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vonHelmut Höge 13.11.2007

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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1. Pornfilmfestival und PorNo-Impotenz

„Pornographie ist die letzte große Illusion der Teilhabe der unnützen Menschen am System,“ meint Georg Seeßlen und sie ist natürlich nur eine besondere Form von Prostitution. Während die Prostitution allgemein wird ( „Wir müssen alle lernen, uns besser zu verkaufen“) wurde aus der Pornographie inzwischen eine ganze Industrie. Dabei fing alles so harmlos an: Mit der Sechzigerjahre-Parole „Sex & Drugs & Rock n‘ Roll“ – und den Pornofilmfestivals von Germaine Greer und Jim Haynes in Amsterdam – „Wet Dream Festival“ genannt sowie mit ihrer Zeitschrift „Suck“. Dann kam der März-Verlag mit seiner „Olympia-Press“ und seinen kleinen Pornofilmen, in denen u.a. Gudrun Ensslin mitvögelte. Aus diesen spielerischen Anfängen hat sich inzwischen ein derartiges Bigbusiness  entwickelt, dass in Berlin einige Filmaktivisten 2006 erneut ein kleines „Pornfilmfestival“ veranstalteten. Das diesjährige wurde von einigen großen Pornofilm-Konzernen gesponsort – so etwas gab es zu Zeiten des Amsterdamer Festivals noch nicht und auch Jörg Schröders Pornoproduktionen mußten noch mühsam in den ersten schlickigen Sexshops an den Mann gebracht werden. Nicht zuletzt daran ging damals dann auch der  März-Verlag kaputt: Bevor diese prekären  Souterrainläden zahlten, waren sie schon wieder vom Markt verschwunden.

Heute ist dagegen alles gut organisiert – und ausdifferenziert: Für die Tierpornos nimmt man meistens arme Brasilianerinnen. Für die Gangbangs von Schwarzen mit Riesenschwänzen müssen meist junge weiße Fixerinnen herhalten. Und für Quälereien eignen sich am Besten die kleinen Japanerinnen. Ansonsten werden die Stellungen immer komplizierter und auch anstrengender, vor allem für die Darstellerinnen, die dafür besser als die Männer bezahlt werden. Dann wird die Bild – und Tonqualität  immer besser und ansonsten wächst in allen Schichten die Bereitschaft von Männern und Frauen mit ansehnlichen Körpern, für den sie meist viel Geld und Zeit geopfert haben, in einem Porno mit zu wirken. Schon kann man Amateur- und Profidarsteller kaum noch unterscheiden. Die Produzenten sind ständig auf der Suche nach immer ausgefalleneren Sexvorlieben und Perversionen. Gleichzeitig fügt sich die Branche mit Sexmessen, Preisverleihungen und Prominenz immer mehr in den allgemein akzeptierten Mainstream ein. Zu den Bestsellern zählt derzeit der Männerstriptease in europäischen Diskos, der in eine Massenvögelei und -lutscherei übergeht, wobei angereiste Professionelle den Anfang machen und die eingeladenen einheimischen Frauen dann langsam mitmischen – wenn es gut geht.

Auf dem Pornfilmfestivals findet man jedoch wieder zu den Anfängen zurück: Da zeigten serbische und kroatische Regisseure die geradezu rührende neue Scene der Filmer und Gefilmten dort – und wie sich dieser „Job“ mit ihrem sonstigen Spießerdasein verträgt. Eine Gruppe englischer Pornodarstellerinnen inszenierte ein „Musical“ über ihre Branche, das es leicht mit Monty Python aufnehmen konnte. Und ein Film ging geradezu sensibel einer kleinen Scene von US-Schwulen nach, die sich am Liebsten von Hengsten anal penetrieren lassen, woran einer starb. Überhaupt nehmen die Arsch- und Darmverletzungen bei den Pornos zu. In Wort und Bild wurde mehrmals der Frage „nach dem anderen Blick“ nachgegangen, d.h. ob Pornos für Frauen etwas anderes  zeigen müssen – als die Wichsfilme für Männer. Im Grunde zeigt der Porno aber ja nur, was der Hollywoodfilm nicht mehr zeigt, auf den er jedoch in jedem Fall hinausläuft: Der Porno ist quasi die Doku zur Fiction. So gesehen ging einzig eine Showeinlage auf der Festivaleröffnungsparty in Kreuzberg über diese Begrenzung der Entgrenzung hinaus: Dabei präsentierte eine hollywoodeske kleine Blondine dem Publikum nackt ihren Arsch und trichterte sich dabei Wasser in ihren Darm, mit dem sie dann durch Muskelanspannung das Publikum naßspritzte, das diese frivole Zirkusnummer mit seinen Handys knipste – also auch wieder eine Doku daraus machte. In der BZ gibt es inzwischen „Tipps“ für all jene jungen Leute, die nicht mehr vögeln können, wenn sie dabei nicht gleichzeitig gefilmt oder photographiert werden. Man könnte hierbei von einer grassierenden PorNo-Impotenz  sprechen. Eine anständige politökonomische Erklärung für dieses seltsame Massenphänomen steht jedoch noch aus.

