol getrunken. Aber das mache ich nicht mehr.

Könntest du dir vorstellen, wieder in Palästina oder im Libanon zu leben?

Das läuft dort alles ganz anders als hier. Ahmed wollte irgendwann mit Frau und Kindern in Jordanien leben. Er ist aber wieder zurückgekommen. Mir ging es ähnlich - im Urlaub in Agadir und in Beirut. Ich hatte meiner Tante Geld geschickt, mit dem sie sich dort eine Eigentumswohnung kaufte. Bevor sie starb, hat sie mir diese Wohnung überschrieben. Ich wollte sie dann vermieten, aber das war alles derart kompliziert, dass ich sie schließlich verkauft habe. Hier läuft das anders - z.B. beim Eckhaus, wo unten die ‘Stiege’ drin ist. Das sollte 2000 verkauft werden - da haben wir es einfach gekauft. Mit den Mietern quasi. Wir sind die erste palästinensische Generation, die in Berlin Gastronomie betreibt.

2001 war ich in Beirut und bei der Gelegenheit habe ich nach unserem Lager gesucht: Von Tel Zater habe ich nichts mehr gefunden, das gibt es nicht mehr, nur die Umgebung kam mir noch bekannt vor. Auch das Dorf im Südlibanon, wo meine Familie nach der Flucht zuerst untergekommen war und wo dann mein ältester Bruder beerdigt wurde, wollte ich besuchen, aber es war schon dunkel, als ich dort ankam und ich hatte zu wenig Zeit, so dass ich gar nicht ins Dorf reingegangen bin - ich habe es mir nur von außen angekuckt. Aber ich fahre bestimmt noch mal hin. Jetzt mache ich jedoch erst einmal Urlaub in Aleppo.

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2.

Dem Wirt der “Kogge” in der Oranienstraße gehörte noch eine Kneipe mit einem ähnlich maritimen Namen im Wedding. Zwei solcher Bierschwemmen auf der Oranien- und der Müllerstraße: damit war er aus dem Schneider - dachte er lange Zeit. Aber erst starben all die verhinderten Seeleute in S.O. 36 mit der Zeit zügig weg, und dann wurden die in der “Kogge” nachrückenden Landratten immer krimineller. Zuletzt verkehrten dort eigentlich nur noch einige jugoslawische und türkische Gangs, ein paar Fixer vom Kotti und die Wohnwagenleute vom Engelbecken.  Nach der Wende war, nicht ohne Hintergedanken, in der “Kogge” ein gelernter, aber arbeitslos gewordener Kellner aus Pankow angestellt worden: Uwe. In den 80ern saß er - wg. Republikflucht - drei Jahre im Knast, und zwar gemeinerweise fast genau gegenüber seiner Pankower Wohnung, wo er dann auch wieder einzog - und bis heute wohnt.  Uwe erzählte mir einmal, nachdem die “Kogge” wegen wiederholten Drogenhandels geschlossen worden und er in die Weddinger Filiale gewechselt war: “Da konnte man alles kriegen, jedes Rauschgift, jede Knarre, bis hin zur Kalaschnikow, auch Ausweise, Führerscheine, alles. Aber gefährlich wurde es nur, wenn jemand versucht hatte, einen anderen übers Ohr zu hauen: dann flogen die Fetzen. Ich hatte so eine grüne Blechkasse, die habe ich mir dann geschnappt und mich in den Keller verdrückt, hinter der Theke gab es eine Falltür, da bin ich runter, habe die Klappe hinter mir zugemacht und so lange gewartet, bis es oben ruhiger wurde, dann kam ich wieder hoch. Nicht einmal - in der ganzen Zeit - hat mich jemand von den Gästen angemacht oder betrogen. Besonders mit den Wohnwagenleuten vom Engelbecken kam ich gut klar: die sahen meist zerlumpt und verdreckt aus, aber ich bin von ihnen nie beschissen worden. Die hatten alle irre Deckel in der Kneipe, wenn sie jedoch ihr Geld vom Sozialamt kriegten, haben sie prompt ihre ganzen Schulden bezahlt.”  Das Irre an dieser Geschichte bestand für mich noch aus etwas anderem: Uwe kannte bis zu seinem Job in der “Kogge” Kreuzberg und die Oranienstraße nur aus dem Fernsehen. Obwohl er kräftig gebaut ist, war er etwas ängstlich, als er das erste Mal dort hinging, um sich vorzustellen. Trotz seiner guten Erfahrungen mit den Stammgästen vergaß er dort jedoch nie seinen eher allgemeinen Fernseh-Horror: Fortan hatte er vor allem Angst vor dem Heimweg - morgens allein durch die Oranienstraße: “Da habe ich immer gemacht, daß ich so schnell wie möglich zur U-Bahn kam - und weg!”  Unsereiner, der eher Angst hatte, in der “Kogge” allein ein Bier zu trinken als auf der “Oranien” spazierenzugehen, verstand das nicht sogleich: Uwe war tatsächlich der Meinung, daß er mit Glück gerade noch die angenehmste Oranienstraßen-Kundschaft in seiner Kneipe bedient hatte, alle anderen waren für ihn jedoch mehr oder weniger wirklich gefährliche Leute. Noch heute ist er dieser Meinung. Was für ein wunderbarer Irrtum! Den er im übrigen bis heute nicht korrigiert hat. Die zweite Maritim- Kneipe im Wedding machte, nebenbei bemerkt, ein Jahr später auch dicht bzw. wechselte den Besitzer, sie heißt jetzt “Black and White-Bar” oder so ähnlich. Selbst die “Ankerklause” am Kottbusser Damm ist so gut wie erledigt: der frühere Stammgast Kapielski hörte neulich, ausgerechnet in einem Münchner Biergarten, ein Gespräch zweier Handy-Schnösel am Nebentisch - sie unterhielten sich über diese jetzt so wahnsinnig angesagte Ankerklause in Kreuzberg, und der eine meinte: “Echt irre, bis vor kurzem haben da nur Penner verkehrt!”
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3.

Die Pizzeria Da Flore am Kottbusser Damm 88 hatte eine der besten italienischen Küchen in Berlin. Salvatore Flore stammt von Sardinien. In Algero, wo er herkommt, wird noch immer katalanisch gesprochen, so dass er vermutet, dass sein Name spanischen Ursprungs ist.  Er ging 1959 als 17-Jähriger nach Deutschland. Zunächst bekam er einen Job als Bauhilfsarbeiter in Esslingen, dann war er Arbeiter in einer Metallfabrik in Bad Canstatt und schließlich bei Mercedes in Untertürkheim. “Ich musste Kurbelwellen bohren.”

1961 entdeckte er im Arbeitsamt ein Plakat: “Deine Zukunft in Berlin”. Zusammen mit vier Kumpeln stattete er zu Ostern der Frontstadt einen Besuch ab. In der Zehlendorfer Perlonfabrik “Spinne” freute man sich über ihren Besuch - die deutschen Arbeiter verließen scharenweise die Stadt: “Haben Sie auch keine Angst vor den Russen?”, fragte der Personalchef Salvatore Flore, der als Einziger in der Gruppe Deutsch sprach. Er glaubte zwar auch an den Einmarsch der Russen, hatte jedoch keine Angst davor: “Der Propaganda traute ich nicht, zu Hause war ich Mitglied der KP.”

Wieder zurück bei Mercedes, bot man ihnen 20 Pfennig mehr pro Stunde, wenn sie nicht nach Berlin gingen. Einem wurden sogar 60 Pfennig geboten - der blieb dann auch bei Mercedes. Die anderen vier gingen nach Berlin. Bei der zum Hoechst-Konzern gehörenden Spinne in Zehlendorf kamen sie in einer neuen Abteilung unter, wo Trevira - für Auslegeware und anderes - hergestellt wurde. Erst einmal stellte man ihnen aber einen Dolmetscher zur Verfügung, der ihnen Berlin zeigte. Salvatore Flore blieb 15 Jahre dem Betrieb treu. Ein Freund von ihm besaß am Ku’damm das italienische Restaurant “Villa Borghese”, später ein zweites in der Bismarckstraße. Dort arbeitete er nach Feierabend noch mit. “Ich war mit einer Deutschen verheiratet. Wir hatten zwei Kinder. Es gab damals nur ein paar italienische Restaurants in der Stadt. Die Banken gaben keine Kredite an Gastarbeiter. Da sind dann italienische Firmen eingesprungen. Und schließlich haben sich auch die Banken geändert. Denn der Markt ist schier explodiert. In den Restaurantküchen wurden bald die ersten Araber und Albaner schwarzbeschäftigt, die haben da gelernt - und sich dann mit eigenen Pizzerien selbstständig gemacht.

Ich habe aber meine Küchenhilfen, meistens waren das Libanesen oder Albaner, immer zum Einkaufen weggeschickt, wenn ich Soßen gemacht habe oder den Pizzateig. Das ist ein Geheimnis, das ich nicht jedem verrate.” 1977 verlagerte Hoechst seine Trevira-Produktion nach Chile, dort bekamen die Arbeiter während der Pinochet-Diktatur nur noch 30 Pfennig pro Stunde. Salvatore Flores Abteilung wurde aufgelöst, er bekam eine Abfindung. Zwar wollte ihn dann die Spinne runtergestuft in einer anderen Abteilung weiterbeschäftigen, aber er kaufte sich 1978 die Pizzeria am Kottbusser Damm.

“Wenn ich Probleme hatte, half mir mein Freund, sogar mit Leuten aus seinem Restaurant in der Bismarckstraße. Renoviert habe ich größtenteils selbst. Das Geschäft lief gut. Ich kaufte mir in meinem Dorf Orosei ein Grundstück - und wollte bauen. Das habe ich dann aber sein lassen. Als die Kinder groß genug waren, haben sie im Geschäft mitgeholfen.” Der Sohn machte eine Lehre, die Tochter studierte Medizin. “Ich war sehr stolz auf sie, aber dann hat sie das Studium abgebrochen.”

Salvatore Flore besaß damals eine Vespa 130 GS. Mit der fuhr er oft nach Ostberlin ins Tanzlokal “Melody”, wofür er vorher am Bahnhof Zoo Ostmark eintauschte, die er im Scheinwerfer seiner Vespa versteckte - “manchmal bis zu 6.000 Mark”. Die Italiener durften im Gegensatz zu den Westdeutschen und Westberlinern 48 Stunden in Ostberlin bleiben. Mit einem geliehenen chilenischen Pass besuchte er das Studentenwohnheim in Biesdorf, wo er eine Freundin hatte. Als diese schwanger war, bekam er eine Vorladung vom Jugendamt Spandau: “Trotz Kalten Kriegs arbeiteten die Jugendämter in Ost und West zusammen, ich musste Alimente zahlen.”

1980 zog er nach S.O.36 in die Ritterstraße. Langsam lief sein Geschäft immer schlechter, der Kottbusser Damm veränderte sich und geriet mehr und mehr in türkische Hand.  Salvatore Flore hat inzwischen das Vertrauen verloren, dass es mal wieder besser werden könnte. “Aber insgesamt hatte ich eine schöne Zeit, mein Geschäft war die einzige Pizzeria dort. Meine Frau hat das Lokal gemacht und ich die Küche. Heute spiele ich im Lotto. Meine Frau und ich sind geschieden. Als reguläre Bedienung arbeitet jetzt Margerita bei mir, eine Tschechin. Wenn ich mehr Zeit hätte, könnte ich billiger einkaufen, statt telefonisch oder elektronisch alles zu bestellen. Das Internet gefällt mir überhaupt nicht. Was für eine Ware bekomme ich da? Das ist alles Scheiße - zu unpersönlich.”

P.S.: 2005 schließt er seinen Laden und geht in Rente, sein Sohn arbeitet nun bei einem mobilen Kaffeeausschank.

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4.

Es gibt Flegel und Schlögel. Beide leben in Kreuzberg, und das nicht immer einträchtig. Der Slawist Karl Schlögel aus der Köpenicker Straße, jetzt GUS-Professor in Frankfurt/Oder, hat sogar einen Gutteil seiner Kraft dem Kampf gegen die autonomen Kreuzberger Flegel gewidmet, die er “Landsknechte” nennt.  Sein publizistischer Feldzug gegen die Autonomen begann kurz vor dem 1. Mai 1987 im Tagesspiegel. Es ging darin um die Lärmglocke über dem Kiez. Für diesen äußerst hellhörigen “Essay” bekam Schlögel einen “Autorenpreis”. Es folgten harsche SFB-3-Polemiken (in der Reihe “Aus dem Fenster gesehen”).

Nach drei 1.-Mai-Krawallen wurde Schlögel paranoid. In der FAZ befürchtete er, daß es bald “zwischen Müll und Nicht-Müll keine Unterscheidung mehr” in Kreuzberg geben würde. Denn “wenn der Landsknecht feiert, dann ist es schon ein richtiges Fest, möglichst nach Mitternacht, möglichst mit starken Lautsprecherboxen. Wenn er gefeiert hat, steht die Stadtreinigung schon bereit, gratis zu Diensten. Denn Handarbeit, selbst die bescheidenste, verachtet der Held, der zu Höherem berufen ist… Jede Zeit hat die Desperados, die sie verdient, und jedes Gemeinwesen hat die Freibeuter, die sie sich gefallen läßt.”

Just zu der Zeit, als massenhaft Entmietungen einsetzten (Stichwort: “Dachgeschoßlumpen”), schrieb Schlögel: “Das aufgeklärte Kreuzberg spricht über seine geheimen Pläne, nämlich wegzugehen, nur im kleinsten Kreis. Das ist das Hauptthema.” Das war nur dreist gelogen! Abschließend hieß es jedoch: “Ein Viertel, das seine Autonomie wiedergewonnen hat, hat Berufsautonome nicht nötig.”  Diesen Gedanken hat Schlögel nun, da die meisten Flegel in den Osten vertrieben wurden, in der FAZ (vom 3. Dezember) wieder aufgegriffen - und zwar anläßlich der Eröffnung der Oberbaumbrücke; ein Einschnitt, den Schlögel als Wiederanknüpfung “liest”: “Baustellen sind wie Wirbel” und “Die Stadt gewinnt an Tempo”. Der langandauernde Widerstand gegen die Brückeneröffnung wird mit keinem Wort erwähnt. Dabei hatte gerade das “aufgeklärte Kreuzberg” dagegen aufgemuckt.

Erwähnt sei der AL-Verein SO 36, der gerade wegen seiner Beteiligung am Oberbaumbrücken-Widerstand beim Bezirksamt in Ungnade fiel. Schlögel hatte seinerzeit noch mit einigen Vereinsmitgliedern im Projekt “Café des Ostens” zusammengearbeitet.  In seinem FAZ-Essay bemerkt er über deren Niederlage nur: “Man blickt aus dem Fenster auf die Straße und liest in dieser faszinierendsten Enzyklopädie der Stadt das neueste Kapitel… Parolen und Graffiti - Lebenszeichen einer Stadt im Wartestand - verschwanden.” Dann folgen Sätze, wie sie der FAZ-Leser liebt: “Alles geschah in Sequenzen, die ihre eigene Folgerichtigkeit hatten, und in Intervallen, denen man kaum zu folgen vermochte.”  Und noch genauer: “Nun ist es nicht mehr der Lärm der auf volle Lautstärke gestellten ,Einstürzenden Neubauten’, sondern der gleichmäßig hohe Lärm von der Straße her.”

Dem folgt ein Satz, der auf der nach oben offenen Hartung-Skala für verquaste Verblendung nur mit “Bingo” zu bezeichnen ist: “Es entsteht das ganze komplizierte Regelwerk aus Vorfahrt und Anhalten, die Disziplin des Stop and Go… Seine privilegierten Beobachter und Teilhaber in einem sind die Einwohner… Wir sind zu Zeugen eines Augenblicks geworden, der so kostbar ist wie jeder ,historische’.”  Ich würde sagen: Wir sind Zeuge geworden, wie aus einem einigermaßen intelligenten Menschen mit der nationalen Wende ein Arschloch wurde - finally, und das mitten in SO 36.

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5.

Glühbirnenbild von Norbert Schwontkowski

In den Fünfzigerjahren und erst recht  nach dem Mauerbau, gab es einen drastischen Verfall bei den Berliner Immobilienpreisen; jetzt-erst-recht-unternehmerisch wurde das hochkommende Entsetzen darüber mit einer verschärften Amerikanisierung auszubügeln versucht. In Kreuzberg hielten die beiden Drogerie- (Drugstore-)Besitzer Orlowsky und Hisserich damit stand. Letzterer expandierte sogar in die Nachbarbezirke. Daher auch der Name “Der große Hisserich”. Er geht auf den Stipendiaten des Künstlerhauses Bethanien, Norbert (Kreti) Schwondkowski (siehe Bild) aus Bremen, zurück, der seinen Berliner Atelieraufenthalt seinerzeit eigentlich dazu nutzen wollte, einen Roman unter der Überschrift “Der Große Hisserich” zu schreiben bzw. zu malen.

Ich bin mir nicht sicher, ob er Herrn Hisserich überhaupt kennengelernt hat oder ob ihn das große Ladenschild bereits dazu inspiriert hat.  Orlowsky wechselte dann über die Protestbewegung gegen die Kreuzberger Kahlschlagsanierung vom Drogisten zum grünen Lokalpolitiker. Der Große Hisserich fand seine Gegner in drospa, Schlecker und anderen Ketten. Statt wenigstens “anständig zu kleben”, d.h. seine Rente abzusichern, schwankte er lange Zeit zwischen Expandieren und Aufgeben, derweil er eine Filiale nach der anderen schließen mußte. Bis auf sein “Kerngeschäft” in der Mariannenstraße, über dem er auch - mit seiner Frau zusammen - wohnt.

Seine Frau arbeitet im Laden, außerdem gibt es da noch eine (treue) letzte Verkäuferin Frau Ingeborg.  Vor der Wende saß Herr Hisserich oft im Laden hinten auf einem Stuhl. Seit einigen Jahren verläßt er aber die Wohnung kaum noch. Im Laden habe ich öfter mit ihm gesprochen, wenn ich meine Filme hinbrachte oder abholte. Er hatte ein Nervenleiden und konnte nicht mehr schlafen, zigmal war er deswegen bereits in Behandlung gewesen und schimpfte nun sehr qualifiziert auf Ärzte und Urban-Krankenhaus. Schon mehrmals hatte er im Laden junge Mädchen beim Lippenstiftklau erwischt - deswegen schimpfte er auch auf die Jugend, insbesondere auf die türkische.  Selbst das Saunatreiben der feministischen Schokofabrik-Frauen im Hinterhaus ließ ihn nicht kalt, ebensowenig die komischen Geschäftsleute des Bioladens am Heinrichplatz, wozu natürlich auch ihre Kunden gehörten. Der Große Hisserich machte sie alle und alles runter. Dabei war bzw. ist er jedoch kein Apokalyptiker geworden. Alles bleibt streng im Empirischen, wobei ihm natürlich schon die Unfähigkeit der heutigen Ärzte als allgemeine Tatsache gilt. Selbst die Drogeriewaren und -arzneien sind schlechter geworden, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Das geht über “Kraft durch Nörgeln” hinaus.

Wenn ich mies gelaunt war, pflegte ich schnell einen Film vollzuknipsen, um ihn beim Großen Hisserich entwickeln zu lassen. Wichtig war mir dabei vor allem, den Klagen des Großen Hisserich zuzuhören. Wenn gerade niemand im Laden war, gesellten sich seine Frau und seine Verkäuferin, beide in blütenweißen Kitteln, dazu - und lächelten bisweilen gequält oder murmelten etwas Versöhnlerisches, wenn er sich allzu sehr in Rage redete.  An sich waren sie sich aber wohl einig: Der Sinn liegt allein in der Expansion, d.h. im Erfolg, und der letzte Laden - das hat alles keinen Zweck mehr, da wird jetzt nur noch weitergemacht, weil er damals zuwenig geklebt hat: “Sie wissen doch, wie das so ist!”

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6.

Die am 1. Mai 1987 abgebrannte Bolle-Filiale in Kreuzberg, Ecke Wiener Straße, war bis 2007  ein Trümmergrundstück. Seit 1994 wird das eingezäunte Gelände jedoch genutzt, um dort Nagetiere freizulassen! Anfangs waren es junge Frauen, die, nach allen Seiten sichernd im Dunkeln mit einer braunen Maus in einer nichttötenden Mausefalle an den Bolle-Zaun traten, wo sie die Maus in die Freiheit entließen: mit einem Seufzer der Erleichterung.  Bald folgten jüngere Kinder, die dasselbe taten, jedoch ungenierter und mit zahmen, hellen oder schwarzweißgefleckten - Mäusen. Es handelte sich dabei zumeist um mongolische Springmäuse, von denen die Kinder zu Recht annehmen durften, daß sie dort draußen die Auflösung des Käfigs überleben würden.

