Witzforschung (Da lacht der Siemensianer)

Beginnen wir mit dem „wissenschaftlichen Witz“: Er besteht zumeist aus einer mehr oder weniger gelehrten Verballhornung von Fachbegriffen. Unter Technikern  lacht man z.B. gerne über den „Lufthaken“.
Laut Wikipedia wird dieser an der „RWTH Aachen und in Norddeutschland auch als Siemens-Luftanker bezeichnet, den man an Stellen eindreht oder schlägt, an denen herkömmliche Haken, auf Grund fehlender fester Materie, keinen Halt finden. Der Lufthaken ist in der Regel mit dem vorangestellten Namen einer dort ansässigen großen Elektronikfirma verbunden. Auch in der Luftfahrt wird darauf gerne zurückgegriffen ([1]). In Österreich ist auch die Bezeichnung Siemens-Lufthaken (ugs. „Siemens-Lufthagl“) gebräuchlich.“

Erwähnt sei ferner ein unfiktives Interview mit dem Ex-Siemenschef und CSUler Heinrich von Pierer über seine „Deutschland AG“:

„Heinrich v. Pierer, der ehemalige Siemens-Chef, hat in den vier Jahren seiner Kanzlerschaft viel erreicht. STERN sprach mit dem Bundeskanzler über seine Erfolge und künftigen Pläne.

STERN: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, Kritiker werfen Ihnen vor, sie seien bei der Sanierung Deutschlands übertrieben brutal vorgegangen.

v. Pierer: Das sehe ich nicht so. Als mich das überparteiliche Bündnis fragte, ob ich Kanzler werden möchte, um Deutschland vor dem Konkurs zu retten, habe ich erklärt, dass ich das Land so sanieren werde wie ich Siemens saniert habe: streng marktwirtschaftlich. Siemens und Deutschland gleichen sich in gewisser Weise: zwei Gemischtwarenläden mit sehr unterschiedlichen Komponenten, die einen leistungsfähig, die anderen weniger. Ich habe nur das gemacht, was ich auch bei Siemens gemacht habe: unproduktive Unternehmensteile abgestoßen.

STERN: Sie sprechen von den neuen Bundesländern?!

v. Pierer: Nicht von allen. Thüringen und Sachsen haben sich ja als sanierungsfähig erwiesen, diese Bundesländer führen wir weiterhin in unserem Länder-Portfolio. Für Mecklenburg-Vorpommern konnten wir dies nicht mehr verantworten, da ein Totalverlust drohte. Da kam uns das Angebot der Bush-Administration ganz recht, gegen die Übernahme der Landesschulden und für den symbolischen Kaufpreis von 1 EUR das Land als Atomtestgelände zu kaufen.

STERN: Polen hat Hamburg, Bremen, Berlin, das Saarland, Brandenburg und Sachsen-Anhalt sogar kostenlos bekommen.

v. Pierer: Richtig. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass sich Polen im Gegenzug verpflichtet hat, drei Millionen der ärmsten deutschen Rentner dort anzusiedeln. Von 300 EUR Rente kann in Deutschland niemand leben, aber in Polen wegen der wesentlich geringeren Lebenshaltungskosten. Mit dieser Transaktion konnten wir die Sozialhilfekosten massiv reduzieren und den deutschen Kommunen wieder Handlungsspielraum verschaffen.

STERN: Den Bundeshaushalt haben Sie durch einen Verkauf der deutschen Schulden an US-Pensionsfonds saniert. Es gab durchaus Kritik daran, dass Sie als Sicherheit die Alpen, den Schwarzwald, den Kölner Dom, die Rüdesheimer Drosselgasse, Schloss Neuschwanstein sowie Rothenburg o. d. Tauber und das Münchner Oktoberfest verpfändet haben.

v. Pierer: Verpfändet bedeutet nicht verkauft. Die einheimische Bevölkerung kann diesen Event sowie die Landschaften und Liegenschaften weiterhin ungehindert nutzen.

STERN: Bei den Arbeitslosen sind sie einen neuen Weg gegangen …

v. Pierer: … den am Anfang viele nicht verstanden haben. Erst hieß es, es sei widersinnig, die Arbeitslosenzahl durch Entlassungen senken zu wollen. Aber das macht jeder Manager, der zu viele Leute hat, die zuviel Geld kosten. Er entlässt sie einfach! Wir haben zwei Millionen Arbeitslose aus der deutschen Staatsbürgerschaft ausgegliedert und aus Deutschland ausgewiesen.

STERN: Wohin?

v. Pierer: Unterschiedlich. Nicht wenige sind mit einer „Blond Card“ als Straßenkehrer nun in Indien tätig. Andere haben sich im Rahmen des „Ich-AG“ Förderprogramms in diversen afrikanischen Bürgerkriegsländern als Söldner verpflichtet.

STERN: Auch bei der Landesverteidigung konnten Sie massiv sparen.

v. Pierer: Das stimmt. Sie als Privatmann halten sich ja auch keinen persönlichen Polizisten. Warum sollten wir das als Staat tun?! Dem Trend zum Outsourcing können sich auch die öffentlichen Einrichtungen nicht entziehen. Also haben wir die Bundeswehr abgeschafft, die viel zu teuer ist. Im Bedarfsfall kaufen wir uns Sicherheitsleistungen zum Beispiel von US-Söldnerfirmen ein, die zudem auch noch das ganze Kriegsgerät vorrätig halten. So entfallen für uns darüberhinaus auch Lager- und Wartungskosten. Just-in-time-Sicherheit sozusagen.

STERN: Sogar die Politiker haben Sie zu Gunsten der Staatskasse eingespannt.

v. Pierer: Es war nicht einzusehen, dass solche hochkarätigen Entertainer kostenlos bei Vereinsfesten und Einweihungen auftreten. Seitdem wir Gebühren für die Anwesenheit von Politikern erheben, kommt Geld in die Staatskasse und die Terminflut für die Politiker nimmt ab, so dass diese endlich wieder in ihren Büros zum Wohle des Staates arbeiten können, statt bei irgendwelchen Karnickelzüchtern Grußworte zu sprechen. Die Deutschen müssen sich dran gewöhnen, dass es nichts kostenlos gibt, auch nicht Grußworte von Politikern. Roberto Blanco singt bei der Einweihung eines Baumarktes ja auch nicht kostenlos.

STERN: Aber ein Staatssekretär singt doch auch nicht.

v. Pierer: Auf Wunsch und gegen Aufpreis wird auch dieser Service angeboten!

STERN: Was sind Ihre nächsten Pläne, Herr Bundeskanzler?

v. Pierer: Wir haben noch zirka 2,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Ich beabsichtige, durch weitere Entlassungen endlich Vollbeschäftigung herzustellen. Außerdem müssen wir uns noch stärker auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren. Ich habe an den Universitäten unsinnige Studienfächer wie Sozialpädagogik streichen und deutsche Kernfächer wie Ingenieurwissenschaften stark ausbauen lassen.

STERN: Durchaus mit Erfolg. Wird Deutschland durch Zukäufe wachsen?

v. Pierer: Das halte ich nicht für ausgeschlossen. Wie Sie sicher wissen, befinden wir uns seit einigen Wochen in Verhandlungen mit Frankreich, weil wir das Elsass kaufen wollen. Obwohl wir den Franzosen einen fairen Preis gemacht haben, konnte hier jedoch noch kein Geschäftsabschluß getätigt werden. Aber ich glaube nicht, dass Frankreich diesen Kurs noch lange durchhalten wird können. Schließlich hat es Frankreich im Gegensatz zu Deutschland versäumt, rechtzeitig mit einem streng marktwirtschaftlichen Kurs das Ruder doch noch herumzureißen. Das hat dazu geführt, dass Paris von marodierenden Afrikanern aus den ehemaligen Kolonien zur Hälfte niedergebrannt wurde und in Marseille jetzt ein islamischer Kalif regiert. Frankreich braucht Geld, es wird uns das Elsass verkaufen. Ich will nicht verhehlen, dass wir auch Interesse an der Champagne und dem Bordelais haben.

STERN: Duce Berlusconi, der Führer des weitgehend bankrotten Italiens, soll Deutschland Südtirol zum Kauf angeboten haben?

v. Pierer: Das stimmt. Südtirol würde durchaus in unser Länder-Portfolio passen. Dort gibt es noch eine ausgeprägte Landwirtschaft und Landwirtschaft gehört weiterhin zu den deutschen Kernkompetenzen: Der deutsche Bauer erzeugt auf deutscher Scholle deutsche Lebensmittel. Allerdings müssten die Italiener zunächst die Altlasten entsorgen.

STERN: Altlasten?

v. Pierer: Unter diesem Begriff definieren wir die in Südtirol lebenden Italiener, die aus unserer Sicht keinen Beitrag zur Weiterentwicklung des Landes leisten. Diese müsste der Duce zurücknehmen.

