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vonChristian Ihle 13.10.2008

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Ein Bühnenbild, das den Namen nicht verdient. Eine Halle, die kaum auszuhalten ist, Coloneum heißt die Scheußlichkeit am Stadtrand, ist man einmal da, 17 km vom Zentrum entfernt, kommt man leider so leicht nicht mehr weg. Als wir kamen, lief die Veranstaltung schon etwa eine Stunde. Das sieht so aus, dass der Moderator Thomas Gottschalk über die Bühne schreitet und routiniert und ohne einen Funken von Witz oder Geist „Moderationen“ herunterhudelt, die er so oder anders schon tausendmal gemacht hat. (…) ach, endloser Unsinn, man will Hollywood sein und ist eben doch Köln-Ossendorf.
Und es ist ein Ärgernis ohnegleichen, dass nahezu jeder Preisträger dann am Mikrofon herumstammelt, das sei so ein toller Preis, und man wisse nun gar nicht, was man sagen solle, und man sei totaaaaal überrascht, und man danke aber dem tollen Team und dem tollen Redakteur und dem Ehemann und dem Kind und, Mama, das ist für dich. Verdammtnochmal, wenn man nominiert wird, weiß man, dass die Chance, da oben zu stehen, eins zu drei ist, und dann bereitet man gefälligst eine Rede vor und blamiert sich und langweilt uns nicht mit diesem furchtbar unfähigen, unzumutbaren Gestammel.
(…)
Das Andere: Wie jämmerlich die dargebotenen Produkte und Arbeiten in der Mehrzahl waren, wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich. Wieso darf ein Simpel namens Atze Schröder da vorn seine Possen reißen? Wieso wird eine unterirdische Sendung wie „Deutschland sucht den Superstar“ zur Besten Unterhaltungssendung gekürt und gibt den Machern die Möglichkeit, frech zu sagen: Da seht ihr es, ihr intellektuellen Schreiberlinge, man liebt uns, und wir machen weiter?
(…)
Ich sah den achtundachtzig Jahre alten Mann (Anm.: Marcel Reich-Ranicki) da vorn in der ersten Reihe sitzen, gebrechlich, aber geistig ja vollkommen klar, und ich dachte, was für eine Zumutung diese armselige, grottendumme Veranstaltung für ihn sein müsse. In jeder Hinsicht – einen so alten Mann lässt man nicht derart lange warten, und man mutet einem so intelligenten Mann nicht einen solchen stundenlangen Schwachsinn in hässlicher Kulisse zu und Moderationen des Thomas Gottschalk wie die zu einem Film über Kinder, die aus Heimen und vor Misshandlungen gerettet werden: hoffentlich kommen noch viele Kinder in so eine Lage, damit ihr weiter so tolle Filme machen könnt! (Zitat sinngemäß, nicht wörtlich) Es verschlug uns den Atem.
(…)
Er (Anm.: Marcel Reich-Ranicki) ging nach ein paar lächerlichen, banalen und eher demütigenden Sätzen von Gottschalk, die wohl die Laudatio sein sollten, schwerfällig, gestützt, an das Rednerpult und war dann ganz der Gott des Donners und des Zorns, den wir an ihm kennen und lieben.

Was das hier sei. Wo man ihn hier hingeschleppt habe. Was er sich da seit Stunden ansehen und anhören müsse. Eine Zumutung. Er solle hier geehrt werden. Hier? Von wem? Für was? Wo ist hier auch nur eine Ahnung von Kultur und Bildung? Er nehme diesen Preis nicht an.

Wunderbar. Danke auf ewig.

Lähmendes Entsetzen im Saal, Raunen, vereinzeltes Klatschen, ich hätte vor Freude in die Luft springen mögen, vor Freude über diesen mutigen, zornigen, beleidigten, klugen Mann und vor Zorn und vor Kummer über diese verhunzte Veranstaltung, diese grenzenlose Flachheit.
Er nehme den Preis nicht an, basta.

Er rang nach Luft, er kriegte einen Hustenanfall, und Thomas Gottschalk hat eine einzige Eigenschaft, die ihn zum Moderator befähigt, nur eine – er ist nicht intelligent, er ist nicht charmant, er hat keinen Witz, aber er ist reaktionsschnell. Er fasste MRR am Arm, hielt ihn fest und sagte (sinngemäß): O soviel Zorn, da schlage ich doch vor, wir setzen uns mit den Intendanten mal zusammen und reden in aller Ruhe darüber, und nun Applaus für Reich-Ranicki.

Und alle standen auf und applaudierten, und Reich-Ranicki erzählte, um irgendwas doch irgendwie wieder gutzumachen, noch eine Anekdote und bot Gottschalk das Du an, und dann wurde er herausgeführt aus der Hölle dieser Halle, und der Moderator sagte, nun wörtlich: „So, jetzt sind wir wieder unter uns und können weitermachen.“

Klar. Der Kritiker, der Spielverderber ist weg, nun ziehen wir unsere hirnlose Scheiße durch bis zum Schluss. Wo waren die Programmdirektoren und Intendanten in diesem Augenblick, warum kam keiner von ihnen auf die Bühne, um etwas zu sagen? Weil es verknöcherte Bürokarrieristen sind, die das Spontane längst verlernt haben, das Menschliche auch, Kultur schon sowieso.

Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten.
(…)
Und was die Macher eines solchen desolaten Abends angeht: Fahrt bitte einmal im Mai nach Hamburg zum Henri Nannen Preis und lernt, wie die das machen – ein unterhaltender Abend für intelligente Menschen. Es ist möglich. Aber eben nicht bei ZDF, ARD, Sat 1 und RTL. Und schon gar nicht mit Thomas Gottschalk.“

(Elke Heidenreich auf faz.net über den deutschen Fernsehpreis und die Entscheidung Marcel Reich-Ranickis selbigen nicht anzunehmen)

edit:

Hier übrigens der Reich-Ranicki-Auftritt der Elke Heidenreichs Pamphlet verursachte:

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https://blogs.taz.de/popblog/2008/10/13/schmaehkritik_122_elke_heidenreich_ueber_den_deutschen_fernsehpreis_und_thomas_gottschalk/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Über die Bildzeitung (sic) verkündet MRR: „Ich war der Höhepunkt des Abends!“ Hätte die Heidenreich die Laudatio halten dürfen, hätte sie dies über sich gesagt oder gedacht und beide hätten sicher einen Heidenspaß gehabt.

  • stossend , nein, es stoesst auf bei dieser quasseltante heidenreich. heuchelei von a bis z. wie das ganze business. eitelkeit und tritbrettfahrerei. wieso kommt sie jetzt mit ihrem geschrei und nicht frueher? ein uraltes thema. tv war schon immer so. seicht. massentauglich. aber jetzt wir drauflosgeheult, jetzt, damit man etwas vom glanz des MRR abzukriegen hofft. unglaubwuerdig.

  • Mutige Worte! Respekt. Aber ich hoffe, dass man nun nicht „nur“ ein Marcel- Reich-Ranicki- Fernsehprogramm auflegt, um die erhitzten Gemüter oberflächlich zu beruhigen. Vielmehr hoffe ich, dass sich längerfristig eine Änderung ergibt, die auch anderen TV- Machern eine Chance gibt, Programme abseits der Volksverdummung zu etablieren und dies auch mit Formaten, die an ein junges,intelligentes Publikum gerichtet ist. Denn die gibt es in Deutschland auch und diese dürften sich in der gegenwärtigen TV-Landschaft nicht wiederfinden.

  • Ja, völlig richtig. Es ist ja auch eher der mediale Dauerzirkus um dieses offensichtlich richtige Statement, der etwas verwundert.

    Was schau ich denn noch im Fernsehen an außer Sport? die eine oder andere US-Serie. Simpsons ab und an. Filme – die interessanten laufen aber tatsächlich meist nachts auf ARD (helen) oder auf arte/3sat (MRR). aber sonst?

    ob es früher wirklich besser war, weiß ich allerdings auch nicht: es gab nur drei Sender und die waren auch nicht voll mit einem fantastischen Programm. Es gab wahrscheinlich weniger Niveaulosigkeiten, aber ob es weniger Langeweile gab?

  • bei allem hin und her bleibt doch aber eins festzuhalten: er hat uns allen irgendwie aus der seele gesprochen. ich wills jetzt keine grossen reden schwingen á la „frueher war eh alles besser“ (das werden eh bestimmt andere tun und ausserdem kann ich nichts ueber „frueher“ erzaehlen zwecks meines alters) aber was derzeit im fernsehn laeuft ist doch nunmal zum grossteil schrott. ard und zdf mit ihrem programm, dass nun eher die bevoelkerung „50+“ anspricht, rtl mit „dsds“ und aehnlichem – da lohnt sich fernsehen doch nicht wirklich. alle halbwegs interessanten formate haben doch einen unmoeglichen sendeplatz mitten in der nacht…

  • ich finde auch, dass Elke Heidenreich hier die unglücklichste Figur abgibt. bei MRR hab ich noch gewisses Verständnis, dem mag tatsächlich erst während der Show aufgefallen sein, in welche Reihe er sich hier stellen darf, aber Elke Heidenreich lebt seit langem vom Fernsehen und bekommt von selbst nicht den Arsch hoch, etwas zu sagen, kann aber laut „find ich auch!“ schreien, wenn der alte Mann sich mal rangetraut hat. Sie zwingt ja keiner zum Fernsehpreis zu gehen oder für das Fernsehen zu arbeiten.

  • Sind da nicht alle, wirklich alle scheinheilig? Ranicki, weil er hingeht und dann, Überraschung, sich ereifert? Die Heidenreich, ausgerechnet, als Niveauapostelin? Alle, die diesen Quatsch nun Eklat oder Skandal nennen? Die vom ZDF sowieso? Nur Gottschalk ist so unangenehm und dünnbrettbohrerig (und ganz er selbst) wie immer.

    Bester Kommentar jedenfalls: http://wirres.net/article/articleview/5046/1/6/

  • Ich weiß nicht, was ich unsinniger finden soll: jedes Jahr aus neue zu beweisen, wie grottenschlecht deutsche Fernsehunterhaltung ist (2006 gewann der Mehrteiler „Dresden“ allen ernstes den Fernsehfilm-Preis) oder aber im Wissen um diese Niveaulosigkeit trotzdem dort aufzutauchen.

    Und als wäre diese Medienfarce noch nicht peinlich genug, heisst es nun aus dem Munde von ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut : „Wir sind offen für Kritik und räumen ihr gerne Raum ein.“

    aaaahhh

  • Das fürterliche am Ende dieses Statements ist, das Gottschalk Reich-Ranicki wie eines der Kinder in seiner Samstag abend Show behandelt.
    Stelle sich jemand vor, Gottschak würde seinen ‚erlernten‘ Beruf ausüben, nämlich Lehrer!

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