31.07.2008 von Helmut Höge
Kropotkin im Gespräch mit Lenin – über Genossenschaften
Ich kann die Zusammenkunft von Wladimir Iljitsch und Peter Alexejewitsch Kropotkin mit annähernder Sicherheit zwischen den 8. und 10. Mai (1919) datieren. Wladimir Iljitsch bestimmte die Zeit nach den Arbeitsstunden des Sovnarkom (Rat der Volkskommissare) und benachrichtige mich, daß er gegen fünf Uhr in meiner Wohnung sein würde. Ich teilte Peter Alexejewitsch telefonisch Tag und Stunde des Treffens mit und schickte ihm um diese Zeit einen Wagen.
Wladimir Iljitsch erschien früher bei mir als Peter Alexejewitsch. Wir sprachen über die Werke der Revolutionäre früherer Zeiten; Wladimir Iljitsch gab während dieser Diskussion seiner Meinung Ausdruck, daß zweifellos bald die Zeit käme, in der wir vollständige Ausgaben unserer Emigrantenliteratur und ihrer führenden Autoren sehen würden, mit allen erforderlichen Anmerkungen, Vorworten, und allem anderen Untersuchungsmaterial.
“Dieses ist äußerst notwendig”, sagte Wladimir Iljitsch. “Nicht nur müssen wir selbst die Geschichte unserer revolutionären Bewegung studieren, sondern wir… weiter lesen
31.07.2008 von Helmut Höge

Diese Poller stellt eine Keramik-Genossenschaft in Palermo her, der Hausmeister (portinaio) dort hat sie nur zu pflegen, dennoch kann man sie als “Hausmeisterkunst” (arte di portinaio) bezeichnen, denn in Produktivgenossenschaften geht es ja zumindestens theoretisch auch immer um eine tendenzielle Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit – insofern als jeder Genosse an der Geschäfts-Führung beteiligt ist, auch der Hausmeister, mit einer Stimme, der somit auch diese Poller mit verbrochen hat.
31.07.2008 von Helmut Höge
“Die Menschen entdecken sich in ihren Waren wieder.” (Herbert Marcuse)
In dem bereits vor einigen Tagen erwähnten “ArchivKooperativerProjekte” sind etwa die Hälfte der Projekte in Berlin und im Umland konsumistische Initiativen – wie etwa Food-Coops. In einem Suhrkamp-Reader über “Politik, Protest und Propaganda” war 2007 bereits von “politischem Konsum” die Rede: “Wie andere Formen kreativen politischen Handelns kann der politische Konsum nicht nur relativ schnell Erfolge verzeichnen, sondern er verlangt den Teilnehmern auch keine besondere Opferbereitschaft ab.” Der “Reader” über eine “Politik ohne Reue” heißt denn auch nicht mehr “Was tun?”, sondern “Und jetzt?” d.h.: Was kaufe ich als nächstes? bzw.: Was nicht? Es geht dabei um organisierten Konsumentenboykott.
In den USA wurden die Gewerkschaften und Bürgerrechtsbewegungen schon früh durch Mord und Bestechung zerschlagen. Seitdem findet das atomisierte angepaßte Individuum mit dem “egoistischen Gen” als bewußter Verbraucher auf dem globalen Markt nur noch rein statistisch zur Kollektivität… weiter lesen
25.07.2008 von Helmut Höge

Wegen der Olympiade in Peking und drumherum rüsten alle dortigen Dienstleister auf, d.h. sie weisen ihre Hausmeister an, ihre Etablissements (Projekte) fit für die Fremden zu machen. Und dazu gehört auch, dass man für sie die wichtigsten chinesischen Hinweis-Schriftzeichen übersetzt – mindestens in Englische. Dazu scheinen die Hausmeister in der Mehrzahl auf Übersetzungsprogramme zurückzugreifen, wie auch die folgenden Beispiele zeigen…













“No Saliva” heißt “Nicht Spucken!”





