Siemens und das Elektrokartell IEA

„Solche Geschichten erzählen Außerirdische ihren Kindern, damit sie BWL studieren“ (Thomas Kapielski, „Gottesbeweise“)

Zum dritten Mal ist mir ein Wäschetrocken-Ständer zusammengebrochen – immer an der selben Stelle: im Knie. Man kann diese Dinger nicht reparieren. Stattdessen sprach ich mit einem Mitarbeiter der „Stiftung Warentest“ über das Problem „gV“: geplanter Verschleiß. Er drückte sich vage aus: „Ich kann mir vorstellen, daß man den gar nicht planen muß, weil er ja massiv eintritt, bei Waschmaschinen z.B. durch die hohe Schleuderzahl: Da ist nach zehn Jahren ganz einfach die Lebensdauer – der Lagerbuchsen oder so etwas – am Ende“… Aber in der DDR gab es ein Gesetz, daß „Weiße Ware“ mindestens 25 Jahre halten mußte – und die Kühlschränke, von dkk Scharfenstein, hielten auch so lange…“ Mag sein, aber bei der ‚Braunware‘ z. B. lohnt sich heute die gV-Prüfung schon allein deswegen nicht mehr, weil die Hersteller nicht nur einmal im Jahr ihre Produkte ändern, sondern in der Regel schon alle Dreivierteljahr. Wenn wir die testen, kann es uns passieren, daß bei der Veröffentlichung bereits 40-50% der Produkte nicht mehr auf dem Markt sind: also können wir uns diese Komponente – gV – gar nicht mehr erlauben zu prüfen“.

Wir kamen auf Glühlampen zu sprechen, weil hierbei die Forschungslage weitergehende Schlußfolgerungen erlaubt. 1882 erwarb Emil Rathenau von Edison die „Glühlampenpatente“ und gründete die „Deutsche Edison Gesellschaft“. Zusammen mit der Gasglühlicht-Auer-Gesellschaft und der Siemens & Halske AG ging daraus 1919 die Osram KG hervor – im Jahr der Ermordung Rosa Luxemburgs (Lux = Licht). Während Rathenau mit originellen Vorführungen in Berlin und Theaterilluminationen in München erst einmal ein „Bedürfnis“ nach den neuen Lichtquellen wecken wollte, lehnte Siemens solche „Marketingstrategien“ ab. Er setzte stattdessen auf die vielfältigen Möglichkeiten der Einflußnahme auf Staatspolitiken. Um Konkurrenten und Wildwuchs niederzuhalten, wurde dazu schon bald auf Betreiben von Siemens die „Internationale Glühlampenvereinigung“ als Verein eingetragen: Das erste – noch rein europäische – Elektrokartell.

Zusammen mit Edison entstand daraus 1925 in London das „Weltkartell General Patent and Development Agreement“: Im Verlauf ihrer Tätigkeit teilten sich die Mitglieder – die jeweils national größten Elektrofirmen – weltweit die Märkte untereinander auf und stimmten die Preise untereinander ab. Bereits Ende 1925 – „ausgerechnet zum Fest des Lichts“, so der Kassler Zukunftsforscher Rolf Schwendter – beschloß dieses Glühlampenkartell die Lebensdauer aller Birnen von 5000 auf 2000 Stunden zu verringern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Lebensdauer noch einmal heruntergesetzt: auf bis heute „gültige“ 1000 Stunden. Da man jedoch in Deutschland nach der Wiedervereinigung die Voltstärke von 220 auf 230 erhöhte, halten hier die Glühlampen sogar nur noch etwa 700 Stunden.

Das DDR- Glühlampenkombinat „Rosa Luxemburg“ hatte seine Produktion bereits gleich nach der Wende auf die neue EU-Voltstärke eingestellt: die Narva-Lampen hielten schon ab 1993 wieder 1000 Stunden. Daneben wurden dort aber auch noch – mit einem Tungsram- Patent – sogenannte „Resista“- Lampen hergestellt, die aufgrund einer „verbesserten Wendel-Geometrie“ 2500 Stunden lang brannten: halb so lange wie die chinesischen Normal-Glühbirnen. Diese halten bis heute 5000 Stunden. Als die Narva-Lichtforscher die Budapester „Langlebensdauer-Glühlampen“ 1981 erstmalig auf der Hannover-Messe vorstellten, meinten ihre Osram-Kollegen abfällig: „Ihr wollt euch wohl alle arbeitslos machen!“ „Im Gegenteil,“ antworteten ihnen die Narva-Kader. Das Berliner Glühlampenwerk Narva wurde jedoch nach der Wende systematisch abgewickelt. 1998 liquidierte der letzte Betriebsratsvorsitzende, Michael Müller, auch noch die Reste der Beschäftigungsgesellschaft Priamos, mit der abschließend wenigstens noch „Ersatz-Arbeitsplätze außerhalb der Lichtproduktion“ geschaffen werden sollten. Von Narva blieb bloß die ABM-Gesellschaft „Brücke“ übrig, die der eingetragene Verein Avran (Narva rückwärts buchstabiert) mit Privatkrediten der Betriebsräte gegründet hatte. Die Schriftsteller Hochhuth und Grass widmeten der Narva-Abwicklung düstere Kapitel in ihren Wende-Romanen.

Zuvor hatte der Westberliner Erfinder Dieter Binninger  noch versucht, einen Teil der Narva-Lampenproduktion von der Treuhand zu übernehmen. Er besaß bis dahin eine kleine Glühlampenfabrik in Kreuzberg, in der Birnen mit einer Lebensdauer bis zu 150.000 Stunden hergestellt wurden – von einem ehemaligen Arbeiter der polnischen Glühbirnenfabrik Polam: Herr Weinstock. 150.000 Stunden, das sind etwa 42 Jahre: so lange hielt die DDR! Binninger hatte den Namen für seine Glühbirnen Mitte der Achtziger Jahre von Narva bekommen: „Langlebensdauer-Glühlampen“. Nach der Wende ließ er sie probehalber dann auch bei Narva produzieren. Kurz nachdem Binninger seine Kaufofferte für einen Teil des Glühlampenwerks bei der Treuhand abgab, stürzte er mit dem Flugzeug bei Helmstedt ab: am 5. März 1991.

Ich schrieb daraufhin mehrere Artikel über ihn und Narva. Am 11. November 1991 erhielt ich einen Brief vom Glühbirnenkartell, das inzwischen „International Electrical Association“ hieß und in Pully bei Lausanne residiert: „Please note that the IEA was wound-up and entered into liquidation on the 31. September 1989“. Es hatte sich also quasi mit Beginn des Zerfalls der Sowjetunion selbst aufgelöst – oder war jedenfalls in eine neue Phase der Aufteilung ihrer Märkte und Einflußsphären getreten. In der IEA waren die großen japanischen, US-amerikanischen und europäischen Elektrokonzerne organisiert gewesen – in verschiedenen Sektionen, die alle Produktionsbereiche von der Glühbirne über die Kabel- und Turbinenproduktion bis zur Atomkraftwerkstechnik regelten, um Preisverfall und Überproduktion zu vermeiden. Der Sowjetunion hatte man in der IEA einen „Beobachterstatus“ eingeräumt. Sowohl der Siemens- als auch der Osram-Chef waren Sektions-Vorsitzende.

Nachdem ein Sekretär der IEA sich mit einem Teil der Kartellunterlagen abgesetzt hatte, veröffentlichten verschiedene staatliche Antikartell-Kommissionen in den USA Berichte über das unmarktwirtschaftliche Treiben des „Glühbirnenkartells“. In Deutschland war insbesondere der IEA-Experte und Mittelstandsberater Rudolf Mirow publizistisch aktiv. Er hielt denn auch die Selbstauflösung des Kartells 1998 für eine Lüge: die IEA habe vielmehr nach dem Zerfall der Sowjetunion den Ostmarkt aufgeteilt, General Electric bekam z.B. Tungsram und Siemens-Osram beteiligte sich an Polam.

Für die DDR habe im übrigen Siemens sofort Heimat-Gebietsschutz geltend gemacht. 1992 schrieb Mirow der Treuhandchefin Birgit Breuel einen Brief: „Es besteht der Verdacht, daß dieses Kartell sich jetzt den Markt der Neuen Deutschen Bundesländer untereinander aufgeteilt hat… und daß Mitglieder der IEA erneut mit ‚combat-‚ auch ‚fighting proceedings‘ genannt, gegen sogenannte ’non- members‘ vorgehen… Es wäre bedauerlich, wenn auf Grund der Unkenntnis der Organisationsformen der Elektroindustrie jetzt möglicherweise veraltete, aber doch sanierungsfähige Betriebe geschlossen würden, die Mitgliedern der IEA einmal Paroli und Wettbewerb bieten könnten. Da alle Untersuchungen zeigen, daß es in der Elektroindustrie nie eine Marktwirtschaft gegeben hat, werden sich die Probleme der ostdeutschen Unternehmen, und also auch die von Narva, vorerst nicht mit reinen marktwirtschaftlichen Instrumenten lösen lassen“. 1993 wurde Rudolf Mirow in Indonesien von einem Auto überfahren und starb.

