29.12.2009 von Helmut Höge

De oole düvel kummt mi nich mehr int huus, det sej ig di.
1.
Ein Lehrstück über politische Ökologie an der friesischen Küste. Das Stück wird immer noch gespielt, man kann es sich ansehen. Das wollten wir auch. – Und fuhren bei grauem Wetter am grauen Meer entlang – durch den “Nationalpark Wattenmeer” in Nordfriesland. Lange Zeit wurde hier ein Kampf zwischen Ökonomie und Ökologie ausgefochten. Die Bauern und das von ihnen einst durch Eindeichung geschaffene Ackerland auf der einen Seite, auf der anderen Ringelgänse bzw. ihre Sprecher: Biologen und Umweltschützer. “Die Grünen sind schlimmer als die Gutsherren einst,” so sagte es 2001 ein friesischer Bauer. Während das “Bundesamt für Naturschutz” stolz bekannt gibt, dass sich die Ringelgänse in den “Schutzgebieten” bereits auf eine andere Nahrung umgestellt haben: “Sie nutzen die landwirtschaftlichen Kulturen im Küstenbereich sowie die Salzwiesen und haben dadurch im Winterquartier und auf dem energiezehrenden Heimzug… weiter lesen
28.12.2009 von Helmut Höge
“Früher standen sich die Menschen näher. Die Schußwaffen trugen nicht weit.” (St.J.Lec)
“Das Wort hat die Genossin Beretta!” steht noch immer an der Fassade des einstmals von Rockern besetzten Hauses in der Kreuzberger Waldemarstraße. Die Süddeutsche Zeitung hat diese Pistole heute ganz groß mit Photo ins Blatt gehievt – weil ein Schüler der Realschule von Winnenden im März 2009 mit einer “Beretta 92 FS” erst fünfzehn Schüler, Lehrer und Autoverkäufer und dann sich selbst erschoß. Der SZ-Autor Philipp Mattheis scheint wie die Kreuzberger Rockergang und der Vater des Schützen, dem die Waffe gehörte, ein Beretta-Fan, wenn nicht ein “Waffennarr”, zu sein – er schreibt:
“Die Beretta 92 FS ist 21 Zentimeter lang, besteht zum größten Teil aus Stahl und wiegt im ungeladenen Zustand 945 Gramm, im geladenen sind es 1100 Gramm. Die Inox-Variante glänzt silbern. 15 Schuss passen in ihr Magazin, dann muss nachgeladen werden. Tim Kretschmer tat dies genau… weiter lesen
24.12.2009 von Helmut Höge
…So nennt man in der Wesermarsch das, was anderswo “Grünkohl mit Kassler”, “Kohl & Speck” oder auch “Grünkohl mit Brühwurst” heißt. In Bremen, wo die Betriebe und Behörden im Winter “Kohl & Pinkel”-Ausflüge aufs Land unternehmen, schmeißt man all diese obengenannten Fleischsorten in den Grünkohl, den man hier auch “Braunen Kohl” nennt, dazu kommen dann noch viel Schmalz, kurz angebratene Zwiebeln und halbierte, kurz gekochte Kartoffeln sowie etliche Pinkel- und Brühwürste.
Damit habe ich im Grunde bereits das ganze Rezept mitgeteilt. Das Gericht soll es sogar in Schlesien geben. Wie man es dort ißt weiß ich aber leider nicht, obwohl ich sonst überall dieses Gericht wähle, wenn es von irgendwelchen Restaurants angeboten wird – an der Ostseeküste, in Brandenburg, in Berlin (z.B. im “W.Prassnick”), in Norddeutschland und vor allem in Friesland, wo es meiner Meinung nach am Besten schmeckt. In Bremen kenne ich das Gericht nur quasi privat zubereitet. Der… weiter lesen
23.12.2009 von Helmut Höge
“Sie hüllt den Menschen in Dumpfheit ein und spornt ihn ewig zum Lichte,” schrieb Goethe 1780 über die “Natur”. Zwar irrte er sich, als er bestätigte, dass der Text von ihm war (er stammte ursprünglich vom Schweizer Theologen Georg Christoph Tobler), aber unter seinem Namen geriet das “Fragment” noch 1869 ins Editorial der ersten Ausgabe des Zentralorgans der angloamerikanischen Neodarwinisten: “Nature”.
An einer Synthese – von in Dumpfheit verharren und zum Licht streben – wird heute in der “synthetischen Biologie” gearbeitet – und wie! In den 1992 verabschiedeten US-Richtlinien für genveränderte Organismen (GVO) hieß es bereits: “The USA is world leader in biotechnology – and will keep it that way”. Zu den “Summer Schools” der US-Eliteuniversitäten rücken seitdem die besten und jüngsten “Nature”-Karrieristen aus aller Welt an – und basteln “neue Lebewesen”: Ein französisches Team schleuste leuchtende Quallengene in farblose Mikroorganismen ein, ein bologneser Team baute stinkende Darmbakterien so um,… weiter lesen
23.12.2009 von Helmut Höge
Alle Institutionen mit geschlossenem Milieu werden im Übergang von der Disziplinar- zur Kontroll- und Kommunikationsgesellschaft vom Verschwinden erfaßt: Uni, Schule, Kita, Knast, Irrenanstalt, Fabrik, Firma, Krankenhaus, Altersheim usw., indem sie gezwungen sind, sich zu öffnen. Die Massen und ihre Ströme werden dabei fragmentiert, atomisiert, digitalisiert – und zu elektronischer Heimarbeit, Billigjobs, Ich-AGs, projektbezogenen Verträgen etc. verdammt. Gilles Deleuze und Felix Guattari fügten dem in ihrer “Schizo-Analyse” noch das “schreckliche Lifelong Learning” hinzu: “In einem Kontroll-Regime hat man nie mit irgend etwas abgeschlossen”- und prophezeiten, dass wir uns angesichts des dabei heraufdämmernden neuen “Faschismus” noch nach der guten alten Disziplinargesellschaft zurücksehnen werden. Zumal die neue Kontrollgesellschaft dabei u.U. auf die (Folter)-Techniken der Souveränitätsgesellschaft zurückgreife. Ähnlich spricht Alexander Kluge davon, dass der Kapitalismus in der Not zur Rückfälligkeit neigt: “Dann kommt der Faschismus, darauf die Refeudalisierung – das ist ja das Schlimme…”Dagegen hilft nur Aufklärung, Bildung – Lifelong Learning? Im vorangegangenen blog… weiter lesen
18.12.2009 von Helmut Höge

