11.12.2008 von Claudius Prößer
Am 10. Dezember 2006, vor genau zwei Jahren also, starb Augusto Pinochet Ugarte 91-jährig an Herzversagen. Zu einer Verurteilung für die auf seine Weisung geschehenen Verbrechen war es nicht mehr gekommen.

Oben: Vor einem Jahr war’s ein Jahr her.
Unten: Pinochet-Fans bei dessen Totenfeier vor zwei Jahren (Foto: The Clinic)
Am gestrigen zweiten Todestag wurde auch die Komplizenschaft zwischen einflussreichen Teilen der katholischen Kirche und den Putschisten von ’73 wieder einmal mehr als deutlich. Kardinal Jorge Medina ließ es sich nicht nehmen, eine Gedenkmesse in der Militärkathedrale zu zelebrieren und in seiner Predigt Pinochets Opfer moralisch zu diskreditieren:
Unser Land braucht die Vergebung, es ist der einzige Weg zum Frieden. Statt zu vergeben, verlangen aber viele “Gerechtigkeit” – ein Wort, das ein anderes, hässlicheres Wort verbirgt, das sie sich nicht trauen auszusprechen. Dieses Wort heißt “Rache”.
Der Kardinal, von 1998… weiter lesen
12.11.2008 von Benjamin Kiersch
Alle Jahre wieder, am 8. November, 8 Tage nach Allerheiligen, füllen sich die Friedhöfe im bolivianischen Altiplano mit Ñatitas, kunstvoll geschmückten Totenköpfen, und ihren Besitzerinnen. Die Schädel sind wichtige Begleiter in vielen bolivianischen Haushalten: sie halten Diebe ab, bringen Kunden ins Geschäft oder helfen den Kindern durch Schule und Studium. Oft sind es die Gebeine längst verstorbener Vorfahren, sie werden vererbt oder verschenkt, sie haben einen Namen und gehören zur Familie.
Für ihre Arbeit werden sie einmal im Jahr gehuldigt: geputzt, mit Hüten und Tüchern geschmückt, ein paar Zigaretten zwischen die Zähne geklemmt, pilgern die Familien mit ihren ñatitas auf den Friedhof, wo die Schädel auf Blumen gebettet einer Messe lauschen dürfen. Normalerweise.
Dieses Jahr jedoch erließ der Erzbischof von La Paz, Edmundo Abastoflor, einen Runderlass an die Priester, der den Schädelkult als unchristlich geißelte und seinen Untergebenen kurzerhand verbot, einen Segen über die schönen Schädel… weiter lesen
10.10.2008 von Claudius Prößer
Gestern ist Chile wieder ein bisschen weniger katholisch geworden: Das Oberhaus im Kongress, der Senat, hat einstimmig einen Gesetzentwurf angenommen, der den 31. Oktober zum nationalen Feiertag erhebt. Man erinnere sich: Am 31. Oktober nagelte ein Mönch namens Luther 95 Thesen ans Tor der Wittenberger Schlosskirche. Allerdings heißt der neue feriado nicht “Reformationstag” wie in Deutschland, sondern “Nationaler Tag der Evangelischen und Protestantischen Kirchen”. Die sich direkt auf Luther berufenden Gruppierungen sind nämlich klar in der Minderheit gegenüber den Pfingstkirchen (Pentecostales). Zusammen kommen sie bei den Chilenen über 14 Jahren schon auf gut 15 Prozent, während die Schäfchen des Papstes noch 70 Prozent derselben Gruppe ausmachen.
Um nun der chilenischen Wirtschaft keinen zu schweren Schaden zuzufügen (was ganz im Sinne der bienenfleißigen Evangelikalen sein dürfte), hat der Senat beschlossen, das Lutherjubiläum zu flexibilisieren. Schließlich ist am 1. November, Allerheiligen, auch schon frei, und sollte der Doppelfeiertag… weiter lesen
06.10.2008 von Gerhard Dilger
Nächster Bürgermeister von Rio de Janeiro könnte der Grüne Fernando Gabeira werden.

Bei den gestrigen Kommunalwahlen in Brasilien überrundete Gabeira überraschend Marcelo Crivella, Senator und Bischof der einflussreichen Universellen Kirche des Gottesreichs.
Exguerillero Gabeira ist der Paradiesvogel der brasilianischen Politik. Dennoch dürfte es nicht leicht für ihn werden, die Stichwahl am 26. Oktober zu gewinnen. Denn neben seiner kleinen grünen Partei unterstützen ihn sonst nur noch rechtsliberale Parteien, die in Opposition zu Präsident Lula stehen.
Ergebnisse aus den Hauptstädten aller Bundesstaaten hier.
24.09.2008 von Claudius Prößer
Religiosität hat viele Gesichter, eines der gruseligsten sind die fanatischen Predigten evangelikaler Christen. Auch in Chile gehören ihre theatralischen Tiraden zum akustischen Inventar der Innenstädte und der armen Peripherie, während die Oberschicht eher diskreten Sekten wie dem Opus Dei zugeneigt ist.
Ein besonders krasses Exemplar geistert seit einiger Zeit durchs Internet: Nezareth Casti Rey, ein kleiner peruanischer Junge, der vor Tausenden die Irrlehren der Evolution verdammt (und was man als Evangelikaler noch so alles geißelt).
Zum Glück ist das Internet nicht nur in der Lage, solcherlei zu multiplizieren, es bietet auch Raum für Parodien, die das Grauen angenehm entschärfen. Nezareth, der mittlerweile 17 ist, aber munter weiterpredigt, wurde schon vielfach remixt, unter anderem von einem chilenischen DJ. Keine große Kunst, aber doch lustig: