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Beiträge von Mai 2008

25.05.2008

Hausmeisterkunst (255)

von Helmut Höge

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Die Kraft der zwei Herzen. Der Photograph Peter Grosse schreibt: Natur oder Kunst oder Poller?

25.05.2008

kulturelle und natürliche Symbiosen/Sozialdemokratien

von Helmut Höge

Die 1900 veröffentlichte Evolutionstheorie “Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt” von Peter Kropotkin wird immer wieder neu aufgelegt. Sie war gegen Darwin gerichtet, der als Motor der Entwicklung der Arten die Konkurrenz und das “Überleben der Tüchtigsten” ausgemacht hatte. Nachdem 1859 Darwins Hauptwerk “On the Origin of Species by means of Natural Selection”, erschienen war, hatten bereits Marx und Engels gewitzelt, der Autor habe dabei bloß das üble Verhalten der englischen Bourgeoisie auf die Tier- und Pflanzenwelt projiziert, wobei er sich auch noch von der Begrifflichkeit des unsäglichen Nationalökonomen Malthus leiten ließ. So etwa wie laut Marx umgekehrt “das Geheimnis des Adels die Zoologie” ist. Kropotkin ging in seiner Darwin-Kritik noch einen russischen Schritt weiter: Dort war Darwin in sozialistischen Kreisen überaus populär, weil es nach ihm kein begründetes Hochwohlgeboren mehr geben konnte, auch dass der Mensch vom Affen abstammen sollte, gefiel den Russen, nichtsdestotrotz akzeptierten sie sein Konkurrenzprinzip nicht: Dies sei bloß englisches Insel- bzw. Händlerdenken, hieß es. Und in der Tat hatte Darwin sein Evolutionsmodell erstmalig auf den Galapagosinseln umrissen, wo die Arten auf kleinstem Raum leben mußten. Ganz anders dagegen in Sibirien, das Kropotkin erforschte, und wo er eher auf Tiere und Pflanzen gestoßen war, die sich in der unendlichen Weite suchten, um gemeinsam leichter zu überleben. “Bei Kropotkin finden wir geradezu paradigmatisch eine Art Umkehreffekt gegenüber dem damaligen Sozialdarwinismus,” heißt es dazu in einem Beitrag von Reinhard Mocek in einem Buch über Symbiosen, um das es mir hier geht.

Wenn das Zusammenfinden von Individuen der gleichen oder unterschiedlichen Arten zu einer dauerhaften Kooperation führt, spricht man von einer Symbiose. Und die ersten Symbioseforscher waren Russen. Zwar gibt es auch eine Symbioseforschung in den USA – vor allem von der Mikrobiologin Lynn Margulis forciert, aber sie hat selbst vor einigen Jahren das Buch der russischen Wissenschaftshistorikerin Lija Khachina ins Amerikanische übersetzen lassen, das sich mit der (russischen) Geschichte der Theorie von der Symbiogenese beschäftigt, die um 1900 begann – vor allem unter Botanikern, und bis heute dort fortgeführt wird.

Inzwischen vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo auf der Welt Biologen eine neue Symbiose entdecken. Die russische Forschung richtete sich zunächst auf Flechten, die aus nichts anderem bestehen als aus einem Pilz und einer Alge – die sich zusammengetan haben, um auch noch in der Arktis gedeihen zu können. Andere Pflanzen und Tiere verbünden sich, um in der größten Wüstenhitze zu überleben. Und im nährstoffarmen tropischen Regenwald ist die z.B. Orchidee gleich mehrere Symbiosen mit verschiedenen Kleinstlebewesen und Insekten eingegangen – zur Nahrungsaufnahme sowie zur Fortpflanzung. Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben daraus ein ganzes postmodernes Beziehungs- und Organisationsmodell gemacht: “Werdet wie die Orchidee und die Wespe!”

Inzwischen ist es schon beinahe unumstritten, dass auch die “Kraftwerke” in unseren Körperzellen – Mitochondrien genannt, sowie die in den pflanzlichen Zellen – Chloroplasten – einmal als Bakterien dorthin gelangt sind: Statt sie zu verdauen, wurden sie integriert, wobei sie nach und nach ihre genetische Individualität verloren und zu Symbionten wurden – d.h. zu Organellen (Orgänchen). Nicht in einem Wirts-Gast-Verhältnis, sondern als Geber und Nehmer. Die radikalsten Vertreter unter den Symbioseforschern gehen so weit, alle komplexen Organismen als das Werk von symbiosesuchenden Bakterien zu begreifen, die auf diese Weise immer genug Nahrung finden: z.B. die Kolibakterien in unserem Darm, ohne die wir nicht leben können – sie allerdings sehr wohl ohne uns. Einige dieser Symbioseforscher sind darüberhinaus heute Anhänger der “Gaja-Hypothese” von James Lovelock, die besagt, dass die gesamte Erde einschließlich ihrer Atmosphäre ein einziger großenteils auf Symbiose beruhender Organismus ist.

“Als eigentliche Urheber der Theorie des symbiogenetischen Ursprungs kernhaltiger Zellen gelten heute die russischen Biologen Andrej S. Famincym (1835-1918) und Konstantin S. Mereschkowskij (1855-1921),” schreiben die deutschen Autoren des 751 Seiten dicken Buches mit dem Titel “Evolution durch Kooperation und Integration”. Ihr Werk läßt diesbezüglich nichts zu wünschen übrig: Es beginnt mit den Originaltexten von Famincym und Mereschkowskij – aus dem “Biologischen Centralblatt” Erlangen. “Im Verhältnis zur Selektionstheorie Darwins betrachtete Famincyn die Symbiogenesetheorie als eine wesentliche Ergänzung, während Mereschkowskij sie als Alternative verstanden wissen wollte.” Dem folgen Biographien und Diskussionen einzelner Aspekte der Symbioseforschung – angefangen mit der Entdeckung dieses “biologischen Problems” bis zur “Mereschkowskij-Rezeption nach 1945″ und einem selbstkritischen Ausblick am Ende: “Zu viel einer guten Idee?” Auch die Zusammensetzung des Autorenkollektivs ist interessant: Sie kommen etwa zur Hälfte aus den biologischen Forschungsanstalten der DDR und der Sowjetunion sowie zur anderen Hälfte aus der BRD und den USA. Der Herausgeber Armin Geus lehrte in Erlangen und gründete das Biohistoricum in Neuburg sowie den Verlag Basiliskenpresse in Marburg, in dem dieses schöne Buch auch kürzlich erschien – als “Acta Biohistorica Nr. 11″, das selbst die dem Konkurrenzprinzip extrem verpflichtete FAZ über alle Maßen lobte (“Erfolgreich leben durch Zusammenarbeit”). Der Mitherausgeber Ekkehard Höxtermann promovierte an der Humboldt-Universität im Bereich Botanik und kam dann über Köln und Jena an die Freie Universität Berlin, wo er Geschichte der Naturwissenschaften lehrt.

“Im Laufe der Evolution wurden Gene des Endosymbionten in das Kern-Genom übernommen,” heißt es im “Geleitwort” des Kölner Molekularbiologen Lothar Jaenicke. Durch diese Form einer “friedlichen Übernahme” entsteht eine Abhängigkeit (z.B. des Mitochonten von der ihn umgebenden Körperzelle), nichtsdestotrotz “ergänzen die miteinander lebenden Wesen sich”, meint Jaenicke, so dass “aus beiden Partnern mehr als ihre Summe wird, wie in einer perfekten Ehe auf Dauer Eigenheiten ablegen und annehmen – bis das der Tod sie scheidet.” Im klassischen Altertum soll “symbios” bereits ein Wort für Ehegatte gewesen sein. Im längsten Text des Buches – über die Erforschung der Blaualgen – heißt es dazu ergänzend von Dieter Mollenhauer: “Irgendwie läßt sich immer feststellen, dass es den beiden prospektiven Symbiosepartnern nicht besonders gut gehen darf, wenn das Zusammenspiel erfolgreich etabliert werden soll.” Außerdem versuchen sie, auch noch mit anderen Lebewesen zu kooperieren: So haben z.B. verschiedene Pilze und Amöben schon früher mit “Entocytobiosepartnern experimentiert und tun dies offenbar auch weiterhin”. Neben einer solchen “Untreue” gibt es noch eine weitere Parallele zwischen diesen und menschlichen Symbiosen: “Die Grenzen zwischen Beute und Partner sind fließend.” (Eberhard Schnepf) Die Ursprünge der Symbiose-Theorie – dieser neuen oder anderen Sicht auf das Leben, gehen auf eine kleine Gruppe “russischer ‘Querdenker’” zurück, heißt es abschließend im “Geleitwort”.

Das Buch reiht sich damit ein in eine ganze Serie von veröffentlichten und noch-nicht-veröffentlichten deutschen Wissenschaftsgeschichten, die sich mit der einstigen russisch-sowjetischen Avantgarde in Kunst, Literatur, Architektur und Wissenschaft beschäftigen. Aber noch sind längst nicht alle “Schätze des Kreml” gehoben: z.B. die der lamarckistischen Forschungsstation in “Borok” an der künstlichen Wolgainsel “Darwin” unter der Leitung von Boris Kusin. Der südfranzösische Zoosystemiker Luis Bec hat die Biologie einmal definiert als den Versuch, transversale Beziehungen zu anderen Arten aufzunehmen. Der sowjetische Psychoanalytiker, Polarforscher und Kosmologe Otto Julewitsch Schmidt ging im revolutionären Schwung so weit, dass er dazu eine Zeitlang auf der neueingerichteten Affenforschungsstation in Suchumi versuchte, Menschen mit Affen zu kreuzen. Auch das Wirken von Schmidt nachdem alle “Säuberungen” an ihm vorbeigegangen waren, die er indes als Herausgeber der großen “Sowjetischen Enzyklopädie” genauestens zu registrieren hatte, wäre eines solchen dickleibigen Werkes durchaus würdig.

“Evolution durch Kooperation und Integration”, hrsg. von A.Geus und E. Höxtermann, Marburg/Lahn 2007, 751 Seiten, 96 Euro.

Noch mal:

Kommen wir von den Amöben her oder von den alten Griechen? Zugespitzt formuliert: Es kann vielleicht gar keine Kulturgeschichte der Biologie geben, weil die Biologie aufräumt mit der Kultur. Es kann nur eine Kulturgeschichte gegen die Biologie geben, d.h. eine, die sich von der Natur abgrenzt, obwohl es auch dort jede Menge “Kultur” zu entdecken gäbe. Ja, wahrscheinlich könnte man inzwischen sogar viel mehr “Gesellschaft” (und auch “Individualität) in der Ersten Natur finden als in der Zweiten. Man hat dem Marxismus lange Zeit vorgeworfen, mit seinem Determinismus das Individuum in einem “Säurebad” aufgelöst zu haben. Die Biologie bzw. Molekulargenetik macht sich nun anheischig, auch gleich noch die ganze Soziologie mit ihrem (angloamerikanischen) Dumpfmaterialismus zu schlucken.

Dagegen versuchten und versuchen wir eine Reihe von Texten zu stellen, die wir unter dem Titel “Anti-Darwin” bündeln wollen. Was meint in diesem Kontext “Anti-Darwin”? Denn das ist ja sozusagen eine Art Parole. Wir wählten sie zunächst als Titel eines kulturwissenschaftlichen Seminars an der Humbolt-Universität im Streiksemester 2003/04. Damit wollten wir sagen: Es reicht! Fast täglich wird ein neues Neid-Gen, Erfolgs-Gen, Eifersuchts-Gen, Fettmach-Gen, Juden-Gen etc. isoliert. Dazu kommt noch, seit der unseligen Wende, dass nun wieder aus Klassen Rassen, Religionen und Nationen werden.

On the other hand ist die ganze Natur inzwischen zu einem einzigen Fitnesscenter geworden. Und das wird als Fortschritt begrüßt: Während es der antidarwinistische Insektenforscher Jean-Henri Fabre schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts beklagt hatte, dasss “die Naturgeschichte, dieses wunderbare Studienfach für junge Menschen, infolge ihrer fortwährenden Vervollkommnung zu einer widerlichen abstoßenden Sache geworden” sei, jubelte der Neodarwinist Neville Seymonds, ein Schüler des Physikers Erwin Schrödinger, nachdem dieser 1943 sein für die Molekulargenetik bahnbrechendes Buch “Was ist Leben?” veröffentlicht hatte: Damit “hörte die Biologie auf, eine ‘unernste’ Beschäftigung zu sein und wurde erwachsen.” Und das heißt – auf gut amerikanisch: Sie wurde ein Geschäft! “Heutzutage sind Wissenschaftler Politiker, sie sind Aktienhändler, sie haben ihre eigenen Biotech-Unternehmen,” die US-Biologiehistorikerin Lilly E.Kay behauptet, in ihrem Land “sind mindestens 80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt”. Einer dieser Fitties – im Rang eines Beraters von Biotech-Unternehmen, Bains, meinte neulich – in der Zeitschrift “Nature Biotechnology”: “Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.” Inzwischen geben die Biologen selbst zu, dass lebendige Systeme zu komplex sind, als dass die Gentherapie funktionieren könne, obwohl sie mittlerweile fast 15 Jahre alt ist. Desungeachtet bombardiert uns der Wissenschaftjournalismus täglich mit neu ausgelesenen Genen, die für dieses und jenes gut oder schlecht sein sollen.

Die Bremer Genkritikerin Silja Samerski äußerte sich dazu in einem Interview 2004: Das ” ,GEN’ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft . . . über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist doch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE’ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.”

Der französische Genforscher und Nobelpreisträger Francois Jacob hatte bereits vor Jahrzehnten gemeint: In den Labors werde nicht mehr das Leben untersucht. “Die Biologie interessiert sich heute für die Algorithmen der lebenden Welt.” Zuvor vertrat bereits der Genforscher Erwin Chargaff die Meinung, dass die Wissenschaft viel zu “mechanomorph” geworden sei, und dass das Leben nicht einfach nur als ein “System raffinierter Stanzvorrichtungen”, als eine “Kette von Schablonen, Katalysatoren und Produkten betrachtet werden kann”.

Erst spät entdeckten wir, daß kein Geringerer als Friedrich Nietzsche von der Parole Anti-Darwin ausgiebig Gebrauch machte. In den späten Fragmenten, also ab 1888, gibt es fast ein Dutzend Aphorismen mit diesem Titel.

Andererseits, was die Losung Anti-Darwin angeht, so erinnert wenn nicht gemahnt sie auch an Friedrich Engels “Anti-Dühring. Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaften”, von 1878. Der Rausschmiß von Eugen Dühring als Lehrer in dem privaten Frauenlyzeum Berlin und Entzug der Lehrerlaubnis an der seinerzeitigen Friedrichs-Wilhelms-Universität, heute Humboldt-Uni, hatte eine Studentenbewegung zur Folge, eine Art Studentenstreik. Er hatte die Universitätsordnung kritisiert. Und dann das Vergehen aller Vergehen: er hat Hermann Helmholtz kritisiert. Helmholtz hätte in “Die Erhaltung der Kraft” von 1847 Julius Rober Mayer nicht erwähnt. Dieser verrückte Heilbronner Arzt, immer wieder pendelnd zwischen Anstalt (Kaltwasserbehandlung) und Wissenschaft, hatte des Zweiten thermodynamischen Hauptsatz aufgestellt: Erhaltung der Energie. Und was Engels betrifft, so hatte dieser auch schon vor seinem “Anti-Dühring” immer wieder versucht, die dialektisch-materialistische Geschichtsforschung auf die Natur auszudehnen, denn für ihn war die Menschheitsgeschichte Teil der Naturgeschichte. Und hier wie dort geht es um ein Verstehen der Stoffwechselprozesse.
Gleich nach der Lektüre von Darwins “Entstehung der Arten” schrieb Marx an Engels, dass dieses Buch “die naturhistorische Grundlage unserer Ansicht enthält”. So wie es in der kapitalistischen Gesellschaft einen Grundwiderspruch zwischen der (gesellschaftlichen) Produktion und der (privaten) kapitalistischen Aneignung gibt, existiert auch in der Natur, d.h. im “Leben”, ein Grundwiderspruch: nämlich der zwischen Vererbung und Anpassung. Den einen wie den anderen Antagonismus kann man mit der Dialektik zu Leibe rücken. Aber so wie bereits Ludwig Feuerbach zu bedenken gab, unmittelbar aus der Natur sei noch nicht einmal ein Regierungsrat erklärbar (was Lenin als sehr “scharfsinnig” bezeichnete), hat auch umgekehrt die Einführung des dialektischen und historischen Materialismus als Methode in die Naturwissenschaften bisher nur Ideologeme hervorgebracht. So erläuterte Stalin diese “Methode” einmal am Beispiel des Werdens eines Weizenkorns, wobei er die verschiedenen Wachstumsphasen jeweils als Umschlag in eine neue Qualität begriff. Nicht der Versuch, ausgehend von Engels Schrift “Dialektik der Natur” den dialektisch-historischen Materialismus als ewig gültige Erkenntnistheorie darzustellen, ist verwerflich, sondern dass diese idiotische Stalinsche Broschüre von den deutschen Kommunisten sogleich übersetzt und dann unter Lebensgefahr in die KZs geschmuggelt wurde, damit die Inhaftierten daran ihren analytischen Scharfsinn schärfen konnten.
Drittens aber hören wir in Anti-Darwin in letzter Zeit immer mehr: “Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie”. Auch darin werden Lebens- und Gesellschaftswissenschaften wild durcheinander geworfen. U.a. geht es um das Orchidee-Werden von Wespen und das Wespen-Werden von Orchideen, das sich eher mit einer leichtsinnig- organismischen Phantasie als mit tiefsinnig-begrifflichen Evolutionstheorien erklären läßt. Im zweiten Band “Tausend Plateaus” greifen die Autoren Gilles und Félix Guattari diesen Gedanken – über den Gestaltwandel von “Look-Alikes” verschiedener Arten – noch einmal auf – und radikalisieren ihn: “Das Werden ist schließlich keine Evolution, zumindest keine Evolution durch Herkunft und Abstammung. Das Werden produziert nichts durch Abstammung, jede Abstammung ist imaginär. Das Werden gehört immer zu einer anderen Ordnung als der der Abstammung. Es kommt durch Bündnisse zustande. Wenn die Evolution wirkliche Formen des Werdens umfaßt, so im weiten Bereich von Symbiosen, in dem Geschöpfe völlig unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Tier- oder Pflanzenreiche zusammenkommen, ohne dass irgendeine Abstammung vorliegt. Es gibt einen Block des Werdens, der die Wespe und die Orchidee umfaßt, aus dem aber keine Wespen-Orchidee hervorgehen kann. Es gibt einen Block des Werdens, der die Katze und den Pavian erfaßt und bei dem ein Virus C des Bündnis herstellt. Es gibt einen Block des Werdens von jungen Wurzeln und bestimmten Mikro-Organismen, wobei die organischen Stoffe, die in den Blättern synthetisiert werden, das Bündnis herstellen (Rhizosphäre). Wenn der Neo-Evolutionismus seine Originalität unterstreichen konnte, so lag das zum Teil an solchen Phänomenen, bei denen die Evolution nicht vom weniger zum höher Differenzierten geht und nicht länger eine abstammungs- und erbschaftsmäßige Evolution ist, sondern vielmehr kommunikativ oder ansteckend wird. Wir würden diese Form der Evolution, die zwischen Heterogenen abläuft, lieber als ‘Involution’ bezeichnen, vorausgesetzt, man verwechselt die Involution nicht mit einer Regression. Das Werden ist involutiv, die Involution ist schöpferisch.”

Auf den Begriff “Anti-Darwin” bezogen könnte man dazu hier die Idee eines Kameruners erwähnen, der in Djang ein zweites Hotel eröffnen wollte – und zwar gegenüber dem “Hotel Windsor”. Nach kurzem Überlegen nannte er sein Hotel “Anti-Windsor”.

Die vierte Referenz schließlich würde sich nicht mehr auf die Losung selbst beziehen, sondern einen bestimmten Typ von Wissen bezeichnen: das von Foucault stammende Konzept der Gegen-Geschichte (anti-histoire, contre-histoire). Damit ist zugleich eine Frage gestellt, die unser Buch als Buch, sozusagen, fortzuschreiben versucht: Die Gegengeschichten sind nach Foucault ein Diskurs: Er postuliert die Erklärung durch das Niedere, das Untere – welches aber nicht unbedingt das Klarste und Einfachste ist. Diese Erklärung durch das Untere ist zugleich ein Erklärung durch “das Verworrenste, das Dunkelste, das Unordentlichste, das Zufälligste.”

Für Foucault steht die römisch-juridische Geschichte der Geschichtsschreibung (er nennt sie “philosophisch-juridisch”) gegen eine Geschichte und Geschichtsschreibung (er nennt sie “historisch-politisch”), die binär denkt, also Freunde und Feinde kennt, die auf die letzte große Schlacht hin denkt, auf Utopien am Ende der Zeiten und die nach Foucault letztlich im Umbau des Kampfes der Rassen in den Klassenkampf mündet.

An diesem Punkt stünde für uns auf Seiten der römischen Geschichte eben eine darwinistische Geschichte, die gegen eine andere steht. Sie läuft historisch auch oft als lamarckistische. Der Darwinismus als Diskurs ist laut Delage/Goldstein nicht weniger als die philosophisch-jurdidischen Systeme ein in sich geschlossenes Hypothesengebäude “über die Struktur der lebenden Substanz, die Ontogenese, die Vererbung, die Entwicklung der Arten”. Genauer gesagt herrscht dieses System, das absolut jeder biologischen Disziplin heutzutage zugrunde liegt, seit dem Zeitpunkt Anfang des letzten Jahrhunderts, als man Mendel wiederentdeckt und ihn mit Darwin zusammenführte. Wenn der Darwinismus dieses in sich geschlossene Hypothesen-Gebäude ist, so läßt sich der Lamarckismus viel schwerer definieren: “Die Arbeiten Lamarcks stehen uns schon allzu fern und umschließen nur die Grundzüge des heutigen Lamarckismus …” (Delage/Goldstein). Aber was bedeutet die Nicht Geschlossenheit für den Diskurs, für ein Buch? Es heißt zunächst, daß das andere Wissen der Biologie nicht so offen in Lehrbüchern auf der Straße herumliegt….Es ist schon fast ein Geheimwissen.

3. Zwischenbemerkung:

Am Freitag den 3.März vermeldeten alle deutschen Intelligenzblätter unisono: “Schimpansen verhalten sich altruistisch!” Was war da geschehen – oder Neues entdeckt worden?

Seit über 100 Jahren beweisen die Naturforscher nun schon, dass bei den Mikroorganismen ebenso wie bei den Pflanzen, Tieren und Pilzen die Kooperation und Assoziation, die Gemeinschafts- und Koloniebildung…eine überaus wichtige Rolle spielen. Zur selben Zeit wie der russische Anarchist Peter Kropotkin seine wunderbare Sibirienforschungen und zugleich Geschichtsbetrachtung über “Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt” veröffentlichte (in dem er bereits vorhersagte, dass man das Prinzip der “Mutual Aid” mit fortschreitender Mikrokopietechnik sogar unter den Bakterien finden werde), formulierten die russischen Botaniker – u.a. Mereschkowsky, Famintsyn und Kozo-Polansky – bereits eine erste “Symbiosetheorie”: Danach bestehen chlorophyllproduzierende Pflanzenzellen aus mehreren Einzellern, die sich zusammengetan haben, Flechten sind nichts anderes als eine Kooperation aus Algen und Pilzen usw.. Inzwischen gehört die daraus hervorgegangene “serielle Endosymbiontentheorie” der US-Zellforscherin Lynn Margulis längst zum Lehrkanon – und fast täglich wird irgendwo eine weitere oder sogar ganz frische Symbiose irgendwo in der “freien Natur” entdeckt. Selbst bei unseren männlichen Samenzellen haben sich wahrscheinlich einst zwei Organismen zusammengetan – um gemeinsam schneller ans Ziel zu kommen.

Bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren war das westdeutsche Wissenschaftsmagazin “Spektrum” voll von solchen “Symbiose”-Entdeckungen. Und in der DDR war diese Theorie aufgrund ihrer Orientierung an der sowjetischen Forschung sowieso immer präsent gewesen. Diese (Be)funde überraschten höchstens die konventionell-darwinistische Molekularbiologie selbst (vor allem im Westen), denn Darwins “bittere Ironie”, wie Marx das nannte, hatte ja gerade darin bestanden, dass er die asozialen Verkehrsformen der englischen Geschäftswelt auf die gesamte Natur und ihre Geschichte projizierte (Jeder gegen jeden). Man könnte es das “Down”-Syndrom nennen – nach Darwins Domizil. Die davon ausgehende genetische Forschung bewies dann aber – quasi gegen ihren Willen – immer zwingender das Gegenteil: Ohne Sozialismus läuft schier gar nichts unter den Lebewesen – und das weit über die Artgrenzen hinaus; also keine evolutionäre Entwicklung ohne Solidarität und Kollektivität. Nicht wenige Forscher halten inzwischen auch die Körperorgane für Reste einer Symbiose zwischen einst freien Mikroorganismen – wobei der eine sich vom anderen “vereinnahmen” oder “verstaatlichen” bzw. “versklaven” ließ und dabei seine Autonomie verlor – zugunsten einer größeren Nahrungssicherheit. Ja, die ganze Erde mitsamt ihrer Atmosphäre wird bereits als ein zusammenhängender Organismus begriffen: in der so genannten “Gaia-Hypothese”, die auf die ebenfalls über 100 Jahre alte Biosphärentheorie des russischen Wissenschaftlers Wernadsky zurückgeht. Die französischen Marxisten Gilles Deleuze und Félix Guattari machten daraus zuletzt in ihrer “Schizo-Analyse” ein revolutionäres Werden “organloser Körper”, die sich nomadisierenderweise immer wieder anders zusammenraufen – das geht bis hin zur Mimikry auf Gegenseitigkeit.

Jetzt ist die Theorie (in den unterschiedlichsten Abschwächungen und Überspitzungen) fast schon der neueste Schrei der Molekularbiologen, wobei sie weiterhin in ihren “Labs” nach den “Logarithmen des Lebendigen” fahnden. Den altmodischen Erforschern des Lebens war es dagegen schon immer um “Das soziale Leben” (in Heuschrecken- und Heringsschwärmen, Bienen- und Termitenstaaten, in Brut- und Jagdgemeinschaften, Herden und Meuten, Familien und Gruppen Gleichaltriger) gegangen. Der Kieler Meeresbiologe Adolf Remane begann sein 1960 veröffentlichtes Buch über den damaligen Stand dieser Biosoziologie mit dem Eingeständnis, dass “das soziale Zusammenleben den Menschen große Schwierigkeiten bereitet”. Die Tiere haben also anscheinend sogar weniger Probleme damit! Das war auch schon dem “ersten Naturwissenschaftler” Aristoteles (vor 2300 Jahren) aufgefallen. Als Beweis hatte er u.a. die vielen “Reisegruppen” erwähnt, in der man sich wegen jeder Kleinigkeit streitet. In Summa ergab dieser doppelte Zugriff der Biologen, Zell- wie Verhaltensforscher, auf den “Altruismus” ein schönes Gegengewicht zur deduktionistischen Evolutionstheorie und zur neoliberalen Ideologie, in der eher die Asozialität betont wurde – und wird.