Als mit dem “Piercing” und “Tatooing” die Laborratten langsam aus der Mode kamen, sah man gelegentlich auch waschechte Punker am Bolle- Zaun, wo sie sich umständlich von ihren “Rättinnen” verabschiedeten: “Es war eine dufte Zeit!”  In Kreuzberg vermehren sich seit Jahren die Hausmäuse. Eine Freundin dort fängt ihre regelmäßig im Abfalleimer - mit Käseresten. Den Eimer deckt sie mit einem Aktenordner ab und trägt ihn raus - zu Bolle um die Ecke. Ein ehemaliger Kamerjäger aus der Lausitzerstraße meinte zu mir: “Die sindschneller wieder oben in der Wohnung als deine Freundin!”

Es gibt hier eine Schutzpatronin, die vor allem Säufern gegen Mäuse und Ratten hilft: die heilige Gertraut, sie steht an der gleichnamigen Brücke beim Spittelmarkt.  Die meisten Mäuse kommen jedoch auch so vom Bolle-Gelände nicht weit: ununterbrochen fließt der Verkehr am Görlitzer U-Bahnhof. Und dann führen türkische Jugendliche gerne ihre Pitbulls an die alte Platane vor der Bolle-Ruine. Nebenan ist das “White Horse”, früher ein Puff, heute eine türkische Männerkneipe, und schräg gegenüber das “Morgenland”, das erste Kreuzberger Musik-Café für Deutsche und Türken. Bis zum Abfackeln des Supermarktes 1987 war dort ein Laden für Heimwerker, der sich - ohne Bolle - nicht mehr halten konnte.

Auch das in jener Nacht “befreite Gebiet” wurde nicht lange gehalten, seit der Wende sind darüber hinaus die Plünderer von damals schwerem ökonomischem Druck ausgesetzt, dieser mag das seine zum Mäuse-Aussetzen beitragen.  Der einzige, der direkt von der damaligen “Gewaltexplosion” profitiert hat, ist Stefan Krautschik, ein Geograph, der erst einen Job bei der “750-Jahr-Feier” hatte, um dann, genau am 1. Mai - als der Ärger über die ganze Feierei in den “Kreuzberger Krawallen” kulminierte -, ausgerechnet zum Leiter der Pressestelle des Kreuzberger Bezirksamtes berufen zu werden.  Als solcher verfaßte er immerhin die bisher gründlichste Studie über die Geschichte des Bolle- Grundstücks (Im letzten Band der Historischen Kommission veröffentlicht).

Sie beginnt mit dem Grundstücksspekulanten Hartung, der 1888 das Gelände Wiener Straße 1-6 kaufte, um darauf ein Mietshaus zu errichten. Danach erwarben mehrere Wolffs die Immobilie. Bevor Bolle seinen Supermarkt dort eröffnete, war das im Krieg teilweise zerstörte Haus ein Kino.  Während der Regionalforscher Salm-Schwader die Ursache für die Supermarkt-Zerstörung in einer Bolle-Spargelanzeige sieht, auf der damals Käthe Be, Assistent des Feuerkünstlers Kain Karawahn, posiert hatte: wobei er das Gemüse wie Dynamitstangen in der Hand hielt, ist Krautschik aus naheliegenden Gründen und zusammen mit der Polizei der Meinung, daß es einen - sogar geständigen - Einzeltäter gibt: den 29jährigen Serienbrandstifter und Gelegenheitsarbeiter Armin St., der laut Tagesspitzel “keine Bindungen in der Stadt hatte”.

P.S.: Inzwischen ist auf dem “Bolle-Gelände” eine Mehrzweckmoschee gebaut worden, die 2010 eingeweiht wird. Ich behaupte, es ist eine ägyptische, die - allerdings nicht besonders gläubigen - Islamis in meinem Freundeskreis bestreiten das jedoch. Die türkische Moschee sechs Häuser weiter wird übrigens von mehr gemischtkonfessionellen Schülern samt Lehrern besucht als von Gläubigen. Die zwei Mullahs dort, die aus Stutgart kommen, machen gerade einen Deutschkurs.
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7.

Die Morgenpost-Jungredakteurin Suzan Gülfirat versuchte sich unlängst an einem Bericht über einen Polizeieinsatz in Kreuzberg, bei dem die Familie von Hassan K., der in der Muskauer Straße die Kneipe “Le Soleil” betreibt, regelrecht überfallen wurde. In der Springerschen Mopo hatten hernach die Täter das letzte Wort: Die Beamten hätten nur “aus Eigenschutz” gehandelt, und “ein Arzt habe keine Notwendigkeit gesehen”, tätig zu werden. Also war alles harmlos.  Tatsächlich war aber überhaupt kein Arzt dabei, als über zwölf Spezialeinsatz-Polizisten am 7. November um 5 Uhr morgens die Wohnungstür von Hassan K. (52) einschlugen. Fünf Beamte hätten ihn etwa fünfzehn Minuten lang auf die Matratze gedrückt, erzählt K. Erst als seine Frau, Sakine K. (46), die Polizisten anschrie, ließen sie ihn los. Im Wohnzimmer versuchte derweil der türkische Polizist Hüseyin, die zitternde Tochter Lale (10) zu beruhigen. Eine Polizistin machte dem geschockten Kind einen nassen Umschlag, während die übrigen Beamten die Wohnung auf den Kopf stellten.  Polizeiobermeister Hüseyin habe schließlich beschämt den Schauplatz verlassen, nachdem er einen Wortwechsel zwischen seinem Vorgesetzten und seinem Landsmann hörte. Einsatzleiter Hartmund (Nr. 3759): “Wenn Sie sich nicht beruhigen, lassen wir die 116 kommen!” (die Psychiatrisierer) Darauf Hassan K.: “Jetzt weiß ich, warum 20 Prozent der Polizisten die Reps gewählt haben!” Einsatzleiter Hartmund: “Nein, nein, wir haben zu 80 Prozent die Reps gewählt!”

Seine Truppe suchte eigentlich Hassan K.s Sohn (25), der bei seinen Eltern nur noch polizeilich gemeldet ist. Seinetwegen waren zuvor auch schon Kontaktbereichsbeamte dort gewesen - sie hatten sich relativ anständig benommen. Als das Überfallkommando um 7 Uhr wieder abzog, ging die Familie zum Arzt, der Hassan K. blaue Flecken an Rücken, Beinen und am Hals bescheinigte; dann erstatteten die K.s Strafanzeige wegen Körperverletzung. Seit dem Überfall wagt es die Familie nicht mehr, in ihre Wohnung zurückzukehren: Lale schläft bei Verwandten, die Eltern in einem Hinterraum der Kneipe.  Hassan K., der seit 26 Jahren in Berlin lebt, hatte den Theater- Treff “Le Soleil” 1994 deswegen übernommen (zu seinen Stammgästen gehörte Heiner Müller, der im Hinterhaus nebenan wohnte), um seinen beiden ältesten Töchtern (22 und 28) eine Existenzgrundlage zu schaffen. Seit der Razzia leidet die Jüngste, Lale, unter nervösen Zuckungen, und ihre Schulleistungen sackten ab. Ihr Vater wird ebenfalls von Angstzuständen geplagt, das Essen schmeckt ihm nicht, und wenn er von dem Polizeiüberfall spricht, bekommt er Kopfschmerzen.  In dieser Situation sahen er und seine Frau keinen Sinn mehr darin, die Kneipe weiter zu betreiben, und boten sie einem Makler an. Sie stehen nun kurz davor, in die Türkei zurückzugehen. Wie zum Hohn bekamen sie gerade jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft!

Hassan K. wandte sich an den bündnisgrünen Abgeordneten Ismail Kosan. Dieser versicherte mir nun: “Das ist nicht der einzige Fall. Unlängst wurde einem Jugendlichen bei einer Hausdurchsuchung ein Backenknochen gebrochen. Bei einer portugiesischen Familie quartierten sich Polizisten tagelang ein, um den Sohn zu verhaften. Ich werde eine kleine Anfrage einbringen, wohl wissend, daß die Antwort der Senatsverwaltung für Inneres unbefriedigend sein wird. Solch ein Rambo-Vorgehen gegen Unbeteiligte läßt sich mit dem bloßen Verdacht gegen einen Angehörigen nicht rechtfertigen, das ist reine Schikane.”

P.S.: Wenig später sprach ich mit der Mopo-Redakteurin Suzan Gülfirat über ihren schändlichen Artikel. Sie meinte, dafür könne sie nichts, man habe ihn in der Redaktion des Springerverlags völlig umgeschrieben. Kurz darauf bekam sie einen Journalistenpreis. Bei Wikipedia heißt es seitdem über sie: “Die Autorin gehört zu den ersten türkischstämmigen Journalistinnen innerhalb der deutschsprachigen Medienwelt und hatte am Anfang ihrer früh mit einem Journalistenpreis ausgezeichneten Karriere noch mit “Umschreibversuchen” deutscher Kollegen zu kämpfen - so schrieb sie z. B. für die Berliner Morgenpost einen Bericht über einen Spezialeinsatz der Polizei in der Kreuzberger Kneipe eines Türken Le Soleil, bei der der Kneipenbesitzer grundlos von der Staatsmacht, die eigentlich auf der Suche nach seinem Sohn war, so brutal überfallen wurde, dass ein türkischstämmiger Polizist aus Gewissensgründen nicht weiter an dem Einsatz teilnehmen konnte. In dem in der Zeitung veröffentlichten Bericht war später entgegen den von Gülfirat recherchierten Tatsachen zu lesen, die Polizisten hätten “aus Eigenschutz” gehandelt und “ein Arzt habe keine Notwendigkeit gesehen”, den verletzten Türken zu behandeln - ein Arzt war aber gar nicht gerufen worden.”
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8.

Das Schönste an der albernen Olympiade ist, daß sich immer weniger Leute dafür interessieren, je mehr die Medien sie aufblasen! Das gilt besonders für Kreuzberg. Dabei kam von dort der goldverdächtige Europameister im Halbweltergewicht, Oktay Urkal, der am letzten Atlanta- Nervtag gegen Hector Vinent aus Kuba (”Where boxing ain’t allowed no more!” - Bob Dylan) antrat: und nach Punkten verlor!  Urkal, der sich “Muhammed Ali von Kreuzberg” nennen läßt und gern im Cabrio die Oranienstraße rauf- und runterdüst, verkehrt - ebenso wie einige andere Boxer aus dem Ring der “Neuköllner Sportfreunde” - im Adana-Grill in der Manteuffelstraße, wozu bis vor einiger Zeit auch das Kellerlokal “Mahsen” (”Weinstube”) gehörte. Beide Etablissements werden von den etablierten Hausbesetzern gegenüber als “üble Drogenumschlagplätze” bezeichnet.  Wahr ist, daß im “Mahsen” des öfteren reiche Türken mit ihren Mercedessen vorfuhren, um dort zu essen, und - selbstbewußt genug - dem Wunsch der Ökos, solange den Motor auszustellen, nicht nachzukommen. Zwei Kuriere aus dem “Mahsen” belieferten zudem allnächtlich türkische Bars und Bordelle mit Gegrilltem.

Der berühmteste Gast dort war Askin Karaoglan - ein Tenorsänger, dem zwei Ehefrauen weggelaufen waren: beide, weil Askin als klassischer Sänger zunehmend weniger arbeitete und sie deswegen mitverdienen mußten. “Als Selbstverdiener wollten sie dann natürlich mehr Rechte - oh, die Emanzipation ist ein Kampf”, so der immer mehr Raki trinkende Askin in fast schon marxistischer Erkenntnisklarheit. Der “Adana-Grill” hieß früher bemerkenswerterweise “Selbstgrill”, und es verkehrten viele junge “Kämpfer” dort: Judo, Boxen und “Streetfighting”. Einige gingen im vergangenen Jahr nach Tschetschenien, um sich dort den islamischen Kämpfern gegen die Russen anzuschließen - nicht so sehr aus Glaubenseifer, sondern eher aus arbeitsloser Perspektivlosigkeit und weil ihnen seit der Wende der deutsche Rassismus immer mehr auf die Pelle gerückt war.  Auch der deutschpässige Boxer Oktay Urkal wird davon verfolgt - bis nach Atlanta: Der TV- Moderator bezeichnete “den gebürtigen Türken” durchgängig als “Berliner” bzw. “Kreuzberger”: “Aber er kämpft, das war auch nicht anders zu erwarten!” Von seinem Gegner Hector Vinent wußte das öffentlich-rechtliche Arschloch: “Alle Kubaner sind physisch stark, sie tun ja auch nichts anderes als boxen!”

Wahr ist: “Man spielt Baseball, aber man spielt nicht Boxen” (Joyce Carol Oates). So gesehen müßte dieser Sport auf der Olympiade ebenso verboten werden wie das Boxen einst auf Kuba. Dort waren übrigens in diesem Jahr in allen Hotels die Olympischen Spiele über US-Fersehsender zu empfangen, was unter den europäischen Touristen fast einen Aufstand auslöste, denn diese Idiotensender lieferten ausschließlich Bilder von amerikanischen Sportlern, und am ausgiebigsten zeigten sie das heuer erstmalig als olympische Disziplin zugelassene Baseball, das niemanden interessierte.

Im Adana-Grill interessierte noch nicht einmal das dagegen vergleichsweise unpatriotische deutsche Olympia-TV-Programm. Selbst den Kampf Urkal gegen Vinent verpaßte man dort. Als Mehmet vom Boxverein “Neuköllner Sportfreunde” reinkam und berichtete, daß Oktay soeben “Silber” erkämpft habe, wußte der Kellner jedoch zu ergänzen, daß mit dem Boxer Thomas Ulrich, der tags zuvor “Bronze rausholte”, nunmehr zwei “Berliner” Medaillen gewonnen hätten.  “Warum boxen Sie?” wurde einst der irische Champion Barry McGuigan gefragt. “Weil ich kein Dichter bin, ich kann keine Geschichten erzählen!”

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9.

Wie erst jetzt in den letzten Details - übermittelt von Mathias Mildner aus Kreuzberg 61 - bekannt wurde, starb Ende Juni der Buchhalter Norbert “Hoffi” Hoffmann aus Wetzlar. Und zwar während des EM- Halbfinalspiels England- Deutschland - vor dem Fernseher in seiner Kreuzberger Wohnung. Sein Freund Schucki stupste ihn noch an: “Ey, warum sagst du nichts mehr?!” Hoffmann starb an einem Herzschlag - im Alter von 123 Jahren! Dazu erklärte ein Redner auf der Beerdigungsfeier, die im berühmten Wetzlarer Szenelokal “Akro” (früher “Akropolis”) stattfand: “Der allzu früh Verstorbene - er bekam das Elfmeterschießen nicht mehr mit - lebte genau dreimal so schnell wie alle anderen.”

Norbät verkehrte in den Sechziger Jahren fast täglich in dieser griechischen Wohnstube des Wetzlarer Undergrounds. Er kultivierte eine Lebensweise, bei der das Auslassen sich anbietender Rauch-, Schluck- und Schnupf- Gelegenheiten geradezu Sünde war. Naturgemäß brachte ihn das zunehmend in Konflikte mit stocknüchternen Arbeitgebern. In den siebziger und achtziger Jahren war er bei der IBA angestellt, danach mußte er jedoch immer öfter seinen Arbeitsplatz wechseln - wegen “Alkoholproblemen”.  Aus dieser Not machte er schließlich eine Tugend: Recht eigentlich verhalf er der “amerikanischen Bewerbung” (Unterlagen plus Performance) in Westberlin zum Durchbruch - indem er nämlich bei Vorstellungsgesprächen sein vielseitiges Können und seine Flexibilität sowie Mobilität aufs eindrucksvollste zur Darstellung brachte.

Seinen Charme entwickelte er bereits als Wetzlarer Gymnasiast: Einem Rausschmiß im - damals noch - Knabengymnasium Goetheschule kam er durch einen raschen Wechsel in die gerade koedukativ reformierte Weilburger Mädchenschule zuvor. Dort konnte er - nahezu konkurrenzlos - in Ruhe seine Minnekünste entfalten. Berühmt wurde er in mittelhessischen Schülerkreisen vor allem mit seiner vernichtenden Kritik am Notensystem, das er treffend als “Onanie” bezeichnete. Dies brachte ihm einen schweren Tadel ins Klassenbuch ein: “Hoffmann: ,Das Ergebnis dieser Klassenarbeit ist geistige Onanie.’”  Beim “Bund” gelang es Hoffmann, einen Arrest mit anschließender unehrenhafter Entlassung in eine krankheitsbedingte Ausmusterung - “im gegenseitigen Einverständnis” - umzuwandeln. Erst nach seiner Rückkehr ins Zivilleben entdeckte man, das nahezu die gesamten Morphiumbestände im Sani-Bereich des renommierten 135. Artillerieregiments Wetzlar bollemäßig geplündert worden waren. Dies ließ noch einmal seinen Ruhm in Mittelhessen aufblühen. In Berlin wurde er dann vor allem mit “Hoffmanns IBA-Erzählungen” berühmt.

In den neunziger Jahren eröffnete ihm eine Freundin aus Pankow “die wunderbare Damenwelt des Ostens”: Er verehrte Katarina Witt (mit einem Poster von ihr im zentralen Fernsehraum seiner Wohnung), der Theoretikerin Sarah Wagenknecht hing er an den Lippen: “Und wie klug sie ist!”  Das Politische war seine Sache jedoch nicht: Er trat der PDS bei. Aber nicht in Kreuzberg, sondern in Mitte: “Wesche dene Genossinne da!” Seine letzte Freundin in den späten Neunzigern war ein weiblicher Exleutnant der Roten Armee. Ihr gefiel an dem begnadeten “Glücksrad”-Wortrater Norbert Hoffmann vor allem die trotz seines Gescheitert-Seins völlig fehlende Verbitterung: seine ungebrochene Lebensfreude.

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10.

Der tschechische Philosoph Vilem Flusser meinte einmal: “Das Wort ‘Wohnwagen’ scheint sagen zu wollen, daß die Dialektik des unglücklichen Bewußtseins dabei ist, überholt zu werden, und daß wir dabei sind, glücklich zu werden.”  Trotz massenhaft leerstehender Häuser und Wohnungen entwickelte sich in Westberlin in den Siebzigerjahren unter den jungen Leuten ein starker Hang zu Wohnwagen, die sie sich ausbauten, um Leben und Mobilität miteinander zu verbinden. Gleichzeitig wurden jedoch auch die leerstehenden Immobilien immer attraktiver, zumal wenn deren Besetzung auf eine senatsgeförderte Objektsanierung hinauslief. So rückten die Bauwagen der Handwerker in den Kiez ein, von wo aus sie bei Demonstrationen regelmäßig zu brennenden Barrikaden umfunktioniert wurden. Damit war das “Massenmedium Bauwagen” geboren, was den von der Öko-Gentryfication Betroffenen erst recht die “Rollheimer”-Siedlungen attraktiv machte. Auf den innerstädtischen Brachflächen entstand eine “Wagenburg” nach der anderen. Nach der Wende wurden die meisten geräumt bzw. an den Stadtrand verfrachtet, gleichzeitig gab es jedoch ein großes Angebot an NVA-Lastwagen und DDR-Bauwagen. Eine Rollheimer-Siedlung, neben dem Georg-von-Rauch-Haus am Mariannenplatz, gibt es bis heute. Dort wohnen u.a. Mandy und Lia. Erstere erzählte mir einmal: “Lia, meine Freundin nebenan, ist viel unterwegs, ohne ihren Wohnwagen, aber meist zieht sie von Wagenburg zu Wagenburg, auch im Ausland. Sie ist noch als Studentin versichert, verdient ihr Geld aber im Puff in der Adalbertstrasse. Ich geh da auch manchmal hin zum Anschaffen, wenn ich nichts mehr zu beißen habe. Das mach ich auch in anderen Orten so: Da wohn ich meist in einer Wohnwagensiedlung und kuck mich dann nach einem Bordell in der Nähe um.

Das scheußlichste Erlebnis, das Lia und ich bisher hatten, war die gewaltsame Räumung der Wagenburg am Engelbecken. Aber dabei lernten wir Christian kennen, einen Jesuitenpriester, der in einer Wohngemeinschaft von ehemals Obdachlosen in der Naunynstrasse lebt und als Schweißer bei Siemens arbeitet. Sein Freund, ebenfalls ein Jesuit, arbeitet in einem Taxikollektiv. Die beiden organisierten den Widerstand gegen die Räumung mit. Das war wiederum eine sehr schöne Erfahrung. Obwohl ich später fand, dass die beiden schon fast zu vorbildlich leben und arbeiten. Auf dem darauffolgenden Autonomen-Kongreß im Mathematikinstitut der TU schälten sie zum Beispiel für alle Teilnehmer Kartoffeln, damit die zwischendurch eine warme Mahlzeit bekamen. Die asketische Einstellung der beiden Jesuiten, hat man mir mal erzählt, hat etwas damit zu tun, dass sie ihre ganze, ungeteilte Liebe den Sakramenten widmen sollen. Das finde ich aber auch übertrieben - männlich, ich weiß nicht…”

Nach der Räumung fuhr Mandy mit ihrem Wohnwagen erst einmal ins Allgäu. “Dort fand gerade in der Nähe das ‘Kornhausseminar’ statt, wo unter anderem der Philosoph Vilèm Flusser einen Vortrag hielt - über die Küche der Zukunft. Am letzten Tag half ich ihm und seiner Frau noch stundenlang, ihren weggelaufenen Hund im Wald wieder zu finden - vergeblich. Abends kam er dann jedoch von selbst wieder zurück. Flusser hatte sich schon fast mit dem Tod seines Hundes abgefunden und tapfer jeden Anflug von “Sentimentalität”, wie er das nannte, niedergekämpft. Als ich wieder nach Berlin zurückfuhr, begleitete mich ein Wagenburgler von der Eastside-Gallery, die inzwischen auch schon lange geräumt ist. Seine Mutter arbeite in der taz, erzählte er mir. “Cool,” meinte ich, “überhaupt nicht,” antwortete er. Die hätten dort beispielsweise eine italienisch geführte Kantine und wenn ihn seine Mutter zum Essen mitnehme, würde die Bedienung sich weigern, ihm einen Teller hinzustellen - weil er zu schmuddlig aussehe. Seine Mutter würde sich daraufhin zwar jedesmal beschweren, aber irgendwie sei sie doch der selben Meinung wie die Kellner.”

