taz-Argentinienkorrespondent Jürgen Vogt hat kurz vor den Präsidentschaftswahlen in Chile den Überraschungskandidaten Marco Enríquez-Ominami (36) interviewt. Das latin@rama-Blog veröffentlicht die vollständige Fassung des auf taz.de erschienenen Gesprächs.
Herr Enríquez-Ominami, sind Sie ein Linker?
MEO: Ein fortschrittlicher Linker.
Als sie sich als Kandidat aufgestellt haben, sind Sie abgegangen wie eine Rakete. Fast aus dem Stand heraus kamen sie auf 13 Prozent. Wie erklären sie sich diesen Erfolg?
MEO: Mein erster Wahlslogan war: Chile hat sich verändert. Also nicht nur, dass sich Chile verändern muss, sondern sich bereits verändert hat. Dagegen irrt sich die Concertación, wenn sie vorgibt, Chile hätte sich zwar verändert, aber man könne noch immer Politik machen wie in der Zeit um 1988. Über vieles wurde und wird nicht gesprochen. Wir bieten eine neue Form des Politikmachens: Mutig, ehrlich, glaubwürdig. Das ist nichts Neues in der Welt, aber neu für die politische Klasse in… weiter lesen
Nun hat er es doch getan: Sebastián Piñera, der Präsidentschaftskandidat der rechten Opposition in Chile, zeigt für ein paar Sekunden in einem seiner TV-Spots ein schwules Paar. Einer der beiden Händchen haltenden jungen Männer flüstert Piñera etwas ins Ohr, so wie es im selben Clip weitere Repräsentanten gesellschaftlicher Randgruppen tun – eine Mapuche, ein Kind mit Down-Syndrom, ein alter Mann, eine Sehbehinderte usw. usf. Woraufhin sich der Kandidat (Achtung, Metapher!) zur deren Stimme macht. Im Fall der beiden gays sagt er sinngemäß: “Unsere Mitmenschen akzeptieren uns schon – jetzt wollen wir, dass uns auch der Staat respektiert.” (Um den Clip zu sehen, auf das Bild klicken.)
Wie soll man diese Geste einschätzen? Einerseits ist es gerade für einen rechten Politiker in Chile ein Wagnis, Schwule als das zu zeigen, was sie sind: ganz normale Menschen. So richtig akzeptiert werden sie nämlich noch lange nicht, und schon… weiter lesen
Der chilenische Wahlkampf läuft inzwischen auf Hochtouren und bringt manche Überraschung mit sich. Etwa die, dass nach einhelliger Meinung der meisten Beobachter Jorge Arrate, der Kandidat der außerparlamentarischen Linken, die erste Fernsehdebatte der verbliebenen vier Kandidaten eindeutig für sich entschieden hat. Das wird dem silberhaarigen Ex-Sozialisten zwar nicht in den Präsidentenpalast verhelfen – die besten Umfragewerte für ihn liegen bei vier Prozent der Stimmen -, aber der linken Sache schadet es gewiss nicht. Arrate, der von den Kommunisten und den “allendistischen” Sozialisten unterstützt wird, punktete mit sicherem, entspanntem und humorvollem Auftreten, aber auch mit glasklaren Aussagen zum größten Skandalon im Chile von heute: der abgrundtiefen sozialen Ungleichheit, die allen löblichen Gesundheits- und Rentenreformen zum Trotz das Land spaltet.
Im Mittelfeld bewegten sich Marco Enríquez-Ominami, der Querschläger aus den Reihen der Sozialistischen Partei, dessen jugendlich-rebellisches Image unter dem stark reglementierten TV-Format litt, und Ex-Präsident … weiter lesen
Wer dieser Tage beim Zappen im Programm des chilenischen Abgeordnetenhauses landet, wähnt sich in einem Seminar der Reproduktionsmedizin. Der Gesundheitsausschuss hat Experten zur Anhörung geladen – durch die Bank Männer -, die in länglichen Powerpoints den Menstruationszyklus zerpflücken und Kurven hormoneller Ausschüttungen interpretieren. Dabei geht es nur um eine Frage: Ist die “Pille danach” eine “Abtreibungspille” oder nicht?
Hintergrund dieses Tuns ist der erbitterter Kampf der katholischen Ultrarechten gegen das Hormon Levonorgestrel, das etwa unter dem Markennamen “Postinor 2″ Schwangerschaften auch noch nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr verhindern kann. Der Wirkstoff bzw. die entsprechenden Präparate sind fast in jedem Land der Welt erhältlich, die WHO empfiehlt ihre Rezeptfreiheit als probates Mittel zur Vorbeugung ungewollter Schwangerschaften.
In Chile, wo Abtreibung selbst dann unter Strafe steht, wenn die Frau vergewaltigt wurde oder durch die Schwangerschaft gesundheitlich gefährdet ist, hat eine Gruppe rechter Parlamentarier im vergangenen Jahr eine Beschwerde eingereicht, der das… weiter lesen
Der Mann ist 35 Jahre jung, Abgeordneter der Sozialistischen Partei Chiles und will im Dezember Präsident werden. Nicht von seiner Partei, sondern von Chile. Seine Chancen stehen besser, als man vermuten könnte.