So berichtete z.B. gerade die Studentin Jana aus einem Betriebswirtschafts-Seminar an der Viadrina in Frankfurt/Oder: “Neulich sagte der Professor zu uns: ‘Wenn ich andern Gutes tue, tu ich mir selbst nichts Gutes…’ Und das haben alle brav mitgeschrieben!” Wollten die Intelligenzblätter da am letzten Freitag synchron (nicht koordiniert!) gegensteuern – mit ihrem Affen-Altruismus als schwachen Begriff. Fast in jedem Artikel wurde nämlich von der Schimpansenforschung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (EVA) im Leipziger Zoo auf ein, zwei, drei Beispiele brav-bürgerschaftlichen Engagements in unserem Alltag geschlossen – oder auch umgekehrt. Dem linksliberalen Feuilleton ist das langsame Fading-Away “Des sozialen Lebens der Menschen” wohl auch unheimlich geworden, dachte ich zuerst. Bis ich einen der Artikel gründlich las: So selbstlos sind sie dann doch nicht! Die Schimpansen – ebenso wie Menschen – scheinen sogar eine natürliche Abneigung gegenüber dem Altruismus – als starken Begriff – zu haben, und rotten sich insofern auch wohl nicht so leicht gegen die da oben zusammen. Aber bei einfachen kleinen “Erste Hilfe”-Aktionen kooperieren sie schon mal gerne!

Diese allseits beruhigende “Meldung” aus dem bereits seit Jahrzehnten mit Schimpansen forschenden Leipziger “Thinktank” der Wissenschaftler und Tierpfleger wäre nie so in so viele, schier selbstgleichgeschaltete Feuilletons gelangt, wenn sie nicht zuvor das US-Magazin “Sciene” veröffentlicht hätte. Die Leipziger hatten es damit geschafft: bis in das renommierteste Wissenschaftsorgan der Welt rein zu kommen! Das war die Botschaft, der Tenor vielleicht von ganz Leipzig, dessen naturwissenschaftliche Abteilung neuerdings als “Bio-City” firmiert. Gleichzeitig drängt die Max-Planck-Gesellschaft in toto ihre Mitarbeiter, immer mehr auf Amerikanisch zu veröffentlichen.

Diesem angewandten Sozialdarwinismus gegenüber fiel es keinem einzigen Feuilletonisten (als Comrad in Crime) ein, den wiederentdeckten “Leipziger Altruismus” beispielsweise mit dem berühmten Jerusalemer Ornithologen Amoz Zahavi als “Handicap” abzutun. Dessen Überlegungen anhand von Beobachtungen wilder Vögeln (und nicht an zahmen, dazu noch verwaisten Schimpansen) veröffentlichte bereits die von der schrecklichen Neokontrulla Birgit Breuel geleitete “Expo 2000″ in Hannover – im Kontext eines Katalogs über “Hyperorganismen”. Zahavis Text fungierte darin als eine Art radikale Gegenposition zu einem Beitrag von Margulis, die ihr Forschungsmodell “Symbiose” über fast alles Lebendige stülpt – wobei sie folgerichtig auch laufend neue Individuen unterschiedlicher Arten entdeckt, die sich zusammengetan haben. Zahavi, der sich insbesondere mit der “Hilfe beim Nestbau und beim Füttern von Lärmdrosseln” beschäftigte, sowie auch mit dem “angeblichen Altruismus von Schleimpilzen”, hat dabei zwar nichts Neues entdeckt, aber er interpretiert diese fast klassischen Fälle von Kooperation nun einfach in “ein selbstsüchtiges Verhalten” um, das er dann mit Darwinscher BWL-Logik durchdekliniert: “die Individuen wetteifern untereinander darum, in die Gruppeninteressen zu investieren…Ranghöhere halten rangniedere Tiere oft davon ab, der Gruppe zu helfen.” Es ist von “Werbung”, “Qualität des Investors” und “Motivationen” die Rede. Zuletzt führt Zahavi das Helfenwollen quasi mikronietzscheanisch auf ein egoistisches Gen zurück, indem die “individuelle Selektion” eben “Einmischung und Wettstreit um Gelegenheiten zum Helfen” begünstige – der “Selektionsmechanismus” aber ansonsten erhalten bleibe. Na, dann ist ja alles in Ordnung! Aber ob man damit den Neodarwinismus retten kann? Interessant fand ich jedoch die dabei von ihm erwähnte Beobachtung an Pinguinen, bei denen sich manchmal alleingelassene Jungvögel vor ihren vielen männlichen Helfern, die sie partout wärmen und beschützen wollen, geradezu fluchtartig in Sicherheit bringen müssen, um nicht von ihnen erdrückt zu werden…

Aber das wußten wir auch schon lange: dass unsere ganzen Helfer – Sozialarbeiter, NGOs und Hilfsvereine – sich zumeist von niedrigen Motiven leiten lassen. Wobei bisher kein vernünftiger Mensch daran gedacht hat, diese ausgerechnet bei “niedrigeren Arten” dingfest zu machen – im Gegenteil: Je höher die Enwicklung der Natur, desto weniger Kultur! Auch dazu hat die neuere Zellforschung Erhellendes beigesteuert: Die Bakterien z.B. hatten 3,5 Milliarden Jahre mehr Zeit als wir, aus ihrer Biomasse erst einen Biofilm und schließlich ein stabiles Soziotop zu machen. Manche Biologen meinen sogar, dass wir – die Säugetiere – unsere ganze Existenz bloß ihnen zu verdanken haben: Damit sie – die Bakterien – immer ein ausreichendes Nährmedium zur Verfügung haben. – Und das kann man nun wirklich “Intelligent Design” nennen.

4. Demgegenüber steht der “Unintelligent Design”:

In der Jungen Welt findet sich dazu heute ein Interview mit Alexander W. Busgalin über die Ursachen für den Zusammenbruch der Sowjetunion in Rußland nach 1990 und den Charakter der heutigen russischen Gesellschaft. Busgalin ist Professor für Politikwissenschaften an der Moskauer Staatlichen Universität und Chefredakteur des Internet-Jorunals “alternativy.ru”. In dem Interview führt er aus:

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde ein spezifischer Organismus geboren – der Stalinsche »Realsozialismus« oder, wie ich zeige, der »mutierte Sozialismus« –, der sich hinreichend gut an die Widersprüche Epoche anpaßte: die Spätzeit der Industrialisierung, der imperialistischen Konfrontationen und der Weltkriege. Er zeigte sich jedoch in der Form, die er ab Mitte der 1950er Jahre annahm – er blieb der Sache nach nach stalinistisch –, absolut unfähig, angemessen auf die Herausforderungen der Globalisierung und der Informationsrevolution zu reagieren.

Betrachten wir das einmal näher. Zu den Gründen für das Entstehen eines spezifischen ökonomisch-gesellschaftlichen Gebildes in unserem Land würde ich ein Phänomen zählen, das ich die »Falle des 20. Jahrhunderts« nenne. Worin besteht deren Wesen? Einerseits kollidierte die Welt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nach dem Ersten Weltkrieg mit der einsetzenden antikolonialen Bewegung im Osten und mit der Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Ordnung angesichts der quälenden Widersprüche des Imperialismus im Westen. Hier sei nur an den Kampf um den Acht-Stunden-Arbeitstag, um die Gründung freier Gewerkschaften und um ein Minimum an sozialer Sicherheit erinnert, also an Dinge, die für uns heute ein Attribut des Kapitalismus sind.

In diesem Sinn hatte Lenin völlig recht, als er das Buch »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« schrieb und vom Vorabend der Revolution sprach. Zur Lösung der zu Beginn des 20.Jahrhunderts entstandenen harten Widersprüche war eine sozialistische Revolution nötig. In diesem Sinn ist es kein Zufall, daß es nicht nur in Rußland, sondern auch in Ungarn, in Deutschland und im Osten gewaltige antiimperialistische Bewegungen und Revolutionen gab. Kein Zufall war auch der gewaltige Widerhall, den die sozialistische Revolution in Rußland in der Welt fand. Das läßt sich damit erklären, daß diese Eruption und ihre Auswirkungen den Wünschen der Menschen und ihren Bedürfnissen entsprachen. Ich möchte hier an jene klassischen Voraussetzungen der sozialistischen Revolution erinnern, die damals nicht nur von Lenin, sondern auch von Rosa Luxemburg und vielen anderen marxistischen Wissenschaftlern in ihren Arbeiten angemerkt wurden: die Vergesellschaftung der Produktion auf höchstem Niveau, die Konzentration des Kapitals, die Widersprüche des parasitären Finanzkapitals, das aggressive Wesen des Imperialismus, der den Ersten Weltkrieg und ein Reihe lokaler Kriege hervorbrachte, die gewaltige koloniale Unterdrückung.

Ich habe diese Voraussetzungen aufgezählt, weil ich es interessant finde, die damalige Situation mit der heutigen zu vergleichen. In der Spirale der Negation der Negation sind wir, durch die sozial-demokratische Periode in der Mitte des 20.Jahrhunderts hindurch, erneut in ein Stadium gelangt, welches dem oben geschilderten Zustand sehr ähnelt, aber ein qualitativ neues Niveau aufweist. Unser Jahrhundert ist gekennzeichnet durch das Entstehen eines neuen Proto-Imperiums des globalisierten Kapitals. Wir werden Zeugen des Beginns einer neuen Art von Rekolonialisierung der Welt. Dabei wird auch direkte, unverhüllte Gewalt angewandt wie in Jugoslawien, Afghanistan und im Irak. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille der Notwendigkeit der Entstehung einer neuen Gesellschaft.

Andererseits bestand die »Falle des 20. Jahrhunderts« darin, daß zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Voraussetzungen für eine qualitativ neue Gesellschaft weltweit kaum vorhanden waren, auch in Rußland nicht. Dabei bitte ich zu beachten, daß ich hier nicht nur von den materiellen Voraussetzungen, wie dem Niveau der Industrialisierung, dem Anteil der Arbeiterklasse an der Gesamtbevölkerung usw., sondern auch von anderen, gewöhnlich kaum beachteten Phänomenen spreche. Was die Stärke der Arbeiterklasse betrifft: Im rußländischen Imperium waren mehr als 80 Prozent der Bevölkerung mit agrarischer Handarbeit beschäftigt. Die meisten waren Analphabeten und Halbsklaven in einem militär-feudalen Regime.

So hat die Erfahrung der UdSSR besonders deutlich, wenngleich im negativen Sinn, gezeigt, daß eine neue Gesellschaft nur von den Leuten selbst und nur von unten geschaffen werden kann. Sie von oben, auf bürokratischem Weg zu errichten, ist völlig unmöglich. Die Schaffung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse – und nicht nur neuer Städte und Fabriken – durch die Menschen selbst und nur von unten, das nenne ich, in der Tradition der marxistischen Wissenschaftler, gemeinsames oder assoziiertes soziales Schöpfertum. Für solch eine assoziierte, gemeinsame Schöpfung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse und gesellschaftlicher Formen benötigt man aber die Erfahrungen des kollektiven, organisierten Kampfes der Werktätigen und ein hohes kulturelles Niveau.

Im Ergebnis entstand objektiv die Jahrhundertfalle: Die Notwendigkeit einer neuen Gesellschaft trat mit Gewalt hervor, während die Möglichkeit der Errichtung der freien kommunistischen Gesellschaft von unten, wenn es sie denn überhaupt gegeben hat, verschwindend gering war.

Nichtsdestotrotz haben die revolutionären Entladungen 1917 in Rußland und die folgenden Revolutionen in Ungarn und in Deutschland sowie die Befreiungsbewegung im Osten eine so ungeheure, von unten kommende soziale Energie freigesetzt, so daß wir uns in deren Gefolge, infolge der Sogwirkung dieser sozialen Eruptionen, relativ lange auf einer sozialistischen Bahn bewegten. Das Paradoxe an dieser mächtigen sozialen Energie war, daß halbgebildete Menschen, die über keinerlei Erfahrungen eines Lebens in einer Zivilgesellschaft verfügten, aus sich selbst heraus und von unten die Sowjets, die Organe der Arbeiterkontrolle, die Kommunen, neue Formen der gesellschaftlichen Organisation der Armee, bis dahin ungekannte kulturelle, sportliche und gesellschaftliche Initiativen schufen. Die Revolution zerschlug jene Barrieren und Eingrenzungen, die die menschlichen Talente hemmten. Sie legte bloß, daß unter den Soldaten und Bauern, unter den Arbeitern und in der einfachen Intelligenz eine bislang nicht für möglich gehaltene Anzahl von Talenten schlummerte, die dem Vergleich mit den größten Denkern der Menschheit standhielt. Ich betone noch einmal: Für ein wirkliches Massenschöpfertum von unten gab es nicht genügend Voraussetzungen. Von Anfang an verlief dieses soziale Schöpfertum, die Schaffung einer neuen Gesellschaft von unten parallel zur Entwicklung des bürokratischen Staat-Partei-Systems, aus welchem schließlich die Nomenklatura hervorging.

Im Ergebnis der Revolution mußte unser Land zwei Aufgabenblöcke lösen. Erstens jener, von dem auch beständig gesprochen wurde. Das waren die Beschleunigung der Industrieentwicklung, die Erneuerung der Landwirtschaft, die Schaffung neuer Technologien, die Elektrifizierung, die Entwicklung der zentralen Planung und die Nationalisierung. Das ist eine Seite. Dabei war es möglich und notwendig, nicht nur neue, sondern auch zeitgenössische moderne bürgerliche Formen zu nutzen. Das begann mit großen Körperschaften und Finanzinstituten und führte bis hin zu verschiedenen Formen des privaten Kleinhandels und -gewerbes.

Es gab jedoch einen zweiten Aufgabenblock, der wesentlich weniger im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Während beim obigen Komplex die Frage »Wer–Wen?« für den Bereich der Auseinandersetzung zwischen Staatssektor und Privatwirtschaft stand, ging es beim zweiten Komplex in der Frage »Wer–Wen?« um etwas ganz anderes. Das Kampfgebiet war hier die Sphäre des sozialen Schöpfertums. Hier ging es darum, wer für wen die neue Gesellschaft gestaltete. Erfolgte dies von unten durch die Werktätigen selbst oder durch den sich entwickelnden Überbau aus Staat, Bürokratie und Partei, die künftige Nomenklatur, die ihren Rückhalt im Konformismus der Massen und deren Kleinbürgertum fand? Während im ersten Komplex der staatliche Sektor, der sich rasch in einen staatsbürokratischen wandelte, den bourgeoisen besiegte, errang im zweiten die Nomenklatura, die staatsbürokratische Macht, den Sieg über die so­ziale Schöpferkraft der Werktätigen. Dieser Erfolg war jedoch nicht endgültig und erwies sich schließlich als Pyrrhussieg. Der Nomenklatura, die wie ein Krebsgeschwür die soziale Schöpferkraft des Volkes zerstörte, ging es wie dem Krebs. Wenn er den Körper, den er befällt, zerstört hat, dann stirbt er selbst. An einer Leiche kann man nicht mehr schmarotzen.

Das sind die Gründe, warum in der UdSSR im Ergebnis der nicht aufgehobenen Widersprüche dieser »Falle des 20. Jahrhunderts« ein System mit einem gewaltigen inneren Potential der Degeneration und Zerstörung entstand. Hier wirkten vor allem die Widersprüche zwischen dem stets vorhandenen sozialen Schöpfertum auf der einen Seite und der ständig wachsenden, mächtigen und sich selbst genügenden Staats-Partei-Nomenklatur auf der anderen Seite.

5. Zur selben Zeit passierte in Deutschland Folgendes:

Während Friedrich Ebert infolge der Novemberrevolution Reichskanzler wurde, würgte Gustav Noske in Kiel bereits als verräterischer Sprecher der revolutionären Matrosen den Initialaufstand ab. Wenig später ließen die beiden schon die überall in Deutschland revoltierenden Arbeiter von ultrarechten Freikorpssöldnern zu hunderten erschießen. Die SPD verhielt sich – einmal an die Macht gekommen – genauso wie zur selben Zeit die Bolschewiki in Russland, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass die “Freikorps” der letzteren rote Partisaneneinheiten waren, während die von diesen Ermordeten sich Nationalisten, Weiße und ausländische Interventionstruppen nannten. Zu Recht wurde deswegen die SPD, nachdem “ihre” Freikorps sich zu SA und SS umformatiert hatten, als Sozialfaschisten beschimpft. Ebert und Noske haben der NSDAP direkt den Weg gewiesen. Als miese faschistische Kleinbürger, denen die Generäle, die adligen Offiziere und die rechten Unternehmer näher standen als die Arbeitermassen – weil sie zu dieser kurz vorher noch herrschenden Schicht dazugehören wollten. Wir kennen dieses Phänomen noch heute – vielleicht sogar noch häufiger als damals: Fast täglich verrät ein führender Sozialdemokrat und/oder Gewerkschafter seine “Basis”, die ihn als ihren Interessensvertreter gewählt hat. Für Helmut Schmidt war Noske ein vorbildlicher Sozialdemokrat. Das meinte diese Drecksau allen Ernstes! Man lese dazu noch einmal Sebastian Haffners so außerordentlich kluges Buch über den “Verrat” der Sozialdemokratie 1918-1920, während die “Massen” ein wirkliche Revolution vollbrachten, die die Sozis mehrmals blutig niederschlugen. Haffner zitiert in seinem Buch abschließend den Sozialdemokratischen Historiker Franz Mehring, der an gebrochenem Herzen starb, er meinte 1919 über Ebert/Noske: “Tiefer ist noch keine Regierung gesunken”. Ähnlich äußerte sich kurz zuvor der von Noskes Schergen 1919 in München ermordete Anarchokommunist Gustav Landauer:

“In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei.”

Vor einiger Zeit leisteten sich die Sozis wieder mal etwas derart Saudämliches, dass es einigen Sozialforschern zu viel wurde:
Mit dem Begriff der “Unterschicht”, schreiben die Autoren einer Aufsatzsammlung über die “‘Armen’ in Geschichte und Gegenwart”, sind wir “auf durchaus kuriose Weise an den Anfang der organisierten Sozialforschung zurückgekehrt.” Mit dem Unterschied, dass man damit – am Ende des 19. Jahrhunderts – ein “strukturelles Problem” thematisierte, während man heute – in der Diskussion über die Ende 2006 veröffentlichte Studie “Gesellschaft im Reformprozess” der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung – eher Einzelne – “sozial Schwache” – im Visier hat: “Menschen, die es schwer haben”, wie SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering erklärte, denn “es gibt keine Schichten in Deutschland” mehr. Wieso sagte er so einen Quatsch – just da wieder von “Klassenspaltung” die Rede ist und ein allgemeiner “Linksruck” sich bemerkbar macht?

Bereits ab den Fünfzigerjahren versuchte die bürgerliche Sozialforschung mit ihrem “Schichtenmodell” dem marxistischen Klassenbegriff und damit dem Klassenkampf entgegenzuwirken. Während man in der Arbeiterbewegung von einer “Kluft ohne Brücke” (zwischen Arbeit und Kapital) ausging – und sich deswegen u.a. eigene (Schulungs-) Institutionen schuf, sprach man in der Soziologie von Aufstiegschancen, die es zu verbessern und von “Bildungsferne”, die es zu beheben galt. Tatsächlich wurden dann mit der SPD-Regierungsbeteiligung ab 1971 massenhaft Jungarbeiter, Kindergärtnerinnen und Krankenschwestern über das “Begabtenabitur” und den “Zweiten Bildungsweg” an die Universitäten gebracht und gleichzeitig ein Dutzend neue “Reformunis” gegründet, in denen sich auch noch die marxistischen Rädelsführer aus der Studentenbewegung als Professoren reintegrierten.

Aber nun, nach dem Ende des Kommunismus, geht es wieder genau andersherum: um Elitenbildung, Trickle-down-Effekte und individuelle Fähigkeiten. “Konsequenterweise sieht das aktuelle sozialpolitische Programm auch ausschließlich die Bekämpfung der Muster der Lebensführung (Alkohol, Nikotin, Fast Food, Unterschichtfernsehen usw.) vor, nicht aber die Veränderung der strukturellen Rahmenbedingungen,” schreibt der Mitherausgeber des Aufsatzbandes über die “Unterschicht”, Rolf Lindner, Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität. Dieses “Programm” soll, ähnlich wie seinerzeit der soziologische Ziel-Begriff einer “nivellierten Mittelschichtgesellschaft”, der aktuellen “Wiederkehr der Klassengesellschaft” entgegenwirken.

Laut Ebert-Studie kann man inzwischen 4% der westdeutschen und 25% der ostdeutschen Bevölkerung (objektiv) zum “abgehängten Prekariat” zählen. Annähernd doppelt so viele begreifen sich jedoch (subjektiv) als “Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung” und “gesellschaftlich ins Abseits geschoben”. Von dieser “sozialen Selbsteinschätzung”, die Pierre Bourdieu als “vergessene Dimension des Klassenkampfes” bezeichnet hat, handelt der Beitrag des Wiener Soziologen Sighard Neckel. Den Anfang ihrer Erforschung machten westdeutsche Soziologen Ende der Fünfzigerjahre mit einer Studie zum “Gesellschaftsbild des Arbeiters” – in der alle befragten Arbeiter “die Gesellschaft als Dichotomie” (gespalten) begriffen, allerdings ohne dabei ein Gefühl “eigener Machtlosigkeit” zu haben. Im Gegenteil war ihr “Leistungsbewußtsein” derart ausgeprägt, dass sie eher “die da oben” – Angestellte und Unternehmer – als graduell unnütz, mindestens unzulässig privilegiert begriffen. Für die Soziologen wurde diese “Vorstellung eines kollektiven Lebensschicksals” noch dadurch begünstigt, dass damals in der “Arbeiterschaft realistische Chancen für berufliche Mobilität und sozialen Aufstieg weitgehend fehlten”. Das änderte sich mit anhaltender Wirtschaftskonjunktur, den “Gastarbeitern” und der sozialdemokratischen Bildungsreform. Im Endeffekt zählten sich bis in die Achtzigerjahre “immer größere Gruppen der westdeutschen Bevölkerung – mit Werten bis zu über 60%” – zur Mittelschicht. Diese “symbolische Flucht aus der Arbeiterschaft” endete jedoch laut Neckel mit dem wiedervereinigten Deutschland “im Verlauf der 1990er Jahre” (man spricht bereits von einer “Refeudalisierung” der gesellschaftlichen Verhältnisse). “An die Stelle der Zurechnung von Leistungen treten zunehmend fatalistische Deutungsmuster.” Und “aus dem kollektiven Empfinden gesellschaftlicher Benachteiligung ist eine gefühlte Abwertung geworden, welche die Individuen hauptsächlich für sich allein zu bewältigen haben.” Die Autoren des Unterschicht-Bandes analysieren weniger die ökonomischen als die sozio-kulturellen Veränderungen: Früher mußte die Stadt die vom Land Vertriebenen integrieren, d.h. die Arbeiterfrage lösen. Aus Arbeiter wurden dann Arbeitnehmer, meint der Berliner Sozialwissenschaftler Martin Kronauer. Dabei lösen sich die Arbeiterviertel und -milieus langsam auf. Mit dem Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft gerät die “‘Integrationsmaschine Stadt’” vollends “ins Stocken”. Kronauer bemerkt dabei eine Heterogenisierung – hervorgerufen u.a. durch “gegenläufige Bewegungen von Aufstiegs- und Abstiegsmobilität innerhalb der einheimischen Arbeiterschaft und dem Zuzug von Migranten.” Statt in sozialen Kämpfen und kollektiver Selbstorganisation bearbeitet nun eine Vielfalt sozialstaatlicher Institutionen die “individualisierte Klientel der Armen und Arbeitslosen”. Aber “sie droht leer zu laufen”, zur bloßen “Verwaltung von Randständigkeit und Exklusion zu werden, statt diese aufzubrechen und zu überwinden.” Kronauer spricht hierbei von einer “neuen Qualität der Exklusion”, denn diese muß nun “als Ausgrenzung in der Gesellschaft verstanden werden.” Ausgangspunkt und Grundlage” dafür ist jedoch nicht mehr die Stadt, “sondern die verstädterte Gesellschaft im nationalen und zunehmend transnationalen Maßstab.” Zudem ist die “Ausgrenzungserfahrung” inzwischen eine “radikal individualisierte Erfahrung. In einer Gesellschaft, die mehr denn je ihren Klassencharakter dementiert und der individuellen Entfaltung freie Bahn zu geben verspricht, diese aber auch verlangt, ist es den daran Scheiternden auch noch versagt, jemandem oder etwas anderem eine Schuld zuzuweisen als sich selbst.” Das Ergebnis ist Ohnmacht und Resignation oder wütende Rebellion. Kronauer zitiert dazu abschließend Abdel Khader, einen “gewaltbereiten Jugendlichen” aus den französischen Banlieues, der ihre Revolte auf einer Tagung des Centre Marc Bloch und der Bauhaus-Universität Weimar über “Urbane Gewalt und Jugendproteste” wie folgt erklärte: “Die Revolution war die einzige Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen. Wir hatten Dinge zu sagen, aber wir wußten nicht, wem.”

In weiteren Aufätzen beschäftigt sich der Bourdieu-Schüler Loic Wacquant mit der “Verelendung des Ghettos”, die mit der “Zerstörung der Industriearbeit in Gang gesetzt” wurde. Der Wiener Kulturwissenschaftler und Mitherausgeber der Aufsatzsammlung Lutz Musner fragt in seinem Beitrag “Leben jenseits der Arbeitsgesellschaft”, warum die “Wende zum Schlechteren” nicht “politisch bekämpft” wird – und macht dafür u.a. “die Krise der SPD und der Gewerkschaften” verantwortlich sowie den “Massenindividualismus, der das Individuum nicht mehr über gewachsene kulturelle Zugehörigkeiten definiert, sondern über die Teilnahme an einem kollektiven Konsum- und Warenangebot.” Dieses ist ebenfalls kurz davor, sich zu dichotomisieren: teure, geschmackvolle Lebensmittel im Bio-Supermarkt für die einen und billiger, lebensmitteltechnischer “Junk-Food” bei Lidl und Penny für die anderen. Schon hat erstmalig in der Geschichte die Anzahl der zu viel und zu schlecht essenden “Übergewichtigen” die Zahl der zu wenig essenden “Hungerleidenden” auf der Erde übertroffen. Noch mal gefragt: Was tun?