Mandys Eltern leben in Kaiserslautern, einmal besuchte ihre Mutter sie in der Wagenburg am Mariannenplatz. Sie war erschüttert, wie ihre Tochter dort lebte: “Schlimmer als die Zigeuner!” Dabei war sie selbst aus ihrer Wohnung geflüchtet, weil sie es mit ihrem Mann, Mandys Vater, nicht mehr ausgehalten hatte. Aber auch Mandy ging es nicht gut: Sie fühlte sich von einigen Freiern regelrecht verfolgt: “Während der ganzen Zeit war mein Wagen eine Hochburg der Paranoia, die sogar Lia erfaßte. Darauf folgte bei mir eine längere Phase der Euphorie - über die ansonsten nichts weiter zu sagen ist. Und dann überfiel mich eine Depression, die leider noch immer anhält und über die ich deswegen nichts erzählen will, um sie nicht noch realer zu machen als sie ohnehin schon ist.  Aber jedesmal hat sich der Zustand meines Wohnwagens verändert: Erst stand er schief, so dass einem ständig der Tee aus den Tassen schwappte; dann schloss die Tür nicht mehr richtig, so dass ich mich ständig beobachtet oder belauscht fühlte, und nun tropft es durchs Dach. Ich wette, bei meinem nächsten seelischen Zustand verziehen sich die Bodenbretter oder der Ofen rußt  oder was weiß ich. Jedenfalls reagiert so ein Wohnwagen viel sensibler auf seine Bewohner als das beim sozialen Wohnungsbau jemals der Fall sein könnte.”
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11.

“Wir von den Medien hatten uns im Vorfeld eigentlich mehr von diesem Tag erhofft gehabt”, sagte ein Journalist zu einem Gewerkschafter - beim Auseinandergehen.  Für die ausländischen Bauarbeiter auf dem Potsdamer Platz begann der 1.-Mai-Terror bereits am Abend davor: Nachdem die Polizeitruppen alles abgesperrt hatten, durfte niemand mehr die Wohncontainer verlassen. Am nächsten Morgen ging von dort aus der IG- Bau-Demonstrationszug los. Im Gegensatz zu diesem wäre der Marsch der IG-Metaller absolut kümmerlich ausgefallen, wenn sich ihm nicht die ganzen “Schwarzköpfe” angeschlossen hätten: die radikalen türkischen Blöcke.

So akzeptierte die Berliner IG-Metall-Führung diese “Stalinisten” denn auch diesmal wieder.  Ein IG-Metall-Ordner wies mich später noch auf einen weiteren Grund hin: “Die wirklich guten Berliner Betriebsräte waren früher fast alle kurdische Maoisten!” Obwohl die IG Metall eine Art “Sicherheitspartnerschaft” mit der Polizei vereinbart hatte, nach der Eingriffe nur nach Absprache mit dem verantwortlichen zweiten Bevollmächtigten stattfinden sollten, griff sich ein Zivilfahnder einen Türken mit verbotenem Emblem aus dem Block des antifaschistischen marxistischen Komitees. Dies hatte zur Folge, daß nach einem Gerangel neben dem AFMK- Aktivisten noch ein kurdischer Arzt und der taz-Holzjournalist Christian Specht festgenommen wurden. Der Grünen-Sprecher Christian Ströbele erklärte sich sofort bereit, über Fax deren umgehende Freilassung zu fordern, und die IG-Metall-Ordner telefonierten ununterbrochen nach dem Ermittlungsausschuß.  Überhaupt war man wild entschlossen, an diesem Tag internationale Solidarität zu zeigen: Auf dem Mariannenplatzfest wurde die “Multikulturalität” geradezu Programm.

Der “Stalin von Bad Schwartau”, Dr. Seltsam, bemühte sich obendrein, es so romantisch wie möglich zu moderieren. Statt des üblichen Punk-Rock-Geschrammels spielte und tanzte die Gruppe “Omayra”. Gegen Abend räumte die Polizei den Platz dennoch, dabei kam es zu Scharmützeln. Autos und Gerätschaften brannten beziehungsweise gingen zu Bruch.  Um Mitternacht stürmte die Polizei eine badensische Autonomenkneipe in der Oranienstraße. Im Anschluß an die West-Autonomendemonstration in Mitte (mit dem absprachewidrigen Emma- Goldmann-Motto “Wenn ich hier nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution”) gab es ähnliche Zusammenstöße zwischen kleineren militanten Gruppen - in der Oranienburger-Straße beispielsweise. In Prenzlauer Berg flammten sogar rudimentäre Barrikaden auf. Hierbei kam auch das Massenmedium Bauwagen wieder zum Einsatz. Einige polnische Bauarbeiter - in Kamerabegleitung - waren schwer beeindruckt davon.

An der Maoisten-Demo in Kreuzberg beeindruckte zum einen, mit wie wenig Türken man eine imposante und laute Demo hinkriegt, und zum anderen, wie blaß und grau, ja fertig, die Deutschen neben den “Schwarzköppen” aussehen. Da half auch nicht die Parole meiner türkischen Lieblingsstalinistin “Das Proletariat hat kein Vaterland / Nie wieder Deutschland!”, mit der sie im zweiten Lautsprecherwagen ununterbrochen die Massen aufpeitschte. Neben mir gingen zwei Mädchen. Die eine sagte: “Ich hab’ nur noch mit Türken und Arabern zu tun.” Die andere: “Sag mir doch mal, wo du die alle kennenlernst!”  Neu war heuer, daß es auf der Autonomen-Demo neben dem sogenannten schwarzen Block noch einen rabenschwarzen gab: bestehend aus einer Gruppe aufgehübschter Grufties. Auf dem Humannplatzfest im Osten trafen sich fast ausschließlich gepiercte “Buntköppe”. Das Mariannenplatzfest organisierten diesmal alle Kreuzberger Gruppen - von SPD bis KPD/RZ - gemeinsam. Zwischen dem Gewerkschaftsfest vor dem Roten Rathaus und der PDS- Veranstaltung auf dem Alexanderplatz schlenderten die Massen hin und her, wobei eine Kartenlegerin in Mitte ein Bombengeschäft machte, indem sie den Leuten ihre Zukunft (”Ist mein Arbeitsplatz sicher?”) voraussagte. Iraner, Tamilen und Äthiopier geißelten auf Flugblättern ihre Heimatregimes. Die Berliner Pfingst-Uni warb für ihren Themenschwerpunkt “Widerstand”, und die Frankfurter “Rosa-Luxemburg-Tage” versprachen zum selben Datum “Eine Welt in Aufruhr”.  Die Gruppe “Revolutionärer Funken” bewies indes in einem längeren Text: “Es müssen also unkonventionelle Lösungen her!” Eine Gruppe junger Schöneberger hatte sie bereits: “Werd auch du so / wie ein Juso!” - “Ein Tag der großen Worte”, resümierte der Spätausgabenkommentator der “Tagesschau” den 1.Mai anschließend.

Als Gehaltsempfänger sprach er sich sogleich auch noch mutig für die totale Lohnflexibilisierung aus.  Auch neu war diesmal, daß die Berliner Springer-Presse und sogar Jelzin in Moskau die Arbeiter aufforderten, ins Grüne zu fahren, um sich mal einen Tag so richtig zu erholen. Als böte der Ausflug ins Grüne noch eine Alternative zum bunten städtischen Treiben. Eine Blitzumfrage unter einigen Berliner Demo-Spätheimkehrern ergab, daß die überwiegende Zahl gerade das urbane 1.-Mai-Angebot in diesem Jahr “super” beziehungsweise “urst schau” fand - die Reeskalationsstrategie des Innensenators war ihnen dabei weniger ein Problem als die - eventuell sogar zunehmende - Unfähigkeit, sich ihr kollektiv entgegenzustellen.  Schon bei der Festnahmeaktion im IG-Metall-Zug am Vormittag sei dies der “Knackpunkt” gewesen. Und nichts hätte dies deutlicher machen können als die DGB- Sprecherin auf der anschließenden Kundgebung: “Wir fordern, daß Berlin sich als eine Stadt zu erkennen gibt, in der es sich lohnt, zu leben und zu arbeiten!” Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen…
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12.

“Zerrissen”. Die Premiere von Uwe Gooß’ Dokumentarfilm hatte etwas von einer Beerdigungsfeier - konzentriert war es in der Kneipe in Berlin-Kreuzberg, und nüchtern. Mike K., der Protagonist, dessen Familie bei der Premiere dabei ist, starb 1985 an einer Überdosis Heroin, seine Freundin Heike im vergangenen Jahr an Aids.  Wohl auf Wunsch der Düsseldorfer Eltern - der Vater ist Architekt, die Mutter betreibt eine Galerie-Boutique - wurde der Nachname K. verkürzt.  Anfang der Achtziger brachten es die beiden laut SFB zu “Punk- Ikonen” - sie als Cover-Girl der Berliner Stadtillustrierten Zitty, er in Fernsehshows. “Er hatte zwar zerrissene Hosen an und so, war aber immer sauber, und die Schuhe immer geputzt”, erzählt seine Mutter. Sein Kumpel Campino von den Toten Hosen ergänzt: “Und die meisten Nieten auf der Jacke.”

Mike war in Düsseldorf von der Privatschule geflogen, klaute dem Vater 20.000 Mark und machte sich mit Heike auf nach Berlin, wo er 1980 die Kneipe “Chaos” eröffnete. Freilich nicht in “SO 36″, dem legendären Kreuzberger Kiez, wie der SFB behauptet, sondern in “61″.  Der Sender sitzt weit weg von diesen “Problemvierteln”, sein Film blieb jedoch durchgehend nahe dran. Regisseur Uwe Gooß gehörte einst zur selben Scene wie Mike. Angesichts der Alternativen - Knarre, Fixe oder Kamera - entschied er sich schließlich für letzteres.  Anders Mike: Nachdem der seine Kneipenkonzession verloren hatte, hätten sie beide, so erzählt sein Freund im Film, “aus lauter Liebe” zu ihren Freundinnen wie diese angefangen zu fixen. Die Mädchen arbeiteten in einer Peepshow, die Jungs versuchten es mit Beschaffungskriminalität. Die Eltern zogen unterdes nach Freiburg aufs Land. Einmal kam Mike zum Entzug, Vater und Sohn versöhnten sich wieder und bauten zusammen einen Resthof aus: “Da waren wir ein Superteam!”, erinnert sich der Vater.  Doch es war nur ein kurzes Intermezzo. Ach, es ist alles so schrecklich. Das liegt aber beileibe nicht am Film!
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13.

“Life like a failing business” - das ist der Alltag auf der Kreuzberger Oranienstraße. Und dazu gehört auch seine künstlerische Bearbeitung - post mortem. Im vergangenen Jahr wurde das tote Düsseldorfer Punkpärchen, das es bis aufs Zitty-Cover brachte, filmisch gewürdigt - und damit als Doppelfall abgeschlossen. Außerdem wurden die zwei türkischen Gemüsegärtner hinter der Mariannenplatz-Kirche sowie die Wagenburg am Engeldamm in einem Film “verewigt”.

Heuer war nun Ingrid Rogge dran: jenes blonde schwäbische Mädchen, das in den Achtzigern ermordet auf dem Dachboden der Waldemar 33 gefunden wurde. Eine Spiegel-Edelfeder hatte sie beizeiten gewürdigt: in einer Reportage über die verwegene Waldemarstraße, in der die Punkmädels sich schminken und Felle von vom Aussterben bedrohten Tierarten tragen durften: “wenn ihnen darüber nicht der Charme von Sperrmüll abhanden kam”.  Der Regisseur Erwin Michelberger hat - mit SFB-Geldern - aus seiner “Spurensuche” ein geradezu existenzialistisches Oeuvre gezwiebelt: “Hat es was genützt, dass wir erwachsen geworden sind?” So lautete seine Ein- bzw. Ausgangsfrage. Michelberger stammt aus derselben Gegend - Saulgau - wie Ingrid Rogge und ihr Bruder Dieter. Beide waren auf “extreme Erfahrungen” aus. Bei Dieter waren das harte Drogen, bei Ingrid Kreuzberg. Zunächst tat ihr das gut, das muss sogar der Sprecher der Mordkommission einräumen.

Nachdem sie daheim zunächst in einer T-Shirt-Fabrik gearbeitet hatte, verließ sie mit 16 das Elternhaus und ging 1979 nach Berlin, wo sie zunächst kellnerte.  Irgendwann zog sie dann in die Walde 33, wo sich damals eine Kommune befand sowie das Frontkino und hintendran der Kinderbauernhof. Der Regisseur fand Archivmaterial über diverse Polizeieinsätze und auch noch zwei Frauen aus der Kommune sowie einen jungen Mann, der 1979 zwölf Jahre alt war und in der Fabriketage aufwuchs. Außerdem interviewte er den Betreiber des Frontkinos, der ihm ein teures Nan-Goldin-Originalfoto von sich schenkte, was den Regisseur sehr verblüffte.  Michelberger studierte einst in Düsseldorf, und deswegen gehören auch Joseph Beuys mit seinem Adlatus Anatol sowie der KPD/AO-Maler Immendorff mit ein paar Schülern zu seiner “Spurensuche”. Immer wieder kommt er auf die oberschwäbische Heimat zurück: auf die Hexenmasken der Fastnachtsbräuche, den Silberschatz im Wald, auf seine ehemaligen Schulkameraden, die sich jetzt in ihrer Tochter und ihrem Holzhaus mit Sonnenblumen drumherum verwirklichen… Vor allem aber auf das inzwischen abgerissene Oberland-Kino, wo sie früher in der ersten Reihe saßen und sich vorab die Werbe-Dias - als Waren- bzw. Glücksversprechen - untereinander aufteilten. Ein Kinospiel, das es auch in Norddeutschland gibt: Derjenige, der dran ist, bekommt das, was das Dia gerade zeigt. Da freut man sich dann z.B. über einen Mercedes, ärgert sich über Rasierwasser und lacht hämisch über den, der Damenbinden abbekommt.

Dergestalt wird die kindliche Psyche früh auf Wünsche und Waren prospektiv enggeführt - und das autonom.  Ingrid Rogges Wunscherfüllung war wie gesagt auf “Extremeres” aus: Sie suchte den wahren “Kick”. Und nun ist die Gegend um die Walde 33 schon lange schick. U. a. domizilierte sich dort das Hanfhaus und etwa ein bis zwei Dutzend neue Medienfirmen. Ingrids Tod vor der Wende - “Turning-Point” auf der Berlinale genannt - wurde nie aufgeklärt, wie man so sagt. Dafür hat der Regisseur ihr nun ein kleines Denkmal gesetzt. Sein Film ist etwas zu “poetisch” geraten, aber der jungen Saulgauerin hätte er wahrscheinlich gefallen.

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14.

In der Fürbringerstraße laufen zwei Jungtürken, ein bärtiger Alternativer brüllt: “Ihr Schweine, wenn ich euch erwische!” Ein Typ mit Basecap bleibt hinter ihm stehen und ruft den Füchtenden nach: “Geht bloß da hin, wo ihr hergekommen seid!” Der anscheinend Bestohlene dreht sich zu ihm um und sagt: “Du spinnst wohl!”  Da haben wir wie in einer Nußschale, was derzeit die Grünen und Sozialarbeiter des “Problembezirks” umtreibt. Erst klagten sie öffentlich im “Kotti” über die Türkenjugend - unter der Überschrift: “Warum wir (nicht mehr) in Kreuzberg leben wollen”. Dazu zirkulierte eine “Analyse” des “Kreuzberger Projekteplenums der Kinder- und Jugendarbeit”, in der die Entwicklung “zum Slum” und die akute Gefährdung der “Kreuzberger Mischung” mit dem Zerfall der türkischen Familien und dem dadurch zunehmenden Fundamentalismus unter den Jungtürken der dritten Generation erklärt wurde.

Die alt- und alldeutsche Frankfurter Allgemeine (FAZ), schon immer allem Multikulturellen abhold, widmete diesem “Topereignis” sogleich einen nachdenklichen Riesenriemen: “SOS 36″ betitelt. Exakt zehn Jahre zuvor geißelten die Kreuzberger Grünen bereits die zunehmende “Gewalt” im Kiez - und drohten mit Wegzug! Dafür machten sie jedoch 1988 noch die “autonomen Haßkappen” verantwortlich. Die grünen Analytiker Volker Härtig und Karl Schlögel zogen dann auch tatsächlich weg: der eine als SPD-Immobilienentwickler nach Potsdam und der andere als FAZ- Professor nach Frankfurt/Oder. Aber zehn Jahre davor, 1978, hatten die Alternativis bereits die Schwarzköppe im Visier gehabt: “Türken raus - warum nicht, wenn es dem Kiez hilft!” schrieb ein Szeneblatt den “behutsamen Stadterneuerern” hinterher.  Nachdem die Autonomen entweder in die Ostbezirke oder nach Hause, ins Rheinland, abgedrängt wurden, muß nun erneut die gewaltbereite Jugend aus Anatolien - freilich jetzt in der “dritten Generation” - herhalten. Klammheimlich wird bereits der Schönbohmschen “Zero Tolerance”-Politik (”Mehr Grün auf die Straße!”) Beifall gezollt. In der Kreuzberger Alten Feuerwache machte die Turnschuhpartei dieses Dauerproblem neulich sogar zum Wahlkampfthema. Wobei einige Referenten immerhin auf die “Rahmenbedingungen” (so heißt der Kapitalismus bei den Grünen) zu sprechen kamen: Von 1987 bis 1997 stieg die Arbeitslosigkeit von 17 auf 37 Prozent in Kreuzberg, die Jugendarbeitslosigkeit wird im Jahr 2000 sogar albanische 60 Prozent erreichen.

Der Bezirk hat die meisten Sozialhilfeempfänger: jeder fünfte Haushalt hat unter 1.000 Mark monatlich zur Verfügung, dennoch hat der Bezirk ein höheres Steueraufkommen als Zehlendorf.  Aber nicht die Reichen dort bedrohen den “inneren Frieden”, sondern die “türkischen Jugendlichen” hier! Dazu erklärte mir eine Studentin: Wenn sie abends nach Hause komme, und es stünden im Dunkeln drei Türken vor ihr, dann habe sie “einfach Angst”. Sie wolle die Wohnung jedoch wegen der billigen Miete unbedingt halten. Deswegen sei auch sie für “mehr Sicherheit”. Selbst an der Freien Universität (FU) werde es immer schlimmer: Wenn sie in der Mensa sich vordrängelnde türkische Studenten kritisiere, werde sie als “Rassistin” beschimpft.

Übers Saalmikrophon äußerte sich ein alter Sozialarbeiter so: “Die Minderheiten dürfen sich nicht jede Frechheit herausnehmen - und zum Beispiel türkisch sein schon als Qualifikation ansehen!” Daß die Türken in SO 36 eine Mehrheit  sind, war ihm anscheinend noch nicht aufgefallen. Für Vera Gaserow war dies jedoch gerade ein Grund dafür, daß es in Kreuzberg - im Gegensatz zu allen anderen Bezirken und erst recht zu anderen Deutsch-Städten - doch recht harmonisch zugehe. Christian Ströbele setzte noch einen drauf: Die Berliner Grünen würden sich ja auch im Gegensatz zu anderen Grünen noch relativ positiv verhalten - und zum Beispiel für viele ausländische Belange einsetzen. Der Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz fand - wie immer - abschließend die richtigen Worte: “Multikulti” - das sei eben ein “dynamischer Prozeß”! Off the record erfuhr ich dann noch von einer 68er-Feministin: “Ich habe mich ja lange für Latinos eingesetzt - und begeistert. Aber Kinder wollte ich nie.”
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15.