Im selben Jahr fand in Rostock, organisiert vom Betriebsrat der Deutschen Seereederei, eine Wirtschaftskonferenz statt. Tyll Necker, damals Sprecher des Deutschen Unternehmenerverbandes, führte dort – im Zusammenhang der ostdeutschen Bergbau-Privatisierungen – aus: „Bei Kali z.B. hat es nie eine Marktwirtschaft gegeben. Ende der Durchsage!“ In dieser Branche werden die Preise u.a. über das sogenannte „Wiener Kalikartell“ geregelt. Und der Arbeitskampf der Bischofferöder Kalikumpel begann denn auch wenig später mit einem Flugblatt des Bremer Kalikartell-Experten Peter Arnold, das er selbst an der Grube verteilte.

Ich besuchte 1993 zunächst das deutsche „Kartellamt“ in Berlin, am Platz der Luftbrücke. Sie hatten dort nach der Wende einmal mit Rudolf Mirow über die IEA diskutiert. Jetzt schätzten sie ihn als „ein bißchen paranoid“ ein. Man gab mir eine Liste mit allen Westkonzernen, die Ostfirmen aufgekauft hatten. Am meisten hatte Siemens zugelangt. Die Liste war jedoch nicht auf dem neuesten Stand. Die „Kartellwächter“ versprachen, mir den fehlenden Teil zuzuschicken. Das geschah aber nie, obwohl ich immer wieder danach fragte: Sie waren dort anscheinend inzwischen selber „paranoid“ geworden!

In Berlin hatte sich derweil der Weltbank-Manager Peter Eigen mit einer internationalen Initiative niedergelassen, die er „Transparency International“ nannte. Ihr ging und geht es darum, durch Bekämpfung der Korruption die Entwicklungschancen armer Länder zu verbessern. Konkret sollen z. B. Für große Industrieprojekte in der Dritten Welt „Inseln der Integrität“ geschaffen werden: d.h. die an der Ausschreibung sich beteiligenden Konzerne müssen vorher Verpflichtungserklärungen unterschreiben, daß sie niemand bestechen werden, um den Zuschlag zu bekommen. Für diese Anti-Korruptions-Aktivität will Peter Eigen neben Politikern und Banken auch die großen Konzerne gewinnen. In den USA werden immer mal wieder Firmen verklagt, die Bestechungsgelder bezahlt haben – auch im Ausland. In Deutschland konnte man dagegen diese Gelder bis 1999 steuerlich absetzen. Bis dahin gab es im Wirtschaftsamt Frankfurt am Main sogar noch Listen, denen im Ausland tätige Geschäftsleute entnehmen konnten, mit wieviel Schmiergeld sie in welchem Land zu rechnen hatten. Seit dem Zerfall der Sowjetunion sind die Geschäftsgebaren nun völlig aus dem Ruder gelaufen, auch hierzulande, so daß Peter Eigens Initiative scheinbar genau richtig kommt.

Merkwürdigerweise kannte er das Elektrokartell IEA jedoch überhaupt nicht. Er hielt es lediglich für eine Besonderheit – z.B. von Siemens, das dieser deutsche Konzern in den letzten Jahren immer wieder wegen Korruptionsverdacht international unangenehm aufgefallen war: In Singapur bekam Siemens sogar fünf Jahre Geschäftsverbot und 1997 begann die Staatsanwaltschaft in Moskau gegen die Siemens AG zu ermitteln, weil die Münchner angeblich den Sonderbeauftragten für die Elektronikbeschaffung bei der KGB- Nachfolgeorganisation bestochen hatten.

Auch in der Ex-DDR, wo der Konzern beizeiten gute Kontakte zu einem Koko-Geschäftsführer in Ostberlin und dessen Schwiegersohn in Westberlin aufgebaut hatte, war es nach 1989 zu mehreren Merkwürdigkeiten gekommen: So teilte die das Narva-Werk im Auftrag der Treuhand international anbietende Unternehmensberatungsfirma Price Waterhouse z.B. mit, Siemens habe überall auf der Welt verlauten lassen, man werde das Berliner Glühlampenwerk kaufen – dabei hätte Osram gar keine Offerte abgegeben und wäre auch von seinen Join-Venture-Plänen längst wieder abgerückt. Zuvor hätten die Siemens-Manager in der Treuhand alles getan, um das Werk auf die Abwicklungsliste zu setzen. Ein entsprechender Beschluß der sogenannten „Plaschna- Kommission“ sei dann aber durch den Treuhandchef Rohwedder wieder rückgängig gemacht worden.

Ein Elpro-Vorstandsmitglied erfuhr sodann von einem belgischen General-Electric-Manager, nachdem GE vom Kauf des DDR- Vorzeige-Elektrounternehmens Elpro zurückgetreten war: In letzter Sekunde hätten sich Siemens und GE über die IEA geeinigt – die General Electric übernehme Elpro nicht, dafür helfe ihnen Siemens wieder ins Irangeschäft rein. Die Elpro AG ist inzwischen so gut wie abgewickelt!  Ähnliches war in der Zwischenzeit auch mit dem AEG- Konzern passiert: Er wurde unter den Kartellmitgliedern aufgeteilt, ein Teil kam zu Alcatel, große Bereiche wurden abgewickelt, darunter auch kurz zuvor von der AEG im Osten erworbenen Betriebe – wie das Transformatorenwerk in Oberschöneweide beispielsweise.

Für den Historiker H.D. Heilmann stellen die Lebens-Werke von Rathenau und Siemens so etwas wie eine unternehmerische Alternative dar, wobei Rathenau für ihn den guten deutschen Unternehmer verkörperte und Siemens den verbrecherischen. Der Glühbirnen-Forscher Schivelbusch stellte dagegen 2000 im Spiegel die Frage, ob es für die deutsche Entwicklung nicht besser gewesen wäre, wenn statt der Ruhrbarone und der Junker die „Elektroindustrie“ insgesamt die deutsche Politik bestimmt hätte: „Zum Jahrhundertbeginn galten Elektrizität und Moderne als dasselbe“. Und weil dies am Ausklang des Jahrhunderts immer noch so ist, deswegen bestritt Siemens auch die „Expo 2000“, die von der letzten Teuhand-Chefin Birgit Breuel geleitet wird, fast alleine: Der Konzern verlegte die 100.000 km Glasfaserkabel auf dem Hannoverander Gelände, seine Sparte Medizintechnik war  mitverantwortlich für den Themenbereich „Gesundheit“, außerdem war Siemens natürlich auch noch beim Themenbereich „Energie“ mit dabei, sowie bei der „Mobilität“, und ferner in der Arbeitsgruppe zum Thema „Wissen“. Seinen größten Expo-Auftritt hatte der Konzern aber im Themenpark „Zukunft“ wo dieser „weltweit führende Anbieter von Infrastrukturlösungen“ zusammen mit der Stadtverwaltug von Shanghai „Ideen und Visionen“ vorstellte. Beim Verkauf von Infrastrukturlösungen hat man es meist mit Verwaltungen zu tun – und die werden weltweit immer korruptionsanfälliger, so daß die Siemenssche Beeinflussungsstrategie immer erfolgreicher wird – nicht trotz, sondern wegen der weltweit andauernden Privatisierungen.

Der ehemalige Elpro-Vorständler, Schmolcke, schrieb während der Privatisierung dieses einstigen – aus der ersten AEG-Glühlampenfabrik entstandenen – DDR- Vorzeigeunternehmens in der Elpro-Hauszeitung „Kontakt“: „Die Widersacher, mit denen wir es aufnehmen müssen, sind im Vergleich zu der Größe unseres Unternehmens übermächtig“. Er verhandelte mit verschiedenen IEA-Mitgliedern – zuletzt war alles vergeblich. Aus dem, was er dabei – von Alcatel-Cegelec, Schneider, Siemens und General Electric – mitbekam, gewann er jedoch den Eindruck: „Da spielen sich die echten Dinge ab, und vielleicht noch da drunter!“

Siemens versuchte danach mehrmals auch die Privatisierung des Öko-Kühlschrankherstellers Foron zu torpedieren: Zuerst beteiligten sie sich an einem Rundschreiben an alle deutschen „Weiße Ware“-Händler, in dem sie vor dem Kauf der Foron-Kühlschränke aus Sicherheitsgründen (Explosionsgefahr) warnten. Dann gerieten die Scharfensteiner aufgrund einer Pseudoprivatisierung durch den ominösen Londoner „East German Investment Trust“ in Schwierigkeiten. Im Mittelpunkt stand dabei der deutsche EGIT-Manager Harald Lang, der zuvor für die Treuhand schon bei Narva und der Elpro AG aktiv gewesen war. Schließlich bewarb sich der Multikonzern Samsung um Foron. Die vermutlich in mehreren IEA-Sektionen vertretenen Südkoreaner bekamen jedoch einen Brief aus München – des Inhalts, daß Siemens eine Übernahme von Foron durch Samsung als unfreundlichen Akt ansehen würde. Samsung zog daraufhin seine Kaufofferte zurück.

Nachdem Binninger, Mirow und Rohwedder gestorben waren und der Leiter des Berliner Büros der IEA-Wirtschaftsprüfungsfirma Price-Waterhouse, Krieger, eine andere Stelle angenommen hatte, war auch die „Privatisierung“ der DDR-Industrie so gut wie abgeschlossen. Die ostdeutsche Betriebsräteinitiative zerfiel langsam. Siemens wandte sich der Konsolidierung zu, wobei der Konzern einige Bereiche verkaufte, andere abwickelte und neue Werke – vor allem in Asien und Amerika – hinzuerwarb. Außerdem wurde seine Berlin-Repräsentanz wieder geschlossen.

Im Zusammenhang der einsetzenden „Globalisierungs“-Diskussion und der eskalierenden Kämpfe bzw. Kampf-Fusionen um die Weltenergie-Reserven an Öl und Gas erregten bald zwei andere IEAs mein Interesse. Es gibt inzwischen drei Welt-Kartelle namens IEA! Das erste ist wie erwähnt die „International Electrical Association“ in Pully, die sich angeblich 1989 auflöste. Das zweite ist die „International Energy Agency“ – mit Hauptsitz in Paris. Sie wurde im Anschluß an die erste Ölkriese im November 1974 gegründet: als Krisenmanagement-Gegenorganisation zum Kartell der erdölexportierenden Länder OPEC (die Sowjetunion hatte und hat auch in dieser IEA nur einen „halbautonomen Sonderstatus in bestimmten Gremien“). Zunächst hielt sich sogar Frankreich abseits, man begriff dort die IEA als „Machine de Guerre“. Weil die Gas- und Erdöl- Branche in den meisten Ländern immer noch Staatsmonopol ist,  dreht sich der Kampf nun auch dort um die Privatisierung. Es geht dabei u.a. um Durchleitungsrechte, Gebietsmonopole, Entflechtung, Veräußerung von Kommunalanteilen etc. An immer mehr städtischen Versorgungsbetrieben sind die Strom-, Öl- und Gaskonzerne beteiligt, zudem fusionieren sie noch laufend untereinander.

Im April 1999 lud die OAO Gazprom – der Welt größte Gaskonzern, das auf Aktienbasis privatisierte ehemalige Energieministerium der UDSSR –  rund 100 Gas- Manager und -Experten ins Berliner Hotel Adlon. In der Erdgas-Förderung und Verwertung (Up-, Mid- und Downstream-Bereich genannt) gab es „früher“ fast weltweit nur nationale Monopole. Im Gegensatz zur Kali-, Stahl- und Elektro-Industrie etwa mußte die Gasindustrie nicht einmal mit den unerlaubten Mitteln des Kartellzusammenschlusses die Marktwirtschaft aushebeln – und etwa die Welt in „producing“ und „non- producing – consuming – countries“ aufteilen. Stattdessen hatten die Hauptverbraucherländer bzw. Ihre Monopolbetriebe (in der BRD die Ruhrgas AG) „langfristige Verträge“ mit ihren Lieferländern (Holland und der UDSSR z. B.).

Im Zuge der „Reaganomics“ wurde jedoch in England und USA u.a. auch die Gasindustrie „dereguliert“. Die Gas-Versorgung würde dadurch effektiver – und billiger, so lautete zumeist die Begründung. Die beiden Nationen kann man zwar nicht mit den festland-europäischen Ländern vergleichen: England fördert sei eigenes Nordsee-Gas und in den USA gab es auch zuvor schon über 1000 Gasproduzenten. Dennoch beschloß die EU 1998 ebenfalls eine „Richtlinie“ zur Einführung der Marktwirtschaft bei der Gas-Versorgung.

In Deutschland war bereits mit der Auflösung der Sowjetunion ein rudimentärer Markt entstanden. Der damals in Rußland geschaffene Gazprom-Konzern gründete mit der BASF-Tochter Wintershall die Wingas AG sowie zwei Handelshäuser, um fortan ihrem größten deutschen Gasabnehmer, der Ruhrgas AG, Konkurrenz zu machen: 15% Marktanteile wollte man dem Monopolisten abjagen – mit günstigeren Gaspreisen. Für 4,5 Milliarden DM wurden daraufhin erst einmal neue Speicher und Pipelines kreuz und quer durch das wiedervereinigte Deutschland gebaut. Außerdem baute Gazprom mit westlichen Milliardenkrediten auch noch die Yamal-Pipeline von Westsibirien nach Deutschland – durch Polen, das dafür Transitgebühren bekommt. Da die Profite im Gasgeschäft vor allem im Handel liegen (die Produzenten bekommen nur etwa 30%) und außerdem der Gasverbrauch aus Umweltschutzgründen immer mehr zunimmt (z.B. in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen), stieg der Gazprom- Konzern inzwischen auch noch anderswo in den Handel ein: In Rußland selbst zunächst in Verbindung mit einigen konvertierten Rüstungskombinaten in den Gasgeräte-Bau und -Vertrieb (vom Zähler bis zum Herd und dezentralen Datschenheizungen): „Um von Importen unabhängig zu werden“, wie ein russischer Wissenschaftler, eher patriotisch denn marktwirtschaftlich gestimmt, erklärte. Zusammen mit dem armenischen Staat und mithilfe eines türkischen sowie eines italienischen Konzerns baut Gazprom außerdem demnächst die sogenannte „Blue Stream“ durch das Schwarze Meer in die Türkei. Und dann sind noch zwei weitere Pipelines, eine im Joint-Venture mit Finnland nach Schweden, und eine andere durch die Ostsee nach Peenemünde geplant (um Polen herum). Vom Fernen Osten und Sachalin aus expandiert der Konzern überdies auch noch nach Asien – mit einer Art „Gazprom 2“ – sowie Partnern in Südkorea, China und Japan.

In Rußland beträgt das gesamte Pipelinenetzwerk inzwischen 152.000 Kilometer, gesteuert wird es von einem zentralen Dispatcher – im neuen Gazprom-Hauptquartier in Moskau. Der Konzern beschäftigt  350.000 Mitarbeiter, er übernahm komplette staatliche Forschungseinrichtungen, will sich jedoch demnächst sozialverträglich „verschlanken“. 125 Milliarden Kubikmeter werden insgesamt jährlich von der Gazprom exportiert. Westeuropa deckt seinen Gasbedarf inzwischen hauptsächlich in Algerien und Rußland. Wobei Deutschland bei der Gazprom- Außenhandelstochter ZGG an erster Abnehmer-Stelle steht. Die derzeitige Haupt-Pipeline (bestehend aus 19 Leitungen) führt von Westsibirien durch die Ukraine und die Tschechoslowakei nach Ostdeutschland.

Wegen des von der USA im „Kalten Krieg“ verhängten Röhrenembargos hatten seinerzeit die sozialistischen Bruderländer diese Leitung inklusive Verdichterstationen und unterirdische Speicher mitgebaut. Die DDR ließ sich dieses „FDJ-Zentralobjekt“ einige Milliarden Mark kosten. Seine Fertigstellung fiel mit der Auflösung der DDR nahezu ineins, die letzten Bauarbeiten – im Ural und in der Ukraine – wurden unter der Regie der Bundesregierung zu Ende gebracht. Die heute dem Land Bayern gehörende DDR-Baufirma lud mich vor einigen Jahren zu einer Baustellen-Besichtigungstour in den Ural ein, wo sie zuletzt quasi nebenbei noch Siedlungen für die aus Deutschland abgezogene Rote Armee errichtete. Mein Bericht darüber erschien 1997 unter dem Titel „Berliner Ökonomie“.

Die Ukraine stellt  heute für die Gas-Konzerne primär ein „Transit-Problem“ dar, weil dort wiederholt illegal Gas abgezapft wurde. Ein Manager des italienischen ENI-Konzerns meinte auf dem Gas-Kongreß, in Zukunft würde „Sabotage“ sogar zu einem „Schlüsselwort“ werden. Die algerische Leitung läßt man gedankenloserweise bereits von zu Sicherheitsspezialisten konvertierten Fremdenlegionären bewachen.

Die „Security of Supply“ – das war dann auch das Hauptthema auf der Konferenz. Dabei wurde jedoch kaum über die politische Instabilität der Lieferländer diskutiert, auch nicht über die zahlreichen Versuche, den russischen Giganten Gazprom zu zerschlagen. Und nur einmal kam man kurz auf die marktgesetzgeberischen West-Initiativen zu sprechen, mit denen den abtrünnigen Gas-Republiken Kasachstan und Turkmenistan, das seit 1997 eine Pipeline in den Iran und damit an den Persischen Golf besitzt, Durchleitungsrechte für die Gazprom-Leitungen durch Rußland quasi erzwungen werden sollten.