Marco Enríquez-Ominami heißt der Mann, der die Chefs der regierenden Concertación (darunter die Sozialisten) als “Dinosaurier” bezeichnet. Der glaubt, die “Lösungsansätze der 70er-, 80er- und 90er-Jahre” hätten “weder die Kraft noch ausreichend Legitimität, um radikale Reformen einzuleiten”. Seine eigenen Lösungsansätze sind im Netz unter www.marco2010.cl nachzulesen: mehr Solidarität und weniger Neoliberalismus, mehr Demokratie und Transparenz, bessere Rechte für Arbeitnehmer und Verbraucher, bessere Bildung, konsequenterer Umweltschutz. Ganz so radikal klingt das nicht, aber wegen Enríquez-Ominami kriegt derzeit mancher Politiker der Concertación täglich büschelweise graue Haare.
“Marquito”, wie ihn Camilo Escalona, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, einmal abfällig genannt hat, strebt das höchste Amt der Republik nämlich ohne den Segen der regierenden Koalition an. Die schickt… weiter lesen
Die Präsidentschafts-Kampagne von Sebastián Piñera hat einen neuen Unterstützer. Und nicht irgendeinen: Mit Fernando Flores Labra springt ein Mann auf den Zug der Rechten auf, der nicht nur Finanzminister unter Allende war, sondern auch von 1973 bis 1976 in verschiedenen Straflagern der Diktatur zubrachte, unter anderem auf der Isla Dawson.
Am Mittwoch ist Flores seinen ganz persönlichen Pakt mit den politischen Erben seiner Verfolger eingegangen. Der 66-jährige Unternehmensberater und Senator, dessen achtjähriges Mandat im kommenden Jahr endet, hat seine Bewegung Chile Primero einer “Coalición del Cambio” hinzugefügt, der vor allem Piñeras Partei Renovación Nacional und die ultrarechte UDI angehören. Er selbst, ursprünglich Sozialist, war vor zwei Jahren aus der sozialdemokratischen Demokratie-Partei (PPD) ausgetreten, die zusammen mit der sozialdemokatischen Radikalen Partei (PRSD), der sozialdemokratischen Sozialistischen Partei (PS) und der sozialdemokratischen Christdemokratischen Partei (PDC) das Regierungsbündnis Concertación bilden. Sein Vorwurf: In der Koalition… weiter lesen
Spätestens seit die ultrarechte UDI ihn auch zu ihrem Präsidentschaftskandidaten gekürt hat, gilt Sebastián Piñerawieder als sichere Karte für die Wahl im Dezember. Jedenfalls bei seinen Anhängern und den Demoskopen. Dass die Mehrheit der Chilenen sich nicht im letzten Augenblick doch noch gegen den Geschäftsmann entscheiden könnte, ist nicht ausgeschlossen.
Denn genau diese Eigenschaft – Piñeras Geschäftstüchtigkeit, die ihm ein Vermögen von einer guten Milliarde US-Dollar und Platz 799 auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen eingebracht hat – kommt nur in guten Zeiten gut an. Aber jetzt stehen die Zeichen auf Krise, und zu allem Überfluss ist die Sache mit den Apotheken passiert.
Das pharmazeutische Geschäft in Chile ist stark konzentriert, bei den Apotheken herrscht ein Oligopol aus drei Wettbewerbern. Wie gut dieser Wettbewerb tatsächlich funktioniert, steht spätestens zur Debatte, seit der größte der drei, die Kette Farmacias Ahumada (Fasa), erklärt hat, mit den… weiter lesen
Bis vor ein paar Wochen galt es nicht nur innerhalb der chilenischen Rechten als ausgemacht, dass der Geschäftsmann und Großaktionär Sebastián Piñera (LAN, Chilevision) die Präsidentschaftswahl im Dezember 2009 haushoch gewinnen würde. Die seit fast 20 Jahren regierende christdemokratisch-sozialistische Concertación gilt weiten Kreisen als ausgelaugt, selbstbezogen, wenn nicht gar korrupt. Piñera ist zwar ein Mann, dem Gier und Geltungssucht ins Gesicht geschrieben stehen, aber offenbar gilt für viele die Devise, dass einer, der sowieso im Geld schwimmt, nicht auch noch als Präsident die Bürger bestehlen muss.
Jetzt hat Piñera unverhofft Konkurrenz bekommen – eine, die für ihn mit unguten Erinnerungen behaftet ist. Weil Piñeras Partei Renovación Nacional ihren Verbündeten und ewigen Rivalen, die UDI, in einer wichtigen Personalie düpierte, hat letztere zurückgeschossen und Evelyn Matthei ins Rennen geschickt – wenn auch nicht offiziell. Die blonde Senatorin ist die Tochter des… weiter lesen