Die Menschen sind zum Jahresbeginn noch ganz voll von ihren guten Vorsätzen. Bei Hartz-IVlern sind das nicht selten Geschäftsideen, also Pläne und Projekte, um sich selbständig zu machen. Im Neuköllner Salon Petra, der selbst eine halbe Existenzgründung ist - von zwei Buckower Geschwistern, meinte Sabine, als ich den berühmten Spruch von KPD/RZ-Mitbegründer Mao Meyer “Too old to die young” fallen ließ: “Oh, den schreib ich mir auf. Meine Freundin und ich, wir wollen nämlich T-Shirts bedrucken und die dann verkaufen, haben aber noch nicht genug Ideen dafür.” Als Ralph im Gespräch über verbotene Silvesterknaller aus Polen auf die von der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) zertifizierten Feuerwerkskörper zu sprechen kam, die allein erlaubt sind, fasste er das in dem Satz zusammen: “Also, kein Bum ohne Bam!” - “Wunderbar,” rief Claus, “das schreib ich mir auf, vielleicht kann man den Satz als Werbung an eine Knallerfabrik verkaufen …” Seine Freundin Christa, deren Mutter kürzlich starb und die deswegen oft auf dem Friedhof war, will dort in der Nähe ein “Witwen-Café” aufmachen, “das fetzt”. Denn sie hat herausbekommen, dass sich fast täglich “unheimlich viele Frauen” auf dem Friedhof treffen, deren Männer dort liegen: “Die sind alle saugut drauf, gehören aber zu einer Generation, die sich noch nicht traut, einfach in eine Kneipe zu gehen.”

Im Café Jenseits am Heinrichplatz, Existenzgründung eines ehemaligen Clowns aus der DDR, wird fast nur noch über Projekte geredet: Da ist zum einen die “Künstlerverschickung ins sibirische Tscheljabinsk”, für die Peter schon seit Jahr und Tag versucht eine Förderung aufzutun. Und zum anderen der Künstler Fritz, der bereits 250.000 Euro zusammenbekommen hat, um eine Gruppe von Künstlern in einem White Cube in einer Tupolew der Schwerelosigkeit auszusetzen, wobei sie einige berühmte Bildszenen nachstellen sollen. Ihm fehlen aber noch einmal so viele Euros für die Bezahlung des Flugs.

In der Respect-Bar, die vor allem von Frauen mit einem Faible für Afrikaner frequentiert wird (deswegen der “respect” mit tiefem “c” im Barnamen), drehen sich die Gespräche zwar auch oft um “Projekte”, doch meistens um Hilfsprojekte, die eher was kosten, als was einbringen: etwa das Einsammeln von gebrauchtem Werkzeug für eine Berufsschule im Senegal oder das Besorgen von ausrangierten Spielplatzgeräten für fünf Spielplätze in Gambia. Neulich brachte Jörg allerdings ein ganz anderes Thema dort auf: “Ich habe gerade einen Job in 61,” sagte er, der in SO 36 aufwuchs und immer noch dort wohnt. “Ihr glaubt’s nich, die sagen dort zum Abschied ,Tschüssi’!” - “Is wahr?!” Man wollte es kaum glauben. Man nennt die 61-Kreuzberger hier übrigens auch die “Futonficker vom Südstern”. Die Wirtin fasste sich als Erstes: “Wenn einer das bei mir hier sagen würde, würde ich ihn glatt rausschmeißen!” Das fand Jörg etwas übertrieben, aber man kam überein, dass die da in 61 ganz anders ticken als in 36, also “eine ganz andere Kultur” hätten - und dass man deswegen auch nicht zusammenkommen könne, was wiederum bedeute, dass man dort vernünftigerweise auch kein “Projekt” upstarten sollte. Jörg entschuldigte sich damit, dass das Arbeitsamt ihn dahin vermittelt hätte - gegen seinen Willen quasi. Seine Sachbearbeiterin hätte ihn mit den Worten verabschiedet: “Wir müssen alle Opfer bringen.”

Im Advena, einer Existenzgründung von Ali und seiner Frau, erfuhr ich von Jens, er hätte nun endgültig die Schnauze voll von den 1-Euro-Jobs des Arbeitsamtes, und deswegen habe er sich ein Indoor-Gewächshaussystem gekauft, gebraucht für 400 Euro. Damit wolle er jetzt Marihuana züchten und sich so selbstständig machen. Er hat bereits alles ausgerechnet: Von zwei Ernten im Jahr könne er gut leben - “und dann goodbye, Arbeitsamt!” Mich fragte er, ob ich nicht Kunde bei ihm werden wolle, er würde ein Supergras anbieten. Dabei hatte er noch nicht mal den Samen dafür gekauft, geschweige denn eingesät.

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16.

Zu den herausragenden Zeitungsläden unseres Viertels zählt der von Fred Abel in der Skalitzer Straße 96. Er hat von morgens um vier bis abends um neun auf. Laut Firmenstempel ist es ein “Tabakcenter”. Obwohl ich dort nur unregelmäßig einkaufe, bekam ich Ende 1997 von Abel eine Flasche Wein geschenkt. Mein einziges Weihnachtsgeschenk!  Fred Abel hatte einst Kellner auf Schloß Brüningslinden in Kladow gelernt: “Das gibt’s aber nicht mehr.” 1989 übernahm er den Tabakladen von Siggi Neumann, einem Drahtseilartisten, der mit einer Motorradnummer - zwischen Kirche und Oberbaumbrücke - berühmt wurde. Abel wird in diesem Jahr 60, “aber ich fühl mich nicht so - ich bin immer noch dieser Fred. Meine Braut sagt das auch: Kerstin Fischer - die ist phantastisch. Sie ist gelernte Hutmacherin und malt z.B. alle Schilder für den Laden - wie nix. Sie ist auch Mitinhaberin.” Und dann gibt es da am Stehtresen noch die “nette Truppe”: eine Gruppe ruhiger Trinker, Raucher und Skatspieler. Sie haben schon vier Preisskatrunden gewonnen: Die “Zeitungsladenpokale” stehen im Regal.  Sieben mal wurde Fred Abels Laden bereits ausgeraubt. Nach dem dritten Mal kündigte ihm seine Versicherung. “In Kreuzberg haben ja viele Probleme mit ihrer Versicherung.”

Am 1. März 1998 wurde erneut bei ihm eingebrochen, diesmal transportierten die Diebe fast das gesamte Inventar ab: Zigaretten, Alkoholika, Süßigkeiten, sogar das Telefon und teure Zeitschriften. “Sie haben mich total ausgeraubt.” Fred Abel war wie betäubt.  Dann sprang auch noch sein dritter Teilhaber Peter Bittner ab. Fred Abel mochte gar nicht mehr seinen leeren Laden betreten, meist hielt er sich bei der attraktiven Bäckerin nebenan auf, ab und zu ging er zum Briefkasten und holte unbezahlte Rechnungen raus.  Am 27. 4. lag zum Glück nur Reklame im Kasten, aber Fred Abel knickte plötzlich so unglücklich mit dem Fuß um, daß er sich dabei dreimal sein Bein brach. Damit war jedoch seine Pechsträhne anscheinend zu Ende, denn jemand lieh ihm Geld, und kurz danach gewann er auch noch den Kreuzberger Kaufmann Salih Ötkem als neuen Teilhaber dazu - und der ließ sofort den ganzen Laden durchrenovieren: “Der hat richtig was drauf, der Junge - als Geschäftsmann”, so Fred Abel, der jetzt “fast nur noch Mitarbeiter” ist.

Seit dem 20. 7. ist der Laden nun wieder geöffnet - und mit einer teuren Alarmanlage ausgestattet. Ansonsten ist das Angebot aber wie früher: Morgens gibt es belegte Brötchen, frischen Kaffee und die türkische sowie deutsche Presse, darunter die seltenen “Traber-Kuriere” aus Mariendorf und Karlshorst, die von 10 Kunden gekauft werden, und den “Box-Sport”, den vier Leute verlangen.  Dann gibt es natürlich Tabakwaren, die den Hauptumsatz ausmachen, sowie Eis und Süßigkeiten, ferner sieben Sorten Bier, diverse Schnäpse sowie Weine, darunter der seltene “Bad Cannstätter Zuckerle” und einige gängige türkische Weine. Außerdem noch Schokodrinks, Luftballons, diverse Formulare, Berlin- und Kreuzberg-Postkarten - und Schulsachen: “Wir haben hier drei Schulen in der Nähe!” Im Regal der Zeitschriften, speziell bei den Sexblättern, sieht es noch etwas mau aus: “Aber das wird sich auch bald ändern”, verspricht Fred Abel, der davon ausgeht, daß demnächst sowieso wieder alles wie früher sein wird - “sogar noch besser!”

Langsam trudeln auch die alten Stammgäste wieder ein.  In letzter Zeit gab es hier nicht nur viele türkisch-deutsche Geschäftsgründungen, etliche Türken haben auch alleine Zeitungs- und Tabakläden aufgemacht. Der erste und beste war lange Zeit der türkische Kiosk unterm U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof, am höflichsten ist das Ehepaar des alteingessenen Lottoladens in der Oranienstraße, und am merkwürdigsten das Tabakgeschäft in der Manteuffelstraße, das einem selbstbewußt-kundenfeindlichen Kerndeutschen gehört. Er will vor allem Angelausrüstung verkaufen.
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17.

Der Eskici - das ist ein türkischer Händler, der mit mehr oder weniger Hingabe Kullanilmis Esya (gebrauchte Waren) an- und verkauft. Der Almanci- Poet Feridun Zaimoglu aus Kiel schreibt in seinem Buch “Abschaum”: “Eines Tages, wir sind wieder im Flohmarkt, immer Flohmarkt, mein halbes Leben im Flohmarkt…”  Dies gilt auch für das andere halbe Leben meines Freundes Fikret Genç aus der Wiener Straße. Er hat dazu gerade den Laden seiner Bruders übernommen, der sich als Immobilienmakler versuchte und nun in einem Gemüsegeschäft arbeitet. Fikret begann seine Berufstätigkeit als Dolmus-Fahrer in Ankara. 1981 war die politische und soziale Situation dort so, daß er wegwollte. Sein Bruder besaß eine Kohlenhandlung in Berlin, er zeigte eines Tages einer Deutschen ein Foto von Fikret, und sie besuchte ihn daraufhin in Ankara. Die beiden heirateten.

“Die ersten beiden Monate in Deutschland waren schrecklich”, meint Fikret. Er kam mit den deutschen Männern nicht klar. Dann begriff er jedoch: “Sie wollten Kraft zeigen, also zeigte auch ich meine Kraft und schlug mit der Faust auf den Tisch. Die Männer haben mich verstanden, und noch am selben Abend habe ich mit Gerd und Ralf Blutsbrüderschaft geschlossen. Danach begann eine gute Zeit für mich… Es gab Arbeit, und für 100 Mark bekam man bei Aldi viele Tüten voller Lebensmittel, die für eine Woche reichten. Ich verdiente 1981 für eine Tonne Kohlenausliefern 24 Mark.”  Später eröffnete Fikret einen Kebabladen. Eine Episode daraus wurde dann als Fotoroman unter dem Titel “Dönerliebe” in der taz veröffentlicht. Fikret hatte nicht nur unzählige Liebschaften, zeitweilig vermittelte er auch deutsch-türkische Ehen. Er selbst lebte lange Zeit mit einer bulgarisch-türkischen Zigeunerin zusammen.

1994 fuhr er mit seinem roten Mercedes nach Bulgarien zu ihren Eltern. Die Fahrt dorthin, durch Polen, die Ukraine und Rumänien, ähnelte einem Spießrutenlauf: So viele Men in Sportswear trachteten unterwegs danach, ihm das Auto abzunehmen. Aus finanziellen Gründen mußte er den Mercedes anschließend verkaufen. Wieder begann er als Kohlenträger zu arbeiten: Er bekam genau denselben Lohn wie 1981 - “weil die Polen und Ukrainer in Berlin auch für 5 Mark die Stunde arbeiten. Und damals bekam ich am Tag manchmal 300 Mark Trinkgeld - heute sind es oft nicht mehr als 25 bis 30 Mark… Das Sozialleben ist wirklich schlimm geworden, viele Deutschen reagieren böse auf die Arbeitslosigkeit - an der Tankstelle, auf der Straße, im Fahrstuhl, nirgendwo wird man mehr angelächelt… Mein Traum ist, daß in Deutschland alles wieder so wird wie damals, als die Grenzen noch zu waren.”

1996 erwarb Fikret einen alten VW-Transporter, damit kaufte er über Kleinanzeigen in der Zweiten Hand Gebrauchtmöbel auf, die er anschließend auf dem Flohmarkt an der Oranienburger Straße mit Gewinn wieder zu verkaufen versuchte. Der Erfolg war mäßig, um nicht zu sagen entmutigend. Das Geschäft dümpelte dahin, bis Fikrets Bruder seinen Laden aufgab. Damit versuchte er nun noch einmal sein Glück im An- und Verkauf als vollberuflicher Eskici. Der Laden befindet sich in der Ohlauer Straße Nr. 4 in Kreuzberg. Es kommen viele Leute vorbei, außerdem verkehrt dort der 129er-Bus, und Fikret ist ein sehr kommunikativer Mensch, so daß er inzwischen schon eine richtiggehende Laufkundschaft hat und nicht mehr ausschließlich auf die Annoncen in der Zweiten Hand angewiesen ist. Es gibt jedoch heute kaum noch etwas umsonst: “Für alles muß man bezahlen. Am günstigsten sind natürlich die Versteigerungen, weil dort auch größere Posten billig zu haben sind, aber für mich sind sie noch zu teuer.” Im Endeffekt geht es Fikret wie den meisten Trödlern in Berlin: Ihr Warenangebot besteht fast nur aus Unikaten. Selbst wenn es sich um ehemalige Massenprodukte handelt, sind sie zunächst derart durch einen persönlichen Gebrauch gegangen, daß sie quasi wieder zu einem Einzelstück wurden. 10.000 solcher Gebrauchsgegenstände besitzt jeder Bundesbürger im Durchschnitt. Bei einem Ghanaer sind es nur siebenunddreißig! Welche Dinge braucht der Mensch wirklich? Die große Anzahl wirkt hier wie ein Wohlstandspolster, das nun langsam und notgedrungen abgespeckt wird. Folglich entstehen immer mehr Trödelmärkte, auch im sogenannten Berliner Speckgürtel.

Fikret bekam gerade ein Angebot, einen Trödelmarkt auf dem vielbesuchten Schmachtenhagener Bauernmarkt bei Oranienburg zu organisieren. Er kennt viele Eskici, vielleicht kann er einige seiner Kollegen überreden mitzumachen. Weil man auf dem Land mehr Platz zum Horten von Gegenständen hat als in der Stadt, wäre ein Trödelstand auf dem Bauernmarkt auch und gerade für den Ankauf interessant - und Fikrets warmherzige Art der Kaufverhandlung könnte dort mittelfristig gut funktionieren. Freilich müßte dann während dieser Zeit immer jemand anderes in seinem Laden arbeiten - und das ist ein Problem: “Denn die meisten Kunden kommen meinetwegen. Wenn ich irgend jemand als Vertretung nehme, habe ich bisher noch nie was verkauft.” Fikret arbeitet auch an seinem Äußeren - so hat er sich z. B. gerade eine Glatze schneiden lassen und betreibt Kampfsport.

P.S.: Als 2003 der Laden nicht mehr lief, eröffnete Fikret erst ein Musik-Café nahe der Kochstraße und als das nicht lief, machte er seinen Taxischein. Nun fährt er Taxi - und “es läuft auch ganz gut,” wie er neulich meinte, als er mich umsonst nach Mitte mitnahm.

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18.

Ich sammel Dias und gehe deswegen gelegentlich auf Flohmärkte. Die meisten Märkte hat hier der Kunstsammler Michael Wewerka gepachtet. Man trifft ihn allerdings eher auf Ausstellungseröffnungen als zwischen den Ständen seiner Händler. Anders der Pächter des Hallenmarkts an der “Arena” in Treptow, der oft sogar unter der Woche da ist, wenn der Markt geschlossen ist. Dann finden dort nicht selten Dreharbeiten für Spielfilme statt.

Es gibt da unter anderem einen kleinen Stand gleich am Eingang, der 10.000 (!) verschiedene Fernbedienungen im Angebot hat. Er gehört Tina Vollmer und Ahmad Alik. Die unverheiratete Tina ist ambulante Schwerstpflegehelferin, der Familienvater Ahmad war Kommunikations-Elektroniker bei Siemens. Sie ist für die Finanzen zuständig, er für die Technik. Außerdem hilft sie seinen Kindern bei den Hausaufgaben, Ahmads Frau kocht dafür für sie mit. Den Stand haben die beiden seit 1998, sie zahlen 180 Euro im Monat dafür. Ihre Kunden sind meist Studenten und Hartz-IV-Empfänger - “die kommen sogar aus Spandau und dem Umland” - und haben ihre Fernbedienung (FB) entweder verloren, fallen gelassen, mit Flüssigkeit übergossen, wegen des schlechten Programms zertreten oder Hund, Katze oder Papagei hat das Plastikgehäuse zerbissen. Einmal kam ein Punk, dessen Ratte alle Knöpfe angeknabbert hatte.

Bei vielen Modellen gibt es schon nach sieben Jahren keine Ersatzteile mehr, zum Beispiel den Quarzresonator. Man kann andere FB daraufhin umprogrammieren, oder der Kunde begnügt sich mit einer “Universal-FB”, die aber nur die Grundfunktionen hat. Die FB kosten zwischen 5 und 20 Euro, für Reparaturen zahlt man 10 Euro.

Bis zur EU-Erweiterung wurde der Flohmarkt massenweise von Osteuropäern besucht. Jetzt ist es da manchmal richtig ruhig. Dafür hat sich das FB-Geschäft von Tina und Ahmad über das Internet erweitert in alle Welt.

Die taz-Leserin Tina kommt aus einem Dorf bei Münster und wurde dort von einer Landkommune in der Nachbarschaft politisiert, Ahmad stammt aus Pakistan, seine Frau bekam gerade ihr viertes Kind, seine zwei ältesten Töchter gehen aufs Gymnasium. Bevor die beiden ihren Stand eröffneten, sammelten sie 1.000 FB auf diversen Flohmärkten ein. Heute bekommen sie manchmal ganze Kartons voll von Fernsehtechnikern oder Kunden, die ihre FB sonst teuer entsorgen müssten.

Die Geschäftsidee stammt von Ahmad: Ihm war ein Jahr vor dem Mauerfall die FB für seinen Grundig-Fernseher kaputtgegangen; die neue sollte 50 Mark kosten. Nach langem Suchen fand er auf einem Flohmarkt eine gebrauchte. Er hatte damit eine Marktlücke entdeckt.

Die beiden betreiben ihren FB-Stand eher aus Spaß - “für ein Taschengeld”, wie sie sagen. “Der Flohmarkt ist auch ein bisschen mein zweites Zuhause”, meint Tina, die sich an den rauen Ton, der dort herrscht, “längst gewöhnt hat”. Immer wieder ist sie versucht, vom Zustand der FB ihrer Kunden auf deren Persönlichkeit zu schließen - auch, “was passiert ist”. Einmal kam zum Beispiel eine Frau mit einem blauen Auge und legte eine kaputte FB auf den Tisch. Tina vermutete - zu Recht, wie sich dann herausstellte -, dass sie damit im Streit nach ihrem Freund geworfen und ihn verfehlt hatte. “Die schwierigsten Kunden sind Geschäftsleute, die gar nichts bezahlen wollen, die einen dreist anlügen - nur um ein paar Euro zu sparen. Meistens sind es Leute aus Zehlendorf und Dahlem, die um den Preis feilschen. Und anschließend zahlen sie mit einem Hunderter. Die wissen nicht, sich in Armut zu benehmen.”

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19.

Zu dem für mich herausragensten Event der letzten Zeit zählt der Austausch der zwei Poller vor dem Eingangstor der Bundesdruckerei in der Kreuzberger Kochstraße. Durch die schwer bewachte Einfahrt gehen täglich auch die Angestellten dieser nunmehr gesamtdeutschen Geldfabrik.  Es ist immer wieder ein extrem entwürdigender Anblick, wenn die Drucker und Sekretärinnen bei Schichtende noch hinter dem Gittertor warten müssen - bis es auf die Sekunde genau 15 Uhr oder was weiß ich schlägt. Jetzt können sie sich so lange an den roten Blumen der zwei Kübelpoller erfreuen, bis das Gittertor hochgeht. Während die großteils üppig gewordenen Bürodamen dann in den 129er-Bus drängen, schwingen sich die sportlichen Arbeiter auf ihre Motorräder - ohne die zwei neuen Blumenkübel noch eines Blickes zu würdigen.