Genau solche Rechte hatte sich die Wintershall gegenüber der Ruhrgas AG zunächst erstreiten müssen: Es macht keinen Sinn, zu jedem Industriekunden eine weitere Pipeline zu verlegen. Zum Präzedenzfall wurde das von der BASF übernommene DDR-Chemiekombinat Schwarzheide, daß die Wintershall AG über das ostdeutsche Leitungsnetz der „Verbundnetz Gas“ (VNG) mit eigenem Gas beliefern wollte. Wintershall besitzt 16% Anteile an der VNG.  Deren Quasi-Mehrheitsgesellschafter, die Ruhrgas AG, verweigerte jedoch den Transport des Gases durch das VNG-Netz – indem sie dafür laut BASF „Freudenhausgebühren“ verlangten. Überhaupt gaben sich anfänglich die Kontrahenten – Ruhrgas und Wingas – äußerst kämpferisch: „Wer uns herausfordert, sollte wissen, daß wir unsere Position bis zum letzten Blutstropfen verteidigen werden“, sagten die einen und die anderen konterten: „Wir werden bis zu den Knien durch Blut waten müssen. Aber unser Blut wird es nicht sein“. Im Boxsport nennt man so etwas eine „Sensationspaarung“. Es sei daran erinnert, daß auch das Wort „Kartell“ aus dem Duellwesen stammt.

Für die Ruhrgas AG, 1926 aus dem „Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat“ hervorgegangen, war es bereits der dritte „Gaskrieg“. Der erste begann, als die „Essener“ verlauten ließen, daß sie nun – im Preiskampf gegen die regionalen Gaswerke – das gesamte Reichsgebiet mit dem Abfallprodukt Gas – aus ihren Kokereien und Hütten – beliefern wollten. Viele Städte mochten jedoch ihre Versorgung nicht einem Privatunternehmen anvertrauen. Der Durchbruch kam erst mit dem „Verräter“ Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln. 1962 war die Ruhrgas AG Monopolist bei der Produktion und Versorgung der Städte und Industrien mit Kokereigas. Da entdeckten Exxon und Shell in Holland ein riesiges Erdgasfeld – und die „Essener“ gerieten plötzlich selbst „in die Rolle eines vom Markt verdrängten Opfers“, wie der Firmenchronist Günter Karweina 1993 schrieb.

Der zweite Gaskrieg ging um den Erhalt wenigstens des „Liefermonopols“: „Vier Jahre blockt die Ruhrgas alle Ansätze der Öl- und Gasmultis zum Bau eigener Leitungen ab“, gleichzeitig wird das bundesdeutsche Gasnetz zu einer „Drehscheibe der europäischen Versorgung“ ausgebaut. Demarkations- und Konzessionsverträge mit kleineren inländischen Ferngasgesellschaften sowie den regionalen bzw. kommunalen Verteilern sorgen dafür, daß sich niemand preiszerstörerisch ins Gehege kommt.

Den dritten „Gaskrieg“ zettelte dann die BASF an: Weil ihr das von der Ruhrgas AG gelieferte Gas zu teuer wurde, wollten sie sich 1989 über eine eigene Pipeline von Ludwigshafen bis nach Emden mit billigem norwegischen Erdgas versorgen. Aus „Loyalität zur Ruhrgas AG“ weigerten sich die Norweger jedoch, dem Chemiekonzern Gas zu verkaufen. Noch 1996 schimpfte der Wintershall-Vorstandsvorsitzende Detharding während einer „Ölmesse“ in Oslo öffentlich: „Wenn die Ölgesellschaft sich derart vom deutschen Gasgiganten Ruhrgas ausnutzen läßt, sind Statoil und norwegisches Erdgas die Verlierer“.

Als die BASF verkündete, sie werde zukünftig zusammen mit dem Gazprom-Konzern russisches Export-Gas vermarkten, waren die „Essener“ über diese Nachricht zunächst derart schockiert gewesen, daß sie der BASF noch am selben Tag die Gaslieferungen um 40% kürzten. Das zuständige Landgericht untersagte ihnen dann jedoch jegliche Lieferkürzung: „Ein krasses Beispiel dafür, wozu eine Monopolstellung verführen kann,“ kommentierte hernach ein BASF-Sprecher.

Ende 1996 meinte der Herausgeber eines Gas-Branchendienstes jedoch bereits – auf einer in Berlin tagenden Konferenz der Internationalen Energie-Agentur (IEA-Paris): „In einigen Jahren werden die beiden Kontrahenten bestimmt wieder friedlich an einem Tisch sitzen – und Geschäfte miteinander machen“. Inzwischen exportierte auch England – über seine neue Pipeline „Interconnector“ – Gas aufs Festland. Und die Gas-Richtlinie der EU sowie die deutsche Energierechtsreform befanden sich in Vorbereitung. Als „schlichtweg unrichtig“ bezeichnete der Wintershall-Chef 1998 „in diesem Zusammenhang die Behauptung“, daß im Falle einer Durchleitungsmöglichkeit ein Übergewicht der Erdgasproduzenten gegenüber den Abnehmerländern entstünde. „Das Gegenteil ist richtig. In dem Moment, in dem es nicht mehr notwendig ist, ausschließlich eigene neue Erdgasleitungen zu bauen, werden allein in Europa über ein Dutzend weitere kleinerer Erdgasproduzenten am Markt teilnehmen können – und so für zusätzlichen Wettbewerb sorgen. Großen Gasverbrauchern, insbesondere den Stadtwerken, eröffnet sich somit die Chance, sich ihre eigenen Erdgasproduzenten zu suchen. Ohne Durchleitungsrecht könnten solche Produzenten die Stadtwerke nicht beliefern“.

Neben argumentativen Abwehrschlachten akquirierte die Ruhrgas AG aber auch noch massiv – und kaufte sich z.B. in etliche inländische sowie osteuropäische Stadtwerke ein. „Wenn Verkäufer und Einkäufer von Gas identisch sind, dürfte klar sein, daß ein neuer Anbieter keine faire Chance erhält und die Verbraucher weiterhin mit zu hohen Gaspreisen leben müssen“, erboste man sich bei der Wintershall AG – erwarb daraufhin aber selbst Anteile an zwei Gasversorgungsunternehmen – in Tschechien. Zuvor hatte die Wintershall sich bereits in Rumänien engagiert.

Im April 1999 unterzeichnete die Konzernmutter BASF mit der Gazprom überdies einen weitreichenden Vertrag zur strategischen Zusammenarbeit – für „mehrere Milliarden Dollar“ – u.a. um eine Off-Shore-Lagerstätte bei Archangelsk gemeinsam auszubeuten. Damit war die Wintershall AG auch in die Produktion eingestiegen. Im Zuge einer „Realteilung“ der „Deutschen Erdölversorgungsgesellschaft: Deminex“, an der die Wintershall mit 18,5% beteiligt war, hatte man ihr bereits laufende Aktivitäten bei Wolgograd und in Aserbaidschan übertragen. Hinzu kamen jüngst noch erhebliche Investitionen in Argentinien.

In den letzten Jahren ist der Gaspreis rapide gefallen – aber nicht wegen der Liberalisierung und Privatisierung, sagen die Gas-Kaufleute, sondern zusammen mit dem Erdöl-Preis, an den er noch immer gekoppelt ist – was bedauert wird. Um so mehr als sich Europa langsam auch für Flüssiggas-Tanker aus Nigeria, Abu Dhabi, Katar und Oman „rechnen“ könnte. Über die Pipelines kommt das Gas aus Rußland, Algerien, Norwegen, England und Holland, dessen „Gasunie“ immer noch das größte europäische Versorgungsunternehmen ist. Die „British Gas“ wurde mittlerweile aufgeteilt. Obwohl auch Vertreter aus diesen Ländern auf der Konferenz anwesend waren, ging es doch nicht um die Bildung eines Gaskartells – in Analogie zur OPEC etwa, dem Kartell der erdölexportierenden Länder, gegen das die erdölverbrauchenden Industrieländer – während der 2. Ölkrise – die „Kriegsmaschine“ IEA ins Leben riefen. Heute soll es im Gegenteil um marktwirtschaftliche Überwindung aller Kartellisierungen gehen. Selbst der IEA-Vertreter auf dem Kongreß sprach sich dafür aus: „Inzwischen arbeiten wir sogar mit der OPEC zusammen“. Ein einst am Aluminium-Kartell beteiligter Manager war denn auch sehr erstaunt, wie die ganzen „Gegner“ im Hotel Adlon teilweise heftig ihre „Partner“-Probleme am „Runden Tisch“ diskutierten: „Das wäre in unserer Branche ganz undenkbar“ meinte er.

Ein Gazprom-Direktor behauptete gar, er hätte nicht einmal etwas gegen eine Konkurrenz in Rußland. Sie würden selbst laufend Betriebe dort ausgründen, aber in Nordsibirien beispielsweise hätten sie einfach keine Leute für solche Unternehmungen gefunden, deswegen müßten sie dort immer noch alles selber machen: „Jedes Land muß seinen eigenen Weg finden, man kann nicht auf Teufel komm raus einfach alles privatisieren, die Karten neu verteilen – so wie in unserer Ölindustrie etwa. Am Ende sind dann die Karten alle weg, und die Spieler auch“.

Ähnlich hatte hier die Treuhand bereits Ostdeutschland privatisiert, ein großer Teil ihrer Manager machte dann – über die TOB (Treuhand-Osteuropaberatung“) – in Rußland weiter.

