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vonHelmut Höge 15.10.2009

Hier spricht der Aushilfshausmeister!

Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister, bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt.

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Der Träger des alternativen Friedensnobelpreises Johan Galtung erklärte uns einmal: "Die ‚Gegenseitige Hilfe‘ ist, wie ich das sehe, das Normale. Das ist so normal, dass man es manchmal nicht sieht. Kropotkin hat das Offenbare und Normale gesagt, und Darwin hat einige Einzelfälle herausgeholt und daraus das ‚Typische‘ gemacht".  Dies läßt sich auch auf die berühmte 1968 in "Science" veröffentlichte Studie von Garrett Hardin "The Tragedy of Allmende" münzen.

Nach Hardin geht jede Genossenschaft bzw. auf Gemeinschaftseigentum basierende Wirtschaftsweise früher oder später "im Egoismus ihrer Teilnehmer" zugrunde. Im Neodarwinismus gipfelte diese Ansicht dann 1976 in dem Pamphlet "Das egoistische Gen" des englischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins, das tausende von Gentechniker und Gehirnforscher "inspirierte". Auf Hardin bezogen sich aber in der Folgezeit auch mindestens ebensoviele Kritiker des Genossenschafts- und Gemeinschaftseigentums – wenn sie stattdessen für Privatisierung bzw. Privatbesitz votierten.

Anhand vieler Beispiele hat die US-Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom noch einmal die teilweise jahrhundertelange Stabilität von Allmenden und Genossenschaften empirisch herausgearbeitet – sie spricht in diesem Zusammenhang von einem "Dritten Weg". Einen solchen erwähnte auch Johan Galtung: "Ich möchte betonen, da Kropotkin immer im Gegensatz zu Darwin dargestellt wird, dass es einen japanischen Ansatz gibt, den von Kinji Imanishi. Das ist eine völlig andere Evolutionstheorie. Er beschreibt ebenfalls die Zusammenarbeit, aber auch, dass die Natur sich immer verändert und die Natur sehr viel dynamischer ist, auch in einer kurzzeitigen Perspektive des Dynamischen, und da eröffnen sich neue Nischen. Diese Nischen sind leer. Es gibt keine Tiere, keine Pflanzen, es ist sozusagen wie im Himmelreich. Und dann kommt ein Ei dazu oder ein Samen und fühlt sich ganz wohl und hat dort die Möglichkeit, sich zu entfalten. Das ist weder Kooperation noch Streit, sondern ganz einfach eine Potentialität. Man könnte sagen, dass eine Art, wie Darwin sie dargestellt hat, ein wenig ist wie die britischen Kolonialisten, und das war ja auch sein Modell: Er findet etwas Unterlegenes, und das wird dann ausgerottet. Bei Kropotkin dagegen sind diese Arten liebenswürdig und auf Kooperation eingestellt. Für Imanishi sind sie Entdecker, sie sind auf Entdeckungsreise und finden etwas, wo sie Möglichkeiten haben, ich erwähne das nur, weil ich denke, in einer westlichen Ökonomie sind wir verloren."

Elinor Ostrom, die nun mit 76 Jahren den Wirtschaftsnobelpreis verliehen bekam – für ihre Forschung über die "Probleme bei der Nutzung von Gemeinschaftsgütern wie Fischgründe, Grundwasservorkommen, Wald- und Weidegebieten" – bis hin zur Erd-Atmosphäre, meint mit dem "dritten Weg" eine Alternative zu Privatisierung und Verstaatlichung – das ist das Gemeinschaftseigentum (Common). Wobei sie als Empirikerin so sehr von der Richtigkeit ihrer jahrzehntelangen Erforschung der kollektiven Nutzung von Ressourcen überzeugt ist, dass sie den Nobelpreis dafür eigentlich gar nicht mehr bräuchte, wie sie sagt. Vielleicht brauchen ihn aber die Kampagnen in der Dritten Welt, die sich z.B. gegen die "Biopiraterie" der Ersten Welt, u.a. durch Agrarkonzerne wie Monsanto, wehren, die die über Jahrtausende von den Bauern dort gezüchteten Pflanzen und Tiere quasi entwenden – und dann patentieren, um sie ihnen genetisch manipuliert wieder zurückzuverkaufen.  Dieser "Kampf um die Ressourcen" wird heute weltweit geführt – mit ungleichen Waffen. Zu lange bereits haben bloß Privatunternehmen und Staaten um die Biomasse (wozu auch Kranke, Arbeitslose und Schwangere zählen) konkurriert.

Mit der Auszeichnung einer Gemeineigentums- und Selbstverwaltungsverfechterin (ihr wichtigstes Buch heißt auf Deutsch "Die Verfassung der Allmende") werden nun die Alternativen "Jenseits von Markt und Staat", wie die NZZ schreibt, ermutigt. Elinor Ostrom untersuchte u.a. Schweizer Genossenschaften, die es dort schon seit dem 15. Jahrhundert mit formeller Satzung gibt, "um u.a. die Nutzung der Almen, der Wälder und des Ödlands besser zu regeln". In ähnlicher Weise studierte Karl Marx bereits die russischen Dörfer mit Gemeinschaftseigentum (Obschtschinas), die er als Ausgangspunkte für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft in Rußland begriff. Und 1906 kam der Agrarforscher Franz Christoph in einer Studie über die letzten ländlichen Allmenden in Preussen zu dem Resultat: "Äußerste Armut ist in Ländern mit Gemeingut weniger bekannt, auch der ärmste Tagelöhne hat wenigstens sein Land für Gemüse und Kartoffeln. Ein Proletariat ist in Gegenden mit größerem Allmendebesitz kaum anzutreffen. Und die Gemeinden sind reicher".

In Berlin, wo die Genossenschaftsgründungen seit 1933 rückläufig sind, wird neuerdings neben der Ich-AG auch die "Wir-eG" finanziell gefördert. Dazu gibt es bereits eine Studie vom Wismarer Genossenschaftsforscher Jost W. Kramer – mit dem Titel "Geförderte Produktivgenossenschaften als Weg aus der Arbeitslosigkeit? Das Beispiel Berlin." Kramer hebt darin vor allem auf die Widersprüche in den Fördermaßnahmen ab, die zwar die Gründung von Produktivgenossenschaften forcieren sollen, deren Procedere jedoch gleichzeitig jeden abschreckt. War es bei den Ich-AGs noch das allzu hohe persönliche Risiko, so sind es nun bei den Wir-eGs die Hürden der behördlichen Überkomplexität resultierend aus deren widerstreitenden Interessen und Ideologien. Kramer befürchtet denn auch, "dass die Maßnahme die beabsichtigten Ziele nicht erreicht."

Die zusätzliche Nobelmaßnahme jetzt wird daran wahrscheinlich nichts ändern. Die Globalisierungskritiker von Attac begrüßten die Auszeichnung dennoch: "Elinor Ostrom hat in ihrem wissenschaftlichen Werk den Nachweis erbracht, dass Gemeinschaftsbesitz sehr gut und nachhaltig bewirtschaftet werden kann. Voraussetzung ist die gemeinsame demokratische Kontrolle über das öffentliche Gut. Die sogenannte ‚Tragik der Allmende‘ wurde von ihr als neoliberale Legende widerlegt".

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