Die Bundesdruckerei gehört zur Hälfte einem süddeutschen Multiunternehmer - mit Kapitäns-, d. h. Bugarchitektur-Ambitionen -, sie ist also nur noch halbstaatlich. Derzeit ringt das Unternehmen um den Großdruckauftrag “Euro” und überlegt zugleich, ob es nicht Paketlösungen mit Geldzählmaschinen und Schreddern anbieten soll.  Nun zu den jüngsten Pollern vor der Bundesdruckerei: Blumenkübel. 1988 hatte mich bereits eine längere Poller-Recherche vor die Tore der Bundesdruckerei geführt. Damals sprach ich über diese meiner Meinung nach staatsterroristische “Verpollerung” der Stadt mit Stadtsoziologen, Urbanisten, Pollerdesignern und -herstellern. Zwar waren wir uns im wesentlichen einig, dass die “stummen Polizisten” eine wahre “Eigendynamik” entfaltet hätten. Bei der Zwangstransformierung der Bewegungen des Klassenkampfes in gegeneinanderstrebige Verkehrsteilnehmerströme komme man aber nun mal nicht um die “Sachzwänge” herum: Siemens-Ampel, Zeiss-Überwachungskameras und Wellmann-Poller. Immerhin meinte einer der am Institut für Urbanisten von mir befragten Verkehrsexperten (mit expliziter Neigung zu grünen Alternativen): “Blumenkübel sind out!”

Infolge der Wiedervereinigung spitzte sich die Pollerfrage dann noch einmal zu: Im Osten wurden gleich nach der Wende alle Straßen und Plätze “abgepollert”. Im Gegensatz zu Kreuzberg, wohin der dortige “Penis”-Poller extra - wegen der Autonomen und linken Türken - ankerverstärkt geliefert wird, forderten im Osten die Bürger selbst “Mehr Poller!”. Dort wird der Verkehrsteilnehmer jetzt auch weitaus faschistischer gegängelt als zuvor: mit jede Menge Ketten zwischen den Pollern und kilometerlangen Straßenabgrenzungsgittern. Dazu kommen alle 100 Meter Ampeln und Parkautomaten, selbst auf Dörfern. Im Westen würde man sich so etwas nicht einmal in Ostfriesland gefallen lassen, wo man ganz besonders genau die Verkehrsregeln beachtet.  Das Poller-Ding war also gesamtdeutsch blitzschnell gelaufen, und die Straßenmöblierungs-Lieferanten verdienten sich dumm und dämlich.

Zwei - aus Hessen - traf ich unlängst im Café Leopold in Bombay. Dort holten sie gerade zum ganz großen Schlag aus: Bombay hat 14 Millionen Einwohner - und so gut wie überhaupt keine Poller, die wenigen Ampeln werden souverän ignoriert. Die Deutschen hatten bereits Kontakt zum Führer der faschistischen Shiv-Sena-Kommunalisten Bal Thakeray aufgenommen, der seine Stadt-Utopie aus dem “frei fließenden Verkehr Chicagos” bezieht: “That is how Bombay has to be!” Die beiden Hessen spendierten mehrere Lokalrunden.

P.S.: 2009 hat man in der Bundesdruckerei ein Einsehen - und entfernt die zwei Blumenkübel-Poller wieder.
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20.

Neuerdings trifft man auf Podien und Konferenzen immer öfter so genannte Globalisierungskritiker, ja sogar “anerkannte GlobalisierungskritikerInnen” - zuletzt auf der Le-Monde-Diplomatique-Diskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt in der John Foster Dulles Allee.  Mich verschlug es anschließend in die Moabiter Kneipe “Uschi und Ich”. Während ich dort an der Theke saß und noch darüber nachdachte, ob das nicht auch für mich der richtige Beruf wäre - ein gottverdammter Globalisierungskritiker -, fing neben mir plötzlich Hans an, auf die Wirtin - Uschi - zu schimpfen. Am Schluss seiner Tirade, die Uschi übrigens still über sich ergehen ließ, sagte er: “Ach, geh mir doch los, du olles Globalisierungsarschgesicht.” Anscheinend war auch Hans, der zuletzt eine Kita-Kontrollgruppe auf ABM-Basis in Pankow kontrolliert hatte, inzwischen voll im Globalisierungskritik-Geschäft tätig.

Ähnliches passierte mir dann im Café Anadolu in der Wiener Straße in Kreuzberg: All die türkischen Senioren dort waren mittlerweile Globalisierungskritiker geworden - und wie!  Selbst in den Kreuzberger Grundschulen hat sich dieser neue Beruf schon voll durchgesetzt: Wenn ein Lehrer mal wieder mit einem pubertierenden Bosnier oder Kurden nicht klarkommt, dann sagt er auf der Lehrerkonferenz bloß noch: “Aus dem wird mal ein richtiger Globalisierungskritiker!”  Sogar die schnelle Eingreiftruppe für die Heroinhändler im U-Bahnhof Schönleinstraße bedient sich dieses Jargons - und spricht in ihren Fahndungsmeldungen zum Beispiel davon: Diesen oder jenen “schnurrbärtigen Globalisierungskritiker - den schnappen wir uns, sobald er die Treppe hochkommt”.

Klar, es gibt unfreiwillige Globalisierungskritiker - wie den CDU-Regiermeister Diepgen oder den Dienstleister Dussmann. Es gibt unseriöse Globalisierungskritiker - wie die Neonazis oder Hans aus Moabit. Verpisste Globalisierungskritiker - wie Erwin und Moni am Kotti. Verbeamtete Globalisierungskritiker - wie die Konstanzer Unileute und die Politologie-Profs vom Otto-Suhr-Institut der Freien Universität.  Aber es gibt daneben auch ganze Regionen, die voll auf Globalisierungskritik setzen - zum Beispiel die Ostler in den fünf neuen Bundesländern: Was ist deren Nörgeln und Nölen anders als angewandte Globalisierungskritik? Das geht bis dahin, dass sie sich zum Beispiel standhaft weigern, ihre ganzen kleinen Scheißläden - Existenzgründungen genannt - länger als bis 17 Uhr 55 offen zu halten.

Neulich behauptete ein Leipziger Philosoph, Peer Pasternak, der über die Abwicklung der ostdeutschen Wissenschaft geforscht hatte, es gehöre wesentlich zum westlichen Pluralismus, dass auch der Marxismus-Leninismus staatlicherseits gelehrt werden müsse. Der Ostler spinnt, dachte ich. So weit kommt es noch, aus dem Marxismus-Leninismus eine öde Seminarveranstaltung mit Referatszwang und Zensurvergabe zu machen.  Aber genau das passiert zur Zeit - nahezu überall: nur dass der aggressive Antikapitalismus jetzt Globalisierungskritik heißt. Ohne Globalisierungskritik ist schon fast gar keine Forschung und Lehre mehr möglich. Sogar völlig korrupte Karrieristinnen - wie Riedmüller-Seel, Anke Martiny, Cora Stephan und Georgia Tornow - machen nun lauthals einen auf Globalisierungskritik. So beschwerte sich Letztere, nach der übrigens inzwischen eine globale Rosensorte benannt ist, zum Beispiel darüber, dass die Kapitalgeber die Verluste ihrer Wirtschaftszeitung Econy nicht mehr länger hinnehmen wollten. Was ist das anderes als Globalisierungskritik? Höchstens könnte man es noch als Kapitalismusfeindlichkeit durchgehen lassen. Beides läuft aber auf dasselbe hinaus.  Um es kurz zu machen: Der Menschenrechts-Aktivist, der Umweltschutz-Experte, der Jugo-und Afghanistan-Krisenmoderator - all diese Berufe sind out! Behaupte ich. Der neue Wunschberuf bei alt und jung - das ist der Globalisierungskritiker. Schon wirbt zum Beispiel die Uni Bochum mit dem Spruch: “Wir bilden die Globalisierungskritiker von morgen aus!” Gleiches könnte auch die Leitung des Tegeler Knasts von sich behaupten.

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21.

Kürzlich musste ich früh aufstehen, um eine “Blattkritik” zu machen - und dazu musste ich erst einmal das die taz zuvor gründlich gelesen haben. Anschließend war ich noch müder, aber ich sollte noch eine Kolumne schreiben. Was lag da näher, als sich - antriebslos und mit leerem Kopf - für diesmal klassisch journalistisch aus der Affäre zu ziehen - und einen (Text) zusammenzugoogeln. So wie es die Studenten angeblich nur noch machen.  Computer angeschmissen, die Suchmaschine angeklickt - und dann das Wort “Frühaufsteher” eingegeben: 6.980 Eintragungen gab es dazu. Bei “Frühaufsteher Berlin” waren es noch 1.060, bei “Kreuzberg” - wo bis zur Wende die Nächte angeblich besonders lang waren - noch 38 Eintragungen.

Die erste kam von einer Kreuzberger Flüchtlings-Initiative, die zu einem “antirassistischen Einkauf” - um Punkt 12 Uhr - bei Reichelt aufrief. Das war nicht besonders früh! Die zweite “Frühaufsteher”-Eintragung hatte ihren Termin jedoch noch später angesetzt. Es handelte sich dabei um eine “Latin Parties”-Initiative, die diesbezügliche Clubs aus ganz Deutschland mit ihren Programmen vorstellte. Die dritte Eintragung bestand ebenfalls aus Club-Adressen - jedoch für Blues- und Jazzfans, wobei Google mir die Kreuzberger Regenbogenfabrik rausgesucht hatte, die laut eigener Einschätzung “nix für Frühaufsteher” sei. Im Gegensatz zum Qigong-Zentrum in der Zossener Straße, deren chinesische Heil- und Meditationsangebote angeblich nicht nur für Frühaufsteher ihren “Reiz” hätten. Man fängt dort also schon sehr früh an - das kennt man ja von den Chinesen.  Noch früher aber fängt die Schülerredaktion einer Radiosendung des Berliner Offenen Kanals an: nämlich um zwei Uhr nachts. Darauf folgen eine Jungle World-Reportage über einen ebenfalls recht frühen Polizeieinsatz in Kreuzberg, die Frühaufsteher-Tipps einer Morgenpost-Redakteurin und eine Güterabwägung zwischen den optimalen Öffnungszeiten fürs Prinzenbad und den Wünschen einiger Frühaufsteher. In der nächsten Eintragung behauptet das Videodrom “Filmfreaks sind Frühaufsteher”. Und in einer weiteren meint der “Künstlerbedarf Ebeling”, für Frühaufsteher sei der Laden genau der richtige. Vorm Amtsgericht protestierten “250 wetterfeste Frühaufsteher” - gegen eine Ortsveränderung.  In der Berliner Zeitung ist davon die Rede, dass viele Verbände nach Berlin ziehen, denn man muss früh aufstehen, um erfolgreiche Lobbyarbeit zu betreiben. Ein weiterer Zeitungsbericht handelt vom hoffnungsvollen Nachwuchs im Backgewerbe: “Frühaufstehen ist kein Thema mehr”, meint ein gewisser Zernicke, dessen Arbeitstag in einer Bäckerei in der Mariannenstraße oft schon um zehn Uhr abends beginnt.  In einem Wahlinfo wird vom Finanzsenator berichtet, dass er als Frühaufsteher bereits morgens zur Wahl ging. Der Tagesspiegel schrieb über das derzeit kaum noch vorstellbare Schnee-Chaos auf den Straßen - es sei besonders für Frühaufsteher unangenehm. Eine Rockband, die auch von Satanisten gerne gehört wird, hat “für alle Frühaufsteher ein fettes Grunz” auf ihrer Webpage übrig. Und eine Kreuzberger Schwuleninitiative will fürderhin auch für “Frühaufsteher” attraktiv sein. Der letzte Eintrag stammt von den Deutschrockern Rod Army, in deren Gästebuch sich unter anderen auch ein “Frühaufsteher” zu Wort meldete.

Summa summarum: Die Frühaufsteher, das sind - zumindest in Kreuzberg - immer noch so etwas Ähnliches wie die “Besserleger” beim Golf. Es ist schön und gut, wenn sie es tun - die Frühzüge und Gewerbeimmobilien fahren beziehungsweise stehen nicht so lange leer usw. Aber wie leicht kann diese Tugend in Besserwisserei oder gar Penetranz ausarten. Dies erfuhr ich erstmalig bereits 1970 - damals hatte Matthias Broeckers gerade einen Semesterferienjob in der Kreuzberger Eierlikör-Fabrik Verpoorten angetreten und musste ab sechs Uhr morgens am laufenden Band Eier zerschlagen: hunderte und tausende. Dabei war er irgendwann ins Grübeln gekommen. Seine festangestellten Arbeitskollegen dort hielten sich als muntere Frühaufsteher für etwas Besseres als ihn, den meist müden Aushilfsstudenten, der sogar noch eine Viertelstunde früher als sie anfangen mußte. Mit der Verwandlung von Industrie- und Handwerks- in Dienstleistungs-Arbeitsplätze standen die Leute immer später auf. In Friedrichshain gab es 1992 noch kollektiven Widerstand dagegen - im Glühlampenwerk Narva. Dort meinte der neue Geschäftsführer Jesus Comesana: “Wir sind jetzt ein Dienstleistungs und keine Produktionsfirma mit Schichtbetrieb mehr, deswegen fangen  wir ab 2003 um neun statt um sechs Uhr an”. Auf einer Betriebsversammlung wurde das abgeschmettert - u.a. mit dem Argument “Ich wohne in Kaulsdorf, dann kann ich ja gleich im Betrieb bleiben und da schlafen.”

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22.

Das Kreuzberger Haus, in dem ich wohne, gehört dem ehemaligen Adjudanten des Wüstenfuchses (Rommel). Und sein damaliger Hiwi ist heute sein Verwalter. Weil sie beide so alt sind, beschäftigen sie aber noch eine dynamische Hausverwaltung, die sie jedoch ständig wechseln.  Nur die Mieter bleiben, das heißt, wenn sie sich nicht gelegentlich selber entmieten, indem sie zum Beispiel im Suff mit Zigarette einschlafen und alles in Brand setzen. Das geschah in unserem Seitenflügel schon zweimal. Die dritte Mieterzermürbung bewirkte ein verschlagener Bremer Architekt mit seinen endlosen Renovierungsmaßnahmen.  Im Vorderhaus ziehen die Leute dagegen nur aus, um sich wohnumfeldmäßig zu verbessern. Das ist aber auch schlecht: Pakete werden von dort nicht nach hinten ausgehändigt und man grüßt auch nicht. Das ist jedoch eine Binsenweisheit: dass die Elite längst asozial geworden ist - und die Unterschicht allein das Soziale noch trägt.  Man stelle sich nur mal Kreuzberg mit ausschließlich Deutschen vor: Es wäre die Hölle. Allein die Türken und ihre Spießigkeit inklusive Moscheen und Männercafés halten das einstmals erkämpfte Soziotop noch einigermaßen intakt.  In unserem Hinterhaus samt Seitenflügel und Remise leben vornehmlich Türken. Aber auch wegen Rommel viele Afrikaner - die meine Wohnungsnachbarin übrigens alle für den Mieterbund gewonnen hat.

Eine sammelt alle auf den Hof abgestellten Altmöbel, Teppiche, Vorhänge etc. ein - und füllt damit einen Übersee-Container. Zuletzt wird der noch mit einem Zentner Alt-tazzen ausgestopft - und dann geht es ab nach Ghana, wo die Freundinnen unserer Nachbarin das Zeug wiederaufbereiten und auf dem Markt verkaufen. Die tazzen brauchen sie zum Einwickeln.  In der Remise wohnt eine junge Türkin, die leere Einwegfeuerzeuge sammelt - und nach Mexiko-Stadt schickt, wo ein Freund von ihr sich mit einem mobilen Einwegfeuerzeug-Wiederauffüll-Set selbstständig gemacht hat.  Vorne gibt es ein kurdisches Café mit Bäckerei, das Herrn Genc gehört, der sich als Gewerbetreibender ungerne mit den Mietern solidarisiert, dafür spielt er unentgeltlich den Hausmeister für alle.

Neulich brauchte ich wegen eines Kabelbrandes einen Elektriker. Herr Genc kannte einen - und der reparierte mir dann auch alles ganz prima. Als ich ihn fragte, was er dafür haben wolle und ob ich eine Quittung bekäme, damit der Hauseigentümer mir das Geld zurückgebe, schickte er mich zu Herrn Genc.  Dieser meinte dann: “Das mach ich selber mit dem Eigentümer klar, notfalls ziehe ich es von der Pacht ab.”  “Aber, Herr Genc”, sagte ich, “dass kann ich doch auch machen - es von der Miete abziehen OE”  “Ach, ist schon gut!”  “Wie kann ich das wieder gutmachen?”, fragte ich ihn zuletzt.  “Behalten Sie mich in Ihrem Herzen”, antwortete Herr Genc.  Tief beeindruckt über so viel Nachbarschaftshilfe schlich ich in meinen Seitenflügel zurück.

Im Gegensatz zu den meisten Berliner Treppenhäusern brauchen wir hier keine subtilen Kenntnisse über Fußmattenmuster, um zu wissen, in welchem Stockwerk man sich gerade befindet, denn in unserem Treppenhaus steht auf jedem Flur ein anderes Möbel: im Hochparterre ein Nähmaschinentischchen, mit einem Faxgerät (statt einer Nähmaschine); im ersten Stock ein Kinderwagen (mit Spielzeug gefüllt); im zweiten Stock ein metallener Couchtisch ohne Glasplatte; im dritten Stock ein modernes Aktenschränkchen (von einer Frau, deren Beziehung auseinander ging und die daraufhin wieder zurück nach Böblingen zog - sie hatte um die Ecke gewohnt: wir wollten ihr ein Schränkchen abnehmen, sie bestand jedoch darauf, uns zwei mitzugeben); im vierten Stock schließlich stehen eine ausrangierte Waschmaschine und ein alter Computer im Flur. Das alles dient der Orientierung, zur Not geht es ab nach Ghana.

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23.

Wenn man vom autonom-islamischen Kreuzberg ins christlich-soziale Prenzlauer Berg kommt, fällt einem als Erstes auf, wie roh dort alles noch ist: von der Kleidung und den Speisen über die Bedienung und den Straßenhandel bis zu den Kneipen und der Gentrification. Es gibt so gut wie keine Telefonierläden in Prenzlauer Berg, in Kreuzberg dagegen an jeder Ecke einen.  Zwar hat der Ostbezirk seine Bevölkerung fast komplett ausgetauscht, aber er ist deutsch geblieben, und jeder hat zwei Telefone. Detlef Kuhlbrodt führt das Rohe des Prenzlauer Bergs auf den geringen Ausländeranteil zurück. Es stimmt, das gut durchgekochte Kreuzberg ist den Türken und ihren kulturellen Einrichtungen - von der Familie über die Geschäfte und die Arbeiterclubs bis zu den Religionsvereinen - zu verdanken. Die wenigen Deutschen sind hier zum großen Teil fertig, voller Macken oder eher asozial. Auch die Türken haben ihre rohesten Geschäftsleute nach Prenzlauer Berg abgeschoben. Wer ihre Läden in Kreuzberg frequentiert, dem kommen die Tränen im Osten. Selbst die einfachsten Dönerbuden sind dort Verbrechen am Schaf und am Kunden. Aber gegenüber dem McDonald’s-, Großkino-, Allee-Arcaden- und Kulturbrauerei-mit-Bayernlokal-Publikum auf der Schönhauser Allee wirkt selbst der Fixertreffpunkt am Kottbusser Tor wie ein Intelligenzler- und Gourmettreffen. Und das ist er auch.

Vor allem leidet Prenzlauer Berg unter seinen neuen westdeutschen Eigentümern, die bei ihren Hausrenovierungen mit jedem Kamelhaarpinselstrich “ein Stück Sozialkultur” (Habermas) ausradierten. Mühsam versuchen jetzt die neu zugezogenen Jungmütter auf den Bänken der Kinderspielplätze aus diesen Ruinen wieder etwas (demokratisch) Neues aufzubauen - beim privaten Erziehungskombinat “Klax” ist es ihnen schon fast gelungen.  In Kreuzberg kämpfen solche “Initiativen” seit über 35 Jahren, und das nicht nur - wie die BI Oderbergerstraße - an einer Ecke. Und wenn auch die schlimmsten Karrieristen und Dachgeschosslumpen mehrmals über die Militanten siegten, entweder zogen sie dann in bessere Viertel, oder sie kamen ebenfalls herunter - auf Sozialhilfeniveau bzw. Kleinkriminalität. Nur einige wenige ganz Ausgekochte haben sich gehalten - wie etwa die Betreiberin des “Blockschock”: mit einem selbst finanzierten Eintrag im “Who’s who” oder dem einst stadtbekannten Model - mit lauter “Fotografieren verboten”-Schildern an den Fenstern. Im Prenzlauer Berg sind dagegen selbst die Promis gemein und roh: Günter Grass im Pasternak, Bill Clinton im Gugelhof, Minister Trittin in der U 2.

In Kreuzberg werden nicht nur etliche Irre von den türkischen Händlern mit durchgefüttert, auch die Bettler machen sich dort einen Namen und besetzen einen Stammplatz, in Prenzlauer Berg können solche Leute dagegen jahrelang wirken, ohne wahrgenommen zu werden - außer von den Bullen. Das hängt dort natürlich mit dieser irssinigen Masse an lebensgeilen jungen Menschen in modischen Klamotten zusammen. Es gibt in Prenzlberg junge Frauen, die nur für ihre Tattoos, Piercings, Fitness- und Solariumsbesuche anschaffen gehen. Selbst 42-jährige Mütter, die von ihren Ehemännern ausgehalten werden, sind hier so stolz auf ihre Erscheinung und den Ort ihrer Selbstverwirklichung (auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz z. B.), dass jeder Provinztourist und jeder Eingeborene sofort denkt: Sie haben den Schlüssel zum Glück gefunden. Dabei führen sie nur die allergewöhnlichste Öko-Prénatal-Existenz vor - und zurück.