Auch damit, daß jetzt statt langfristiger immer mehr kurzfristige Lieferverträge abgeschlossen werden, wollen sich die Gazprom- Kader nicht abfinden. Alles entwickelt sich jedoch dahin, daß es auch für das Gas wie beim Öl einen regelrechten „Spotmarkt“ geben wird. Bis jetzt ist trotz des Versprechens, mit zunehmender Marktwirtschaft wird alles billiger, das nordamerikanische Gas immer noch doppelt so billig wie das deutsche. Und auch in England ist das Gas für den Endverbraucher deutlich günstiger als hier, was dort mit dem „Überangebot“ erklärt wird, das auf die Gaspreise drücke.

Obwohl es für die hiesigen Hausbesitzer oftmals noch billiger ist, sich mit Heizöl statt Ferngas zu versorgen, hofft Gazprom, daß die Gaspreise bald wieder steigen werden, denn – so die Argumentation: Um den zunehmenden Bedarf sichern zu können, bedarf es der Erschließung neuer Gasfelder in Sibirien, aber die Investitionen dafür werden immer aufwendiger und teurer. Außerdem bekäme man für kurzfristige Lieferverträge nur schlecht Kredite. Wiederholt hätte Gazprom bereits als eine „Pseudobank“ agieren müssen – und Kredite aufgenommen, die in die eigene Bilanz übernommen wurden. Der Vorstandsvorsitzende der Wintershall AG, Detharding, nannte als Finanzbedarf: „In den nächsten Jahren bis 2010 weitere 50 Milliarden Dollar“. Derzeit verbrauche Osteuropa jährlich 85 Milliarden Kubikmeter und Westeuropa 400 Milliarden, was sich auf 580 Milliarden erhöhen wird. Das Gas über große Entfernungen zu liefern, ist zwar effizienter als Strom zu transportieren, aber dies könnte sich bald ändern. Bis zum Jahr 2007 ist in einigen EU-Ländern geplant, daß auch die Privathaushalte sich ihre Gaslieferanten aussuchen können. Bisher gilt die Marktwirtschaft nur für größere Industriebetriebe. Wenn erst die erstrittenen Durchleitungsrechte voll greifen, wird es auch ein neues „Preissystem“ geben. Außerdem wird es, für Kraftwerke etwa, noch eine zweite „Preisschiene“ geben – um ihrem möglichen Preisdiktat vorzubeugen.

Die ganze Branche formiert sich um, nicht nur im Osten. Der Gaz de France-Vorständler Deyirmendjian gestand: „Selbst in unseren wildesten Träumen haben wir uns eine derartige Veränderung nicht vorstellen können“. Zudem befindet sich auch noch das ganze gesetzliche Regelwerk in Bewegung und die einzelnen Länder gehen nicht einheitlich vor bzw. versuchen, die Fehler der anderen zu vermeiden. Dazu schickten die Hamburger Gaswerke z.B. extra eine attraktive Ingenieurin zum Ausspionieren der Privatisierungsfolgen bei „British Gas“ auf die Insel. U.a. kam sie dort zu der beruhigenden Erkenntnis: „British Gas Business Gas hat gelernt, daß es gefährlich und auch nicht notwendig ist, den fallenden Gaspreisen blind zu folgen. Kunden legen sehr viel Wert auf technische Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit“.

Während in Deutschland mit der Gazprom-Gründung Wingas der Gastransport-Wettbewerb begann, gibt es in England und Holland immer noch Transport-Monopole. Überhaupt wird es bei nur fünf Erdgas-Produzenten nie eine „richtige Marktwirtschaft“ in Europa geben – da waren sich viele Konferenzteilnehmer einig. Desungeachtet beziehen auch die Ostblockländer zunehmend Gas aus Norwegen, um nicht vollkommen von Gazprom abhängig zu sein, wobei dort umgekehrt wiederum die deutschen Konzerne – Ruhrgas, Wingas, VNG, RWE und die Bayernwerke – bei der Privatisierung der Infrastruktur heftig zulangen. In Budapest versuchte die Ruhrgas AG bereits die Regierung unter Druck zu setzen, damit sie die wegen der zunehmenden Armut festgesetzten Niedrig-Gaspreise endlich freigebe: so könne man nicht profitabel arbeiten. An der Wingas AG ist wie erwähnt der Gazprom-Konzern wesentlich beteiligt, an dem widerum die Ruhrgas AG 1998 2,5% Anteile erwarb – und demnächst weitere 1,5%. Die Ukraine gehört gasversorgungsmäßig quasi immer noch zu Rußland – sie tauchte jedenfalls in keiner Schau-Statistik des Kongresses gesondert auf.

Ein Sprecher von Thyssen-Gas machte auf den Widerspruch aufmerksam, daß man einerseits für bedarfssichernde Investitionen höhere Gaspreise verlange, andererseits aber gerade mit dem Auftritt von Wingas auf dem Markt den Gas-Preis gedrückt habe. Vielleicht war er da der Liberalismus- Propaganda aufgesessen. Für den Gazprom-Sprecher, Rezunenko, lag es jedenfalls eher an den „spezifischen Eigenschaften der Ware Gas“, das es in den letzten Jahren zu einem „Preisverfall trotz gestiegener Nachfrage“ kam. Auch der Wintershall-Vorstandsvorsitzende Detharding bestritt, daß seine Firma das bewirkt hätte, daran seien vielmehr – ganz allgemein – die „Marktgesetze“ schuld. Unbestritten gibt es derzeit eine Überproduktion! Aber warum will man dann weitere Großprojekte in Angriff nehmen? Und warum sieht man dabei die Gefahr einer Nichtfinanzierbarkeit bei immer kurzfristigeren Verträgen, wenn es doch stets hieß: Gerade die Liberalisierung werde das Geld anziehen?

„Denken wir kurzfristiger!“ rieten gleich mehrere Wingas-Kader – denn der Preis sei nun mal das „Schlüsselelement“ (bei der ganzen Geschichte). Und „der Preis wird immer durch die Nachfrage gerechtfertigt!“ Im übrigen könne es doch nicht darum gehen, jegliches Unternehmerrisiko zu vermeiden, vielmehr gelte es, vor allem „wettbewerbsfähig“ zu bleiben bzw. zu werden. Auch und gerade, wenn, wie ein Ruhrgas-Manager unkte, das Gas aus dem Iran, aus Turkmenistan und Kasachstan – mit Dumping-Preisen wohlmöglich noch – bald auch den Weg zu den hiesigen Märkten findet.

Der EU-Sprecher Burgos kam noch einmal auf die politischen Ziele, die mit der Gas-Richtlinie der EU verfolgt wurden, zurück: Es sollte damit ein (europäischer) Binnenmarkt geschaffen werden, wobei die Globalisierung ein „Instrument zum Agieren“ auf diesem neuen Markt sei. Womit er die „globale Wettbewerbsfähigkeit“ der Gaskonzerne meinte, denn diese garantiere letztendlich die „Lieferungssicherheit“ – auch in Zukunft. An der EU sei es nun, die politische Stabilisierung der Förderländer weiter zu fördern sowie multilaterale Transitabkommen zu erleichtern. Und was den Gaspreis anbetrifft, so wisse man doch: „Dabei geht es wie bei allen Preisen zyklisch zu“ – also demnächst bestimmt auch wieder aufwärts! Ansonsten brauche der Gasunternehmer – laut Detharding – „nur drei Dinge“, um auch langfristig erfolgreich zu sein: „Gas, Pipeline und Kunden“.

Ein Sprecher von ELF Aquitaine/ Minol brachte die Situation auf die – sogleich auch von anderen aufgegriffene – Formel: „Der Geist ist aus der Flasche!“ – Und nun müsse man eben lernen, damit umzugehen. Sein Konzern z.B. habe sich vor allem auf den Upstream- Bereich (in der Nordsee) konzentriert, „aber nun wollen wir auch im Mid- und im Downstream-Bereich mitmischen“.  DerWintershall-Chef  Detharding verlangte: „Wir müssen das Denken ändern, um mit der Liberalisierung fertig zu werden“. Robert Priddle, von der Internationalen Energieagentur, ergänzte: „In der Vergangenheit gab es bequeme Interessens-Identitäten“. Nun häufen sich zwar die „Unsicherheiten“, aber ein „offener Markt muß nicht zwangsläufig zum Nachteil der Lieferanten sein“. In England habe man seinerzeit aus dem staatlichen zunächst ein privates Monopol gemacht, das sei jedoch keine gute Idee gewesen, „weil die Privaten noch viel rigoroser sind: Wir müssen Wettbewerb schaffen. Der Besitz ist nicht so wichtig wie der Wettbewerb“.

Und dabei werden Partner und Gegner im Endeffekt identisch – ein französischer Öl-Manager erinnerte daran: „Früher hat jede Company ihre eigenen Terminals gehabt“ – jetzt kooperiere man bei der Logistik zunehmend sogar mit der Konkurrenz. So könne man flexibler auf steigende Kapazitäten reagieren.