Die Photos mailte mir die wunderbare Jennifer Munro – ehemals niedersächsische Elternsprecherin und Biologin, die ihre Doktorarbeit über den DDT-Gehalt in Baumwolle im weltweiten Vergleich schrieb. Vor einiger Zeit erwähnte ich Jenny einmal in der taz auf der Wahrheit-Seite im Zusammenhang meiner dortigen Serie “Da lacht der/die” (in diesem Fall “Inderin”):
Wilhelm Genazino definierte den Humor als “jegliches verbale Belustigungsgeschehen, dass von außen… weiter lesen
25.07.2008 von Helmut Höge
Es geht mir bei diesem “Thema” darum, die Genossenschaften von allen Seiten und in allen Ländern zu allen Zeiten zu beleuchten – was natürlich unmöglich ist.
“Das Ich ist nicht nur hassenswert, es hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts.” (Claude Lévy-Strauss)
Der Tagesspiegel schreibt – unter “Selbsthilfe macht stärker”:
“Die genossenschaftliche Organisationsform, die auch heute mit den Begriffen Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung umschrieben wird, ist im Grundsatz ein Zusammenschluss von Menschen, die sich in gleichen oder ähnlichen Problemlagen befinden und gemeinsam Lösungen suchen. Der Genossenschaftsgedanke ist deshalb alt. Doch erst im Zeitalter der Industrialisierung greift die Genossenschaftsidee um sich. Vorreiter ist natürlich das Mutterland der industriellen Revolution – England.
Der Textilfabrikant Robert Owen baut ab 1799 im schottischen New Lanark einen Musterbetrieb auf. Der Sozialreformer sorgt für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Er lässt Wohnungen bauen und besorgt Lebensmittel zu günstigen Preisen. Er verbietet die Arbeit… weiter lesen
25.07.2008 von Helmut Höge
“Nach Tschewengur ging Alexej Alexejewitsch, um die Genossenschaft zu suchen – die Rettung der Menschen vor Armut und vor gegenseitiger Grausamkeit.” (Andrej Platonow, “Tschewengur”)
Das Kernland der Genossenschaftsbewegung ist natürlich Russland.
Dort bildete sich aus dem Kreis der berühmten “Männer und Frauen der Sechzigerjahre” die “ins Volk” gegangen waren, um vor allem auf dem Land die Bauern zu agitieren, die Redaktionsgruppe der illegalen Zeitung “Zemlja i Volja” (Land und Freiheit), in der zunächst noch die unterschiedlichsten revolutionären Ideen koexistierten. Auf einem Treffen in Woronesh kam es 1879 jedoch zu einer Spaltung: Während die einen, um Nikolai Alexandrowitsch Morosow, für den politischen Mord votierten, lehnten die anderen, um Georgi Plechanow und Vera Sassulitsch, Attentate strikt ab. #
Obgleich letztere 1878 selbst ein kühnes Attentat verübt hatte, indem sie den Stadtkommandanten von St. Petersburg niederschoß, weil der einen ihrer Genossen im Untersuchungsgefängnis wegen mangelnder Ehrerbietigkeit ihm gegenüber auspeitschen ließ – ungeachtet der… weiter lesen
24.07.2008 von Helmut Höge

