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vonChristian Ihle 06.02.2009

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Tom Tykwer geht nach Hollywood, der „Absolute Giganten“-Regisseur kehrt zurück und im jugoslawischen Bürgerkrieg verliert man neben Fingern auch jede Würde und Moral.


The International

1. Der Film in einem Satz

Banken sind böse, Tykwer dagegen auch mit Hollywoods Geld noch hervorragend.

2. Darum geht’s

Eine global operierende Bank benimmt sich wie das Organisierte Verbrechen in Bestform. Informanten werden ausgeschaltet, Killer engagiert, Polizisten gejagt. Erbarmungslos ist das Bankengeschäft heutzutage, aber auch kein Wunder: die Zeiten werden härter.
Tom Tykwers erster richtiger Hollywoodfilm ist eine Abkehr von seinen europäischen Filmen, ohne seine Wurzeln zu verleugnen: die Kamerafahrten waren bereits bei „Winterschläfer“ so beeindruckend und die Zeit für einen elaborierten Dialog Kommunismus versus Kapitalismus nimmt er sich auch noch.
The International hat die Effektivität und Intelligenz der Bourne-Trilogie, bedient sich aber in Aussehen, Kamera und Stil bei Michael Mann. Insbesondere dessen epochaler Film „Heat“ scheint eine Inspirationsquelle gewesen zu sein.

3. Der beste Moment

Der Shoot-Out im Guggenheim Museum zu New York. Fantastisch choreographiert bleibt Tykwer ausreichend fest mit den Füßen auf dem Boden der physikalischen Tatsachen um sich beim over-the-top-gehen nicht den Kopf zu stoßen. Das hat tatsächlich seit der berühmten Straßenkampf-Szene aus Michael Manns „Heat“ keiner mehr so gut hinbekommen. Chapéau, Herr Tykwer: ausgerechnet der actionlastigste Moment ist Ihnen am besten gelungen! Die zweite Karriere, sie kann kommen.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Wem die Handkamera bei den Bournefilmen auf die Nerven ging und wer die Eleganz beim neuen James Bond vermisste – und natürlich all jene, die sich epische Thriller wie „Heat“ zurück- und schwachsinnige Actionorgien im Thrillergewand wie „Mission Impossible 2 & 3“ verwünschen.

* USA
* Regie: Tom Tykwer
* imdb

Mitte Ende August

1. Der Film in einem Satz

Goethes Wahlverwandtschaften goes ostdeutsche Idylle für die Generation Doherty.

2. Darum geht’s

Ein junges, verrücktes Stadt-Pärchen kauft sich ein verfallenes Häuschen in der ostdeutschen Einöde und beginnt mit den Renovierungsarbeiten. Erst setzt das Haus zu, dann kommen auch noch Besucher: der Bruder und die beste Freundin machen das Leben nicht leichter und so ergeben sich Verwicklungen, Verwerfungen und Verärgerungen am laufenden Band.
Wie bei seinem Debütfilm „Absolute Giganten“ fängt Regisseur Sebastian Schipper auch hier wieder zu Beginn sehr exakt das Lebensgefühl einer Generation zwischen dem Ende der Jugend und dem Beginn von Verantwortung ein. Geschickt führt er dem Pärchen immer wieder einen weiteren Reiz von außen zu und beobachtet, wie sie sich daran abarbeiten und letztendlich beinahe an sich selbst scheitern. Leider verliert Schipper gegen Ende etwas den Faden und nicht jede neu eingeführte Figur belebt den FIlm wirklich. Auch kann die hervorragende Besetzung (Hennicke, Peschel, Bäumer und die deutsche Scarlett Johansson, Anna Brüggemann, als Entdeckung des Films!) manchmal nicht gegen die seltsam verschwurbelten und offensichtlich lang ausgearbeiteten Dialoge ankämpfen, wo sie doch davor und danach überzeugend frei nach Schnodderschnauze reden.

3. Der beste Moment

Milan Peschel als Thomas packt die Akustikgitarre aus, setzt den Hut auf und bindet sich lässig die Krawatte, um den Rest der Belegschaft beim Lagerfeuer mit einer „Albion“-Darbietung der Babyshambles zu erfreuen.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Die gern total locker sind, dabei aber nie ablegen können, prätentiös zu sein.

* Deutschland
* Regie: Sebastian Schipper
* imdb

Human Zoo

1. Der Film in einem Satz

Durch die Wirren des Balkankrieges wird eine junge Frau Gefährtin eines serbischen Gangsters – nachdem sie ihm den Finger abgebissen hat (lange Geschichte!) flieht sie nach Frankreich und verliebt sich in einen Amerikaner.

2. Darum geht’s

Im Grunde um Vergeltung und die Frage, ob ein Leben ohne möglich ist. In durchaus sehr drastischen Bildern beschreibt Regisseurin und Hauptdarstellerin Rie Rasmussen, die sich selbst in keiner Weise schont, Krieg, Vergewaltigung und das Gangsterleben. Zwischen der in satte Farben getauchten Jetztzeit in Frankreich und die mit kühlem, blauen Filter gedrehte jugoslawische Kriegsvergangenheit springt Rasmussen wild und (mitunter auch) wirr hin und her.
Erst als auch in Frankreich der Racheengel in der hübschen Hauptfigur erwacht, vereinen sich die beiden atmosphärisch völlig unterschiedlichen Handlungsstränge zu einem Ganzen.

3. Der beste Moment

Eben jene Aufräumaktion der Hauptdarstellerin im russischen Zwangsbordell in Frankreich. Von oben mit einer über den Räumen schwebenden Kamera gefilmt entsteht eine atemberaubende Sequenz von stilistischer Brillanz.

Gewagt auch die Begründung des leicht wahnsinnigen, dank des Krieges völlig von jeglicher Moralkonvention befreiten, aber dennoch nicht unsympathischen Gangsters (der unsere Hauptfigur unter seine Fittiche nimmt), warum es eigentlich mehr in Ordnung sei, ein siebenjähriges Mädchen zu erschießen als einen erwachsenen Menschen.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Wer Natural Born Killers ganz knorke fand, den aber gerne mal vor dem Hintergrund serbischer Kriegsgräuel sehen würde. Und abgebissene, abgehackte Finger nicht eklig findet.

* Regie: Rie Rasmussen
* imdb

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