Abschließend erinnerte der Gazprom-Konferenz-Organisator Müller-Elschner (von Wintershall) noch einmal seine Kollegen und Konkurrenten daran: „Wir haben einen bequemen Markt – mit breiten Perspektiven. Die Firmen haben in der Vergangenheit viel Geld verdient. Und werden das wohl auch in Zukunft tun. Wir haben ein gutes Produkt – mit geringen C02-Emissionen“…

Das letzte Wort hatten die Gazprom-Kader. Einer präzisierte die ökologische Perspektive: „Das Gas ist nach dem Wasser der umweltschonendste Energieträger. Der Umweltschutz wird sich zwangsläufig auf den Erdölpreis niederschlagen, bzw. den Gasabsatz verbessern, zumal in Deutschland, wenn man dort aus der Atomenergie aussteigt“. Dadurch würde auch der Rückfluß der Investitionskosten gesichert sein. Ein anderer hub zunächst aus der Tiefe des sowjetischen Politjargons an: „Wir haben eine große historische Aufgabe am Ende des 20. Jahrhunderts zu erfüllen“ – endete aber dann – mit dem Seufzer: „Gott hat es so gefügt – zu unserem Glück oder Leid, daß das Gas in Europa gebraucht wird, aber sich in Sibirien befindet“.

Der Vorläufer der Pariser IEA, die Energiekrisenmanagement-Organisation der führenden Industriestaaten – das war oder ist das Elektrokartell IEA in Pully, aber die Vordenker beider sind ebenfalls in einem IEA organisiert: Im Londoner „Institute of Economic Affairs“, das 1955 vom Kampfflieger und Hühnerzüchter Antony Fisher gegründet wurde. 1991 gehörten dazu bereits 87 weitere Institute, davon 31 in Lateinamerika: „Nach 1989 fielen ihre Adepten in die ehemals sozialistischen Länder ein,“ so Georg Fülberth in seiner Rezension eines Buches von Richard Cockett über das Londoner IEA und die von ihm ausgehende „ökonomische Konterrevolution“. Diese begann laut Fülberth bereits mit der „Mont-Pelerin-Gesellschaft“, zu der sich ab 1947 die führenden liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker Friedrich August Hayek, Milton Friedman und Sir Karl Popper sowie die beiden Mitarbeiter des deutschen Wirtschaftsministers Ludwig Erhard, Röpke und Eucken, regelmäßig zusammenfanden. Heute ist das IEA Think-Tank der „Wirtschaftsliberalen“ weltweit.

Deren Entstaatlichungsidee wird sich irgendwann erschöpft haben, aber was ist bis dahin mit dem geplanten Verschleiß (gV)? Ich bin nur scheinbar weit von meinem Thema abgetrieben. Bei der Glühbirne liegt die Sollbruchstelle konkret zumeist in der Wolfram-Wendel: Durch die Hitze verdampft das Metall und schlägt sich an der Glasinnenwand nieder. Irgendwann ist der Glühdraht so dünn, daß er bei der nächstbesten Erschütterung an einer Stelle bricht – und dann ist die Lampe kaputt. Eine Politik, die die „Globalisierung“ nicht bekämpft, beschleunigt logischerweise diesen Prozeß – wennmöglich „klammheimlich“. Binningers Patent bestand darin, die Hitzeentwicklung dreifach abzubremsen: Durch eine verbesserte Wendelgeometrie, durch eine Edelgasfüllung des Glaskolbens und durch eine Diode im Sockel, die – kurz gesagt – so ähnlich wirkt wie ein „Dimmer“. Bewag-Tests ergaben: Die Binninger-Birne war tendenziell „unsterblich“.

Sie überlebte einzig in einem Spielfilm: „Binningers Birne“, den der Regisseur Andrew Hood 1998 drehte. Andrew Hood kam einst auf Empfehlungen von Erich Fried nach Berlin. Hier befindet sich jetzt nur noch eine Glühbirnenfabrik von Osram – in Spandau. Sie beschäftigt fast nur noch ehemalige Narva-Arbeiter: „Früher wurden von zehn offenen Stellen neun durch Türken besetzt, jetzt ist es nur noch einer, die anderen neun sind meist Ostberliner, die sind besser qualifiziert,“ erzählte mir der Betriebsrat. Wahrscheinlich werden die Ostler bei Osram aber auch nicht alt: Immer häufiger müssen sie sich von der Geschäftsleitung sagen lassen, daß die Berliner Produktion der reinste Luxus sei, eigentlich dürfte man die Glühbirnen nur noch in Billiglohnländern produzieren. Daneben versuchen Siemens und Philips ihre eigenen Glühlampen durch die sogenannten Energiesparlampen zu verdrängen, die zu einem Teil bereits in China hergestellt werden. Fast parallel zu dieser Veränderung der Lichtproduktion reüssiert die Glühbirne jedoch noch einmal als große Metapher im Marketing – von x-beliebigen Produkten. Das Spektrum reicht von Medikamenten gegen Alzheimer über neue Computer bis zu ganz gewöhnlichen Stellenangeboten und Immobilien: alles wird mit Glühbirnen beworben. Das zeigt, das die Bedeutung der Glühbirne, die der Osram-Wissenschaftler Fürst einmal als „vollkommenstes“ Produkt pries, noch nicht ausgeschöpft ist. Das semiotische Black-Out, das damit derzeit angestrebt wird, verursacht jedoch langsam aber sicher schlechte Laune.

Friedrich Engels schrieb 1883 an Eduard Bernstein: „In der Tat ist die Sache enorm revolutionär. Die Dampfmaschine lehrte uns Wärme in mechanische Bewegung zu verwandeln, in der Ausnutzung der Elektrizität aber wird uns der Weg eröffnet, alle Formen der Energie: Wärme, mechanische Bewegung, Elektrizität, Magnetismus, Licht, eine in die andere und wieder zurück zu verwandeln und industriell auszunutzen. Der Kreis ist geschlossen. Und Deprez‘ neueste Entdeckung, daß elektrische Ströme von sehr hoher Spannung mit verhältnismäßig geringem Kraftverlust durch einen einfachen Telegraphendraht auf bisher ungeträumte Entfernungen fortgepflanzt und am Endpunkt verwandt werden können, befreit die Industrie definitiv von fast allen Lokalschranken, macht die Verwendung auch der abgelegensten Wasserkräfte möglich, und wenn sie auch am Anfang den Städten zugute kommen wird, muß sie schließlich der mächtigste Hebel werden zur Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land. Daß aber damit auch die Produktivkräfte eine Ausdehnung bekommen, bei der sie der Leitung der Bourgeoisie mit gesteigerter Geschwindigkeit entwachsen, liegt auf der Hand.“

Es kam anders. Ein weiser Wachmann im Gebäude der Treuhand-Anstalt am Berliner Alexanderplatz antwortete mir 1992 auf meine Frage, wo es denn zu Siemens und zur Deutschen Bank und wo zur Treuhand-Anstalt gehe: „Is doch allet eens hier!“

Interview mit Erich Fried über sein Glühbirnenpaten und seine Elektrokartellkritik:

taz: Erich, ein Glühbirnenerfinder zu sein, das ist schon was! Wobei uns natürlich bekannt ist, dass der eigentliche Erfinder der Glühbirne Heinrich Goebel war. Aber er ist gescheitert – als Revolutionär und Erfinder. Immerhin ehrte ihn die Stadt Springe 1954 zum hundertsten Gedenktag seiner Erfindung mit dem Festspiel „Mister Flaschenlicht'“ von Karl Waentig. Dein Leben ist ja bisher wohl genau andersherum verlaufen: Als du sechs Jahre alt warst, entdeckte dich der Wiener Regisseur Wachsmann und ließ dich in einer Raimund-lnszenierung mitspielen, „Verschwender“ hieß das Stück. Nach kurzer Zeit warst du der Star der Truppe, und Mutter und Großmutter waren hoch erfreut. Sie ließen dich deine Zeitungskritiken auswendig lernen. Wann begannen deine Glühbirnenexperimente?

Erich Fried: Wie ich 16 Jahre alt war, kam ich in Kontakt mit einer kleinen Wiener Glühbirnenfabrik, „Orbis“, die außerhalb des Glühbirnenkartells stand. Und die kriegten einen Spezialauftrag, Glühbirnen nach Frankreich zu liefern, die sockelfest sein mussten. Im Gegensatz zu den bisherigen: absolut sockelfest. Es handelte sich dabei um Glühbirnen mit zwei Glühdrähten, die hintereinander brennen sollten. Für Ausstellungen, in Bergwerken und allgemein für Gelegenheiten, wo Glühbirnen schwer auswechselbar waren.

Also, wenn ein Glühdraht durchbrennt, funktioniert immer noch der andere?

