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vonHelmut Höge 31.07.2008

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Kropotkin im Gespräch mit Lenin – über Genossenschaften

Ich kann die Zusammenkunft von Wladimir Iljitsch und Peter Alexejewitsch Kropotkin mit annähernder Sicherheit zwischen den 8. und 10. Mai (1919) datieren. Wladimir Iljitsch bestimmte die Zeit nach den Arbeitsstunden des Sovnarkom (Rat der Volkskommissare) und benachrichtige mich, daß er gegen fünf Uhr in meiner Wohnung sein würde. Ich teilte Peter Alexejewitsch telefonisch Tag und Stunde des Treffens mit und schickte ihm um diese Zeit einen Wagen.

Wladimir Iljitsch erschien früher bei mir als Peter Alexejewitsch. Wir sprachen über die Werke der Revolutionäre früherer Zeiten; Wladimir Iljitsch gab während dieser Diskussion seiner Meinung Ausdruck, daß zweifellos bald die Zeit käme, in der wir vollständige Ausgaben unserer Emigrantenliteratur und ihrer führenden Autoren sehen würden, mit allen erforderlichen Anmerkungen, Vorworten, und allem anderen Untersuchungsmaterial.

„Dieses ist äußerst notwendig“, sagte Wladimir Iljitsch. „Nicht nur müssen wir selbst die Geschichte unserer revolutionären Bewegung studieren, sondern wir müssen auch jungen Forschern und Schülern die Möglichkeit geben, eine große Anzahl von Artikeln zu schreiben, die auf diesen Dokumenten und auf diesem Material fußen, um möglichst große Massen mit dem vertraut zu machen, was in Rußland während der vergangenen Generation existierte. Nichts wäre verderblicher, als zu glauben, die Geschichte unseres Landes begänne mit jenem Tag, an dem die Oktoberrevolution ausbrach. Trotzdem hören wir diese Meinung jetzt sehr häufig. Solch eine Dummheit ist es nicht wert, daß man sie diskutiert. Unsere Industrie ist wieder hergestellt, die Papier- und Druckkrise geht vorüber, und wir werden hunderttausend Exemplare solch eines Buches wie die „Geschichte der französischen Revolution“ von Kropotkin drucken und andere seiner Werke; trotz der Tatsache, daß er Anarchist ist, werden wir seine gesammelten Werke in jeder nur denkbaren Weise herausgeben, mit allen notwendigen Anmerkungen für den Leser, damit er deutlich den Unterschied zwischen den kleinbürgerlichen Anarchisten und der wahren kommunistischen Weltanschauung des revolutionären Marxismus versteht“.

Wladimir Iljitsch nahm ein Buch von Kropotkin aus meiner Bibliothek und ein anderes von Bakunin, die ich seit 1905 besaß, und durchblätterte sie schnell, Seite für Seite. In diesem Augenblick erfuhr ich, daß Kropotkin angekommen war. Ich ging, um ihn zu begrüßen. Er stieg langsam unsere ziemlich steile Treppe hinauf. Ich begrüßte ihn, und wir gingen in mein Arbeitszimmer. Wladimir Iljitsch durchschritt schnell den Korridor und bewillkommte, warm lächelnd, Peter Alexejewitsch. Peter Alexejewitsch errötete und sagte gleich zu ihm: „Wie glücklich bin ich, Sie zu sehen, Wladimir Iljitsch! Wir haben Meinungsverschiedenheiten in einer ganzen Reihe von Fragen, den Mitteln der Aktion, und der Organisation. Aber unsere Ziele sind die gleichen, und was Sie und Ihre Genossen im Namen des Kommunismus tun, ist meinem alten Herzen sehr nahe und teuer“.

Wladimir Iljitsch nahm ihn beim Arm und führte ihn sehr aufmerksam und höflich in mein Arbeitszimmer, ließ ihn in einem Sessel Platz nehmen und setzte sich ihm gegenüber an den Schreibtisch.

„Nun, da unsere Ziele dieselben sind, gibt es vieles, das uns in unserem Kampf verbindet“, sagte Wladimir Iljitsch. „Natürlich ist es möglich, sich einem und demselben Ziel auf verschiedenen Wegen zu nähern, aber ich glaube, daß unsere Wege in vielerlei Hinsicht zusammengehen müßten“.

„Ja, sicherlich“, unterbrach Peter Alexejewitsch, „aber ihr verfolgt die Genossenschaften und ich bin für sie“. „Und wir sind für sie“ , rief Wladimir Iljitsch lebhaft aus, „aber wir sind gegen die Art von Genossenschaften, hinter denen sich Kulaken, Landbesitzer, Händler und privates Kapital im allgemeinen verbergen. Wir wollen einfach dieser falschen Genossenschaft die Maske abreißen und den breiten Massen der Bevölkerung die Möglichkeit geben, einer echten Genossenschaft beizutreten“.

„Das will ich nicht bestreiten“, antwortete Kropotkin, „und natürlich muß man, wo immer es dergleichen gibt, dieses mit aller Strenge bekämpfen, da man aller Unwahrheit und Täuschung entgegentritt. Wir brauchen keinen Deckmantel; wir müssen jede Lüge unbarmherzig bloßstellen, überall. Aber in Dmitrov sehe ich, daß man Genossenschaften verfolgt, die nichts mit denen, die Sie gerade erwähnten, gemein haben; und dieses, weil die lokalen Autoritäten, vielleicht gerade die Revolutionäre von gestern, wie jede andere Autorität verbürokratisiert sind, zu Beamten konvertiert, die ihren Untergebenen die Zügel anziehen – und sie glauben, daß ihnen die gesamte Bevölkerung untergeben ist“.

„Wir bekämpfen die Bürokraten überall und zu jeder Zeit“, sagte Wladimir Iljitsch. „Wir bekämpfen die Bürokraten und die Bürokratie, und wir müssen die Überbleibsel mit den Wurzeln ausreißen, wenn sie noch in unserem neuen System nisten; letztlich, Peter Alexejewitsch, verstehen Sie sehr gut, daß es sehr schwierig ist, die Menschen zu ändern, daß, wie Marx sagte, die furchtbarste und uneinnehmbarste Festung der menschliche Schädel ist! Wir ergreifen alle nur denkbaren Maßnahmen, um in diesem Kampf zu siegen; und in der Tat, das Leben selbst zwingt natürlich, viel zu lernen. Unser Mangel an Kultur, unsere fehlende Bildung, unsere Rückständigkeit, sind natürlich überall offenkundig, und niemand kann uns, als Partei, als Regierungsmacht, für das tadeln, was in der Maschinerie dieser Macht an Fehlern begangen wird; noch weniger für das, was in der Tiefe des Landes, weit entfernt von den Zentren, geschieht“.

„Es ist deswegen jedoch keineswegs leichter für die, die dem Einfluß dieser unaufgeklärten Autorität ausgesetzt sind“, rief Peter Alexejewitsch Kropotkin aus, „welche sich bereits als zersetzendes Gift für diejenigen erweist, die sich diese Autorität für sich selber aneignen“.

