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vonImma Luise Harms 09.01.2018

Land Weg

Das Land ist Ressource und Erweiterungsgebiet für die Stadt, aber auch ihre bestimmte Negation. Grund zum Beobachten, Experimentieren und Nachdenken.

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Das war hart. Das tat richtig weg. Die Kommode, von der es immer hieß, dass mein Urgroßvater sie gemacht hätte, wurde gerade abgeholt. Eine Mahagoni-Kommode mit vier Schubladen. Genau genommen war nur das Gesims aus Mahagoni, die Flächen waren furniert. Aber was für ein Furnier! Gestromt an den Seiten und oben drauf, geflämmt auf den gewellten Vorderseiten der Schubladen.

Schon lange wollte ich das Erbstück aufmöbeln, hatte schon Furnier für die Oberfläche gekauft und Streifen für den Sims. Wie ich die geflämmten Furnierteile auf den gebogenen Schubladen festkriegen sollte, hatte ich keine Ahnung, auch nicht, woher ich sie überhaupt kriege.

Lange hat die Kommode im Flur gestanden. Und nun geb ich es auf, ich werde sie nicht mehr restaurieren, und wenn, dann wird es so dilettantisch sein, dass ich mich ärgere, wenn ich sie sehe. Die vorderen Zimmer werden geräumt; die Kommode muss raus.
Wie immer hofft man auf „gute Hände“, in die das Stück noch gelangen könnte. Ich gebe eine Anzeige auf, alte Kommode zu verschenken, gerne in die Hände eines Tischlers oder einer Tischlerin, die das Geschick haben, sie wieder in Ordnung zu bringen.  Ich fotografiere sie von allen Seite, finde auf der Rückseite einen uralten Aufkleber in Frakturschrift, von dem ich nur „Bahnhof Lübeck“ lesen kann. Lübeck? Meine Vorfahren haben in Ostfriesland gelebt. Vielleicht ist die Kommode doch nicht vom Urgroßvater, dem Drechsler, sondern irgendwie anders zwischen die Familienmöblierung geraten.

Es meldet sich ein Michael E. Ich frage nicht, ob er Tischler ist und was er für ein Interesse an der Kommode hat. Er sagt, er ist in 20 Minuten da. Das wundert mich, kommt der Möbelfachmann nicht aus Berlin? Ein Auto hält vorm Haus, zwei Männer steigern aus, stellen sich vor, werfen einen kurzen Blick auf die Kommode. Ich biete auch das schon gekaufte Furnier an, das sie aber nur mit einem Blick streifen und ablehnen. Nee, das brauchen sie nicht zum Aufmöbeln. Ich habe Zweifel, was sie mit der Kommode vorhaben. Sie kommen aus Wriezen, sagen sie. Haben sie einen Trödelladen, eine Tischlerei? Nee, sagt Michael E. und entblößt grinsend seine maroden Zähne.  Inne Wilhelmstraße wohnen sie, direkt nebende Apotheke. Bevor ich noch mehr Fragen stellen kann, haben sie die Kommode schon geschnappt und in den Kofferraum ihres Autos geschoben. Und weg sind sie.

Ich stehe im Flur, die Rolle Furnier in der Hand, und schaue auf den leeren Platz. Ich sehe die Kommode in einer Ecke meiner Kindheit, damals noch grün gestrichen von meiner barbarischen Mutter.  Sie hat auch die seitlichen Simsteile abgesägt, damit das Möbel in irgend eine Baulücke in der Wohnung reinpasste. Ich spüre noch, wie sich die Schubladen-Ecken anfühlten, wenn man an ihnen eine der Laden aufzog, und ich höre das trockene Quietschen.

Später wurde die Kommode  von modernen Einrichtungsgegenständen in den Keller verdrängt. Sie war ja auch verhunzt, ds sah man ja. Als ich eine eigene Wohnung hatte, habe ich sie nach Berlin geholt. In der Ära des Abbeizens, also in den 70er Jahren, habe ich ihr die grüne Farbe abgekratzt und mit großem Glück gesehen, dass eine wunderschöne rotbraune Maserung zum Vorschein kam. Mahagoni! Sicher, das Furnier hat bei der Prozedur gelitten; ich habe es mit Lackstiften ausgebessert und auch das seitliche Sims durch ein passendes Stück Holz ersetzt. Die Farbe glich sich im Laufe der Jahre an.

In den folgenden Jahrzehnten zog die Kommode von der einen in die andere Wohnung, wurde mal hierhin, mal dahin geschoben, immer in Erwartung ihrer ordentlichen Restaurierung. Zum Schluss waren Chilis und Tomaten zum Nachreifen darin gelagert, und in der unteren Schublade meine Schlittschuhe und anderes Zeugs, von dem ich nicht wusste, wohin damit.

Der Flur kommt mir plötzlich sehr groß vor, sehr leer. Im Teppich noch der Abdruck der vier Füße, eckig die hinteren, rund gedrechselt die vorderen. Doch vom Urgroßvater, dem Drechsler?

Ich weine der Kommode eine Träne nach.

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