Die Woche im Pop: James Blunt, Jake Bugg, Lou Reed, Cat Power und die Kastelruther Spatzen

Abschiede, Abstürze und Enthüllungen prägten die letzten Pop-Wochen.





Zunächst erreichten uns freudige Nachrichten: James Blunt hat laut Daily Mail angekündigt, seine Karriere zu beenden. Doch leider dementierte Blunts Facebook-Seite am nächsten Tag bereits und ließ verlautbaren, der Sänger, der einst 11 Millionen Exemplare von ‘Back To Bedlam’ verkaufte, arbeite bereits an neuem Material. Was uns vielleicht trösten könnte: neue Alben von James Blunt bedeuten neue Schmähkritiken. Wie diese hier aus dem Time Out Magazine, ein All Time Favourite des Popblogs:

“We tried. Honestly we gave it a good three or four listens from start to finish, just searching for something, anything positive to say about the easiest target in showbusiness (or, for that matter, in any business). Is there a point, we thought, in making yet more gags about how James Blunt is posh / is a wet blanket /has a name that so handily rhymes with the word that sums up the world’s opinion on him? Will it really put even the tiniest of dents in the inevitable nine zillion album sales?
It is with this in mind that, rather than wasting any space on such things as describing the actual music here (insipid, beige, devoid of… oh come on, you know) we now present some of the lyrical howlers that more effectively demonstrate his Satanic levels of hideousness. “Why don’t you give me some love / I’ve taken a shitload of drugs!” he rasps on “Give Me Some Love”; “But the wall come tumbling down / Will you go down on me?” some poor sap by the name of “Annie” is asked; “Is a poor man rich in solitude, or will Mother Eart complain?” he ponders on “I Really Want You”. For the best one of all though we must return to “Give Me Some Love”: “Me and my guitar play my way… and it makes them frown”. Frankly, James, that is the understatement of the fucking century.”

Ein anderer Solo-Brite mit B steht dagegen am Beginn seiner Karriere und hat ein ziemlich erstaunliches Debütalbum vorgelegt: Jake Bugg. Schlappe 18 Jahre, aber mit schön britisch gefärbtem Folk, der an The Coral erinnert.


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Das Schöne: Platz 1 in den britischen Albumcharts war der gerechte Lohn. Überhaupt scheint sich in England eine Renaissance der Gitarrenmusik abzuzeichnen, hatten doch wenige Wochen vor Jake Buggs Sensationsdebüt mit The Vaccines und Two Door Cinema Club gleich zwei Indierock-Acts die beiden vorderen Plätze in den Charts belegt und damit einen Gitarrenherbst in den britischen Charts eingeleitet: von September bis Ende Oktober waren ausschließlich (halbwegs) kredible Acts auf dem ersten Platz in England.

Spaßeshalber nun einmal ein Quervergleich UK-US-Germany hinsichtlich der Albumspitzenreiter in den beiden vergangenen Monaten. Interessanterweise sind sowohl in Deutschland als auch in den USA die alten Recken immer noch am Platten verkaufen. Ich mein, ganz ehrlich, MatchboxTwenty und Dave Matthews Band haben IMMER NOCH Nummer-1-Hits in Amerika? Wer sich übrigens fragt, wer eigentlich TobyMac sein soll: der erfolgreichste “christian Rapper”, ein weiteres Genre, das mir zum Glück bis zum heutigen Tag noch nicht bekannt war. Der Bible Belt rockt also nicht mehr, sondern hoppt in der Zwischenzeit. Wieder was gelernt.