„Aber es gibt keinen anderen Weg“, fügte Wladimir Iljitsch hinzu. „Man kann keine Revolution machen, wenn man weiße Handschuhe trägt. Sie wissen sehr gut, daß wir eine große Zahl von Fehlern gemacht haben und machen werden, daß es viele Unregelmäßigkeiten gibt, und viele Menschen unnötig gelitten haben. Aber was korrigiert werden kann, werden wir korrigieren; wir werden unsere Irrtümer eingestehen, die häufig nur simpler Dummheit anzulasten sind. Es ist aber unmöglich, während einer Revolution keine Fehler zu begehen. Keine zu begehen hieße dem Leben gänzlich entsagen und überhaupt nicht zu handeln. Wir aber haben es vorgezogen, Irrtümer zu begehen und zu handeln. Wir wollen und werden handeln, trotz aller Fehler, und wir werden unsere sozialistische Revolution zum schließlichen und unvermeidlichen siegreichen Ende führen. Und Sie können uns dabei helfen, indem Sie uns all ihre Informationen über Unregelmäßigkeiten mitteilen. Sie können sicher sein, daß jeder von uns sich dieser Informationen mit größter Sorgfalt annehmen wird“.

„Ausgezeichnet“, sagte Kropotkin. „Weder ich noch sonst jemand wird sich weigern, Ihnen und all Ihren Genossen so weit wie möglich zu helfen, aber unsere Hilfe wird hauptsächlich darin bestehen, Ihnen all die Unregelmäßigkeiten zu berichten, die überall vorkommen und unter deren Auswirkungen die Menschen an vielen Orten stöhnen…“

„Nicht das Stöhnen, sondern das Geschrei der widerstehenden Konterrevolutionäre, demgegenüber wir ohne Gnade waren und sind…,“

„Aber Sie sagen, es sei unmöglich, ohne Autorität auszukommen“, begann Peter Alexejewitsch erneut zu theoretisieren, „und ich sage, es ist möglich. Wohin Sie auch blicken, entsteht eine Grundlage für die Autoritätslosigkeit. Ich habe gerade die Nachricht empfangen, daß in England die Dockarbeiter in einem der Häfen eine hervorragende, gänzlich freie Genossenschaft organisiert haben, die ständig von Arbeitern aller anderen Industriezweige besucht wird. Die Genossenschaftsbewegung ist enorm und ihre Bedeutsamkeit sehr groß…“

Ich beobachtete Wladimir Iljitsch. Seine Augen glitzerten ein wenig spöttisch, und er schien, indem er Peter Alexejewitsch aufmerksam zuhörte, verblüfft, daß jemand angesichts des ungeheuren Aufschwungs und der mitreißenden Bewegung der Oktoberrevolution nur von Genossenschaften und immer wieder von Genossenschaften sprechen konnte. Und Peter Alexejewitsch fuhr fort, unaufhörlich darüber zu sprechen, wie noch an einem anderen Ort in England desgleichen eine Genossenschaft organisiert worden sei, wie an irgendeinem dritten Ort, in Spanien irgendeine kleine Föderation errichtet werde, welchen Aufschwung die syndikalistische Bewegung in Frankreich genommen habe… „Es ist in der Tat schädlich“, konnte sich Wladimir Iljitsch nicht enthalten einzuwerfen, „der politischen Seite des Lebens keinerlei Aufmerksamkeit zu widmen und offensichtlich die arbeitenden Klassen zu demoralisieren, sie abzulenken vom unmittelbaren Kampf…“

„Aber die syndikalistische Bewegung vereinigt Millionen; dies allein ist ein bedeutender Faktor“, sagte Peter Alexejewitsch erregt. „Zusammen mit der Genossenschaftsbewegung ist dies ein ungeheurer Schritt vorwärts…“

„Das ist schön und gut“, unterbrach ihn Wladimir Iljitsch „Natürlich ist die Genossenschaftsbewegung wichtig, ebenso wie die syndikalistische Bewegung schädlich ist. Wie läßt sich das bestreiten? Das ist ganz offensichtlich, wenn sie erst einmal eine wirkliche Genossenschaftsbewegung wird, verbunden mit den großen Massen der Bevölkerung. Aber ist das wirklich der Punkt? Ist es möglich, gerade hierdurch zu etwas Neuem zu gelangen? Glauben Sie wirklich, die kapitalistische Welt wird sich dem Weg der Genossenschaftsbewegung fügen? Sie versucht durch jede Maßnahme und mit allen Mitteln, die Bewegung in ihre Hände zu bekommen. Und diese kleine Genossenschaft, eine Handvoll englischer Arbeiter ohne Macht, wird zermalmt und erbarmungslos zum Diener des Kapitals gemacht werden; diese neu entstehende Entwicklung in der Genossenschaftsbewegung, die Sie so sehr begrüßen, wird in direkter und absoluter Abhängigkeit durch tausende von Fäden sein, die sie wie ein Spinnennetz umgeben. Das alles ist engstirnig! Sie werden mir vergeben, aber das ist alles Unfug! Wir brauchen die direkte Aktion der Massen, die revolutionäre Aktion der Massen, diese Aktivität, die die kapitalistische Welt an der Gurgel packt und sie zu Fall bringt. Jetzt aber gibt es diese Aktivität nicht, gar nicht zu reden von Föderalismus oder Kommunismus oder sozialer Revolution. Das alles ist Kinderei, nutzloses Geschwätz, hat keinen realistischen Boden unter sich, keine Kraft, keine Bedeutung und fast nichts, sich unseren sozialistischen Zielen zu nähern. Ein direkter und offener Kampf, ein Kampf bis auf den letzten Blutstropfen – das ist es, was wir brauchen. Der Bürgerkrieg muß überall ausgerufen werden, unterstützt durch alle revolutionären und oppositionellen Kräfte, soweit sie nur irgend in solch einem Bürgerkrieg gehen können. Es wird viel Blut vergossen werden, und es wird viele Greuel in solch einem Kampf geben. Ich bin überzeugt, daß diese Greuel in Westeuropa noch größer als in unserem Land sein werden, wegen des schärferen Klassenkampfes dort und der größeren Spannung der entgegengesetzten Kräfte, die in diesem vielleicht letzten Gefecht mit der imperialistischen Welt bis zum letzten kämpfen werden“.

Wladimir Iljitsch erhob sich von seinem Stuhl, nachdem er dies alles klar und deutlich, mit Lebhaftigkeit, gesagt hatte. Peter Alexejewitsch saß zurückgelehnt in seinem Sessel und lauschte mit einer Aufmerksamkeit, die in Teilnahmslosigkeit überging, den feurigen Worten Wladimir Iljitschs. Danach sprach er nicht mehr von Genossenschaften.

