vonKnut Henkel 03.04.2020

Latin@rama

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Jorge Acosta heißt der Koordinator der Landarbeiter-Gewerkschaft Astac. Er lebt in Guayaquil

 

In den sozialen Netzwerken kursieren Dutzende von Fotos und Videos, die eine erschreckende Realität zeigen: Leichen, die an Straßenecken, vor Krankenhäusern und vor Privathäusern liegen. Was passiert in Guayaquil?

Das ist eine bittere Realität, der wir uns gegenübersehen. Niemand weiß, ob diese Toten an Covid-19 gestorben sind oder an anderen Krankheiten. Fakt ist, dass mehrere Kadaver auf der Straße abgelegt wurden. Das ist auf zwei Faktoren zurückzuführen. In Guayaquil gibt es einen Anstieg der Todesrate, der natürlich in erster Linie auf Covid-19 zurückzuführen ist. Teilweise ist von Hunderten von Toten die Rede – das kann ich aber nicht beurteilen. Es gibt auch Angaben von fünfzig Toten pro Tag als Durchschnitt, der nun nach oben geht. Von bis zu 150 Toten täglich ist Rede.

Die offizielle Zahl von Covid-19-Toten beläuft sich auf 120 Opfer seit Beginn der Pandemie in Ecuador. Die Zahlen und die Bilder passen doch nicht zusammen, oder?

Die offizielle Zahl der an Covid-19 Verstorbenen liegt bei 120, aber es gibt natürlich auch an anderen Ursachen Verstorbene. Die Zahl könnte auch nach oben gehen, weil die Krankenhäuser bereits mit Covid-19-Erkrankten überlastet sind. Andere Patienten müssen warten, werden nicht versorgt – da kann es aufgrund der fehlenden Kapazitäten durchaus zu zusätzlichen Opfern kommen.

Ein Beispiel: Meine Schwiegermutter verstarb vor zehn Tagen. Sie war krank, hatte ein Nierenleiden, Diabetes und im Krankenhaus gab es kaum Kapazitäten, sich um sie zu kümmern. Sie starb, und dann hatten wir massive Problem sie zu beerdigen.

Warum?

Weil etliche Beerdigungsunternehmen in Guayaquil nicht arbeiten. Das ist der zweite Faktor, warum es zu diesen Bildern kommt, warum Familien die Leichen ihrer Angehörigen auf die Straße legen. Viele Angehörige haben Angst sich zu infizieren, legen deshalb die Toten auf die Straße ab, in der Hoffnung, dass die lokalen Behörden und die Regierung sie einsammeln und unter die Erde bringen. Es gibt auch Familien, die darauf warten, dass ihre toten Angehörigen endlich abgeholt werden – über Tage. Ich weiß von einem Fall, in dem die Familie aus dem ländlichen Raum von Guayaquil acht Tage auf die Abholung der Leiche wartete – das ist auch Teil der Realität.

Wie bitte, wie kann das sein? Guayaquil ist eine heiße Stadt mit Temperaturen an die 30 Grad.

 Ja, aber wir sind auf allen Ebenen nicht auf eine Pandemie vorbereitet und das gilt auch für die Bestattungsunternehmen. Aus Angst sich zu Infizieren haben etliche Bestattungsunternehmen dichtgemacht. Das hat diese chaotische Situation mitverursacht. Leichen werden nicht abgeholt, nicht freigegeben von den Amtsärzten und auch nicht beerdigt. Die Familien bleiben buchstäblich auf ihren Hinterbliebenen sitzen.

Und was tut die Regierung beziehungsweise die lokalen Behörden in dieser Situation?

Die Regierung ist komplett ineffektiv und hinzu kommt, dass Friedhöfe, die Krematorien überlastet sind und die Krankenhäuser vor dem Kollaps stehen. All dass sorgt für diese Situation, für die Bilder, die nun um die Welt gehen.

Berichten zufolge wurde die Quarantäne in Guayaquil auch nicht immer befolgt. Hat das zur Verbreitung des Virus beigetragen?

Ja, sicher. Zum einen gab es Menschen aus der Mittel- und Oberschicht, die dass Risiko nicht ernst nahmen, die feiern wollten und sich über die von der Nationalregierung angeordneten sanitären Notstandsmaßnahmen hinweggesetzt haben, zum anderen ist Guayaquil eine Stadt mit einer hohen Armutsquote. Hier leben viele Menschen in sehr einfachen Behausungen. Das sind nicht mehr als Schlafplätze und die Quarantäne zwingt dort zu bleiben, den Tag dort verbringen das ist alles andere als einfach, wenn die Sonne auf das Blechdach knallt.

Wie denken Sie über die Notstands-Maßnahmen der Regierung – sind sie durchdacht? Kommt die Nahrungsmittelhilfe bei diesen Menschen an, die normalerweise von dem leben, was sie am Tag in der informellen Wirtschaft verdienen?

Nein, diese Hilfsmaßnahmen reichen vorne und hinten nicht. Die Regierung greift den ärmsten 400.000 Familien mit 60 US-Dollar im Monat unter die Arme. Das ist positiv, aber es reicht hinten und vorne nicht. Das sind Familien mit vielen Kindern, die in überaus prekären Verhältnissen leben, oft ohne Trinkwasserzugang. Zudem gibt es Videos, die belegen, dass weitere Hilfsmaßnamen wie die direkte Nahrungsmittelhilfe für besonders bedürftige Familien dort nicht ankommt. Die Situation ist überaus chaotisch, die Regierung agiert konfus, ineffektiv.

Glauben Sie der offiziellen Statistik von Covid-19 Toten– stehen die Zahlen und die Bilder nicht im Widerspruch?

Ja, das tun sie. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die offiziellen Todeszahlen realistisch sind – ich vertraue der offiziellen Statistik nicht. Ich kann mir vorstellen, dass das damit zusammenhängt, dass die Einsatzkräfte nicht gut koordiniert, oft überlastet sind und nicht wissen, dass in den Straßen weitere Tote liegen. Derzeit weiß ich nicht wie es hier weiter geht.

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