STERN: Es gibt Gerüchte, Großbritannien habe Deutschland eine Fusion angeboten.

v. Pierer: Dazu möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt nur sagen, dass Großbritannien – wie wir – gut am Markt positioniert ist. Eine solche Fusion könnte durchaus den Wert unserer Volkswirtschaften mehren. Eine solche Fusion müsste allerdings ein Merger of Equal sein. Eine feindliche Übernahme unsererseits wird es nicht geben.

STERN: Herr Bundeskanzler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Schlechter Witz: Abfindungspläne:

Die IG Metall meldet:

Karlsruhe  – Beim von der Schließung bedrohten Leiterplattenwerk Sanmina-SCI in Karlsruhe spitzt sich die Lage zu. Mit großer Wut haben die Beschäftigten auf die bekannt gewordenen Abfindungspläne durch den US-Mutterkonzern reagiert. Demnach sollen die 270 Beschäftigten nach der für 31. März geplanten Werksschließung im Schnitt lediglich mit rund 7.000 Euro brutto abgefunden werden. „Angesichts von Betriebszugehörigkeitszeiten von zum Teil mehr als 30 Jahren ist das nur ein schlechter Witz“, kritisieren Betriebsrat und IG Metall. Bei dieser Summe blieben für die Betroffenen nach Abzug der Steuern nur circa 4.000 Euro übrig. In einer schriftlichen Erklärung gegenüber der Geschäftsleitung, machten der Betriebsrat, die Beschäftigten und die IG Metall deutlich, dass es den Beteiligten nach wie vor um die Fortführung des Leiterplattenwerkes und damit um den Erhalt der Arbeitsplätze geht. Sie wandten sich deutlich sowohl gegen eine Schließung, als auch einer Insolvenz.
Die Abfindungspläne waren bereits am Freitagnachmittag durchgesickert. Seit Freitag vergangener Woche ist die Produktivität auf dem Nullpunkt!. In einer andauernden Betriebsversammlung „ohne zeitliches Ende“ beraten IG Metall und Beschäftigte das weitere Vorgehen. In der Kritik stehen dabei sowohl die Geschäftsleitung als auch die Siemens AG, von der das Leiterplattenwerk im Siemens Industriepark Karlsruhe vor zwei Jahren an den kalifornischen Auftrags-Elektronikhersteller Sanmina-SCI veräußert wurde. Siemens-Chef Klaus Kleinfeld habe inzwischen eine Rücknahme der Auftragskürzungen um mehr als zwei Drittel seit dem vergangenen Jahr abgelehnt. „Ein solcher Schritt wäre aber notwendig, um dem Werk doch noch eine Chance zu geben“, sagte der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Karlsruhe, Angel Stürmlinger.

Aber es gibt Hoffnung!

Neulich bei einem Hammerweitwurf-Wettbewerb: Als erster nimmt der Amerikaner, 120 kg schwer und 1,95 m groß, den Hammer in die Hand, dreht sich ein paar Mal um seine Achse und wirft den Hammer 125 m weit hinaus – neuer Weltrekord!! Die Reporter stürzen sich auf den Amerikaner und fragen ihn: „You american, new worldrecord, how?“ Der Amerikaner antwortet mit einem Lächeln: „My grandfather was an ironworker, my father was an ironworker, I`m an ironworker, we are all very strong!“ Als nächstes ist der Russe, 125 kg und 2,05 m, an der Reihe. Er nimmt den Hammer in die Hand dreht sich und wirft den Hammer auf 132 m – wieder neuer Weltrekord!! Die Reporter eilen zu ihm und fragen: „Du Russki neuer Weldrekortski – wie??“ Mit eiserner Miene antwortet der Russe: „Großvater Holzarbeiter, Vater Holzarbeiter, ich Holzarbeiter – haben alle viel Kraft!“  Zum Schluß kommt ein Deutscher, 55 kg und 1,60 m, nimmt den Hammer, wirft ihn, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu drehen, auf 151 m – der dritte Weltrekord an diesem Tag!! Die Reporter laufen zu ihm und fragen ihn: „Wenn man dich so anschaut, kann man sich nur fragen, wie hast du das bloß geschafft?“ Der Deutsche antwortet: „Mein Großvater war Sozialhilfeempfänger, mein Vater war Sozialhilfeempfänger, ich bin Sozialhilfeempfänger und mein Vater hat mir immer gesagt: Junge, wenn dir irgendjemand einmal ein Werkzeug in die Hand drückt, dann wirf es weg – so weit wie es nur geht!“

Da lacht der Deutsche

Vor einiger Zeit veröffentlichte der Witzforscher Gert Raeithel ein Buch mit dem Titel „Die Deutschen und ihr Humor“.   Den Autor kannte ich als einen Amerikanisten, der interessante Texte aus und über die USA schrieb. Der Untertitel seines neuen Werkes stieß mich jedoch ab: „Von Till Eulenspiegel bis Harald Schmidt“. Über den Autor las ich dort – erstaunt: Er sei ein Sozialwissenschaftler aus zuletzt Ho-Chi-Minh-Stadt – und sein  Arbeitsschwerpunkt sei vergleichende  Witzforschung gewesen. Jetzt – als Rentier – „luxuriert er in Ostbayern“. Um sein Lebenswerk muß er sich  keine Sorgen machen: So wurde sein Standardwerk –  aus der wilden Siebzigerjahre-Witzforschung: „Lach, wenn du kannst“, nach der witzlosen Wende wieder neu aufgelegt – diesmal unter dem braven Titel: „Der ethnische Witz“. Daneben veröffentlichte die Zeitschrift für Witzloses Denken „Merkur“ Glossen über den „internationalen Humor“ von ihm. Dort firmierte der Autor aber als Amerikanist! Dann war er es also doch: zugleich Amerikanist und Witzforscher in New York und Saigon! Ich vergab ihm den Untertitel, der eine chronologische Bearbeitung des Themas androhte. In Wort und Bild begann sein Buch über den deutschen  Humor dann tatsächlich mit den mittelalterlichen Scheiß-Witzen. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg fällt Arno Schmidt mit seiner „Fäkal-Obsession“ auf. Mir fiel diesbezüglich vor allem der Genosse Pawla ein, der in Moabit in den Gerichtssaal schiß und sich dann mit seiner Akte den Arsch abwischte. Außerdem natürlich die ganzen Studentenstreiks seit 1998 – bei denen die Aktivisten stets ihre Ärsche gegenüber den Pressefofografen entblößen. Das ist schon fast internationaler Humor geworden. Dies kann der Jüdische-Witz-Forscher Leon Feinberg bestätigen: „der skatologische Humor ist eine globale Erscheinung“. Raeithel erwähnt Beispiele aus Afrika, Japan und Spanien. Mir fallen dazu noch all die nach Frauen mit Riesenbrüsten gierenden US-Männer ein, denen die „Bigboobs“ ein Arschersatz sind, den sie als verklemmt Schwule für „Tittifucks“ nutzen (müssen).

Die Witzforscher Raeithel und Feinberg sind  Schüler des renommierten Witzforschers Gershom Legman (von der Universität Texas). Feinberg veröffentlichte in des Meisters Zeitschrift „Maledicta“, die wie der Name nahelegt der Schimpfwortforschung gewidmet war. Heute firmieren witzigerweise rund 87.000 Websides amerikanischer Satanisten unter diesem „Label“. In Deutschland wurde der „Pansexualist“  Legman vor allem mit seinem 1000-Seiten-Wälzer über den „obszönen Witz“ (im Piperverlag) bekannt. Ob es sich bei dem 1970 im Verlag Hoffmann & Campe veröffentlichten Legman-Werk „Der unanständige Witz“ um ein und das selbe Buch handelt, weiß ich nicht. Die Antiquariate im Internet wissen es auch nicht: Sie bieten diese „unvollständige deutsche Ausgabe“ mal unter dem Schlagwort „Humor“  und mal unter „Sexualforschung“ an. „Der obszöne Witz“ war vor allem sturzlangweilig: Unter den  Stichworten „Schwiegermutter-Witze“ und „Esels-Witze“ z.B. hatte Legman die entsprechenden Zoten rund um den Globus verfolgt – in ihren meist ruralen Varianten. Eine Fleißarbeit – aber kein Lesevergnügen. Dennoch hielt ich Legman die Stange – seine internationale (kollektive) Schimpfwortforschung nahm mich weiter für ihn ein. Dabei stößt man natürlich ebenfalls wieder auf die deutsche Vorliebe für Analitäten – die angeblich global ist.