“Natürlich sind Sie im Recht“, sagte er. „Ohne Kampf kann nichts in irgendeinem Land vollbracht werden, ohne den verzweifeltsten Kampf…“

„Aber nur ein massiver“, rief Wladimir Iljitsch. „Wir brauchen nicht den Kampf und gewaltsame Akte einzelner Personen. Es ist höchste Zeit, daß die Anarchisten dies verstehen und damit aufhören, ihre revolutionäre Energie an gänzlich nutzlose Dinge zu verschwenden. Nur in den Massen, nur durch die Massen und mit den Massen, von Untergrundarbeit zu massivem roten Terror, wenn es nötig ist, zum Bürgerkrieg, zu einem Krieg an allen Fronten, zu einem Krieg aller gegen alle – nur diese Art des Kampfes kann von Erfolg gekrönt sein. Alle anderen Wege – die der Anarchisten eingeschlossen – wurden der Geschichte überlassen, den Archiven, und sie sind von keinerlei Nutzen für irgendjemand, ungeeignet für jeden; niemand wird von ihnen angezogen, und sie demoralisieren nur diejenigen, die sich aus irgendeinem Grund zu diesem alten, unbrauchbar gewordenen Weg verleiten lassen…“

Wladimir Iljitsch unterbrach sich plötzlich, lächelte höflich und sagte: „Vergeben Sie mir. Es scheint, daß ich fortgerissen wurde und Sie ermüde. Aber so ist es nun einmal mit uns Bolschewisten. Dies ist unser Problem, unser Cognac, und es geht uns so nahe, daß wir nicht ruhig darüber reden können“. „Nein, nein“, antwortete Kropotkin. „Es ist äußerst erfreulich für mich, alles, was Sie sagen zu hören. Wenn Sie und all Ihre Genossen in dieser Art denken, wenn sie nicht von der Macht vergiftet sind und sich selbst sicher fühlen vor der Versklavung durch die staatliche Autorität, dann werden sie vieles vollbringen. Dann ist die Revolution wirklich in zuverlässigen Händen“.

„Wir werden es versuchen“, antwortete Lenin gutmütig, „und wir werden sehen (er gebrauchte seinen bevorzugten Satz), daß niemand von uns eingebildet wird und zu hoch von sich selber denkt. Das ist eine furchtbare Krankheit, aber wir haben ein exzellentes Heilmittel: wir werden diese Genossen zurück an die Arbeit schicken, zu den Massen“. „Das ist ganz ausgezeichnet“, rief Peter Alexejewitsch aus. „Meiner Meinung nach sollte dieses jeder viel häufiger tun. Dies ist sinnvoll für alle. Man darf niemals den Kontakt mit den arbeitenden Massen verlieren, und man muß wissen, daß es nur mit den Massen möglich ist, all das zu vollbringen, was in unseren progressivsten Programmen niedergelegt ist. Aber Sozialdemokraten und uninformierte Menschen in allen Ländern glauben, daß es in eurer Partei viele Nichtarbeiter gibt, und daß dieser Bestandteil an Nichtarbeitern die Arbeiter korrumpiert. Was nötig ist, ist das Gegenteil: der Bestandteil an Arbeitern sollte überwiegen, und die Nichtarbeiter sollten den arbeitenden Klassen nur durch Unterweisung helfen, ein Gebiet des Wissens oder ein anderes zu meistern; sie wären wie ein Hilfselement in der einen oder anderen sozialistischen Organisation“.

„Wir brauchen aufgeklärte Massen“, sagte Wladimir Iljitsch, „und es wäre wünschenswert, wenn z.B. Ihr Buch, „Geschichte der französischen Revolution“, sofort in einer sehr hohen Auflage herausgebracht würde. Schließlich ist es für jeden nützlich. Wir würden dies ausgezeichnete Buch sehr gerne publizieren und es in einer Anzahl herausbringen, die für alle Bibliotheken, Leseräume der Dörfer und Kompaniebüchereien der Regimenter ausreichte“.

„Aber wo kann es veröffentlicht werden? Ich werde kein staatliche Ausgabe dulden…“ „Nein, nein“, unterbrach Wladimir Iljitsch Peter Alexejewitsch schlau lächelnd. „Natürlich, nicht im Staatsverlag, sondern in einem genossenschaftlichen Verlag…“ Peter Alexejewitsch nickte zustimmen. „Nun dann“, sagte er sichtlich erfreut über diese Ermunterung und diesen Vorschlag, „wenn Sie das Buch für interessant und nützlich halten, stimme ich zu, es in einer billigen Ausgabe herauszubringen. Vielleicht läßt sich ein genossenschaftlicher Verlag finden, der es annimmt …“

„Wir finden einen, wir finden einen“, versicherte Wladimir Iljitsch. „Ich bin davon überzeugt“. Damit begann sich die Unterredung zwischen Peter Alexejewitsch und Wladimir Iljitsch zu erschöpfen. Wladimir Iljitsch sah auf seine Uhr, erhob sich und sagte, er müsse sich auf eine Sitzung des Rates der Volkskommissare vorbereiten. Er sagte Peter Alexejewitsch auf das herzlichste Lebewohl, und fügte hinzu, daß er immer froh sein würde, Briefe und Instruktionen von ihm zu bekommen, denen immer ernsthafte Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Peter Alexejewitsch sagte uns Lebewohl und ging zur Tür, durch die Wladimir Iljitsch und ich ihn hinaustreten sahen. Er fuhr im selben Automobil ab, um in seine Wohnung zurückzukehren.

Aus: Peter Kropotkin – Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980

Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben. Es ist daher auch nicht ersichtlich, wer über diese Unterredung zwischen Kropotkin und Lenin berichtet.

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kommentare

  • Leo Trotzki hatte zu den Genossenschaften, die nach der Revolution in Rußland wie Pilze aus dem Boden geschossen waren, ein ähnlich taktisches Verhältnis wie Lenin, in „Die III. Internationale nach Lenin“ äußerte er sich u.a. auch über Lenins Schrift „Über das Genossenschaftswesen“:

    Das bedeutende,
    wenn auch nicht beendete Werk „Über das Genossenschaftswesen”, das durch die Einheit seiner Gedankengänge mit den anderen
    bedeutenden Abhandlungen der letzten Periode zusammen gleichsam wie ein Kapitel eines einzigen Buches erscheint, eines Buches
    über die Oktoberrevolution und die Kette der Revolutionen des Westens und des Ostens, das nicht zu Ende geschrieben ist,
    spricht überhaupt nichts davon, was ihm die Revisionisten so leichtsinnig andichten. Lenin erklärt in diesem Artikel, dass die
    „Handels”-Genossenschaft ihre gesellschaftliche Rolle in einem Arbeiterstaat ändern kann und muss. Bei einer richtigen Politik könnte
    man die Verbindung der privaten bäuerlichen Interessen mit den allgemeinstaatlichen auf eine sozialistische Bahn schieben. Diesen
    unbestreitbaren Gedanken begründete Lenin folgendermaßen:
    “In der Tat, die Verfügungsgewalt des Staats über alle großen Produktionsmittel, die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, das Bündnis dieses
    Proletariats mit den vielen Millionen Klein- und Zwergbauern, die Sicherung der Führungsstellung dieses Proletariats gegenüber der Bauernschaft usw.,
    ist das nicht alles, was notwendig ist, um aus den Genossenschaften, die wir früher geringschätzig als krämerhaft behandelt haben und die wir in
    gewisser Hinsicht jetzt unter der NEP, ebenso zu behandeln berechtigt sind, ist das nicht alles, was notwendig ist, um die vollendete sozialistische
    Gesellschaft zu errichten? Das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft, aber es ist alles, was zu dieser Errichtung notwendig und
    hinreichend ist.” (Lenin, 4./6. Januar 1923, Lenin Werke, Band 33, S. 453-461, hier S. 454)
    Schon der Text der Zitate allein, der den unbeendeten Satz “um aus der Genossenschaft” enthält, beweist, dass es sich hier um
    einen nicht verbesserten Entwurf handelt, der dazu noch diktiert und nicht eigenhändig niedergeschrieben wurde. Um so
    unverzeihlicher ist es, einzelne Worte des Textes herauszugreifen, anstatt sich in den Geist der Abhandlung hineinzudenken.
    Glücklicherweise gibt auch der Buchstabe des angeführten Zitats, nicht nur dessen Geist‚ gar keine Berechtigung zum Missbrauch,
    den die Verfasser des Programmentwurfs damit treiben. Lenin grenzt in diesem Artikel seine Thesen streng ab. Er untersucht dort nur
    die Frage, durch welche Methoden wir aus der Zersplitterung und Zerrissenheit der Bauernwirtschaften heraus, ohne neue
    Klassenerschütterungen, beim Vorhandensein des Sowjetregimes, zum Sozialismus gelangen könnten. Der Artikel ist vollkommen der
    gesellschaftlichen Organisationsform des Übergangs von dem privaten Kleinhandel zum kollektiven, nicht aber dessen materiellen
    Produktionsbedingungen gewidmet. Wenn heute z. B. das europäische Proletariat gesiegt haben würde und uns mit seiner Technik zu
    Hilfe kommen würde, so würde die von Lenin aufgeworfene Frage von der Genossenschaft als einer gesellschaftlichen
    Organisationsform der Vereinigung privater Interessen mit den allgemeinen ihre volle Bedeutung beibehalten. Die Genossenschaft
    zeigt den Weg, den man gehen müsse. Durch die Elektrifizierung könnte man beispielsweise unter dem Sowjetregime Millionen von
    Bauernwirtschaften vereinigen. Doch die Genossenschaft selbst ersetzt nicht diese neue Technik und erschafft diese auch nicht aus
    sich selbst heraus. Lenin spricht nicht nur allgemein von den „notwendigen und genügenden Voraussetzungen”, sondern zählt diese,
    wie wir es gesehen haben, genau auf. Da ist: 1. die Macht des Staates über alle wichtigsten Produktionsmittel (der Satz ist auch nicht
    korrigiert worden), 2. die Staatsmacht in den Händen des Proletariats, 3. Bündnis dieses Proletariats mit den vielen Millionen kleiner
    und kleinster BäuerInnen, 4. Sicherstellung der Führung des Proletariats in bezug auf diese BäuerInnen. Und nur nach der Aufzählung
    dieser rein politischen Vorbedingungen – von materiellen Vorbedingungen wird hierbei nicht gesprochen – zieht Lenin die
    Schlussfolgerung, dass das (das Aufgezählte nämlich) alles Notwendige und Genügende auf dem politischen Gebiet – nicht mehr – für
    den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft ist. Also, alles Notwendige und Genügende politisch genommen – nicht mehr -. „Doch”,
    fügt Lenin hinzu, „das ist noch nicht die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft.” (vgl. a.a.O., S. 456) Warum denn nicht? Weil
    auch genügende politische Voraussetzungen die ganze Frage noch nicht lösen können. Es bleibt noch die Frage der Kultur. „Nur”,
    sagt Lenin, indem er das Wort Nur unterstreicht und in Anführungsstriche setzt, um die ungeheure Bedeutung dieser uns fehlenden
    Voraussetzung zu zeigen. Doch die Kultur hängt wieder ihrerseits mit der Technik zusammen; das wusste Lenin genau so gut wie wir.
    Und er zwingt die Revisionisten, wieder zur Erde zurückzukehren, indem er sagt:
    „Denn um Kultur zu haben braucht man eine bestimmte materielle Basis.” (a.a.O., S. 461.) Es genügt, wenn wir dabei das
    Elektrifizierungsproblem erwähnen, das Lenin speziell mit der Frage der internationalen sozialistischen Revolution verbindet. Der
    Kampf um die Kultur würde beim Vorhandensein der politischen Voraussetzungen unsere fernere Arbeit bestimmen, wenn nicht die
    Frage des unnachsichtigen blutigen Kampfes zwischen der sich auf einem rückständigen Boden aufbauenden sozialistischen
    Gesellschaft und dem sich bereits dem Untergang zuneigenden, aber noch immer durch seine Technik mächtigen Weltkapitalismus
    vor uns stünde.
    „Ich würde sagen,” unterstreicht Lenin am Ende dieser Abhandlung, „dass sich das Schwergewicht für uns auf bloße Kulturarbeit
    verschiebt, gäbe es nicht die internationalen Beziehungen, hätten wir nicht die Pflicht, für unsere Positionen im internationalen Maßstabe zu kämpfen.” (a.a.O., S. 460.) Das waren die wirklichen Gedanken Lenins, wenn man nur seinen Aufsatz über die
    Genossenschaften betrachten und alle seine übrigen Werke außer Acht lassen wollte. Wie soll man nach diesem die Handlungsweise
    der Verfasser des Programmentwurfs bezeichnen, falls man es nicht eine Fälschung nennen soll, die in Lenins Worte über das
    Vorhandensein von genügenden, notwendigen Voraussetzungen von sich aus einfach die hauptsächlichste Voraussetzung, die
    materielle, einflechten. Obwohl Lenin gerade diese Voraussetzung hervorgehoben hatte als eine, die uns doch fehlt, und die wir uns
    erst erkämpfen müssen, in Verbindung mit dem Kampf für unsere Stellung im internationalen Maßstabe, d. h. also in Verbindung mit
    der internationalen proletarischen Revolution. So steht es also mit diesem zweiten und letzten Zauberkunststück dieser Theorie. Wir
    erwähnen hier ganz bewusst nicht die zahllosen Aufsätze und Reden Lenins, in welchen er mehrfach in ganz kategorischer Form
    wiederholt, dass ohne siegreiche Weltrevolution uns der Untergang droht, dass … der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in
    einem rückständigen Lande seinem ganzen Wesen nach eine internationale Aufgabe ist. Daraus zieht Lenin Folgerungen, die vom
    Standpunkt der Schöpfer der national begrenzten Utopie vielleicht pessimistisch klingen, doch vom Standpunkt des revolutionären
    Internationalismus optimistisch genug sind. Wir werden uns hier nur auf jene Zitate beschränken, die die Verfasser des Programms
    selber anführen, um so genügende und notwendige Voraussetzungen für ihre Utopie zu schaffen, und wir werden sehen, dass ihr
    ganzer Bau bei einer bloßen Berührung in nichts zerfallen wird. Wir halten es aber immerhin für zweckmäßig, hier wenigstens ein
    direktes Zeugnis von Lenin über die strittige Frage anzuführen, welches keiner Erklärung bedarf und keine Auslegungen zulässt.
    „In einer ganzen Reihe von Schriften, in allen unseren Reden, in der ganzen Presse haben wir betont‚ dass in Russland die Dinge nicht so liegen,
    dass wir in Russland eine Minderheit von Industriearbeitern und eine ungeheure Mehrheit von kleinen Landwirten haben. Die sozialistische Revolution
    kann in einem solchen Lande nur unter zwei Bedingungen endgültigen Erfolg haben. Erstens unter der Bedingung, dass sie rechtzeitig durch die
    sozialistische Revolutionen in einem oder in einigen der fortgeschrittenen Länder unterstützt wird. Die andere Bedingung ist die Verständigung zwischen
    dem Proletariat, das die Diktatur ausübt oder die Staatsmacht in seinen Händen hält, und der Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung… Wir wissen,
    dass nur eine Verständigung mit der Bauernschaft die sozialistische Revolution in Russland retten kann, solange die Revolution in anderen
    Ländern nicht eingetreten ist.” (Lenin, [„Referat über die Ersetzung der Ablieferungspflicht durch die Naturalsteuer”, 15. März 1921, Lenin Werke,
    Band 32, S. 216, 232, hier S. 217, Hervorhebungen von mir. L. T.)