2.  „68“ und die Prostitutionsfolgen

Berlin will nicht mehr „arm aber sexy“ sein, sondern eher reich und primitiv – und sucht dafür gerade nach einer passenden Parole. Allein in den letzten 5 Jahren – also nach Einführung des rotgrünen Prostitutionsgesetzes – wurden im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf 12 Kleinbordelle geschlossen, davon 6 im vergangenen Jahr. In Tempelhof wurden 5 Kleinbordelle geschlossen und in Mitte 4. Laut Radio Berlin-Brandenburg fürchten derzeit rund 20  Bordellbetreiberinnen um ihre Existenz, weil Bauämter der Stadt mit Schließungsverfügungen gegen sie vorgehen – mit der Begründung: Wohnen und Prostitution passen nicht zusammen.  So argumentiert etwa Charlottenburgs Baustadtrat Hans-Dieter Gröhler (CDU) und kann sich dabei auf die geltende Rechtsprechung stützen: Fast sämtliche höchstrichterlichen Urteile verneinen die Möglichkeit der Ausübung von Prostitution in Misch- bzw. allgemeinen Wohngebieten. Für die Prostitution ist nach wie vor allein das Gewerbegebiet vorgesehen: So heißt es jedenfalls resümierend im Abschlussbericht zur Evaluation des Prostitutionsgesetzes durch das Bundesfamilienministerium.

Hinter dieser Argumentation steckt der Drang, den Einzelhandel – die Wir-AG, das Kleinbordell – zu verdrängen zugunsten von Malls, Arcaden –  Laufhäusern, Großbordellen. Bei dem Prostituiertengesetz ging es auch und vor allem um das Besteuern der Einnahmen von Prostituierten. Steuerfahnder machten danach sogar Jagd auf heroinabhängige Mädchen, die z.B. an der Kurfürstenstraße Anschaffen gehen. In Großbordellen muß der Fiskus das nicht: Es reicht ihm, wenn die Betreiber ihre Mieteinnahmen (etwa 80 Euro pro Tag und Mädchen) versteuern. Insofern ist die schleichende Vertreibung der von den Frauen selbstorganisierten Kleinbordelle mindestens politisch gewollt. Laut der Mitinitiatorin des Prostituiertengesetzes,  der grünen MdB Irmingard Schewe-Gerigk, sind die Großbordelle in Industriegebieten, wo in den bis zu 60 Zimmern wie am Fließband „gearbeitet“ wird, „ein Wirtschaftsfaktor  und der Staat kassiert große Summen“. Selbst die auf dem Straßenstrich stehenden Frauen wehren sich dagegen, in solche Laufhäuser abgedrängt zu werden. Als z.B. eine Marzahner PDS-Bezirksverordnete den armen Mädchen, die nachts an der Straße nach Biesdorf  standen, was Gutes tun  wollte, indem sie sich dort für den Bau eines Laufhauses einsetzte, bekam sie von ihnen zu hören: „Nein, das wollen wir nicht.“ Auf dem Straßenstrich könne man kommen und gehen wie man wolle, auch müsse man nicht für ein Zimmer zahlen – und dann kämen  wohlmöglich keine Freier. Als das Quartiersmanagement Lützowviertel Südlicher Tiergarten eingerichtet wurde, bemühte man sich dort als erstes, die „Junkiefrauen“ auf der Kurfürstenstraße woandershin zu „verlagern“. Heute stehen sie dort jedoch wieder – mehr als je zuvor. Ein dortiger Runder Tisch, an dem auch Vertreter der Prostituierten-Hilfsorganisationen Hydra und Olga sitzen, diskutiert deswegen gerade partielle „Sperrzeiten“ für den Autoverkehr sowie „Verrichtungsboxen“ zur Freier-Abfertigung. Unklar ist jedoch, wo man diese aufstellen könnte.