Vor allem gilt das Weltumspannende  jedoch für den „Urban Tale“, der als nächstes gesammelt wurde – mit neuem Forschungsdesign und Büchern wie „Die Spinne in der Yuccapalme“. Während „die obszönen Witze“ überall auf der Welt neu erfunden wurden – neu erfunden werden mußten (aus fast anthropologischen Gründen), brauchen die Urban Tales nur einmal erfunden zu werden – und rasen dann um die Welt, wobei sie sich überall als authentisch und lokal gerieren: als wahre Geschichten. Dadurch werden diese Tales gleichsam geerdet – und gleichzeitig in Sammelbänden zu internationalen Bestsellern. Die Urban Tales haben keinen Autor, nur einen Herausgeber, der dazu möglichst viele Korrespondenten braucht. Erst „die Kunst des Humoristen ähnelt der Genialität des Erfinders,“ meint Raeithel. Und nähert sich damit den feinhumorigen Dichtern vornehmlich der DDR: u.a. Hermann Kant, Erwin Strittmatter und Ulrich Plenzdorf. Daneben erwähnt er noch den „Eulenspiegel“ und Brussigs „Helden wie wir“. Aber viel zu selten erzählt er mal einen guten Witz – z.B. diesen: Eine Redaktionsvolontärin soll einem alten Greis anläßlich seiner Goldenen Hochzeit nach der schönsten Zeit in seinem Leben fragen – und er antwortet ihr: „Die fünf Jahre in russischer Gefangenschaft!“ Raeithel merkt dazu an: „Wer hätte nicht Mitleid mit der Redaktionsvolontärin…“ Über die  „Beamtenwitze“ meint er: Ihre „Zahl ist Legion, aber sie sind eintönig“, dennoch läßt er sie nicht aus, ebensowenig die „Kaninchenwitze“. Je mehr Witze er anhäuft, desto mehr widerspricht er jedoch seiner These, die er laut Klappentext beweisen will: dass die Deutschen quer durch alle Schichten und Klassen Humor haben. Das ist natürlich lustig! Aber nicht wirklich zum Lachen – im Gegensatz zum neuesten deutschen Blondinenwitz: „Was macht eine Blondine morgens mit ihrem Arsch? Sie schmiert ihm ein paar Brote und schickt ihn zur Arbeit.“

Diesen Text veröffentlichte ich auf der taz-wahrheitsseite – und bekam daraufhin zwei Leserbriefe aus Texas von einem US-Witzforscher und Kollegen von Raeithel in denen er – völlig humorlos – irgendwelche Fehler im obigen Text kritisierte. Und dann wollte er auch noch, dass wir seine „Richtigstellung“ veröffentlichten.  Wir nahmen sie als schlechten Witz!
Der Witz als Public Domain

Der Witz verlangt als kollektive Hervorbringung auch eine  anonyme Zirkulation. Sobald jemand ihm zwecks Veröffentlichung eine Autorenschaft verpaßt – verkommt er. Erinnert sei an die Idee des Toilettenpapierherstellers Herrn  Wolfram, der Ende der Sechzigerjahre seine Rollen mit Witze bedruckte. Anfangs waren viele Leute begeistert: Sie saßen auf dem Klo und lasen einen Witz nach dem anderen. Bald wiederholten sich die Witze jedoch oder man fand sie auf Dauer einfach nicht mehr komisch. Beides lief auf das gleiche hinaus: Der Witzklopapier-Hersteller Wolfram blieb irgendwann auf seinen Rollen sitzen.

Mitte der Achtzigerjahre kam der Journalist Jens Birrwitz aus Gelnhausen auf die grandiose Idee, deutschsprachigen  Zeitungs-, Radio- und TV-Show-Redaktionen ein Witz-Abo anzudrehen: Er bot ihnen alle 14 Tage zehn Din-A4-Seiten mit etwa 100 Witzen an. Auch diese  Geschäftemacherei mit dem Witz ließ sich anfangs gut an. Mehrfach versuchte ich den „Witzerfinder“ Herrn Birrwitz zu interviewen – er lehnte jedesmal ab. Erst als sein Geschäft den Bach runter ging und seine Frau sich von ihm trennte, hatte ich Glück: Sie traf sich mit mir in einem Café, wo sie mir erzählte, ihr mehrere Sprachen sprechender Ex-Mann habe viele Zeitungen des In- und Auslands abonniert, um sie nach Witzen durchzuforsten. Diese wandelt  er dann ab – z.B. indem er aus einem Schotten oder Albaner einen Ostfriesen und aus einem lahmen Pferd einen Opel Kadett macht – und verkauft sie. Sein Witzumsatz sei dann aber rapide zurück gegangen – vor allem dadurch, dass er die immer selben Witze noch mal und noch mal abwandelte – um sie jedesmal als neue zu verkaufen.

Schon etwas anspruchsvoller war dann das universitäre „Urban-Tales“-Buchprojekt des Volkskundlers Rolf Wilhelm Brednich, indem er einige Anekdoten durch verschiedene Länder bzw. Städte verfolgte – und zeigte, wie sie sich dabei veränderten, wobei der Autor auf immer mehr  Anekdotensammlern im In- und Ausland zurückgreifen konnte. Sein erstes Buch hieß: „Die Spinne in der Yuccapalme“, es folgten „Die Maus im Jumbo-Jet“, „Das Huhn mit dem Gipsbein“, „Die Ratte am Strohhalm“ und zuletzt „Pinguin in Rückenlage“. Auch diese „Urban-Tales“-Sammlung verlor schnell ihre Attraktivität.

Sie ging im übrigen auf den Witzforscher Gershom Legman zurück, der an der Universität von Texas lehrte, eine Zeitschrift für Schimpfwortforschung „Maledicta“ herausgab und dessen riesige  Sammlung „Der obszöne Witz“ auf Deutsch im Piper-Verlag erschien: ein ebenso dicker wie öder Wälzer, denn der Autor verfolgte darin etwa 100 schweinische Witz-Topoi wie „Esel“, „Schwiegermutter“, „Schlüpfer“ etc. durch alle Länder, wobei sich jedesmal kleinere oder größere Varianten ergaben, was aber überhaupt nicht witzig war.

Neuerdings versucht der Berliner Ernest Buck mit Witzen reich zu werden: Zu diesem Zweck gründete er „Die satirische Taschentuchzeitung“ – das sind einseitig mit Witzen bedruckte Papiertaschentücher namens „sniff“. Eine Packung mit zwölf  mal identischen Witzen kostet 95 Cent. Jeden Freitag wirft Buck eine neue Packung auf den Markt.  Die mir vorliegende enthält zwei Witzgeschichten: einmal einen „Rücktrittsforderungskatalog“ des Bundeskanzlers Schröder und zum anderen ein „Vorabdruck“ der Biographie des „Kanzlerhalbbruders Lothar Vosseler“ – beide sind nicht sonderlich komisch und dazu ist das bedruckte Papier nicht gut zum Naseputzen geeignet. Es ist sowieso eine ähnliche Schnapsidee wie schon das Toilettenpapier mit Witzen von Wolfram. Beiden liegt laut Michael Rutschky etwas sehr Spießiges zugrunde, nämlich die Verquickung von Unterhaltung oder Schönheit mit Nützlichkeit. Man findet solche mißratenen Objekte massenhaft in Geschenkeläden und Souvenirshops: bemalte Muscheln mit einem Thermometer drin oder Kaffeetassen mit Titten dran z.B..

Eine kleine Sauerei sind auch die honorierten Witze etwa im Playboy und in der Bild-Zeitung: Da hört jemand irgendwo einen Witz, schreibt ihn zu Hause auf und kassiert dann von diesen Zeitungen 10 oder 25 Euro, wenn sie ihn abdrucken. In der österreichischen Kronenzeitung fand Jörg Schröder einmal statt solcher Leser-Witze kleine Geschichten. Sie waren so banal, dass er sich einige Dutzend davon kopierte, die er dann unter dem Titel „Neue österreichische Erzähler“ als Buch herausgab. Einige Literaturkritiker, von der Süddeutschen Zeitung z.B., rezensierten das Werk dann tatsächlich – sehr einfühlsam: für Schröder war das das Witzigste an dem ganzen „Projekt“. Auch bei den Berliner  Lesebühnen kommt der Witz quasi von außen: Anfangs wurden dort vor allem experimentelle Kurzgeschichten vorgetragen, nun mehr und mehr satirische Texte, wobei es primär um die Anzahl der „Lacher pro Minute“ geht. Die zahlenden Gäste wollen sich partout amüsieren – und lachen bereits, wenn sie nur das Wort „Möse“, „Gomera“ oder „Handy“ hören. Sehr komisch!

 Da lacht die Inderin

Wilhelm Genazino definierte einmal den Humor als „jegliches verbale Belustigungsgeschehen, dass von außen zu uns findet“ – etwa in Form eines Witzes mit oder ohne Pointe. Im Gegensatz dazu steht das Komische, das „in uns entsteht“ und „von niemandem erzählt“ wird. Ich möchte hier nun von dem seltenen Fall berichten, da beides zusammen kommt:  bei Jennifer Munro, der Tochter meines früheren Zoochefs. Sie ist heute Biologielehrerin in Bremen, ihre Eltern leben derzeit in Belgien, wo sie ebenfalls einen Handelszoo haben.