“Unterschicht – Kulturwissenschaftliche Erkundungen der ‘Armen’ in Geschichte und Gegenwart”, herausgegeben von Rolf Lindner und Lutz Musner, Rombach Verlag, Freiburg 2008

6. “Die gefährlichen Klassen” (Friedrich Ebert über Arbeiter und Bauern. Allein dass die SPD eine Friedrich-Ebert- und keine August-Bebel-Gesellschaft hat, zeugt von völliger Machtverrohung und -verkommenheit)

“Pöbel oben, Pöbel unten!” (F.Nietzsche)

Die Anti-Hartz-IV-Aktivisten der Gruppe “Anders Arbeiten” veranstalteten am 19.April eine Diskussion über die “Marginalisierten – Am Rande der Gesellschaft”. U.a. berichtete dort der Kreuzberger Pfarrer Peter Storck über seine Erfahrungen mit Obdachlosen, die er für “relativ überlebensfähig und sehr eigensinnig” hält – und deswegen als “Avantgarde” begreift (ähnlich schätzte ich in der JW am 19. April die “Zigeuner” ein). In den Zwanzigerjahren ließ sich Gregor Gog bei seiner Organisationsarbeit unter “Landstreichern” ebenfalls von solchen Überlegungen leiten. Und noch in den Achtzigerjahren gab es in Italien eine Art Netzwerk von jungen Obdachlosen, die sich stolz “streunende Hunde” (cani scolti) nannten. In bezug auf die Hartz-IV-Betroffenen gab eine Diskussionsteilnehmerin aus einer Friedrichshainer Arbeitsloseninitiative jedoch zu bedenken: “Wir stellen uns die Erwerbslosen immer zu homogen vor. Alle gehen anders mit ihrer Arbeitslosigkeit um. Man kann sie nicht einfach mobilisieren.” Die darauffolgende Diskussion kreiste dann leider allzu theoretisch um den Begriff der “Überflüssigen”, es sei deswegen hier noch einmal historisch etwas ausgeholt…

In seiner “Geschichte des Abfalls der Niederlande” besang Friedrich Schiller 1788 den Aufstand der Geusen, “wo die Hülfsmittel entschlossener Verzweiflung über die furchtbaren Künste der Tyrannei in ungleichem Wettkampf siegten”. Dass dabei von den bilderstürmerischen Unterschichten auch viele gutes, d.h. teures Porzellan zerschlagen wurde, verzieh er dem “Pöbel” – der “vile multitude” – jedoch nicht. Ähnlich schillernd äußerte sich dann auch Marx über das “Lumpenproletariat” – und seine zwielichtige Rolle in der Arbeiterbewegung. Dessen Hang zur Käuflichkeit und Verräterei wird von ihm jedoch nurmehr am Rande vermerkt. Ausführlicher haben sich später die Bolschewiki mit diesem “Rand” beschäftigt: Das Subproletariat ( die Kriminellen, Tagelöhner und Obdachlosen) galt ihnen als “klassennahe”, wohingegen sie die Intelligenz als zwielichtig-schwankende Zwischenschicht begriffen. Alexander Solschenizyn, der, wie viele andere Gulag-Häftlinge, unter den Kriminellen litt, die mit den Bewachern fast eine Art Doppelherrschaft in den Lagern ausübten, hat ihre “romantische Haltung” gegenüber den asozialen Verbrechern scharf kritisiert, sie jedoch als alte russische Verblendung begriffen, die bereits mit Puschkin begann. Auch in England beschäftigte man sich lange Zeit mit diesem “Mob” (mobile people) – jedoch nicht aus romantischen Gründen, sondern aus lauter Angst des Bürgertums vor den “gefährlichen Klassen”, deren Wohngebiete als Brutstätten von Hass, Gewalt, Alkoholsucht und Seuchen galten.

In den USA entstand aus dieser Sozialhygieneforschung eine Art Aktionssoziologie, berühmt wurde dabei die Chicagoer Schule von Robert E. Parks, deren Forschungsansätze später von Pierre Bourdieu aufgegriffen wurden sowie von den “Europäischen Ethnologen” an der Humboldt-Universität um Rolf Lindner, der darüber zuletzt das Buch “Walks on the Wild Side” veröffentlichte. Auch politisch wurden in Amerika die “Randgruppen” aufgewertet – u.a. von Herbert Marcuse: Die Arbeiterklasse war nach ihm reformistisch integriert und deswegen vielleicht nur noch die prekär beschäftigen und diskriminierten Farbigen zur Rebellion fähig. Die daraus folgende “Randgruppenstrategie” machte sich die westdeutsche Studentenbewegung zu eigen, d.h. man kümmerte sich vermehrt um Knackis, desertierte schwarze GIs, Drogenabhängige und vor allem Trebegänger (entflohene Heimjugendliche), die in den vernetzten Kommunen und WGs Unterstützung und Unterkunft fanden, wobei sich die beiden “Scenen” trotz Rückschlägen (u.a. Diebstähle) langsam vermischten, weil gleichzeitig auch immer mehr mittelschichtige Linke in den Knast kamen, von Drogen abhängig oder Landstreicher auf Zeit wurden.

Erst begriff man alles Private als politisch, dann wurde auch neobolschewistisch der Unterschied zwischen kriminell und politisch verwischt, wobei man Verbrechen zum Zwecke der individuellen Bereicherung und des sozialen Aufstiegs solchen gegenüberstellte, die aus guten moralischen und politischen Gründen verübt wurden. Zu letzteren zählten Raubdrucke, Ladendiebstähle und die Ohrfeige, die Beate Klarsfeld dem Altnazi Kiesinger verabreichte, ebenso wie die Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch die RAF oder die Briefbomben des UNA-Bombers Theodore Kaczynski in Amerika. Dennoch wurde immer wieder zur Vorsicht im Umgang mit subproletarischen Sympathisanten geraten, denn Polizei und Staatsschutz rekrutierten ihre V-Leute und Provokateure ebenfalls aus diesem “Rand”, woran neuerdings noch einmal in dem Buch “Spitzel” von Markus Mohr und Klaus Viehmann erinnert wird. Sie beschäftigten aber auch schon die russischen Sozialrevolutionäre ab Mitte des 19. Jahrhunderts. So hielt die berühmte Ex-Terroristin Vera Sassulitsch z.B. einen Vortrag über den umstrittenen Mörder und Verschwörer Netschajew, den sie – ähnlich wie heute Andreas Baader – ob seiner amoralischen Rigorosität als nicht zu ihnen gehörig begriff. Besonders drängend wurde das “Verräter”-Problem unter den antifaschistischen Widerstandskämpfern im Zweiten Weltkrieg. So berichtet z.B. Hans-Peter Klausch in seinem Buch über die Bewährungsbataillone “Die 999er” von vielen Fällen, da eine Gruppe, meistens Kommunisten, die zum Feind überlaufen wollte, von Kriminellen verraten wurde, was jedesmal ihre Erschießung zur Folge hatte. Die Kriminellen wollten damit ihre “Wehrwürdigkeit” und andere bürgerliche Rechte wiedererlangen. Es gab jedoch auch immer wieder welche, die sich den Überläufern anschlossen.

Der Klavierstimmer Oskar Huth, der während des Krieges zwanzig untergetauchte jüdische Familien in Berlin mit Lebensmitteln versorgte, berichtet demgegenüber: “Wer wirklich Leute versteckte, das waren die Proletarier untereinander. Die Ärmsten halfen den Armen. Und die Leute, die wirklich Möglichkeiten hatten – da war nichts, gar nichts.” Zu den Hilfswilligen zählten auch Subproletarier. Heute kann man fast sagen, dass diese und andere “Arme” aufgrund ihrer langen Erfahrungen mit Bedrängnissen aller Art, aber auch wegen der anhaltenden Bemühungen von Kirchen, Gewerkschaften und Arbeiterbewegung um sie, eher zu viel Religion und Moral haben – sonst wären sie nicht arm!

Umgekehrt haben die in dieser Hinsicht so lange vernachlässigten “Reichen”, zumal nach Ersetzung des protestantischen Unternehmers durch durchtriebene Manager und dubiose Politprominenz einen derartigen Grad von Glamour und Amoralität erreicht, dass sie eigentlich jeder Art von Sozialbetreuung bedürfen. Der prominente Anwalt Jonny Eisenberg sprach einmal, durchaus selbstkritisch, von “Reichtumsverwahrlosung”, die viel schlimmer als die Armutsverwahrlosung sei, weil man ihr mit Geld nicht beikommen könne. An solche Leute dachte ich im übrigen, als ich in der JW am 2.3. und 3.3. in einer JW-Rezension des “mg”-Artikels über “Guerilla oder Miliz?” im Zusammenhang der Studentenbewegung davon sprach, dass sich ihr, im Maße sie Mode oder Mainstream wurde, immer mehr “Gesindel” anschloß – also “Reiche” (karrieristische Juristen, demagogische Politiker und intellektuelle Trittbrettfahrer). Solschenizyn erwähnt in seinem “Roten Rad” die zaristischen Offiziere, die, nachdem man etliche von ihnen erschlagen hatte, schnell lernten, “auf der Welle der Revolution zu surfen”, d.h. sich an die Spitze der Bewegung ihrer Truppen zu stellen. Erst der “Befehl Nummer 1″ des Petrograder Arbeiter- und Soldatenrats stoppte diese fatale Entwicklung.

Von den durch die Studentenbewegung anfänglich bedrängten Professoren gab es ebenfalls nicht wenige, und zwar die ekelhaftesten, die sich sogleich an die Spitze der Rebellion setzten – und heute natürlich zu den schärftsten “68er-Kritikern” gehören. Die “mg” meinte in ihrer Antwort am 8.4., ich hätte mit diesem “Gesindel” den Teil des Lumpenproletariats gemeint, der sich der Linken anschloss: weit gefehlt! Links sein heißt für mich: nach unten ducken und nach oben treten! Und Rechts sein: nach unten treten und nach oben ducken! Was nach Zerschlagung der großen Industrie und den Resten der Arbeiterbewegung sowie des bereits tabuisierten Wortes “Unterschicht” immer wichtiger wird. Von Walter Benjamin stammt das Diktum “Immer radikal, niemals konsequent!” Deswegen sollte man nur von “Linksradikalen” einerseits und “Rechtskonsequenten” andererseits sprechen. Von letzteren stammt der Spruch: “Eure Armut kotzt mich an!”

7. Die Ich-Armee (“Zur Kritik der autoritären Arbeitsgesellschaft):

Frei nach Tolstoi könnte man vielleicht sagen: “Alle glücklichen Arbeitslosen ähneln einander, jeder unglückliche aber ist es auf seine eigene Art”. Damit wäre dann nicht nur erklärt, warum sich die Arbeitslosen trotz zunehmender staatlicher Repression so schwer organisieren lassen, sondern auch, warum die Gewerkschaften sich höchstens verbal für sie einsetzen: Kaum haben die großen Maschinen, an die sie gebunden waren und die ihre Interessen kollektivierten, sie ausgespuckt, schon grämt sich jeder auf eigene Faust. Nur die wenigsten – politisierten zumeist – sind darüber glücklich, dass der Gesellschaft langsam die Arbeit ausgeht. Und diese waren es auch wohl, die sich am 23. Juni im Kreuzberger “Kato” zum Thema “Terror der Arbeit” versammelten. Der Saal war voll, aber sowohl auf dem Podium wie im Publikum mangelte es an Ideen und Schwung, wie man der um sich greifenden “autoritären Einschüchterung” und “Hetze gegen Faule” entgegentreten könnte. Robert von der Initiative “Anders arbeiten oder gar nicht” meinte, “die Arbeitsgesellschaft entwickelt sich schier zu einer Schreckensherrschaft”. Harald vom “Antihartzbündnis Rhein-Main” konkretisierte: “Forciert wird das dadurch, dass immer mehr Leute ihren Leistungsanspruch verlieren”. Ziel der Ämter sei es, “durch eine “höhere Kontaktdichte mehr Sperrzeiten zu verhängen”.

Guillaume von den “Glücklichen Arbeitslosen” zitierte Nietzsche: “Arbeit ist die beste Polizei”, er hätte auch an Heiner Müller erinnern können “Wer Arbeitslosigkeit hat, braucht keine Stasi” – und kam dann noch einmal auf die zwei Ausgangsfragen seiner Gruppe zurück: “Wie wollen wir leben? Und was hindert uns daran?” Auf die Frage, ob das Konzept “Glückliche Arbeitslose” nicht elitär sei, antwortete Guillaume: “Nein! Entweder ist man vom Markt oder vom Staat abhängig oder von beidem. Wenn der Sozialstaat abgebaut wird, müssen wir uns eben was Neues einfallen lassen”. Dazu hatte bereits Alexander Solschenizyn Entscheidendes beigesteuert: “Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen, sondern immer weniger zum Leben zu brauchen”. Harald aus Frankfurt kam daraufhin noch einmal auf die Widerstandsformen gegen den Leistungsabbau zu sprechen, die kaum vorhanden – und erst recht nicht “schlagkräftig” seien. Das läge 1. an den Gewerkschaften, die diesbezüglich nur Scheinaktivitäten entfalten würden; 2. am Sozialverband VdK, der sich sogar für Sozialhilfekürzungen einsetze; 3. an den Arbeitern und Angestellten, die sich nie an Aktionen von Arbeitslosen beteiligen würden (nur umgekehrt funktioniere es); 4. an den linken Gruppen (wie Antifa, Attac, Frauen etc.), die partout nicht zusammen kämen und 5. an den Arbeitslosen selbst, die schwer zu mobilisieren seien. Dennoch gäbe es keinen Grund zu verzweifeln: “Mit der Agenda 2010 wird den meisten nichts anderes übrig bleiben, als sich kollektiv zu wehren!”

Anne von der Initiative “Anders arbeiten…” zählte dazu noch einmal alle Berliner Aktivitäten seit dem vergangenen Jahr auf: von den Veranstaltungen des Antihartz-Bündnisses über eine “Sklavenversteigerung” und der “Ich-Armee-Demo” vorm Estrel bis zur Initiative Berliner Bankenskandal. – Mit der dann im übrigen am 24. 6. eine Diskussion im Haus der Demokratie stattfand, wo es u.a. um jene 380.000 unglücklichen Bundesbürger ging, die von den Banken mit einer unvermietbaren Eigentumswohnung ins Elend gestürzt wurden und seitdem darum kämpfen, dass die Geldinstitute diese Scheißimmobilien wieder zurücknehmen. Einige haben sich bereits aus Verzweiflung das Leben genommen, andere bekommen bei jedem Inkasso-Schreiben Panikattacken. Man kann einen Menschen mit einer Eigentumswohnung erschlagen wie mit einer Axt! Auch das gehört noch zum “Terror der Arbeit”, denn die überschuldeten Besitzer der Immobilien besaßen beim Kauf noch alle einen festen Arbeitsplatz.

8. Infame Infantilisierungsstrategien der Spezialdemokraten:

Besonders gemein war die Infantilisierungsstrategie der Gewerkschaften bei der “Ostdeutsche Betriebsräteinitiative”, Psychiater würden sie als “Double-Bind” bezeichnen: Einerseits wurde sie in Wort und Tat von IG Metall, IG Chemie usw. bekämpft, Walter Momper von der SPD gründete sogar eine Gegen-Betriebsräteinititative, andererseits wurde sie vom DGB mit Räumen und Briefmarken unterstützt. Die Betriebsräteinitiative hatte es gewagt, ohne die Funktionäre zu fragen, sich selbst zu organisieren – DDR-weit und branchenübergreifend. 1994 waren die Betriebsräte davon derart zermürbt, dass sie sich wieder zerstreuten.
Dem Betriebsratsvorsitzenden des Batteriewerks Belfa in Schöneweide wurde dann – sofort nach der Privatisierung seiner Firma durch zwei Münchner Schnullis – gekündigt, mit der Begründung: “Wir brauchen Sie nicht mehr, Herr Hartmann, der Klassenkampf ist beendet!” (inzwischen ist auch sein Werk dicht). Als Nachrücker von Stefan Heym gab Hartmann daraufhin ein kurzes PDS-Gastspiel im Bundestag – und wurde dann arbeitslos. Der Betriebsratsvorsitzende von Krupp Stahlbau Karl Köckenberger schaffte sich ein zweites Standbein an – indem er vier Kinderzirkusse namens “Cabuwazi” gründete. Dafür bekam er gerade das Bundesverdienstkreuz am Bande. In Ostberlin wurde erst die Firma “B-Stahl” abgewickelt und dann auch Krupp Stahlbau: Kurz vor Fertigstellung des letzten Großauftrags rückte um Mitternacht die Geschäftsführung mit Lkws an, um heimlich alle Teile und Maschinen nach Hannover zu schaffen. Der Belegschaft und Köckenberger gelang es zwar noch, den Abtransport mit einer Menschenkette zu verhindern. “Aber danach war trotzdem Schluss!” Ähnlich kriminell ging es auch bei der Elpro AG in Marzahn zu, einst eines der DDR-Vorzeigeunternehmen. Beim Versuch, sich gegen den Plattmachwunsch von Siemens zu wehren, landeten am Ende einige Geschäftsführer vor Gericht und einer im Knast. Und die Elpro AG wurde immer kleiner, irgendwann war sie so gut wie verschwunden – ihr Betriebsrat Jürgen Lindemann wurde arbeitslos. Zudem hatte er sich wie auch Hanns-Peter Hartmann von seiner BR-Abfindung eine Eigentumswohnung in Kassel zugelegt, die unvermietbar war, so daß er bald auch noch einen Haufen Schulden hatte. Heute ist er in der Initiative Berliner Bankenskandal aktiv.

Der Betriebsratsvorsitzende von Narva, Michael Müller, ein gelernter Schweißer, kuckte sich erst in Lateinamerika nach einem Job auf einer Finka um, dann nahm er jedoch eine Stelle als Hausmeister auf dem ehemaligen Narva-Gelände, das jetzt “Oberbaum-Citty” heißt, an. Zwei seiner Kollegen in Oberschöneweide, vom Kabelwerk (Aslid) und vom Transformatorenwerk (Tro), versuchten der Abwicklung ihrer Werke mit kleinen Ausgründungen zuvor zu kommen: beide scheiterten. Der eine verschwand, der andere wurde verrückt. Unauffindbar ist auch der ehemalige Betriebsratsvorsitzende von Orwo, Hartmut Sonnenschein, der aus Wolfen wegzog, sowie der Betriebsratsvorsitzende der DDR-Reederei DSR, Eberhard Wagner: Angeblich soll er jetzt in Bremerhaven für eines der dortigen Forschungsschiffe verantwortlich sein. Die zwei weiblichen Betriebsräte des Werks für Mikroelektronik in Frankfurt/Oder fanden Jobs in einem Sozialbetrieb. Ähnlich hat sich auch der Betriebsratsvorsitzende der Kaligrube von Bischofferode, Gerhard Jütemann, der bis 2002 für die PDS im Bundestag saß, umorientiert, nebenbei züchtet er noch Tauben.

Der Betriebsratsvorsitzende des Werks für Fernsehelektronik in Oberschöneweide, Wolfgang Kippel, pflegte nach der Übernahme des WF durch Samsung zu sagen: “Wer es schafft, bei Samsung reinzukommen, der verlässt den Betrieb als Rentner.” Aber dann machte der koreanische Konzern das Werk doch plötzlich dicht. Einer der nie so optimistisch war, aber dennoch immer noch als Betriebsrat wirkt, ist Gerhard Lux. Er arbeitet in einem AEG-Werk in Marienfelde. Auch die AEG wurde inzwischen abgewickelt, aber sein Betriebsteil übernahm ein französischer Konzern: “Wie lange das gut geht, weiß ich nicht,” meinte er auf der letzten 1.Mai-Demo der Gewerkschaften. Und schlug dann ein Treffen aller bis 1994 in der ostdeutschen Betriebsräteinitiative Engagierten vor. Die o.e. sind nur ein Teil davon und selbst bei ihnen fehlen uns Adressen und teilweise sogar die Namen.

9. Zurück zu den Amöben…:

Nach Öko und Bio kommt jetzt EM. Es gibt bereits EM-Kaffee, EM-Gemüse, EM-Erdbeeren, EM-Äpfel, Käse aus Milchviehhaltung mit EM, EM-Eier, EM-Fisch, EM-Fleisch, EM-Wurst, EM-Wein – und demnächst EM-Bier sowie -Limonade. EM ist eine Lösung aus Zuckerrohrmelasse, von und in der “genau definierte” Milchsäuremikroben, Hefepilze und Photosynthesebakterien leben. Und EM steht für “Effektive Mikroorganismen”. In den Handel gelangt diese “braune Flüssigkeit” in Flaschen oder Kanister mit dem “internationalen Zeichen EM1″. Es ist eine Art Mikroben-Cocktail. Zur Anwendung gelangt EM1 in Form von EMa: Dabei handelt es sich um eine “Vermehrung keine Verdünnung” von 1 Liter EM1 zu 33 Liter EMa – binnen einer Woche bei 35-38 Grad Celsius.

Anwenden kann man dieses Konzentrat dann nahezu überall: auf Feldern, in Wäldern, auf Wiesen und Äckern, im Stall und in der Küche. Alles wird dadurch besser: die Lebensmittel schmecken intensiver, die Milch der Kühe ist haltbarer, die Tiere sind gesünder. Darüberhinaus gibt es noch viele weitere “EM-Lösungen”: Sie werden regelmäßig auf den Webseiten des “EM e.V.” und in den “EM-Journalen” vorgestellt. Was diese zusammengewürfelten aber kooperierenden Haufen von Bakterien und Pilzen nicht alles können? Sie “steigern die Qualität der Lebensmittel signifikant, indem sie mehr als herkömmliche Lebensmittel so genannte Freie Radikale binden” (das sind kurzlebige aber aggressive, sauerstoffhaltige Verbindungen mit einem freien Elektron, die verschiedene Vorgänge in den Zellen stören bzw. schädigen). Darüberhinaus sind sie in der Lage, “den Düngemittel-, Fungizid-, Insektizid- und Herbizit-Aufwand drastisch zu reduzieren, wenn nicht überflüssig zu machen.” Sie versetzen hauseigene Kläranlagen in einen “gepflegten Zustand” (wenn man 1 Liter EMa auf 1 Kubikmeter zusetzt). Als feinen Biofilm auf Wunden gepinselt lassen sie diese schneller verheilen. In Freibädern eingegeben verbessern sie die Wasserqualität – so z.B. in bisher über 300 japanischen Schulbädern sowie im Hollfelder Freibad, wo das “Zentrum für regenerative Mikroorganismen in Franken ,Der lebendige Weg’ mit Sitz in Hollfeld” dieses “EM-Projekt” mit Rat und Tat begleitet. Darüberhinaus arbeitet man daran, quasi die ganze BRD mit EM-Beratungsstellen zu besetzen.

Deren Mitarbeiter erstellen vor Ort – z.B. in Sonderkulturbetrieben wie den Erwerbsobstbau – “eine PC-gestützte betriebswirtschaftliche Analyse, die auch den Einsatz von EM und die entsprechenden Kosten darstellt. Die Beratung zielt darauf, nicht den gesamten Betrieb von heute auf morgen auf EM-Anbau umzustellen, sondern zunächst auf dem gleichen Schlag eine EM-Variante einzusetzen. Wichtig ist dabei, gleiche Bedingungen zu schaffen. Gleicher Schlag, gleiche Sorte, bei mehrjährigen Kulturen gleicher Pflanzjahrgang.” Dann kann der Kunde vergleichen, ob der EM-Einsatz etwas gebracht hat – und sich gegebenenfalls darüber mit anderen EM-Anwendern austauschen: Allein in Österreich gibt es inzwischen 15 EM-Stammtische, in Berlin einen. Daneben Jahreshauptversammlungen, Vorträge, Konferenzen, Exkursionen usw. an wechselnden Orten.

Hinter diesen ganzen “breitenwirksamen” EM-Aktivitäten steckt die Erkenntnis, dass die Mikroorganismen nicht nur schädlich sind (Lebensmittel verderben, Krankheiten übertragen etc.), sondern auch überaus nützlich: Ja, ohne die etwa 2 Kilogramm Bakterien und Pilze an und in unserem Körper wären wir, Tiere und Pflanzen, überhaupt nicht lebensfähig. Mit den meisten sozusagen körpereigenen Mikroorganismen leben wir in seiner Symbiose und sie untereinander ebenfalls: “Geht es den Mikroben in uns gut, geht es auch uns gut”, so sagen es die EM-Berater. Mikrobiologen wie Lynn Margulis gehen noch weiter: Sie vermuten, dass sich diese Einzeller einst zusammengeschlossen haben, um einen Vielzeller – nämlich uns – zu schaffen, damit sie immer ein ausreichendes Nährmedium zur Verfügung haben. Der Biochemie-Nobelpreisträger Richard J. Roberts kam jüngst zu dem Ergebnis, dass 90% der Zellen in unserem Körper Bakterien sind.

Der japanische Professor für Gartenbau Teruo Higa, Begründer der EM-Bewegung und der “EM-Research-Organisation” (EMRO), unterscheidet dabei zwischen für uns guten und schlechten Mikroben: “Wo gute sind, können sich schlechte nicht ansiedeln.” Um die guten in Form von EMa auszubringen, kann man auf “EM-Technologie” zurückgreifen. Auf den EM-Webpages werden dafür auch immer wieder selbstgebastelte Geräte vorgestellt. Von Professor Higa kann man außerdem “Bokashi” beziehen, das ist Kompost, mit dem sich Blumen düngen lassen, der aber auch eine “gute Grundlage für die Tiere ist”. In ihrem Buch über “EM-Lösungen für Haus und Garten” erklären die Autoren, der Diplomlandwirt Ernst Hammes und die EM-Beraterin Gisela van den Höövel, die beide im EM-Zentrum Saraburin in Thailand ausgebildet wurden, wie man “Bokashi” aus den unterschiedlichsten organischen Abfällen selbst ansetzen kann. Außerdem geben sie Beispiele, wie ihre “effektiven Mikroorganismen” als EM-Mix u.a. im Haushalt verwendet werden können: bei der Wasseraufbereitung, beim Wäschewaschen, in der Spülmaschine und bei der Schnitt- bzw. Topfblumenpflege… Einige weitere EM-Einsatzorte sind: in “selbstgemachten Joghurts”, bei der Sanierung alter Sofas sowie bei alten Holzmöbeln und – flächendeckend – auf der ersten “EM-Apfelplantage” in Weissrussland. Dort wurden zuvor bereits beim Rübenanbau gute Ergebnisse mit EM erzielt: So stiegen die Ernteerträge von 350 Zentner pro Hektar auf 600-650, auch die Qualitätsziffern wurden deutlich besser: Der Zuckergehalt lag bei 17-18% und Stickstoff gab es halb so viel wie auf den Vergleichsflächen. Ähnlich erfolgreich ist die Teppichreinigung von Thomas von Stinissen in Wien: 2007 gewann er mit seiner dabei angewandten EM-Technologie den Umweltpreis “Energy Globe Austria.”

Die Brandenburger “Bauernzeitung” berichtete, dass EM bereits in über 120 Ländern genutzt werde, allein in Deutschland gab es Ende 2006 über 3000 EM-Bauern. In dem Artikel wird namentlich der Milchbauer Thomas Unkelbach aus Hergolding erwähnt, der täglich seine Ställe mit einem “EMa-Wasser-Gemisch” aussprüht und dessen Kälberverluste seitdem von über 20% auf unter 5% sanken. Ferner der Hühnerzüchter Bernhard Hennes aus Langenspach: Er installierte einen “Vernebler” für das “EMa-Wasser-Gemisch in seinem Legehennenstall – und wurde damit der Milbenplage Herr. Sowie ein Dr. Franz Ehrnsperger von der Neumarker Lammbräu, wo die “EM-Technologie in nahezu alle Betriebsabläufe integriert wurde”, das beginnt bereits bei der Behandlung des Saatguts. Weitere Erwähnung fand eine Gänsezüchterin im norddeutschen Lohne, Iris Tapphorn, bei der in der Elterntierhaltung dank EM-Einsatz die Darmerkrankungen erheblich zurückgingen. Gute Erfahrungen mit EMa wurden außerdem bei der Silierung von Mais gemacht – was nahe liegt, da es sich hierbei um ein Milchsäuregärungsverfahren handelt, das man mit den zugefügten “Milchsäurenmikroben” gewissermaßen “effektiviert”.

Den EM-Beratern ist am Verkauf ihrer Produkte gelegen, sie bemühen sich daneben aber auch um ein immer genaueres Verständnis der Wirksamkeit ihrer Mikroben-Konzentrate. Dazu verfolgen sie die Arbeiten der Mikrobiologen. Die Süddeutsche Zeitung faßte eine Forschungsarbeit der Biologin Susse Kirklund Hansen von der TU in Lyngby, Dänemark, zusammen: “Bevor Bakterien sich zusammenschließen, gibt es eine Art Absprache. Jedes Bakterium sondert Signalmoleküle aus, um seine Anwesenheit zu demonstrieren. Erreicht die Konzentration dieser Stoffe einen Schwellenwert, fangen die Keime mit der Schleimproduktion an. Dieses Kommunikationssystem wird als ,Quorum Sensing’ bezeichnet.” Die EM-Experten Hammes und Höövel gehen davon aus, dass die Mikroorganismen dabei über Elektronen kommunizieren: “Jede lebende Zelle strahlt ultraschwaches Licht aus.” Dieser Forschungsansatz geht auf den russischen Biologen Alexander Gurwitsch (1874-1954) zurück und wird heute insbesondere von dem Biophotonenforscher Fritz Albert Popp in seinem Institut in Kaiserslautern weiterverfolgt. Die FAZ berichtete jüngst von einer Arbeit an einem Washingtoner Institut mit in Gewässern lebenden Bakterien der Art Shewanella oneidensis. Diese übertragen ihre elektrischen Ladungen über Nanodrähte, mit denen sie sich untereinander verbinden und die oft Dutzende von Mikrometern lang sind. Ähnlich können auch Cyanobakterien (Blaualgen) solche “elektrisch leitfähigen Strukturen” ausbilden. Anderswo beobachtete man einen “Elektronentransfer per Stromkabel zwischen Mikroben unterschiedlicher Art”.

Während also hierbei das Kommunikations-Medium erforscht wird, geht es der Biologin Susse Kirklund Hansen in Dänemark und der deutschen Susanne Häusler (am Braunschweiger Zentrum für Infektionsforschung) um das (soziale) Zusammenleben der Mikroben: “Ihre Versuche zeigen, dass viele Bakterien im Biofilm nicht einfach nur viele Bakterien sind, sondern eine organisierte, kommunizierende Gemeinschaft, die sich nur schwer zerstören läßt” – und manche nach einiger Zeit ausschließt. Robert Kolter von der Harvard Medical School spricht von einer “Stadt der Mikroben”: Das “Leben im Biofilm ist wie eine multikuturelle Gesellschaft. Man sucht sich die richtige Wohngegend mit passenden Nachbarn, profitiert von der Arbeit der anderen und wenn es unerträglich wird, zieht man wieder weg.” So werden aus Bakteriologen Stadtforscher. Ironischwerweise begann die (soziologische) Stadtforschung einmal – in englischen Armenvierteln – unter bakteriologischem Vorzeichen: Es ging dabei um Hygiene – und üble Krankheitserreger (z.B. im Trinkwasser). Den EM-Experten geht es nun u.a. ebenfalls wieder um Hygiene, die sie jedoch nicht mehr mit keimtötenden Mitteln erreichen wollen, sondern im Gegenteil mit keimvermehrenden Maßnahmen – u.a. in Badezimmern, Autowaschanlagen, Abwassersystemen und Kochtöpfen. Wobei sie jedoch zu bedenken geben, dass für einen erfolgreichen EM-Einsatz eine “Offenheit im Denken” erforderlich ist. Im Grunde ist dieses Denken eine Ausweitung bzw. Konzentration der Ökologie auf den nichtsichtbaren Bereich.

So bezeichnet dann auch Steven Gill vom “Institute of Genomic Research” in Rockville, Maryland, die Bakterienflora im Darm z.B., wo 10 bis 100 Billionen Bakterien der unterschiedlichsten Art leben, als ein “Ökosystem” bzw. als ein “Mikrobiom, das gewissermaßen ein zweites Ich darstellt”. Zur Aufbereitung unserer Speisen ist die “Zusammenarbeit mehrerer Gruppen von Mikroorganismen in einer Nahrungskette erforderlich”. Die Berliner Zeitung schrieb über Gills Forschung: “Beim menschlichen Stoffwechsel läßt sich kaum auseinanderhalten, welchen Beitrag der Mensch und welchen die Darmflora leistet. Dass Mensch und Mikroben in enger Symbiose leben, ist seit langem bekannt. Und man weiß auch, dass die winzigen Bewohner dem Wirt mehr nützen als umgekehrt. Sie bauen unverdauliche Nahrungsbestandteile zu verwertbaren Nährstoffen um, versorgen den Körper mit Vitaminen, die er sich selbst nicht beschaffen kann, und sie halten Krankheiten sowie Entzündungen in Schach.” Der Spiegel befragte dazu 2005 den britischen Chirurgen und Bakteriologen Mark Spigelman: “Sie schlagen vor, Chirurgen sollten vor einer Operation die Hände in Lösungen aus gutartigen Bakterien, wie etwa solche aus Joghurt, tunken. Was ist so falsch an der Desinfektion?” “Nichts. Antiseptische Seife ist unsere beste Waffe im Kampf gegen Bakterien. Aber wenn ich das als Chirurg den ganzen Tag mache, komme ich am Ende aus dem OP und habe sämtliche normalen, nützlichen Hautbakterien auf meinen Händen abgetötet. Das schafft erst den Raum für die fiesen Keime, sich dort niederzulassen.”

Auf der menschlichen Haut leben rund 180 Bakterienarten. Die Mikrobiologin Zhan Gao und ihre Kollegen an der New York University haben kürzlich herausgefunden, dass sie sich dem individuellen Lebenswandel der Menschen anpassen: “Nur eine kleine Gruppe von harmlosen Hautbakterien bleibt einem Menschen treu, die meisten Bakterien sind bloß vorübergehend zu Gast. Ihr Gedeihen wird beeinflußt von Faktoren wie Wetter, Licht, Hygiene und Medikamenteneinnahme,” berichtete die Berliner Zeitung 2007. Grundsätzlich gilt jedoch das, was die EM-Experten für die Landwirtschaft sowie die Viehzucht empfehlen und der Biochemiker Richard J. Roberts dem Menschen: “Der einzige Schutz vor krank machenden, pathogenen Keimen ist die Besiedlung durch nicht krank machende Bakterien. Lactobacillus oder Bifidobakterien im Joghurt sind vor allem deshalb gesund, weil sie andere, pathogene, Bakterien fernhalten. Der Trick ist, jede ökologische Nische auf und im Körper mit unschädlichen Keimen zu besetzen. Übertriebene Sauberkeit schafft dagegen erst Leerräume für die Besiedlung durch wirklich gefährliche Keime.”

Ende 2006 berichtete der Spiegel über Tom Baars, dem weltweit ersten Professor für biologisch-dynamische Landwirtschaft an der Universität Kassel in Witzenhausen: Der holländische Anthroposoph verpasse dort vermeintlich “Okkultem” wissenschaftliche Weihen – warnte das Magazin und zitierte dazu gleich mehrere Wissenschaftler, die entsetzt waren, wie leichtfertig die renommierte Agrarfakultät sich damit dem “Esoterik-Verdacht” aussetze. Zum “Beweis” referierte die Spiegel-Hausbiologin Rafaela von Bredow eines der biologisch-dynamischen Verfahren: “Eine von Rudolf Steiners Erleuchtungen verdanken die Bauern etwa die Anweisung, Kuhhörner (von weiblichen Tieren, die schon einmal gekalbt haben) im Acker zu verbuddeln, gefüllt mit zerriebenen Quarzkristallen (nach Ostern mit Regenwasser zu einem Brei rühren!). Mars, Jupiter und Saturn heißt es, strahlten über solche ,kieseligen Substanzen’ von unten nach oben und verströmen ihre kosmischen Kräfte, indem sie auf Blütenfarbe, Frucht und Samenbildung wirkten. Nach ein paar Monaten Lagerzeit graben die Anthroposophenbauern die Hörner wieder aus und kratzen deren Inhalt heraus. Braucht nun etwa ein Tomatenbeet kosmische Zuwendung, verrühren die Landwirte eine winzige Menge davon in einem grossen wassergefüllten Faß. So ,dynamisiert’ der bäuerliche Alchemist das Wasser. Den fertigen Zaubertrank schleudert er dann mit Hilfe eines Handbesens in Tröpfchen über das Gemüse.” Fast genauso könnten auch die EM-Berater und -Bauern über die Herstellung und Anwendung ihres Bakterien-Konzentrats sprechen – nur dass sie im vergrabenen Kuhhorn, gefüllt mit Quarz (sie würden allerdings japanische Tonerde vorziehen) weniger die “kosmischen Kräfte” als vielmehr die “mikrobiotischen” am Werk sehen. Auch die “Dynamisierung” dieses Prozesses in wassergefüllten Gefäßen durch Rühren und Abstehen lassen, wäre ihnen nicht fremd, nur dass sie statt von Verdünnen von Vermehren sprechen würden. Was an den “EM-Technologien” eher noch mehr stört als an der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, ist die ständige Betonung der “Effektivierung” – aller Lebensvorgänge im Hinblick auf ihre marktwirtschaftliche Verwertung.

Zwar wird wohl zugegeben, dass dieses Geschäft auch und gerade das mikrobiotische Miteinander zerstört hat – auf den Äckern, Wiesen, in Gärten und Ställen, ja sogar in den Wohnhäusern und Körpern , aber wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll es mit einem weiteren Produkt – EM1 , das sich in seiner Warenform als “Allheilmittel” anpreist, und somit sämtliche “Fehlentwicklungen” monokausal erklären muß. Am Ende hat ihre Bakteriologie als angewandte Wissenschaft alle anderen ersetzt. Ist das schon “offenes Denken” – oder noch Teil einer “Biopolitik der Unsichtbaren”, von der die neuen Studien einiger Autoren, darunter der “Anthraxforscher” Philip Sarasin, über “Bakteriologie und Moderne” handeln? Sie beschränken sich darin auf die Geschichte der Verfolgung und Vernichtung der Mikroorganismen und verfolgen dabei die Wege zur allgemeinen Überzeugung, dass dies dringend notwendig sei – während die EM-Propagandisten uns nun genau das Gegenteil versprechen: einen Biofilm mit Happy-End.

21.05.2008

Hausmeisterkunst (254)

von Helmut Höge

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Stolz präsentiert diese englische Hausmeisterin einer zum Nestle-Konzern gehörenden Erdbeerfarm in Kornwall, die nur baltische Erntehelfer beschäftigt, ihren in der knappen Freizeit von den Balten aufgestellten “Poller Circle”. Photo: P.Grosse

21.05.2008

Weitere Genkritiker-Aktivitäten

von Helmut Höge

Die Gendreck-Weg-Aktivisten sind derart aktiv, auch mit ihren E-Mitteilungen, dass ich nicht weiß, bis zu welcher ich sie bisher eingeblogt habe…deswegen fahre ich hier fort mit der Mitteilung vom 10.4.:

* Feldbesetzung endet mit großem Erfolg
* FH Nürtingen verkündet das Ende der Genmaisversuche

Großer Jubel brach gestern auf dem besetzten Versuchsfeld
bei Oberboihingen im Landkreis Esslingen aus.
Am späten Nachmittag gab die Fachhochschule bekannt, auf
die Fortführung des Genmaisversuches verzichten zu wollen.
Laut der Pressemitteilung der FH kommt der Versuchsleiter
Professor Schier “der dringenden Empfehlung der Hochschulleitung
und des Hochschulrates nach, das Forschungsprojekt mit
gentechnisch veränderten Maispflanzen einzustellen.”

Jochen Fritz von der Feldbesetzungsgruppe sagte: “Das ist
ein Riesenerfolg! Wir haben Sturm und Schnee getrotzt – und
täglich mehr Zuspruch aus der Bevölkerung erfahren. In dieser
Situation hat die Hochschulleitung eine längst überfällige,
richtige Entscheidung gefällt. Die aufregenden letzten Tage
haben gezeigt, dass wir gemeinsam der Gentechnik Einhalt
gebieten können. Oberboihingen steht ab sofort für den Mut
und die Möglichkeiten kritischer Bürgerinnen und Bürger,
die eine gentechnikfreie Zukunft erstreiten können.”

Ab heute wird auf dem matschigen Feld gefeiert. Am Freitag
abend findet eine Feuershow dort statt, für Musik ist
gesorgt, erst am Sonntag wird das Lager auf dem ehemaligen
Versuchsfeld abgebaut. Die Besetzerinnen und Besetzer
freuen sich über Besuch – mit und ohne Gummistiefel.

Jochen Fritz: “Auf diesem Feld wird nach unserer Besetzungswoche
gift- und gentechnikfreies Grün wachsen können. Seit Jahren
standen diese Versuche unter heftiger Kritik der Bevölkerung
und sie waren auch an der Hochschule immer umstritten. Über
die negativen Auswirkungen von Monsantos Mon810 ist längst
genug bekannt, um ihn konsequent zu verbieten. In Frankreich
und in Polen, in der Schweiz, in Österreich und Griechenland
ist das schon geschehen. Jetzt muss Deutschland folgen und
wir brauchen ein europaweites Verbot des Genmaises!”

12.4.08

* Genrüben-Acker bei Northeim besetzt
* Gentechnikgegner fordern Ende des Versuchs mit giftresistenten Rüben

In den frühen Morgenstunden dieses Samstages besetzte
eine Gruppe von 15 Personen einen Acker bei Northeim,
auf dem der Anbau von gentechnisch veränderten
Zuckerrüben vorgesehen ist. Verantwortlich für diesen Versuchsanbau ist
die KWS Saat AG mit Sitz in Einbeck.

“Wir wollen durch unsere Besetzung verhindern, dass hier Gen-Rüben
angebaut werden,” erkläte Robin Brand, Gemüsegärter und einer der Besetzer.
“Schon 1998 konnte durch die Besetzung eines KWS-Versuchsfeldes
die Aussaat von Gen-Pflanzen verhindert werden. Und auch der ganz
aktuelle Fall in Oberboihingen zeigt, dass Besetzungen Erfolg haben
können.”
Dort hatte am 4.4 eine Feldbesetzung eines Versuchsackers der FH
Nürtingen begonnen. Die Hochschule erklärte nach knapp einer Woche,
auf die Fortführung des Versuches zu verzichten. “Wir hoffen, dass auch die KWS einsieht, dass ihre
Gentec-Experimente ein Ende haben müssen. Es gibt einfach zu viele
ungeklärte Risiken”, so Christian Pratz, der in Witzenhausen
Landwirtschaft studiert. “Wenn Firmen wie die KWS trotz der Ablehnung in
der Bevölkerung Gentechnik-Versuche durchführen, müssen sie mit Protest
rechnen. Wir glauben den falschen Versprechungen der
Gentechnik-Industrie nicht mehr und wir wollen es nicht länger
hinnehmen, dass unumkehrbare Tatsachen geschaffen werden.”

Am 27.11.2007 gab die KWS Saat AG bekannt, u.a. auf dem jetzt
besetzten Feld bei Northeim gentechnisch veränderte Zuckerrüben
freisetzen zu wollen. Diese so genannte “Roundup Ready”-Zuckerrübe
entwickelte die KWS gemeinsam mit dem US-Saatgutkonzern Monsanto.
Beim Einsatz des Monsanto-Giftes “Round up” werden alle Pflanzen abgetötet bis
auf jene gentechnisch manipulierten Zuckerrüben.

Mit ihrer Kritik an der Freisetzung dieser Rüben sind die BesetzerInnen
nicht allein: Kurz nach der Bekanntgabe des Vorhabens wurde im Stadtrat
von Northeim im Dezember 2007 eine Resolution gegen die geplanten
Freisetzungsversuche verabschiedet.
“Besetzungen sind eine Art gegen Gentechnik zu protestieren”, stellte
Gärtner Brand fest. “Es gibt aber noch viele andere
Möglichkeiten. JedeR, der oder die Saatgut kauft, kann darauf achten,
dass es gentechnikfrei ist. Am Besten ist natürlich Bio-Saatgut.”
Vom Kauf des Bio-Saatgutes der KWS Saatgut AG rät er allerdings ab:
“Natürlich garantiert das Bio-Siegel, dass das bezeichnete Saatgut
gentechnikfrei ist. Doch eine Firma, die sowohl gentechnisches als auch
biologisches Saatgut anbietet, ist für mich nicht glaubwürdig.”

Die BesetzerInnen freuen sich über Besuch und über Unterstützung aus der
Bevölkerung. Willkommen sind Lebensmittel- und Geldspenden, sowie alles,
was den Aufenthalt bequemer macht.

Das Feld befindet sich an der neuen B3 in Richtung Göttingen, nahe des
Ortsausgangs Northeim.

18.4.08

* Genrübenfeld bei Northeim weiter besetzt
* Volles Programm auf dem Acker – Die KWS drückt sich um öffentliche Diskussion

Die Zelte auf dem Versuchsfeld südlich von Northeim stehen weiterhin.
Gentechnikgegnerinnen und -gegner halten seit vergangenen Samstag die Fläche
besetzt, auf der der Saatgutkonzern KWS einen Versuch mit gentechnisch
veränderten Zuckerrüben durchführen will. Ein Turm ist in den letzten Tagen
hinzu gekommen. In luftiger Höhe ist eine Aussichts- und Schlafplattform
rund um die Uhr bewohnt.

Für die nächsten Tage kündigen die BesetzerInnen ein volles Programm an: Am
Freitag, den 18.4, findet ab 13.30 Uhr eine öffentliche Vorlesung zum Thema
Nachhaltigkeit durch einen Dozenten der GhK Kassel auf dem Feld statt.
Der Samstag beginnt mit einem Infostand während des Marktes in Northeim
und geht weiter mit einem Fußballspiel ab 14.00 auf dem Acker.
Am Sonntag, den 20.4, wird es ab 10.00 ein gentechnikfreies Frühstück
auf dem Feld geben.
Darüber hinaus lädt die Gruppe zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion
am Montag, den 21.4.08, um 19.30 in die Stadthalle Northeim ein. Schon
um 18.00 Uhr wird der Film “Leben außer Kontrolle” in der Halle gezeigt.
Die KWS hatte anfänglich ihre Bereitschaft signalisiert, an der
Abendveranstaltung teilzunehmen, sagte dann aber doch ab. Dazu Benjamin
Volz, Landwirtschaftsstudent und einer der Besetzer: “Obwohl wir der
Forderung der KWS nach einem Gespräch auf neutralem Grund nachgekommen
sind, sagen sie uns nun ab. Trotzdem werden wir die Veranstaltung
durchführen, denn uns geht es auch um die Diskussion mit und in der
Öffentlichkeit.” Er berichtet von einer breiten Unterstützung aus der
Bevölkerung, deren Spenden und tatkräftige Hilfe die Gruppe an einen
möglichen Erfolg der Besetzung glauben lässt und die Abendveranstaltung
mit mehreren Experten erst ermöglichte.

“Mit unserem bunten Programm wollen wir mit der Bevölkerung und den
MitarbeiterInnen der KWS ins Gespräch kommen. Wir sind dialogbereit,
halten aber an unserem Ziel fest: Wir bleiben so lange auf dem Acker,
bis wir eine schriftliche Zusage der KWS haben, von ihren Versuchen
zurückzutreten.
Wir fordern die KWS auf, ihre Gentechnik-Forschung einzustellen und
ihr Potential zur Erforschung und Erhaltung alter und angepasster
Nutzpflanzensorten einzusetzen.”, so Mirjam Anschütz, Feldbesetzerin
und Studierende an der GfK Kassel.

Der Acker befindet sich an der neuen B3 Richtung Göttingen kurz
hinter Northeim.

Rückfragen:
auf dem Feld: Benjamin Volz, 0174 – 85 86 25 6

21. April 2008

* Zur Rettung der Saatgutbank – Genweizen unschädlich gemacht
* In Gatersleben beendet Feldbefreiung skandalösen Gentechnik-Versuch

In der Morgendämmerung des 21. April befreiten sechs Menschen das
Genweizenfeld in Gatersleben, um der massiven Bedrohung
eines einzigartigen Schatzes an Pflanzensorten ein Ende zu setzen. Mit Hacken
konnten sie die Weizenpflanzen auf dem Versuchsfeld zu Fall
bringen, bevor die Polizei das Feld erreichte. Außerdem platzierten die
Gentechnikgegner ein übergroßes Weizenbrot auf dem Boden des Feldes -
es trug die gebackene Aufschrift “Unser tägliches Brot – ohne Gentechnik!”

Susanne Mähne ist Gemüsegärtnerin und wurde in der vergangenen Nacht
als Feldbefreierin aktiv: “In Gatersleben fand einer der skandalösesten
Freilandversuche im Lande statt. Horst Seehofer ist dafür verantwortlich,
dass gentechnisch veränderter Weizen unter freiem Himmel in direkter
Nachbarschaft der Genbank Gatersleben wuchs. Mit der Blüte hätte der
Gentechweizen einen wahren Schatz an landwirtschaftlicher Vielfalt
vernichten können.”

In der öffentlichen Genbank werden alte und neuere, seltene und
häufige Pflanzensorten aufbewahrt. Züchter und Bauern können ebenso
wie Forschungseinrichtungen, Entwicklungshilfe-Projekte oder
Privatpersonen dort Saatgutproben erhalten.
Um die Pflanzensorten dauerhaft zu erhalten, betreibt die Genbank
eine “Erhaltungszucht” und muss die eingelagerten Sorten regelmäßig
zum Keimen, Wachsen und Blühen bringen und kann dann keimfähiges
neues Saatgut wieder aufheben. In unmittelbarer Nähe dieser
Erhaltungs-Felder wuchs der Genweizen.

Auch Lea Tanja Hinze arbeitete ruhig, bis die Polizei sie schließlich
unterbrach. Da waren zwei Drittel des Feldes unschädlich gemacht: “Ich bin Mutter eines
kleinen Jungen. Auch die Generation unserer Kinder muss die
Möglichkeit haben, auf das vielfältige Erbe der bäuerlichen
Landwirtschaft zurück zu greifen. Ich fühle mich verpflichtet,
den verantwortungslosen Genweizenversuch zu stoppen.”

Die Landwirtschafts-Studentin Mirjam Anschütz weiß ebenfalls
genau, warum sie an der Aktion teilgenommen hat und blickt den
Konsequenzen entschlossen entgegen: “Wenn wir für diese
Feldbefreiung angeklagt werden, sitzen nicht die richtigen
Menschen auf der Anklagebank. Wir wollen in den nächsten Monaten
an vielen Orten über unsere Aktion und unsere Hintergründe berichten.
Über 80% der Menschen in der Bundesrepublik sind gegen Gentechnik
in der Landwirtschaft. Schon 2006 hatten 30.000 Menschen auf einen
Aufruf des Münchener Umweltinstitutes hin gegen den Weizenversuch
protestiert. Unsere Aktion ist ein deutliches Zeichen, für das
wir viele Unterstützerinnen und Unterstützer haben.”

Mehr über die Aktion und die Motivation der Feldbefreierinnen
auf www.gendreck-weg.de

Für Rückfragen:
beim Feld: Christiana Schuler 0163 / 53 79 03 5
im Büro: Jutta Sundermann 0175 / 86 66 76 9

22. April 2008

* Welternährung braucht bäuerliche Landwirtschaft ohne Gentechnik
* Freiwillige Feldbefreierinnen schützen Weizenvielfalt in Gatersleben

Die Befreiung des Gentechnik-Feldes in Gatersleben durch Aktivisten
von der Initiative “Gendreck-Weg” ist ein wichtiger Schritt für den Erhalt
einer bäuerlichen Landwirtschaft. Lea Tanja Hinze, eine der Feldbefreierinnen,
erklärte: “Bäuerliche Landwirtschaft braucht freien Zugang zu Boden, Wasser
und gentechnik- und patentfreiem Saatgut. Der Gen-Weizenversuch in Gatersleben
bedrohte dieses frei verfügbare Saatgut, einen Schatz, den Bauern und
Bäuerinnen über Jahrtausende gezüchtet haben. Wenn Herr Seehofer sich für
eine bäuerliche Landwirtschaft stark macht, muss er zuerst die Verantwortung
für die sofortige und endgültige Beseitigung des Gen-Weizen-Versuchs in
Gatersleben übernehmen.”

“Es reicht nicht, Bedenken zu äußern, wie es der Landwirtschaftsminister in
den letzten Tagen tat”, so der Berater für Landwirtschaft und Vermarktung
Jochen Fritz von der Initiative, “Horst Seehofer muss sämtliche Versuche mit
gentechnisch manipulierten Pflanzen in Gatersleben unterbinden. Auch Länder
wie Kanada und die USA, in denen gentechnisch veränderte Pflanzen schon Einzug
gehalten haben, haben den Gen-Weizenanbau gestoppt.”

Der Weltagrarrat hatte erst kürzlich erklärt, dass Gentechnik nicht zur
Sicherung der Welternährung beiträgt und ein Umsteuern der Agrarpolitik
notwendig sei. Dazu ergänzte Landwirtschafts-Berater Fritz: “Wir fordern
Horst Seehofer auf, die 23,5 Mio. Euro aus Bundes und Ländermittel für
das Leibnitz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK)
in Gatersleben auch dazu zu verwenden, dass die in Gatersleben aufbewahrten
Saaten Entwicklungsländern zur Weiterzucht zur Verfügung stehen.” Durch die
Weiterzucht von Proteinpflanzen wie z.B. Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Linsen,
könne man viel besser zur Proteinversorgung der Menschheit beitragen, als
durch höchst gefährliche Gen-Weizen-Versuche, die am Proteingehalt von
Futterweizen herumdokterten.

Fritz: “Wir brauchen Menschen wie die Alternativen Nobelpreisträger Vandana
Shiva und Percy Schmeiser und wie die Feldbefreierinnen und Feldbefreier
in Gatersleben, die für die Zukunft der gentechnikfreien und bäuerlichen
Landwirtschaft weltweit streiten.”

Unser entschlossener Protest geht weiter und wir laden alle Interessierte zu
unserem Gentechnik-freiem Wochenende von 26.-29. Juni in die Nähe von
Würzburg ein.

Pressemitteilung der unabhängigen Gruppe
Groß-Gerau am 25. April 2008:

* Wird Hessen gentechnikfrei?
* Das einzig verbliebene Genversuchsfeld ist besetzt
!

Vier Genversuchsfelder sollte es dieses Jahr in Hessen geben. Doch
drei wurden bereits verhindert:
- BürgerInneninitiativen in Niedermöllrich (bei Wabern) und
Rauischholzhausen (Ebsdorfergrund) stoppten den Anbau gentechnisch
veränderter Pflanzen von Monsanto und der Uni Gießen.
- Eine spektakuläre Feldbesetzung vom 30. März bis 18. April brachte
dem Gengerstenversuch in Gießen ein jähes Ende.

Damit bleibt nur noch die Versuchsstation der Uni Gießen am
Woogsdammweg in Groß-Gerau (nördlicher Stadtrand an der B 44). Zwei
Versuchsfelder sollen dort zusammengelegt werden – trotz einer
eindeutigen Aufforderung des Landkreises Groß-Gerau an die
Universität, auf den Versuch zu verzichten. Nun ist diese Fäche
besetzt, die Aussaat damit zunächst be- oder verhindert. Eine
Räumung dürfte aufwendig werden, denn die BesetzerInnen sind gut
gesichert: An einem hohem Turm und ein Betonblock plus Erdanker
können sie sich blitzschnell festketten.

Rund um das Feld soll es bereits ab heute vielfältige Aktionen
geben. Dazu verteilen UnterstützerInnen Flugblätter in den
angrenzenden Wohnsiedlungen und in der Innenstadt von Groß-Gerau.
Gäste und Mitwirkende sind gern gesehen. Nähere Informationen können
(soweit möglich) vom Feld aus oder von UnterstützerInnen auf der
Seite www.gentech-weg.de.vu untergebracht werden.

Für Rückfragen:
Aktionshandy 01522-9990199
www.gentech-weg.de.vu

Letzte Meldung (vom 18.5.):


Demo: Für sauberes Saatgut und ein Europa ohne Gentechnik

Gerichtsverhandlung gegen Gentechnikgegner am 21. Mai 2008

Landgericht München

Am Mittwoch, 21. Mai findet um 11.00 Uhr am Odeonsplatz in München eine Demonstration „Für sauberes Saatgut und ein Europa ohne Gentechnik“ statt. Anlass der Demo ist eine Gerichtsverhandlung gegen drei Gentechnikgegner, die im Frühjahr 2006 auf dem Staatsgut Grub eine Informationsveranstaltung zum Thema Gentechnik organisierten und eine Feldbefreiung durchführen wollten, die von den Organisatoren jedoch kurzfristig abgesagt wurde. Die Verhandlung vor dem Landgericht wurde bereits zweimal verschoben. Beim ersten Mal war der Richter, bei zweiten Mal der Hauptbelastungszeuge vom bayerischen Staatsschutz erkrankt.

Das Verfahren ist insoweit aufsehen erregend, dass die Gentechnikgegner Rainer Kuhbach, selbst Milchviehbauer aus dem Hohenlohischen und Tanja Hinze, Zimmerin und Mutter aus Thüringen die geplante Feldbefreiung gar nicht durchgeführt hatten, und jetzt die Frage im Raum steht, ob sie wegen ihrer kritischen Gesinnung verurteilt werden. Jürgen Binder, als Imker direkt vom Gentechnikanbau betroffen, war für die Informationsveranstaltung am sogenannten „Gentechnikfreien Wochenende“ verantwortlich und soll nun wegen der Durchführung von Informationsveranstaltungen zum Thema Gentechnik verurteilt werden – ihm drohen bis zu 90 Tagessätze. Binder: „Wenn unsere Demokratie so heruntergekommen ist, dass friedliche Bürger allein wegen ihrer Meinungsäußerung verurteilt werden, dann bin ich auch bereit, ins Gefängnis zu gehen, um auf dieses Unrecht aufmerksam zu machen. Eine Verurteilung wäre ein Skandal für Bayern“. Binder stellt fest, dass durch den Anbau von Gentechnikpflanzen die Eigentumsrechte der Imker und benachbarten Landwirte verletzt werden.

Die Gentechnikgegner bekommen internationale Unterstützung von Jeffrey Smith aus den USA, Autor des Bestsellers „Trojanische Saaten“ sowie den zwei Bauernvertretern Edenia Salgado Montaño und Mauricio García, beide aus Kolumbien. Demoredner sind ferner Manfred Hederer, Präsident des Deutschen Berufsimkerbundes, Max Weichenrieder vom Bayerischen Bauernverband und Max Reis vom Bund deutscher Milchviehhalter. Mit besonderer Spannung wird die Rede von Weichenrieder erwartet, der sich bei der namentlichen Abstimmung zum Dringlichkeitsantrag am 16.04.08 „Anbau von Genmais MON 810 in Bayern sofort beenden“ enthalten hat, obwohl sich die Obmänner des bayerischen Bauernverbands einstimmig gegen den Anbau von X-AntiVirus: checked by AntiVir MailGuard (Version: 8.0.0.18; AVE: 8.1.0.46; VDF: 7.0.4.54) Genpflanzen in Bayern ausgesprochen haben.

Presseinfos: Jürgen Binder 0170-185 74 24

Gentechnikfreies Europa e.V.

21.05.2008

Infos von der Diversitätsfront

von Helmut Höge

1. Vor Bonn:

*/Aktionsbündnis COP 9/ gegründet — Aufruf zur kritischen Begleitung
der CBD-Vertragsstaatenkonferenzen*

Umweltdiplomatie steht hoch im Kurs — in zwei Wochen beginnen in Bonn
die UN-Verhandlungen zum Biosafetyabkommen sowie zur
Biodiversitätskonvention. Doch es gibt nichts zu feiern: Im Namen des
Umweltschutzes werden Menschenrechte verletzt, Agrotreibstoffe angebaut,
Pflanzen patentiert und gentechnisch veränderte Bäume gezüchtet.

/”Die Verhandlungen sind Schritte in die falsche Richtung/”, so Anne
Schweigler, Vertreterin der BUKO Kampagne gegen Biopiraterie im neu
gegründeten */Aktionsbündnis COP 9/*. /”Transnationale Unternehmen
werben für Wundertechnologien wie die Gentechnik, die aber in
Wirklichkeit nur deren Kontrolle über die natürlichen Ressourcen
steigern. Daher kommen Landwirte aus der ganzen Welt nach Bonn, um die
Vielfalt ihrer Kulturen und kollektiven Rechte an den natürlichen
Ressourcen zu verteidigen”/ ergänzt Guy Kastler vom weltweiten
BäuerInnennetzwerk Via Campesina.

/”Wir werden die Konferenzen kritisch begleiten und uns in das
öffentliche Leben einmischen”,/ versprechen die InitiatorInnen des
Bündnisses. Mehr als ein halbes Dutzend Initiativen haben sich hierin
zusammen getan, um gemeinsam die Schwachstellen der Diplomatie offen zu
legen und zu Protesten zu ermuntern.

Weitere Informationen erhalten Sie unter den angegebenen Telefonnummern
oder auf unserer Website.

*/Aktionsbündnis COP 9: /*Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft, ASEED
Europe, Bonner AK gegen Gentechnologie, BUKO Kampagne gegen
Biopiraterie, Corporate Europe Observer, Grüne Jugend, Netzwerk Freies
Wissen, Via Campesina

*Presse Kontakte
*Flip Vonk (ASEED Europe) +31-6-17836486 (engl/niederl.)

Gregor Kaiser (BUKO) +49-151-18187950 (deu/engl.)

Anne Schweigler (BUKO) +49-162-5137237 (deu/engl)

Morgan Ody (Via Campesina) 0032 4 86888845 (engl)

2. Aus Bonn

*/Agrotreibstoffe verschärfen die Klimakrise/*

“Biosprit” ist das Modewort zur Lösung der Klimakrise, die Palmöl und
Soja-Produktion boomt weltweit. Seitens der Politiker wird versprochen,
damit sowohl Entwicklungschancen für die Länder der Dritten Welt zu
eröffnen als auch zur CO2-Reduktion beizutragen.

/”Agrotreibstoffe sind weder ökologisch sinnvoll, noch ergeben sich
Entwicklungschancen für die benachteiligten Menschen in Brasilien oder
anderen Dritt-Welt-Ländern”,/ so Flip Vonk von ASEED Europe. /”Bauern
und Bäuerinnen werden von ihrem Land vertrieben, Regenwald wird
abgeholzt, mehr Pestizide und Düngemittel werden ausgebraucht und der
ressourcenintensive Lebensstil in Europa und den USA wird mit einem
grünen Label überzogen. So kann es nicht weitergehen”/, ergänzt Vonk.

Agrotreibstoffe stehen auch in Bonn auf der Tagesordnung/. “Die
Industrie und Regierungen wie Brasilen wollen verhindern, dass
Agrotreibstoffe und ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt Thema
der COP werden. Schlimmer noch, Deutschland und Brasilien haben gerade
ein Abkommen über Ethanolhandel unterzeichnet. Das ist ein Skandal und
führte bereits zum Rücktritt der brasilianischen Umweltministerin
Silva”/, so Nina Holland von CEO.

Das Aktionsbündnis COP9 wird am kommenden Wochenende zwei Aktionen
durchführen: Am Samstag protestieren wir in Leverkusen vor den Toren des
Bayer-Konzerns gegen die massive Zerstörung der biologischen Vielfalt
des Konzerns, u.a. durch extrem giftige Pestizide und den Anbau von
Jatropa als Energiepflanze in Indien (11 Uhr S-Bahn Bayerwerke) und am
Sonntag in Bonn an mehreren Tankstellen gegen die Produktion von
Agrotreibstoffen (10 Uhr Romerohaus).

3. Ausfallschritt Leverkusen:

Bayer – großer Zerstörer biologischer Vielfalt!

100 Menschen aus allen Teilen der Welt demonstrierten heute Morgen gegen die biodiversitäts- und menschenfeindliche Politik und Geschäftspraktiken des Bayer-Konzerns. Mit Straßentheater und Spruchbändern protestierten sie gegen Patente auf Leben, Terminatortechnologie sowie die Produktion von umwelt-verschmutzenden Pestiziden und Düngemittel. Die gestrige Entscheidung des Bundesamts für Verbraucherschutz zum Verbot aller Pestizide mit dem Wirkstoff Clothianidin zeigt, wie wichtig es ist, die miesen Geschäftspraktiken des Konzerns anzuprangern. Agrogifte und gentechnisch veränderte Pflanzen, die von Bayer über die Welt gebracht werde, zerstören die lokalen Gemeinschaften, die seit Jahrhunderten Biodiversität geschaffen haben. Wenn wir Biodiversität erhalten wollen, müssen wir Bayer und ähnliche Firmen stoppen“, so José Oviedo von Via Campesina, „Auch die Forderung von Bayer, stärkere Patentrechte einzuführen und somit die Privatisierung genetischer Ressourcen voranzutreiben, muss gestoppt werden“, ergänzt Anne Schweigler von der BUKO Kampagne gegen Biopiraterie.

„Bayer ist einer der weltgrößten Zerstörer biologischer Vielfalt. Besonders perfide ist die Forschung an sterilem Saatgut, den sogenannten Terminatortechnologie. Hieran sieht man: es geht nur ums Geld und nicht um Unterstützung der Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse,“ so Petra Buhr vom Netzwerk Freies Wissen. „Wir fordern: Freie Saat statt tote Ernte,“ ergänzt Buhr.

Die Demonstranten überreichten einen Offenen Brief durch den Bayer von einem Dutzend Organisationen aufgefordert wird, Verantwortung für die Umweltschäden zu übernehmen und Entschädigungen an die Menschen weltweit zu zahlen.

4. Demo in Bonn:

*Veranstalter:* Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft” (AbL),
die internationale Kleinbauernbewegung “La Via Campesina”, das
“internationale Notkomitee zur Erhaltung der Weizenvielfalt ohne
Gentechnik”, die deutsche “BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie”, das
Aktionsbündnis COP 9
*Ort: *Bonn, Münsterplatz

Kleinbauern fordern freien Zugang zu Saatgut und die
Anerkennung ihrer züchterischen Leistung

532 Patente auf Pflanzenmerkmale haben die größten Saatgutkonzerne der
Welt: BASF, Monsanto, Bayer, Syngenta, Dupont und ihre Biotech-Partner
jüngst angemeldet und erteilt bekommen, wegen angeblich neuer
Pflanzenmerkmale wie Trockenheits-, Flut- oder Hitzeresistenz.

Gegen dieses Ansinnen, mit der Begründung des Klimawandels sich in
großem Umfang per Patentrecht die Pflanzen aneignen zu wollen, die die
Ernährungsgrundlage der Menschheit bilden, protestieren am Montag, den
19.5. nachmittags von 15.00 Uhr bis 18 Uhr die deutsche
“Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft” (AbL), die
internationale Kleinbauernbewegung “La Via Campesina”, das
“internationale Notkomitee zur Erhaltung der Weizenvielfalt ohne
Gentechnik”, die deutsche “BUKO-Kampagne gegen Biopiraterie” und andere
Gruppen in Bonn.

Vom Bonner Münsterplatz, wo derzeit ein Saatgutmarkt stattfindet, wird
sich um 15 Uhr ein Demonstrationszug zum Haus des Bundes deutscher
Pflanzenzüchter bewegen, um dort eine Zwischenkundgebung zu halten. Hier
werden Vertreter der ersten drei Gruppen zur nationalen und
internationalen Politik des BDP sprechen. Nach einer weiteren Station
beim Botanischen Garten Bonn und der dortigen Thematisierung der
Geschichte von Biopiraterie wird der Zug zum Münsterplatz zurückgehen,
wo gegen 17.00 Uhr in einer feierlichen Aktion Vertretern aus südlichen
Ländern symbolisch Informationen über die in Deutschland eingelagerten
und für die industrielle Züchtung verfügbar gehaltenen Sorten aus ihren
Ländern Informationen übergeben werden.

Zum Hintergrund:

Schätzungsweise 7.000 neue landwirtschaftliche Sorten hat die
industrielle Züchtung in den letzten 50 Jahren hervorgebracht — dem
stehen geschätzt 2 Millionen neuer Sorten, die Kleinbauern jährlich neu
züchten. Die Sorten der Kleinbauern sind regional und lokal angepasst,
während die industriellen Hochertragssorten (“High Yield Varieties”)
unter Bauern in aller Welt vor allem als “High Input Varieties” bekannt
und berüchtigt sind: ohne massiven Einsatz von Bewässerung, Düngung und
Pestiziden gedeihen sie nicht — mit allen negativen Folgen für Umwelt
und die Bauern.

Saatgutkonzerne versuchen derzeit, den Rechtsschutz für Pflanzensorten
immer weiter auszudehnen und dem Patentrecht ähnlicher werden zu lassen:
uralte bäuerliche Rechte wie das auf Wiederaussaat aus der eigenen Ernte
und freie Weiterzucht mit vorgefundenen Sorten werden zu Ausnahmen
erklärt, mit der Tendenz, sie ganz zu verbieten. So werden Bauern in
aller Welt immer stärker von der Saatgutindustrie abhängig gemacht.

Gegen diese Politik, die mit verschiedenen Begründungen weißgewaschen
wird, wird Widerspruch erhoben.

5. Nach der Bonn-Demo:
Aktionsbündnis COP 9: Aktionsnetzwerk globale Landwirtschaft
ASEED Europe Bonner AK gegen Gentechnologie BUKO Kampagne gegen
Biopiraterie Corporate Europe Observatory Grüne Jugend Netzwerk Freies
Wissen Via Campesina Kontakt: Info-Phone: 0151-51806945
http://biotech.indymedia.org Press Contacts: Flip Vonk (ASEED)
+49-15120 6419176 Gregor Kaiser (BUKO) +49-151-18187950 Anne
Schweigler (BUKO) +49-162-5237137 Morgan Ody (Via Campesina)
+49-151-53630102 c/o Oscar Romero Haus Heerstr. 205 53111 BonnPress
Release — Presseinformation

Bonn, 19. Mai 2008

*/Aktionsbündnis klagt deutsche Pflanzenzüchter an/*

Rund 50 Demonstranten zogen am Montag Nachmittag in einem bunten Zug vom
Münsterplatz zum Sitz des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter in
Bonn, in dem auch die großen Saatgutkonzerne wie Bayer, Syngenta und
Monsanto vertreten sind. Sie kritisierten dessen Propagierung der
Gentechnologie, die Forderung nach mehr und strengerem Sorten- und
Patentschutz sowie die Praxis des BDP und der angegliederten
Saatguttreuhand, Landwirte auszuforschen und Nachbaugebühren
einzutreiben. Träger der Demo waren die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche
Landwirtschaft (AbL), das Aktionsbündnis COP 9 und das Internationale
Notkomitee zur Rettung des Weizen.

*Gerhard Portz* von der AbL kritisiert die Propagierung von geistigen
Eigentumsrechten auf Pflanzen durch den BDP. /”Die Politik des BDP ist
unmoralisch und vernichtet bäuerliche Existenzen weltweit. Wir brauchen
die Nutzung lokaler Sorten und nicht eine globale Monokultur.”/

Im Anschluss an die Demo übergaben VertreterInnen des Internationalen
Weizen Notkomitees Saatgut aus der Genbank Gatersleben an BäuerInnen aus
vielen Teilen der Welt. Die ursprünglichen BesitzerInnen des Saatguts
sollten so wieder in den Besitz der geraubten Saat kommen. Dazu *Jürgen
Holzapfel* vom Weizennotkomitee: /”Die Vielfalt gehört in die Hände der
BäuerInnen, nur dort kann sie erhalten und weiterentwickelt werden. Eine
Genbank, die Gentechnik anwendet, ist eine Gefahr für die weltweite
Weizenvielfalt.”/

20.05.2008

Hausmeisterkunst (253)

von Helmut Höge

image008.jpg

Sogenannte Poller-Chimäre, vom Hausmeister einer Vattenfall-Filiale gezeichnet – und aus einer Verbindung von Poller und Windkraftanlage bestehend.

20.05.2008

Weitere Diversitäten

von Helmut Höge

1. Die Siemenskultur

“Where we failed was leadership culture, not company culture” (Siemenschef Peter Löscher)

Die 12.000 Siemens-Beschäftigten und 3.000 Leiharbeiter bei Siemens in Berlin wurden von der IG
Metall heuer quasi persönlich heraus zum 1. Mai gebeten. Die Vertrauensleute hatten extra einen Stand vor dem Brandenburger Tor aufgebaut. Der Konzern will demnächst rund 7.000 “Siemensianer” entlassen. Seine Telefonanlagensparte wird mit Millionenzuschüssen verkauft – wahrscheinlich an den Finanzspekulanten Cerberus. Die Finanzkrise zeigt erste “Bremsspuren”, wie der Siemenschef es ausdrückte. Und die Korruptionsaffäre ist inzwischen so weit gediehen, dass sich die Topmanager gegenseitig verklagen …

“Was geht uns das an?”, mögen sich die Berliner Siemensbeschäftigten gefragt haben, denn es fanden sich nur wenige am IG-Metall-Stand ein. Drei von ihnen, die ich von der Betriebsräte-Initiative her kannte, sprachen mich am tazpresso-Mobil an: Sie kritisierten meine Blog-Berichte über Siemens. Ich hätte den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt. Es ginge längst nicht mehr um “das volle Ausmaß der Korruption und schwarzen Kassen” und auch nicht um deren Entstehung aus dem Schweizer Elektrokartell, das Siemens einst mit der AEG und General Electric gründete. Im Gegenteil! Ob ich schon mal was vom Harvard Reindustrialisation Committee oder vom Projekt “Renewing American Industry” gehört hätte, wollten sie wissen. Ich verneinte. Dann sollte ich gut zuhören.

Wie ich ja wohl wüsste, sei Amerika seit Reagan weitgehend deindustrialisiert worden und auch das öffentliche Transportwesen verfallen. Aber dann leisteten sich immer mehr US-Städte Straßenbahnen – 55 Kommunen bis jetzt, und bald wohl über 500. Diese werden aber heute alle in Berlin hergestellt: von Siemens und Bombardier. Das Reindustriealisierungskomitee, das darauf aufmerksam machte, wurde zunächst belächelt, denn die Amis kauften ja überall im zerfallenden Ostblock und nicht nur dort Fabriken auf. Mit dem erfolgreichen Aufstieg Chinas und der Konsolidierung Russlands durch Putin änderte sich jedoch langsam die Einstellung des US-Kapitals. Nun geriet ihnen auch Mitteleuropa ins Visier. Die ersten Akquisevorstöße, zuletzt von General Electric in Ostdeutschland, wurden von Siemens noch mit der alten Kartellvereinbarung “Heimatschutz” abgeschmettert. Deswegen versuchte man es umgekehrt: Dem Konzern wurde eine Notierung an der New Yorker Börse schmackhaft gemacht.

Dazu ließ man erstens die deutsche Gesetzgebung ändern: Korruption im Ausland war nun, ab 1999, auch hier strafbar. Und zweitens musste Siemens seine Rechnungslegung weltweit auf Standards umstellen, die von einer Stiftung festgelegt werden, die von US-Konzernen finanziert wird. Die Umstellung besorgte 1999 der Siemens-Finanzvorständler Josef Käser, der sich seitdem “Joe Kaeser” nennt und schwer erpressbar ist, weil er natürlich in die Siemens-Schmiergeldwirtschaft verwickelt ist.

Des ungeachtet tritt er noch regelmäßig zusammen mit dem neuen Siemenschef Peter Löscher und dem neuen Antikorruptionsvorständler Peter Solmssen als Sprecher auf: Die beiden kommen von Harvard und waren dann Manager bei General Electric! Ihnen arbeitet die New Yorker Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton zu, die von Siemens bisher über 500 Millionen Euro dafür bekam, dass sie den gesamten Konzern “durchleuchtet” – für die Amis. “Das muss man sich mal vorstellen: Einerseits muss die Ehefrau eines Siemens-Hausmeisters eine dreiseitige Schweigepflichterklärung unterschreiben, bevor sie ihrem Mann die Frühstücksstullen an den Arbeitsplatz nachtragen darf, und andererseits zahlt Siemens Millionen dafür, dass die US-Konkurrenz alle internen Informationen frei Haus erhält.”

Seit dem Platzen der Dotcom- und der Finanz-Blase dränge das US-Kapital immer mehr darauf, Siemens und einige andere EU-Konzerne unter ihren Einfluss zu bekommen. “Anfang 2007 wurden schon mal die zehn Siemens-Geschäftsbereiche auf drei Sektoren reduziert: Gesundheit, Industrie und Energie. Die Bahnsparte (TS), derzeit wegen Pannen bei ihren ,Combino-Straßenbahnen’ unter Kritik, soll mittelfristig erst mal der kanadische Konzern Bombardier übernehmen …”

“Aber das ist doch die reinste Verschwörungstheorie”, unterbrach ich die drei Siemensianer. “Was soll dieser Einwand denn?!”, bekam ich zur Antwort, “schon Adam Smith wusste: ,Wenn sich mehr als drei Geschäftsleute treffen, handelt es sich ganz sicher um eine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit.’ Und hier haben wir es mit mehr als 300 zu tun. Außerdem haben wir noch gar nicht über den letzten Siemenschef Klaus Kleinfeld, den Cola-light-Trinker aus Bremen, gesprochen: Er ist jetzt Chief Operating Officer des US-Aluminiumkonzerns Alcoa – und die Aluminiumbranche ist die verschworenste, das heißt am strengsten kartellisierte Branche der Welt …” -

“Aber was kann man eurer Meinung nach gegen diese ganzen Sauereien tun?”, fragte ich. “Nur die Politik kann hier helfen: Siemens muss verstaatlicht werden, bevor der ganze schöne Konzern, der nur mit Staaten Geschäfte macht, verschwindet”, wurde mir geantwortet.

2. Chiffre 68
“Was gibt es überhaupt in der Geschichte, was nicht Ruf nach oder Angst vor der Revolution wäre?” (Michel Foucault)

1968 gingen nicht nur weltweit die Studenten und Arbeiter revolutionär gestimmt auf die Straße, sondern in gewisser Weise auch die Unternehmer, die – vom Geist der Unruhe erfaßt – meinten, sich jetzt auch was Neues einfallen lassen zu müssen. Der Bally-Konzern stellte 68 einige Künstler ein, die sich neue Flipper-Automaten einfallen lassen sollten. Der letzte wurde 1991 in der Neuköllner Bally-Niederlassung entlassen, er eröffnete dann den Techno- und Exstacy-Club “Bunker”. IBM heuerte 68 eine Gruppe von LSD-Freaks an und stellte ihnen einen Computer hin, mit dem sie experimentieren sollten. Als die Gründer des Londoner Arts Lab, Jim Haynes und Jack Moore, aus England ausgewiesen wurden, bekam letzterer in Amsterdam von Sony ein Video-Labor eingerichtet – ebenfalls zum Experimentieren. In Edgar Reitz’ Monumentalfilm “Heimat” handelt die 11. und 12. Folge des zweiten Teil von 68: Hier ist es eine Münchner Werbefilmfirma, die den Hauptdarstellern, eine Studentenclique, ein elektronisches Ton- und Filmstudio einrichtet – zum Rumspielen.

In seinem Buch “Das Geschäftsjahr 1968″ hat Bernd Cailloux die Entwicklung des Strobo-Lights und seines daraus entstandenen erfolgreichen Firmenkollektivs beschrieben. Ähnlich entwickelte der Weddinger Erfinder Dieter Binninger 1968 verschiedene Video-Anwendungen – zusammen mit einigen Genossen vom Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen, u.a. mit dem “Heiligen Steve”. Im selben Jahr zog Andy Warhols New Yorker “Factory” um – in ein neues Gebäude, dort wurde dann nur noch “ernsthaft” und “drogenfrei” gearbeitet – zu “nüchtern” für die Feministin Valerie Solanas, die im Sommer 68 mehrmals auf Warhol schoß. In Berkeley bahnte sich 68 der Umbruch in der Biologie an – mit der “zellulären Revolution” der dort lehrenden Lynn Margulis. Aber auch mit Humberto Maturana, der 68 von Heinz von Foerster an die University of Illinois eingeladen wurde, wo er sein Konzept der “Autopoiesis” entwickelte. In San Francisco arbeitete derweil der Biologe Stuart Kauffman an einem Computerprogramm – zur Simulation evolutionärer Selbstorganisation.

In Paris las Louis Althusser “Das Kapital” neu – und eliminierte darin den “Humanismus”, er sowie viele seiner Schüler wurden später alle irre. Im französischen Fernsehen diskutierten 1968 Foucault, Lévy-Strauss, Monod und Jacob über die Analogie von Sprache und genetischem Code. Ebenfalls über den Ursprung der Sprache und die Revolutionierung der Wissenschaften diskutierten 1968 u.a. Waddington, Hayek, Bertalanffy und Jean Piaget unter der Regie von Arthur Koestler in Alpach: “Das neue Menschenbild”. Auf der jugoslawischen Insel Korcula erlebte die philosophische “Praxis”-Gruppe ihren internationalen Durchbruch – alle möglichen revolutionären Denker tauchten ab 68 dort auf: u.a. Marcuse, Fromm, Habermas und Bloch. Neben der “Arbeiterselbstverwaltung” stritten sie 1968 dort über “Marx und die Revolution”.

Der FU-Religionswissenschaftler Klaus Heinrich hörte dagegen 68 erst mal auf zu streitschriften, er hatte bereits 1964 alles über “68″ in seiner Habil “Über die Schwierigkeit nein zu sagen” gesagt. Hinzu kamen dann nur noch die Erfahrungen der “Kommune 1″ und “2″. In einem Interview mit dem Leiter der Berliner Treuhand-Regionalniederlassung, Hans-Christoph Wolf, ein ehemaliger Siemens-Manager, kam dieser ebenfalls auf jenes Jahr zu sprechen: “Ich gehöre zu dieser Generation, die hier 1968 an der FU gewesen ist. 1972 gab es einen Unternehmerbrief in Berlin, in dem stand: Stellt die Demonstranten ein oder wie immer man sie genannt hat, also die 68er, dann werdet ihr feststellen, nach wenigen Monaten ist deren Engagement für euch nützlich. Das war ungefähr der Inhalt. Und das stimmt auch. Diese Querdenker, also diese halbe Mischung aus Querulant und Exzentriker, die sind unendlich wertvoll. Sie sind unbequem, klar. Sie stehen nicht unten, wenn der Chef kommt, und halten ihm die Tür auf, weil sie das gar nicht interessiert. Aber wenn man solche Leute in eine Organisation einbauen kann, dann sind solche Organisationen erfolgreich. Glücklicherweise gab es in der Industrie keinen Radikalenerlaß, auch wenn einige Betriebe sich so verhalten haben. Die Kraft liegt nicht in der Konformität.” Das sagte der Manager 1993. Nun sind wir jedoch vollends in restaurative Zeiten reingerutscht – und es gilt das Gegenteil: Arschkriecherei und Existenzangst. Nur dass dabei in Kunst und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, in Partnerschaften und Projekten – nur Neobanalitäten bei rauskommen.