Reste einer steinzeitlichen Bildungsstätte: Poller in anderen Worten
In den Großstädten sprießen die privaten Eliteuniversitäten wie Unkraut aus dem Boden. Ulaan Bataar hat 61, in Seoul, Istanbul und Manila gibt es über 200, in Moskau inzwischen fast 300 und auch in der Bondeshauptstadt Berlin gründen sich immer mehr solcher Einrichtungen, sie annoncieren ihre Ausbildungsgänge und Abschlüsse gerne in U-Bahnhöfen und auf Bussen. Man hat fast den Eindruck, alle Rädelsführer der Studentenbewegung, die nicht in die Planungsausschüsse der Reformuniversitäten 1972/73 berufen oder von den Uni-Gründern später nachgeholt wurden, gründen seit der Wende Privatuniversitäten. Sogar Dimitri – der “Tresor”- und “Loveparade”-Betreiber: Er projektiert eine Techno-Uni. In Potsdam wurde eine andere Uni, die zwar wenig für die Lehre zahlte, dafür jedoch Professorentitel quasi verlieh, von Staats wegen verwarnt – ihr 68er-Gründer und -Präsident mußte gehen.
Die meisten dieser Privateinrichtungen sind das Abschlußdiplom, das sie ihren Studenten am Ende ausstellen, nicht wert. Deswegen… weiter lesen
15.12.2009 von Helmut Höge

Zwei liebevoll gestaltete Wasserpoller
1.
Unheimlichkeit der heimlich Reisenden
Die Philippinen und Mexiko sind die weltweit größten Exporteure von Arbeitskräften – und sie sind sich sehr ähnlich, nicht nur sehen die Philipinos und die Mexikaner ähnlich aus, ihre Länder haben auch eine ähnliche katholisch spanisch-amerikanische Kolonialgeschichte. Und hier wie dort kamen die größten FreiheitskämpferInnen stets hoch zu Roß daher. Eine Meldung von heute: Es gibt einen Pflegenotstand in Finnland. Um dem Mangel an Pflegekräften abzuhelfen, will man philippinische Krankenschwestern ins Land holen. Schon sinken die Flugpreise Helsinki-Manila. Bei den Mexikanern hat man dagegen das Gefühl, niemand will sie, am wenigsten die USA, wo sie am Liebsten hin wollen. Weil sie dort mehr verdienen können, sagt die neoliberale Theorie. Um sie daran zu hindern, die US-Grenze illegal zu überqueren, werden die Zäune und Kontrollen an der 3000 Kilometer langen Grenze immer abschreckender. Der Spiegel hat noch einen Unterschied… weiter lesen
01.12.2009 von Helmut Höge

Die Königsfamilie zeigt – sich.
1. Ein “Momentum” in Moss
Die Salzburger Festspiele, die es seit 1920 gibt und die bis heute immer wieder für Skandale gut sind, gelten als “Mutter aller modernen Sommerspektakel”. Inzwischen gibt es solche “Events”, die Kunst und Tourismus, Sommer und Sonne verbinden, in zigtausend Städten weltweit.
Die am Oslo-Fjord gelegenen Orte um das Hafenstädtchen Moss waren früher Fischerdörfer, dann kamen wohlhabende Bürger aus Oslo zum Baden, von denen immer mehr Sommerhäuser dort erwarben. Zur Unterhaltung luden sie die hauptstädtische Bohème ein, einige blieben, es entstanden hier und da Künstlersiedlungen, wie etwa in Son. Die Fischer verschwanden dagegen langsam, dafür kam aber dann die Mittelschicht und mit ihr der Massentourismus. Heute sind die Yachthäfen alle vollbelegt, in Son eröffnete gerade ein neues Segler-Hotel namens “Quality Spa & Resort”. Dort waren wir – 12 Kunstkritiker aus 13 Ländern – einquartiert. Ein Shuttle… weiter lesen