In Spiegel-Online gibt es derzeit eine von Alice Schwarzer angestoßene Debatte, in der sie behauptet, dass das neue Prostituiertengesetz die Ausbeutungssituation in den Großbordellen verschlimmert habe. Als Beispiel erwähnt sie das Laufhaus „Colosseum“ in Augsburg: „Dort hatte die Polizei bei einem Großeinsatz 30 Frauen zu Einzelbefragungen mitgenommen und der Staatsanwalt anschließend Anklage erhoben. Denn die Frauen hatten zum Beispiel eine ‚Anwesenheitspflicht‘ von 13 Stunden, von 14 Uhr bis 3 Uhr nachts, mussten sich im Kontaktraum permanent splitternackt aufhalten, durften nicht telefonieren, mussten alle Wünsche der Freier erfüllen, sonst wurde ihnen das vom Lohn abgezogen etc. Doch der Bordellbetreiber gewann den Prozess, denn er hat dank des neuen Gesetzes ein ‚Weisungsrecht‘ und ‚Kontrollbefugnisse‘. Das Gericht argumentierte: Schließlich sei die Prostitution heute ein ‚ganz normales Gewerbe’…Diese Großbordelle sind überhaupt erst möglich, seit die Prostitution 2002 legalisiert wurde.“

Die Frankfurter Hurenorganisation „Dona Carmen“ geht davon aus, dass über 80% der Prostituierten heute Ausländerinnen sind – für die das neue Gesetz überhaupt nichts bringe, sie benötigen zuvörderst eine Arbeitserlaubnis – eine Art „Green Card“. In Österreich, wo es so etwas Ähnliches bereits gibt, kam es daraufhin zu einem kuriosen Skandal: Man hatte einer osteuropäischen Frau erlaubt, in einem Wiener Bordell zu arbeiten. Nach einiger Zeit wollte sie dort aufhören und stattdessen als Putzfrau arbeiten. Das wurde ihr jedoch nicht gestattet – und mit Abschiebung gedroht.

Dona Carmen ist sich mit Alice Schwarzer einig, dass das neue Prostitutionsgesetz zur Verschärfung der Lage sogar noch beigetragen hat: „Denn während Prostitution früher unter ‚gewerblicher Zimmervermietung‘ lief und weitgehend geduldet wurde, gelten Bordelle und bordellartige Betriebe (wo in der Regel drei Frauen und mehr arbeiten) seit 2002 in Berlin als Gewerbebetriebe“, die in Misch- und Wohngebieten nichts zu suchen haben.  „SPD, Grüne, FDP sowie PDS/Die Linke haben sich inzwischen gegen eine Schließung der Wohnungsbordelle ausgesprochen, nachdem der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD) deswegen öffentlich Alarm geschlagen hatte.“ Im Juni wurde auf Verlangen des BSD in Charlottenburg-Wilmersdorf vom SPD- Wirtschaftsstadtrat ein Runder Tisch einberufen, an dem neben dem BSD die Beratungsstelle Hydra, die Gewerkschaft ver.di und der CDU-Baustadtrat sitzen. Im Juli wurde dann aufgrund eines Beschlusses der Bezirksstadtverordnetenversammlung den Prostituierten zugesichert, vorerst keine Kleinbordelle mehr zu schließen.

Diese – bis vor ein paar Jahren waren es insgesamt noch etwa 950: so viele wie Banken in Frankfurt – sind eine direkte Folge von „68“. Bis dahin gab es in Westberlin fast nur Prostituierte mit Zuhältern. Als dann immer mehr linke Frauen anfingen, im „Milieu“ zu arbeiten, entstanden auch bald die ersten Frauengruppen, die zuhälterfreie Kleinbordelle eröffneten. Das derzeitige Hickhack um dieses selbstorganisierte Gunstgewerbe hat also auch etwas mit der Zurückdrängung aller antiautoritären „68er-Impulse“ zu tun. Die konservative CDU-Familienministerin von der Leyen droht sogar, alle Prostituierten dahingehend zu bearbeiten, dass sie wieder zurück an Heim und Herd finden. Die englischen Prostituierten hatten dagegen bereits 1969 vehement protestiert:  „Home-Fucking is destroying Prostitution!“  hieß ihre diesbezügliche Parole.
3.  Fatale Dialektik der Aufklärung