Die Öffnung der Mauer hat es Kreuzberg leicht gemacht: Die widerlichsten und angepasstesten Deutschen haben sofort das Viertel verlassen - und sind nach Prenzlauer Berg gezogen. Zusammen mit den neuen Hausbesitzern bilden diese Westweicher dort nun ein “internationales Flair” aus, das sich gewaschen hat. Die Buchhandelskette Thalia hat gerade nach Übernahme von Kiepert in den Allee Arcaden das Sortiment um 40 (von 100) Intelligenzpunkten gesenkt - und der Laden flutscht!  Ähnliches versucht man jetzt leider auch in Kreuzberg: Dort hat der Immobilienentwickler und -verwalter, Wertkonzept-Müller, an der Schlesischen Straße den Bau der zukünftigen Spree-Arcaden an sich gerissen. Aber er wird scheitern! Stattdessen entsteht daraus eine weitere schöne Moschee. So wird hier jedenfalls quartiersmanagementmäßig gewettet.

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24.

Das Gebiet zwischen Mariannenplatz und Köpenicker Straße war bis Ende 1989 eine Idylle “im Schatten der Mauer” gewesen: Künstlerhaus Bethanien, Georg- von-Rauch-Haus mit Wohnwagen drumherum, die Thomaskirche und dahinter zwei Schrebergärten mit einem zweistöckigen Bethaus und drei Bäumen auf einer ehemaligen Verkehrsinsel, wo Osman Kalin und Mustafa Akyol mit ihren Frauen und Kindern Sonnenblumen und Gemüse anbauen. Sie wohnen im letzten stehengebliebenen Haus dahinter. Kalin ist schon 1944 - “als Verbündeter” - nach Deutschland gekommen. Ihre Gärten befinden sich im Westen, stehen aber auf DDR-Gebiet. Deswegen hat niemand vom Tiefbauamt oder von der Polizei dort etwas zu sagen gehabt, und die Grenzoffiziere ihnen die Gartenanlage sogar ausdrücklich erlaubt. Die Nachbarn stiften später Zaunmaterial.

Nach der Wiedervereinigung rücken ihnen jedoch Planer und Tiefbauamtsleiter aus Mitte auf die Pelle. Der Kreuzberger Bürgermeister hält zwar schützend seine Hand über die “Öko-Laube”, aber er hat dort bald nichts mehr zu sagen. Die Mauer ist verschwunden und der gleich dahinter verlaufende Luisenstädtische Kanal, der als Todesstreifen zugeschüttet war, soll mit ABM und enormen Sachmitteln (wieder) zu einer Lennéschen Promenade rückgebaut werden. Der Pastor der Thomasgemeinde, wo man mangels Gläubigen bereits darüber nachgedacht hat, sich das inzwischen renovierte Kirchenschiff mit einer islamischen Gemeinde zu teilen, verhindert zweimal eine Räumung der Schrebergärten. Dann geht jedoch den Kanalplanern gottlob! das Geld aus, und es kehrt erst einmal wieder Ruhe ein.

Inzwischen hat der Innensenator aber die Rollheimer-Siedlungen auf dem Kanalmittelteil “Engelbecken” und dann auch auf der anderen Spreeseite an der “East Side Gallery” räumen lassen. Ein Teil dieser Wagenburg verlagerte sich daraufhin an den Bethaniendamm auf den imaginär gewordenen Mauerstreifen zwischen Kinderbauernhof, Rauch-Haus und den zwei türkischen Gemüsegärten. Auch diese Siedlung wird schließlich mit schwerem polizeilichen Räumgerät auseinandergetrieben … All diese gewalttätigen Auseinandersetzungen rund um ihr “Paradies” lassen Osman Kalin und Mustafa Akyol nicht kalt. Das Ehepaar Kalin verkauft seine Zwiebeln auf dem Markt am Maybachufer. Irgendwann verrücken sie den Zaun zwischen den beiden Gärten um einige Meter, so daß sich ihr Land auf Kosten von Akyols Anbaufläche vergrößert. Der quasi interne Streit darüber gefährdet das Biotop der beiden Türken nun zusätzlich. Vielleicht wollten sie damit aber auch nur die ganzen Konflikte um sie herum wieder zu ihrer eigenen Angelegenheit - zwischen zwei Grundstücksbesitzerfamilien - machen?

Der Film “Was man so sein eigen nennt” von Harms und Winkelkotte beantwortet diese Frage nicht, obwohl er sonst vor philosophischen Erörterungen - z.B. der Frage, was permanentes Glück und flüchtiges Eigentum überhaupt sind - nicht zurückscheut.

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25.

Kürzlich war ich an einem Sonntag mit meinem Freund Andersan auf einer Einzugsparty im Grunewald. Es war schon fast hell, als wir nach Hause gingen. Vor einer schönen Villa mit Garten blieben wir stehen. “Friede den Palästen, Krieg den Hütten”, murmelte ich. Da trat ein dicker Mann mit Mülltüten aus dem Haus. “Was suchen Sie hier?”, fragte er uns. Der immer noch angetrunkene Andersan antwortete: “Wir kommen aus Kreuzberg und kucken uns nur um!” Dann - nach einer Pause: “Wenn das hier alles enteignet wird, dann brauchen wir ein Haus für die Kinder, und dies ist nicht schlecht!” - “Sind Sie betrunken?”, fauchte der Mann. “Nein”, sagte Andersan, “aber sagen Sie, gibt es hinten auch noch einen Garten?” - “Wenn Sie nicht gleich verschwinden, hole ich die Polizei!”, schrie der Mann.

Auf den Nachbargrundstücken tauchten prompt einige Leute auf und kamen neugierig-feindselig näher. “Ja, wenn Sie so leicht erregbar sind, können wir Sie nicht brauchen, ich dachte erst, Sie könnten hier dann Reparaturen durchführen und ein bisschen den Hausmeister spielen,” meinte Andersan beleidigt - und zu mir gewandt sagte er dann: “Komm, wir gehen, aber schreib auf - 10 bis 12 Zimmer!”  Kaum waren wir um die Ecke, da fuhr auch schon ein Polizeiwagen langsam an uns vorbei. An der nächsten Ecke kam ein zweiter - uns entgegen. Dieser hielt an und man fragte uns, wo wir hinwollten: Zur S-Bahn - wir durften weiter gehen. Am Bahnhof stand aber schon der andere Polizeiwagen.

In der S-Bahn fiel mir ein, dass die Initiative Bankenskandal von Peter Grottian im Herbst einen “Grunewaldspaziergang” durchgeführt hatte, wobei den Teilnehmern angesichts der vielen Villen sofort ähnliche Umnutzungsideen eingefallen waren. Und der Redebeitrag der Sprecherin vom “Autonomen Mädchenhaus”, dem man gerade die finanzielle Förderung gestrichen hatte, begann mit dem Büchner-Satz: “Friede den Hütten, Krieg den Palästen!”  Wir beide waren aber gar nicht dabei gewesen, ich hatte nur davon gehört oder gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Oder reichte es bereits, wenn 10.000 Leute die Rede anklickten, dass man es dann automatisch auch wusste?

Andersan meinte sich erinnern zu können, dass Lenin der Münchner Räterepublik 1919 einmal ein Telegramm geschickt hatte, in dem er sie an “das Wichtigste” erinnerte: sofort die Bürgervillen beschlagnahmen und sie obdachlosen bzw. in allzu beengten Wohnverhältnissen lebenden Proletariern zuweisen. Das Telegramm von Lenin endete mit den Worten: “Friede den Hütten, Krieg den Palästen!” Es erreichte die Münchner Genossen jedoch nicht mehr: Die Reaktion hatte die Räteregierung bereits verjagt und ihre Mitglieder erschossen. “Das Telegramm wurde erst ein paar Jahre später bekannt und dann so berühmt, dass viele der Meinung waren, der Büchnersatz stamme von Lenin.”

Nach diesem Grunewalderlebnis mit Andersan traf ich am Abend im PDS-Buchladen am Rosa-Luxemburg-Platz den Altgenossen Sirius, dem ich gleich davon erzählte. Er war mäßig beeindruckt und meinte dann: “Was ihr aus Kreuzberg da angeblich im Grunewald erlebt habt, das ist ein alter Hut, aber von zwei Weddingern - und die haben den Grunewaldspaziergang nicht spontan gemacht, sondern geplant. Das stand schon 1930 oder so in der Roten Fahne, wo die bei den Lesern damals so gut angekommen ist, dass die DDR die Geschichte später in einen Sammelband mit aufgenommen hat. Ich habe leider vergessen, wie der hieß.”  Diese Auskunft ließ mir keine Ruhe. Bereits am nächsten Tag fand ich den Text im Antiquariat Zossener Straße: “Wir sind die Rote Garde” (Band 1 und 2). Den hatte Kurt Held - alias Kurt Kleber - 1931 veröffentlicht und er hieß: “Perlemann geht in den Grunewald”. Da geht die Geschichte dann jedoch so weiter, dass die beiden Spaziergänger aus dem Wedding von einem Polizisten mit Fahrrad bis zum S-Bahnhof Grunewald begleitet werden, unterwegs beschimpfen die Anwohner sie als “freches Proletenpack”. Und Perlemann meinte zum Schluss: “Wirklich eine herrliche Gegend, ganz so, wie wir sie brauchen!”

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26.

Herr Karasahin sitzt an der Theke des Cafés Advena in der Wiener Straße und trinkt einen heißen Zitronensaft mit Honig. Er ist Rentner, die meiste Zeit des Jahres lebt er in Istanbul, in einer Wohnung mit Garten am Bosporus, nur Mai und Juni verbringt er in einem Sommerhäuschen in Antalya. Wenn er in Berlin ist, wohnt er in der Forster Straße - in einer Wohnung, die er 1969 anmietete.  Feti Karasahin wurde 1942 in einem Dorf in der Osttürkei geboren. Bereits als Kind musste er schwer arbeiten: “Erst Holz aus dem Wald schleppen und später für die Männer einer Zementfabrik Wasser holen.”

1960 bekam er eine reguläre Arbeit auf einer Baustelle, danach musste er zum Militär. 1966 stellte er sich in Istanbul einer deutschen Musterkommission, um sich als Gastarbeiter in der BRD zu verdingen. Die Ärzte bemängelten seine starke Sehschwäche - aber er hatte damals noch kein Geld für eine Brille.  Auf dem Frankfurter Flughafen begrüßte man ihn mit Blumen. Seine erste Arbeitsstelle bekam er bei einer hessischen Baufirma: “Deren Baustellen waren manchmal so klein, dass wir nicht mal eine Zementmischmaschine hatten und alles mit der Hand machen mussten.”

1968 kam er nach Westberlin: “Es war ein harter Winter mit viel Schnee, wir haben oft Schlechtwetter gemacht.” Seine Arbeitsstelle war zunächst ein Brückenbau für die Stadtautobahn am Jakob-Kaiser-Platz. In dem Wohnheim am Kurt-Schumacher-Platz blieb er drei Monate, dann fand er in der Forster Straße 18 eine Wohnung. Sie war stark heruntergekommen, stank und hatte eine Außentoilette, außerdem wohnte im vorderen Zimmer noch eine zuckerkranke alte Frau aus der DDR.  Herr Karasahin renovierte erst einmal zusammen mit seinem Bruder. Der wegen der neuen türkischen Mieter verängstigten Nachbarin erklärte er: “Ich bin auch ein Mensch, habe auch eine Mutter. Du kannst nicht sagen, die Türken haben alle ein Messer. Hab also keine Angst!”

Seiner kranken Mitbewohnerin half er beim Einkaufen, außerdem brachte er sie mehrmals ins Krankenhaus, wo er und sein Bruder sie auch mit Blumen besuchten. Ein nervenkranker Mitpatient im selben Zimmer meinte: “Ich spring noch aus dem Fenster - ich habe sieben Kinder, bekomme aber nie Besuch, und diese Frau ist allein, wird jedoch laufend von Türken besucht.”  Die Forster Straße war Anfang der Siebzigerjahre eine dunkle, heruntergekommene Straße: Auf der rechten Seite - zwischen Reichenberger und Paul-Lincke-Ufer - wohnten Ausländer und auf der linken Deutsche: zumeist solche, die aus alkoholischen und/oder polizeilichen Gründen den Absprung nach Westdeutschland nicht geschafft hatten. Ende der Siebzigerjahre fing die Stadt an, die Häuser langsam zu entmieten.

Die Forster Straße 17 und 16 wurden daraufhin besetzt: “Meine ältere Schwester ist dann da mit eingezogen. In der 17 hatte noch Herr Baumgart ein Fotogeschäft. Er hat alle Bilder von den Hochzeiten meiner Kinder gemacht.”  1970 ließ Feti Karasahin seine Frau Ipek nachkommen. Drei ihrer Kinder, die Tochter Birgül und die Söhne Ismail und Ali, blieben erst mal in der Türkei - bei Verwandten. 1973 wurde ihre Tochter Sengül in Berlin geboren,1975 der Sohn Bülent - im Urbankrankenhaus. Kurz danach holten die Eltern Ismail und Ali nach Berlin. Mit ihnen gab es Schulprobleme: Herr Karasahin hatte den Schulsenat gebeten, ihnen Schulplätze zur Verfügung zu stellen, aber nur Ismail bekam einen, Ali nicht: “Er musste zu Hause bleiben und hat geweint. Wir bekamen zu hören, dass die Türken ihre Kinder nicht zur Schule schicken - und sollten dafür Strafe zahlen. Da habe ich dem Minister für Erziehung in Ankara geschrieben. Eine Woche später hatte Ali einen Schulplatz - in Istanbul.”

Ali blieb bis zum Abitur 1986 in Istanbul, dann kam er nach Berlin, um zu studieren. Sein Vater hatte 1982 aufgehört zu arbeiten und war Frührentner geworden, nachdem er sich dreimal einen Leistenbruch zugezogen hatte - zuletzt auf einer Baustelle in der Spichernstraße: “Im Sommer haben wir wie die Ochsen gearbeitet und geschwitzt. Ein Kasten Bier für vier Mann, der war in einer Stunde leer.” Seine Frau Ipek arbeitete noch bis 1984 - bei bei DeTeWe in Kreuzberg. Es war eine schwere Arbeit - und außerdem giftig: “Als sie nach 14 Jahren, 1984, dort aufhörte, hatte sie chronisches Asthma.”  Seitdem er Rentner ist, pflegt Herr Karasahin in seinem Garten die Blumen und Obstbäume und geht in Antalya im Sommer täglich schwimmen. Seine Rente ist so niedrig, dass er z. B. keinen Krankenhausaufenthalt davon bezahlen könnte: In den letzten 18 Jahren war er deswegen nicht mehr beim Arzt. Seine Frau muss sich jedoch regelmäßig behandeln lassen. Dazu fliegt sie nach Berlin. Obwohl das Klima in der Türkei für sie besser ist als in Deutschland, musste sie anfangs wegen ihrer Krankheit, deren Behandlung sehr teuer ist, in Berlin bleiben. Anfangs hat Herr Karasahin deshalb in Istanbul alleine gelebt.

“Für ein dreimonatiges Einreisevisum muss ich jedesmal 50 Euro zahlen und zweimal anderthalb Tage vor dem Konsulat warten. Seit 1985 bin ich nur fünfmal hier gewesen, meine Frau kommt aber jedes Jahr. Mit ihrer deutschen Staatsangehörigkeit ist es einfacher”, sagt er.  Ihre Kinder sind inzwischen verheiratet, bis auf Sengül und Bülent. Die älteste Tochter Birgül ist Kindergärtnerin geworden, Sengül Technische Assistentin in Metallografie, und der älteste Sohn Ismail hat Restaurantfachmann gelernt. Bülent und Ali haben studiert: der eine Wirtschafts- und der andere Ingenieurwissenschaft. Bülent arbeitet jetzt als Unternehmensberater und Ali betreibt ein Café. “Es war immer mein größtes Ziel, dass unsere fünf Kinder eine anständige Ausbildung bekommen. Und das haben wir auch geschafft”, sagt Herr Karasahin.

“Ob es mir in Berlin oder in Istanbul besser gefällt? Die Menschen sind überall gut. Nur das Kapital hetzt sie aufeinander. Ich bin Alevit. Für die Türkei ist die alevitische Kultur sehr wichtig: Ohne sie gäbe es dort weder Touristen noch Alkohol. In Berlin gibt es erst seit 1990 einen alevitischen Kulturverein. Sie haben seit einigen Jahren ein eigenes Zentrum in der Kreuzberger Waldemarstraße - von den Zeugen Jehovas übernommen. Ich war auch schon ein paar Mal da, obwohl wir in unserer Familie alle nicht gläubig sind. Die Wohnung in der Forster Straße 18 hat mein Sohn Ismail übernommen, da wohn ich nun auch, jedes Mal, wenn ich in Berlin bin.

Abends sitz ich dann im Café “Advena” meines Sohnes Ali und trinke einen Tee mit Honig.”  Bülent ist - ebenso wie die anderen Söhne und Töchter - dem Vater dankbar dafür, dass er allen Kindern eine Ausbildung ermöglichte: “Dieser einfache Mann aus Ostanatolien und ohne Bildung hat dafür sein ganzes Leben lang geschuftet. Er könnte stolz auf uns sein, zeigt seine Gefühle jedoch nicht, aber wir Kinder wissen, dass er uns in seinem Herzen trägt.”

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27.

“Kam’n rin, hoben die Fäuste und schrien: ,Free Bommi Now!’ ” - Damit war der eingeknastete Bommi Baumann gemeint. “Det war der Blues!”, erklärte Peter Paul Zahl, der zuletzt in Berlin die Anarchozeitung Fizz herausgab.  Der Blues hatte Ende der 60er einen “Zentralrat” - “der umherschweifenden Haschrebellen” genannt -, zu dem Bodo Saggel gehörte: “Mit unserer vom Dope erhellten Intelligenz heckten wir so manche Streiche aus”, schrieb der 1998 in einer Neuauflage seines Buchs “Der Antijurist” über seine Haschrebellenzeit.  Damals propagierten sie unter anderem das “kostenlose Leben” in Berlin - durch Ladendiebstähle etc. - und riefen in Flugblättern alle ähnlich Gesinnten Europas dazu auf, aus der Frontstadt eine einzige “Subkultur” zu machen: “Alle Berliner werden Berlin verlassen! Von uns abgeschreckt in die Provinzen ziehen und letztlich uns Berlin überlassen!”

Es kam dann jedoch genau andersrum: Längst haben die letzten Langhaarigen die Stadt verlassen.  Heiligabend raffte es auch den Unbeugsamen Bodo Saggel hinweg. Er wurde 65 Jahre alt. Sein Freund Günter Langer, der jetzt bei seiner neuen Freundin in Florida lebt, berichtete auf Partisan.Net, dass es Saggel in der Kneipe Puttchen plötzlich vom Barhocker riss.  Bodo Saggel stammte aus Essen, wo er bereits als Jugendlicher Zugang zur kriminellen Szene gefunden und insgesamt 10 Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Wieder draußen, besorgte er sich 1968 erst mal den damals noch linksliberalen Spiegel mit einem Foto von Rudi Dutschke auf dem Cover. Innen drin stand dessen Adresse: das SDS-Haus am Kurfürstendamm in Berlin.  Saggel fuhr sofort hin und wurde der “Ersatzproletarier des SDS”.

Und dieser Proletarier bei den sozialistischen Studenten war nicht von Pappe: Erst mal verarbeitete er seine langjährigen Justiz- und Knasterfahrungen zu dem bereits erwähnten Buch “Der Antijurist - oder die Kriminalität der schwarzen Roben”, das er dann mit SDS-Hilfe druckte und selbst verkaufte: meist vor Hochschulen, was jedes Mal mit Agitation und “Hasch-ins” verbunden war. Klaus Eschen vom sozialistischen Anwaltskollektiv hatte ein Vorwort dazu beigesteuert.  1969 warb Saggel für seine Antijuristenkampagne gar mit einem Teach-in im Audimax der TU - und zwar ganz allein. Das war ziemlich beeindruckend. Erst 1996, als er mich bat, wegen des 25 Jahre zuvor von Polizisten erschossenen Georg von Rauch in der taz noch einmal an die Haschrebellen zu erinnern, erfuhr ich, dass er das Teach-in eigentlich zusammen mit Bommi Baumann und Manfred Grashoff bestreiten wollte: “Aber beide erschienen dann nicht, so dass ich alleine über die ,Hure Justiz’ sprechen musste”. Überhaupt hätte der gesamte “Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen” in ein Auto reingepasst. Und das gehörte damals dem Vater von Günter Langer.