    In der gegen die Stalinisierung der Partei gerichteten Schrift „Verratene Revolution“ schreibt Trotzki 1936:

    Um die natürlichen Zweifel seines amerikanischen Gesprächspartners zu zerstreuen, stellte Stalin eine neue Überlegung an: „Kandidatenlisten werden bei den Wahlen nicht nur die Kommunistische Partei, sondern auch alle möglichen parteilosen Organisationen … einreichen. Solche Organisationen aber gibt es bei uns Hunderte… Jede dieser Schichten [der Sowjetgesellschaft] kann ihre speziellen Interessen haben und sie durch die vorhandenen zahlreichen gesellschaftlichen Organisationen zum Ausdruck bringen“. Dieser Sophismus ist nicht besser als die anderen. Die „gesellschaftlichen“ Organisationen – Gewerkschaften, Genossenschaften, kulturelle Vereinigungen usw. – vertreten keineswegs die Interessen der verschiedenen „Schichten“, haben sie doch alle ein und dieselbe hierarchische Struktur: selbst in den Fällen, wo sie scheinbar Massenorganisationen sind, wie bei den Gewerkschaften und Genossenschaften, spielen darin ausschließlich Vertreter der privilegierten Spitzen eine aktive Rolle, und das letzte Wort gehört der „Partei“ d.h. der Bürokratie. Die Verfassung schickt den Wähler einfach von Pontius zu Pilatus.

    In „Was tun? schrieb Trotzki angesichts des Anwachsens der faschistischen Bewegung über Deutschland und die Genossenschaften:

    Im Laufe vieler Jahrzehnte haben die Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Demokratie, unter deren Ausnutzung und im Kampf mit ihr, eigene Festungen, eigene Grundlagen, eigene Zentren der proletarischen Demokratie geschaffen: Gewerkschaften, Parteien, Bildungsklubs, Sportorganisationen, Genossenschaften usw. Das Proletariat kann nicht im formellen Rahmen der bürgerlichen Demokratie an die Macht kommen, sondern nur auf revolutionärem Wege; das ist durch Theorie und Praxis gleichermaßen erwiesen. Aber gerade für den revolutionären Weg braucht es die Stützpunkte der Arbeiterdemokratie innerhalb des bürgerlichen Staates. Auf die Schaffung solcher Basen lief ja die Arbeit der Zweiten Internationale in jener Epoche hinaus, als sie noch eine progressive historische Arbeit versah.

    Manfred Behrend schreibt über Trotzki in Würdigung seiner Verdienste und Fehler:

    Diese und andere Programmpunkte, darunter Aufbau und Festigung landwirtschaftlicher Genossenschaften bei strikter Freiwilligkeit des Beitritts, sind u. a. in Trotzkis Analyse der Sowjetwirtschaft und ihrer Entwicklungstendenzen von 1925, einer Erklärung der Vereinigten Opposition vom Juli 1926 und dem Entwurf einer Plattform dieser Opposition vom September 1927 enthalten.

    Mal sehen, was der Trotzkismus sonst noch alles über Genossenschaften geäußert hat…

  • Hinzugefügt seien Alexander Bergmann Erinnerungen an Kropotkin:

    Seit meiner Ankunft in Rußland hörte ich widersprüchliche Gerüchte über Kropotkin; die einen gaben zu verstehen, er sei den Bolschewisten günstig gesonnen, andere, er bekämpfe sie; er lebe in sehr günstigen materiellen Bedingungen, nach anderen verhungerte er buchstäblich etc…

    Ich wünschte lebhaft, die Wahrheit hierüber zu erfahren, und war ungeduldig, ihn persönlich zu sehen. Während dieser ersten Jahre hatte ich eine ziemlich regelmäßige Korrespondenz mit ihm unterhalten, doch waren wir uns niemals begegnet. Ich war seit meiner Kindheit einer seiner großer Bewunderer und hatte mir seine Schriften ganz zu eigen gemacht. Ein Vorfall im besonderen machte mir einen großen Eindruck und erwarb ihm meine Achtung: Es war, glaube ich, im Jahre 1890, die jüdische anarchistische Bewegung in Amerika war in den Anfängen; wir waren nur eine Handvoll und hielten unsere öffentlichen Versammlungen jede Woche in einem bescheidenen Saal in der Orchardstreet ab; entflammt von der Schönheit eines hohen Ideals, widmeten wir unsere jungen Energien und Fähigkeiten, ebenso wie den größten Teil unserer bescheidenen Einkünfte, der anarchistischen Propaganda, und waren glücklich über unsere Fortschritte.

    Wirklich wurden, trotz unserer kleinen Zahl, die von unserer Propaganda berührten Arbeiter, die jede Woche unseren Zusammenkünften beiwohnten und ihren Obulus beisteuerten, immer zahlreicher; man bekundete großes Interesse für die revolutionären Ideen, und die vitalen Fragen wurden lebhaft diskutiert, obgleich manchmal mit mehr Überzeugung als Wissen.

    Vielen von uns schien es, daß der verfluchte Kapitalismus die Grenze seiner teuflischen Möglichkeiten erreicht habe, und daß die soziale Revolution nicht ausbleiben könne. Es gab jedoch schwierige Fragen und harte Probleme, welche die wachsende Bewegung betrafen, und die wir selbst auf keine befriedigende Weise lösen konnten.

    Wir wünschten lebhaft, unseren großen Peter Kropotkin unter uns zu haben, sei es auch nur für einen kurzen Besuch, damit er gewisse unklare Punkte aufkläre und uns seine geistige Hilfe und Anregung zukommen lasse. Und welchen Anreiz hätte seine Gegenwart für die Bewegung bedeutet!!!

    Wir waren nur eine Handvoll, sagte ich, doch jeder von uns hatte beschlossen, seine Ausgaben aufs unbedingt Notwendige zu beschränken, und den Ertrag seiner Arbeit von mehreren Wochen, selbst von Monaten, für die Reise Kropotkins nach Amerika zu verwenden. Ein langer Brief wurde unserem teuren Erzieher geschickt, in dem wir ihn baten zu kommen, um eine Vortragsreise zu machen, wobei wir die Notwendigkeit, uns seinen Beistand zu leisten, betonten.

    Seine Antwort war negativ, was uns alle, für eine Weile, in einen Zustand der Niedergeschlagenheit versetzte; wir waren seiner Einwilligung so sicher gewesen, so überzeugt von der Notwendigkeit seines Kommens und den Ergebnissen seiner Vorträge zugunsten unserer Bewegung.