Vor einigen Jahren drehten einige engagierte WDR-Regisseurinnen einen Dokumentarfilm über das Elend auf dem „Babystrich“ am Kölner Hauptbahnhof. Nach Ausstrahlung dieses aufklärerischen Features boomte dort der Strich wie verrückt: Die Freier reisten von weither an, um mit einem der Strichjungen oder jungen Fixerinnen ins Geschäft zu kommen. Ähnliches geschah am „Brunnen der Völkerfreundschaft“ auf dem Ostberliner  Alexanderplatz, wo sich ebenfalls von zu Hause oder aus Heimen weggelaufene und nicht selten drogensüchtige Jugendliche treffen. Nachdem sie wiederholt in den Fokus von TV-Kamerateams geraten waren, tauchte der Alexanderplatz  als „Babystrich“ in diversen „Sex-Reiseführern“ auf.

Vielleicht kann sich der eine oder andere noch an den 1981 verfilmten Bestseller  „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erinnern. Es geht darin um den Westberliner Babystrich und um ein junges Pärchen, die beide am Zoo Anschaffen gehen, um ihre Heroinsucht zu finanzieren, wobei sie in einen Teufelskreis geraten: Um all die eklig-geilen alten Freier ertragen zu können, müssen sie sich mit immer mehr Drogen betäuben – und um die bezahlen zu können, brauchen sie immer mehr Freier. Viele Eltern schenkten ihren Kindern damals zur Abschreckung das Buch. „Der Effekt war allerdings der gegenteilige,“ schreibt die Journalistin Ingrid Strobl in einem Interviewband über „Junkiefrauen auf dem Strich“, denn eine der Frauen – Kim – erzählte ihr: „Das hat mich richtig angemacht“, gerade „das Kaputte hat mich angezogen“, und eine andere – Chantal – meinte: „So wie Christiane F. wollte ich auch sein“. Ähnlich ging es zuvor der Popsängerin Marianne Faithfull: Sie las William S. Buroughs Buch „Junky“ – und wollte fortan auch einer sein.

Am Bahnhof Zoo gehen nebenbeibemerkt noch heute junge Junkies auf den Strich. In Frankfurt hinterm Bahnhof und in Hamburg ist die Drogenscene neben Heroin inzwischen auch noch auf „Crack“, eine Kokainmischung, die geraucht wird und ein kurzes heftiges „High“, aber anschließend eine schwer zu ertragende Depression auslöst, so dass die  Süchtigen sich immer öfter einen „Stein“, wie sie die Portionen nennen, kaufen müssen. Auf dem Strich warten sie bald immer ungeduldiger auf Freier, um an Geld dafür ranzukommen – ein „Stein“ kostet fünf Euro. Schließlich gehen sie mit ihren Preisen runter – von 30 auf 5 Euro fürs Blasen, bis ihr Tagesablauf nur noch aus „Blasen-Stein-Blasen-Stein-Blasen-Stein“ besteht, wie eine Cracksüchtige Ingrid Strobl erzählte.

Diese „Beschaffungs-Prostitution“ unterscheidet sich deutlich vom professionellen Anschaffen: Hier steht statt Aufklärung  nicht selten Verklärung der Prostitution am Anfang. So meinte z.B. die Linguistin und Prostituierte Alice Frohnert über die nach der Wende massenhaft in das Berliner „Milieu“ einsickernden Osteuropäerinnen: „Die Frauen aus dem Osten waren am Anfang auch geil auf die hiesigen Männer. Deren ‚West-Touch‘ machte sie für die Frauen aus dem Osten erotisch. Sie erhoffen sich von denen, daß sie ihnen aus ihrer finanziellen und gesellschaftlichen Misere heraushelfen. Das hat auch was mit den West-Medien zu tun und den Filmen – angefangen von ‚Dallas‘ bis zu ‚Pretty Woman‘. Ich bin ja schon lange im Westen, ursprünglich komm ich aus Schlesien. Für mich war seinerzeit der Film ‚Belle de Jour‘ mit Catherine Deneuve wichtig. Solche Verklärungen der Prostitution gehen weiter. Was mit dazu beiträgt, daß der Widerstand gegen unzumutbare Bedingungen unter den Berliner Prostituierten seit der Wende immer minimaler geworden ist.“

