Berlinale (2): Der Vorleser, The Yes Men Fix The World, Ricky

Von Nazis im Bett, Eulenspiegeleien bei der BBC und Kinder in der Luft…

Der Vorleser


1. Der Film in einem Satz

Die erste Liebe endet nie – auch nicht wenn die Dame des Herzens sich als ehemalige KZ-Wärterin entpuppt

2. Darum geht’s

Der 15-jährige Michael Berg begegnet in einem Moment der Krankheit der 36-jährigen Hanna Schmitz, die in seiner Heimatstadt als Trambahnkontrolleurin arbeitet. Als er sie Monate später besucht, um ihr zu danken, beginnt eine Affäre, die sich erst als rein körperlich, später aber auch literarisch entpuppt: Michael liest Hanna vor, Tschechow, Homer, D.H. Lawrence. Nach einem Sommer endet die Liaison, doch als Michael Jahre später mit einem juristischen Seminar einem KZ-Wärterinnen-Prozess beiwohnt, sieht er Hanna wieder: auf der Anklagebank. Verunsichert von seinen alten Gefühlen und einem sich erst entwickelten Rechts- und Gerechtigkeitsempfinden schaut Michael zu, wie Hanna zur Hauptangeklagten des Prozesses wird – was Michael verhindern könnte. Kurz geht es also um Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne – meistens geht es aber doch eher um Liebelei und Sex. Darüber hinaus dürfen Bruno Ganz und Alexandra Maria Lara sich dem internationalen Publikum auch mal außerhalb von Nazirollen und endlich auf der Seite der Guten präsentieren.

3. Der beste Moment

Der Prozess. Während die Handlung vorher unnötig lange und zäh vor sich hin und durch die Betten plätschert, ist hier die Spannung, die Schuld und auch die Ignoranz Nachkriegsdeutschlands förmlich zu spüren. Kurz entwickelt „Der Vorleser“ echte Tiefe – um sich dann wieder den Herzen und Klischees zuzuwenden.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Vor allen Dingen all diese Menschen, die schon das Buch zu einem Erfolg machten. Dann alle diejenigen, die sich nicht ärgern, wie nebensächlich hier im Film die Frage von Schuld und Verantwortung, Recht und Gerechtigkeit behandelt wird – und wie ausführlich und unnötig dafür Kate Winslets Brüste ins Bild gehalten werden. Und dann alle, die sich nur solange für Geschichte interessieren, als sie in eine eher schlichte Liebesgeschichte eingebettet wird.

* USA
* Regie: Stephen Daldry
* imdb
(Daniel Erk)

The Yes Men Fix The World
http://www.youtube.com/watch?v=J8DbaMAnKu4

1. Der Film in einem Satz

Zwei Scherzkekse mit Idealen mogeln sich auf die Bühnen der bösen Wirtschaft: Michael Moore meets Christian Ulmen meets Beastie Boys – ist genauso großartig wie es klingt

2. Darum geht’s

Andy Bichlbaum und Mike Bonanno sind The Yes Men und haben sich einen ebenso simplen wie irren Trick ausgedacht: Sie fälschen Homepages von Lobbyverbänden und großen Unternehmen und hoffen darauf, zu Podiumsdiskussionen und anderen öffentlichkeitswirksamen Auftritten eingeladen zu werden. Und überraschenderweise klappt das so gut, dass sie nicht nur bei diversen Konferenzen in Folge der Katarina-Katastrophe in New Orleans eingeladen werden, sondern auch ins das Studio der BBC in Paris: Dort verkünden sie dann jeweils die Art von Neuigkeiten, von der sie glauben, dass sie den Menschen und der Welt helfen würden. Der große Feind, das sind natürlich Milton Friedman und der Neoliberalismus – und das Ziel eine gerechte, menschenfreundliche, bessere Welt. So ganz klappt das letztlich nicht – aber doch überraschend gut. Und informativ und irre unterhaltsam ist es auch.

3. Der beste Moment

The Yes Men bei der BBC in Paris: Mit weiß aufgerissenen Augen kündigen sie an, dass den Opfern des Unglücks von Bhopal endlich Gerechtigkeit widerfahren soll – der Akteinkurs der verantwortlichen Dow fällt prompt um über 3 Prozentpunkte. Unglaublich. Unglaublich großartig.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Tazleser und andere Wohlfühllinke, Michael-Moore-Fans und alle, die entweder glauben, dass freier Markt nicht Wirtschaftsdarwinismus bedeutet oder die Spaß an Eulenspiegeleien mit den Stützen der Kaltherzigkeit haben.

* USA
* Regie: Andy Bichlbaum, Mike Bonanno
* imdb
(Daniel Erk)

Ricky


1. Der Film in einem Satz

„Dein Baby ist ja ein kleiner Engel!“ – wenn Francois Ozon solche Sätze sagt, dann meint er sie auch wörtlich!

2. Darum geht’s

Wir befinden uns auf tiefstem Working-Class-Kino-Terrain eines Ken Loach: alleinerziehende Mutter mit Fließbandjob scheitert an den Widrigkeiten des Lebens und der Überbelastung von Arbeit und Familie. Doch auf einmal ein Hoffnungsstreif am Horizont: der spanische Gastarbeiter mit dem markanten Gesicht beglückt sie in der Arbeitstoilette und haut nicht einmal ab, als sie von ihm ein Kind erwartet. Das Paar trennt sich erst als die Mutter den Vater des Neugeborenen verdächtigt, das Kind misshandelt zu haben, weil zwei große blaue Flecken auf seinen Schulterblättern zu sehen sind.
So weit Teil 1 des bis dahin leidlich gelungenen Ozon-Streifens. Doch – SPOILER, meine Lieben – dann wachsen dem Kind Flügel und es lernt fliegen, was tatsächlich so bizarr ist wie es klingt. Und auch so aussieht. Unfreiwillige Komik entsteht, wenn ein Baby mit großen Flügeln durch einen mit Plastikweihnachtsmännern dekorierten Supermarkt fliegt und man braucht hier nicht von poetischem Realismus zu fantasieren: Ozon missglückt es gänzlich die beiden grundverschiedenen Teile des Filmes zu einem Ganzen zu verbinden. Schlimmer noch, die Flugbabyhälfte wirkt wie ein Gimmick, da weder die Außenwelt noch das Pärchen in irgendeiner Weise adäquat auf diese erstaunliche Entwicklung reagiert, so dass keinerlei schlüssige Charakterentwicklung zu verzeichnen ist. Die halbgare Medienkritik, die Ozon versucht zu integrieren überzeugt genauso wenig wie das Ende des Films, das in keiner Weise befriedigend ist.

3. Der beste Moment

Generell überzeugen die drei Hauptdarsteller: sowohl Alexandra Lamy als alleinerziehende Mutter wie auch ihre erste, ganz hervorragend spielende Tochter Mélusine Mayance oder Sergi Lopez als Zufallsvater tragen die erste Hälfte des Films ganz famos.

4. Diese Menschen mögen diesen Film

Wer in seinem DVD-Schrank die Ken Loach Filmographie und „Fahrraddiebe“ stehen hat, wird mit der ersten Hälfte sehr zufrieden sein.

* Frankreich
* Regie: Francois Ozon
* imdb
(Christian Ihle)

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  1. Pingback: Fix the world – Die “Yes Men”-Story » Von Andrea Nienhaus » Film, Unglaublich, Augen, Unglücks, Paris, Opfern, Moment, Entschulding » Alles, was gerecht ist.