3. Früchte des Zorns

In dem mit einem Nobelpreis ausgezeichneten und verfilmten Roman von John Steinbeck geht es um amerikanische Kleinbauern, die während der “Great Depression” von Großgrundbesitzern enteignet wurden und nach Kalifornien zogen, um sich dort als Erntehelfer – so genannte “Hands” – zu verdingen. Der Begriff geht auf das 17.Jahrhundert zurück, als Millionen von Kleinbauern und Pächter im Zuge der gewaltsamen Auflösung der Allmende (des Gemeindeeigentums) in England und Irland von den Großgrundbesitzern vertrieben – und als “Hands” zusammen mit “Negersklaven” und Kriminellen auf die Plantagen in den britischen Kolonien der beiden Amerikas verschleppt wurden.

In den USA stellen heute die Mexikaner die meisten “Hands”, aber auch in Westeuropa wirbt z.B. Marlboro alljährlich Jugendliche als “Ranchhands” für amerikanische Farmer an. Hier arbeiten dafür inzwischen Millionen Osteuropäer als Erntehelfer bzw. Saisonarbeitskräfte auf dem Land.

Zwar mögen Marx und Engels Recht haben, dass die Bauern langsam aber sicher den Agrarunternehmern weichen. Als erstes wanderten ihre Lohnarbeitskräfte in die Städte ab, wo sie mehr Geld verdienten. Die Bauern ersetzten sie durch Maschinen und stellten von arbeitsintensiven Feldfrüchten auf “Cash Crops” um. Aber seit dem Ende des Sozialismus ist diese Entwicklung nahezu weltweit rückläufig: Die Löhne sind wegen der steigenden Arbeitslosigkeit derart verfallen, dass sich hier selbst für Kleinbauern wieder der Anbau von Gemüse, Obst, Blumen usw. und dazu der Einsatz von Erntehelfern lohnt.

In Deutschland müssen die landwirtschaftlichen Arbeitgeber mindestens 10% Arbeitslose einstellen. Aber diese versuchen der stumpfsinnigen und zudem schlecht bezahlten Akkordarbeit zu entkommen. Jedes Jahr sind deswegen die Zeitungen voll mit Drohungen: “Der Spargel verrottet auf den Feldern”, “Es fehlen Erntehelfer”, “Die Erdbeeren verschimmeln am Strauch”, “Deutsche arbeiten lieber in England und auch die Polen bleiben weg”, “Die Gurken vergammeln auf dem Feld”. Derweil sind die Großagrarier dabei, ins Ausland zu expandieren und wollen am Liebsten das ganze Jahr über ernten – im Sommer im russischen Norden und im Winter bis nach Marokko. Allein der norddeutsche “Salatkönig” Rudolf Behr beschäftigt 6000 Erntearbeiter, sein Imperium reicht von Rumänien über Kroatien bis Spanien, und seine Erntehelfer sollen einmal wie die mexikanischen Wanderarbeiter in den USA dem Erntezyklus folgen. Sie wollen sich aber nicht “mexikanisieren” lassen.

In Kalifornien, wo die Landarbeitergewerkschaft seit 1972 legal ist – und immer wieder Streiks organisiert, wird gerade an der Entwicklung eines Ernteroboters für Zitrufrüchte gearbeitet, weil man es dort der “ewigen Lohnerhöhungen” der Erntehelfer leid ist. Im Gurkenstaat Holland, das halb Europa mit seinem Gemüse versorgt bzw. verseucht, arbeitet man an einem Gurkenernte-Roboter. Nicht, weil man die Kampfbereitschaft der Erntehelfer fürchtet, die teilweise aus Sachsen kommen, wo eine holländische Anwerbefirma aktiv ist, sondern weil man nie genug Erntehelfer kriegt. Da jedoch die Löhne für diese “Hands” weltweit noch immer sinken, werden die teuren Ernterroboter wahrscheinlich noch lange nicht zum Einsatz kommen, in Deutschland wird die Entwicklung von “Spargelrobotern” deswegen auch nicht staatlich gefördert. In Afrika und Asien, wo bereits über 12 Millionen Menschen von “privaten Unternehmen” versklavt werden – die meisten in der Landwirtschaft und in Bordellen, wird sogar auf einfachste Erntemaschinen verzichtet, weil die Stundenlöhne – z.B. für Baumwollpflücker – in Afrika bloß 25 Cent, in Pakistan und Indien sogar nur 10 Cent betragen. In Kirgistan arbeitet inzwischen mehr als ein Zehntel der Bevölkerung oft unter menschenunwürdigen Bedingungen im Ausland – auf Tabakplantagen in Kasachstan oder auf halbprivatisierten Kolchosen und Großbaustellen in Russland. Weil es sich dabei überwiegend um Männer handelt, diskutierte das kirgisische Parlament bereits einen Gesetzesentwurf, der es den im Land gebliebenen Männern erlaubt, mehrere Frauen zu heiraten. Die Entwicklung geht nicht über den Sozialismus hinaus, sondern zurück in die Barbarei. Das betrifft auch die von den heutigen “Hands” geernteten “Früchte des Zorns”, die bis hin zum Supermarkt und dem Endverbraucher dort alle und alles vergiften – egal ob sie ökologisch oder biologisch und dynamisch angebaut werden.

4. Raumzeugen

So könnte man die “neozaptastische Bewegung” nennen, die aus dem “lakandonischen Regenwald” heraus “operiert”. Ihre Sprecher brachten 1994 einen neuen “Ton” in die Auseinandersetzungen – und das nahezu weltweit. Bald pilgerten Linke aus aller Welt zu den mexikanischen Indianer, erst brachten sie die “Welt” mit – und nun formieren sie sich dort zu “internationalen Brigaden”. Die Indio-Bewegung versteht sich als “historisches Gedächtnis”: 500 Jahre schafften die Indianer es zu überleben, obwohl von Beginn der Kolonisierung an bis heute ihr Verschwinden, ihre Ausrottung durch Vertreibung in die Slums der Städte oder als Wanderarbeiter bis nach Kalifornien einkalkuliert wurde.

Erst mit dem “zapatistischen Aufstand” am Tag als der Freihandelsvertrag zwischen Mexiko und den USA in Kraft trat, sowie der “neozapatistischen Guerilla” und dem “prozapatistischen Enthusiasmus” – gelangten sie überhaupt wieder in das öffentliche Bewußtsein – bis hin zu den lateinamerikanischen “Weißen”, die manchmal bereits seit Generationen indianische Hausangestellte beschäftigten: Sie hatten sie bis dahin jedoch einfach nicht wahrgenommen. Die sogenannten Ureinwohner existierten nicht (mehr): sie waren nur noch Gegenstand von Musealisierungen. Nach einer stürmischen Phase der Ausbreitung der Indigenen-Bewegung, die geradezu eine Schwemme von Büchern über die Zapatisten und ihrer alten Parole “Land und Freiheit” zur Folge hatte, begann in Chiapas eine Phase des Nachdenkens. Diese nutzte die dem Neoliberalismus verpflichtete Regierung Calderón zu einer Großoffensive im Bundesstaat: Statt eines Massakers unter den Indianern, wie in Acteal 1997, entschied man sich nun jedoch dafür, Chiapas mit Geld zu befrieden. Es werden Autobahnen gebaut und Privatinvestitionen dorthin gelenkt, gleichzeitig werden große Gebiete der Lakandonengemeinden enteignet, um daraus ein Naturreservat zu machen. Entweder nehmen die Indianer darin Dienstleistungsjobs an oder sie verschwinden. Die Maßnahmen werden vom Militär exekutiert: Das Pazifizierungsprojekt heißt “Ökotourismus”, so wie auch in Burma das Militär die schönsten “Tourist-Resorts” im Dschungel betreibt – sie heißen dort sinnigerweise “Greenpeace”.

Die neozapatistische Guerilla weigert sich, in dieses “Paradies der Moderne” einzutreten, sie ist gut bewaffnet und verfügt über reguläre “Soldaten”, dennoch zog sie sich in die Berge zurück, verweigerte also auch den Krieg. Sie begreift sich als Teil des “kulturellen Ökosystems” – nicht nur der Region, sondern der ganzen Welt. Ihre akuten Gegner sind bloß Charaktermasken. Und sie streben sowieso nicht nach der Macht. Deswegen geht es ihnen statt um eine Parteigründung eher darum, noch tiefer in die Basisorganisationen einzudringen: “In die indianische Kultur des Widerstands,” so ihr Subcommandante Marcos. Er und einige andere Kader haben dabei den Weg von der maoistisch-guevaristischen “Fokus”-Strategie bis zur “überlebenstüchtigen Unbestimmtheit” zurückgelegt, wie ein französischer Beobachter meinte. Zunächst stießen sie mit ihrer Agitation bei den Indianern im Wald “gegen eine Wand”, aber dann gelang es ihnen, ihre “Sprache” in einen “Code” zu übersetzen, an dem dann auch der Regenwald und die Tiere – bis hin zum “niedersten”, dem inzwischen berühmten Käfer Durito – teilhaben.

Seltsame Dialektik: Je leiser sie wurden – d.h. in das Lokale eindrangen, desto lauter geriet ihre globale Resonanz, bis sie fast einem Spektakel glich. Die neozapatistische Guerilla zehrt vom Situationismus (Umdrehung/Entwendung/Prosituationismus, Masken in der Öffentlichkeit, die nichts verbergen, sondern etwas symbolisieren…), aber mehr noch von ihrem lang andauernden Versuch, den “verlorenen Gebrauch von Wörtern” wieder zu finden und damit einen “neuen Raum zu schaffen”. Merkwürdig: Die Neozapatisten haben dabei Vorläufer – vor Ort quasi – gehabt: Antonin Artaud, B. Traven, Max Aub und Leo Trotzki.

Ihre “Befreiungsbewegung” rekrutiert sich heute vor allem “aus der Masse der jungen marginalisierten modernen mehrsprachigen Indios, die bereits Erfahrungen mit der Lohnarbeit gemacht haben,” wie Garcia de León behauptet. Insofern sie als “Bürger” Mexikos akzeptiert werden wollen, kann man die Indigenenbewegung, die sich als Teil der weltweiten Migrationsbewegungen auf der Suche nach neuen Arbeits- und Lebensmöglichkeiten begreift, auch eine “Bürgerinitiative” nennen, wie sie hierzulange gerade überall entstehen – und dazu Planungsbeteiligung und Volksabstimmungen durchsetzen: “Die Politiker sollen gehorchend regieren,” so sagt es Marcos. Anderswo, in den USA, verlagert sich die öffentliche Meinungsbildung zunehmend von den Kapitalmedien in bürgerinitiierte Internetforen und -blogs. Solcherart “Klein-Werden Schaffen” läßt überall die Repräsentationsformen erodieren.

5. Die Gegenseitige Hilfe

Es gibt Kaufs- und Verkaufs-Genossenschaften. In ersteren sinken mit jedem neuen Mitglied die Preise und in letzteren die Löhne, grob gesagt. Nach dem Genossenschaftstheoretiker Franz Oppenheimer gilt bei den Genossenschaften ein “Transformationsgesetz”. Zwischen den theoretisierenden Genossenschaftsgegnern und den -anhängern wird darüber gestritten, wobei es im wesentlichen um die Auslegung eines Oppenheimer-Zitats geht, es lautet: “Nur äußerst selten gelangt eine (gesperrte) Produktionsgenossenschaft zur Blüte. Wo sie aber zur Blüte gelangt, hört sie auf, eine (offene) Produktivgenossenschaft zu sein.”

Die Produktivgenossenschaften (sowie auch die “Magazingenossenschaften”) wandeln sich quasi automatisch zu “Ausbeutergenossenschaften mit aristokratischer Verfassung, die sich gegen Beitrittslustige sperren”. In der Zeitschrift für das gesamte Genossenschaftswesen merkt Werner Kruck dazu an: Wo man sich aber von der “Forderung nach Offenheit” löst, hat man eine “Produzenten-Assoziation, die sich am Markt behaupten muß und auch kann”. In Israel wurden so gut wie die meisten Agrarassoziationen aus denen einst die Elite des Landes gekommen war und die besten landwirtschaftlichen Errungenschaften, aufgelöst. Sie hatten zuvor schon immer mehr “Kibbuzfremde” beschäftigt und in immer profitablere Geschäftsbereiche investiert. In China hat man sogar sämtliche Dorfgenossenschaften quasi von oben aufgelöst – bis auf eine.

Die Folge war ähnlich wie bei der Umwandlung der osteuropäischen LPG und Kolchosen: Rund 9/10tel der “Kommune”-Mitglieder mußte emigrieren. Den Verbliebenen wurde eine andere Einstellung zur Produktion abverlangt. Anderswo wird die Prosperität der Genossenschaften durch eine Veränderung des Produkts erreicht. So scheint z.B. die Alternative taz auf dem besten marktwirtschaftlichen Weg zu einer reinen Arbeitsplatzerhaltungsgenossenschaft zu sein. Wie überhaupt die genossenschaftlichen Alternativbetriebe eine Halbwertzeit haben. Irgendwann sind sie ununterscheidbar von den restlichen Marktteilnehmern.

Selbst unter den Bedingungen des großen sozialistischen Schwungs und des russischen Bürgerkriegs machte der Pädagoge und Gründer von Landkommunen für “gefährdete Jugendliche” Anton S. Makarenko diesbezüglich eine ernüchternde Erfahrung: “Anfangs [ab 1920] waren wir geneigt, nur die Landwirtschaft als wirtschaftliche Betätigung zu betrachten, und unterwarfen uns blind der alten These, die da behauptet, daß die Natur veredle. Diese These war in den Adelsnestern entwickelt worden, in denen die Natur in erster Linie als ein sehr schöner und gepflegter Ort für Spaziergänge und Turgenjewsche Erlebnisse aufgefaßt wurde…Die Natur aber, die den Gorki-Kolonisten veredeln sollte, schaute ihn mit den Augen der ungepflügten Erde an, des Unkrauts, das ausgerodet werden mußte, des Mistes, der gesammelt, aufs Feld gefahren und dann ausgestreut werden mußte, eines zerbrochenen Fuhrwerks, eines Pferdefußes, der geheilt werden mußte… Was konnte es da schon für eine Veredelung geben!”

Ähnlich war es dann mit den Gewerken, d.h. mit den “Kinderkolonien, die ihre Motivationsbilanz auf das Handwerk aufbauten”. Makarenko beobachtete dabei stets ein und das selbe Ergebnis: dass die Jugendlichen als angehende Schuster, Tischler, Maurer etc. immer mehr “Elemente des Kleinbürgerlichen” annahmen. Und diese stehen der Entwicklung eines revolutionären Kollektivs entgegen, wie er es anläßlich des Umzugs der Gorki-Kolonie in eine größere (in der Nähe von Charkow) sogar an sich selbst entdeckte – nachdem sie alle ihr knappes Hab und Gut zusammengepackt hatten und dabei eine Menge sauer erworbenes bzw. organisiertes “Eigentum” zurück ließen: “All diese ungestrichenen Tische und Bänke allerkleinbürgerlichster Art, diese unzähligen Hocker, alten Räder, zerlesenen Bücher, dieser ganze Bodensatz knausriger Seßhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit war eine Beleidigung für unseren heldenhaften Zug…und doch tat es einem leid, diese Dinge fortzuwerfen.”

Aber auch der “heldenhafteste Zug” ist irgendwann abgefahren. Nicht selten kommt dann so etwas wie ein neuer “Kollektivegoismus” auf: Hauptsache unsere Genossenschaft blüht auf – und sei es auf Kosten anderer Genossenschaften. Da hilft auch kein Zusammenfassen zu immer größeren Einheiten. Bereits im “Jahr des großen Umschwungs” 1929 ließ dazu der großartige Andrej Platonow einen der repressierten Großbauern (Kulaken) in seinem Roman “Die Baugrube” sagen: “Ihr macht also aus der ganzen Republik einen Kolchos, und die ganze Republik wird zu einer Einzelwirtschaft…Paßt bloß auf: Heute beseitigt ihr mich, und morgen werdet ihr selber beseitigt. Zu guter Letzt kommt bloß noch euer oberster Mensch im Sozialismus an.” Stalin, der das Manuskript las (“mein einziger Leser” – so Platonow), schrieb an den Rand: “Schweinehund”.

6. Früchte des Kampfes

In Berlin fand Ende 2007 eine Konferenz der “Europäischen Föderation der Gewerkschaften für den Lebensmittel-, Landwirtschafts- und Tourismussektor” (EFFAT) statt, auf der es um die Europäische Agrarpolitik ging. Der Beitrag der deutschen IG BAU (Bauen Agrar Umwelt) befasste sich dort mit der Situation der Landarbeiter, denen in der europäischen Landwirtschaft eine “wachsende Bedeutung” zukomme und die deswegen in der Agrarpolitik stärker berücksichtigt werden müssen, so sollten etwa soziale Standards bei der Zertifizierung von Agrarunternehmen eine Rolle spielen.

Die IG BAU beteiligte sich bereits 2004 an der Gründung des “Europäischen Verbandes der Wanderarbeiter”. Der EVW geht von 300.000 legalen Erntehelfern allein in der deutschen Landwirtschaft aus, hinzu kommen noch mindestens einmal so viele Illegale.

Angesichts der guten Gewinnaussichten der Unternehmen in der Landwirtschaft fordert die IG BAU in den anstehenden Tarifverhandlungen der Branche 5,5 Prozent mehr Lohn für die knapp 100.000 tarifgebundenen Agrarbeschäftigten: “Arbeitnehmer, die ständig in der Landwirtschaft beschäftigt sind, müssen an der positiven Entwicklung beteiligt werden – und zwar überproportional”, sagte IG-BAU-Verhandlungsführer Hans-Joachim Wilms. “Landarbeiter verdienen rund 30 Prozent weniger als vergleichbare Industriebeschäftigte.” (im Durchschnitt 1552 Euro statt 2542), gleichzeitig bekommen die sie beschäftigenden Großbetriebe die meisten Subventionen (über 300.000 Euro jährlich pro Betrieb). Hier kämpft die IG BAU für eine Offenlegung der unsozialen, verdeckt erfolgenden EU-Vergabepraxis. Angeblich sollen insbesondere die adligen Großagrarier hiervon profitieren, sie wurden auch schon bei der Privatisierung der ostdeutschen Wälder bevorzugt bedient.

Kürzlich bezeichnete Michael Prinz zu Salm-Salm – als Präsident der AG Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) – den tariflichen Mindestlohn für Waldarbeiter in Höhe von 10 Euro 26, den die IG BAU gerade mit dem deutschen Forstunternehmer-Verband (DFUV) ausgehandelt hatte, als “nicht-sachgerecht”. Die IG BAU konterte: “Es ist schon erstaunlich, dass Waldbesitzer, trotz beachtlicher öffentlicher Fördermittel, für Arbeiten, die dem Erhalt ihres Besitzes dienten, immer noch Billiglöhne bevorzugten.” Zur Information der Landarbeiter und Erntehelfer gibt die Gewerkschaft neben dem altehrwürdigen “Säemann” auch noch – online – den “L@ndworker” heraus.

Ein Leitartikel beschäftigte sich mit dem Wandel der “Erntehilfe”: Die “landwirtschaftliche Saisonarbeit wurde bis in die Fünfzigerjahre hinein von ortsansässigen Menschen geleistet, die keiner regelmäßigen Arbeit nachgingen. Anders als in anderen EU-Ländern, wo versucht wurde und wird, aus dieser Tätigkeit ein ausschließliches und ausreichendes Einkommen zu erreichen, ging es in [West-] Deutschland in erster Linie darum, Familieneinkommen durch Saisonarbeit zu ergänzen. Heute gibt es Betriebe, deren Existenz fast vollständig auf der Arbeit von zumeist polnischen Saisonarbeitskräften beruht. Das hat die IG Bauen-Agrar-Umwelt schon immer kritisiert. Sie hat auch die Frage aufgeworfen, ob solche Betriebe überhaupt Agrarsubventionen bekommen sollen. Die Arbeitsagenturen wollen nun verstärkt einheimische Arbeitskräfte für die Arbeit in der Landwirtschaft gewinnen.

So werden z.B. regionale Vermittlungskonzepte erarbeitet, geeignete Bewerber werden in einem Pool zusammengefaßt und durch Schulungen in Warenkunde und Erntetechnik qualifiziert. Fahrdienste, betriebliche Qualifizierungen und spezielle Aufwandsentschädigungen ergänzen mancherorts das Angebot. Wir meinen: Das ist ein positives Signal.”

Die Erntehelfer beschäftigenden Bauern – z.B. im Alten Land – würden jedoch lieber “ihre” engagierten Polen behalten, als mit zwangsverpflichteten deutschen Arbeitslosen zu ernten. In dem von der IG BAU mitgegründeten “Europäischen Verband der Wanderarbeiter” sind bis jetzt ebenfalls die meisten Mitglieder Polen, gefolgt von Rumänen und Bulgaren. Wenn es nach dem Willen der bis nach Spanien ausgedehnten deutschen Großagrar-Unternehmen geht, sollen diese osteuropäischen Erntehelfer schon bald die dortigen Araber zurückdrängen – bevor das dort in einen “Glaubenskrieg” ausartet, wie “Die Zeit” nahelegte.

7. Vorwärts! Es geht zurück

1917 führten die Bolschewiki die Ehescheidung ein, die fürderhin wie die Heirat nur noch aus einem einfachen Gesuch bestand – aus einer Unterschrift quasi. 1926 wurde von ihnen das “Gesetz über Ehe, Familie und Vormundschaft” verabschiedet. “Es betrachtete die Ehe als Zuerwerbsgemeinschaft, in die beide Ehepartner im Falle einer gemeinsamen Haushaltsführung ihr Sondereigentum einbrachten. Aus alles, was sie während der Zeit ihrer Ehe erwirtschafteten, hatten beide Ehepartner gleiche Besitzansprüche. Eheähnliche Verhältnisse waren der Ehe gleichgestellt, im Falle der Beendigung eines eheähnlichen Verhältnisses sollten die Grundsätze des Scheidungsrechtes angewandt werden. Eheliche und uneheliche Kinder waren einander gleichgestellt und der Vater jeweils nach Maßgabe seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Beteiligung am Unterhalt verpflichtet,” schreibt der Erlanger Slawist Helmut Altrichter in “Die Bauern von Tver”.

Auf dem Land, in den Dörfern galten damals jedoch noch andere, althergebrachte Sitten und Gebräuche. So klagte z.B. ein Bauer in einem Leserbrief, den die regionale Bauernzeitung “Das Tverer Dorf” 1927 abdruckte: “Die neue Verpflichtung zur Zahlung von Alimenten führt nur zu deren Mißbrauch – ältere schon etwas angestaubte Mädchen, die längst die Hoffnung auf eine Heirat aufgegeben haben, machen sich über junge Burschen her und verschaffen sich so ein sorgloses Leben.” Andere Leserbriefschreiber und sogar ein Dorfkorrespondent äußerten sich daraufhin ähnlich. Letzterer sah einen engen Zusammenhang zwischen der Einführung der Alimente und dem schamlosen Gebaren mancher Mädchen auf den Zusammenkünften der Dorfjugend. “Um sich einen schönen oder besonders reichen Burschen als Bräutigam zu gewinnen, sei ihnen jedes Mittel recht, auch der Geschlechtsverkehr, wenn nichts anderes helfe. Sollte der so Umworbene sie dann immer noch nicht zur Frau nehmen, müsse er zumindest den Unterhalt zahlen,” wieder Helmut Altrichter, der vermutet, dass für die Bauern “die Versorgung der unehelichen Kinder wohl eher eine karitative als eine grundsätzliche Frage” war und dass hier ein modernes universales Recht mit einer alten patriachalischen Agrarmoral zusammenstieß, die sich bereits mit dem Ersten Weltkrieg aufzulösen begonnen hatte, indem immer mehr Frauen den Boden bestellten, sich bildeten, sich an politischen Wahlen beteiligten usw.. Und das gelte gerade für das Tverer Gouvernement.

Nun könnte man sagen, dies sind alles alte vorrevolutionäre russische Bauernprobleme, aber weit gefehlt: Im industrialisierten Deutschland wurde das bolschewistische Ehegesetz von 1926 erst vor einigen Jahren in seiner ganzen Fortschrittlichkeit von Feministinnen durchgesetzt und die reaktionären Bauerngedanken dazu von 1927 wurden in Deutschland fast wörtlich noch einmal 2006 wiederholt – von hochbezahlten Dumpfmeistern wie den FAZ-Herausgeber Frank Schirmacher, den inzwischen gottseidank in die Wüste geschickten Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek und dem Verfassungsrichter Udo di Fabio z.B.. Mit Wort und Bild predigen diese “Neokons” eine Rückkehr zur “Blutigen Idylle des 19.Jahrhunderts”, wie die Autorin Claudia Pinl sich ausdrückte. Insbesondere Matussek ereiferte sich – nach einer für ihn allzu teuer gewordenen Scheidung – über all jene gebildeten Frauen, die sich seiner Meinung nach nur mit einem gutverdienenden Mann einlassen und sich von ihm schwängern lassen, um sich anschließend wieder von ihm zu trennen – und fortan mit seinem Unterhaltsgeld ein üppiges Leben ohne Arbeit und Mühen führen.

Andere Gutverdiener begreifen darüberhinaus auch noch die Scheidungsrichterinnen als unverantwortliche “Comrads in Crime” – in ihrem laut Claudia Pinl “anschwellenden Bocksgesang”. Überhaupt haben wir es derzeit mit einer Rückkehr zu vermeintlichen Agraridyllen und Blubo zu tun, selbst die Gewerkschaft IG BAU hält es für einen Fortschritt, wenn die Arbeitsämter anfangen, arbeitslose kerndeutsche Städter gegen ihren Willen zu Vollzeit-Erntehelfern umzuschulen. “Es sind ausschließlich Männer, die die Rettung Deutschlands durch die heile Familie, wenn’s sein muss, nach islamischem Muster, beschwören,” schrieb Claudia Pinl – noch bevor u.a. die neue Familienministerin und Eva Herman anfingen, den o.e. alten Böcken weiblichen Flankenschutz zu geben.

8. Produktiv-Genossenschaften

Die meisten Produktiv-Genossenschaften gibt es in Italien, darauf folgt Tschechien. Dort gibt es sie – mit Unterbrechung während der deutschen Okkupation – seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Entstanden sind sie wegen der starken ausländischen Konkurrenz – z.B. in der Textilindustrie. Deswegen taten sich einige kleine böhmische Textilunternehmer zusammen und gründeten eine Genossenschaft. In der Schweiz gibt es bereits seit dem 15.Jahrhundert Genossenschaften – mit formeller Satzung, um z.B. “die Nutzung der Almen, der Wälder und des Ödlands besser zu regeln,” wie die Allmende-Forscherin Elinor Ostrom schreibt, die verschiedene Genossenschaften in der Schweiz, in Japan, in Spanien und auf den Philipinen studierte, um empirisch nach einen “dritten Weg” zwischen Verstaatlichung und Privatisierung zu suchen.