Der Platzwart von Compiègne hat, wie so viele Platzwarte von historischen Stätten, das Hauptexponat, hier ein Eisenbahnwaggon, mit einigen Pollern aufgewertet, wie er meint. In Wirklichkeit war dies jedoch bloß eine ebenso phantasielose wie dämliche Aktivität auf einem völlig sinnlos ins Staatsgeschichtliche erhobenen Öd-Gelände. Wikipedia schreibt – wie üblich in scheinbar sachlich-neutraler Dummdarstellung:
“Compiègne ist bekannt durch die Unterzeichnung zweier Waffenstillstände zwischen Deutschland und Frankreich (Waffenstillstand von Compiègne):
* Am 11. November 1918 wurde im Wald von Compiègne in einem Eisenbahnwagen der Waffenstillstand geschlossen, der den Ersten Weltkrieg beendete. Beteiligte: der französische Marschall Ferdinand Foch und der deutsche Politiker Matthias Erzberger.
* Fast 22 Jahre später am 22. Juni 1940 wurde der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich unterzeichnet. Beteiligte waren die Generäle Wilhelm Keitel auf deutscher sowie Charles Huntziger auf französischer Seite.
Später wurde unter den Nazis in Compiègne ein Transit- und Internierungslager (von… weiter lesen
24.07.2008 von Helmut Höge
Das Fragezeichen in der Überschrift bedeutet: Ich weiß nicht, wie lange ich noch über diese alberne Münchnerei berichten soll und wie lange es den Konzern überhaupt noch gibt.
Die SZ berichtete am 22.7. auf Seite 1: Groß-”Aktionäre von Siemens aus den USA sollen gedroht haben, vor Gericht gegen den Aufsichtsrat vorzugehen, falls frühere Vorstände nicht auf Schadensersatz verklagt werden.”
Prompt knickte der neue Löscher (als Siemenschef) und der krumme Kromme (als Aufsichtsratschef) dann auch ein – und “verklagt nun zehn Ex-Vorstände” (SZ-Schlagzeile).
“Darf das denn sein?” fragt am nächsten Tag ein SZ-Kommentator – und meint dann: “Es darf nicht nur sein – es muß sogar sein.” Denn, so seine ebenso ehrliche wie amihörige Helotenantwort:
1. Bietet nur solch eine “schonungslose Aufklärung” (die völlig lächerlich-juristisch und blödsinnig ist, weil sie die Kartellvergangenheit seit 1899 nicht thematisiert) und die scharfe “Ahndung” die “Chance”, dass die Börsenaufsicht in den USA am Ende einen… weiter lesen
24.07.2008 von Helmut Höge
“‘Nun, da unsere Ziele dieselben sind, gibt es vieles, das uns in unserem Kampf verbindet’, sagte Wladimir Iljitsch Lenin. ‘Ja, sicherlich’, unterbrach ich ihn, ‘aber ihr verfolgt die Genossenschaften und ich bin für sie’.” (Peter Alexejewitsch Kropotkin)
Die meisten Genossenschaften gibt es in Kanada, den USA und Japan, in Europa gibt es die meisten in Italien und Tschechien sowie in der Slowakei. In Tschechien gibt es sie – mit Unterbrechung während der deutschen Okkupation – seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Entstanden sind sie wegen der starken ausländischen Konkurrenz – z.B. in der Textilindustrie. Deswegen taten sich z.B. einige kleine böhmische Textilunternehmer zusammen und gründeten eine Genossenschaft.
In der Schweiz gibt es bereits seit dem 15.Jahrhundert Genossenschaften – mit formeller Satzung, um z.B. “die Nutzung der Almen, der Wälder und des Ödlands besser zu regeln,” wie die Allmende-Forscherin Elinor Ostrom schreibt, die verschiedene Genossenschaften in der… weiter lesen
14.07.2008 von Helmut Höge

Der Poller-Photograph und -Fotofinder Peter Grosse wird immer nostalgischer gestimmt bei seiner Objektsuche, d.h. es mehren sich seine Lieferungen von Fotos, auf denen ein Urpoller im Mittelpunkt steht, also einer zum Festmachen von Schiffen am Ufer bzw. am Kai. Genaugenommen sind diese jedoch das Gegenteil von Verkehrsabweiser – nämlich Verkehrsranholer. Und Unikate sind es auch meistens nicht. Zu diesem Pollerphoto schrieb Peter Grosse: “was so ein winz poller aushält, festhält…” wobei seine kleinschreibung das ganze noch winziger machte.