Ja, die haben zwar eine etwas geringere Lichtausbeute, weil sich die Birne von innen ein bisschen mit Metallspiegel beschlägt, aber für bestimmte Verwendungszwecke waren die sehr brauchbar. Nur dass die eben auch sockelfester als die gewöhnlichen sein mussten, weil sie für schwer auswechselbare Stellen gedacht waren, wo man meistens nur mit einem Greifgerät herankam. Das einzige Patent, das es bis dahin auf dem Gebiet gab, hatte das Glühbirnenkartell. Es funktionierte in etwa folgendermaßen: Die Glühbirne wurde während ihrer Erzeugung am so genannten Teller, das ist die abgeschrägte Glasfläche, die in die Fassung führt, noch einmal erwärmt und an vier Kanten eingequetscht. Dadurch wurde der Kitt zwischen Fassung und Glas, der aufgrund seiner Kohärenz die Birne in dem Metall drehungsfest macht, noch fester zusammengedrückt, in vier Sektoren. Dies war aber an sich auch kein besonders geschicktes Verfahren, weil das Glas an der Stelle zwischen Glasballon und innerem Entlüftungsrohr, also am Teller, besonders dick ist, so dass nach der Einschmelzung dort große Molekularspannungen auftreten, was zur Folge hatte, dass schon bei der Herstellung sieben Prozent kaputt gingen. Und sieben Prozent von fast fertigen Glühbirnen, die nur noch einmal an vier Stellen am Teller eingequetscht werden mussten, das ist zu viel. Heute wäre meine Erfindung aus Fabrikationsgründen lächerlich, aber damals wurden die Glühbirnen noch mit Flusssäuresalzen von innen rauhmattiert, und infolgedessen hatte man die Maschinen und Vorrichtungen und die Stempel für dieses Rauhätzungsverfahren. Und meine Erfindung bestand aus nichts anderem, als dass ich vorschlug: Ätzt doch den Teller von außen rauh! Damit nämlich der Sockelkitt besser haftet, und probiert mal aus, ob das nicht schon langt.

Dann hast du ja den ganzen Herstellungsprozess bei der Orbis-Glühbirnenfabrik kennen müssen, als Schüler schon, wenn du solch einen Vorschlag machen konntest.

Ja, ich hatte zuvor schon mal eine Idee gehabt – für klebbare Blitzlichtbirnen, die waren damals, 1937, noch ganz neu. Und sie waren fast so groß wie Glühbirnen. Mussten aber natürlich kein feines Vakuum haben.

Weil sie nur einmal brennen mussten.

Ja, also ich hatte bei der Herstellung dieser Blitzlichtbirnen einen Verbesserungsvorschlag gemacht, und die hatten gemeint, das kann nicht funktionieren, worauf ich gesagt hatte, probiert es doch aus – und es klappte. Und seitdem imponierte ich dem Ingenieur dort: „Sie haben doch immer solche Ideen! Wir haben da einen Auftrag, den wir nicht annehmen können, weil wir kein Verfahren haben, die Birnen sockelfest zu machen?“ Ich hatte schon einiges über chemische Technologie gelesen, das interessierte mich, und also schlug ich zur Verbesserung der Haftung diese Rauhätzung vor. Da wurde dann auch gleich das Patent dafür angemeldet, und ich bekam einen Vertrag und hätte viel Geld verdient und meine ganze Familie aus ihrer finanziellen Misere gerissen, aber dann gab es in Frankreich einen großen Finanzskandal, die so genannte Stavisky-Affäre, infolgedessen wurde der Franc abgewertet, und das Glühbirnengeschäft fiel ins Wasser. Mein Vater sagte: „Ich habe immer gewusst, diese Erfindungen waren ein Unsinn.“

Von meiner Glühbirnenerfindung habe ich dann nur noch einmal gehört. Ich bekam einen Brief von Osram, der Chefingenieur Herr Geiger wünschte mich zu sprechen: Er war klein, drahtig, grauhaarig, trug Parteiabzeichen – das durften Deutsche damals in Österreich schon tragen – und sagte: „Sie sind Herr Fried. Gestatten Sie, dass ich erst mal fünf Minuten lache.“ (Weil ich noch ein Kind war!) Und dann sagte er: „Junger Mann, wenn Sie schon so intelligent sind, so etwas zu erfinden, wieso sind Sie dann nicht intelligent genug zu wissen, wo man das anbieten muss? Wir hätten das schon allein deswegen aufgekauft, damit es uns Ärger erspart.“ Und ich sagte: „Grad deswegen habe ich es Ihnen nicht angeboten.“

Gehörte denn außer „International GE“, „Associated Electrical Industries“ und der „General Electric Company“ auch „Osram“ damals zum Glühbirnenkartell?

Ja, natürlich, auch „Helix“ und viele andere. Als die Nazis kamen, wurde der Besitzer der Orbis-Glühbirnenfabrik sofort verhaftet. Man ließ ihn erst wieder frei, nachdem er seine Firma für einen Pappenstiel an das Kartell verkauft hatte. So gut klappte die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Politik. Damals war Osram maßgebend im Kartell – es stand unter deutscher Hegemonie. Überhaupt war die Kartellpolitik damals sehr merkwürdig: Beispielsweise kämpfte es gegen schon bestehende Herstellungsverfahren bei kleineren Firmen, indem es Patentprozesse anstrengte, von denen es wusste, dass sie nicht zu gewinnen waren. Aber es konnte diese Prozesse von der Einkommensteuer her bezahlen, jahrelang, und damit die betroffenen Firmen lähmen oder sogar ruinieren. In diesem Zusammenhang bekam ich von Orbis mal schöne neue Glühbirnen mit Reflektor (nicht wie heute unten, sondern oben, am Teller), und mit diesen Glühbirnen sollte ich in die Vorstädte gehen. Dort gab es Läden mit alten Glühbirnen, die längst ausgebrannt waren, die lagen in den Schaufenstern zur Auslage. Die Wirtschaftslage war damals so, dass die sich neue zur Dekoration nicht leisten konnten, also lagen da noch teilweise zehn Jahre alte kaputte Glühbirnen herum. Ich konnte von draußen erkennen, welche Jahrgänge das waren – an der Verspannung innen beispielsweise -, und dann gab es auch noch ganz alte, die unten eine Entlüftungsspitze hatten.

Um diese Birnen ging es: Die waren hergestellt worden nach dem Verfahren, für das das Kartell Rechte beanspruchte, sie waren aber tatsächlich schon vor deren Patent hergestellt worden, so dass mit dem Vorlegen dieser Birnen, die alle eine eingeprägte Jahreszahl am Sockel besaßen, der Prozess gegen das Kartell sehr schnell gewonnen wurde. Das Beweismaterial hatte ich in diesen Vorstadtläden bekommen, indem ich die alten kaputten Birnen gegen die neuen mit Reflektor eintauschte. Man konnte dazu keine alten Birnen aus dem Firmenarchiv von Orbis nehmen, weil die ja auch hätten gefälscht sein können. Ein beliebter Kartelltrick war daneben das Sperrpatent auf Herstellungsverfahren, die real noch gar nicht durchgeführt werden konnten. Beispielsweise das Zusammenkleben einer Glühbirne, statt sie wie üblich zusammenzuschmelzen. Das konnte man damals noch nicht machen, weil es keinen Klebstoff gab, der dicht genug war, um bei einer Erhöhung der Temperatur auf 400 Grad Celsius keine Dämpfe abzugeben. Auf 400 Grad Celsius musste man aber die Glühbirne erhitzen, weil erst bei dieser Temperatur die letzten Sauerstoffreste, die an der Innenseite des Glasballons haften, verschwinden – entweder durch Entlüftung oder durch Phosphor, das in der Lampe innen aufgespritzt wird und dann den Sauerstoff bindet. Phosphor hat man deswegen genommen, weil es eine größere Valenz hat für das Oxygen als die Wolfram- oder Tungsram-Füllung. Man nennt diese Stoffe, die zur Herstellung eines Feinvakuums zusätzlich zum Auspumpen verwendet werden, „Getter“ – they get the oxygen. Diese Phosphorverbindungen also, das waren die Getter bei der Glühbirnenherstellung, und die funktionierten eben nur bei 400 Grad. Und deswegen musste man die Birnen zusammenschmelzen und konnte sie nicht kleben. Da aber theoretisch die Möglichkeit bestand, dass irgendwann mal ein solcher hitzebeständiger Klebstoff erfunden wurde, wurden einstweilen schon mal Patente fürs Kleben vom Kartell angemeldet, die aber eigentlich gar keine richtigen Patente waren, weil sie sich auf noch nicht realisierbare Verfahren bezogen. Das heißt, man konnte solche geklebten Glühbirnen herstellen, aber sie hielten nur 100 Stunden statt 1.000.

Gibt es eigentlich eine „unsterbliche Glühbirne“? Thomas Pynchon erwähnt sie in seinem Roman „Die Enden der Parabel“, und meine Eltern haben mir versichert, dass solch eine mal auf der Stockholmer Weltausstellung gezeigt wurde.

Nein, man hat immer wieder davon geredet, und es ist auch ganz leicht, eine solche Glühbirne herzustellen, aber die Lichtausbeute ist gering: Der Glühdraht hält zwar viel länger, wenn er weniger heiß gemacht wird, nur wächst die Lichtausbeute mit der fünften Potenz der Temperatursteigerung: Also, es lohnt sich nicht, sie langlebiger zu machen, wenn sie dafür nur halb so viel Licht hergibt.

Was ist in diesem Zusammenhang von den alten Kohlefadenbirnen zu halten?

Die sind weniger ergiebig und haltbar als die Wolframlampen, das Material ist spröder.

Das wundert mich. Die dauerhafteste Glühbirne der Welt ist nämlich eine Kohlefadenbirne, die angeblich seit 1901 schon brennt.