    Aber unsere Bewunderung für ihn wuchs noch, als wir die Motive seiner Ablehnung erfuhren. Er wünsche lebhaft, zu uns zu kommen, so schrieb er uns, und schätze den Geist unserer Einladung. Er wünschte, die Vereinigten Staaten eines Tages kennenzulernen und wäre sehr glücklich gewesen, sich unter so guten Kameraden zu finden. Zur Stunde jedoch konnte er nicht auf seine Kosten kommen und wollte nicht das Geld der Bewegung verwenden, auch nicht in einem solchen Fall.

    Ich dachte lange über diese Worte nach; seine Ansicht schien mir, allerdings nur unter gewöhnlichen Umständen, gerechtfertigt, seinen Fall hielt ich für eine Ausnahme. Seine Erwägungen waren einsehbar, aber eine Vortragsreise Kropotkins in Amerika war meiner Meinung nach von großer Dringlichkeit, ich bedauerte lebhaft seine Entscheidung, seine Motive aber ließen mich den Menschen und die Größe seiner Natur erraten. Ich stellte ihn mir als das Ideal eines Revolutionärs und Anarchisten vor.

    ***

    Erst im März 1920 hatte ich die Gelegenheit, Peter Kropotkin zu besuchen.

    Er lebte damals in Dmitrov, einer kleinen, 60 Werst von Moskau entfernten Stadt. Das Verkehrswesen in Rußland war in jener Zeit in beklagenswertem Zustand; von Petrograd nach Dmitrov zu reisen, und gar noch zu einem Besuch, konnte gar nicht in Betracht gezogen werden. Glücklicherweise verschaffte mir die Ankunft in Petrograd von Georges Landsburry, dem Herausgeber des Daily Herald in London, die Möglichkeit, Moskau zu erreichen. Landsburry erhielt eigens ein Auto, und als sein Übersetzer konnte ich ihn bis zur Hauptstadt begleiten. Nachdem er einige Zeit in Moskau zugebracht hatte, erhielt der englische Besucher von der Regierung die Erlaubnis, sich nach Dmitrov zu begeben. Mit zwei Kameraden aus Moskau profitierte ich von der besonderen Gunst, die ihm gewährt worden war.

    Man ist manches Mal enttäuscht, wenn man mit „Berühmtheiten“ zusammentrifft, denn das Bild, das man sich von ihnen gemacht hat, stimmt nicht immer mit der Wirklichkeit überein. Dies war nicht der Fall bei Kropotkin. Er entsprach genau der Vorstellung, die ich mir von ihm gemacht hatte. Seine Photographien gaben ihn bemerkenswert gut wieder: mit seinen guten Augen, seinem milden Lächeln und seinem langen weißen Bart. Der Ausdruck des Idealisten war ihm tief eingeprägt.

    Ich war jedoch betroffen von seiner Magerkeit und seiner offenkundigen Schwäche. Er schien des Notwendigsten zu ermangeln und zu alt für seine Jahre. Ich erfuhr, daß das Nahrungsproblem sehr ernst war für die Familie Kropotkin, wie übrigens für alle im ausgehungerten Rußland (mit Ausnahme natürlich einiger der hauptsächlichsten Kommissare und der heimlichen Spekulanten). Kropotkin erhielt, was man den „payok“ nennt, der einer gewissen Anzahl von Gelehrten und alten Revolutionären gewährt wurde. Er überstieg in Qualität und Quantität die gewöhnliche Ration des Bürgers, war aber noch bei weitem ungenügend zum leben.

    Glücklicherweise erhielt Kropotkin von Zeit zu Zeit Nahrungsmittelpakete von seinen Kameraden in der Ukraine und aus dem Ausland, trotzdem hatte die Familie (seine Frau und seine Tochter Sacha) große Schwierigkeiten, „sich den Wolf von der Tür zu halten“.

    Brennstoff und Licht bildeten gleichfalls den Anlaß ständigen Kummers. Die Winter waren streng und das Holz sehr knapp. Petroleum war kaum zu beschaffen und wurde als ein großer Luxus angesehen, und man konnte jeweils nur eine Lampe zur Zeit verwenden. Dieser Mangel wurde besonders von Kropotkin hart empfunden und behinderte in starkem Maße seine literarischen Arbeiten.

    Ich erfuhr all diese Dinge aus dem Munde von Sophie Grigorjewna, seiner Gefährtin, und von Sacha, seiner Tochter. Kropotkin hätte niemals auch nur ein Wort über die Schwierigkeiten seiner Existenz verloren, es war jedoch offenkundig, daß seine Isolierung ihn bedrückte.

    Mehrere Male wurde der Familie Kropotkin der Wohnsitz in Moskau genommen, dessen Zimmer für die Regierung requiriert wurden. Die Familienmitglieder entschlossen sich daraufhin, nach Dmitrov zu gehen. Obgleich diese Stadt nur ungefähr 60 Werst von der Hauptstadt entfernt lag, schien es, als betrüge die Distanz tausende von Kilometern, denn Kropotkin war ebenso isoliert, wie in einem Gefängnis.

    Wegen der schwierigen Verkehrsbedingungen sowie der allgemeinen Situation zu jener Zeit konnten die Freunde des Schriftstellers ihn nur sehr selten besuchen. Die Neuigkeiten aus dem Westen, die wissenschaftlichen Arbeiten ebenso wie die ausländischen Publikationen, erreichten ihn nicht. Kropotkin empfand die Auswirkungen des Fehlens von intellektuellen Gefährten und die geistige Isolierung sehr lebhaft. Ich besuchte ihn zwei Mal, zuerst im März, sodann im Juli 1920. Bei meinem zweiten Besuch schien es ihm viel besser zu gehen, er war nicht mehr so mager, die Gesichtsfarbe spiegelte die Gesundheit wider, er war kräftiger und aktiver. Die Sommersonne tat ihm wohl. Er ging in dem kleinen ans Haus angrenzenden Garten spazieren und machte seine Besucher stolz auf die Resultate der Arbeit von Sophie aufmerksam: das blühende Gemüsebeet. Seine Augen leuchteten, das Hellblau des Himmels schien sich in ihnen zu spiegeln. Er bezauberte durch sein Lächeln, das die ganze Persönlichkeit Kropotkins zum Ausdruck brachte: seine Liebe zu den Menschen und zur Natur, sowie seine Achtung vor dem menschlichen Leben.

    Wir diskutierten über mehrere Themen: ich fand Kropotkin als energischen, unwiderruflichen Gegner der Bolschewisten, oder vielmehr war er, wie er ohne Unterlaß wiederholte, ein ausgesprochener Feind des Staatssozialismus, des von der Autorität auferlegten Kommunismus, und des Marxismus im allgemeinen. Wir konnten von den Bolschewisten nichts anderes erhoffen, sagte er; sie waren Marxisten in der Theorie und der Aktion und strebten nach der Errichtung eines „Alles-der-Macht“, eines absoluten Staates. Ihre revolutionären Theorien vom Oktober und November 1917 haben das Proletariat, die Bauern, und besonders die Anarchisten tief enttäuscht.

