Ein tiefes Alter – Gespräch mit der Mutter an Pfingsten 2012

 

Liege ich jetzt im Bett?
ja, jetzt liegst du im Bett, außer wenn du im Rollstuhl sitzt.
Ach. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. – Und du bist die Imma?
Ich bin die Imma, ja.
Komisch. Ich hatte dich immer anders in Erinnerung, in der Sprache.
Ja? Wie denn?
Das kann ich so nicht sagen. Ich bin ja nicht die, die spricht.
Und jetzt? Wie ist meine Stimme jetzt? Kannst du mich denn erkennen?
Nein. (Pause) Und das ist nicht irgendwie ne Geschichte, die du mir erzählst? Das ist wirklich so?
Was jetzt?
Über Sprache?
Welche Geschichte erzähle ich dir? Was meinst du?
Ich meine, vielleicht denk ich mir was aus.
(lacht) Ja. Guck mal, ich zwick dich mal. Dann merkst du, dass es real ist. Merkst du, dass ich dick zwicke?
(zögernd) Ja.
Guck. Dann ist es real.
Ich bin real?
Du bist real, ja. Und du kannst mich auch zwicken. Da, zwick mich mal. (Lacht) Guck, das macht man doch, damit man merkt, dass man nicht träumt.
Dass man was?
…dass man nicht träumt.
…dass man nicht „trennt“?
…nicht träumt, wie im Schlaf, dass man sich das nicht nur ausdenkt.
Ach so. (Pause) Ja, und was geschieht jetzt mit mir? Ich kann so weit gar nicht denken.
Du liegst hier einfach und wirst versorgt.
Im Bett? Du meinst, ich steh nicht auf, ich zieh mich nicht an?
Nein. Es hilft dir jemand beim Anziehen.
Du hilfst mir?
Nein andere. Die Leute, die hier arbeiten, helfen dir.
Wo bin ich denn, bin ich in einem Krankenhaus?
Nein, du bist in einem Pflegeheim.
Ach so.
(Pause)
Ja. Vielleicht muss man damit rechnen.
Mit was jetzt?
… wenn man alt wird. Dass man in einem Pflegeheim ist.
Vielleicht muss man damit rechnen, ja.
(Unterbrechung, das Essen kommt. Ich füttere sie)
Ich müsste mal zur Toilette
Du hast ne Windel um, Mama.
(Pause)
Heute ist Pfingsten, Mama. Kannst du dich erinnern, was Pfingsten ist?
Ja. Feiertag. – Und ich liege im Krankenhaus?
Nein, du liegst in einem Pflegeheim.
Wo denn?
In Bielefeld.
Ach!
So, Achtung, jetzt wieder Kartoffelbrei.
Seit wann fütterst du mich?
Ich füttere dich seit gerade.
Und bin ich denn 90 Jahre alt?
Ja, du bist 90 Jahre alt.
Und ich liege im Bett?
Ja, du liegst im Bett, weil du dich nicht mehr alleine bewegen kannst.
Ach! (Pause) Schon länger?
Ja, eine ganze Weile, ein paar Monate.
Ach! (Pause) So geht das Leben zu Ende.
Ja. Das kann man so sehen.
Und wer bist du?
Ich bin die Imma.
Ach! – Und ich bin 90 Jahre?
Ja, du bist 90 Jahre alt.
Ach! Aber ich bin eigentlich satt.
Ein bisschen noch. (gutes Zureden und Weiteressen)
Seit wann liege ich denn im Bett?
Seit ein paar Monaten. Guck mal, jetzt kommt noch mal Kohlrabi.
Ich glaube, ich bin satt.
Klein bisschen noch.
Und wer pflegt mich?
Dich pflegen die Leute, die hier arbeiten. Hier ist die Tasse, trink mal noch ein bisschen.
(trinkt) Mm – das ist zu scharf. (versucht noch mal) Scharf, ja. Nee, das kann ich nicht trinken.
Was meinst du denn mit „scharf“? Das ist Wasser.
Ja? Und woher ist das so scharf?
Ja, das weiß ich auch nicht. Ist das scharf? Vielleicht durch die Kohlensäure. Machen wir sie mal raus. Noch ein bisschen.
(Trinkt noch mal) nee, das ist zu scharf. (Pause) Das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass ich so krank bin, dass ich hier liege und dass ich gepflegt werden muss.
Das kannst du dir gar nicht vorstellen, nein? Hm-m.
Nein. So weit kann ich gar nicht denken.
(Pause)
Und die Imma ist da?
Ja, ich bin hier.
Aber du sprichst gar nicht so wie Imma.
Wie sprech ich denn?
So schnell. Und auch so ohne Dialekt.
Hattest du in Erinnerung, dass ich einen Dialekt habe?
Na, zumindest konnte ich dich erkennen.
Aber ich bin’s.
Du bist es? Du bist die Imma?
Ja.
Was macht die Imma bei dir?
Ich bin die Imma
Ach so, ja. Das kann ich nicht auseinander halten. Und ich liege in deinem Bett?
Ja.
Du bist die Imma, und du liegst in deinem Bett?
Nee, ich nicht. Du liegst im Bett.
Ich?
Ja.
Das kann ich nicht auseinander halten.
Und geht es dir denn jetzt gut?
Ob es dir gut geht?
Nein, ob es dir gut geht.
Ich kann dich nicht so gut verstehen.
Ob es dir jetzt gut geht.
Das weiß ich nicht. Ich glaube, das kann ich nicht beurteilen. Kann sein, dass es mir nicht gut geht.
Tut dir denn was weh?
Na, ich liege ja im Bett. (Pause) Und du bist die Imma?
Ja.
Das kann ich mir nicht vorstellen.
(lacht) Guck mal, ich kann dich noch mal so ein bisschen streicheln, wie gestern.
Hast du mich gestern gestreichelt?
Ja. So ein bisschen massiert habe ich dich.
(Pause) Vielleicht muss man damit rechnen, dass es einem im Alter so geht. Obwohl ich mir nicht vorstellen…
Ja?
Aber du… die… Ach. Nee. (Atmet schwer, während ich sie leicht massiere) Aber das ist lieb von dir. (Pause) Seit wann hab ich das denn? Oder – seit wann bin ich in nem Heim?
Ich weiß gar nicht, seit drei Jahren oder seit vier Jahren.
Und das weiß ich gar nicht? – Und da leb ich so vor mich hin und andere Leute pflegen mich?
Genau.
Das ist ja ein trauriges Ende.
Na ja, das ist das Ende eines Lebens
Ja.
Wir freuen uns, dass du keine Schmerzen hast.
Ja?
Alle sterben anders.
Ach so, ich sterbe jetzt?
Nein, jetzt nicht, aber irgendwann.
Und es ist immer jemand bei mir?
Immer nicht. Aber es guckt immer wieder jemand nach dir. Fokko kommt jeden Tag. Und jetzt bin ich da.
Was machst du denn sonst?
Ich lebe sonst auf dem Land
Ja? Und wer pflegt mich?
Die Leute hier aus dem Heim
Und wie alt ist sie?
Wer?
Ich – ich kann’s nicht mehr sagen.
Ruh dich mal ein bisschen aus, Mama. Ich bin hier.
(Pause)
So, nun geht das also zu Ende dann mit einem.
(Pause. Die Pflegerin kommt rein, Mama kriegt Tropfen)
Möchtest du noch Pudding, Mama?
Nein, ich bin satt.
Dann ess ich den jetzt auf.
Mmh – nee, das schmeckt ja furchtbar, das kann ich nicht essen!
(Pause)
Wenn ich das richtig verstehe, dann erlebe ich jetzt mit dir ein tiefes Alter mit.
Ein tiefes Alter, ja, das kann man sagen.
Ach. Das ist mir sonst gar nicht so bewusst gewesen.
Dass du schon so alt bist? Ja. Ein langes Leben hast du schon hinter dir.
Wie alt bin ich denn?
Du bist 90 Jahre alt.
Ja?
(lange Pause)
Und wer pflegt mich?
Die Leute, die hier im Heim arbeiten.
Ach so. Und das ist in Bielefeld?
Ja
Da muss man sicher mit rechnen.
(Pause)
Kannst du dich noch erinnern, dass ich einen Sohn habe?
Du einen Sohn? Wie heißt der denn?
Der heißt Jan.
Wenn du das so sagst, dann wird das so sein.
Jedenfalls soll ich dich von dem schön grüßen.
Ach. Und wie alt bin ich?
Du bist 90 Jahre alt.
Nun geht das alles zu Ende.
Aber was soll man machen? – Man muss dann so leben, wie es kommt.
Aber das ist lieb von dir, dass du so nett zu mir bist.
(Pause)
Und du bist 90 Jahre?
Ich nicht. Du bist 90 Jahre.
Ach so. Und wie alt bin ich?
Du bist 90 Jahre.
Ach so. Ja, das kann ich alles nicht mehr so auseinander halten.
Nee. Das musst du ja auch nicht. Jetzt ruhst du dich ein bisschen aus, ja?
Ja. Und du gehst dann weg?
Nein, jetzt gehe ich noch nicht weg. Gleich. Und später komme ich dann wieder.
Ja?
Und vielleicht können wir dann ein bisschen mit dem Rollstuhl rausfahren; es ist so schönes Wetter draußen.
Ja.
Ich hab so eine schrebbelige Stimme. Ich hab doch sonst nicht so gesprochen.
Ich weiß nicht. Das kommt dir vielleicht nur so vor.
Ach so.
Ja, das muss man vielleicht alles miterleben. …Wenn man alt wird.
Ja, das kann passieren.
Ach, mein Arm tut mir weh.
Ja? Dann legen wir den mal ein bisschen hin. Guck mal, so. Dann ruhst du den Arm mal ein bisschen aus. Ist es so besser?
Ja. Deine Hand ist auch so schön warm. – Aber die Schulter tut mir immer ein bisschen weh.
Ja? Dann soll ich mal die andere anfassen?
Das weiß ich nicht. So weit kann ich nicht denken.
Der Arm, der kommt mir schon fast so vor wie ein bisschen gelähmt.
Dieser hier?
Ja.
Lass den Arm einfach ein bisschen schlafen. Du brauchst den ja jetzt nicht.
Ja.
(Pause)
Ich weine jetzt immer, ich weiß nicht, warum.
Bist du denn traurig?
Das weiß ich auch nicht. – Aber so wird das, wenn man alt ist.
(Pause, sie hustet)
Man denkt ja nicht so weit. – Das kann man noch gar nicht ermessen.
Und du bist die Imma?
Ja.
Ja, wenn du so „ja“ sagst, dann kommt mir die bekannt vor.
– Oh!
Was tut dir weh, Mama?
Der Arm tut mir weh.
Soll ich den ein bisschen streicheln? So? Ist das so gut?
Ach, dann musst du dich so abmühen.
Ach nein. Leg dich mal richtig hin, auch mit den Schultern. Schön entspannen.
Hab ich.
Alles hinlegen.
(Pause)
So ist das Leben eben, wenn man alt wird.
Ja.
Ja.