Die Mutter sucht gern im Internet nach Witzen, die sie ihrer Tochter schickt. Die wiederum leitet sie kommentarlos an mich weiter. Das geht schon seit Jahren so. Leider sammelte ich diese Humorlieferungen erst, als mir „das Komische“ daran aufging – so stammt jetzt mein ältester Witz von Mutter und Tochter Munro vom 2. Februar 2002: Ein Amerikaner speist in einem spanischen Restaurant und sieht, wie jemand am Nachbartisch zwei große Kugeln isst. Man erklärt ihm, dass es sich dabei um die Hoden eines Stiers handele, den ein Torero am Morgen in der Arena abgestochen hat. Der Amerikaner möchte ebenfalls welche bestellen, ihm wird jedoch gesagt, er müsse sich bis nach dem nächsten Stierkampf gedulden. Als er dann am folgenden Tag Hoden serviert bekommt, ist er jedoch enttäuscht: „Die sind ja winzig!“ Verlegen meint der Kellner: „Manchmal gewinnt leider der Stier!“

Ab Januar 2003 schickte Jenny mir mehrere Aufrufe, um per Unterschrift bei der UNO gegen die Irakinvasion der Angloamerikaner zu protestieren. Im März kam wieder ein Witz – „Having a Bad Day?“ betitelt: Auf der Intensivstation eines Krankenhauses sterben jeden Sonntag um elf Uhr die frisch operierten Patienten. Die Ärzte sind ebenso entsetzt wie ratlos. Die einberufene Untersuchungskommission kann nur übernatürliche Ursachen ausmachen und versammelt sich schließlich an einem Sonntagmorgen vor der Station. Gespannt warten sie, was um elf Uhr passieren wird. Da kommt die Urlaubsvertretung der Putzfrau, zieht den Stecker des Beatmungsgerätes raus und schließt den Staubsauger an.

Am 29. März schickte Jenny mir ein Foto mit dem Titel „Civilians Fight Back“: Ein GI kniet schießend auf einer Treppenstufe, während ein fünfjähriger Iraker ihm vorm Hauseingang stehend auf den Helm pinkelt.  Am 12. Juli bekam ich einen Sportwitz: Die städtischen Armen spielen Basketball; die kleinen Angestellten Bowling; die Arbeiter begeistern sich für Football; die Meister für Baseball; das mittlere Management spielt Tennis und die Führungskräfte Golf. Fazit: Je höher jemand in der Firmenhierarchie aufsteigt, desto kleiner werden seine Bälle.

Am 7. Februar 2004 bekam ich zwölf Witze über die Blödheit von George W. Bush zugeschickt. Eine Woche später noch einen: „Bush and Powell Plan World War III“. Sie sitzen währenddessen an einer Bar. Herein kommt ein Gast, er flüstert dem Barkeeper leise zu: „Die sehen ja aus wie Bush und Powell.“ – „Sie sind es“, bestätigt der Barkeeper. Der Mann geht auf die beiden zu und fragt: „Was macht ihr denn da?“ Bush sagt: „Wir planen gerade den dritten Weltkrieg.“ – „Wie wird er ausgehen?“ Bush antwortet: „Also, wir werden zehn Millionen Iraker töten und einen Fahrradreparateur.“ Erstaunt fragt der Mann: „Warum wollt ihr ausgerechnet einen Fahrradreparateur töten?“ Darauf wendet sich Bush Powell zu und sagt: „Siehst du, ich hab dir ja gesagt, kein Mensch wird sich um die zehn Millionen Iraker Gedanken machen!“

Am 29. Mai schickte sie mir einige „Funny Questions“: Warum wird Zitronensaft mit künstlichem Aromastoff angereichert, aber Geschirrspülmittel mit echten Zitronen? Warum heißt die Tageszeit mit dem zähfließendsten Verkehr ausgerechnet Rush-Hour? Warum wird bei der Todesspritze die Nadel sterilisiert? Wenn Fliegen so sicher ist, warum heißen dann Flughäfen terminal (Endstation)?  Zuletzt bekam ich am 20. Juli einen Blondinenwitz von ihr zugeschickt: Wie kriegt man eine Blondine dazu, am Sonntag zu lachen? Indem man ihr am Mittwoch einen Witz erzählt!

Das Komische an diesen ganzen Lieferungen ist die Fixierung auf schwarzen amerikanischen Humor: Einerseits die Regierung lächerlich machende Witze und andererseits hodige Zoten. Ich finde diese Currymischung sehr indisch, gleichzeitig erstaunt sie mich aber auch, denn die sittenstrenge Mutter riss ihre Tochter einst quasi aus meinen Armen und steckte Jenny in ein englisches Internat, woraufhin ich schlagartig die Lust verlor, noch weiter für die Munros zu arbeiten. Ungeachtet ihrer Pointenschwäche sind mir Jennys regelmäßige Scherzsendungen aber lieb und wert, denn sie erinnern mich jedes Mal an unsere ersten und letzten schüchternen Küsse hinter den Vogel- und Flughundevolieren ihrer Eltern. Und das sollen sie vielleicht auch.

Da lacht der Tscheche 

Hallo, Polizei? Ich bin mit dem Auto gefahren und habe zwei Hühner überfahren. Was soll ich jetzt machen? Legen Sie sie auf den Straßenrand, damit sie von den vorbeifahrenden Autos nicht zermanscht werden. Verstehe, und was soll ich mit ihrem Motorrad machen?

Um drei Uhr früh klingelt das Telefon eines Gymnasiallehrers. Es meldet sich eine leise Stimme: Habe ich dich geweckt? Hm, ja. Das ist auch gut so, denn ich lerne immer noch, du Schuft.

Ein junger Briefträger kommt außer Atem zum Opa und sagt: Alter, ich habe keine Lust mehr, dir jedesmal die Rente 18 Kilometer hinter das Dorf ins Haus zu bringen. Darauf der Opa: Kotz mich nicht an, sonst abonniere ich die Tagespresse.

Der Lehrer stellt folgende Matheaufgabe: Der Raum ist 30 qm groß, die Sonne scheint hinein im Winkel von 20 Grad, wie alt bin ich? Die Kinder schauen mit offenem Mund, keiner kennt die richtige Lösung, nur Pepicek meldet sich: Sie sind 48 Jahre alt. Wunderbar Pepicek, und wie bist du darauf gekommen? Ganz einfach, ich habe einen Vetter, der ist 24 Jahre alt und mein Vater sagt immer, der ist halb debil.

Zwei Hunde treffen sich auf der Straße. Fragt der eine: Wo gehst du hin? Zum Arzt mit meinen Läusen. So, ich habe die schon seit zwei Jahren, aber krank waren die noch nie.

Zwei Freunde treffen sich. Warum guckst du so traurig? Was ist passiert? Meine Frau will alleine in Urlaub fahren. Und deshalb machst du so ein trauriges Gesicht? Ich muss, sonst fährt sie nicht.

Einem Bauer stirbt zuerst die Ziege, dann die Kuh und zuletzt die Frau. Verzweifelt sitzt er auf seinem Acker und rauft sich die Haare: Lieber Gott, was habe ich dir nur getan, dass du mich so bestrafst? Da erscheint ihm der Gott: Du, ich weiß auch nicht, irgendwie kotzt du mich an.

Ein Mann kommt sehr spät nach Hause. Seine Frau fragt: Wo warst du so lange? Und erzähl mir nicht, du warst auf Arbeit. Ich war auf Arbeit. Aber als alle nach Hause gingen, haben sie vergessen mich zu wecken.

Der tschechische Premierminister Paroubek trifft Bush und fragt ihn: Was glaubst du, wie viele Leute in den USA hassen dich? So etwa 8 bis 10 Millionen, schätze ich. Hm, es ist doch  überall das selbe.

Paroubek besucht einen Bauernhof und veranstaltet dort eine Pressekonferenz. Ein Fotograf macht ein Bild von ihm im Schweinestall. Paroubek sorgt sich: Ich hoffe, das erscheint nicht mit so einem Kommentar wie „Paroubek mit Schweinen“ Nein, nein, seien sie unbesorgt. Am nächsten Tag in der Zeitung das Foto und drunter steht: Paroubek, dritter von links.

Ein Mann steht auf der Karlsbrücke und pinkelt. Ein Polizist kommt zu ihm und fragt: Was machen sie da? Und was haben sie in der Hand? Den Paroubek. Sie lügen, das ist doch nur ein Schwanz.

Familie Novak wohnt in einer sehr kleinen Neubauwohnung. Als die Eltern abends vögeln wollen, fordern sie ihren Sohn auf, aus dem Fenster zu schauen und zu melden, was er sieht. Bei Lukes schauen sie fern, bei Müller essen sie Abendbrot, bei Schulz vögeln sie. Wie kommst du auf sowas? Ihr Sohn schaut auch aus dem Fenster.

Kommt ein Mann nach Hause und ruft: Alte, ziehe dich schnell an, ich habe eine Million gewonnen. Und was soll ich anziehen? Das ist völlig egal, hauptsache, du bist hier schnell verschwunden.