Neuerdings hat dies auch das EU-Büro von Sarah Wagenknecht unternommen, in dem es zwei Studien über die Berliner Wasserwerke und die Sparkasse, die privatisiert werden sollen, in Auftrag gab. In Tschechien ist man quasi den umgekehrten Weg gegangen: Dort hat die Regierung des Neokons Vaclav Klaus in den Neunzigerjahren ein Genossenschaftsgesetz erlassen, dass diesen eine faktische Gleichstellung mit Kapitalunternehmen ermöglicht. Konkret heißt das z.B. dass eine mährische Genossenschaft, die Textilien produziert, sich ein Statut verpasst, in dem die Stimmen der Genossen sich nach der Höhe ihrer Einlagen richten. Auf diese Weise bringen es der Vorsitzende und sein Stellvertreter auf 68% der Stimmen. Die Löhne der rund 200 Näherinnen bewegen sich an der untersten Grenze der Durchschnittslöhne, die in Südböhmen/Mähren gezahlt werden – und sie arbeiten dafür im Akkord.

Anders eine benachbarte Produktivgenossenschaft, in der Nagelscheren und Ähnliches sowie Taschen hergestellt werden. Hier herrscht noch ein relativ gemütliches Arbeitsklima, das sich wesentlich von den chinesischen Textilfabriken unterscheidet, in denen hunderte von jungen Mädchen für einen Hungerlohn im Akkord z.B. T-Shirts zusammennähen, angetrieben von miesen Vorarbeitern, die ihre Arbeiterinnen nicht selten nach Feierabend auch noch sexuell ausbeuten. Aber diese versklavenden Arbeitsbedingungen sind weltweit vorbildhaft – auch die tschechischen Produktivgenossenschaften müssen sich an ihnen messen: d.h. ihre Lohnkosten dürfen nicht wesentlich über den chinesischen liegen. Und in der technologischen Entwicklung sind die Chinesen inzwischen sowieso führend.

Also bleibt den tschechischen Betrieben nichts weiter übrig, als Marktnischen zu besetzen: Sie stellen z.B. tolle Uniformen für die Schweizer Armee her oder schicke Erste-Hilfe-Taschen für die österreichische Bundesbahn. Mitunter können sie auch einen Absatzmarkt mit ökologisch sauberen Produkten halten – z.B. Kinderspielzeug aus Buche mit Naturfarben bemalt. Solche Produkte leistet sich dann die obere Mittelschicht in Japan und Amerika. Und die solcherart teures Kinderspielzeug herstellende Genossenschaft freut sich natürlich, wenn chinesisches Billigspielzeug unter Blei- und Kadmiumverdacht gerät, auch wenn sie deswegen noch lange nicht in die US-Schweinekette “Toys R Us” aufgenommen wird. In Deutschland gibt es nur wenige Produktivgenossenschaften, die meisten nennen sich schlicht Alternativbetriebe und haben sich als GmbH oder AG registrieren lassen.

Aber in Berlin gibt es die taz und die Junge Welt als eingetragene Genossenschaften. Die erstere ist älter und operiert enger am Markt. Dabei tut sich jedoch ein Widerspruch auf: während die 7900 Geldgeber – als Zeichner von Genossenschaftsanteilen – das “linke Projekt” mit ihrem Geld unterstützen wollen, drängt es die Redakteure zur (schwarz-grünen) Mitte. Dies hat zur Folge, dass es zunehmend schwieriger für die taz wird, weitere “Linke” als Genossen zu gewinnen. Die Redakteure mag das jedoch nicht anfechten, insofern sie darauf spekulieren, mit ihrem Mainstreamkurs bald so erfolgreich wie z.B. die Bild-Zeitung zu sein – und damit gut und gerne auf weitere Genossen verzichten zu können. Hier ist die Genossenschaft also bloß ein finanzieller Nothebel, der mit dem eigentlichen Projekt kaum etwas zu tun hat. Wie es bei der Jungen Welt aussieht, weiß ich nicht, das mag die kommende Vollversammlung diskutieren. Grundsätzlich gilt jedoch, dass Journalisten für jeden Genossen unsichere Kantonisten sind. Nicht umsonst galten sie den Bolschewiki als “Klassenfremde” – entfernter als die Verbrecher. Man muß sie deswegen besonders hart ins Joch zwingen. Pressefreiheit – d.h. für diese halbgebildete Schweinebande bloß, sich trotzdem einen Namen machen zu wollen. Ich weiß, wovon ich rede.

9. Chimären-Produktion

In der Sowjetunion begann die Chimären-Forschung 1927 – mit der Einrichtung einer Affenforschungsstation in Suchumi/Abchasien. Hier versuchten Otto Julewitsch Schmidt und sein Institutsleiter Ilja Iwanowitsch Iwanow Menschen mit Affen zu kreuzen, nachdem sie zuvor in Afrika Experimente zur Kreuzung von Affen mit Menschen unternommen hatten. Erst seit 1972 weiß man, dass sich so keine “Chimären” erzeugen lassen: also Mischwesen – wie man sie von der “Chimären-Galerie” auf den Türmen von Notre Dame kennt. Otto Julewitsch Schmidt stürzte sich dann zusammen mit seiner Frau Vera in die Psychoanalyse, die er – gefördert von Leo Trotzki und Adolf Abramowitsch Joffe – fast zu einer Staatswissenschaft ausbaute, u.a. profitierte Sigmund Freud davon. In Westeuropa profitierte man 1968 vor allem von den Erfahrungen seiner Frau Vera Schmidt – mit psychoanalytischen Kindergärten; ihre Schriften wurden hier zu Anleitungen für die “Kinderläden”.

Otto Julewitsch Schmidt wechselte noch in den Zwanzigerjahren von der Psychoanalyse zur Polarforschung. 1933 leitete er mit dem Kapitän Wladimir Woronin eine Expedition zur Erkundung des Nordlichen Seewegs. Dabei wurde ihr Schiff, die “Tscheljuskin”, in der Beringstraße vom Eis eingeschlossen und zerdrückt. Einen Monat mußte die Mannschaft auf einer Eisscholle ausharren, bis sie von Polarfliegern gerettet wurden. Ihre Rückkehr nach Moskau gestaltete sich zu einem Triumphzug – vor allem für die Polarflieger. Otto Julewitsch Schmidt ernannte man zum Leiter der Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg. Daneben wurde er dann auch noch Herausgeber der Sowjetischen Enzyklopädie. Sämtliche “Säuberungen” gingen an ihm still vorüber, in seiner Enzyklopädie schlugen sie sich jedoch alle peinlich nieder. Zuletzt widmete sich Schmidt der kosmologischen Forschung, die mit der Planung der ersten Raketenflüge in den Kosmos forciert wurde.

Dieser letzte Abschnitt seiner freimütigen Weltneugier stieß nach seinem Tod 1956 vor allem in den USA, wenn auch nur kurz, auf Interesse. Dort werden seitdem quasi am laufenden Band Chimären produziert. Es geht eben doch – mittels Gentechnik.

1997 versuchte der amerikanische Gen-Kritiker Jeremy Rifkin als Mitglied im “Rat für eine verantwortungsvolle Genetik” ein Verfahren zur Herstellung von Mensch-Affen-Chimären patentieren zu lassen – um fürderhin alle ernsthaften diesbezüglichen Ansätze in den Genlabors besser bekämpfen zu können. Seit 1980 waren bereits etliche “Chimären” zusammengebaut worden – angefangen mit genveränderten Bakterien, Fruchtfliegen und Mäusen über viele Pflanzen bis hin zu einer Kreuzung zwischen Schaf und Ziege. Inzwischen wurden bereits einige tausend Patente bewilligt für Gene und gentechnisch veränderte Zellinien, darunter auch menschliche Zellen. Während in Deutschland die Produktion von Chimären grundsätzlich verboten ist, reicht in den USA bereits die plausible “Beschreibung eines hypothetischen Experiments” zur Patentierung, wie “Nature” 1998 anmerkte.

Auf der Affenstation in Suchumi orientierte sich die Forschung ab Anfang der Vierzigerjahre auf das Trainieren von Affen für die Raketen- und Weltraumforschung. In einem anderen Institut, ebenfalls in Suchumi, arbeitete man zur gleichen Zeit an der Entwicklung einer sowjetischen Atombombe, u.a. war der Physiker Manfred von Ardenne daran beteiligt. Als die Sowjetunion auseinanderfiel und in Abchasien/Georgien ein Bürgerkrieg ausbrach, setzte sich der letzte Leiter der Affenstation Boris Lapin mit etlichen Mitarbeitern und Tieren nach Adler in Russland ab. Dort werden nun gegen Bezahlung medizinische Experimente mit den Affen angestellt. Das Institut verbraucht jährlich 3700 Tiere. In Suchumi werden noch 286 gehalten – in Käfigen; das große Freilandgehege wurde im Bürgerkrieg zerstört – die wenigen Affen, die überlebten, halten sich im Gebirge versteckt.

In Deutschland berichtete die Springerstiefelpresse 2003 mit Fotos aus dem US-Film “Planet der Affen”, dass Stalin laut einiger wiedergefundender Dokumente mit der Chimärenproduktion auf der Affenstation von Suchumi eine Geheimarmee besonders bestialischer Soldaten züchten wollte. Der “Independent” wußte dagegen 2008 zu berichten, dass die Sowjets dort bestimmte “proletarische Prototypen” entwickeln lassen wollten – mit denen sich das Tempo der Industrialisierung des Landes forcieren ließ.

Das stimmt zwar beides nicht, aber wahr ist wahrscheinlich, dass es im Westen inzwischen “mindestens 30 menschliche Chimären” gibt”, sagt jedenfalls Michael Chrichton. 2005 wurde der Patentantrag von Jeremy Rifkin abgelehnt. Er ist darüber froh, denn damit wurde die Diskussion über die Produktion und Profitabilisierung transgener Lebewesen neu eröffnet. Die Forschung wird sie jedoch nicht aufhalten können: “Wir lösen uns sozusagen als Gattungsidentität auf”, in dem wie aus der “biologischen Matrix” aussteigen, “das ist das, was heute ansteht,” meint der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme, und dass damit die “Differenz” zwischen Tier und Mensch langsam verschwindet. Wir müssen uns neu definieren. Das wollte auch schon Otto Julewitsch Schmidt mit seinen Experimenten – im revolutionären Überschwang.

10. Le Grand Magasin

So nennt der Bildhauer Andreas Wegner sein neuestes Projekt, das erst einmal darin besteht, dass ausgewählte Waren von Produktivgenossenschaften aus ganz Europa in der Galerie des Kunstamts Neukölln ab dem 19. September zum Verkauf ausgestellt werden. Von da aus weitet sich das EU-geförderte Projekt nach Usti nad Labem, Budapest und an den Plattensee aus, außerdem kommen eine Reihe von Künstlerinnen, die sich mit Genossenschaften beschäftigten, mit ins Spiel, sowie Diskussionen, Veranstaltungen etc.. In diesem Zusammenhang, quasi im Vorfeld, soll deswegen hier auch immer mal wieder von Genossenschaften die Rede sein.

Die taz ist übrigens eine (Leser-) Konsumgenossenschaft, in der dann eine Produktivgenossenschaft (der Mitarbeiter, die vorher einen Verein mit diversen GmbHs bildeten) aufging. Dies war die “kleine Lösung” (zur Behebung der bis dahin immer wiederkehrenden “taz-Krisen”) – vor allem der Nicht-Redakteure, die damit die “große Lösung” der Redakteure ausstachen. Diese favorisierten ein Sanierungs-Konzept, das darin bestand, sich z.B. an den Spiegelverlag/Augstein zu verkaufen. Etwa so wie der aus einem Wagenbach-Putsch einst entstandene Rotbuch-Verlag an Rowohlt. Ähnliches unternahm zuvor auch das taz-Vorbildprojekt “Liberation”, indem es sich mit dem “Big Business” verband. 2006 wollte der Kapitalgeber das weiterhin Verluste machende Blatt jedoch wieder loswerden und versuchte, es ausgerechnet an den deutschen Springerverlag zu verscherbeln, wo dann wahrscheinlich der ehemalige Frankfurter “Autonomie”-Herausgeber Thomas Schmid für die “Libé” verantwortlich gewesen wäre, der einst gegen den Springerstiefel-Verlag kämpfte und nun dort ausgerechnet für dessen “Intelligenzblätter” zuständig ist: “Mit Schmid”, sagt ein Springer-Mitarbeiter etwas gespreizt, “soll in der ganzen Gruppe eine gewisse Intellektualität einziehen”.

Die taz hat neben der Genossenschaft, die immer mehr (zahlende) Mitglieder gewinnt, nun auch noch aus ihrem “Panter-Preis” (für herausragende soziale Individualaktivitäten, die als “Tu gut” gelten) eine Stiftung gegründet – und acquiriert nun also neben Genossen auch noch fleißig neue Stifter. Ihre Stiftung soll einmal eine taz-Akademie finanzieren. Und diese wird dann der zunehmenden Zahl von Praktikanten statt eines zuckersüßen Arbeits-Lohns wenigstens ein vollkornherbes Bildungs-Brot anbieten.

20.05.2008

Planetarische Diversität

von Helmut Höge

Seltsam, die ganzen Umweltschützer, Alternativenergetiker, Genkritiker und Ökos sind zwar überaus aktiv, aber sie vermeiden es strikt, die Warenproduktion als die Wurzel alles Übels zu thematisieren. Die Warenproduktion, die tendenziell alles und jeden vernutzt. Im Gegenteil ist z.B. ein taz-Ökoredakteur sogar der Meinung, dass es gut ist, wenn z.B. die Multis oder große Fondsgesellschaften die Wind- und Solarenergie aufgreifen, um daraus ein Geschäft zu machen, weil die Durchsetzung dieser regenerativen Energie und ihre Nutzung dann nicht mehr nur im Kleinen geschieht.

Auch anderswo werden die Ökos immer blinder gegenüber der kapitalistischen Ökonomie und den sozialen Problemen. Dies hängt auch mit ihrer (amerikanischen) Konzentration auf Erfolg – und damit auf “Single Point/Issues/Targets” zusammen, die völlig blind macht gegenüber der Tatsache, dass alles mit allem zusammenhängt. In der Jungen Welt veröffentlichte dazu gerade Klaus Pedersen einen erhellenden Text – als:

Vorabdruck. Die internationalen Naturschutzunternehmen

Nüchtern betrachtet zählen zu den ersten Gewinnern der Schutzgebietspolitik die Naturschutzorganisationen, die sich so ihre eigene Existenzgrundlage schaffen. Mit den »großen internationalen Naturschutzorganisationen« sind in erster Linie der World Widlife Fund for Nature (WWF), The Nature Conservancy (TNC) und Conservation International (CI) gemeint, gefolgt von der kleineren Wildlife Conservation Society (WCS), die in dem Ruf steht, Naturschutzziele gegenüber den indigenen und lokalen Gemeinschaften besonders rücksichtslos zu vertreten.

Die großen drei

Die älteste und – budgetmäßig betrachtet – größte Organisation ist die TNC, die Mitte der 1940er Jahre von einer Handvoll US-amerikanischer Biologen mit dem Ziel gegründet wurde, die Unterschutzstellung bestimmter Naturflächen innerhalb der USA zu erreichen. Es dauerte rund 25 Jahre, bis für den TNC-Präsidenten erstmals eine voll bezahlte Stelle zur Verfügung stand. Heute ist der Posten des TNC-Präsidenten mit einem ansehnlichen Managergehalt dotiert. In den 1990er Jahren durchlief TNC eine Phase exponentiellen Wachstums und verfügt heute über knapp 3700 bezahlte Mitarbeiter sowie ein Vermögen von über vier Milliarden Dollar und operiert in 50 Bundesstaaten der USA sowie 30 weiteren Ländern. Zu den wichtigsten der nahezu 2000 Firmensponsoren von TNC gehören neben mehreren Holz- und Mineralölkonzernen auch Monsanto und Pfizer.

CI mit aktuell knapp 800 Angestellten wurde 1987 von TNC-»Deserteuren« gegründet, die TNC nach internen Querelen verlassen hatten. Mit Hilfe von »aggressivem« Fundraising wuchs diese Organisation rasant und verfügte 2005 über ein Vermögen von 173 Millionen Dollar. Drei Viertel der Einnahmen – 92,7 Millionen Dollar – wurden von Stiftungen, Regierungen und anderen Geldgebern für Projekte eingeworben. Das hebt CI gegenüber TNC und WWF ab, die sich stärker aus individuellen und Firmenspenden finanzieren. Aber auch CI macht von dieser Möglichkeit Gebrauch. Von den rund 250 Firmen-»Partnern« werden jährlich zwischen sieben und neun Millionen Dollar eingesammelt. Zu den Sponsoren gehört eine Reihe notorischer Umweltsünder wie die Ölmultis BP, ConocoPhilips, ChevronTexaco, die Papier- und Holzkonzerne International Paper und Weyer-haeuser sowie bekannte Namen wie McDonald’s, Coca-Cola und Wal-Mart. Sie alle bekommen durch diese »Partnerschaften« die Möglichkeit, sich mit der Unterstützung von Natur- und Umweltschutz zu brüsten.

CI arbeitet in den »Biodiversity hotspots« von über 20 Ländern und erlangte traurige Berühmtheit wegen dubioser Allianzen und Aktivitäten, unter anderem in Chiapas, Guatemala und Papua-Neu-Guinea. Der Sündenkatalog umfaßt die »Beihilfe« zur Biopiraterie, eine Zweckbeziehung zum mexikanischen Militär bei der Bekämpfung der Zapatistas und – daran gekoppelt – die Vertreibung dieser unerwünschten Bewohner aus dem Biosphärenreservat Montes Azules, die Kooperation mit Firmen bei der »grünen Kolonisierung« von bäuerlichen Gemeinschaften und die Unterstützung von Ölkonzernen bei der Lagerstättenerkundung, selbst in Naturschutzreservaten. Eine Würdigung dieser dubiosen Verstrickungen erfolgte 2005, als CI für den Negativpreis »The Public Eye on Davos Award« nominiert wurde.

Der WWF begann 1961 mit einem kleinen Büro in der Schweiz. Heute operiert er mit 4000 Angestellten in über 100 Ländern und arbeitet an 2000 Projekten, wofür im Jahr 2006 rund 374 Millionen Euro ausgegeben wurden. Der WWF Deutschland hat zur Zeit 324000 Förderer und erzielte 2006 Erlöse in Höhe von 27,3 Millionen Euro (davon 19,9 Millionen aus privaten Spenden und 2,5 Millionen von Unternehmen). Auf Vollzeit umgerechnet hat der WWF Deutschland derzeit 98 Stellen (109 Angestellte) und war neben 16 nationalen Projekten an 37 internationalen Projekten beteiligt. Ähnlich wie die anderen Naturschutzmultis verfolgt der WWF eine marktorientierte Herangehensweise an die Finanzierung von Naturschutz, was nicht zuletzt in seiner Broschüre »Raising revenues for protected areas. A menu of options« zum Ausdruck gebracht wird.

Staat überläßt NGO seine Pflichten

Was ist das Problem mit diesen Naturschutzunternehmen, außer daß sie mittels Greenwash den zum Teil notorischen Umweltsündern zu einem grünen Mäntelchen verhelfen? Zum einen wurde die Problemlage 2004 in einem Aufsehen erregenden Beitrag von Mac Chapin, Anthropologe und zu jener Zeit Mitarbeiter des Environmental Law Institute in Washington, umrissen, der vom World Watch Magazine veröffentlicht wurde. (…)

Chapin beginnt mit der Bezugnahme auf eine unveröffentlichte Evaluierung der Ford-Stiftung (ein wichtiger Geldgeber für die »großen drei«), in der festgestellt wurde, daß diese Organisationen in kurzer Zeit extrem groß und reich geworden seien und daß sie eine globale Herangehensweise an den Naturschutz verfolgten, »die eine Reihe von Fragen und Beschwerden durch lokale Gemeinschaften, nationale NGO und MenschenrechtsaktivistInnen hervorriefen« (Chapin 2004). Dies bestätigt in moderaten Worten die im ersten Teil des vorliegenden Buches beschriebene Situation. Chapin problematisierte die Zusammenarbeit der großen Naturschutz-NGO mit multinationalen Unternehmen, insbesondere aus der Öl-, Gas-, Arzneimittel- und Bergbaubranche und beklagte, daß die Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften nach einem Hype Anfang der 1990er Jahre zu einem Lippenbekenntnis geschrumpft sei. Als Ursache für das Scheitern der Zusammenarbeit mit Basisorganisationen identifizierte er die arrogante Herangehensweise der großen Organisationen, die den indigenen und lokalen Gemeinschaften stets die Projekte vorsetzten und zur »Teilnahme« einluden, aber den Basisorganisationen nie die Chance gaben, ihre eigenen Projekte zu entwerfen und durchzuführen. Bezüglich der Prioritäten kollidierten die Interessen der beiden Gruppierungen regelmäßig. Während auf der indigenen Agenda fast immer (und verständlicherweise) der Schutz der eigenen Landnutzung und die Legalisierung der Eigentumsverhältnisse an der Spitze stand, wollten die Naturschutzorganisationen als erstes die Schutzgebiete demarkieren und Managementpläne entwerfen. Chapin bescheinigt den großen Naturschutz-NGO, daß sie über die Köpfe der lokalen Bevölkerung hinweg agieren.

Auf ein weiteres Problem mit den »großen drei« wies Paul Jepson vom Umweltzentrum der Universität Oxford hin: Die Lobbyarbeit der Naturschutzmultis, mit dem Ziel, das eigene Budget zu vergrößern, spielt der weltweiten neoliberalen Agenda in die Hände – der Staat zieht sich aus seiner Verantwortung zurück und überläßt »zivilgesellschaftlichen Organisationen« von zum Teil fragwürdiger Legitimität das Feld, wodurch »der Öffentlichkeit nicht rechenschaftspflichtige Märkte, Unternehmen und zwischenstaatliche Institutionen bei der Festlegung von Werten und Politikzielen, die den Kontext des Alltagslebens bestimmen, allzu dominant werden« (Jepson 2005). Von außen betrachtet wirkten die großen Naturschutzorganisationen wie ein Hybrid aus transnationalen Konzernen und (zwischen)staatlichen Institutionen der Entwicklungshilfe, meint Jepson.

Während die Naturschutzmultis ihre eigene Arbeit aus privaten und Firmenspenden sowie Projektgeldern von Stiftungen und (zwischen)staatlichen Einrichtungen finanzieren, betrachten sie im Einklang mit den staatlichen und internationalen »Entwicklungshilfe«-Institutionen marktwirtschaftliche Mechanismen als das langfristige Nonplusultra zur Finanzierung von Naturschutz. Dazu zählen Eintritts- und andere Gebühren für Schutzgebiete, Einkünfte aus dem »Öko«tourismus, Gebühren für Jagd- und Angellizenzen, Bioprospektionsgebühren, Debt-for-Nature-Swaps (Schuldenerlaß im Tausch für den Erhalt von Biodiversität) und Einkünfte aus Umweltdienstleistungen. (…)

Vermarktung biologischer Vielfalt

Im ersten Teil des Buches wurde die weltweite Ausbreitung von Schutzgebieten (Nationalparks, Biosphärenreservate etc.) beschrieben, und es wurde auf die sozialen Folgen für die Menschen der Länder des Südens eingegangen.

Der Logik der Marktwirtschaft folgend kann man davon ausgehen, daß die Gelder zur Schaffung und zum Erhalt von Schutzgebieten nicht zum Selbstzweck ausgegeben werden. Die Forderung des in der Entwicklungspolitik einflußreichen CSU-Bundestagsabgeordneten Dr. Christian Ruck, das Verhältnis zwischen »altruistischer Entwicklungspolitik« und »eigeninteressengeleiteter Geopolitik« neu zu bestimmen, gilt auch für den Bereich des Biodiversitätsschutzes. Es werden Abermillionen Dollar bzw. Euro nicht primär dafür ausgegeben, um die Lebensgrundlage unzähliger Menschen zu zerstören. Vielmehr geht es um die Inwertsetzung der biologischen Vielfalt, um das Vermarkten von Naturschutz, um Emissionshandel, um die Zonierung von Waldflächen und, damit verbunden, um die Gewinnung von Zellulose und von Treibstoffen aus biologischem Material. Zum einen geschieht das im Einklang mit der westlichen Vorstellung von Naturschutz (Schutz der Biodiversität zur späteren Verwertung genetischer Ressourcen, marktwirtschaftliche Verrechnung von Naturerhalt als »Umweltdienstleitung«). Zum anderen dient Naturschutz – wie bereits erwähnt – als Ausgleichsmaßnahme, um anderweitig verursachte Naturzerstörung (großflächige Baumplantagen zur industriellen Nutzung, Gewinnung von Bodenschätzen) abzupuffern.

Das grundlegende völkerrechtliche Abkommen in diesem Bereich – die Konvention über Biologische Vielfalt (CBD) – entspricht voll und ganz dieser Denkweise. Auch wenn in den 42 Artikeln der CBD zwei Abschnitte zu finden sind, die sich zum Schutz der Interessen von indigenen und lokalen Gemeinschaften äußern, sollte die CBD nicht mit einem Instrument zur Schaffung von mehr sozialer Gerechtigkeit verwechselt werden. Die Formulierungen in der CBD mögen »weniger schlimm« klingen als die in den Dokumenten der Welthandelsorganisation (WTO), doch die CBD war der entscheidende Schritt zu einer Strategie der »Nachhaltigkeit« im marktwirtschaftlichen Sinn, die von zahlreichen NGO willig mitgetragen wird.

Dazu zwei Einschätzungen von WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen: »Den über diese Form der ›ökologischen Modernisierung‹ erhaltenen Zugang zu den Zentren der Macht dankten die entsprechenden Umweltorganisationen durch ›Politikfähigkeit‹ und Pragmatismus, während sie sich von Strategien der Konfrontation mit Politik und Wirtschaft verabschiedeten«, schlußfolgert der Geograph Klemens Laschefski (2007) in einem Beitrag für die ILA.

Nach Ansicht der Anthropologin Cori Hayden von der Universität Berkeley/Kalifornien, »fördert und billigt (die CBD – K.P.) explizit eine marktvermittelte Vision von Biodiversitätsschutz. Die Konvention baut buchstäblich auf die Life Science Industrie sowie den immer breiteren Umfang an Patenten auf Lebensformen als Zugpferde, um der Biodiversität ›Wert‹ zu verleihen. Naturschutz wird somit unersetzlich für eine Vision von nachhaltiger Entwicklung, bei der biologische Vielfalt als eine produktive Ressource betrachtet wird, die ›sich selbst bezahlt‹. (…) Die CBD liefert den Ländern des Südens Anreize dafür, ihre Wälder lieber zu schützen als sie abzuholzen. Aus dieser Perspektive ist ein Abkommen zum Benefit-Sharing (Vorteilsausgleich) kein Mechanismus zur Förderung sozialer Gerechtigkeit, sondern es wurde in erster Linie als Anreizstruktur geschaffen« (Hayden 2006).

