Filme des Jahres 2013

1. Upstream Colour (Regie: Shane Carruth)


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Whatthefuckness auf die Spitze getrieben. Wer behauptet, er würde Upstream Colour verstehen oder durchschauen, lügt oder ist Shane Carruth. Ein komplett durchgeknallter Film, dessen Inhalt man nicht mal in Ansätzen wiedergeben kann ohne für wahnsinnig gehalten zu werden.
Wer wie warum hier was macht? Ein Rätsel, eigentlich. Und doch erzählt Shane Carruth, der hier nicht nur den Regisseur, sondern auch Hauptdarsteller, Komponist, Kameramann und Cutter gibt, auf eine Art und Weise, dass wir fühlen, dass wir etwas wissen, ohne genau benennen zu können, was wir denn nun verstehen.

Polarisierend, sicher, aber dafür ein Erlebnis, das man so noch nicht gesehen hat und – mit etwas notwendiger Offenheit auf Zuschauerseite – eben gerade nicht eine Avantgarde-Masturbation eines selbstverliebten Künstlers ist, sondern sich letztendlich als beinah undurchdingliche, aber überaus intelligente, komplexe Studie und Demonstration unserer Sinne präsentiert.

2. Oslo, 31. August (Regie: Joachim Trier)


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Oslo, 31. August ist ein Drama über den letzten Tag im Leben eines Süchtigen. />
Doch das Erstaunliche: Regisseur Joachim Trier präsentiert uns nicht etwa einen öde-klischierten Entzugsfilm der Marke „Leaving Las Vegas“, sondern eine kühle Medidation über den Sinn des Lebens beziehungsweise was wir im Leben brauchen, um leben zu wollen. Wie schon in seinem ebenfalls herausragenden Debütfilm „Reprise“ (dt. „Auf Anfang“, bei uns auch auf Platz 3 in den Jahrescharts 2007) zeigt sich Trier nicht nur als großer Stilist, sondern auch als Regisseur, der harte Themen kühl, aber dennoch ergreifend und klischeefrei verfilmen kann.



3. Broken Circle Breakdown (Regie: Felix Von Groeningen)


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The Broken Circle ist ein intensives Drama um Leben und Tod – wie man mit beidem umgeht und wie zerstörerisch das Leben auf die Liebe wirken kann. Man kann es The Broken Circle gar nicht hoch genug anrechnen, dass er ein Tränenzieher allererster Klasse ist und dabei doch praktisch keinen Schritt falsch setzt. Die ganze Tragik eines Lebens wird hier knallhart bis zum Ende durchexerziert, trifft alles Unglück der Welt auf diese beiden Menschen, die doch nur sich – und die Musik – haben. Und so spitzt sich alles zu: Ist das Unglück im Jetzt stärker oder die Erinnerung an das einst so vollendete Glück?

Im Subtext schwingt zudem immer die Frage mit, wer den Tod eines geliebten Menschen besser verkraften kann? Derjenige, der sich in den Symbolismus des Glaubens flüchtet oder der Rationalist, für den es nur dieses Leben, nur diese Welt geben kann?

Wuchtig, ja wütend gespielt von Johan Heldenbergh (auch Co-Autor des Theaterstücks, auf dem der Film beruht) und Veerle Baetens und dabei dank der wundervollen Szenen mit Bluegrass-Musik bei all der Trauer auch noch auf ganz eigene Art lebensbejahend. Wer hier keine feuchten Augen bekommt, wenn einem Charakter auf dem Todesbett ein letztes Bluegrass-Liedchen hinterhergesungen wird und sich nach und nach die Trauer in Trotz, in Wut und letztendlich dann in den Trost steigert, den diese Songs zu geben vermögen, der hat kein Herz.


4. You’re Next (Regie: Adam Wingard)


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Ich bin kein Freund von Horror-Komödien, umso höher muss man es You’re Next anrechnen, mich so überzeugt zu haben. Aber die Mischung stimmt: beginnt You’re Next zunächst noch wie ein erstklassiger Home Invasion – Film der „Strangers“-Kategorie, gelingt unmerklich der Dreh in absurden Humor, ohne dabei aber die Spannungsfäden aus der Hand zu lassen. In diesem Sub-Genre vielleicht das Beste seit dem ersten Teil der Scream-Reihe.


5. Spring Breakers (Regie: Harmony Korine)


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Mehr Punk war kein Film in diesem Jahr. Der in all seiner Konsequenz subversivste Film seit langem. Der alte Arthouse-Schreck Harmony Korine versammelt die Disney-Sternchen und dreht einen Hochglanzfilm über den Spring Break – und täuscht das Publikum gleich mehrfach: weder war Spring Breakers ein Girls Gone Wild – Verschnitt für High School Musical – Freunde noch eine Bloßstellung seiner zuckersüßen Stars oder gar eine von Trier’sche Provo-Aktion – kaum fassbar, was Korine hier genau macht, aber er bürstet wirklich alle Erwartungen gegen den Strich (und zwar sowohl die Mainstream-Erwartungen als auch die der Arthouse-Crowd oder eben der Provokationsgeilen). Am Ende bleibt ein fast zärtliches Bild weiblicher Selbstermächtigung übrig. Faszinierend.
Und im Vorübergehen gelingt es Korine auch noch, Britney Spears Kitschoper „Everytime“ zu rehabilitieren:


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(Für vertieftes Nachlesen empfehle ich übrigens die hervorragende Besprechung von Dietmar Dath aus der FAZ)

6. The Act Of Killing (Regie: Joshua Oppenheimer)


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Kein Film hat mehr sprachlos gemacht als Joshua Oppenheimers Dokumentation über den Genozid in Indonesien. Indem Oppenheimer die damaligen Täter ihre eigenen Morde nachspielen lässt – und die mehr als bereit sind, sich selbst in ihrer eigenen Kinofantasie zu inszenieren – verdeutlicht er nicht nur den Schrecken, sondern fragt mit seiner Art „Making Of“ dieses Filmkonstrukts auch nach Wahrhaftigkeit, Realness und dem Prinzip Dokumentation.


7. Maniac (Regie: Franck Khalfoun)


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Der sehr seltene Fall eines durchweg gelungenen Remakes eines Horrorfilm-Klassikers. Der Original-„Maniac“ von 1980 gilt als Sleaze- und Slasher-Mythos (und ist bis heute noch nicht ungeschnitten in Deutschland erhältlich), ist aber durchaus auch ein bisschen unfreiwillig komisch. Franck Khalfouns Neuinterpretation bleibt bei der gleichen Härte, macht aber aus dem etwas trashigen Original geradezu einen Arthouse-Horror, der komplett mit der subjektiven Kamera gedreht wurde. Beängstigend gut.


8. Room 237 (Regie: Rodney Ascher)


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Auf den ersten Blick ist „Room 237“ nur eine Dokumentation über Stanley Kubricks Horrorfilm „Shining“ – aber in Wirklichkeit nimmt Rodney Ascher lediglich „Shining“ als ein Beispiel, um Nerdismus und Fanatismus zu dekonstruieren, vielleicht auch ein wenig zu feiern, sicherlich auch zu belächeln. Irre komisch, komplett durchgeknallt und höllisch unterhaltsam.


9. Gravity (Regie: Alfonso Cuaron)


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Man muss Alfonso Cuaron gleich mehrfach danken: erstens, weil er Hollywood gezeigt hat, dass Science Fiction und Special Effects nicht nur bedeutet, dass sich computergenerierte Roboter eine dreiviertel Stunde lang gegenseitig auf die virtuellen Köpfe hauen, zweitens dass Gravity bewiesen hat, dass „große“ Filme nicht unbedingt drei Stunden lang sein müssen (Hallo Christopher Nolan! Hallo Peter Jackson!) und drittens, dass, potzblitz!, man auch noch irgendwas anderes als Sequels oder Comicverfilmungen ins Blockbusterkino bringen darf. Der mit weitem Abstand beste „große Film“ des Jahres.

10. Prisoners (Regie: Denis Villeneuve)


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Mit dem fast dreistündigen Thrillerdrama zeigt der Kanadier Villeneuve nach „Incendies“ erneut, dass er nicht vor schweren Stoffen zurückschreckt, die aber dennoch so packend aufbereiten und flüssig erzählen kann, dass keine Minute zu lang erscheint.



Ebenfalls sehenswert:



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11. Finsterworld
12. Django Unchained
13. Blau ist eine warme Farbe
14. Frances Ha
15. Damsles In Distress / Algebra In Love
16. Lords Of Salem
17. Now You See Me / Die Unfassbaren
18. The Pirate Bay: Away From Keyboard
19. Das hält kein Jahr
20. Cheap Thrills


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21. Drug War
22. Inside Llewyn Davis
23. Before Midnight
24. The East
25. The Grandmaster
26. Gloria
27. Searching for Sugarman
28. The Call
29. Paradies: Hoffnung
30. Filth / Drecksau


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31. Arbitrage
32. Monster Uni
33. Stoker
34. Big Bad Wolves
35. Genug gesagt
36. Life Of Pi
37. The Place Beyond The Pines
38. American Mary
39. Only God Forgives
40. The Butler


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41. Oblivion
42. Only Lovers Left Alive
43. Siberian Education
44. Will You Still Love Me Tomorrow
45. I Used To Be Darker
46. Die Jagd
47. 100 Bloody Acres
48. The Purge
49. Fatal
50. Europa Report



Anmerkung: in die Auswahl kamen Filme, die in 2013 entweder ihren regulären Kinostart (bzw DVD-Release bei straight-to-video-Produktionen) in Deutschland hatten oder zumindest auf einem Filmfestival wie Berlinale oder Fantasy Film Fest gelaufen waren. Die Filme nach Weihnachten 2012 wurden ebenfalls mit aufgenommen (zb Life Of Pi oder Maniac), da die in der Vorjahresliste nicht berücksichtigt werden konnten.

Die Vorjahressieger:

2012: Drive (USA, Regie: Nicolas Winding Refn)

2011: Submarine (UK, Regie: Richard Aoyade)

2010: Bad Lieutenant: Port Of Call – New Orleans (USA, Regie: Werner Herzog)

2009: Inglorious Basterds (USA, Regie: Quentin Tarantino)

2008: No Country For Old Men (USA, Regie: Joel & Ethan Coen)

2007: Ex Drummer (Belgien, Regie: Koen Mortier)

2006: Match Point (USA, Regie: Woody Allen)

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