Hinzugefügt sei, dass Kitschfilme wie „Pretty Woman“ mit Julia Roberts heute noch zu den wichtigsten „Images“ bei der Wunschproduktion auch von deutschen Prostituierten gehören, es gibt welche, die sich den Film immer wieder ankucken. Eine – Jennifer – meint sogar: „Er hat mich richtiggehend aufgeklärt, darüber, um was es bei meinem Job eigentlich geht, gehen muß.“

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kommentare

  • „Freier sind auch nackt“ – unter dieser Überschrift interviewte heute Heide Oestreich die Betreuerin des Fachbereichs Sexualität bei Wikipedia: Julia, geboren 1976 in Gräfeling. Ich hätte als Überschrift einen Gedanken aus Deleuze/Guattaris „Kafka“-Buch genommen: „Ein Klein-Werden schaffen“

    taz: Seit in verschiedenen Städten neue Bordelle gebaut werden, regt sich Widerstand. Sie waren selbst Prostituierte, wie sehen Sie die Debatte?

    Julia: Ich sehe das als Ausdruck von Doppelmoral. In Berlin etwa gibt es einen furchtbaren Drogenstrich, das hat offenbar keinen gekümmert. Und nun kommt dorthin ein Bordell, wo die Arbeitsbedingungen zumindest kontrollierbar sind – und da regt man sich auf.

    Bordelle sind prinzipiell okay?

    Das würde ich so nicht sagen. In Berlin gibt es in vielen Bordellen nicht genug Arbeitsschutz. Ein hochgelobtes Etablissement in Charlottenburg etwa macht zur Bedingung, dass Prostituierte ohne Kondom Oralverkehr anbieten. So etwas darf in Berlin sogar offen beworben werden. Das müssten Richtlinien schlicht verbieten. Bayern tut das, Berlin nicht.

    Wenn Alice Schwarzer hier per Interviews den Finger in die Wunde legt, hat sie also Recht?

    Sie verallgemeinert, und das ist unangebracht. Bei ihr gibt es keine Bordelle, die gut geführt werden, und andere, die verbessert werden müssen. Prostituierte sind für sie immer Opfer. So ist die Wirklichkeit nicht.

    Wie sieht die nach Ihrer Erfahrung aus?

    Es gibt Prostituierte, die Opfer sind. Psychisch Kranke, Drogenkranke. Es gibt schreckliche Schicksale von Zwangsprostituierten. Aber es gibt auch noch viele andere Gruppen. Frauen, die aus materiellen Interessen diesen Beruf ergreifen, Studentinnen mit Nebenjob. Oder Frauen, die es einfach hochinteressant finden, verschiedene Sexualpraktiken auszuprobieren.

    Warum haben Sie als Prostituierte gearbeitet?

    Ich war neugierig, wie die Arbeit hinter den Kulissen wirklich ist und wollte natürlich auch Geld verdienen. Ich habe sehr genau geprüft, wo ich selbstbestimmt arbeiten kann. Dabei habe ich positive Erfahrungen gemacht, aber auch negative.

    Welche waren negativ?

    Dass etwa Männer oder Frauen Praktiken erzwingen wollten, die ich ablehnte. Oder dass sie Sex ohne Schutz haben wollten. Aber auch aggressive Kolleginnen, die nicht teamfähig waren. Wenn das ganze Selbstwertgefühl davon abhängt, dass man viele Gäste hat, kommt Neid auf, sobald eine andere mehr Glück hatte. Ich kenne auch ein Bordell, in dem eine regelrechter Busenkrieg ausgebrochen war: Jede wollte den größten haben. Man arbeitete nur noch für die OP, damit man danach noch besser arbeiten kann. Das war schon bizarr.

    Nach einer Hamburger Studie sind 80 Prozent der Prostituierten traumatisiert durch Gewalterlebnisse oder Missbrauch in der Kindheit. Das sind dann doch sehr viele Opfer. Hat Schwarzer dann nicht doch recht?

    In einem Sperrbezirk wie in Hamburg herrscht eine ghettoartige Situation, eine Parallelgesellschaft. Da sammeln sich bevorzugt Menschen, die im „normalen“ Leben gescheitert sind, und bilden eine Subkultur. Eine landesweite Studie muss her, die auch teurere Callgirls oder Hausfrauen einbezieht. Die käme vielleicht zu anderen Ergebnissen.