Gestern habe ich mich mit meiner Frau sehr gestritten, aber zum Schluß kam sie doch auf den Knien angekrochen. Und was hat sie gesagt? Komm raus unter dem Sofa, du Schisser.

Nachricht der Agentur TASS: An der Sowjetisch-Chinesischen Grenze hat eine Gruppe von chinesischen Panzern einen sowjetischen Traktor überfallen. Der schoß zurück und nach dem alle chinesischen Panzer liquidiert wurden, flog er zurück zu seiner Einheit.

Ein kalter Herbstmorgen an der Wolga. Aus dem Nebel taucht ein Boot auf. Marusja paddelt tapfer gegen den Strom, Schweiß tropft ihr von den Zöpfen, Ivan Vasiljevic sitzt locker angelehnt vorn im Boot und raucht seine Pfeife. Aus der anderen Richtung kommt ein Boot mit Kuzma Trofimyc an Bord, er ruft: Wohin so früh am morgen, Ivan Vasiljevic? Ivan Vasiljevic nimmt seine Pfeife aus dem Mund und antwortet: Ah, ich bringe nur meine Frau zur Entbindung.

Ein Russe will ein neues Auto kaufen. Endlich findet er das richtige Modell und unterschreibt den Kaufvertrag. Der Verkäufer sagt: Das Auto wird am Freitag, den 10. Mai 2020 geliefert. Der Käufer regt sich auf. Wieso regen sie sich so auf? Das ist eine reguläre Lieferzeit für dieses Modell. Darum geht es nicht, aber an dem Tag kommt schon der Klempner zu uns.

Frage an Radio Jerevan: Wann wird es besser? Antwort: Besser war schon.

Der Russe lacht nicht (von Wladimir Kaminer)
Vor dreißig Jahren blühte in Russland der politische Witz. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war der damalige Generalsekretär Leonid Breschnew total witzig. Er hatte einen Sprachdefekt, konnte kaum noch gerade stehen, verlieh sich selbst jedes Jahr neue Orden und Medaillen und wurde von seinen Parteigenossen stets „Unser verehrter Leonid Iljitsch“ genannt. Man musste sich keine Witze über Breschnew ausdenken, ihn einfach nur bei einem Staatsbesuch zu beobachten, reichte schon für eine Flut von Volkshumor. Breschnew hatte es einfach drauf!

Der zweite Grund für die Popularität des politischen Witzes lag darin, dass  man trotz der sozialistischen Diktatur nicht mehr Gefahr lief, wegen eines Witzes im Gefängnis zu landen wie noch bei Breschnews Vorgängern. Das Regime wurde in den Achtzigerjahren dem Volkshumor gegenüber nachlässig. Und der politische Witz wurde zum Ausdruck eines passiven Kampfes gegen den Totalitarismus. Das Imperium, das sich selbst als ewig und unantastbar begriff, wurde mit diesen Witzen vom Sockel der Geschichte heruntergerissen und verspottet.  Mit dem Alter entdeckte unser Leonid Ilijtsch sein Interesse für Literatur. Er ließ unter seinem Namen ein Haufen Biografisches erscheinen: alles Bücher, die seine Heldentaten zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und seine Leistungen beim Wiederaufbau des Landes maßlos übertrieben.

Wir Schüler mussten diese Bücher im Literaturunterricht studieren und Aufsätze darüber schreiben. In den Krieg trat Breschnew als Unteroffizier, was aber in seinen Büchern nicht auffiel. Die Werke dienten als unerschöpfliches Nachschublager für Breschnew-Witze: „Wir schreiben das Jahr 1945. Der Generalissimus Stalin ruft bei Marschall Schukow an: Haben Sie schon einen Plan für die Eroberung Berlins?“ – „Jawohl, Genosse Stalin!“ – „Und haben Sie ihn schon mit dem Unteroffizier Breschnew abgesprochen?“

Breschnew ernannte sich selbst später ebenfalls zum Marschall, im Volksmund hieß es: „Wofür hat Breschnew den Marschalltitel bekommen? Für die Eroberung des Kremls.“  Die wirkliche Politik hat damals niemanden groß interessiert. Während des Literaturunterrichts lasen viele von uns französische Abenteuerromane von Maurice Druon unter der Bank. Die Liebesintrigen aus dem Leben der königlichen Familie waren uns sehr viel näher als die Politschinken: „O Gott, stöhnte die Königin, ich bin schwanger, und ich weiß nicht von wem!“ In diesen Romanen spielte sich das wahre Leben ab, in Breschnews Werken wurde dagegen nie jemand schwanger.

Man las also Liebesromane im Unterricht und erzählte in der Pause Witze über den Generalsekretär: Breschnew gibt eine Pressekonferenz. „Hat noch jemand Fragen?“ Alle schweigen. „Keine Fragen?“, wundert sich Breschnew. „Das kann nicht sein, Genossen, ich habe hier noch zwei Antworten vor mir liegen.“  Mit der Perestroika kam alles in Bewegung, plötzlich wurde die Politik spannend, skurril, hoffnungsvoll und war überhaupt nicht mehr komisch. Alle starrten wie gebannt auf die Bildschirme – die Debatten im Parlament wurden ungeschnitten den ganzen Tag lang ausgestrahlt. Die Politik wurde schwanger wie die Königin im französischen Liebesroman, alle warteten ungeduldig auf das Kind: ein Jahr, zwei Jahre, dann nicht mehr.

Es kam nichts, die Debatten im Parlament brachten nur Enttäuschung, und der politische Witz tauchte auch nicht wieder auf. Es gab wenig zu lachen im Parlament.  Dafür lieferten die ersten russischen Kapitalisten eine neue steile Vorlage für alle Witzbolde im Land: Die Neureichen, auch Neue Russen genannt, waren wie uniformiert – mit himbeerfarbenen Anzügen, dicken Goldketten bis zum Nabel und Geländewagen mit einer Kalaschnikow auf dem Beifahrersitz.

Sie waren lustig: Ein Arbeitsloser kommt zu einem Neureichen: „Ich habe gehört, Sie suchen einen neuen Buchhalter.“ – „Ja“, sagt der Neureiche, „und den alten suche ich auch.“  Eine Zeitlang musste der Neureiche ganz allein für den Neuhumor des Neukapitalismus herhalten. In diesen Witzen grüßte er die Menschen mit dem Fuß, anstatt mit der Hand – damit alle seine goldenen Schuhe sahen; er bestellte im Juwelierladen ein Kruzifix, um es als großes Kreuz an seine Halskette zu hängen, wobei er den Verkäufer bat, den „Schwimmer“, also Jesus, abzulöten.

Er kaufte sich ein Hotel in Nizza, mit allen Gebäuden im Umkreis von fünf Kilometern und ließ den Strand weiträumig absperren. Dann stand der Neureiche allein mit einem bescheidenen Badetuch am Strand, beobachtete, wie die Sonne im Wasser unterging und seufzte: „Wie wenig braucht der Mensch doch, um glücklich zu sein.“

Alle konnten diese Witze verstehen und lachten darüber, außer Putin. Er fand die Neureichen nicht lustig und sprach sich für eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Privatkapital und dem Staat aus. Übersetzt aus der Sprache der Politik in die Menschensprache hieß das ungefähr: „Ich zähle bis drei. Wer bis dahin keinen sicheren Baum gefunden hat, ist selber schuld.“ Und der sicherste Baum des Landes war Putin selbst, ein Mann, der keine Witze versteht.  Der russische Witz verabschiedete sich endgültig von der Politik und dem Business, er ging ins Private: Ein wenig Sex, ein bisschen Fußball – und ganz viel Fremdenfeindlichkeit. Früher waren die Tschuktschen und die Judenwitze absolute Renner. Der Tschuksche wurde als der dumme Wilde dargestellt und der Jude als der Gerissene.

Beispiel eins: Ein jüdischer Soldat ist verletzt, kann seine Leiden nicht ertragen und bittet seinen Freund, ihn zu erschießen. „Ich kann nicht, ich habe keine Munition mehr“, sagt der. „Ach, ich kann dir welche verkaufen“, meint der Verletzte. Beispiel zwei: Ein Tschuksche geht zur Polizei, um seine Frau als vermisst zu melden. „Wie sieht sie denn aus?“, fragt ihn der Polizist. „Weiß nicht“, sagt der Tschuksche. „Du musst sie aber beschreiben, damit wir sie suchen können“, erklärt ihm der Polizist, „meine Frau zum Beispiel ist groß, schlank und blond.“ – „Na, dann lass uns doch lieber deine Frau suchen“, sagt der Tschuksche.

Die Tschukschen waren lange Zeit davon überzeugt, dass die Tschukschenwitze von Juden ausgedacht wurden, damit man nicht nur über sie lachte. Aus dem selben Grund vermuteten die Juden, dass die Tschukschen für die Judenwitze verantwortlich waren.  Nach Auflösung der Sowjetunion haben sich die Dummen multipliziert. Alle Völker wurden im Kapitalismus zu Tschukschen. Die Russen erzählen zum Beispiel gern Witze über die geizigen Ukrainer, die verstockten Esten und die wilden Georgier. Die Ukrainer lachen ihrerseits über die zurückgebliebenen Moldawier, die gierigen Russen und handelstüchtigen Armenier. Die Esten kennen viele Witze über die unzivilisierten Russen  Und alle postsowjetischen Völker sind nach wie vor gut auf Juden und Tschukschen zu sprechen.

