Fantasy Film Fest (1): Carriers (Eröffnungsfilm), The Tournament, Polytechnique

Carriers

Mit „Carriers“ traf das Fantasy Film Fest eine mutige Entscheidung für einen Eröffnungsfilm. Weder handelt es sich bei dem Debütfilm der spanischen Brüder Alex und David Pastor um eine jener in Horrornerd-Kreisen rätselhafterweise so beliebten albernen (im Gegensatz zu: lustigen) Körperzerteilverfilmungen, noch um einen spannenden Thriller oder gar einen Horrorschocker. „Carriers“ ist mehr ein Arthouse-Film, der im und mit dem Horrorgenre spielt. Eine Gruppe von vier Jugendlichen fährt durch ein verlassenes, von einer rätselhaften Seuche entvölkertes Land. Eine handvoll Überlebender und mehr Infizierte kreuzen ihren Weg. Interessanterweise entscheidet sich „Carriers“ dafür, die Infizierten nicht etwa zu Zombies werden zu lassen, sondern umgeht das erwartete Klischee und lässt Infizierte eben einfach: sterben. Traurig, aber wahr.
Sehr downbeat, immer auf dem Weg nach unten als langer, ruhiger Fluß. Sicherlich gibt es die eine oder andere Schreckszene, aber wirkliche Spannung kommt nicht auf.

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So geht man zunächst etwas ernüchtert aus dem Kino, einen wunderbar fotografierten, aber dramaturgisch holprig gebauten Film gesehen zu haben. Wie man sich auch während des Films über all die stupid moves – die Leichtsinnigkeit der Jugendlichen – aufregt, die man schon hundertemale gesehen hat. Doch dann schält sich immer deutlicher heraus, dass der gesamte Film eine Allegorie auf HIV darstellt und all die stupid moves, das Unbedachte, das Wilde der Jugend nicht etwa eine billige Ausbeutung eines Horrorfilm-Klischees ist, sondern diese vielmehr bewusst einsetzt: wie eben der stupid move eines ungeschützter Geschlechtsverkehrs immer noch nicht ausgestorben ist. Nur ist „Carriers“ derart verbittert, dass er selbst jenen, die sich schützen wollen, keine Hoffnung bietet: sterben wird jeder. Außer die Enthaltsamen, die haben Hoffnung. Aber dafür eben auch nur auf ein Leben in Einsamkeit. (Christian Ihle)

* Regie: Àlex Pastor, David Pastor
* USA 2009
* imdb

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The Tournament

Ja, zugegeben, The Tournament ist höllisch simpel gestrickt. Alle sieben Jahre treffen sich die 30 besten Profikiller der Welt in einer beliebigen Stadt, bekommen einen Peilsender eingepflanzt und 24 Stunden Zeit zu ermitteln, wer von ihnen der beste ist – im Gegensatz zur Leichtathletik-WM scheiden aber alle anderen für immer aus und von Bronzemedaillen war auch nie die Rede…

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Ving Rhames, mit einer Neuauflage seines beeindruckenden Pulp-Fiction-Auftritts, gibt den Titelverteidiger, der nur zurückkehrt, um sich am ebenfalls teilnehmenden Mörder seiner Frau zu rächen. Robert Carlyle spielt den etwas unglücklich in das „Tournament“ involvierten Priester, der zwar säuft wie ein Loch, aber ansonsten alles versucht, um selbst kein Loch in den Kopf zu bekommen.
Dass alles per CCTV-Kamera aufgezeichnet wird und eine Riege internationaler Superreicher auf die einzelnen Killer wettet, spielt natürlich auch mit der Idee, dem Publikum vorzuführen, dass es die gleiche Rolle der Schaulustigen und Blutgeilen eigentlich selbst einnimmt, aber das interessiert eher am Rande wie auch die Plotauflösung von weitem absehbar ist, denn die Leichtigkeit mit der hier Schauwerte erster Kanone abgefeiert werden, beeindruckt und unterhält ohne Abstriche. Das beste Feel-Good-Action-Movie der Saison. Und, herrgott, gibt’s hier viel Action! (Christian Ihle)

* Regie: Scott Mann
* UK 2009
* imdb

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Polytechnique

Einen krasseren Gegensatz zu einem gutgelaunten Massenmordvehikel wie „The Tournament“ als „Polytechnique“ kann man sich gar nicht vorstellen: eine introvertierte, schwarz-weiße Arthouse-Abhandlung über einen realen Amoklauf vor 20 Jahren an einer kanadischen Hochschule. Die zentrale Frage ist aber, ob man nach „Elephant“ (Gus van Sant) jemals wieder einen Arthousefilm über Amokläufe drehen kann, ohne unweigerlich falsch zu machen, was van Sant richtig hinbekommen hat oder eben doch nur wie eine Kopie zu wirken? „Polytechnique“ liegt mit „Elephant“ auf einer Linie im Bestreben, keine einfachen Erklärungen zu liefern. Der vorgelesene Abschiedsbrief des Amokläufers, sein übersteigerter Sexismus bleibt die einzige vage Andeutung, warum all das Morden geschehen sein könnte. Der Film gibt keine weiteren Erklärungen.

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Wie bei Elephant folgen wir einer handvoll Schüler auf ihrem Weg durch die Schulgänge und sehen – achronologisch erzählt – das Schicksal der ausgewählten. Polytechnique versucht sich von Elephant hauptsächlich abzuheben, indem er das Schicksal von zwei Überlebenden in der Folge betrachtet. So sehr die Idee gut ist, zu zeigen, dass der Schrecken nicht mit dem Überleben endet, sondern auf ewig weitergeht, so enttäuschend ist sie umgesetzt. Offensichtlich gibt es zwei Möglichkeiten für Überlebende: entweder sie bringen sich selbst um oder sie färben sich die kurzen Haare blond. Das ist dann doch etwas arg dünn an Erklärungen. (Christian Ihle)

* Regie: Denis Villeneuve
* Kanada, 2009
* imdb

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