Berlinale (8): Wer wenn nicht wir über Gudrun Ensslin, Khodorkovsky

Wer wenn nicht wir

1. Der Film in einem Satz:


.

2. Darum geht‘s:

Bernward Vesper ist Sohn eines in Nazikreisen einst hochgeschätzten Schriftstellers und verspricht dem Vater auf dem Totenbett, dessen alten Werke wiederzuveröffentlichen. Während seines Literaturstudiums lernt Vesper die Studentin Gudrun Ensslin kennen und lieben – beide gründen einen Verlag und bringen zunächst die Blut- und Bodentexte von Bernwards Vater heraus, wandeln sich aber im Laufe der Zeit zu Revoluzzern. Während Vesper strikt an die Macht der Worte glaubt, wird Ensslin durch den Einfluß von Andreas Baader radikalisiert und entschließt sich, Taten statt Worte zu setzen – die Geschichte der RAF beginnt…

Zunächst muss man Andreas Veiel, der sich bisher einen Ruf als Dokumentarfilmer gemacht hat, beglückwünschen, dass er tatsächlich in der durch & durch auserzählt geglaubten Geschichte um die RAF-Protagonisten neue Aspekte entdeckt und Ensslins Ehe beleuchtet, deren Umstände selten thematisiert wurden. Allerdings ergibt sich wie schon bei Eichingers „Baader-Meinhof-Komplex“ erneut die Problematik, dass die Historie keine rechte Film-Dramturgie abgeben will – wieder liest sich die Geschichte von Ensslin wie eine Ansammlung von Ereignissen und erneut gelingt es nicht, eine Struktur, eine Klimax, auf die der Film zuarbeitet, zu finden.
Zudem ist es zwar recht und billig, dass ein Spielfilm spekulativ ist, aber Szenen, in denen sich Gudrun Ensslin mit nacktem Genital in Scherben setzt, um – ganz der frühe Emo – „wenigstens irgendetwas zu spüren“ sind derart weit draußen, dass hier die Erfindung zu sehr die Figur überstrahlt. Wäre es nicht eine Nummer kleiner gegangen? Vielleicht ein „RAF 4 REAL“ in den Unterarm ritzen?

Ansonsten folgt auch Veiel dem alten Dogma, dass RAF-Filme immer nackte junge Damen zeigen müssen. Es sei ihm dabei lediglich angerechnet, dass August Diehl – mit erstaunlichem Mut zur Hässlichkeit – ebenfalls blank ziehen muss.

3. Der beste Moment:

Als am Anfang der alte Vesper Bernwards Katze erschießt. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Katzen die Juden unter den Tieren wären.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wem „Baader Meinhof Komplex“ zu bombastisch war und mehr über das frühe Leben der Gudrun E. erfahren möchte, Nacktszenen inklusive.

* Regie: Andres Veiel
* imdb

——————-

Khodorkovsky

Khodorkovsky

1. Der Film in einem Satz:

Oligarchopoly: komme Putin in die Quere, gehe ins Gefängnis, begebe dich direkt dorthin.

2. Darum geht‘s:

Der Milliardär Mikhail Khodorkovsky ist Besitzer der russischen Ölfirma Yukos und der reichste Unter-40-Jährige der Welt. Doch als in Russland Putin an die Macht gelangt, wird Khodorkovsky verhaftet und in ein sibirisches Gefängnis gesteckt. Die Vorwürfe lauten auf Steuerhinterziehung, doch Beobachter können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um einen politischen Akt handelt. Dieser Verdacht wird durch ein neuerliches Urteil Ende 2010 bestätigt, als Khodorkovsky nach Verbüßen der ersten sieben Jahre zu weiteren sechs Jahren Haft verurteilt wird. Der deutsch-russische Regisseur Cyril Tuschi zeichnet den Fall nach, holt Interviews ein und versucht die Hintergründe der Verurteilung zu erhellen.

Tuschi bemüht sich um ein halbwegs neutrales Bild, kann aber dann doch nicht verhindern, gegen Ende dem Charme Khodorkovskys etwas zu erliegen. Mittels seiner Interviewpartner zeigt er drei, vier Gründe auf, warum Khodorkovsky tatsächlich (so hart) bestraft wurde – am wahrscheinlichsten ist wohl, dass er eine Abmachung mit Putin gebrochen hatte, nicht am politischen Leben teilzunehmen und zudem Putin vor laufenden Kameras mit einer Frage nach der Korruption im Staatsapparat brüskierte. Desweiteren war Khodorkovsky vor seiner Verhaftung in Verhandlungen mit amerikanischen Ölgiganten, um Yukos-Anteile in die USA zu verkaufen, was ebenfalls nicht in Putins Interesse liegen konnte.
So gelingt es Tuschi mit seiner Dokumentation zwei Stunden feinsten Politthriller zu präsentieren, der von der ersten bis zur letzten Minute fesselt. Man kann nur hoffen, dass „Khodorkovsky“ nicht auf Arte im Nirgendwo versendet wird, sondern von einer großen Fernsehanstalt mit einem Prime-Time-Platz belohnt wird.

3. Der beste Moment:

Als einer von Tuschis Interviewpartner während einer Fütterung eines Baby-Nilpferds (!) die Situation zum Anlaß nimmt, eine gewagte Analogie zwischen Nilpferd, Karotten, Avocados und politischer Moral in Russland zu konstruieren.

4. Diese Menschen mögen diesen Film:

Wen die Umwälzungen nach einem Systemneustart interessieren und wer höllisch spannende Dokumentationen über Politik wertschätzt.

* Regie: Cyril Tuschi
* imdb

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.