Es sind oft die gleichen alten Witze, nur die Nationalitäten wurden ausgetauscht. Den Witz über den verletzten jüdischen Soldaten habe ich zum Beispiel auch über einen Ukrainer, einen Russen und einen Aserbaidschaner gehört. Aus der allgemeinen Hilflosigkeit und Unsicherheit gegenüber den neuen Verhältnissen entsteht so ein neuer Internationalismus, der alle Ethnien und Bevölkerungsgruppen in ihrer Dämlichkeit gegenüber dem Kapitalismus vereint.  In der russischen Politik, wie in der deutschen auch, sind die einzigen Spaßvögel die Liberalen.

Der russische Chef der liberalen Partei Schirinowski versucht auf russische Art lustig zu sein: Mal haut er einem Parlamentarier während der Sitzung eins in die Fresse, mal wendet er sich an den amerikanischen Präsidenten Bush mit den Worten: „Vergiss deinen Irak, du Arschgeige, lass uns lieber gemeinsam Georgien platt machen.“ Aber auch er schafft es nicht, den russischen Präsidenten zum Lachen zu bringen. Putin lacht nicht in der Öffentlichkeit. Höchstens hinter verschlossenen Türen, wenn beispielsweise jemand einen dieser modernen tschetschenischen Terrorwitze erzählt: Ein Soldat der Einheit zur Terrorbekämpfung schickt seiner Oma nach Sibirien einen Sprenggürtel als Souvenir. „Liebe Oma“, schreibt er, „du wolltest doch schon immer eine warme Weste haben, jetzt habe ich eine für dich. Sie ist große Mode in Moskau und birgt eine Überraschung. Da ist so ein kleiner Ring hintendran, wenn du daran ziehst, bekomme ich drei Tage Urlaub.“ Da lacht der Präsident!

Da lacht der Mongole

Die Ironie erhebt sich – und ist  subversiv, der Humor läßt sich fallen – bis auf das Schwarze unter dem Fingernagel. Deswegen kommt er, besonders in Form von Witzen, auch ohne Autor aus – ist quasi Volkseigentum, und  man kann von einem englischen, russischen usw. Humor sprechen. In der Mongolei gab es besonders viele Polizisten-Witze. Der als Witzbold geltende Philologe S. Batbilig hat darüber 1985 sogar seine Diplomarbeit geschrieben – sie wird noch immer unter Verschluß gehalten.

Kürzlich schickte er uns einige neuere mongolische Witze. Neben einer Humor-Wochenzeitung „Der Specht“ gibt es heute in vielen Tageszeitungen  Witz-Rubriken sowie vierteljährliche  Witz-Almanache. Während der Parlamentsvorsitzende S.Tumur-Ochir  sich gerne Witze ausdenkt, die er anonymisiert in Umlauf bringt, sammelt der Dichter und Parlamentsabgeordnete L. Odonchimed im Volk zirkulierende Witze, die er jährlich als „Die 1000 besten Witze“ unter seinem Namen veröffentlicht.

Die uns bekannten mongolischen Witze lassen sich in  folgende Themen untergliedern: Witze über Karrierefrauen/ Männerwitze/ Viehzüchter- und Jäger-Witze (Stadt-Land)/ Witze über buddhistische Mönche/ Politische Witze (Parlamentswitze)/ Ausländerwitze (Witze über russische Soldaten – und neuerdings Touristen). Über diese lacht man z.B. schon, wenn sie sich – was regelmäßig vorkommt – beim Betreten einer Jurte den Kopf stoßen. Wenn sie dann drinne sind, werden sie umso gastfreundlicher empfangen – was manchmal sehr  weit geht.

Einmal überraschte ein Nomade seine Frau in den Armen eines  Amerikaners. „Warum sprichst du nicht mit ihm?“ fragte sie ihn. „Ich weiß nicht, wie ‚ich bringe dich um‘ auf Englisch heißt!“  Das größte Tourismuskontingent stellen die Japaner. Die Japanerinnen zieht es gerne aufs Land, wo sie die Einsamkeit und den weiten Himmel genießen, etliche haben dort auch schon Viehzüchter geheiratet. „Was machen sie da die ganze Zeit?“ „Sie zählen die Sterne!“ (Was eine Metapher für den Geschlechtsverkehr ist, weil man in der Jurte oben durch eine Öffnung den Himmel sieht). Es gibt viele Witze über lüsterne Wandermönche, die nachts zu einer kranken Frau gerufen werden und dann der Patientin ebenfalls sagen, sie solle die Sterne zählen – „bis tausend“. Die meisten Mönche wurden in den Dreißigerjahren von den Kommunisten liquidiert. Dafür gibt es jetzt jede Menge neue Witze über die  Halbwüste Gobi, wo besonders viele alleinstehende Frauen leben, die als sehr gastfreundlich – speziell gegenüber Männern – gelten – zumindestens in der Phantasie der Männer. Dazu kommen Witze über Auslandsaufenthalte:

Eine Mongolin hat etliche Jahre in Berlin verbracht, um ihre  Deutschkenntnisse zu verbessern – „und jetzt spricht sie perfekt Türkisch“.

Zwei Geschäftsleute treffen sich, „wie geht es dir?“ fragt der eine. „Schlecht,“ sagt der andere, „es ist eine Katastrophe, ich wollte schon Selbstmord begehen, konnte es aber nicht“. „Wieso? beauftrage doch einen Berufskiller!“ „Ich habe nicht genug Geld.“ „Ich leih Dir gerne was!“ Zwei Sekretärinnen in der Stadt unterhalten sich über ihren Chef: Die eine sagt, „er kleidet sich immer sehr elegant“, die andere meint, „ohne Kleidung sieht er sogar noch besser aus“. Ein Mann und eine Frau sitzen in einem Restaurant. Er sagt zu ihr „Ich liebe dich so, ich möchte dich aufessen“. Die Frau antwortet „Ich möchte dich auch gerne essen“. Der daneben stehende Kellner sagt daraufhin: „Ich verstehe, aber möchten sie dazu ein Getränk bestellen?“

Viele Witze ranken  sich um den Zufall, daß die Prostituierten seit 1990 ausgerechnet am zentralen Lenin-Denkmal Anschaffen gehen. 555 politische Witze veröffentlichte 2003 der dissidentische Publizist Baabar, darunter diese: Der langjährige Generalsekretär der mongolischen KP, Zedenbal, traf sich oft mit Erich Honecker – „Was hat er bloß immer mit diesem Hammel?“ fragte man sich – denn Hammel heißt auf Mongolisch „er hon'“. Der jetzige Ministerpräsident, Enkhbayar, erklärte 2003 zum „Visit Mongolia“-Jahr, das jedoch wegen der Sars-Epedemie zu einem Flop wurde. Die Oppositions-Presse schrieb, er hätte den westlichen Ländern gedroht:  „Wenn ihr nicht in die Mongolei kommt, dann besuche ich euch!“  Ein Viehzüchter reist nach Ulaanbaatar und besucht dort die Oper, wo  das Ballettensemble gerade „Schwanensee“ gibt. Wieder zu Hause erzählt er den Nachbarn: „Diese Stadtmenschen sind komisch. Ein Mann und eine Frau, ganz in weiß,  haben sehr schön getanzt, aber plötzlich hat er sie über seinen Kopf gehoben, ihr unter den Rock gekuckt und sie dann weggeworfen. Und sie war ihm nicht einmal böse.“

Es werden auch immer mehr Witzzeichnungen veröffentlicht: Auf einer sieht man z.B. eine Frau, die in ein Mikroskop schaut und neben ihr ein Mann, der in eine leere Flasche stiert. Solche und ähnliche Karikaturen thematisieren den eskalierenden „Geschlechterkampf“ in der Mongolei:  Während sich die Männer nach 1990 vorwiegend als Viehzüchter und Händler versuchten, stürzten sich die Frauen in die berufliche Qualifikation – mit der Folge, dass sie heute weitgehend das mittlere Management in Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung stellen – und viele von ihnen allein leben. Die Männer reagieren darauf mit einer verschärften Witzproduktion, in der nicht selten Sexualneid zum Ausdruck kommt.

Da lacht der Araber 

Meistens gehen seine Witze auf Kosten von Haschischrauchern und Sa’idis  (Oberägyptern) – und entsprechen somit unseren Blondinen- und Ostfriesenwitzen, manchmal sogar wörtlich, was darauf hindeutet, dass sie, dabei entweder einem uralten Handelsstrom folgend, ursprünglich in Arabien entstanden sind oder,  dem jetzigen Mainstream der Medien- und Informationsgesellschaft entsprechend, umgekehrt von hier nach dort gelangten. Für den ersteren Verlauf  spricht, dass der Witz (Noukta) bei den einst  kriegerischen Nomaden die Bedeutung von „durchbohren“ hat, während er hier von  solchen Humorblättern wie dem Playboy und der Bildzeitung honoriert wird.