Das ist wohl möglich; wenn sie nicht für den schnellen Verschleiß hergestellt worden ist, mit ganz dickem Kohlefaden, mit niedriger Glühtemperatur, dann hält der natürlich, aber die Birne hat dann keine hohe Lichtausbeute, im Vergleich zur normalen. Eine wirtschaftliche Erfindung ist nicht immer das, was gewollt wird. Das Komische ist, und daran haben damals der Ingenieur bei Orbis und ich immer geglaubt, dass die Sowjetunion da Abhilfe schaffen wird und alle Erfindungen, die in der bürgerlichen Welt nicht hergestellt werden, weil sie den Leuten das Geschäft vermasseln, realisieren werden. Nichts davon ist geschehen. Praktisch das einzige, das wirklich in diese Richtung ging, wurde von Hitler gemacht; das war der Volkswagen. Der wurde zu militärischen Zwecken entworfen und sollte daher nicht den eingebauten Verschleiß haben und ewig rollen. Davon haben die Volkswagenwerke dann nach dem Krieg profitiert – „Er läuft und läuft und läuft!“. Ansonsten ist es eigentlich ein schlechter Wagen, er gerät leicht ins Rutschen, ist wenig unfallsicher usw.

Alfred Sohn-Rethel war vor einigen Jahren in China und hat dort auch eine Glühbirnenfabrik besucht. Die Chinesen sind sehr stolz auf ihre Glühbirnen. Es gibt kaum ein Plakat oder Bild von einer Familie, einer Parteiversammlung, eines Festes, auf dem keine Glühbirne leuchtet, sie ist geradezu ein Symbol des sozialistischen Fortschritts in China.

Ich weiß nicht, ob die chinesischen Glühbirnen besser sind, das müsste man mal untersuchen.

Der obige Artikel sowie auch dieses Interview finden sich in „Das Glühbirnenbuch“, herausgegeben von Markus Krajewski, Peter Berz und Helmut Höge – in der edition selene, Wien.

Kommentare (7)

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  1. Ich würde es SEHR befürworten, wenn EU weit ein Gesetz, daß eine mindeste Lebensdauer, für alle Geräte, zwingend vorschreibt. Sowie zu DDR Zeiten. Ich glaube, nichts von diesem neumodernen Schrott, würde disen Test auch nur annähernd bestehen. Mein 44Jahre alter Kühlsschrank funktioniert noch immer einwandfrei. Kein Klingeln oder ähnliche Verschleißerscheinungen des Kompressors hörbar. Auch noch sehr gute Kühlleistung. Das war halt noch Qualität!

  2. Rumänien & Korruption
    Sie wissen ja, es geht um’s Geld…sogar Rewe-Group-Austria braucht Partner die „Probleme durch gute Beziehungen aus dem Weg raeumen koennen.“
    Na dann Herzlichen Glückwunsch!

  3. Die Süddeutsche Zeitung bringt es heute auf den Punkt: „CDU und SPD wollen Konzernchefs Grenzen setzen – wenn sie ab- oder zurücktreten, sollen sie fortan nicht mehr direkt an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln“ dürfen. Dies als direkte Antwort der Staatspolitik auf den letzten, der das tat – Pierer – und seine letzte Äußerung: Er wußte von nichts und trete deswegen nicht als Aufsichtsratsvorsitzender zurück. Der wirtschaftsgesetzgeberische Vorstoß der Koalition ist die Antwort auf 150 Jahre Siemens-Koruption und -Kartellkrieg (das Wort Kartell stammt aus dem Duellwesen).

  4. Den Gipfel an von Volksverdummungsabsichten geleitete Naivität in bezug auf „die Wirtschaft“ und speziell auf „den Siemens-Konzern“ leistete sich heute die FAS-Wirtschaftsredaktion – mit einem zweiseitigen Artikel, um damit die selbstgestellte Frage zu beantworten: „Was wußte Klaus Kleinfeld?“

    Die Siemens- (und Osram-) Vorstandsvorsitzenden wußten nicht nur – beginnend mit Werner von Siemens selbst – was,sie saßen auch den IEA-Sektionen immer vor.

    Mensch Georg Meck, für wie blöd hältst du diese komische Mischpoke – und uns! – eigentlich?

  5. Hier die vollständige Adresse des Elektrokartells International Electrical Association IEA:
    Pully, Lausanne, Chemin des Ancien Moulins 2a, Telefon: Pully 295561.

    Es handelt sich bei dieser Adresse um ein Bürohaus nahe des Genfer Sees.

    Ihren Brief beantwortete wahrscheinlich der langgediente IEA-Sekretär James Robinson Hughes.

    Mit freundlichen Grüssen
    Dr. Hans-Otto Diebald

  6. Lieber Mathias,

    jetzt ist der gute Hausmeister der Sternwarte Milton Humason hier unter gekommen, aber ich verstehe ehrlich nicht, in welcher Beziehung z.B. die Rotverschiebung zum Elektrokartell IEA und dem derzeitigen Siemens-Korruptionsskandal steht…Es sei denn, ich nehme die Rotverschiebung wie „die Franzosen“ metaphorisch – und gehe dann davon aus, dass sich das Rote Milieu derart an den Rand verschoben hat, dass die gesamte Presse – von faz bis taz – es jetzt nur noch Faktenhuberei zu betreiben wagt und dabei allerhöchstens den Rücktritt von irgendeinem Vorstandschef bzw. Aufsichtsratsvorsitzenden oder den für die saubere Abwicklung der Schmiergeldzahlungen verantwortlichen Chef der innerbetrieblichen Antikorruptionsbrigade fordert – anstatt das ganze „System“ zu kritisieren, d.h. erst einmal zu versuchen zu begreifen. Damit meine ich hier nicht das Wirtschafts- sondern das Siemens-System. Besonders dämlich, d.h.systemtreu und faktenverliebt stellt sich dabei mal wieder die Süddeutsche Zeitung an – mit ihrem komischen Top-Rechercheur, der überhaupt nicht mehr denken kann, außer an „Schadensbegrenzung“. Wenn das keine Rotverschiebung ist…
    H.H.

  7. Sehr schöner aufsatz.
    was ganz anderes. kennst du hausmeister und aushilfsastronom milton humason? nö? guggst du selba:
    Edwin Hubble und die Hubblekonstante
    Der Hubbleeffekt
    Die Entdeckung des Hubbleeffektes
    In den nächsten Jahren arbeitete Edwin Hubble an der Bewegung der Galaxien. Sein Assistent war Milton Humason. Humason hatte mit 14 Jahren die Schule verlassen und war zuerst Maultiertreiber. Später wurde er Hausmeister auf Mount Wilson. Er war Nachtassistent und half den Astronomen. Wegen seines großen Geschicks im Umgang mit Messgeräten wurde er trotz mangelnder Ausbildung Hilfsastronom. (vergleiche: Ferguson, Kitty: Das Maß der Unendlichkeit. S.202)
    Humason half Hubble beim Photographieren der Spektren. Wie auch schon Slipher stellten sie fest, dass fast alle Galaxien (bis auf den Andromedanebel) eine Rotverschiebung aufweisen. Sie erstellten ein Diagramm, in dem sie die Fluchtgeschwindigkeit im Verhältnis zur Entfernung der Galaxie darstellten. Das überraschende Ergebnis war: Je weiter eine Galaxie entfernt ist, um so schneller bewegt sie sich von uns fort. Dieses Phänomen heißt Hubble- Effekt. (vergleiche Hathaway, Nancy: Wie alt ist die Sonne und wie weit weg sind die Sterne? S.331)
    In den Galaxien selbst gibt es keine Expansion, weil sie sich selber durch ihre Gravitation anziehen. Auch zwischen Galaxien herrschen Gravitationskräfte. Sie haben die Tendenz, Haufen zu bilden. In diesen Haufen gibt es Bewegungen, die der Expansion des Weltraums entgegenwirken. Deshalb weist z. B. der Andromedanebel eine Verschiebung in den blauen Teil des Spektrums auf. Auch der Virgohaufen bewegt sich nur halb so schnell von uns fort, wie er es nach einfacher Anwendung des Hubble- Gesetzes tun sollte. Erst für Galaxien, die mehr als 100 Milliarden ly von uns entfernt sind, kann man das Hubble- Gesetz anwenden, ohne die Gravitationskraft mit einzubeziehen. (vergleiche Davies, Paul; Gribbin, John: Auf dem Weg zur Weltformel. S.106)
    ——————————————————————————————————————————————–
    Zunächst führt nur ein schmaler Fußweg von Pasadena auf den Mount Wilson. Maultiere schleppen die Ausrüstung zum 1.740 m hoch gelegenen Observatorium hinauf, angetrieben vom Schulabbrecher Milton Humason. Später wird Humason Hausmeister der Sternwarte. Technisches Geschick, Geduld und Feingefühl machen ihn zum begehrten Assistenten der Himmelsforscher. Sie müssen die Teleskope beim Fotografieren lichtschwacher Objekte stundenlang mit höchster Präzision dem Sternenhimmel nachführen. Bald steht Humason, 1919 offiziell zum Hilfsastronomen ernannt, auch Edwin Hubble zur Seite. Die beiden arbeiten am mächtigsten Teleskop der Welt.

    ich finde irgendwo müsste der gute milton in deiner hausmeisterei mal unterkommen.
    mm