Ganz in diesem Sinne äußert sich die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) in einem Diskus­sionspapier zum »Thema Umweltdienstleistungen in den Biosphärenreservaten tropischer Länder« (KfW 2004). Programme zu Umweltdienstleistungen würden schnell ihre Attraktivität verlieren, wenn sie mit anderen Zielen überfrachtet würden, zum Beispiel sozialen Zielen. Es sei generell nicht wünschenswert, Kompensationszahlungen für Bauern zu leisten, die bereits existierenden gesetzlich verordneten Beschränkungen unterliegen. Nur bei neuen Beschränkungen, zum Beispiel wenn traditionelle Weiderechte in einem neu etablierten Schutzgebiet eingeschränkt werden sollen und es politisch nicht möglich ist, diese Einschränkungen anderweitig durchzusetzen, sollten Ausgleichszahlungen in Betracht gezogen werden. Ein Argument, das man überwinden müsse, sei jenes, daß die Landwirte Ausgleichszahlungen entsprechend dem Nutzen erhalten sollten, den sie für die Umwelt produzieren. In den weiteren Ausführungen wird auf die Monopolstellung der Finanzinstitutionen verwiesen, die die Umweltdienstleistungen bezahlen. Es wird angeregt, diese Monopolstellung zu nutzen, um die Preise auf ein möglichst niedriges Niveau zu drücken, um so möglichst viel Umweltdienstleistung für das zur Verfügung stehende Geld herauszuholen. Nur so würde das Geschäft mit Umweltdienstleistungen unter anderem für private Anleger attraktiv sein.

Die Bioprospektionssaga

Inwertsetzung von Biodiversität beginnt in der Regel mit einer Bestandsaufnahme (Bioprospektion). Ähnlich wie im Supermarkt muß die künftige Ware mit einem Etikett versehen sein, selbst wenn im vorliegenden Fall – beim Verramschen der biologischen Kostbarkeiten – der Preisaufdruck auf dieses Etikett erst viel später erfolgt.

Der Begriff »Prospektion« bezog sich ursprünglich auf die Erkundung von Lagerstätten natürlicher Rohstoffe (Erz, Erdöl etc.). Bei Bioprospektion geht es um die Erkundung von »Lagerstätten« biologischer Rohstoffe, d.h. um Orte, an denen Pflanzen, Mikroben und Tiere gefunden werden, aus denen bioaktive Moleküle isoliert oder die als genetische Ressource genutzt werden können. Der Terminus »Bioprospek­tion« setzte sich in Fachkreisen vor anderthalb Jahrzehnten mit dem damals bahnbrechenden Buch »Biodiversity Prospection« von Laird und Reid (1993) durch. Bioprospektion ist keine neue Erscheinung. Schon die kolonialen »Entdecker« des 16./17. Jahrhunderts nahmen in Augenschein, was feudalen Imperien und frühkapitalistischen Handelsmonopolen wie der Ostindien-Kompanie gut und nützlich sein konnte. Seit Jahrhunderten werden Heilpflanzen und pflanzengenetische Ressourcen in die Zentren der Macht transferiert. So war es eigentlich Bioprospektion, was Pizarro und seine Raubgesellen Mitte des 16. Jahrhunderts zu jener Expedition antrieb, bei der sie schließlich auf den Amazonas stießen und bis zu seiner Mündung vordrangen: Sie waren auf der Suche nach dem »Land des Zimts«.

Im Zeitalter der Gen- und Biotechnologie, das zugleich das Zeitalter der massiven Zerstörung tropischer Regenwälder und anderer Lebensräume ist, wird Bioprospektion jedoch auf völlig neuem Niveau durchgeführt. Einerseits bietet die moderne Molekularbiologie analytische Möglichkeiten, die vor zwei Jahrzehnten noch völlig unvorstellbar waren. Andererseits wird es in Anbetracht fortdauernder Zerstörung von Lebensräumen in Zukunft immer schwieriger werden, neue biologische Ressourcen zu finden. Deshalb vertreten Institutionen wie das US-amerikanische FIC (Fogarty International Center) die Meinung, daß die Erforschung des medizinischen Potentials der Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen dringend notwendig sei. Das FIC, einer der wichtigsten Geldgeber für die globale Bioprospektion, weist darauf hin, daß knapp die Hälfte aller in den letzten 20 Jahren entwickelten Arzneimittel ursprünglich aus Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen isoliert wurde. Die diesbezüglichen Zahlenangaben schwanken, aber in der Grundaussage decken sie sich. (…)

Von ähnlichen Motiven waren und sind übrigens auch die Akteure im Agrarsektor getrieben. Die genetischen Ressourcen der Länder des Südens werden seit vielen Jahrzehnten von den Pflanzenzüchtern Deutschlands sowie anderer Länder Europas und Nordamerikas begehrt. Schon in den siebziger Jahren erkannten Wissenschaftler der National Academy of Sciences der USA, daß die sogenannte grüne Revolution »ein Paradox sozialer und ökonomischer Entwicklung darstellt, indem das Produkt der Technologie (Züchtung auf hohen Ertrag und Einheitlichkeit) die Ressourcen zerstört, auf denen die Technologie aufbaut« (zitiert bei Flitner 1995, S. 11 f.). Pflanzenzüchter mit fachlichem Weitblick erkannten diese Entwicklung bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts und versuchten, dem sich abzeichnenden Trend durch regionale Sammlungen von Landsorten entgegenzuwirken.

Dieser pflanzenzüchterische Weitblick war teilweise gepaart mit ausgeprägten eugenischen Ambitionen und rassistischer Weltanschauung. So war der herausragende Pflanzengenetiker und Wegbereiter beim Aufbau von Sortensammlungen, Erwin Baur, zugleich Mitverfasser des 1921 erschienenen und nach Einschätzung von Flitner äußerst einflußreichen Buches »Grundriß der menschlichen Erblichkeitslehre und der Rassenhygiene«. Ferner war Baur zeitweilig Vorsitzender der »Berliner Gesellschaft für Rassenhygiene« und sparte nicht mit rassistischen Kommentaren über die menschliche Vielfalt, der er auf seinen Sammelreisen begegnete.

Regenwald als Profitreservoir

Die wohl bedeutendste Sammelreise deutscher Bioprospektoren im landwirtschaftlichen Bereich war die zehnmonatige »Deutsche Hindukusch-Expedition 1935«. Dabei machten diese Sammler eine Erfahrung, die auch späteren Bioprospektoren nicht erspart blieb – man war auf das Wissen der lokalen Bevölkerung angewiesen. Das Sammeln wird »eine ausgesprochen lästige Arbeit, wenn man keine reifen Feldbestände benutzen kann, sondern vom guten Willen der Landbewohner abhängt«, klagten die Teilnehmer dieser »nationalsozialistischen« Expedition (zitiert bei Flitner 1995, S. 77), die im übrigen auch den Auftrag hatte, nach »arischen Völkerresten« am Hindukusch zu suchen.

Über eine Reihe von Stationen, die die Gründung der bundesdeutschen Genbank (damals in Braunschweig) im Jahr 1970 einschloß, zog sich die Sammeltätigkeit deutscher Forscher als roter Faden durch die Jahrzehnte bis hinein in die »Entwicklungszusammenarbeit«, die sich nach dem Zusammenbruch der Kolonialsysteme in den 70er Jahren zu formieren begann. Eine der dafür zuständigen deutschen Institutionen, die GTZ (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit – d. Red.), führte von 1976 bis 1987 insgesamt 34 Sammelreisen in Sachen Agrobiodiversität in zehn verschiedenen Ländern durch, wobei Mittel- und Südamerika einen Schwerpunkt bildeten. Derlei Aktivitäten wurden nicht sonderlich publik gemacht. Flitner mußte ziemlich tief graben, um auf die Quellen zu stoßen, in denen diese das Licht der Öffentlichkeit scheuende Sammelleidenschaft detaillierter beschrieben ist.

Im Bereich des Naturschutzes dreht sich ein Großteil des Diskurses über Erhalt und Verlust der biologischen Vielfalt um die tropischen Regenwälder, insbesondere in den als »Megadiversitätszentren« betrachteten Regionen. Dabei hat, im Gegensatz zu Teilen der lokalen Bevölkerung, für die Eliten des Nordens die Eindämmung des Regenwaldverlusts keine existentielle, sondern strategische Bedeutung. Durch den Wachstumszwang kapitalistischen Wirtschaftens werden Umwelt, Klima und Naturräume in globalem Maßstab zerstört. Zugleich versuchen Pharma- und Biotechnologiekonzerne mit »Naturschutz« sich ein Stück des schwindenden Kuchens für später zu reservieren. Sie kommen mit der Wertschöpfung nicht in dem Maße hinterher, wie Holzindustrie und Erdölkonzerne sowie der vom westlichen Lebensstil verursachte Klimawandel die biologische Vielfalt zerstören. Die »Rettung« der Biodiversität wird – in Form von Entwicklungszusammenarbeit – zur staatlichen Aufgabe, getreu dem Prinzip, Aufwendungen zu sozialisieren und (spätere) Gewinne zu privatisieren.

Literatur:

– Chapin, M. (2004): World Watch Magazine, November/Dezember 2004, S. 17–31

– Flitner, M. (2005) Sammler, Räuber und Gelehrte. Campus Verlag, Frankfurt/New York

– Hayden, C. (2006): NACLA Report on the Americas 39, S. 26–31

– Jepson, P. (2005): Environmental Science & Policy 8, S. 515–524

– KfW (2004): Environmental Services. Payments for environmental services in German financial cooperation. Frankfurt/Main, April 2004, www.kfw-entwicklungsbank.de

Erscheint in diesen Tagen: Klaus Pedersen, Naturschutz und Profit. Menschen zwischen Vertreibung und Naturzerstörung, Unrast Verlag Münster, 140 Seiten, 13,80 Euro

20.05.2008

Hausmeisterkunst (252)

von Helmut Höge

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Hier erwischte der Photograph Peter Grosse den Hausmeister einer amerikanischen Mehrzweckhalle nebst seinen Assistenten, wie sie gerade zwei niegelnagelneue Nirosta-Poller ausbringen.

20.05.2008

Klowitze

von Helmut Höge

 ”Mein Herz ist rein, mein Popo  ist schmutzig, ist das nicht putzig…”
Die UNO kürte 2008  zum “Jahr der Toiletten”. Dazu erklärte der  UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon passend zum  “Weltwassertag”, der seit 2003 jährlich am 22.März stattfindet: “Knapp 40% der Weltbevölkerung, 2,6 Milliarden Menschen, haben keinen Zugang zu ordentlichen Toiletten. Alljährlich sterben deswegen 15 Millionen – an ansteckenden Krankheiten wie Durchfall.” Der Leiter der Weltgesundheitsorganisation (WHO), David Heymann, ergänzte: “Die Zahl der Todesopfer könnte durch Verbesserungen bei Wasserversorgung und sanitärer Ausstattung um zwei Millionen gesenkt werden”.

In Deutschland ist eher das Gegenteil zu befürchten: Dass weitere “Verbesserungen” zu irreversiblen Schäden führen. Hier sind aus den Klos im Zuge der Fitness- und Wellnessbewegung wahre “Wohlfühl-Oasen” geworden. Mit der Folge, dass immer mehr Menschen sich bei der Ausgestaltung ihrer narzistischen Naßzellen pekuniär verausgabten. Auf der inzwischen sämtliche Hallen füllenden Frankfurter Sanitärmesse, die 215.000 Interessierte 2007 besuchten, wurde z.B. das “Dusch WC” von Designer Uli Witzig am “Balena”-Stand geradezu umlagert: “eine Kombination aus Klo und Bidet – mit einem ausfahrenden Duscharm für sanfte Reinigung, weiters mit Geruchsvernichtung, Fernbedienung und einem Fön ausgestattet.” Der Preis – 900 Euro – schien keinen abzuschrecken.

Noch extremer ging und geht es in Ostdeutschland zu, wo sofort nach der Wende Privatkredite in Höhe von mehreren Milliarden DM primär zur Modernisierung von Bädern und Latrinen  ausgegeben wurden und ganze Kommunen sich mit dem Bau von utopisch überdimensionierten Kläranlagen sowie neuer Kanalisation ruinierten. Der Journalist Wolfgang Sabath schreibt in seinem Buch “Das Pissoir” über das Ostberliner Intelligenzblatt “Sonntag”, wo er Redakteur war, dass zwei seiner Kollegen 1991 plötzlich  anfingen, das Klo zu putzen, als der  Zeit-Herausgeber Bucerius sich zu einem Besuch ansagte. Sie hofften, dass er den “Sonntag” übernehme, der damals noch dem Kulturbund gehörte. Bucerius ließ sich dort jedoch überhaupt nicht blicken, nachdem ihm der neue Chef des Kulturbunds die Abokartei verkauft hatte. Ich selbst erinnere mich, dass man in dem an die Treuhand gefallenen Batteriewerk in Oberschöneweide das gerade geräumte Büro des Parteisekretärs als erstes zu einem dort so genannten “Investorenscheißhaus” umbauen ließ. Der Raum wurde eierschalenfarbig gekachelt und mit Topfpalmen dekoriert. Die Spülung der Pißbecken funktionierte fortan automatisch über Lichtsensoren. Dieser Einzug der Hightech in den “stillen Ort” galt dem Philosophen Jean-Francois Lyotard als Signum der Postmoderne. Er begegnete ihm bereits 1980 auf der Toilette des Fachbereichs Informatik der dänischen Universität Aarhus, wo er ihn als “neue Aussage” begriff sowie als eine “Gewissheit” darüber, “daß es keine Ohnmacht gibt, außer durch Depression”.

Die Ostler fielen mit dieser “Aussage” jedoch bloß in eine neue – postsowjetische – Depression,  und kamen damit quasi vom Regen in die Traufe: “Früher hatten wir Gäste ohne Ende, aber keine Waren, jetzt haben wir jede Menge  Waren, aber keine Gäste mehr,” so sagte es der Wirt der “Truckerstube” bei Magdeburg, der  21.000 DM allein in seine Gästetoiletten investierte: “Jeder Klodeckel ist anders!” In manchen Ost-Baumärkten gibt es bis zu 100 verschiedene Toilettendeckel. Besonders beliebt sind dort durchsichtige Plastikdeckel mit eingegossenem Stacheldraht. In Thüringen verkaufte eine West-Santärfirma vielen Kneipen Klobrillen zum Auflegen auf die Klobrillen. Die Aufleger hingen nach Art von Rettungsringen über den Becken an der Wand. Die Erfindung war ein Flop, aber noch heute sieht man dort in vielen Abtritten diese inzwischen leeren Halterungen an den Wänden.

Vollends verarscht fühlten sich die Ostler, als auch noch überall auf den öffentlichen Plätzen farbig illuminierte  “City-Toiletten” auftauchten, die “Challenge”, “Campo”, “Avenue”, “Helios” oder “Streetline” hießen. Und von der  Privatfirma “Wall AG” aufgestellt wurden, die dafür bis in alle Ewigkeit alles drumherum mit Reklame zuscheißen darf. Der Klobesitzer Hans Wall bekam das Bundesverdienstkreuz, während gleichzeitig die Klofrauen in den ganzen DDR-”Pachttoiletten” schnöde “abgewickelt” wurden. Der “Wall”-Wahn ist inzwischen schon so weit gediehen, dass z.B. die Redakteure der Kreuzberger  Schülerzeitung “Borsign” in ihrem Artikel über einen Wandertag, der sie nach Tegel führte, diese Klos als einzige Sehenswürdigkeit dort lobten: Wegen Regen hatten sie sich in eine dieser neuen musikbeschallten “City-Toiletten” verdrückt – und sich darin prächtig amüsiert. Weil Bucerius den “Sonntag” nicht übernahm, durften wenig später einige seiner Redakteure, die ganz umsonst das Klo für ihn geputzt hatten, ein Zeit-Magazin (“Start ins neue Deutschland”) füllen. Sie schrieben darin: “Die Werbung überzieht das Land flächendeckend, wie früher die Stasi!” Und bekamen dafür, ebenso wie die Zeit-Chefredaktion, sofort  Ärger – vom “Zentralausschuß der Werbewirtschaft”. Dieser hat nebenbeibemerkt seit 2003 auch noch die Klowände in Gaststätten als Werbeflächen entdeckt. Dem Vernehmen nach experimentiert er gerade mit akustischer Werbung, die beim Hochheben des Klodeckels aus dem Becken tönt.

Wie wäre es z.B. mit dem neuesten  Album der Berliner Popband “Die Türen”, es heißt “Popo” und die Musiker verweisen darauf bereits auf das “Jahr der Toiletten”, wobei sie sich jedoch nicht auf den UNO-Generalsekretär, sondern auf die – ebenfalls in Berlin ansässige – “German Toilet Organization” (GTO) berufen, die sich für “nachhaltige Abwassersysteme” einsetzt. Eine ihrer Forderungen lautet: “Das ‘Toiletten-Tabu’ muß gebrochen werden!”

Aus seinen Analysen der bürgerlichen – von allen Exkrementen säuberlich abgesonderten – Psyche gewann Sigmund Freud einst die Erkenntnis, das ihre Erziehung zur Reinlichkeit, speziell in der frühkindlichen analen Phase, zu einer fatalen Entsprechung von Scheiße und Geld führe – beides halten sie später zwanghaft zurück. Noch in der Studentenbewegung bezeichnete man deswegen nervige Zwangscharaktere, die übergroßen Wert auf Sauberkeit und Ordnung (bis ins Demographische und Biologische hinein) legen, als verschissene “Analkacker”.

Seit der gigantischen nachgeholten Aufrüstung der Naßzellen im Osten ist nun ganz Deutschland quasi analfixiert. Und so weiß man nicht mehr: Ist z.B. die “German Toilet Organization” ein verkackter Klowitz, eine bloße Webpage-Windbeutelei oder eine ernsthafte “Bürgerinitiative”? Schon früher war Deutschland das Land mit den meisten Anal-Schimpfwörtern. Inzwischen wird in den Autobahn-Toiletten jede etwa zweistündige Reinigung schriftlich an der Tür festgehalten. Und Klosprüche scheinen für viele Deutsche die beliebteste Form der freien Meinungsäußerung zu sein. Wegen eines solchen (führerkritischen) Spruchs – auf die Wand der öffentlichen Toilette am Kreuzberger Mariannenplatz – wurde 1943 der Arbeiter Wilhelm Lehmann  hingerichtet.

Erwähnt seien ferner die mobilen Dixi-Klos: Weit über Deutschland hinaus gibt es kaum noch eine öffentliche Veranstaltung, auf denen diese Chemietoiletten nicht stehen, die von der Ratinger Firma ADCO hergestellt  werden – und das in solchen Mengen, dass sie damit inzwischen laut Wikipedia ein “umgangssprachliches Begriffsmonopol” etablierten. Weltweit einzigartig ist auch “www.toilette.oglimmer.de”: die  “1.Webseite, die sich ausschließlich mit dreckigen und verschissenen Toiletten beschäftigt” – und zwar mit Fotos und in Farbe! Typisch deutsch dürfte auch sein, dass die neue Mode, seine Arsch- und Schamhaare abzurasieren, sich hier sofort bis in die untersten Klassen durchsetzte. Und ein Lied wie “Katzenklo” (von Helge Schneider) zu einem Dauerhit werden konnte.
Dazu  gehört auch der beliebte “Flachspüler”, den die Nazis einst als echtdeutsch favorisierten, und der sich noch immer nicht gegen die “Tiefspüler”, wie ihn alle anderen Völker benutzen, durchsetzen konnte. Der korsische Naßzellenforscher Guillaume Paoli spricht deswegen bei dieser Form der fäkalen Entsorgungs-Zwischenlagerung, bei der man sein “Geschäft” vor dem Wegspülen noch einmal kritisch bzw. begeistert  begutachten kann,  von einem “deutschen Sonderweg zum Gully”, der nur äußerst langsam – mit der Amerikanisierung – verschwindet. Wie überhaupt das Wort “Zwischenlager” geradezu kerndeutsch ist. So wie auch das einstige “Torfklo” für Arme, das sich heute bei den Hardcore-Ökos, insbesondere auf dem Land und in Schrebergärten, als – nunmehr teure und edle – “Komposttoilette” wieder durchsetzt.

Was den Umweltschutz angeht, ist Deutschland inzwischen führend. Am ökologisch sauberen deutschen Wesen wird dereinst die Welt genesen. Der  ehemalige KZ-Häftling Wieslaw Kielar besc hrieb 1979 Auschwitz unter dem Titel “Anus Mundi”. Diese Metapher vom “Arsch der Welt” griff später der Partisan und Auschwitzhäftling Primo Levi auf.

1918 war bereits ein Roman über die deutsche  “Arschkriecherei” erschienen – von Heinrich Mann: “Der Untertan”. Das Buch, von Kurt Tucholsky als “Herbarium des deutschen Mannes” gelobt, löste auch noch in seiner 1951 von Wolfgang Staudte verfilmten Fassung heftige Kontroversen aus. Erst recht dann Daniel Goldhagens Analyse des nazideutschen Untertanengeistes. Der sich hier und heute auch unter Heteros immer größerer Beliebtheit erfreuende “Arschfick” könnte eine postmoderne Variante dieses spezifischen autoritären Charakters sein, die sich bis in die Systemzeit meist noch mit Pornos  begnügte, auf denen Frauen “anständig der Hintern versohlt” wurde, und dann langsam in das massenhafte “Schleifen” von Rekruten überging – bis ihnen  “das Arschwasser kochte”.

Für “die deutsche Tiefgründigkeit” machte Nietzsche einst “eine harte und träge Verdauung” verantwortlich. Jetzt gibt es dagegen für die “deutsche Elite” in Frankfurt am Main einen Proktologen, der einen sündhaft teuren Einlauf zusammenstellte, den er seinen Patienten vor wichtigen Sitzungen und Entscheidungskonferenzen rektal verpaßt – das Mittel sollte sie entspannen und vitalisieren. Bald war es unter dem lokalen Führungspersonal derart begehrt, dass er seinen Naßzellenbereich vergrößerte und ein spezielles Klistier konstruierte sowie einen Bock, auf den der betreffende sich rüberlegen mußte. Schließlich  stellte er noch einen Bademeister ein. Der Einlauf darf nicht zu oft gemacht werden, aber seine Patienten bestachen den Bademeister schon bald mit immer höheren Summen, um auf den Bock zu gelangen. Entscheidend ist, was hinten reinkommt, um hier ein Bonmot des Restaurationskanzlers Kohl zu paraphrasieren.


Zum Vergleich:

Russland:
Russland ist toilettenmäßig das genaue Gegenteil von Deutschland.  Nachdem schon das verdreckte  sowjetische Primitivklo von Ilja Kabakov auf der 9. Kassler documenta die antikommunistische deutsche Kunstseele umschmeichelt hatte, kommt uns nun der Moskauer Kunsthistoriker Pavel Pepperstejn erneut mit einer Analanalyse, indem er die Künstlerscene in das teilt, was er “Zellendasein” und “Gemeinschaftsleben” nennt – und auf christliche “Eremiten/Mönche” bzw. “Priester” zurückführt. Im Kommunismus  tauchte diese Dichotomie noch einmal mit den “Massen” einerseits und “Stalins Lokus” andererseits auf. In diesen Zusammenhang sieht er auch noch die endlosen Besucherschlangen, die sich nach unten ins Lenin-Mausoleum bewegend – so quasi “durch den Darm der Initiation schieben”. Zur damaligen Öffentlichkeit gehörten ferner die sowjetischen Zeitungen, die hernach (beim Endverbraucher) als Toilettenpapier benutzt wurden. Das erzeugte auf Dauer eine “besondere Art des analen Lesens und der analen Information.” Darüberhinaus fanden die Zeitungen, in noch kleinere Schnipsel zerrissen, auch als Einstreu in Katzenklos und Meerschweinchenkäfigen Verwendung. Und dies sei  der  “Punkt, wo sich ‘Gemeinschaftlichkeit’ und ’stille Zurückgezogenheit’ verbinden. Für den Moskauer Pepperstejn ist “die Welt der Toilette in einer Stadtwohnung die maximale Variante der stillen Zurückgezogenheit”.

Das “Zellendasein” der heutigen Künstler äußere sich im Gebrauch von Homecomputern, privaten Videorekordern und halluzinogenen Effekten”. Sie sind damit technisch in der Regel besser ausgestattet als die “gemeinschaftlich orientierten” Künstler, die fortwährend Anschluß an die Medienöffentlichkeit suchen. Während erstere die Medien meiden und  gewissermaßen “ständig auf dem Klo sitzen”. Dabei kommunizieren sie mit der Öffentlichkeit nicht in der “mentalen Horizontalen”, sondern eher in der “mentalen Vertikalen – wobei sie “das Kanalisationssystem in den Häusern der Stadt” imitieren.

In seinem Peenemünde-Roman “Die Enden der Parabel” hat Thomas Pynchon diese exkrementale Initiation mit ihrer ganzen schmutzigen Verlaufsform und anschließenden Unsterblichkeit bzw. “Langlebensdauer” bereits am Beispiel von “Byron, der Glühbirne” buchstäblich durchgespielt.

P.S. An den sowjetischen Umgang mit Zeitungen erinnert  erinnerte auch schon der 1969 veröffentlichte Roman von Jurek Becker “Jakob der Lügner”, der seine “Radionews” aus Zeitungsschnipseln zusammenstellte, die er aus der Toilette der deutschen Wachmannschaften des jüdischen Ghettos entwendete.

Frankreich:

 

Die von Managern vor wichtigen Sitzungen aufgesuchte Naßzelle des Frankfurter Proktologen, das ist keine “Klappe”! Die Macht macht sich daran, das Geschlechtliche zu überwinden.

In seinem Film “Weekend” (1967) hat Jean-Luc Godard dies bereits – allerdings nicht in restaurativem, sondern mit revolutionärem Schwung – auf den Punkt gebracht, an einer Stelle – mit dem Zwischentitel “Anal Ysis”. Alle erotischen Handlungen sind dort auf den Anus bezogen: Paul bewundert Corinnes Arschbacken,  Monique steckt ihren Finger in Corinnes Arschloch, Paul fickt mit Corinnes Hilfe Monique von hinten,  Monique sitzt mit dem Arsch in einer Milchschüssel, und Paul steckt Corinne ein Ei in den Arsch.

Für den französischen Schwulentheoretiker Guy Hocquenghem ist der Anus als sexueller Bereich dem Geschlecht gegenüber indifferent:  Während der Penis und die Vagina der Differenz zuarbeiten, stiftet der Anus Ähnlichkeiten. Das gilt auch für die Macht und ihre Arschkriecher – deswegen ist es Jacke wie Hose, ob es sich dabei um einen  Mann oder eine Frau handelt. Die Naßzelle  aber, in dem der Arsch genüßlich entblößt wird, ist eine “Heterotopie”, mit Michel Foucault zu sprechen, der darunter reale “Gegenorte” versteht, die immer an ein “System von Öffnungen und Schließungen” gebunden sind. Demgegenüber stehen all jene “ordentlichen WCs”, die von der WHO in diesem “Jahr der Toiletten” für die Armen eingefordert werden: es sind “Utopien” – “stille Orte”, die es noch nicht gibt und wahrscheinlich auch nie geben wird, weil unsere heterotopischen Aborte alles Wasser verbrauchen.