Dieser wiederum berichtete zusammen mit Bommi Baumann auf der “SDS-Website” über Bobo Saggel: Er habe damals Freundschaft mit dem alten Genossen Erich Langer geschlossen, “der einen Ein-Mann-Fuhrbetrieb besaß und Hilfe brauchte. Das ungleiche Paar arbeitete jahrelang zusammen: Erich organisierte die Fuhren und Bodo schippte die Kohlen, die Schlacke oder was es sonst gab. Irgendwann hatte Bodo jedoch genug von Berlin. Er zog sich zurück aufs Land, kaufte sich ein Haus in Lüchow-Dannenberg. Jetzt ist er aber wieder in Berlin, in Kreuzberg, quicklebendig wie eh und je.” Das war 1999. Dazwischen bereiste Saggel auch noch - mit dem Verkaufserlös seines Wendland-Hauses - alle fünf Kontinente.  Günter Langer schrieb einen ersten Nachruf. Darin heißt es, dass Bodo Saggel heute, am 3. Februar, auf dem Alten Luisenstädtischen Friedhof in Kreuzberg - am Südstern - beerdigt wird, pünktlich um 9.15 Uhr. Ich füge hinzu: Im Anschluss daran findet im Puttchen in der Obentrautstraße 70 noch eine kleine Trauerfeier statt.
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28.

Wie viele taz-Frauen schon an Krebs gestorben sind, weiß ich nicht, aber es hat bereits eine höhere Merkwürdigkeit. Im Januar beerdigten wir auf dem Kreuzberger Südstern-Friedhof Regine Walther-Lehmann. Ende der achtziger Jahre war sie Medien-Redakteurin gewesen. Weil sie es nicht bedauern wollte, eine Disco-Rezension von Thomas Kapielski, in der das Wort “gaskammervoll” vorkam, abgedruckt zu haben, mußte sie derzeit, zusammen mit Sabine Vogel, die taz verlassen. Regines Redaktions-Vorgängerin, die inzwischen ebenfalls an Krebs gestorbene Ulrike Kowalsky, organisierte daraufhin ein Bühnenprogramm im Kino “Eiszeit” für sie. Einige der daran mitwirkenden Männer gründeten später die “Höhnende Wochenschau”, aus der etliche Berliner Bühnen-Kollektive hervorgegangen sind.  Von Thomas Kapielski, derzeit mit einer Kunst-Professur gesegnet, erschien soeben der zweite Merve-Band - zum Thema “Gottesbeweise”.

Der Autor kommt darin erstmalig auch auf seinen taz- Skandal zu sprechen, der seltsamerweise Wiglaf Droste berühmt machte.  Zurück zu Regines Beerdigung: Weil speziell in der Single-Hochburg Berlin die Bestattungsrituale nicht mehr festliegen, und auch die diesbezüglichen Institute relativ locker geworden sind (Ilona Petersen wurde neulich z.B. von einer lesbischen Camp-Bestatterin “betreut” und die Sargrede hielt jemand vom Stammtisch ihres Mannes - derüber weiter unten) - ist dem “Anything Goes” Tür und Tor geöffnet. Regines Mann Achim und Rosa, ihre studierende Tochter, entschieden sich für die ganze Spannbreite: Zuerst lasen sie einige Texte von Regine vor, dann trug ein Freund ein Gedicht von Hilde Domin vor und betete anschließend das Vaterunser, das “wer vermag” mitbeten konnte. Zum Abschluß erklang eine Orgel - kein Walzer, wie bei Ilona - normale Trauermusik.  Da es meine erste Urnenbeerdigung war, bedrückte mich zunächst die Kleinheit von Regines Grab. Überhaupt war ich die ganze Zeit mit Formproblemen beschäftigt. Schließlich malte ich mir sogar eine ständige Kolumne über Berliner Beerdigungsriten aus - im Stil von Theaterrezensionen. Dazu trug bei, daß ich am Friedhofseingang eine Tafel mit dem täglichen Spielplan dieser Anlage entdeckt hatte. Regines Name stand auch drauf. Wie ich dann aus den Grabreden erfuhr, war sie 1972 Regieassistentin in der Neuen Volksbühne gewesen. Nach der taz arbeitete sie einige Zeit als Redakteurin bei “Radio 100″. Im Osten hatte sie es bis zur Jungpionierin gebracht, seit sie im Westen lebte, forschte sie immer wieder gern über DDR- Themen. 1994 unternahm sie eine umfangreiche Recherche über das Ost-Ampelmännchen. Danach war sie organisatorisch für einen Germanisten-Kongreß im Schloß Rheinsberg tätig. Auf dem Kongreß wurde Ulrike Kowalskys Freund , Wiglaf Droste, der 1989 ebenfalls aus Solidarität mit Sabine Vogel und Regine Walther-Lehmann die taz verlassen hatte, von den anwesenden Germanisten zum kontemporären Tucholsky gekürt. - Im Tagesspiegel berichtete jetzt gleichzeitig ein freiwillig aus der taz ausgeschiedener Redakteur über die Trara-Beerdigung des Berliner “Currywurst- Königs”. Ja, das Leben kann manchmal grausam sein!

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29.

Zuvor hatten wir auf dem Friedhof am Südstern bereits Ilona beerdigt - die Frau des Satanisten-Galeristen Jes Petersen, der gerade wegen Rauschgift im Knast sitzt, aber dort - immerhin - schlank, gesund und schön geworden ist. Jes ist - Jahrgang 1936 - 25 Jahre jünger als die 1910 geborene Ilona. Sie war bereits zweimal verheiratet gewesen, als sie ihn 1961 in Flensburg kennenlernte. Damals hatte der schleswig-holsteinische Landwirtssohn gerade mit Franz Jung zusammen den Sex-Pol-Verlag Petersenpress gegründet. Und Ilona hatte angefangen, bei der Grotesktänzerin Valeska Gert - in deren Berliner “Hexenküche” sowie im Sylter “Ziegenstall” - Tanz zu studieren. Sie war ihrem “Hang zur leichten Muse” gefolgt, wie ihr Beerdigungsredner, der Theologe und Antiquar Bernd Gärtner, das auf dem Friedhof am Südstern ausdrückte. Er sehe seine Aufgabe - bei diesem letzten Freundschaftsdienst - im übrigen nicht darin, die Trauer (der Verwandten und Freunde) zu verstärken, so sagte er. Zumal die Verstorbene “in der Summe ein gutes Leben” hatte.

Ilona “war immer von strahlender Eleganz, eine Dame, meist ganz hell oder in leuchtendem Grün bzw. Rot angezogen”. In den fast fünfzig Jahren ihrer Ehe hatte Jes ihr täglich frische Blumen hingestellt, und wenn sie ihn drängte, etwas zu erledigen, hatte er - im Chor seiner Freunde, mit denen er meist im Vorderzimmer seiner Galerie zusammensaß - geantwortet: “Ja, Ilona!”  Während er mit Schröder-Sonnenstern und später Oskar Huth herumzog, arbeitete Ilona mit Wolfgang Neuss: im Keller des Hauses am Lützowplatz. Eine Zeitlang konnten sie es sich mit Jes’ Gutshoferbschaft leisten zu verreisen - und tourten durch Südamerika. Zwar mischte Ilona sich nicht in den “chaotischen Galeriebetrieb” ein, aber “sie war stets dabei, wenn es abends was zu feiern galt”.

Das Bemerkenswerte daran war, daß “auch die wildesten Künstlergestalten ihr gegenüber immer die Contenance bewahrten”. So gesehen, lebte das Ehepaar Petersen relativ ausbalanciert durch die Zeitläufte: “Sie gingen zusammen durch dick und dünn - allen Unkenrufen zum Trotz!” Die Petersenpress wurde inzwischen wiederbelebt: Mit der Zeitschrift Sklavenaufstand des Schriftstellers Wolfram Kempe und mit den Basisdruck-Editionen von Andreas Hansen, die dann auch - als Abordnung Ost quasi - bei der Beerdigung und der anschließenden Trauerfeier im “Zwiebelfisch” am Savignyplatz - der letzten Stammkneipe von Oskar Huth, über den dort auch ein Buch verkauft wird - dabei war.

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30.

Auf dem “Türkisch-Europäischen Kulturfest” vor dem Brandenburger Tor, das sich dort wohl bald als EU-Love-Parade etablieren wird, trat neben zig berühmten türkischen Sängern, Eurovision-Song-Contest-Teilnehmern und DJs auch die “Türkische Folklore Gemeinschaft e. V.” aus Kreuzberg auf - mit mehreren Jugendtanzgruppen. Begleitet wurde ihre Aufführung von einem Kemence-, d. h. Kniegeigen-Spieler.  Zwei Wochen zuvor hatte ich dieses Tanz-Ensemble bereits in seinen Vereinsräumen in der Wrangelstraße 22 besucht. Das geschah anlässlich des Muttertags, der auch ein türkischer Feiertag ist (ebenso wie der Internationale Frauentag). Da wurde dort unter den erwachsenen Vereinsmitgliedern die “Mutter des Jahres” geehrt und es fand ein großes Fest statt.

Aus diesem Anlass waren außerdem eine Vertreterin des Integrationsbeauftragten des Senats, die Frau des türkischen Generalkonsuls in Berlin, ferner ein Kamerateam von TRT und zwei Lokalreporter von Hürriyet erschienen. Mich hatte der Vereinsvorsitzende Muzaffer Topal eingeladen - als sein Nachbar und taz-Journalist.  Der 1966 in Akcaabat geborene Volkstanzlehrer kam 1981 nach Berlin, wo er sich zunächst zum Elektrogerätemechaniker ausbilden ließ und im Fernstudium Volkswirtschaft studierte. 15 Jahre arbeitete er dann als Qualitätskontrolleur bei einer Neuköllner Elektrofirma, wo er außerdem 12 Jahre lang als Betriebsratsvorsitzender tätig war. 2002 wurde seine Firma jedoch von einem westdeutschen Konzern aufgekauft und der Standort Neukölln überraschend dichtgemacht. Muzaffer Topal entließ man in die Arbeitslosigkeit.  Die “Türkische Folklore Gemeinschaft” hatte er bereits 1986 gegründet.

Der Verein hat heute 40 erwachsene Mitglieder, und seine Räume in der Wrangelstraße werden von etwa 60 Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 25 Jahren genutzt. Sie können dort neben dem Einstudieren von Volkstänzen in traditionellen Kostümen auch noch Schach und Tischtennis spielen sowie im Chor singen und sich mit Musikinstrumenten wie der Saz vertraut machen.  Die Folkloregruppen des Vereins treten inzwischen nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Orten auf - seltsamerweise öfter in Ost- als in Westdeutschland: bisher in Leipzig, Dresden, Neuruppin, Storkow, Freiberg, Frankfurt (Oder), Bonn und Kaufbeuren.  Muzaffer Topal ist neben seiner Vereinstätigkeit seit 1994 auch noch Mitglied der CDU, für die er vier Jahre im Ausländerbeirat des Bezirks Kreuzberg saß. Nachdem sich der Ortsverband Görlitzer Bahnhof auflöste, arbeitet er nun in der CDU-Ortsgruppe Innsbrucker Platz mit. 1995 heiratete er, im vergangenen Jahr bekam seine Frau ihr erstes Kind.

Seit er arbeitslos ist, hat er zwar mehr Zeit, sich der “ehrenamtlichen Jugendarbeit” zu widmen, aber das ist keine Dauerlösung. Gelegentlich springt er noch als Aushilfskraft in der Bäckerei seines Cousins ein, er sucht jedoch einen neuen Job in seinem erlernten Beruf.  Sein Folklore-Verein wurde und wird von den CDU-Politikerinnen Renate Laurien und Barbara John aktiv unterstützt, dennoch sollte ihm Anfang des Jahres die staatliche Förderung gestrichen werden. Es gelang dem Integrationsbeauftragten des Senats jedoch, diesen Beschluss wieder rückgängig zu machen - trotzdem musste der Verein dann eine Kürzung von 1.000 Euro hinnehmen: “Aber was soll man machen? Überall wird das Geld knapper”, meinte Muzaffer Topal. Ich nickte betrübt, denn auch mir hat die taz gerade meinen Honorar-Dispo reduziert.

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31.

Als ich zuletzt Olga, die ukrainische Putzfrau eines befreundeten “Spiegel TV”-Journalisten, heiraten sollte und wollte, begab ich mich mit meiner Zukünftigen aufs Standesamt Friedrichshain/Kreuzberg: Dort warteten ausschließlich Mischpärchen darauf, abgefertigt zu werden - mit einer handgeschriebenen Nummer auf dem Schoß, die sie unentwegt anstarrten. Nr. 17, eine Iranerin, sagte zum Informationsfräulein, das erst mal alle “Kunden” auf die einzelnen Standesbeamten verteilt: “Ich will heiraten, weiß aber noch nicht wen.” Ehrlich währt hier jedoch nicht am längsten!

Die Standesbeamte sind bei Verdacht einer Scheinehe zur Denunziation angehalten. Nr. 12, eine Weißrussin, die mit einem Weddinger angetanzt war, sagte: “Wir müssen uns beeilen, ich bin schon im 6. Monat schwanger.” Ungerührt fragte das Informationsfräulein zurück: “Und haben Sie sich schon entschieden - mit der Musik und so?!” An den Flurwänden hing Reklame - von Firmen, die Hochzeitsfotos, -ringe und -kleider verkaufen, im Wartesaal, der wie ein Wickelraum wirkte, lagen Hochzeitsauto-Kataloge.

Eine philippinische Braut, Nr. 9, entschied sich für einen weißen Omega, aber ihr Neuköllner Alphamännchen winkte sofort ab: “Entweder einen Ford oder deine zwei Kinder herholen - beides ist nicht drin!” Die Nummern 27 und 28 hielten zwei Jamaikaner, die ihre Blondinen in der Karibik-Disko am Zoo kennen gelernt hatten, wo sie auch ihre Hochzeit feiern wollten. Sie waren sich nur noch nicht einig, welchen DJ sie dafür anheuern sollten - über den Musikstreit überhörten sie fast den Aufruf ihres Standesbeamten. Auch die Nr. 29 war nicht ganz bei der Sache: Ein Sinologe, der sich natürlich - aus Berufsgründen - eine Chinesin geangelt hatte oder umgekehrt. Zwar war er einverstanden, ihre Großfamilie zur Hochzeit nach Berlin einzuladen, aber diese ganze peinlich-peinigende Prozedur mit x Dokumenten, ISO-Norm-Übersetzungen und -Beglaubigungen war ihm nun zu “prollig”. Seine Braut verstand ihn nicht und blätterte verzweifelt im Mandarin-deutschen Wörterbuch nach, fand das Schimpfwort aber nicht. Das ließ nun wieder ihn verzweifeln - nämlich an der Distinktionsfähigkeit seiner Zukünftigen. Ich machte mich ämternützlich und wies eine Bulgarin darauf hin, dass sie sich eine Nummer vom Haken nehmen müsse. Als die Nr. 28 aufgerufen wurde, meinte sie beleidigt: “Aber Sie haben mir doch eben gesagt, die Nr. 28 sei schon drin!” Ich lächelte nur und dachte: “Gut, dass ich die nicht heiraten muss - was für eine Kampfhenne!”  Dann waren wir, die Nummer 31, Olga und ich, dran. Es ging alles sehr schnell: “Aha, Ukraine”, sagte der Beamte, holte eine Formular hervor und kreuzte darauf alle Dokumente an, die Olga beizubringen hatte. Damit schoben wir wieder ab. Anschließend trafen wir uns mit einer befreundeten Russin, die dolmetschen sollte: Da Olga geschieden war und zwei Kinder hatte, musste sie zusätzlich zur Familienstandsbescheinigung, zur Geburtsurkunde, zur polizeilichen Anmeldung, zur Aufenthaltsbescheinigung, zum Kindernachweis und zur beglaubigten Visumkopie auch noch ein gerichtliches Scheidungsurteil und dazu eine Bestätigung von der Miliz einholen. Das alles aus der Ukraine! Und dass sie hier schwarzarbeitete und nicht angemeldet war, verkomplizierte die Sache noch einmal. Mutlos ging sie nach Hause.

Eine paar Wochen später trafen wir uns wieder, die Dolmetscherin hatte ich dazubestellt: “Es geht nicht”, sagte Olga, “ich krieg die Papiere nicht zusammen!” “Dann heiratet doch in Dänemark”, riet uns die Dolmetscherin. Ich rief daraufhin beim Standesamt in Tonder an. Sie wollten zwar etwas weniger Papiere haben, aber die waren genauso schwierig zu beschaffen, außerdem war der “mehrtägige Aufenthalt” dort teuer. Um es kurz zu machen: Irgendwann gaben wir auf! Ich bin immer noch ledig, und Olga lebt wieder in Kiew. Für die traurige Rückreise nahm sie, nebenbei bemerkt, für 500 Euro die Dienste einer Schleuserbande in Anspruch, die Touristen von West nach Ost schleppt, damit diese kein Wiedereinreiseverbot in den Pass gestempelt bekommen.

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32.

Eidechsen - so hießen früher die Hardcore-Lesben in SO 36 liebevoll. Es gab ein autonomes taz-Autorenkollektiv “muz” (menschenverachtend und zynisch) - das Vorspiel der KPD/RZ, das in seinen Kolumnen diese Eidechsen würdigte, die sich ihrerseits auf den Häuserwänden im Kiez äußerten: “Bildet Banden”, “Kastriert alle Vergewaltiger!” usw.  Ihr Ruhm strahlte bis nach Hamburg, von wo eines Tages die Journalistin Edith Cohn anreiste, um über diese feministischen Terroristen eine das Blut in den Adern der Elbchausseer gefrieren lassende Insiderstory aus Original-Kreuzberg zu liefern.

Leider konnte die taz-Berlin-Redaktion sie davon überzeugen, dass es sich bei den ganzen kastrationsbereiten Eidechsen bloß um einen weiteren Dreh am “Mythos Berlin” (Der Spiegel) handelte.  Mit der Abwanderung der “Zeitgeist”-Schwaben und Rheinländer in die Ostbezirke geriet dann aber sowieso der “Problembezirk” außer Konjunktur (”Nur in SO 36 lebt man kreativ!”, meinte z. B. Claudia Skoda 1985 und 1995: “Nie wieder Kreuzberg!”). Man hörte dann auch nichts mehr von den Eidechsen. Die letzten wurden mit der Zerstreuung der Wagenburgen an den Stadtrand gedrängt, einige zogen mit ihren Wohnwagen “in Richtung Süden” ab.

Jetzt kommt aber neue Kunde von ihnen - diesmal aus dem Berliner Schwabing Prenzlauer Berg. Wie die gewöhnlich gut unterrichteten Punker vor Kaiser’s und McDonald’s erklären, handelt es sich dabei um “Solarent-Frauen mit eidechsenfarbenen Tattoos, deren dauergebräunte Haut inzwischen verlederte”. Seltsamerweise gab es schon 1984 eine Zeitschrift für Eidechsen, herausgegeben vom “Bräunungsstudio Malaria”, zu dem der Eastbam-Manager Indulis Bilzens, der Westbam-Manager und -Vater William sowie das Gestaltungsduo Johannes Beck und Walter Baumann gehörten.  20 Jahre später lesen die Eidechsen, die auf die Bräunungsstudios in Prenzlauer Berg abonniert sind, vor allem Körperzeichen. Ihre Solarium-Szene arbeitet an einer eigenen Kultur, deren Speerspitze jene neuen Eidechsen sind. Ihr typisches Erscheinungsbild ist die Twentysomething mit Pferdeschwanz und Sporttasche, Jogginghose, Top, Stöpsel im Ohr und Handy am Hals.

In ihrer prominenten Form werden sie u. a. durch “TV-Star Jennifer Nitsch” verkörpert, die neulich aus dem Fenster fiel und starb. Die Bild-Zeitung zitierte erst ihren Regisseur: “Der Fenstersprung war ein Hilfeschrei!”, und rekonstruierte diesen dann durch Jennifers letzte Stunden: “15 Uhr 30 - sie geht in ihr Schwabinger Fitnessstudio ,lady sportiv’; 17 Uhr 30 - sie ist zu Hause mit ihrer besten Freundin verabredet: ,Wir haben auf dem Bett gelegen, ferngesehen, über Klamotten, Fingernägel, Haare und Partys gesprochen’; 20 Uhr - die beiden machen sich für den Abend zurecht: ,Wir haben ein paar Klamotten ausprobiert, ich habe für sie ein Kleid gebüdelt’; 21 Uhr 40 - die beiden gehen ins ,Kytaro’, dort ist Jennifer Nitsch mit einem Photographen verabredet, es herrscht Partystimmung, der Ehemann von Model Guilia Siegel kommt dazu, es sind schließlich 20 Personen, sie essen griechische Spezialitäten; 2 Uhr 45, fröhlich fährt die Runde zum Club ,Max Suite’, dort, so sagen Zeugen, trank sie viel Wodka, auch Champagner; 5 Uhr - sie tanzt barfuß, verletzt sich am Fuß, Türsteher Arturo hilft ihr ins Taxi; 5 Uhr 30 - sie schläft ein, um 12 Uhr 30 telefoniert sie mit ihrer Mutter, der sie erzählt: ,Wir hatten eine tolle Party, jetzt muss ich mich aber ausruhen’; 13 Uhr 07 - sie stürzt aus dem Fenster des vierten Stocks OE”  Die Bunte ergänzte dann: Sie litt unter “Beziehungslosigkeit” und “Bulimie”. Und Bild ließ noch ihre Mutter zu Wort kommen: “Es war niemals Selbstmord”, meinte sie, mit anderen Worten: Die Fitnessclubs sind wahrhaft mörderisch! War Edith Cohn etwa auf der richtigen Spur, als sie in der Frauensauna am Heinrichplatz mit ihrer Recherche begann?