    Die Anarchisten wußten natürlich, daß ein Staat, eine auf Gewalt gegründete Regierung, welches auch der Name sei, mit dem sie sich schmückt, immer unheilvoll ist, aber sie sahen in den Bolschewisten eine revolutionäre Kraft und schlossen die Augen vor den der Philosophie des Marxismus innewohnenden Gefahren. Die Anarchisten Rußlands kämpften gemeinsam mit den Bolschewisten für den Sieg der Revolution; sie schlugen sich Seite an Seite, mit Heroismus. Hunderte von ihnen ließen ihr Leben; und was wird nun aus den Anarchisten, die die Revolution überlebt haben? Nun werden sie verfolgt, gehetzt, jede Aktion ist ihnen untersagt, eine große Zahl ist eingekerkert, viele wurden erschossen.

    Und was haben nun die Bolschewisten in den drei Jahren, die sie an der Macht sind, getan, in denen sie das soziale und ökonomische Leben des Landes organisiert haben? Ja, was haben sie für das Volk getan? Ich will nicht einmal vom Ruin und der Hungersnot Rußlands sprechen, dies liegt zu einem erheblichen Teil an der Blockade, im wesentlichen aber trägt hierfür doch der Staatskommunismus die Verantwortung: die unselige Leidenschaft der Zentralisierung, und das Unwissen der Bolschewisten bezüglich der praktischen Angelegenheiten (nicht zu sprechen von der Korruption), ihre tiefe Unkenntnis hinsichtlich der Agrarfrage und der bäuerlichen Psychologie, all dieses ist zum großen Teil die Ursache der heutigen Wirtschaftsverhältnisse Rußlands.

    Worauf ich Sie aber nun besonders aufmerksam machen will, sagte Kropotkin, mich mit großen bekümmerten Augen anblickend und mit Entrüstung in der Stimme, das ist die Haltung des bolschewistischen Staates gegenüber dem Volk, dem Individuum sowohl wie der Gemeinschaft; ich kann darüber nicht ohne Zorn sprechen. Einkerkerung, Terror, Erschießungen, das sind die selbst auf die Freunde der Revolution eingewandten bolschewistischen Methoden.

    Statt die Revolution auszuweiten, denken sie nur daran, ihre Regierungsmacht auf einer festen Grundlage zu etablieren. Sie haben das eigentliche Ziel der Revolution aus den Augen verloren: die stetig fortschreitende revolutionäre Bewegung der Massen; die Schaffung weitester Möglichkeiten und die Ermunterung der Eigeninitiative; individueller Ausdruck, freiwillige Organisation und Zusammenarbeit.

    Aus den Augen verloren, sagte ich? Nein, sie unterdrücken überlegt und systematisch jedes Anzeichen hierfür. Darin liegt die furchtbare Tragik der russischen Revolution.

    ***

    Es war offenkundig, daß Kropotkin tief darunter litt, wie die Bolschewisten die Revolution zu ihrem Vorteil umlenkten. Er verurteilte ihre Art des Vorgehens, nämlich die anderen Parteien und revolutionären Bewegungen zu unterdrücken, und er war besonders betroffen von der Behandlung der Anarchisten, die man einsperrte und erschoß.

    Barbarei, sagte er, und nicht Revolution! Er sprach dann von der Zerstörung der großen Genossenschaftsbewegung in Rußland durch die Bolschewisten, die einerseits den ökonomischen Ruin des Landes nach sich zog und zum andern eine große Masse politisch neutraler Elemente gegen die Revolution einnahm. Die Genossenschaftsbewegung Rußlands war eine große Kraft im Leben des Landes, nicht nur was die ökonomische, sondern auch und vor allem, was die Bauernfrage betraf. Ihre Aktivitäten erstreckten sich auf die Manufakturen, bäuerlichen Finanzunternehmungen, Käufe, Verkäufe, bestanden aber vor allem in der Erziehung der bäuerlichen Masse.

    Es ist richtig, daß die Genossenschaften keineswegs revolutionäre Organisationen waren, sondern aus verschiedenen politischen Elementen bestanden. Indessen hätten die wenigen reaktionären Mitglieder, die sich in ihnen befanden, ausgeschlossen werden können, ohne deswegen die ganze Organisation zu zerstören. Der ökonomische Mechanismus der Genossenschaften war ein sehr leistungsfähiger Apparat und unbedingt notwendig für die vitalen Interessen der Revolution.

    Im Januar 1918 umfaßten die Genossenschaften 25.000 auf ganz Rußland verteilte Bereiche und hatten 9.000.000 Mitglieder. Ihr Kapital belief sich auf 15.000.000 Rubel, während die Geschäftszahlen des Vorjahres 200.000.000 Rubel auswiesen. Diese machtvolle Organisation funktionierte sehr wirksam in jedem Gemeinwesen, Stadt oder Dorf, Rußlands. Die Bolschewisten lähmten die Genossenschaften zunächst und „liquidierten“ sie dann. Das war der Selbstmord der Revolution, denn der bolschewistische Staat war völlig unfähig, die Nahrungsmittel zu beschaffen und sie ordnungsgemäß zu verteilen. Millionen Tonnen Ware verdarben, den Unbilden der Witterung ausgesetzt, auf den Bahnhöfen, auf den Eisenbahnstrecken, den Straßen, da die Genossenschaften beseitigt waren, die lokalen Transportmittel zerstört, und der kommunistische Staat nicht vorbereitet, ohne Erfahrung und somit nicht leistungsfähig.

    Unfähig, die von der Armee und der Bevölkerung benötigten Nahrungsmittel zu beschaffen, warf sich die bolschewistische Regierung aufs System der razvyorstka, der gewaltsamen Requirierung. Das war eine schlechte Methode, gekennzeichnet durch Gewalt und äußerste Brutalität, die nur zu lebhaft an die zaristischen Machenschaften erinnerte.

    Die Bauern protestierten zunächst gegen die Ungerechtigkeit und die Autokratie der bolschewistischen Politik, aber ihr Protest war vergeblich. Darüberhinaus wurde er von schweren repressiven Maßnahmen beantwortet. Die Bolschewisten waren entschlossen, den Wert und die Kraft ihrer Macht zu beweisen, mit der man „nicht spaßen durfte“, was ein sehr populärer Satz der Regierung war.

    Als die Appelle, Beschwerden und Proteste nicht das geringste Resultat zeigten, entschlossen sich die Bauern, der Requirierung mit Gewalt zu widerstehen. Die Regierung griff rücksichtslos durch und übte Rache an ganzen Dörfern. Diese von den Kommunisten und Tschekisten organisierten Expeditionen waren von unerhörter Grausamkeit. Häufig wurde die gesamte Bevölkerung eines Dorfes zur Auspeitschung verurteilt, die Häuser der Bauern wurden geplündert und manchmal das Dorf völlig zerstört.

    All diese schrecklichen Dinge waren mir nicht unbekannt: ich hatte von ihnen aus unterschiedlichen Quellen lange vor meinem Besuch bei Kropotkin erfahren, doch vermutete ich, daß die Berichte über die bolschewistischen Grausamkeiten übertrieben waren, ihre Politik hinsichtlich der Bauern falsch interpretiert oder nicht verstanden.