Spatzelgate und die Folgen

Die Charts in Deutschland wurden dagegen durch eine Enthüllung erschüttert, die nun wirklich niemand vorhersehen konnte: DIE KASTELRUTHER SPATZEN SPIELEN IHRE INSTRUMENTE NICHT! Unfassbare 16 Millionen Schallplatten haben die Kastelruther in ihrer Karriere verkauft, doch ihr ehemaliger Hauskomponist Walter Widemaier behauptet nun, außer dem Sänger würde kein Spatz selber pfeifen, sondern Studiomusiker die Fronarbeit übernehmen. Die BILD bezeichnet Spatzelgate deshalb auch zurecht als den “größten Schunkel-Schwindel aller Zeiten”. Natürlich ergreift der Manager der Gruppe Gegenwehr und schießt verbal mit Kanonen auf, nun ja, verräterrische Spatzen und bezeichnet Widmaier als “Spatzenjudas“, dem er “mentale Pressewehen” (nein, wir haben auch keine Ahnung, was das genau bedeuten soll) und “geistige Blähungen” vorwirft. Die Argumentation lässt aber erstaunen: sei es doch in der Volksmusik seit Jahrzehnten üblich und nicht verwerflich, die Platten von Studiomusikern einspielen zu lassen. Wir jedenfalls fordern volle Rehabilitation des einst ebenfalls beim “Trompeterkrieg” in den Schmutz gezogenen Stefan Mross! Was für den Spatz’ gilt, muss für so einen süßen Fratz erst rechten gelten. Außerdem hat uns Stefan Mross im Nachhinein einige schöne Momente beschert, unvergessen sein von beeindruckendem Langmut und unerschütterlicher Geduld gezeichneter, unfreiwilliger Gastauftritt in einer Hape-Kerkeling-Show:


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Wir lehnen uns jetzt erstmal gemütlich zurück und schneiden uns eine Scheibe vom Kastelruther Spatzen Käse ab, hoffentlich echt und von der Band selbst gebacken:





Eine Begegnung mit Onkel Lou


Während manche also zu Begriffen wie “Spatzenjudas” greifen, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen, sind andernorts Künstler gleich so weit, selbst im biblischen Rocknrollalter von 70 noch gegenübersitzenden Journalisten Schläge anzudrohen. So ist es Klaus Walter ergangen, der für die SZ das Vergnügen hatte, den grumpy old man of rock and roll, Lou Reed, zu “interviewen”. Beziehungsweise Onkel Lou Fragen zu stellen, die dieser nicht beantwortet bis sie sich am Schluß mit den Worten “Don’t ask me questions like that or next time I’ll hit you” (Lou Reed) und “You won’t hit me, asshole” (Klaus Walter) verabschieden. Eine sehr lesenswerte halbe Seite, die leider nicht online verfügbar ist.


Cat Power & 52 Ways To Screw An Artist


Sorgen anderer Art hat dagegen Cat Power, die sich via Social Media als bankrott erklärte und ihre Europa-Tournee absagen musste, was vielerorts zum Anlaß genommen wurde, über die wirtschaftlichen Chancen von Indiemusikern zu debattieren. In der SZ erschien ein eher nicht sonderlich erhellender Bericht darüber, dass die US-Band Grizzly Bear keine Millionäre sind, doch Cat Powers finanzielle Katastrophe hat für mehr Aufsehen gesorgt. Obwohl das aktuelle Album in den USA ganz ordentlich gelaufen ist, hat Chan Marshall (so Miss Powers Klarname) allerdings zuvor auch seit 2006 kein richtiges neues Album mehr veröffentlicht. Dass man von “The Greatest” keine sechs Jahre mehr genüsslich leben kann, ist dann vielleicht doch keine so große Überraschung. Gern wird die Cat-Power-Geschichte in das große Narrativ “Internet kills the Einnahmen von Musikern” eingebunden, aber der alte Gitarrenrecke James Taylor hat jüngst mehr als ausführlich dokumentiert, dass auch das alte System nicht unbedingt dem Künstler seinen gerechten Lohn gesichert hat. Man lese: 52 Ways To Screw An Artist.


Happy Birthday, Wycleaf Jean.


Um diese kleine Pop-Umschau nicht mit bitteren Worten beschließen zu müssen, gratulieren wir noch schnell Wyclef Jean verspätet zu seinem 43. Geburtstag, versichern ihm an dieser Stelle, dass er auf keinen Fall so wirkt, als hätte er eine Midlife-Crisis (Wyclefs Bildunterschrift: “TODAY I AM 43 YEARS OLD! I look And feel 26! U cant keep à good Man down!”) und danken allen Hip-Hoppern weltweit, dass sie den Rockstargottstatus dankend angenommen haben und uns weiterhin mit Fotos wie diesen erheitern mögen:





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