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33.

Kreuzberg ist wieder “im Kommen”, wie Ingeborg Bachmann bereits 1964 unkte. Nun allerdings ohne Touristen und “Lifestylisten” - so bezeichnet die SO 36-Ethnologin Barbara Lang den letzten Schrei aus Künstlern, Linksalternativen, Hausbesetzern, Alten Wilden und Autonomen im “Problembezirk”, die nach der Wende gen Osten verschwanden.  Viele der Dableiber wurden nach und nach arbeitslos: “Wenn früher von zehn offenen Stellen neun durch Türken besetzt wurden, werden heute stattdessen neun Ostdeutsche eingestellt”, so sagte es 1995 der Osram-Betriebsrat. Infolgedessen versuchen sich die Türken in allerhand Existenzgründungen, wobei sie nicht selten auch Deutsche mit ins Boot nehmen. Wenn ich nicht irre, machte das Restaurant Kafka in der Oranienstraße den Anfang.  Überhaupt hat sich diese Straße vom wendeeuphorischen Shit for Brain Drain bereits gut erholt.

Jetzt ist die Wiener Straße dran: Hinten eröffnete der türkische Efesgarten “Burg am See”, vorne entsteht - an der Stelle des abgebrannten Bolle - eine handgeschnitzte Moschee, ein Stück weiter hat sich das Tanzcafé Advena etabliert, und gegenüber eröffnete gerade das Gartenlokal Feuerwasser. Um von dort einen Zugang zur Wiener Straße zu haben, musste die Feuerwache nebenan ihre Zustimmung geben - was sie auch tat.  An ihrer Stelle stand übrigens früher einst ein jüdisches Kaufhaus, das dann von einem Rollkommando aus dem SA-Gartenlokal Wiener 10 gestürmt wurde. In dieser Nazistammkneipe hatte sie im Kegelbahnkeller ein “wildes KZ” eingerichtet - und bis heute lastet ein Fluch auf dieser Location: Kein Wirt hält es darin länger als ein Jahr aus, jetzt versucht es der türkische Hausbesitzer zur Abwechslung mal wieder selbst.  Ansonsten geht es jedoch gut ab in der Wiener, weswegen sich der Gartendurchbruch - von der Skalitzer 14 aus - für das Feuerwasser auch lohnt.

Initiiert hat es Cahit Aslan, ein Garten-, Landschafts- und Raumgestalter, der oft und gerne mit den vier Elementen arbeitet. Am Lokal ist es ein großer Brunnen im Garten, aus dem unentwegt Feuer und Wasser sprudeln. Nachdem er damit fertig war, übernahmen drei junge Leute, Kerem Atasever, Kaan Müjdeci und Sascha Wilczek, das Objekt, wo sie zuvor schon das Sinema Cekirdek (Sonnenblumenkernekino) betrieben, in dem freitags und samstags alte türkische Spielfilme gezeigt werden, dazu gibt es Zuckerwatte, Halva, Eis und frisch geröstete Kichererbsen sowie Sonnenblumenkerne. Ansonsten sind die drei beim Multikulti-Karneval aktiv und Herausgeber eines kostenlosen Veranstaltungs-”Magazins der Kulturen” namens Tellal (”Ausrufer” auf Arabisch). Das Gartenlokal war zuvor ein türkischer Zockertreff, der sich jedoch nicht rentierte. Überhaupt mussten die meisten türkischen Männerlokale mangels Umsatz inzwischen steuerbegünstigten Kultur- und Sportvereinslokalen weichen. Das Feuerwasser muss noch den Vorbesitzer auslösen, ein Problem, an dem Cahit angeblich scheiterte.

Im Gartenlokal soll es nach einer Renovierungspause neben dem Kino noch Lesungen sowie Musik- und Tanzveranstaltungen geben - eine indische Tänzerin und eine Bauchtänzerin sind quasi schon unter Vertrag.  Andersherum hat das Künstlerhaus Bethanien bereits Interesse an einer Kooperation mit dem “Feuerwasser” gezeigt. Denn dort, das heißt in der aus Geldmangel geschlossenen türkischen Bibliothek, wird demnächst  eine Ausstellung mit türkischen und deutschen Künstlern eröffnet: “Berlin-Istanbul vice versa”. Und diese Schau ist wiederum Vorspiel für ein ähnliches, größeres Kunst-”Projekt” im nächsten Jahr.  Ich will damit sagen: Der Exodus der Deutschen (Trendhechler) aus Kreuzberg hat dem Bezirk gut getan! Ganz anders sieht das natürlich der CDU-Ekelprotz Landowsky: “Die interessante Szene” hat sich nach Mitte verlagert, meint er, während in SO 36 nur “Junkies, Gewalt und Ausländer zurückblieben”. Was er nicht sagt, ist, dass daran allein die BVG schuld ist, die am Görlitzer U-Bahnhof ständig “Zu-rückbleiben!” ruft. Die Gegend drum herum ist darob regelrecht gemütlich geworden.

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34.

Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von Krupp Stahlbau Berlin, Karl Köckenberger, hat eine große Familie und lebt im Wohnhaus der Kreuzberger Regenbogenfabrik. 1992 schenkte er seinen Kindern zwei Einräder, mit denen sie auf dem Hinterhof übten. Wenig später kamen noch zehn weitere Einräder für die Nachbarskinder dazu.  So fing es an - mit Cabuwazi, dem “chaotisch-bunten Wanderzirkus”, dessen Geschichte hier kurz erzählt werden soll. Als Erstes kaufte Karl sich ein Zirkus-Handbuch, über das er dann mit verschiedenen Artisten in Kontakt kam. So auch mit dem mexikanischen Clown Ranulfo Cansino, der noch heute bei Cabuwazi - und dort fürs Jonglieren zuständig - ist. Dann kam die Luftakrobatin und Braunbärentrainerin Petra Sperlich dazu, vom Staatszirkus der DDR. Sie, ebenso wie Natalie Desavis, die bei der westdeutschen Traberfamilie lernte, bringt den Kindern Seillaufen bei. Außerdem arbeiteten bei Cabuwazi noch der polnische Meister im Trampolinspringen, Boguslaw Porycki, die Varietékünstlerin Monika Kebschull - sie trainierte mit den Kindern am Trapez - und die Turnerin Antje Seifert, die unter anderem Rhönradlehrerin ist.

Im Herbst 1993 verteilte die Truppe an einigen Schulen Flugblätter: “Wer möchte an einem Zirkus-Workshop teilnehmen?” Es kamen über 200 Kinder in die Turnhalle der Kreuzberger Kiezschule. Dafür bewilligten das Arbeits- und das Jugendamt bereits Mitte 1994 erst 14 und dann noch einmal 18 ABM-Stellen sowie Sachmittel - zur Anschaffung der ersten Technik, der Bestuhlung und einiger Requisiten. Für den Ankauf von zwei Großzelten wurden Sponsoren gefunden: Die Zelte stellte man in Treptow (Bouchéstraße 74) und in Kreuzberg (am Spreewaldbad) auf zwei sehr schönen Plätzen auf. Später kamen hier wie dort etliche Zirkuswagen und Container dazu.  Und es fand sich eine Reihe weiterer Sponsoren - erwähnt seien die Bewag und die taz, daneben spendeten aber auch viele Eltern.

Inzwischen gibt es bereits vier Cabuwazi-Spielplätze: neben den bereits erwähnten auch den am Neubauviertel von Altglienicke und einen in Marzahn, wo man sich mit dem dortigen “Zelt Springling” liierte. Daneben gibt es noch eine Kooperation mit dem Wiesenzirkus “Bunter Hund” in Rüdersdorf, wo mit Behinderten gearbeitet wird. Und demnächst kommt noch ein eigener Zeltplatz an der Jugendeinrichtung “Schatzinsel” im Kreuzberger Abschnitt der Köpenicker Straße dazu.  In all diesen sechs Zelten wird den Kindern und Jugendlichen ein offenes, niederschwelliges Training angeboten, woraus sich dann Einrad-, Jonglier-, Diabolo-, Trampolin-, Seillauf- und Clowngruppen bilden, die von Berufsartisten sowie von angelernten Pädagogen betreut werden. Auch “Elemente der Kinder-Straßenkultur wie Inlineskating und Breakdance” werden angeboten.

Seit 1997 organisiert Cabuwazi darüber hinaus regelmäßig Ferien-Workshops und Schulprojektwochen: “Das ist ein Riesenrenner”, meint Karl Köckenberger, “das einwöchige Training der Schüler mündet jeweils am Freitag in eine Aufführung.” Die Cabuwazi-Kinder und -Jugendlichen erarbeiten selbst jährlich zwei Programme, die sie etwa zehnmal im Jahr in ihren Zelten präsentieren, dazu kommen noch diverse Einladungen: in den Lions-Club, zum Obdachlosenfest der Heiligkreuzkirche, zu einer Werbeveranstaltung der Bewag und jede Menge Auftritte beziehungsweise Workshops auf Festivals im Ausland: bisher in Frankreich, Polen, St. Petersburg, London und Lausanne. Die Cabuwazi-Zelte daheim werden derweil immer öfter auch von anderen Veranstaltern genutzt.  Die erste große Auslandstournee führte den Kinderzirkus 1995 ausgehend von Mexiko-Stadt über die Dörfer von Chiapas. 1997 organisierte Cabuwazi dann mit 200 bosnischen Jugendlichen einen Workshop in Tusla. Und ab Mitte August 2004 stehen Aufführungen und Workshops mit 250 Kindern in Jerusalem und Bethlehem auf dem Programm, wobei man mit dem “Circus Jerusalem” zusammenarbeitet, das heißt mit dessen 30 jüdischen und arabischen Kindern zwischen 10 und 17 Jahren. Ihre Leiterin Elisheva Yortner besuchte gerade Cabuwazi in Berlin, um die Reise vorzubereiten. Zuvor waren bereits drei Clowns aus Nablus zu einem Arbeitsbesuch angereist: “Es gab im Vorfeld harte Diskussionen, ob das Ganze nicht zu gefährlich sei für die Jugendlichen.” Eigentlich wollte man auch noch nach Nablus, auf Einladung der palästinensischen Clowngruppe Amo Bahloul. Aber derzeit ist dort die Lage zu angespannt. “Nach Bethlehem und Jerusalem fahren wir jetzt mit zwölf jungen Erwachsenen und fünf Trainern”, berichtet Karl Köckenberger. Ihr Reiseprojekt - “Circolibre” genannt - wird vom Deutschen Kinderhilfswerk und vom Weltfriedensdienst finanziell unterstützt.

Am Samstag fand in Treptow die Generalprobe statt.  Cabuwazi ist ein gemeinnütziger Verein mit fünf Vorständlern und Platzverantwortlichen für jedes Zelt. Es gibt keine Wartelisten und keine Beitragszahlungspflichten für die Eltern: “Wir sind für alle Kinder da, vor allem an den Orten, wo es notwendig ist.” Rund 650 Kinder trainieren dort über die Woche nach der Schule. Der Zirkus ist eine Art Sozialarbeit, weswegen das Projekt auch staatlich gefördert wird. Die Arbeit, das Jonglieren etwa, “dient der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, außerdem lernen sie, dabei zu kooperieren und im Jugendaustausch beziehungsweise auf Tourneen sich mit anderen auseinander zu setzen”, erklärt der Gründer. Die Jugendlichen sollen lernen, gemeinsam ein Programm auf die Beine zu stellen, das gibt Erfolgserlebnisse - und Selbstbewusstsein. 2008 bekam Karl Köckenberger für sein diesbezügliches Bemühen das Bundesverdienstkreuz.

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35.

Nach Westberlin zogen immer nur solche Leute, die im Rechnen eine Fünf, aber im Malen eine Eins hatten, meint der Künstler Kapielski. Einmal im Jahr durften sie alle auf der Freien Berliner Kunstausstellung (FBK) am Funkturm ihre Werke zeigen. Von den Alten Abstrakten und den Jungen Wilden bis zu den Spandauer Mundmalern und den aquarellierenden Wilmersdorfer Querformat-Witwen reichte dabei das Spektrum: mindestens. Die FBK wurde jedoch 1997 aus Einsparungsgründen abgewickelt. Die seit 17 Jahren dasselbe juryfreie Kunst-Auswahlprinzip verfolgende “Querschnitt”-Veranstaltung im Statthaus Böcklerpark gibt es jedoch noch immer, wenn auch nun erstmalig im Künstlerhaus Bethanien, das demnächst einem privaten Investor zugeschlagen werden soll.  Der dezentrale Querschnitt beschränkt sich auf Künstler aus Kreuzberg und ist quasi eine soziokulturelle Kiezmaßnahme, inklusive Rahmenprogramm und Kunstkurse. Man sollte meinen, dass der “Problembezirk” besonders viele künstlerische Talente hervorgebracht hat - seit die Nachkriegsboheme hier ihre Galerien eröffnete. Die über 400 Bilder, Plastiken und Objekte in den Räumen der ehemaligen Seniorentagesstätte ähneln insgesamt jedoch eher einer Zehlendorfer Rumpelkammer. Wenn man aber ein bisschen rumwühlt, dann entdeckt man doch etliche interessante Kunststücke, aber auch ganze soziokulturelle Trends.

Da haben zwei Mädchen mit Buntstiften ausdrücklich lauter Mädchen gezeichnet und dort hat ein Latina-Liebhaber seine schwarze Freundin naturgetreu nackt nachmodelliert, auf ein kunstvoll mit Kupfer beschlagenes Kreuz geklebt und das Ganze anbetungsvoll mit vier brennenden Kerzen garniert. Ansonsten haben auffallend viele Frauen halb bekleidete Frauen porträtiert. Und den jungen Marlon Brando gibt es auch mehrfach.  Die surrealistischen Motive haben dagegen deutlich abgenommen, allerdings nicht die verrätselnden Titel vieler Werke. Einiges gemahnt an die Pietà von Käthe Kollwitz. Guantánamo kommt ebenso vor wie verschleierte islamische Frauen - in Öl auf Leinwand. Und Mexikaner, Indianer, Wüsten, Afrika, Kuba und Kurdistan gibt es weitaus öfter als Berliner Stadtansichten - wie “Abends am Dom” oder “Nachts in Kreuzberg”.  Die Künstler, die für die Aufnahme ihrer Arbeiten in den Farbkatalog 25 Euro zahlen müssen und sich möglichst am Ausstellungsaufbau beteiligen sollen, kommen aus allen Ecken und Enden des Bezirks: Alte, junge, vergrübelte und filmbeeinflusste, freizeitbewusste Arbeitslose, arme Esoteriker und reiche Hobbybildhauer, Schnellmaler und Bastler, die zum Beispiel monatelang an einem “Traumfänger” rumschweißen. Mit ihren Werken spielen sie an auf: Deine Lippen / Vergänglichkeit / Begegnung /Blues / Herz / Anfang & Ende / Metamorphose / Geborgenheit / Sehnsucht / Fernweh /”Es macht nichts, wenn wir arm und unbedeutend sind”.

Die Vornamen der meisten Künstler klingen gediegen, gar unmodisch und bodenständig: Jacques, Dagmar, Annette, Hannelore, Karoline, Manfred…Während ihre Nachnamen zugleich die große weite Welt ahnen lassen: Lux, Mailaender, Lüdemann-Denninghoff, Mumenthaler, Mincu, Mastori, Medellin, Chiaramonte, Sokolowski, Yam… Vor 14 Jahren schrieb Katrin-Bettina Müller in ihrer Rezension: “Versteht man die Querschnitt 3 als Repräsentation einer Kreuzberger Szene, dann fällt im Unterschied zum Image des Bezirks die Zahmheit der Kunst auf, die kaum als Instrument des Kampfes oder der Provokation gebraucht wird.” Das könnte man heute auch noch so sagen, allerdings soll die Querschnitt-Kunst gerade nichts repräsentieren, deswegen ist die Ausstellung ja juryfrei, das heißt, jeder darf dort seine Werke präsentieren - er muss sich nur trauen.

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36.

Das “Advena” (Der fremde Gast) in der Wiener Straße wird von Ali und Bülent Karasahin bewirtschaftet, werktags ist es schon fast eine taz-Stammkneipe, an den Wochenenden finden dort Oriental-Pop-DJs ihr Auskommen, dazu zeigt dort ein Istanbuler Künstler Dias aus seiner Heimatstadt sowie lehrreiche Unter- und Überwasserfilme ohne Ton.  Seit kurzem ist das “Advena” außerdem noch an jedem Dienstagabend ein “Language-Café” - dann sitzen dort einige Dutzend Leute um ein Würfelspiel namens “NewAmiciVille”, mit dem man Italienisch, Spanisch, Englisch, Französisch, Deutsch und Norwegisch lernen kann.

Erfunden hat es der weltreisende Finne Lakki Patey in Norwegen, wo er es bisher über 42.000-mal verkaufte - und zwar hauptsächlich in Kneipen bzw. Cafés, wohin er alle am Sprachenlernen interessierten Leute einlud, um sie in sein Brettspiel einzuweisen. Als er das Gefühl hatte, nun läuft es von allein, kaufte Lakki Patey sich zusammen mit seiner norwegischen Freundin ein Wohnmobil und fuhr damit nach Deutschland, wo die beiden nun ebenfalls aus diversen Kneipen “Language-Cafés” machen. In Berlin entschieden sie sich sich nach einigem Suchen für das “Advena”. Um Spieler warben sie hier mittels Aushängen an den diversen Sprachschulen und Uniinstituten.  Jeden Dienstag verteilen die beiden Wirte nun an alle Interessierten kostenlos Brettspiele, man kann sie dort aber auch für zu Hause kaufen, außerdem gibt es sie in etlichen Spielwarenfachgeschäften - für knapp 40 Euro.

Das von Lakki Patey entwickelte “Sprachenspiel” wird von der Drolshagener Firma “California Products GmbH” vertrieben.  Beim ersten Spiel-Dienstag im “Advena” meinte Lakki: “Sprache ist eine Brücke zwischen den Kulturen, und ,New Amici’ ist der Schlüssel dazu. Wunderbar, dass so viele Menschen gekommen sind, um diesen Schlüssel gemeinsam auszuprobieren.” Spanier, Norweger, Türken, Deutsche und Italiener hatten sich im “Advena” eingefunden. Neben den Sprachversionen (z. B. Spanisch/Deutsch) mussten sie zunächst zwischen drei Schwierigkeitsgraden wählen (Gelb, Orange, Rot) sowie während des Spiels zwischen mehreren Bereichen (Zahlen, Alltagsfloskeln, Geografie etc.). Dazu wurde getrunken, gewürfelt und geraucht, außerdem boten Ali und Bülent Karasahin noch einen kostenlosen Imbiss für alle Spieler an.

Hinterher fragte ich einige Gäste, wie sie das neue Sprachspiel fanden: Sie betonten vor allem, das es interessant gewesen sei, auf diese spielerische Art mit Fremden bzw. Fremdsprachigen in Kontakt gekommen zu sein - und das auf so unterhaltsame Weise, stundenlang und dazu ohne die sonst üblichen dummen Vorstellungsfragen (What’s your name?, Where do you come from?, What are you doing in Berlin? etc.), nach denen man oft nicht mehr weiterweiß und sich in Höflichkeiten verliert.  Am ersten Dienstag, zu dem das norwegische Fernsehen sowie der Berliner Korrespondent einiger norwegischer Zeitungen erschienen waren, wurden anschließend unter den etwa 40 Spielern noch drei Preise verlost. Am zweiten Dienstag waren dann nicht mehr ganz so viele Spieler da, sie integrierten sich dafür zwangloser in das normale Kneipengeschehen. Ihre Betreuung hatten Ali und Bülent übernommen, denn Lakki Patey und seine Freundin waren schon wieder unterwegs, um weitere “Language-Cafés” zu schaffen.

Inzwischen gibt es in der BRD bereits vier: den “Spielplatz” in Köln, die “Pony-Bar” in Hamburg, das “Lot Jonn” in Düsseldorf und eben das “Advena” in Berlin, wo demnächst auch noch Lesungen mit türkischen Autoren, die auf Deutsch schreiben, stattfinden.  Zwar ist das “Advena” der Brüder Karasahin noch nicht so rentabel wie die Liebling-Kreuzberg-”Stiege”, die älteste Kreuzberger Pizzeria “Samira”, der Kanzlertreff “Jasmin” und die anderen Kneipen der vier alteingesessenen palästinensischen Brüder, aber dafür entwickelt es sich zunehmend zu einem türkisch-deutschen Yuppielokal, besonders an de