    Ich war mit großem Enthusiasmus für die Revolution und großer Hoffnung auf ihre Errungenschaften nach Rußland gekommen; ich glaubte, daß die zahlreichen Schwierigkeiten der Situation, die beständige Drohung der Interventionisten, die unvermeidlichen Resultate der Blockade und alle Komplikationen ebenso viele neue Probleme darstellten, die eine Lösung erforderten. Ich war entschlossen, mein Bestes zu dieser großen Arbeit beizutragen.

    Ich wußte, daß die Bolschewisten Marxisten waren, Anhänger einer starken zentralisierten Gewalt, aber ihre revolutionäre Haltung während der Tage der Oktoberrevolution von 1917, ihre häufig ganz anarchistischen Parolen, ihre Initiative und Aktivität, all das führte mich dazu zu glauben, daß nicht länger eine sozialistische Theorie, sondern einzig die Interessen der Revolution sie führten.

    Es ist wahr, daß ich während der ersten Wochen meines Aufenthaltes in Rußland eine große Ungerechtigkeit und Ungleichheit beobachtet hatte, aber ich versuchte, meine Zweifel an der revolutionären Integrität der Bolschewisten in mir zu ersticken. Ich lernte die Führer der Bewegung kennen, verkehrte regelmäßig mit ihnen und empfand viel Sympathie für sie und ihre Tätigkeit.

    Während meines länger andauernden Aufenthaltes in Rußland wurde ich jedoch gewisser Dinge gewahr, die meinen revolutionären Vorstellungen zuwiderliefen; trotz allem fuhr ich fort, im Bolschewismus eine revolutionäre Kraft zu sehen; die Evident der Tatsachen verpflichtete mich, der Situation ins Auge zu sehen; ich vermutete, daß das, was sich ereignete, der unvermeidlichen Verwirrung der Übergangsperiode geschuldet war, daß es sich um unglückliche Resultate der revolutionären Notwendigkeiten handelte, die zum großen Teil aus den Erfordernissen dieses kritischen Augenblicks herrührten.

    Es ist hart und quälend, sich einer großen Illusion zu berauben! Ich konnte, und ich wollte nicht an das glauben, was man von den bolschewistischen Methoden erzählte, von ihren Repressionsmaßnahmen, ihrer Brutalität. Ich wollte mir nicht eine zu lebhafte Meinung bilden, selbst über das nicht, was sich vor meinen Augen ereignete. Ich wollte ebenfalls nicht buchstäblich nehmen, was Kropotkin mir berichtet hatte. Er konnte schlecht informiert sein, dachte ich, oder durch irgendetwas beeinflußt.

    Alles jedoch, was er mir geschildert hatte, ebenso wie viele andere Dinge, besonders bezüglich der Agrarpolitik der Bolschewisten, bestärkten mich endlich in meinem Entschluß, mir selbst Klarheit über die Situation zu verschaffen.

    Ich machte mich also auf den Weg in die Ukraine, mit dem festen Entschluß, die Situation unter all ihren Aspekten zu studieren. Die Umstände waren mir günstig. Ich war der „Predsetatel“(Präsident) einer besonderen, vom Revolutionsmuseum organisierten Expedition, die zur Aufgabe hatte, alles zu sammeln, was die Revolution direkt betraf, sowie alles historische Material, das sich auf die revolutionäre Bewegung Rußlands der letzten hundert Jahre bezog. Wir hatten ein eigenes Fahrzeug zu unserer Verfügung, mit der Erlaubnis, den ganzen Süden Rußlands zu durchqueren, den einzigartigen Vorteil, jede Stadt und jedes Dorf besichtigen und mit wem es auch sei sprechen zu können.

    Darüberhinaus war es meine Aufgabe, mich mit den Arbeiterorganisationen, wie auch mit den illegalen revolutionären Elementen in Verbindung zu setzen. Dies war eine außergewöhnliche Gelegenheit, die es mir gestattete, die russische Revolution und die Verhältnisse des Landes zu studieren, mich den Arbeitern und Bauern zu nähern, ja selbst die Gefängnisse und Konzentrationslager zu besuchen.

    Ich schreibe den vorliegenden Artikel nicht in der Absicht, meine Reise zu beschreiben, dieses will ich später tun, ausführlich und vollständig, – und so unparteiisch wie möglich. Ich will aber sagen, daß das, was ich in Petrograd und Moskau gehört hatte, und ebenso das, was Kropotkin mir gesagt hatte, nichts war, verglichen mit dem, was ich auf meinen Reisen sah, 1. in der Ukraine, 2. im Norden Rußlands und schließlich im Westen. Alles war leider nur zu wahr, und furchtbarere Dinge noch hatten sich ereignet und ereigneten sich weiterhin.

    Die bolschewistische razvyorstka beging Taten, die kein Zarismus hätte übertreffen können. Es scheint unmöglich, daß eine revolutionäre Regierung, sei sie marxistisch, niedrig genug sein kann, um sich derart brutal zu rächen und die Barbarei in diesem Ausmaß zu praktizieren.

    Ganze Distrikte wurden verwüstet. Ich habe Dörfer gesehen, wo kein Mann mehr am Leben war: alle waren erschossen worden, nur die Frauen und die Jungen unter 14 Jahren waren übrig. In anderen Dörfern waren die Männer einer nach dem anderen ausgepeitscht, dann, unabhängig von ihrem Alter, zur Armee gepreßt worden.

    In einigen Dörfern entschlossen sich die Bauern nach mehreren Erfahrungen mit kommunistischen Strafexpeditionen, in den Bergen und Wäldern Zuflucht zu suchen, um zu werden, was man die „Grünen“ nennt, und erklärten den Bolschewisten einen gnadenlosen Krieg. Ich sah Dörfer, aus denen die razvyorstka bis zum letzten Pfund Mehl alles weggeschleppt hatte, selbst das Saatgut, welches die Bauern für die nächste Aussaat aufbewahrten. Die Kühe und die Pferde wurden ebenso mitgenommen , wie jedes andere Haustier; die Betten und Decken etc… in Fetzen gerissen.

    Andere waren durch die bolschewistische Artillerie, unter dem Vorwand der Bestrafung und um den Nachbardörfern ein abschreckendes Beispiel zu geben, dem Erdboden gleichgemacht.

    Ich wurde nun gewahr, daß das Wort Kommunismus für das Volk gleichbedeutend mit Tschekismus, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt geworden war.

    Dieses Wort war in den Städten, besonders aber in den Dörfern, der Gegenstand eines intensiven und dauerhaften wilden Hasses geworden, der geboren war aus getäuschter Hoffnung und dem erlittenen Martyrium. Diese Agrar-„Politik“ der Bolschewisten läutete den Tod der Revolution ein.

    Kropotkin wiederholte, die gleichen Erfahrungen vor Augen, oft gegenüber seinen Besuchern und in seinen Briefen diese Worte: „Die Bolschewisten haben der Welt gezeigt, daß sich eine Revolution auf diese Weise nicht vollziehen kann.“

    Aus: Peter Kropotkin – Unterredung mit Lenin sowie andere Schriften zur russischen Revolution, Verlag „Die Freie Gesellschaft“, Hannover 1980

    Der Text wurde von Max Otto Lorenzen übersetzt, die Originalquelle ist in der Broschüre leider nicht angegeben.

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