Kommentare (4)

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  1. Aloha

    also ich habe neulich eine sehr interessante Fernsehsendung (Name leider vergessen) gesehen, es ging um Religion, und weshalb sich viele Mensch so an Religionen klammern. Die Theorie war, dass wir unsere eigene Sterblichkeit nicht ertragen wollen und deshalb unsere Ängste auf einen “unsterblichen” Gott projezieren. Ich denke, dass es sehr wichtig ist, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen und die Endlichkeit des einzelnen Menschen zu akzeptieren.

    Cheers

  2. Sehr schön… – um für seine eigene Alterszeit (wenn einem denn da noch Sprache gegeben ist und eine Zuhörer, eine Zuhörerin…) ein wenig vorzudenken.

  3. Sehr schön und berührend, wenn auch traurig.

  4. Diese Mama ist eine friedvoll gealterte Dame wie mir scheint.
    Schade, dass es nicht mehr üblich ist in einer häuslichen Umgebung
    die alten Tage verleben zu können.
    Es macht mich traurig zu erkennen, eine gezielte liebevolle Ansprache ergibt
    bei weniger Worten doch noch klare Resonanz.
    Ist es ein wegtauchen und verdrängen des Alltages mit dem Verstand?
    Es klingt wie warten, endgültig Abschied nehmen und loslassen vom Leben –
    eine gelingende Aktion im Alter. Die Frau ein fühlender Mensch, der für andere da war und emotional ist liegt in dem Bett udn müht sich ab in der Komunikation mit seltenem Besuch. Leider Alltag in Pflegeheimen.