Der arabische Philologe Dr. Abdelhamid Hussein kommt deswegen in seinem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch darüber zu dem, allerdings auch in Deutschland sattsam bekannten Schluß: „Der Witz ist die Waffe des einfachen Menschen…Schon ein Schmunzeln kann eine triste Situation verändern.“ Die „Stärke“ des Witzes liege in seiner Anonymität, die an Sabotage grenzt. Schon Präsident Nasser habe deswegen in seiner berühmten Rede während des 6-Tagekrieges 1967 das Volk gebeten, keine Witze über die ägyptische Armee zu machen. Das ist selber ein guter Witz. Andere lauten so:

„Ein Ägypter fragte seinen arbeitslosen Freund: ‚Wovon lebst du?‘ und der antwortet: ‚Ich lebe vom Schreiben‘.Weiter wird er gefragt: ‚Und was schreibst du?‘ Der Freund: ‚Ich schreibe meinem Bruder in Dubai, damit er mir Geld schickt‘.“

„Ein Haschischraucher bekommt sein Gehalt. Er sitzt zu Hause und teilt sein Geld für den nächsten Monat ein. 50 Pfund für Essen, 10 für Strom, 50 für die Miete und 20 Pfund für Haschisch. Da klopft es: ‚Polizei, mach die Tür auf!‘ Der Haschischraucher nimmt hastig die 20 Pfund und verschluckt sie.“

„Sechs Beduinen lernen, wie man eine Krawatte bindet. Vier haben sich erwürgt, die anderen zwei sind schwer verletzt.“

„Ein deutscher Minister hat einen arabischen Kollegen zu einem Privatbesuch auf sein Schloß eingeladen. Das Schloß ist prachtvoll und riesengroß. Davor gibt es einen großen Garten mit vielen Blumen und einem Brunnen in der Mitte. Der arabische Minister ist beeindruckt und fragt: ‚Wie kannst Du dir so ein tolles Schloß leisten?‘ Der deutsche Minister macht das Fenster auf: ‚Siehst Du diese Brücke da drüben?‘ ‚Ja!‘ antwortet der Araber. ‚Diese Brücke hat 100 Millionen Euro gekostet, aber gebaut haben wir sie mit nur 80 Millionen‘. Der arabische Minister schmunzelt verstehend. Nach zwei Jahren kommt es zum Gegenbesuch. Der deutsche Minister ist überrascht, dass das Schloß des Arabers noch prachtvoller und größer als seines ist. Es ist von weiten Gärten umgeben und der Minister hat viele Dienstboten im Haus. Er fragt: ‚Wie konntest Du so ein Meisterwerk bauen?‘ Der arabische Minister öffnet das  Fenster und fragt: ‚Siehst Du die Brücke dort?‘ ‚Aber da ist doch gar keine Brücke,‘ antwortet der Deutsche. Da lächelt der Araber: ‚Die hat auch nur 80 Millionen Euro gekostet‘.“

Dieser Witz legt nahe, dass die Unsitte der Unterschlagung staatlicher Gelder bzw. Eurokredite von Deutschland nach Arabien gewandert ist. Bestätigt wird dies durch das Wirtschaftsamt (des Bundesministeriums für Wirtschaft), das noch bis in die späten Siebzigerjahre allen Exporteuren Broschüren an die Hand gab, in denen genau aufgelistet war, mit wieviel Bakschisch sie in welchem Land rechnen müßten, um gegenüber anderen Anbietern im Vorteil zu sein. Unter arabischen Geschäftsleuten kursierte lange Zeit eine übersetzte Fassung davon – mit dem lehrbuchartigen Titel „Exportweltmeister Deutschland – Erfolgreich durch sein Know-How“.

Dazu paßt der letzte Siemens-Witz (aus dem Spiegel von heute). Das Montagsmagazin gab ihm die Überschrift „Entwicklungshilfe – Kredit für Siemens?“ (was schon mal saukomisch ist):

„Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie einige SPD-Entwicklungspolitiker und Haushälter der Großen Koalition streiten über deutsche Hilfe für den Bau einer U-Bahn in Ho-Tschiminh-Stadt. Die Firma Siemens will das rund eine Milliarde Euro schwere Projekt in der früheren südvietnamesischen Hauptstadt Saigon realisieren und erwartet von der Bundesregierung 87 Millionen Euro an finanzieller Kredithilfe. Das BMZ sowie SPD-Entwicklungspolitiker lehnen dies ab.

Sie begründen das mit dem derzeit besonders strapazierten Image von Siemens und dem internen Beschluss, sich aus Verkehrsprojekten in Vietnam zurückzuziehen. Dagegen sagt die für Entwicklungshilfe zuständige SPD-Haushälterin Iris Hoffmann: „Ein nationales Interesse bei der Entwicklungspolitik ist nichts Ehrenrühriges.“ Unterstützt wird sie von den Entwicklungsexperten und Haushältern der CDU/CSU. Unionsmann Jürgen Klimke: „Das ist eine Winwin-Situation, die auch unseren Arbeitsplätzen zugutekommt.“ Eingeschaltet ist mittlerweile auch die Kanzlerin. Nachdem sie den Siemens-Vorstand in einem Schreiben gebeten hatte, die Finanzierung „in signifikantem Maße stärker auf eine für private Kreditgeber ausgerichtete Basis zu stellen“, senkte der Konzern seine Anfrage ab – von 100 auf nun 87 Millionen Euro.
Woran man merkt, dass man vom 21. Jahrhundert bereits die Schnauze voll hat: 

1. Du versuchst beim Mikrowellenherd dein Passwort einzugeben…

2. Du weißt nicht, dass man Solitaire auch mit echten Karten spielen kann…

3. Du hast 15 verschiedene Telefonnummern um deine 3-köpfige Familie zu erreichen…

4. Du chattest mehrmals pro Tag mit einem Typen in  Südamerika, weißt aber nicht, wann du zuletzt mit  deinem Nachbarn gesprochen hast…

5.Du kaufst dir einen neuen Computer und eine Woche später ist er veraltet…

6. Der Grund, warum du den Kontakt zu deinen Freunden verlierst ist, weil sie keine E-Mail Adresse besitzen…

7. Du weißt nicht, mit welcher Briefmarke man einen Standardbrief frankiert…

8. Für dich bedeutet organisiert sein, verschiedenfarbige Post-It zu besitzen…

9. Die meisten Witze, die du kennst, hast du in E-mails gelesen…

10. Du gibst den Firmennamen an, wenn du am Abend zu Hause das Telefon abnimmst…

11. Du drückst Zuhause die „0“ um beim Telefonieren rauszukommen…

12. Du sitzt seit 4 Jahren am gleichen Schreibtisch, und hast dort für drei verschiedene Firmen gearbeitet…

13. Das Firmenschild wird einmal pro Jahr dem Corporate Design angepasst…

14. Wenn du einen 90-Minuten Film im Fernsehen gucken willst, musst du dir drei Stunden Zeit nehmen wegen der Werbeunterbrechungen…

15. Du suchst verzweifelt die Tasten „STRG, ALT und  ENTF“ auf deiner Fernbedienung, wenn der Fernseher auf Grund einer Sendestörung rauscht…

16. Deine Visitenkarte ist auf der Vorderseite Deutsch, auf der Rückseite Englisch. Beide Seiten unterscheiden sich nur durch die (+49)…

17.Du hast ein konfigurierbares Programm, das dir die Anzahl Tage bis zur Pensionierung berechnet. Das „Arbeitsende-Jahr“ hast du schon 5 x korrigiert…

18. Du arbeitest von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr, davon  die ersten 6 Stunden fürs Finanzamt…

19.Die Verkehrslage ließ es noch nie zu, in deinem Auto den vierten oder fünften Gang auszutesten…

20.Deine Eltern beschreiben dich und deinen Beruf mit „er/sie macht was mit Computern“…

21. Du hast diese Liste gelesen und dauernd genickt…

22. Du überlegst, an wen du diese Liste per E-Mail  weiterleiten kannst…

 

Da lacht die Kommunistensau

Der Ostelbier scheint langsam seinen Witz wiederzufinden! So meinte neulich ein arbeitsloser LPG-Feldarbeiter aus der Prignitz: „Ich habe einen Astra vor der Tür stehen, einen neuen Videorecorder, und unser Haus
ist fertig renoviert – jetzt könnte langsam Honecker wiederkommen.“

Ein überall kolportierter Witz geht so: Ein Ostler sitzt allein auf einer Düne inmitten einer riesigen Wüste. Plötzlich kommt ein Westler auf ihn zu, begrüßt ihn freudig – und sagt: „Rutsch mal ein Stück!“

In vielen Ost-Betriebsratsbüros, nicht nur bei Orwo in Wolfen, hängt mittlerweile der fotokopierte Spruch: „Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm. Beim Wessi ist es andersrum!“ In Wolfen bezieht sich das insbesondere auf einige Treuhand-Manager, die dort jetzt anscheinend dabei sind, die mit öffentlichen Geldern (ABM) sanierten Industrieimmobilien nun privat zu verwerten – als eine Art Altersversorung für Privatisierungspioniere. Die lästigen Betriebsräte sollen dabei ausgeschaltet werden, die Kommune und das Land dürfen fürderhin nur noch in einem „Beirat“ zu Wort kommen.

