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vonChristian Ihle & Horst Motor 23.03.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Was soll man sagen? Es ist gleich alles da: die triefäugige Art, der Gefühligkeit vortäuschende, penetrant eingesetzte Kopfstimmen-Gesang und dieser bedrohlich schlichte Poprock, gegen den Musiker wie Coldplay, Keane oder Travis, ja sogar die gruselige Ranschmeiß-Band Reamonn wie avantgardistische Klangskulpteure anmuten. „Me and my guitar play my way / It makes them frown“, singt Blunt, und man wünscht sich, er würde es einem nicht so einfach machen, ihn kläglich zu finden. Schließlich wollte man doch daheim im Kreise seiner distinktionssüchtigen Bekannten ein differenzierteres Bild des sensiblen Songwriters zeichnen, statt weiter auf ein einfaches Opfer einzuprügeln. Vielleicht einfach mal warten, bis er sich freigespielt hat.

Bald weicht aber jede Hoffnung – es passiert schlichtweg nichts mehr. Blunt spielt einen windelweichen, durchgekochten Nicht-Song nach dem nächsten, eine Gefühlsaufblähung folgt der anderen – und ihn auf der großen Leinwand beim Singen zu betrachten, hilft auch nicht weiter: Selten sah man einen derart gequält dreinschauenden Musiker; oft reißt er die Augen auf, als habe er sich eben über seine eigene Musik erschreckt. Man muss es klar sagen: Diese unfassbar dünne Sitzmusik, dieser Ikea-Pop hat nichts mit den charmanten Verweichlichungen von Siebziger-Jahre-Poprock-Songwritern zu tun.

Dies sind von jeder störenden Raffinesse befreite musikalische Naheliegenschaften und Knatschlieder für eine Welt, in der es gerne alles etwas weniger sein darf und in der dieses Wenige wiederum gerne aufgepumpt werden darf, bis es platzt. Es ist dabei nicht die vermeintliche Harmlosigkeit dieser Musik, die weh tut; es ist die unentrinnbare emotionale Aggressivität: Blunts Lieder sind auf ähnliche Art und Weise gefangennehmend wie ein Partygespräch mit einer langweiligen Person.

Schon nach wenigen Liedern beginnen sich Paare gedankenverloren aneinander zu reiben, auf der Bühnenleinwand sind derweil Wasser, Schmetterlinge und Computergrafiken zu sehen. Irgendwann kündigt Blunt „No Bravery“ an, ein Stück über seine Zeit als Soldat im Kosovo; prompt flirren Bilder zerstörter Häuser und winkender Kinder über die Leinwand. Dies zynisch zu finden, wäre unangebracht. Blunt argumentiert eben emotional, wie Al Gore. „Where are you now?“ fragt Blunt sinnsuchend im putzig philosophischen Song „Wiseman“. Wenn es nach seiner Musik geht, dann befindet man sich hier in einem ästhetischen Niemandsland, in dem alles irgendwie diffus berührt, aber nichts mehr wirklich weh tut. Musik als schmorbrandbedrohtes Heizkisten.“

(Eric Pfeil, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Weitere Schmähung:
* Schmähkritik (42): Hamish McBain über James Blunt

Ein Dank an Björn für den Hinweis

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kommentare

  • Man möchte anfangen Schmähkritiken über Schmähkritiken zu schreiben. Bei aller Unerträglichkeit ziehe ich Blunt Reamonn vor und muss mich bei einem solchen Vergleich auf die Seite des Geschmähten schlagen, trotz allem Ekel.

  • ach ich lese die gerne. Außerdem sind das doch durchaus inspirierte Schmähungen.

    hier zum Beispiel eine Schmähkritik über Razorlight, die amüsant zu lesen ist und auch noch genau den kern der band trifft: „Die Briten Razorlight gehören zu jenen Bands, die munter einen subkulturellen Habitus auf dem Mainstream-Flohmarkt verramschen: Razorlight spielen eine schrabbelige ungebürstete Musik, die klingt wie Früh-Achtziger-Stadion-Rock, der auf dem Weg ins Stadion die Treppe runtergefallen ist. Wie betont lässiger Heroinkonsum in der Backstage-Kabine beim Klimaschutz-Konzert.“

  • Kann Pfeil eigentlich auch *nicht* schmähen? So ziemlich alles, was ich von ihm gelesen habe, entstammt dem Handbuch „Draufhauen für Intro- und Spexleser“. Da wird selbst der Blunt-Bash zur routinierten Langeweile und man bekommt Mitleid mit dem derart uninspiriert Gescholtenen.

  • ich finde außerdem sehr schön, dass die erste Blunt Schmähkritik auch schon überaus lang war und zudem noch die gleiche Textstelle zitierte. Blunt bringt höchste Abneigung bei Kritikern hervor. Für irgendwas ist er eben doch gut.

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