Ein Baum hat ein gutes Gedächtnis. Seine Erinnerungen reichen weit zurück in andere Zeitalter. Dem Menschen hilft das Gedächtnis, so zu handeln, dass die Zukunft seinen Wünschen etwas besser entspricht, um so Schmerz und Mangel zu vermeiden. Ein Baum kann nicht handeln. Er nimmt die Erfahrungen in sich hinein – die trockenen und die regenfeuchten Zeiten, die Hitze und den bitteren Frost. Nägel, die in ihn geschlagen wurden, Geschosse, die in ihm stecken blieben, ummantelt er mit neuen Schichten Rinde. Wenn ihm Äste abgesägt werden, verschließt er die Wunde in jahrelanger geduldiger Überwucherungsarbeit. Selbst wenn der Sturm die Krone bricht, versuchen die starken Seitenäste, seine Arbeit zu übernehmen – das Leben geht weiter. Und auch die Krankheit wirft einen Baum nicht gleich um. Wenn der Pilz sein Mark zerfrisst, stützen die über viele Jahrzehnte gebildeten Holzringe den Stamm weiter, so dass der Lebenssaft zwischen Wurzeln und Krone noch lange Zeit… weiter lesen
Archive for November, 2006
Im Barnim hat jedes Dorf seinen Gutshof oder sein Schloss – oder hatte es. Die sowjetischen Truppen haben einige auf ihrem Vormarsch niedergewalzt. In anderen haben sie ihre Kommandantur eingerichtet. 1949 wurden die Gutbesitzer enteignet und die Schlösser und Gutshöfe fielen an die Gemeinden bzw. an den Staat. Groß Geld, um die Besitzungen zu unterhalten, hatten die Gemeinden natürlich nicht, also richteten sie sich in den langsam bröselnden Gemäuern ein. Überall waren Jugendclubs, Kitas, Schulen, Kneipen drin. In der typischen Ost-Tristesse, oder mit dem typischen Ost-Charme, je nachdem, wie mans sehen will, haben sie den Bestand einfach abgenutzt. Seit Anfang der 90er Jahre versuchen die Gemeinden, die teuren Gebäude irgendwie loszuwerden, an Leute mit Portemonnaie, mit Beziehungen oder mit Wissen über die richtige Bohrtechnik für Förderungen – und die kommen aus dem Westen.
Das Reichenower Schloss, eine neogotischer Bau im Stil von Westminster, hat die Brandenburgische Schlösser GmbH aufgekauft und… weiter lesen

Anzeigenblätter gibt es auch Jottwehdeh. Man nimmt sie aus dem Briefkasten, um sie sofort wegzuwerfen. Auf dem Weg zum Papierkorb blättert man sie aber doch durch und bleibt irgendwo hängen, an irgendeiner Möglichkeit, sich doch noch besser auszustatten.
Möbel Höffner bietet Rabatt auf Lagermöbel. Unter der Rubrik „Express“ wird ein Stuhl, vorher 99 Euro, für 65 Euro ausgepreist. „Stuhl, Buche, kolonialfarbig“. Was ist das denn?! Welche Farbe hat eine Kolonie? Schwarz? Gelb? Rot? Oder so eine Elfenbein- oder Sandfarbe? Ich suche auf Höffners Internetseite. Dort finde ich die Kategorie: „Wohnen im Kononialstil“. Hier gibt es keine Auskunft über die Kolonialfarbe, aber neue Rätsel: Eine „Wohnwand“, die „kolonial lackiert“ ist. Was ist kolonialer Lack? Und was ist denn überhaupt eine Wohnwand? Bewohnt man die Wand? Oder trennt sie einen umgekehrt vom Wohnen? Ich schrecke davor zurück, weiter zu blättern. Nachher finde ich noch eine Kolonialwand. Und dann kann… weiter lesen
Die taz hatte ja offenbar niemand in Seelow, und wenn, dann nicht in der Nähe der Nazis. Anders die Märkische Oderzeitung. Sie hat nicht nur die Internetseite der NPD studiert (Keine Kaugummis, keine Bonbons, keine Zigaretten…) sondern auch den Kranzabwurf beobachtet und bemerkt: “Pech nur, dass Worch seinen Getreuen zuvor nicht auch beschrieben hat, wie die Gräber ihrer deutschen Helden aussehen. So legen denn einige seiner Kämpfer ihre Kränze am Grabmal für sowjetische Helden nieder.” Vielleicht war es ja gar kein Versehen sondern nationaler Internationalismus: Tot it tot, und Held ist Held.
1. Schweine füttern
Thomas ist mit H. auf der Treibjagd, Eindrücke für eine Reportage sammeln. Ich füttere seine Schweine. Drei kleine Blecheimer mit geschrotetem ökologischem Tortillamais aus New Mexico, den wir geerbt haben, aber das ist eine andere Geschichte.
Die drei Wollschweine stehen schon Schnauz’ an Schnauz’, als ich auf den Acker komme. Früher hatten sie Namen, die alle mit W wie „Wollschein“ anfingen. Mit der Zeit haben sich die Bezeichnungen „die Dicke“, „die Kleine“ und „die Gemeine“ durchgesetzt. Denn die Schweine haben eine strenge Hierarchie. Die Schwierigkeit ist, die Eimer so zu verteilen, dass alle an ihr Fressen kommen. Ich schrei, renne am Zaun entlang, mache plötzlich kehrt, setze ganz schnell einen Eimer ab, täusche kurz an und renne dann weiter zur nächsten Ecke. Der zweite Eimer landet halb im Schlamm. Die Dicke, die sich schon über den ersten Eimer hergemacht hatte, findet jetzt den zweiten interessanter. Die Kleine… weiter lesen
Auf dem Land sind die Türen nicht abgeschlossen. Jedenfalls bei uns auf dem Gutshof. Bisher ging noch alles gut. Die Leute klopfen, machen die Tür auf und rufen „Hallo?“ oder stehen auch einfach gleich in der Küche, je nach Tageszeit und individueller Hemmschwelle.
Aus meiner Küche kommt ein Krächzen, das mir unbekannt vorkommt. Von meinem Schreibtisch aus rufe ich: „Thomas?“ Ist er nicht. „Maria?“ Auch keine Antwort. Nun muss ich doch gucken.
Die Tür zum Hof steht auf. Es zieht kalt herein. Mitten im Raum steht ein alter Mann, hält sich mit zittrigen rot-blau-gefrorenen Fingern an der Tischkante fest. Der ganze Mann scheint zu zittern; er ist wirklich alt. Seine unteren Augenlider hängen herunter. Die wässrigen Augen heften sich auf mich. Er will nicht nach dem Weg fragen, soviel ist klar. Es kommen nur Satzbrocken heraus. „..ne Frau, …weiß nicht, wo sie hinwill“, „… nach Wriezen…“ „…kann da doch nicht… weiter lesen