Am 18. November 1995 berichtete ich über den Psychoanalytiker Fritz Groß, der aus den Sanatoriumsgebäuden im sibirischen Listvianka am Baikalsee, wo Willy Brandt mit Breschnew und Helmut Kohl mit Gorbatschow und Jelzin parlierte, ein Therapiezentrum für verwöhnte Westler – namens „Neurosibirsk“ – machen wollte.

Der wackere Schweizer ist inzwischen aus dem Rennen, aber die Idee eines psychosozialen Erholungszentrums in Sibirien (Ort des Schreckens aller freiheitsliebenden Westbürger) gedeiht weiter: Bereits auf der 96er Tourismusmesse in Berlin wurden jede Menge ökologisch saubere Trekking-Tours und politisch korrekte Lager-Rundreisen nach Sibirien angeboten: von halbprivatisierten sibirischen Reisebüros und transbaikalischen Bergwacht- Brigaden mit Nebenerwerbs- Ambitionen.

In der Moskauer Zeitung Komsomolskaja Gaseta befand sich jetzt eine große Anzeige des neuen Reisebüros „Gulag-Travel“ – das unter anderem einen mehrwöchigen „romantischen Winterausflug“ nach Kolyma (in das Straflager bei Wladiwostok) anbietet, inklusive Originalverpflegung und -bewachung. (In der Juni-Ausgabe des Sklaven steht dazu bereits Näheres.)

Laut Spiegel – in persona: der Nichte von Justus Frantz – haben sich die Sklaven-Redakteure überhaupt dem West-Haß verpflichtet und sind damit in der elaborierten Prenzlauer-Berg-Szene zur Avantgarde im „German- Bashing“ geworden. Dem vorausgegangen war der Erste-Mai- Ärger mit den West-Autonomen, die ihre Randale heuer komplett in den dortigen Kiez verlegt hatten, was laut Wolfram Kempe der „Sargnagel“ im Verhältnis von Ost- und West-Autonomen war: „Das nächste Mal kriegen sie nicht nur Prügel von den Bullen, wenn sie sich noch einmal in dieser Weise hier danebenbenehmen.“

An sich finden Kempe und Bert Papenfuß aber die „Aufmerksamkeit“, die diesem Ost- Haß jetzt durch den Spiegel-Artikel zuteil wurde, „schon wieder lustig“.

Gar nicht witzig finden hingegen die Kneipiers und Barbesitzer zwischen Oranienstraße und Kurfürstendamm den nach wie vor anhaltenden Trend der Vergnügungsverlagerung nach Osten – zwischen Oranienburger Straße und Kastanienallee. Dort hat jetzt auch noch der „Prater“ wiedereröffnet, wobei die Sklaven-Redakteure an der Programmgestaltung beteiligt wurden. Auch ihre „Torpedokäfer“-Kneipe boomt derart, daß sie planen, das Haus obendrüber zu kaufen sowie eine zweite (Fisch-)Kneipe gegenüber zu eröffnen. Selbst solch eine wirtschaftliche Expansion findet der Ostler inzwischen „doch eigentlich ganz witzig“.

 


Kommentare (4)

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  1. Beim Thema Kredite sollte zudem auch immer erwaehnt werden, das der Kunde spaetestens nach Ablauf der Zinsbindung die moelichkeit zur Umschuldung gegeben ist. Im Ratenkreditbereich nach 6 Monaten, im Immobilienkredit bereichnach ablauf der Zinsbindung.

    Gruesse

  2. sono eccitato circa questo luogo, buon lavoro!:) http://www.obiettiv4i64.info/pompini

  3. Noch mal eine Bemerkung – zu „Zwischen Größenwahn und Resignation“:

    Ein Witz ist auch der nachwendische deutsche Griff nach der Weltmacht. Nachdem die westdeutschen Monopol-Konzerne mit Hilfe der Treuhand über das Verschlucken von Ostbetrieben ihre „Kriegskasse“ gefüllt hatten, machten sie sich daran, Number-One-Global-Player zu werden: Mercedes-Benz, die Post (Telekom), Siemens usw.. Dazu schickte z.B. Edzard Reuter seine braven schwäbischen Autobauer nach Harvard – buchstäblich in einen Crash-Kurs.Und auch Siemens ließ seinen Managern reihenweise eine Gehirnwäsche in den USA angedeihen.

    Schon bald zog es jeden, der auch nur einen Tennisschläger oder Kamelhaarpinsel halten konnte, nach New York, um anschließend nur noch Cola-Light zu trinken und von Manhattan zu schwärmen – von der Superatmosphäre dieser idiotischen „Großstadt von gestern“ (Tom Wolfe). New York war und ist für alle Globaltrottel ein absolutes muß!

    Die großen deutschen Konzerne rudern aber nun gezwungenermaßen zurück: Ihr Größenwahn ist schon nach kaum zehn Jahren in Resignation umgeschlagen.

    „Und da stellt sich nun die Frage: Ist der Weg von Porsche und VW, die Deutschland AG aufrechtzuerhalten, nicht besser als das, was Siemens mit dem Gang an die New Yorker Börse gemacht hat? Bekanntlich hat auch Jürgen Schrempp von Daimler-Chrysler mit seiner Idee der »Welt-AG« dem Unternehmen nicht geholfen. Wenn man sich in Feindesland begibt, ist die Gefahr, dass man darin umkommt, groß. Das ist die Sorge, die uns umtreibt.“
    Dies sagte der IG Metall Geschäftsführer in Nürnberg Gerd Lobodda in einem Interview mit der Jungle World – über den Siemens-Skandal.

    „Feindesland“ – USA! und überhaupt alle Länder außer Belgien, Polen, Österreich vielleicht… Hat dieser Gewerkschaftsfunktionär noch alle Tassen im Schrank?! Denkt er dabei an Franz-Josef Strauß, dem eine Prostituierte in New York die Brieftasche klaute oder hat er das österliche Bagdad im Kopf? Wahrscheinlich meint er bloß fremde Märkte – die Marktwirtschaft überhaupt, die es ja für die Monopolkonzerne in der BRD nicht gab. Und wenn sie sich dann so ungeübt – wie DDR-Bürger quasi – auf ein solches Terrain begeben, dann können sie leicht Schiffbruch erleiden.Das mag stimmen und die obigen Beispiele geben ihm recht, nur dass sein kriegerischer Begriff „Feindesland“ noch aus dem Ersten Weltkrieg stammt. Hinter den jetzt alle zurück wollen. Bald gibt es keine deutsche Stadt mehr, die nicht ihr verschwundenes oder zerstörtes Schloß sich wieder errichtet – Symbol der Entmachtung des Bürgertums durch den Absolutismus. Nur dass diesmal diese Fakeschlösser innen bloß noch für weitere „Shopping-Mals“ genutzt werden. Wodurch dem Einzelhandel endgültig der Todesstoß versetzt wird.

    Inzwischen ist auch hier die Marktwirtschaft eingezogen, d.h. das „Feindesland“ befindet sich gleich vor der Tür – der pompösen deutschen Konzernzentralen – wo sich jetzt auch alle anderen „Global Player“ Marktanteile sichern wollen/sollen/dürfen – General Electric z.B..

    In Spanien, Frankreich und Italien versucht die Politik deswegen schon verzweifelt, die „Übernahme“ ihrer Monopolkonzerne durch ausländische Unternehmen zu verhindern, indem sie sie selbst mit anderen – einheimischen – Monopolkonzernen fusioniert – allen EU-Freizügigkeitsphrasen zum Trotz. Aber die Wahl zwischen verblödeten Protektionisten und bedingungslosen Marktwirtschaftlern ist eine zwischen Pest und Cholera.Oder anders ausgedrückt: der „Feind“, den der Nürnberger IG Metall-Geschäftsführer meint, hat sich längst in unserem Hirn festgesetzt. Wir können doch zur Zeit nur noch krampfhaft denken: Wie kann ICH mit dem Arsch an die Wand kommen?! SYA – wie der entsprechende Siemenscode dafür heißt – auf Amerikanisch natürlich.

  4. Hinzugefügt sei noch, dass unser alter Freund und Kupferstecher Lothar Binger, Stadtforscher, ein prima Buch über den „Berliner Witz“ veröffentlicht hat – im be.bra-verlag. Der Untertitel lautet „Zwischen Größenwahn und Resignation“