London vs. Kopenhagen – ein Stylevergleich

Bill Drummond war einst davon überzeugt, ein kosmischer Energiestrahl würde die Erde an einer Straßenkreuzung in Liverpool treffen, in Island noch einmal auftauchen und in Papua-Neuguinea schließlich im Erdinneren verschwinden.

Ähnlich könnte es sich mit heutigen Trends verhalten: In London von verrückten außerirdischen Wissenschaftlern entwickelt, werden sie entlang der Achse des Britpop (London-Stockholm) nach Skandinavien gebracht, von wo aus sie im Zuge der vorherrschenden Migrationsströmung in unsere Mauerstadt gelangen, um schließlich langsam in die festlandeuropäischen Dörfer zu sickern.
Dass es so läuft, dachte ich bis vor kurzem, dann stellten zwei Wochenendausflüge diese Theorie auf die Probe: nach Kopenhagen und London sollte der Zufall (bzw. Bahn und Ryanair) mich binnen kürzester Zeit bringen. Gelegenheit, einen kleinen Stylevergleich zu wagen.

In Kopenhagen fanden wir uns sofort nach der Ankunft (Freitagnachmittag) von der augenbetäubenden Buntheit einiger vorbeihuschender Jugendlicher vor den Kopf gestoßen. Waren diese jungen Männer auf dem Weg zu einem Kostümfest? Wir wussten es wirklich nicht. Selbst meine New-Rave-sensibilisierte Begleiterin konnte nur den Kopf schütteln. In den nächsten beiden Tagen sollten wir mehr dieser geckenhaft gekleideten Menschen sehen – Farbkombinationen, die von perversen Epilepsieforschern erdacht schienen, bestimmten das Straßenbild, Hosen waren durch Bundesjugendspiele-artige Turnhosen ersetzt, wurden von darübergezogenen Unterhosen festgehalten oder fehlten ganz. Kontrollgänge in die einschlägigen Modehäuser unterstrichen unsere Gestalt annehmende Vermutung: Hier gab es keine Kostümfeste – oder eben ein einziges großes. Das war deren Ernst.

Ich war also gespannt, was mich zwei Wochen später in London erwarten würde. Dort erst einmal vorstadtbedingte, landesunabhängige Tristesse, gepaart mit dem inseltypisch hohen Trash- und Prollfaktor. Doch eine Zeitschrift, die meine Gastgeberin mir unterbreitete, ließ meinen Forschergeist aufflackern und mich erahnen, was ich in den Downtown- Zappelbuden zu verpassen im Begriff war: das hier musste die Essenz des Nu Rave sein, Stilbibel und Style-o-meter zugleich. Vollständige Aufhebung sämtlicher Regeln der grafischen Gestaltung, Typographie und Farbenlehre, Konsum gleich Gegenkonsum, Neon, Plastik: „Supersuper“. Ist der Tetrapak ausgetrunken? Macht auch als Halskette was her! Ein Waschmittelkarton als Hut – warum nicht! Ich musste sofort an die ironisch dargestellten Hipster-Magazine SugaRAPE und trashbat.co.ck aus der englischen Anarcho-Comedy „Nathan Barley“ denken – abzüglich der ästhetischen Errungenschaften der letzten 15 Jahre. Hier machte das 80er-Revival den Schritt in die frühen Neunziger und nahm vorher noch alles mit, was es bisher geflissentlich unter den Tisch hatte fallen lassen.
Verwirrt legte ich das Heft beiseite und sah zuckende bunte Flecken an der weißen Wand. Ich hatte gesehen, was Berlin 2008 bevorsteht. Vielleicht hatte ich zuviel gesehen.
Abends gingen wir in ein Pub, wo gerade ein Grunge-Abend stattfand.
Als ich am Sonntag auf den Zug zum Flughafen wartete, lief jemand mit einem Superman-Anzug vorbei. Vielleicht gab es irgendwo ein Kostümfest.

P.S.: In den von der Redaktion selbst verfassten Leserbriefen jenes Hefts und denen der aktuellen Ausgabe, die ich als Beweisstück unvorsichtigerweise mitgenommen habe (wohlwissend, dass man keine Hefte aus der Zukunft in die Gegenwart mitbringen sollte), ist beide Male von „Nu Grave“ die Rede. Aber ich will nichts gesagt haben.

(mawe)

Dieser Text ist ursprünglich im Fanzine „Komakino erschienen.

Seit dem gestrigen Montag hat das Hamburger Fanzine ein dazugehöriges Netz-Label. Unter dem Namen KINOKOMA erscheinen kostenlos bereitgestellte download-only Singles sowie in den folgenden Monaten auch das neue Album der Band Mikrofisch, die bei ihrem Debüt zu Recht als Young Marble Giants Nachfahre gefeiert wurde.

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