    „Glückliche Huren gibt es nicht“, zitiert Spiegel-Online diese Woche eine schwedische Betreuerin von drogenkranken Prostituierten. Die Schweden sind mit ihrem einzigartigen Verbot, Sex zu kaufen, sehr zufrieden: Es gebe viel weniger Menschenhandel.

    Prostitution und Menschenhandel sind nicht verschwunden. Sie haben sich nur in die Nachbarstaaten verlagert. Übrig geblieben ist der „Bodensatz“ an Huren und Gästen, die es sich nicht leisten können, abzuwandern. Jetzt sind Huren als Anbieterinnen „illegaler Ware“ erpressbar geworden und werden von den Kunden schlechter behandelt denn je. Und ihr gesellschaftlicher Status ist nun der einer Kriminellen, die mit illegalen Gut handelt. Das ist kein „Opferschutz“, sondern Rück-Kriminalisierung durch die Hintertür. Bestrafen muss man Kunden von Zwangsprostituierten, nicht die von selbstbestimmten Prostituierten.

    Ein Freier umgeht den mühseligen Abgleich von Bedürfnissen mit einer Partnerin. Stattdessen kauft er, dass eine Frau ihn bedient. Ist das nicht schon schräg?

    Das ist so nicht pauschalisierbar. Männer werden nicht zu Monstern, wenn sie ins Bordell gehen. In so einer intimen Situation sind beide Partner nackt – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Prostituierte ist vielleicht sehr attraktiv, und dem Mann wird bewusst: ich bin blass und habe einen Hängebauch. Er ist nicht grundsätzlich in einer überlegenen Position, nur weil er das Geld hat.

    Alice Schwarzer meint dagegen mit Kate Millett: Ein Freier kauft sich nicht nur Sex, sondern auch Macht. Und deshalb sei Prostitution ein Verstoß gegen die Menschenwürde.

    Wenn die Frau mündig ist und sich selbst entschlossen hat, wo ist der Verstoß gegen die Würde? Unter den Freiern gibt es genauso unterschiedliche Typen wie unter den Prostituierten. Die meisten kommen, weil sie gerade keine Partnerin haben. Es gibt die Abenteurer, die etwas ausprobieren wollen. Viele haben grundsätzlich ein Problem, eine Partnerin zu finden. Deshalb gibt es auch zum Beispiel Sexualassistenten für Behinderte. Es gibt auch eine Gruppe, die Frauen erniedrigen möchte. Aber diese Menschen sind psychisch krank und repräsentieren nicht den gesamten Kundenkreis.

    Das Bordell wäre nach ihrer Darstellung vor allem eine soziale Institution. Ist nicht das eher ein patriarchaler Mythos?

    Bordelle sind Orte, an denen zwei mündige Erwachsene Geld gegen Sex austauschen. Das wird von Feministinnen wie Alice Schwarzer geleugnet. Sie vertritt einen Oberschichten-Feminismus. Darin wirkt die verordnete Keuschheit der bürgerlichen Frau aus vergangenen Jahrhunderten nach. Unehelicher Sex machte aus ihr eine „gefallene Frau“. In den unteren Schichten dagegen war Prostitution ein legitimes Mittel zu überleben und Prostituierte waren sozial eingebunden. Wenn Schwarzer nun eine Soziologin zitiert, die Prostituierte als „sozial tote Frauen“ und Freier entsprechend als „Nekrophile“ bezeichnet, reproduziert sie diesen Oberschichten-Blick. Dass Frauen für Sex Geld nehmen, ist eher eine Rebellion gegen das Patriarchat, das Männer ja uneingeschränkten Zugang zu Sex sichern möchte.

    Und wenn Männer gewissermaßen Zuhälter dafür bezahlen, dass sie Frauen benutzen, ist das auch nicht patriarchal?

    Das Wort Patriarchat verschleiert, dass alle Menschen gerne Macht ausüben. Es gibt viele weibliche Zuhälter. Und es gibt auch viele männliche Prostituierte. Wenn eine Prostituierte von einem Zuhälter ausgebeutet wird, ist das eine Form der Sklaverei, die geahndet werden muss, genauso wie andere Formen von Zwangsarbeit.

    Ist Prostitution für Sie also ein ganz normaler Beruf, in den die Arbeitsagentur jede und jeden vermitteln kann?

    Prostitution ist kein normaler Beruf sondern ein Spezialberuf, für den man spezielle Voraussetzungen mitbringen muss. Das kann man nicht jedem Menschen zumuten. Das tun die Arbeitsagenturen in der Regel auch nicht. Die sind eher sehr verunsichert, wenn jemand mit diesem Berufswunsch kommt.

    Ist es ein männliches Phänomen, sich Sex zu kaufen? Oder ein menschliches, auf das die Frauen auch noch kommen werden?

    Frauen haben auch schon immer Sex gekauft oder Liebhaber gehalten, wenn sie es konnten. Historisch gesehen gingen Frauen, die offiziell keine Sexualität haben durften, natürlich diskreter damit um. Ich habe aufgehört, an typisch männliche und weibliche Sexualität zu glauben.

    Nun ist aber die sexuelle Revolution auch schon mehr als dreißig Jahre alt. Und immer noch klagen die Callboys, dass das Geschäft nicht gut läuft.

    Dreißig Jahre sind nichts. Wir heute sind noch geprägt von unseren Müttern, die sexuell überhaupt nicht befreit waren. Ich sehe in meinem Umfeld immer mehr Frauen, die Interesse an sexuellen Experimenten haben.

    Viele Menschen wollen keine Bordelle in ihrer Nachbarschaft haben. Verstehen Sie das?

    Die Leute assoziieren kaputte, drogensüchtige Frauen, die kaputte, brutale Männer anlocken. Das ist ja in der Regel nicht so. Da wollen alle Beteiligten ein Höchstmaß an Diskretion. Mit anderen Worten: Die Menschen haben vielleicht schon ein Bordell in der Nachbarschaft, ohne es zu wissen.

    Was würden Sie als Stadträtin tun, wenn in Ihrem Bezirk neue Bordelle eröffnen wollen?

    Ich würde Bordelle generell stärker kontrollieren, als es in Berlin der Fall ist. Ich finde es unverantwortlich, dass jeder Bauarbeiter einen Helm tragen muss, aber Prostituierte ohne Kondom arbeiten und das auch offen bewerben dürfen.

    Sie plädieren für mehr Regulierung?

    Ja. Wir brauchen eine Prüfung wie bei der Gaststättenzulassung. Und ausländische Prostituierte brauchen eine geregelte Arbeitserlaubnis wie die Erdbeerpflücker auch. Damit wäre Schleppern viel Wind aus den Segeln genommen.

    Dagegen wehren sich viele Prostituierte. Sie wollen lieber anonym bleiben.

    Da wirkt die Angst vor gesellschaftlicher Repression noch nach. Mit dem neuen Prostitutionsgesetz von 2001 ist schon viel erreicht worden. Aber es ist nur ein Anfang. Prostituierte haben aber nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Das ist vielen noch nicht so bewusst.

    Sie haben fünf Jahre als Prostituierte gearbeitet. Warum sind Sie wieder ausgestiegen?

    Mir wurde die Prostitution zu raumgreifend. Ich wollte meine anderen Projekte stärker verfolgen und meine Prostitutionserfahrungen einbringen. Das kann man nur mit einer gewissen Distanz. Als Prostituierte ist man eine große sexy Illusion und ich wollte gern wieder zum kleinen unscheinbaren Ich zurück, das ich eigentlich bin.

  • 1. ALice Schwarzer hat die Unwahrheit gesagt.
    In Augsburg (Colosseum) gab es gar kein Strafverfahren, das Gericht eröffnete mangels RErfvolgsaussichten erst gar nicht das Verfahren.
    2. Den Frauen konnte gar nichts vom Lohn abgezogen werden, sie arbeiten im Colosseum komplett auf eigene Rechnung. Und sie können sehr wohl selbst bestimmen, mit welchem Gast sie in welcher Form handelseinig werden. Es gibt lediglich Richtgrössen (50 € für eine halbe Stunde auf Zimmer).
    3. Es gibt z.B. in Gaststätten auch Kleidferordnungen – wer sie nicht mag, kann dort nicht arbeiten. Das gilt dann auch für einen FKK-Club (Das Colosseum ist KEIN Laufhaus!)

  • In der Emma wurde jüngst ein Polizist zitiert, ein ziemlich großer Teil der Frauen in der Pornoszene sei zwangsweise tätig. Warum steht in diesem langen Text keine einzige Bemerkung zu diesem für das Thema doch wohl für eine Zeitung wie die TAZ relevanten Aspekt? Eigentlich könnte man zu so einer ungeheuerlichen Anklage doch richtig gründliche journalistisch saubere Recherche erwarten …

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